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Sieben Jahre in Süd-Afrika. Erster Band. / Erlebnisse, Forschungen und Jagden auf meinen Reisen von den Diamantenfeldern zum Zambesi (1872-1879). cover

Sieben Jahre in Süd-Afrika. Erster Band. / Erlebnisse, Forschungen und Jagden auf meinen Reisen von den Diamantenfeldern zum Zambesi (1872-1879).

Chapter 17: IX.
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About This Book

A travel narrative that traces extended expeditions from the diamond fields into southern Africa's interior and toward the Zambezi, blending episodic reportage, hunting accounts, and field collecting. The author documents landscapes, geology, plants and animals, and practical travel hardships while recording encounters with a range of local communities, their settlements and customs. Ethnographic and natural-history observations are paired with maps and illustrations, creating a mix of anecdote, scientific notes, and logistical detail about exploration in the region.


[In Dornen gefangen.]

Nicht alle Kinder Flora's spenden Wohlgerüche und Honig, manche, die Armen, sind von ihr stiefmütterlicher bedacht worden und diese lassen nun ihren Unmuth, wo sie nur können, an den Sterblichen aus; Mutter Flora hat viele solcher Stiefkinder nach Süd-Afrika verbannt; mich haben sie oft geherzt und geküßt, doch wenn ich auch Afrika wieder aufzusuchen gedenke, nach ihnen sehne ich mich wahrhaftig nicht.—Je mehr ich mich der dornigen Umarmung zu entwinden suchte, desto fester wurde diese endlich kam der Gaul mit den Beinen aus dem niederen Dorngebüsch heraus, wurde ruhiger und ich konnte nun, das Gewehr auf den nächsten niederen Busch werfend, abzusitzen trachten. Es gelang mir schließlich, das Pferd durch eine schmale Spalte aus dem Gebüsche heraus zu ziehen und uns beide von den Dornen zu befreien. Gesicht und Nacken, Hände und Arme, sogar die Schenkel brannten wie Feuer; ich kam zum Wagen zurück wie ein Held aus einer Katzenschlacht.


[Billige Diamanten.]

Ungefähr um die Mittagszeit fuhren wir in einen seichten Thalkessel ein. Am Abhange der Felsenhöhen erblickten wir einige Eingebornen-Gehöfte. Der Kessel öffnete sich nach Osten zu auf eine große, mit hohem, dürrem Gras bewachsene Ebene, auf der sich eine Heerde der zierlichen Springböcke in Neckereien erging. Als wir nach unserem Mahle und einer etwa zweistündigen Rast weiter ziehen wollten, sahen wir von Norden her einen Kafirwagen herankommen. Pit begrüßte den Eigenthümer, einen in einen langen Ueberrock gekleideten Batlapinen, den er von Klipdrift her kannte. Dieser Mann war früher arm, jetzt, meinte Pit, wäre er reich, hätte große Heerden und zwei Wägen und wandere unter den Barolongen zwischen dem Hart-River und dem Molapo, um ihnen allerlei Artikel, die er in den Diamantenfeldern einhandle, zu verkaufen. Als der Ankömmling von Pit hörte, daß wir von den Diamantenfeldern kämen, fragte er, welcher der Baß (der Herr) des Wagens sei. Nachdem er es erfahren, grüßte er mich mehrmals mit seinen kleinen listigen Augen, ging zweimal um den Wagen herum und dann an mich herantretend berührte er mit der Hand seinen Hut und sagte »Sir«. Dabei brachte er aus seiner Tasche eine etwa drei Zentimeter hohe und sechs Zentimeter im Durchmesser haltende Blechdose, wie sie in der Regel den Eingebornen als Schnupftabaksdose verkauft wird, zum Vorschein. Grinsend schüttelte er das Döschen. Ich begriff sofort, auf welche Weise der Mann reich geworden war. Mit der Hand nach den bei seinem Wagen stehenden Dienern weisend, meinte er, die hätten in den Diamantenfeldern gearbeitet und ihm dies—dabei öffnete er die Dose—heimgebracht. In der Dose lagen etwa 20 Diamanten, der größte etwa 3 Karat. Obgleich er blos 30 Shillinge für die Edelsteine verlangte, ging ich auf den Kauf nicht ein, denn die Steinchen waren jedenfalls von den Dienern des Schwarzen in den Diamantenfeldern gestohlen.[1]

1 Siehe Anhang 14.

Auf dem nachmittägigen Marsche fing ich eine größere Anzahl von Rüsselkäfern unter den Blättern einer lilienartigen Pflanze, sowie mehrere, noch nicht beobachtete Heuschreckenarten. Als wir Abends bei strömendem Regen unter dem Schutze eines ausgespannten Segeltuches unser Lager ausgeschlagen hatten, entfesselte unser Affendämchen die Lachlust Aller. Ich reichte ihr einige Käfer, die kleineren nahm sie in ihre Hände, beroch sie, und dann den Kopf ohne oder mit dem Thorax vom Hintertheile abreißend, verspeiste sie dieselben. Mit Heuschrecken that sie ein Gleiches, dagegen warf sie übelriechende Insecten, der letzteren Species angehörend, sowie eine Meloë weg, dasselbe that sie mit einigen Silpha's (Silpha). Zwei erlegte Eidechsen, die ich ihr reichte, warf sie vom Wagen, anders jedoch geberdete sie sich, als ich ihr eine frisch erlegte Buffadder gab. Im Nu war sie auf der anderen Wagenseite, dann lugte sie vorsichtig nach mir aus, und als ich mich ihr wieder nahte, lief sie das Wagendach entlang und zerrte mit voller Kraft an dem Kettchen.

Unser Weg führte uns nächsten Tages über kurzbegraste Hochebenen, über welche Millionen beflügelter, großer Ameisen schwärmten. Die Regengüsse der letzten Tage ließen mich hoffen, überall Wasser zu finden, und hatten wir uns deshalb an unserer letzten Raststelle damit nicht versehen, noch die Thiere vor unserer Abfahrt getränkt. Leider fanden wir keines und mußten von Durst gequält unsere Wanderung bis zu später Abendstunde weiter fortsetzen. An der Abzweigung eines nach Norden streichenden Thales öffnete sich plötzlich eine Felsenschlucht vor uns, die nach Regengüssen augenscheinlich Wasser enthalten mußte. Diese Stelle umgehend stieg ich in das tiefe Felsenbett des nur nach Regen fließenden Spruits, eines Zuflusses des Mokara-Rivers, herab und fand hier mehrere an beiden Seiten einmündende Schluchten, und da die Wände dieser Schluchten theils von senkrechten nackten, theils von terrassenförmigen und überhängenden Felsen gebildet wurden, boten sie viele interessante und des Besuches werthe Punkte.

Vergebens suchte ich im sandigen und steinigen Bette nach Wasser und wollte eben die Tiefe verlassen, als einige von der gegenüber liegenden, steilen Felsenwand wie mir schien herabgekollerte Steine mich aufwärts blicken hießen. Oben in den Bäumen, sowie an den Felsen bewegte sich eine Truppe von Pavianen. Da mir die Thiere mit den herabkollernden Steinen über meinem Kopfe nicht gefielen, dachte ich sie mit einem oder zwei Schüssen zu verscheuchen. Auf einen der überhängenden Bäume zielend, feuerte ich auf den Stamm, in dessen kleiner Krone zwei Paviane saßen. Die in den Stamm eindringende Kugel erschütterte den ganzen, nur lose in den Felsenfugen hängenden Baum und erfüllte die beiden Insassen desselben derart mit Entsetzen, daß der eine hoch aufsprang, der andere sich fest an den Stamm anklammerte. Ein altes Männchen erschien nun bellend am Fuße des Baumes, ergriff jedoch, nachdem es einige große Felsstücke losgebröckelt hatte und ein zweiter Schuß neuerdings den Baum traf, mit den übrigen die Flucht.


[Von Pavianen überrascht.]

Der Hügel, den ich sodann bestieg, mußte den Makalahari- oder anderen hier vor 100 und mehr Jahren wohnenden Eingebornenstämmen zum Aufenthalte gedient haben, die Kuppe war nämlich von einer Unzahl kleiner, aus Steinen roh (ohne Zierat) ausgeführter 2-3 Fuß hoher, und 4-8 Meter im Gevierte haltender Umzäunungen bedeckt. Manche der Betschuanastämme behaupten, daß diese Stellen von ihren Voreltern bewohnt waren, allein es scheint mir unwahrscheinlich, daß die Nachkommen diese Gewohnheit ihrer jüngsten Vorfahren so bald aufgegeben hätten.


[Erschreckte Paviane.]

Wir gewannen nach und nach bis auf 15 englische Meilen Fernsicht und sahen, daß sich die Gegend nach Norden zu senkte. Fünf oder sechs Meilen vor uns sahen wir ein kleines, auf einer unbedeutenden Bodenerhebung erbautes Eingebornendorf; hier durfte ich doch auf Wasser hoffen. Als ich jedoch, in der Nähe des Dorfes angelangt, darnach fragte, wies man mich nach einer in nordwestlicher Richtung liegenden Vertiefung, die theilweise durch den Abhang, an dem ich stand, verdeckt war. Leider sah ich mich wieder, trotz eifrigen Suchens bitter enttäuscht und mußte, von Durst gefoltert, hier die Nacht zubringen.

Früh Morgens wieder aufbrechend lenkten wir in ein größeres nach Norden sich erstreckendes Thal und erblickten ein aus etwa 40 Hütten bestehendes Dorf am rechten Ufer eines bis auf einige Lachen ausgetrockneten Flüßchens, das nach der Form der Hütten von Koranna's und Betschuana's, wahrscheinlich Barolongen, bewohnt sein mußte. Sobald die Zugthiere das Wasser witterten, hatten wir alle Mühe sie zurückzuhalten; auf das Ufer lossteuernd, erstaunten wir nicht wenig, als wir den Weg plötzlich durch ein Dutzend meist in abgetragene, zerfetzte europäische Kleidungsstücke gehüllte Koranna's versperrt sahen. Laut gesticulirend bedeutete man mir, daß da kein Thier getränkt werden dürfe, bevor nicht der Eigenthümer des Wagens für jedes fünf Shillinge Tränkegeld bezahlt hätte. Ich wies diese Forderung zurück und bot einen vernünftigen Geldbetrag an, der nun wieder von den Farbigen abgewiesen wurde; auch Pit, der seine ganze Beredsamkeit aufbot, vermochte die Opposition der Koranna nicht zu beschwichtigen.

Die Leute sahen uns und den Thieren den Durst an und so dachten sie uns so hoch wie nur möglich zu schrauben; als kein vernünftiger Ausgleich zu erzielen war, bedeutete ich den Leuten, die Feigheit der Koranna's wohl kennend, daß ich um jeden Preis zum Wasser gelangen müsse. Unsere Opponenten dachten, daß ich dies mit den Waffen erzielen wolle und fingen jämmerlich zu schreien an, wobei sie ein und dasselbe Wort in der Begleitung verschiedener Eigennamen riefen, nach Pit's Erklärung riefen sie ihre Freunde zur Hilfe herbei.

Diese kamen auch rasch zum Succurs herbeigelaufen, die Koranna's mit Musketen, die Barolongen und Makalahari mit Assagaien bewaffnet; Frauen brachten den meisten der uns gegenüberstehenden, deren Zahl im Nu sich mehr als verzehnfacht hatte, Gewehre herbei. Wie auf ein Zeichen brach nun der ganze wüst durcheinander rennende Haufe in ein Höllenspektakel aus. Die Männer (Koranna's) fluchten theils in ihrer Sprache theils holländisch, die Barolongen stießen Verwünschungen und Beschwörungen aus, am ärgsten aber schimpften die Frauen, während hinter den nothdürftigen Umzäunungen der Hütten der Kinder ungezählte Schaar lustig darauf losheulte. Daß unsere Hunde nicht ruhig zusehen konnten, sondern auf den Haufen losbellten und darin von den Dorfkötern auf das Kräftigste secundirt wurden, ist leicht begreiflich. Mir schien das Ganze, trotzdem ich den Ernst der Lage begriff, ein Traum. Ich zog in diese Länder im Frieden ein, Frieden wollte ich den Farbigen bringen, und als Freund von ihnen scheiden. War ich der Schuldige in diesem unerwarteten Falle oder meine Gefährten; oder hatte ich es mit einem' Auswurfe von Schwarzen zu thun, die durch den Alkoholgenuß so tief gesunken waren, daß sie sich seinethalben zu wahnsinnigen Forderungen, zu Gewaltthätigkeiten hinreißen ließen.

Meine Begleiter griffen nun, angesichts der drohenden Haltung der Eingebornen auch zu den Waffen, was jedoch sofort unsere Gegner veranlaßte, ihre Gewehre auf uns anzuschlagen und die Assagaien über dem Kopfe zu schwingen. Unkenntniß des Koranna-Charakters hätte sich in diesem Augenblicke bitter gerächt—ich kannte aber die Leute zu gut, um mich zu voreiligen Schritten hinreißen zu lassen. Meine zwei mir folgenden Gefährten einige Schritte vor dem Wagen zurücklassend ritt ich mit meinem Rappen auf die Menge los; von den Waffen Gebrauch zu machen, fiel mir nicht ein, ich hielt es bei der Feigheit der Koranna's, trotzdem, daß der Wagen nur fünf Vertheidiger zählte, für nutzlos und hatte sofort erkannt, daß die Koranna's, obwohl in der Minderzahl, doch die Anführer waren und den Aufstand inscenirt hatten. Statt auf mich zu feuern, ließen die meisten die gehobenen Gewehre sinken, um jedoch nur heftiger zu schimpfen. Und ehe ich noch auf Wurfweite angeritten war, begannen schon die Vordersten sich nach rückwärts zu concentriren. »Kerle lup, det Kerle lup! (die Kerle laufen) schrie mir Pit nach; auch ich konnte nun deutlich sehen, daß die hinteren Reihen sich auffallend lichteten und setzte nun mein Pferd in Galopp. Die Wirkung dieses Manövers auf die Gegner war außerordentlich und rief in mir einen förmlichen Lachkrampf hervor. Der dichte Knäuel hatte sich wie auf Commando gelöst, die einen liefen nach links, die anderen nach rückwärts, um hinter den Umzäunungen ihrer Gehöfte Schutz zu suchen und einen den Pferdehufen weniger zugänglichen »Standpunkt« einzunehmen; während wieder andere gegen die Vertiefung nach rechts abbogen und in diese hinabsprangen, in ihr fortliefen, um erst am unteren Dorfende innezuhalten und aus ihr herauszulugen, und hinter den Zäunen ihrer Gehöfte gedeckt in ein ohrzerreißendes Geschrei auszubrechen, das mir wohl unverständlich, jedenfalls aber die vermeintliche Herzlosigkeit und Undankbarkeit der Weißen verdammen sollte. Ohne weiteren Zwischenfall wurden die Thiere getränkt und unser Wasservorrath ergänzt.

Wir brachen nun wieder auf. Am letzten Gehöfte gab es wieder viel Liebesworte und da wir ohne zu erwidern vorüberzogen, wurden diese süßen, freundlichen Reden so laut und heftig, daß die Ochsen sich darob scheuten und sich plötzlich nach rechts wandten, in Folge dessen die Vorderachse brach. Das war ein schlimmer Zufall und uns allen entfuhr ein Schrei des Erstaunens, es war das Aergste, was uns hier, in diesem Orte passiren konnte. In diesem Augenblicke schätzte ich mich glücklich, ohne Drohungen und ohne wirklichen Zusammenstoß meine Absicht erreicht zu haben; im entgegengesetzten Falle wäre es uns jetzt schlecht ergangen, denn selbst der Feigste hätte hinter diesem oder jenem Zaune, aus dieser oder jener Hütte seine rostige Muskete auf uns abfeuern können, und trotzdem die Bewohner keine treffsicheren Schützen waren, hätte manche Kugel ihr Ziel erreicht und mir vielleicht die Gelegenheit benommen, diese Episode niederzuschreiben. Wenn allein Barolongen oder Makalahari Musemanjana bewohnt hätten, würde es nie zu einem Mißverständnisse gekommen sein, die Leute hätten mäßige Forderungen und in entsprechender Weise gestellt.

Durch mein sicheres Auftreten in der Tränke-Angelegenheit hoffte ich den Bewohnern Musemanjana's Respect eingeflößt zu haben, und darauf baute ich in diesem Momente, da ich ihnen durch den Achsenbruch vollkommen preisgegeben war, meine Hoffnung. Lachend und schreiend, singend, die Mädchen und Halberwachsenen der edlen Vertheidiger Musemanjana's sogar tanzend, stürzten sich die Eingebornen aus ihren Gehöften, um sich uns von allen Seiten zu nähern. Den Gefährten, die am Bock mit den auf den Knien gelegten Waffen saßen, bedeutete ich, sofort die letzteren in den Wagen zu legen und mit in das Gelächter einzustimmen.

Das machte die meisten der Schwarzen stutzen. Ich benützte diesen Augenblick um einen baarfüßigen, mit einer langen Kranichfeder an Hute geschmückten Koranna, den ich für den Häuptling des Dorfes hielt mit lachender Miene anzusprechen und ihm zu bedeuten, daß wir nun trotz des Widerstrebens der Bewohner von Musemanjana noch öfters die Thiere zur Tränke führen müßten. Der Angesprochene war blos der Stellvertreter des Chefs oder Captain, wie sie ihn zu nennen geruhten, zeigte sich vernünftig und forderte für die Benützung der Tränke einen Shilling, den ich auch gern erlegte.

Nun kamen die Eingebornen bis an den Wagen und jeder gab seine Meinung kund, die Frauen blieben noch am längsten feindlich gesinnt. »Ja, es ist Euch recht geschehen, Weiße müssen nicht die Herren spielen, Schwarze sind die Herren von Musemanjana, und nicht Ihr, sondern Hendrick, der Koranna, der nach Bloemhof gefahren ist, um fette Ochsen zu verkaufen und Kleider und Branntwein dafür zu erstehen, ist unser Captain!« Die Männer wollten an der Achse die Bruchstelle untersuchen etc. etc., was ich jedoch ablehnte, da ich fürchten mußte, unversehens bestohlen zu werden.

Ich dankte für ihre Hilfe und fragte wo es hartes Mimosenholz gäbe, um eine neue Achse zu zimmern. »Wach, Sir,« meinte der Vicechef, »mut det ni dun, nicht weit von hier in einer Barolongenstadt mit Namen Marokana lebt ein alter Mann, der bei einem Schmiede in der Transvaal-Colonie gearbeitet, zu dem mußt Du senden.« Ein Barolonge erbot sich auch sofort für ein Sixpencestück nach Marokana zu reiten, um den Schmied zu holen.

Da wo sich das Hottentotten-Element mit dem der Bantu vermischt (ich spreche von den letzten Decennien), namentlich seitdem die Spirituosen in's Land Eingang gefunden hatten und wo der Häuptling der Batlapinen, Barolongen oder wie sie alle hießen, nicht ein einsichtsvoller Mann gewesen, wurden die letzteren Stämme von den alle Laster, doch nicht die Tugenden des weißen Mannes sich aneignenden Koranna's, Griqua's etc. verleitet, in Folge dessen griffen Trunkenheit, Faulheit, Arbeitsscheu, Diebstahl, ja sogar Mord unter ihnen immer mehr um sich. Um so folgenwichtiger und wie wir hoffen wollen wohlthätiger halten wir die von der Regierung in Griqualand-West in der letzten Zeit namentlich in Bezug auf die Koranna's getroffenen Maßregeln.

Mit dem Vice-Captain schloß ich einen Vertrag, demzufolge ich gegen Entrichtung eines Shillings per Tag meinen Wasserbedarf decken konnte, ja seine Leutseligkeit ging so weit, daß er mir andere, klares Wasser enthaltende Lachen angab, die selbst von den Eingebornen nicht benutzt wurden.

Am Nachmittage kam der alte Schmied, ein Griqua mit seinem Sohne, um den Schaden zu besichtigen. Als ein alter Bekannter der Koranna's im Dorfe, schüttelte er zuerst allen die Hände, wobei die Männer mit Bru'rs (Bruder) und Ohm, die Frauen mit Tante und die Jungen mit Kinders titulirt wurden. Der Künstler erklärte die Achse aus einem zwischen Marokana und Musemanjana stehenden Kameeldornbaume (Acacia giraffe) zimmern zu wollen, doch müsse er dies alles in Marokana thun und deshalb müßten wir die Räder und die gebrochene Achse mit der Deichsel nach Marokana befördern lassen. Als Lohn für seine Arbeit forderte er zwei Flaschen Branntwein und 2 £ St. und wollte unter keiner Bedingung von dieser Forderung abgehen und betonte besonders die Ueberlassung des Branntweins, dessen er zur Stärkung bedürfe.

Unterdessen hatte F., der sich mancher »Eroberung« unter den schwarzen Schönen rühmte, die Gelegenheit benützt, um die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Wohl um die an uns begangene Unbill zu rächen, griff er zu einem probaten Mittel, sich die Herzen der zahlreich versammelten Koranna-, Barolong- und Makalahari-Schönheiten im Fluge zu erobern und zog eine Concertina (sechseckige Handharmonika) hervor, um ihr die herzzerreißenden, dem Gehör der Musemanjana-Beauties jedoch sichtlich einschmeichelndsten Töne zu entlocken. Doch nicht Frauen allein, nicht blos das arme schwache Geschlecht, sondern auch die wackeren Herzen in der Heldenbrust der gelblich- und schwarzbraunen Krieger von Musemanjana waren von der Macht dieser Töne ergriffen und Stille—wie vielleicht noch nie—heilige, friedliche Stille herrschte weithin. Und der Mitleidslose, sehr geschmeichelt und von uns applaudirt, hätte bis zum Sonnenniedergange musicirt, wenn nicht die Hunde des Dorfes gegen diese himmlischen Laute einmüthig protestirt und den häuslichen Frieden der Familien Musemanjana's gerettet hätten.

Vielleicht des Effektes wegen, den die Musik auf die Schönen des Ortes ausübte, vielleicht jedoch auch aus anderen unbegreiflichen Gründen machte einer der Koranna's unserem Künstler den schmeichelhaften Antrag, ihm das Musikinstrument für einen Ziegenbock zu verkaufen. Wir alle dachten, daß F. ob einer solchen Zumuthung, seine Concertina zu verkaufen, in gerechter Entrüstung auflodern werde; doch wer beschreibt unser Erstaunen, als F. bereitwilligst auf den Antrag einging.

Am folgenden Morgen, den 17., wurde Pit mit den Rädern und der Achse nach Marokana gesandt und machte uns nicht wenig Sorgen, da er erst am Nachmittag heimkehrte.

Musemanjana ist die nördlichste Besitzung des Korannakönigs von Mamusa, nach Norden und Osten grenzen die wildreichen Ebenen (von mir »Quagga flats« benannt) an, welche Montsua angehören, in denen Batlapinen, Barolongen, Koranna's und holländische Farmer aus der westlichen Transvaal-Republik oder jene, die sich mit der Erlaubniß der Fürsten der genannten Stämme in deren Gebiet niedergelassen haben, friedlich neben einander jagen. Nach Westen liegt das kleine Gebiet des Marokana-Häuptlings, der Montsua, den König der Barolongen als Oberhaupt der nördlichen und westlichen Barolongen anerkennt, allein ihm keinen Tribut abliefert.[1]

1 Siehe Anhang 15.

Die Gebirgsformation der Umgegend bestand meist aus bläulich-grauem Kalkschiefer in Blöcken und Platten, Quarzitfelsen im Gerölle, zahlreichen Quarzstücken und »Vaalgestein« (Grünstein mit mandelartigen Chalcedon-Einschlüssen).

Am Abend besuchte mich der Schmied, um mir mitzuteilen, daß die Achse an der Bruchstelle schon früher geborsten war, doch in Wirklichkeit nur, um eine Flasche Branntwein als Abschlagszahlung zu fordern. Da ich befürchtete, daß der Genuß desselben den alten Mann arbeitsunfähig machen würde, verweigerte ich ihm denselben, worüber er sehr mürrisch wurde und den Rückweg antrat, nicht ohne in laute Klagen auszubrechen, daß ihm »det Medicin« verweigert wurde.

Am folgenden Tag meldeten sich zwei Eingeborne, um in meine Dienste zu treten. Ich nahm sie gegen 8 Shillinge Wochenlohn auf (Pit bekam 10 Shillinge), mußte mich jedoch ihrer Hauptbedingung, ihnen allabendlich einen Schluck Branntwein zukommen zu lassen, fügen. Der eine war ein Griqua, der Sohn des Schmieds, der uns bediente, klein, untersetzt mit sehr einfältigem Blick, der zweite eine Hopfenstange, ein Bastard und mit dem Häuptling Hendrik verwandt. So dumm als der erste, so verschmitzt sah der zweite aus. Der Schmied erschien zeitlich und wich nicht eher vom Platze als bis er seinen Branntwein erhalten hatte. Die Folgen meiner Nachgiebigkeit waren bald bemerkbar, denn er lag bald betrunken in des Häuptlings Hause, während der Vice-Häuptling, die Frau des Herrn von Musemanjana und ihre Dienerinnen, die alle vom Feuerwasser etwas erhascht hatten, wie besessen sangen und tanzten.


[Musemanjana.]


[Empfang in Musemanjana.]

Am Abend kehrte auch Hendrik, der Häuptling des Dorfes zurück. Allgemeiner Jubel aller seiner Ohm's und Tanten, denn ihre Hoffnungen waren erfüllt. Hendrik brachte eine riesige, wenigstens 10 Liter fassende Flasche Feuerwasser mit. Bevor er jedoch seine jubelnde Umgebung damit bewirthete, kam seine Frau herangetrippelt, ihren langen Ehegespons am Arme führend und präsentirte ihn uns mit den Worten. »Das ist der Herr dieses Ortes! Das ist der Herr der vielen Schafe, die Ihr täglich blöken hört, und ist auch mein Mann!« Hendrik, eine schwankende Hopfenstange, grinste verschämt, streckte mir seine Hand entgegen und hieß mich willkommen.

Mit Hendrik war der Häuptling eines anderen an der Mokara gelegenen Kraal's, angekommen. Er fiel mir auf, weil er sich an dem nun folgenden Saufgelage nicht betheiligte. Trotz des Unfalls murrte ich nicht mehr über den Aufenthalt, der mir in Musemanjana begegnete, da ich Gelegenheit fand, einen tiefen Einblick in das Leben und Wesen der Koranna, Barolongen und Makalahari zu gewinnen und bedauerte nur, daß ich nicht genug Geld mit mir führte, da mir der mit Hendrik angekommene Korannahäuptling einen vernünftigen Antrag machte. Er besah meine Zugthiere und hielt fünf von acht für reiseuntauglich. Er wollte mir für dieselben gute Zugochsen, die ich mir selbst aussuchen konnte, gegen eine Aufzahlung von 2 £ St. per Stück überlassen.

An diesem Tage hatte ich auch Gelegenheit, das Anfertigen irdener Töpfe von Seite der Barolongenfrauen zu beobachten. Auf einer hölzernen runden Schüssel wurde die aus Thon und Humus zubereitete Masse mit den Händen in die natürliche ausgebauchte Topfform geknetet, stehen gelassen, um nach einigen Tagen im Feuer eingebrannt zu werden. Diese Gefäße, von 7-12 Zoll Höhe und gleicher, oder noch um 2-3 Zoll größerer Breite, mit einer Oeffnungsweite von 5-7 Zoll und einer Wandstärke von ¼-½ Zoll wurden beinahe ausschließlich als Wassergefäße benützt.


IX.

Von Musemanjana nach Moschaneng.

Aufbruch nach Moschaneng.—Quaggaflats.—Hyänenjagd bei Mondschein.—Makalahari-Reiter—Konana.—Barolongenstolz.—Acht Löwen.—Eine Begegnung mit Löwen am Setlagole.—Thierleben auf der Hochebene.—Gnujagd bei Nacht.—Boly verirrt sich.—Zebrajagd.—Skeletthügel.—Eine abenteuerliche Gansjagd.—Südafrikanischer Frühling.—An Ufer des Molapo.—Molema's Town.—Rev. Webb und die Mission daselbst.—Chef Meloma.—Kranken-Ordination.—Siedlersperlinge.—Huß-Höhe.—Ankunft in Moschaneng.—Hohe Gäste.


Abends fand sich der Schmied mit seinem Meisterstücke ein, das kaum zur Noth brauchbar war. Als man im Dorfe unsere Vorbereitungen wahrnahm, kamen die Leute herbeigeströmt und ein Jeder begehrte ein Geschenk; nur die, welche uns behilflich waren, bekamen etwas Tabak und je ein färbiges Tuch. Als wir schon eingespannt hatten, kam noch der Chef mit einem Ansuchen. »Mein Kind (der ihm verwandte Schwarze) geht mit Euch, er war einer meiner Diener, deshalb verliere ich einen Arbeiter, ich kann ihn nicht ziehen lassen, bevor Ihr mir nicht 8 Shilling bezahlt, d.h. so viel, als Ihr ihm wöchentlich Lohn gebt!« Um nur loszukommen und die ausgeglichenen Differenzen nicht vielleicht im letzten Augenblicke durch andere erneuert zu sehen, gab ich dieser Erpressung nach und wir zogen ab.

Unter der Führung des oben erwähnten Dieners setzten wir unsere Reise fort und machten erst in später Nachtstunde Halt. Beim Anzünden des Lagerfeuers hatten wir viel Mühe, um einen Grasbrand zu verhüten, da sich der Wind zu einem wahren Orkan gesteigert hatte. Dagegen war der folgende Morgen (21. November) schön und warm, wir begegneten einigen Makalahari- und Barolongfrauen, welche junge, kaum aus den Puppen gekrochene Heuschrecken emsig sammelten. Nach einer 3½ stündigen Tour erreichten wir eine seichte Vertiefung, in welcher wir in einigen Löchern schönes klares Trinkwasser fanden. Unsere Weiterfahrt führte uns in einer nordöstlichen Richtung über unabsehbare, sehr spärlich bebuschte Ebenen. Das trockene Gras verbreitete einen angenehmen Heugeruch, frisches Gras sproßte allenthalben unterhalb der trockenen Stengel. Der Boden war nach allen Richtungen von den Eingängen zu den unterirdischen Bauten der Springhasen, Stachelschweine und Erdferkeln durchfurcht. Doch mangelte es auch nicht an solchen der Schakale, während die Hyänen die von den Erdferkeln verlassenen Löcher bezogen hatten. In diesen von Weißen unbewohnten Gegenden werden die Schakale, die Kaamafüchse und die Proteleswölfe ihres Balges halber, der zu Carossen verarbeitet wird, von den Eingebornen häufig gejagt. In den wildreichen, von Weißen bewohnten Localitäten sind es wieder die Hyänen, die meist mit Strychnin ausgerottet werden.


[Barolongmädchen Heuschrecken sammelnd.]

Nachdem wir 14 englische Meilen zurückgelegt, kamen wir in ein zweites, doch breiteres Thal, das wieder zahlreiche Wasserlöcher aufwies. Man hatte hier das Gras im September niedergebrannt, das frische stand schon 12 Zoll hoch. In diesem Thale trafen wir auch die äußerste von Chef Hendriks Ansiedlungen, d.h. Viehposten, und an dieser allein zählten wir über 100 Rinder. Um uns nach allen Seiten hin erstreckte sich die Ebene bis an den Horizont.

Wir betraten die Quaggaflats und damit Montsua's Gebiet. Der nächste Tag war schön und warm, auch hatte sich der Wind gelegt, dagegen hatten wir auf dem die ganze Strecke entlang morastigen Boden mit zahllosen Schwierigkeiten im Fortkommen zu kämpfen. Wir begegneten aus Marokana kommenden und auf die Jagd ausgehenden Barolongen und knüpften mit ihnen Verhandlungen über den Austausch einiger Zugthiere an, die indeß resultatslos waren, da die Barolongen in einem Athem ihre Forderungen hinaufschraubten und Schließlich 8 £ St. für je ein Thier begehrten.

Am folgenden Tage, den 23., verließ ich, von F. und einem unserer Schwarzen (Boy) begleitet, den Wagen, um zu jagen. Ich beobachtete auf diesem Jagdausfluge, daß die Springbockgazelle ihre Kälbchen den Tag hindurch sich selbst überläßt, oft sich auf weite Strecken entfernt und erst gegen Abend zu den Kleinen zurückkehrt und dann bis gegen Sonnenaufgang bei ihnen verbleibt. Geht man ruhig durch das zwei Fuß hohe Gras jener Ebenen, so kann man sich den im Grase verborgenen Thieren bis auf 20-25 Schritte nähern, ohne im Geringsten ihre Gegenwart zu bemerken. Die schönen Thierchen bleiben, ohne sich gleich den Orbekigazellen, um dem Beobachter zu entgehen, flach ausgestreckt auf den Boden zu legen, selbst im kurzen Grase völlig unbemerkt.

Nachmittags kamen wir auf einen nach Norden führenden Weg, der sich später als die Verbindungsstraße zwischen Mamusa und Konana herausstellte und dem wir auch folgten. Dieser Weg bestand in einem vielleicht vor drei Monaten zuletzt befahrenen Geleise und schien auch häufig als Fußpfad von den Eingebornen benutzt zu sein. Wir waren an den Rand einer von Osten nach Westen unabsehbaren, nach Norden zu in ihrer Mitte von Höhenkuppen begrenzten und nach dieser Richtung in der Entfernung einiger Meilen von isolirten Gehölzen unterbrochenen Ebene gelangt. Abend und Nacht waren ungewöhnlich schön, der bleiche Mond mit einem Nebelkreis um seine runde Scheibe lächelte so freundlich und die flimmernden Sternlein blickten so hell zur Erde, daß ich trotz der Müdigkeit stundenlang die Pracht dieser Nacht bewunderte. Meine Gefährten hatten einer nach dem Andern sich in Morpheus Arme geworfen. Nur die Hunde blieben bei mir, ich konnte mich von der dunklen, mit einem grauen Schimmer—dem Abglanz von Luna's Strahlen—übergossenen unabsehbaren Fläche und dem leuchtenden Gestirn über mir nicht trennen.

Eine plötzliche Bewegung Niger's riß mich aus meinen Gedanken. Von »Onkel«, einem zweiten Hunde gefolgt, sprang Niger einige Schritte vorwärts und fing an zu knurren. Ich sollte über die Ursache dessen nicht lange im Zweifel bleiben. In die Stille der Nacht tönte von der etwas niedriger liegenden Ebene vor mir ein langgezogenes, äußerst unangenehmes, klagendes Geheul. Der häßliche Laut, dieses tiefe, entfernte Stöhnen einer gefleckten Hyäne fiel wie ein Mißton in die Idylle der schönen Nacht um mich. Eben im Begriffe, es meinen Gefährten gleichzuthun, die alle bereits im Reiche der Träume lebten, wurde ich durch die gesteigerte Unruhe der Hunde auf die Annäherung der Raubthiere aufmerksam und faßte den Entschluß, auf diese lästigen Ruhestörer Jagd zu machen. Ich kroch zu Pit und Boy, rüttelte sie auf und hieß sie die Hunde halten, holte dann Gewehr und Munition aus dem Wagen, weckte F. auf und ohne mich mehr nach ihm umzusehen, hielt ich nach der Richtung zu, von der mir das Geheul zu kommen schien. Die Hunde am Wagen gaben aber den Dienern tüchtig zu schaffen, da die afrikanischen Hunde die Hyäne stets als ihren Erzfeind betrachten und sie anzugreifen suchen. Theils gebeugt, theils auf Händen und Füßen vorwärts schleichend, hatte ich etwa 100 Schritte zurückgelegt, als mir ein dumpfes Knurren auffiel. Ich hielt an, legte mich flach hinter einen der niedrigen Termitenhügel und nachdem ich mich umgesehen, ob alles auch hinter mir in Ordnung sei, legte ich den Hinterlader zum Schusse bereit neben mir nieder. Das Knurren kam näher, doch schien es mir mehr wie ein Scharren denn ein Knurren—vielleicht ein Stachelschwein oder Erdferkel? »Hu—hu,« tönt es plötzlich vor mir, und das »Hu—hu« wiederholt sich, noch ein zweites und tieferes, dann ein Scharren und Knurren, alles klar und deutlich hörbar und doch vermag ich nichts zu sehen.


[Hyänenjagd.]

Vergebens beuge ich mich mit dem halben Körper über den Hügel, ich sehe nichts als Termitenhügel—es wird stille. Das Knurren und Scharren hört auf und ich mußte annehmen, daß ich durch meine Unvorsichtigkeit die Raubthiere verscheucht hatte—ich hocke mich wieder hinter den Erdhügel nieder und verhalte mich still, um selbst die leiseste Annäherung der Thiere wahrnehmen zu können. Doch ich harre vergebens, einige Termiten machen mir das Liegen recht unbequem, ja unmöglich. Plötzlich erschallt, kaum einige Dutzend Schritte vor mir das Doppelgeheul und das grunzende Stöhnen abscheulicher wie je—doch trotz Mondscheins und der äußersten Anstrengung meiner Sehkraft kann ich nichts erspähen, nichts als Termitenhaufen starren mich an. In diesem spannungsvollen Momente vernahm ich ein Rauschen, ein Knurren und Fauchen hinter mir, mich umwendend, will ich schon losdrücken, ich sehe eben einen dunklen Gegenstand an mir vorübergleiten, als glücklicher Weise ein bekanntes Gebell mich rechtzeitig an den Irrthum mahnt, den ich mit dem Niederstrecken eines meiner Hunde begangen hätte. Bei dem letzten Geheul der Hyäne hatte sich Niger losgerissen und Boy, fürchtend, daß die Hyäne den Hund erwürgen könnte, hatte sofort auch dem starken Onkel die Freiheit gegeben, der nun in Sätzen nach Niger gesprungen kam. Sie jagten die Ebene weit nach abwärts, doch die Hyänen waren rechtzeitig geflüchtet und verdrießlich mußte ich den Rückzug antreten.


[Von acht Löwen überrascht.]

Unter den südafrikanischen Raubthieren ist die gefleckte Hyäne in Bezug auf Lebenskraft das zäheste Thier, sowohl dem Hunger, als auch den schlimmsten Verwundungen setzt ihr Organismus zähen Widerstand entgegen. In einem Falle war einer Hyäne am Schascha-River (Matabele-Land) durch einen Streifschuß der Unterleib aufgeschlitzt worden, so daß die Eingeweide heraushingen, trotzdem lief sie noch lange, mindestens die doppelte Zeit als es ein anderes Säugethier ausgehalten hätte, um dieselbe Einfriedigung, aus welcher der Schuß gefallen war. Die in Gangrän übergegangene Wunde eines durch eine Löwin verwundeten Bamanquato hatte sie angezogen. Ich werde noch mehrmals Gelegenheit haben, auf diese Raubthiere zurückzukommen.

Nächsten Morgens fanden wir uns am Rande eines die eben durchschrittene Ebene nach Norden begrenzenden Gehölzes. Wir fanden hier einige elende Hütten aus in die Erde eingetriebenen und mit Gras überworfenen Aesten errichtet, welche von Jochoms, einem Zweigstamme der Makalahari, bewohnt wurden. Diese Eingebogen waren Vasallen eines eine Stunde weit ab in einem anderen Gehölze wohnenden Barolongen, mit Namen Mokalana, beide Gehöftgruppen führten auch den Namen des Besitzers. Es wiederholt sich unter den Betschuana's häufig, daß neue Städte und Dörfer, nach dem Erbauer oder Besitzer benannt werden, eine Gepflogenheit, die oft zu Irrungen Anlaß gibt, indem ein Ort zuweilen zwei bis drei Namen, seinen herkömmlichen, den nach dem letzten und den nach dem gegenwärtigen Häuptling führt, oder daß der Häuptling seinen Wohnsitz ändert und einige Meilen weit ab eine zweite gleichnamige Stadt erbaut. Die Jochoms hatten eine Heerde Kühe und Schafe zu hüten und zugleich für ihren Herrn und Gebieter zu jagen. Zu letzterem Zwecke hatten sie einige Pferde zu Gebote und schienen sich weit besser im Sattel zu fühlen als je ein Betschuana.

Für das Geschenk eines Taschenmessers bewog ich einen der Eingebornen zu dem »Baß« zu reiten und ihn zu ersuchen, mir gegen Geldentschädigung und Munition einige junge Ochsen gegen unsere matteren auszutauschen. Während unseres Imbisses sahen wir einen Makalahari hoch zu Rosse von der Jagd heimkehren. Der nur in glatt gargearbeitete Lederstücke gehüllte und mit Assagaien, die mit ihrem unteren Schaftende in eine Ledertasche am Steigbügel eingelassen waren, bewaffnete rothbraune Sohn der südafrikanischen Hochebene sah ganz stattlich aus, er ritt eine starke Fuchsstute und hatte vorne über seinen primitiven Sattel und den Nacken des Pferdes einen Bläßbock liegen. Dem von Jugend auf an die Ebene, ihr hohes meist in Büscheln wachsendes Gras, ihre zahllosen, kleinen und größeren Löcher gewöhnten Pferde die Zügel lassend, jagt der Reiter der flüchtigen Heerde nach (Springböcke sind zu rasch für ihn, um sie vollkommen einzuholen), bis er sie nach einem halbstündigen Ritte eingeholt, dann ist der Assagaie auch schon wurfbereit und bohrt sich in das Thier, an dem er vorübersaust; der Jäger begnügt sich mit diesem einen und verfolgt fast nie ein zweites, sondern wendet das Pferd und wirft seinen zweiten Wurfspeer, der dem flüchtigen Thiere meist den Garaus macht. Je weniger Wunden, desto gnädiger wird das Fell von dem Baß entgegen genommen.

Da der ausgesandte Bote nicht kam, ließ ich einspannen. Kaum hatten sich jedoch meine Diener an diese Arbeit gemacht, als einer der Makalahari den von der Ferne ankommenden Genossen entdeckte. Die Antwort lautete dahin, daß der Baß nur ein Gespann (Zug) Ochsen hätte, die er selbst benöthige, daß er uns aber ein Schaf für einen Becher Schießpulver (etwas über ein Pfund) geben wolle. Ich nahm dieses Anerbieten an und erhielt einen feisten »Fettschwanz« für die geforderte Quantität Schießpulver, dem ich einige Kleinigkeiten (Feuerdosen, Kettchen, Nadeln etc.) als Geschenk beifügte, das zu entgegnen die Makalahari sich beeilten und mir einige Protelesfelle und einige Bläßbock- und Hartebeesthörner überbrachten.

Der Morgen des folgenden Tages brachte mir eine sehr unangenehme Ueberraschung, eines der Zugthiere war verendet, es blieb mir nun nichts übrig, als die schwere Last des Wagens den übrigen drei Zugthierpaaren aufzubürden. In das Thal, das wir nun verfolgten, mündeten einige Querthäler, deren Sohle bebaute Felder bedeckten; nach einigen Meilen gelangten wir in ein von Süden nach Norden sich erstreckendes Thal, das uns von einigen vorübergehenden Koranna's als das des Konana-Rivers, welcher sich durch ein Höhenland nach dem Maretsane zuwendet, bezeichnet wurde. Dieses Höhenland wird von Koranna's und Barolongen sowie deren Vasallen bewohnt und steht unter der Gerechtsame des Häuptlings Schebor, der selbst wieder Montsua's Unterthan ist.


[Jochom-Makalahari einen Bläßbock jagend.]

Nach einer einige englische Meilen langen Fahrt kamen wir zu dem sich in einem Höhensattel und am Abhange mit Bäumen bestandener Höhen ausbreitenden, an 1000 Einwohner zählenden Konana. Auf einer freien, von der Stadt nach Osten und nach dem tiefen, engen Thale des Konana-Rivers abfallenden Lehne sich ausbreitenden Rasenstelle hielt ich an, um mit meinem Wagen besser die Aufmerksamkeit der Bewohner auf uns zu lenken, denn ich hoffte hier einige frische Zugthiere eintauschen zu können. Es währte auch nicht lange und wir waren von zahlreichen Besuchern belagert, unter welchen die Koranna's das Hauptcontingent stellten. Ich hatte vor dem Wagen einige der auszutauschenden, ursprünglich für den Kauf von ethnographischen Gegenständen bestimmten Waaren ausgebreitet. Es waren ein guter Plüsch-Anzug, ein Paar Schuhe, zwei bunte Wollhemden, ein Hut, ein halbes Dutzend Taschentücher und eine halbe Rolle Tabak. Der Häuptling des Dorfes kam selbst, um die Waaren zu besehen, und trank eine Tasse Kaffee mit uns, doch die Leute zeigten keine Neigung, auf meinen beabsichtigten Tausch einzugehen. Von einem der Barolongen kaufte ich für ein Kalikohemd eine Holzschüssel, von einem Anderen für einen Becher Schießpulver zwei Kiri's und zwei Schakalfelle, von einer Frau zwei aus Glasperlen gearbeitete Schmucksachen. Von einigen der Besucher erfuhren wir, daß die umliegenden Höhen, wie auch jene am Setlagole- und Maretsane-Flüßchen zahlreiche Löwen beherbergen. Die Löwen waren hier so dreist und dies namentlich (was ich bestätigt fand), weil sie oft den Knall des Gewehres zu hören bekamen und an des Menschen Anblick gewöhnt waren. Obgleich die Umgegend von Wild wimmelte, bekundeten die Könige des Waldes trotzdem eine besondere Vorliebe für die Heerden des Menschen.

Einer der Barolongen brachte mir das Fell eines nicht vollkommen ausgewachsenen Löwen, für das er 3 £ St. in Gold begehrte. Ich bot einen alten Rock dafür, doch er bestand auf dem geforderten Preis, da er schon früher ein anderes Löwenfell in Klipdrift für 3 £ St. verkauft hatte. Ich rieth ihm an, es auf den Rücken zu nehmen und damit nach Klipdrift zu wandern, eine Zumuthung, die den Barolongen in Aufregung versetzte. Um mich vielleicht nachgiebiger zu stimmen, begann sein Freund mir in wahrhaft mustergiltigem Holländisch zu erzählen, auf welche Art der schmollende Gefährte zu diesem Löwenfelle gekommen sei.[1]

1 Ich lasse hier absichtlich den vollen Wortlaut dieser Erzählung folgen, um die Umständlichkeit der Eingebornen bei solchen Anlässen zu charakterisiren.

»Der Mann,« meinte unser Vis-à-vis und zeigte auf den grollenden Helden, »hatte blos eine Kuh, die Kuh war sein, auch hat er zwei Frauen und ein gutes Stück Feld. Ein Hirt, der noch andere Rinder aus dem Dorfe zu beaufsichtigen hatte, hütete auch die Kuh. Dieser Junge kommt nun eines Tages gelaufen und klagt unter Heulen, daß ein Löwe die Kuh erwürgt hätte. Mein Gefährte lud schweigend sein Gewehr und folgte dem Jungen, der das Pulverhorn tragen mußte. An einer Stelle, von welcher man den Löwen und sein Opfer erblicken konnte, kroch mein Freund auf einen Baum, um Rundschau zu halten. Ja, dort sah er die Kuh liegen, aber keinen Löwen dabei. Mein »Bruder« näherte sich deshalb und kroch mit dem Jungen auf einen nahen Baum, von welchem herab er den Räuber wie eine Meerkatje (Scharrthier) todtschießen wollte. Mein armer »Bruder« hatte bis zum nächsten Morgen auf dem Baume zu sitzen, er wollte gegen den Abend heruntersteigen, da es ihm auf dem Dornbaume—er saß da drinnen (der Erzähler ahmte mit ausgespreizten Fingern eine Gabel nach)—nicht gefiel und sein Körper »hart« (steif) wurde, doch dachte er wieder auf die Abends aus den Gebüschen ausbrechenden Löwen und so blieb er mit dem Jungen, der, weil ihm die Füße von dem Stehen auf einem dünnen Aste schmerzhaft geworden waren, fürchterlich heulte. In der Nacht kamen sie, »nicht einer« (der Erzähler warf sich in die Brust), sondern viele (er begann von dem kleinen Finger der linken Hand nach rechts zu zählen), acht Löwen, he Makoa (Weißer)—acht Löwen!« Dabei sah er sich nach meinen Gefährten und den Dienern um, ob es wohl auch alle gehört hätten und wiederholte »acht Löwen«, wobei er sich etwas bückte, den Körper vorstreckte und beide Hände vor sich haltend mit acht Fingern die Zahl noch deutlicher zu verdolmetschen suchte, während sein Freund finster dareinblickend, noch immer ob der vorerwähnten Zumuthung beleidigt, unaufhörlich etwas in sich hineinmurmelte, wovon nur die Worte dree pund—dree pund (drei Pfund) hörbar waren.

Nachdem sich der Erzähler vergewissert hatte, daß wir alle die acht Löwen begriffen hatten, setzte er seinen Bericht fort. »Mein Bruder am Baume und das Kind bei ihm wollten keinen Löwen vor Tagesanbruch todtschießen; erst dann schoß der Mann auf einen, dessen Haut hier liegt und der zu dem Baume gekommen war, um sich mit dem Schädel daran zu reiben. Mein Bruder hielt sich mit den Füßen auf dem Baume und nachdem er dem Jungen zugeschrieen, sich mit Hand und Fuß festzuhalten, um nicht durch den Schrecken, den in ihm der Schuß hervorrufen könnte, herunter zu fallen, legte er an. »Tla-bumm« (hier folgte ein tüchtiger Schnalzer mit den Fingern, der den Schuß versinnlichen sollte) und (der Erzähler ahmte nun das Fallen nach) det Leu wat dod, morsh dod (der Löwe war todt, mausetodt). Die Andern aber grollten und brüllten und wiesen meinem Bruder und dem Kinde die Zähne so grimmig, daß dieses wieder zu heulen begann. Allein als die Sonne warm wurde und sie die Kuh abgenagt hatten, liefen sie davon. Mein Freund aber sprang herab, ließ den Jungen als Schildwache auf dem Baume und zog die Haut des geschossenen Löwen ab, die er dann heimbrachte und für die er 3 £ St. bekommen mut (muß), weil die Löwen seine einzige Kuh erwürgt haben, er konnte nicht einmal ihr Fell brauchen. Zudem bekam mein Bruder 3 £ St. für das Fell eines Löwen, welcher keine Kuh getödtet hatte.«


[Erzählender Barolonge.]


[Der Betschuana findet seinen zerfleischten Bruder.]

»Und warum hat denn Dein »Bruder« nicht alle die Löwen erschossen?«—Der Berichterstatter wandte sich nach den nach immer grollend dastehenden Gefährten und dieser, der sich durch die Frage beleidigt hielt, antwortete in der Setschuana mit vor Zorn entstellten Zügen. »Sagte nicht das Kind als es zu mir kam. »Ra« (Vater, Herr), ein Löwe hat Deine Kuh erwürgt? Und so nahm ich eine Kugel mit.« Darauf ergriff er seine Löwenhaut und trug sie von dannen.

Auch Schebor, der später hinzutretende Häuptling, betätigte, daß die Löwen in den Büschen und auf den Höhen an den drei Flüssen Konana, Setlagole und Maretsane »schlimm« (böse) seien und ihm schon so Manchen seines Volkes, so manches seiner Rinder getödtet hätten. Er ermahnte uns, namentlich während der Auffahrt auf die gegenüberliegenden bebuschten Höhen vorsichtig zu sein, da diese ein besonders beliebter Aufenthalt der Löwen seien. Er berichtete mir folgenden traurigen Fall, der sich an diesen Flüssen zugetragen und der mir auch später in Linokana (Stadt der Baharutse) wiedererzählt wurde.

Eine Schaar Eingeborner aus der Nähe von Maraba (Maraba's Stadt) passirte auf ihrem Wege nach den Diamantenfeldern jene Gegend. Diese Menschen, die oft ihre Heimat (z.B. das Makalakaland, von den Diamantenfeldern über 800 englische Meilen entfernt) nur mit einem Assagai und einem Stück Fell ausgerüstet verlassen und sich auf der ganzen langen Strecke bis nach den Diamantenfeldern nur von Wurzeln, wilden Früchten, nur hie und da vom Fleische kleinerer Wildbeute ernähren, bieten häufig dem Reisenden, der mit ihnen auf seiner Wanderung nach Norden zusammentrifft, einen Anblick, der den Hartherzigen erweichen müßte. Es sind förmlich zu Skeletten abgemagerte, oft tagelang hungernde Gestalten, die ihres Weges dahinschleichen und die den Hunger dadurch bekämpfen, daß sie die Leibriemen, die meist neben dem Stückchen Fell ihre einzige Bekleidung bilden, fester zusammenziehen. Eine solche Schaar war auf ihrem Marsche bis an den benachbarten Setlagolefluß gekommen. Wie gewöhnlich folgte Einer dem Andern auf dem von den Eingebornen dieser Gegend benützten Pfade. Der Kräftigste, noch Ungebeugteste, übernahm die Führung, die Schwächeren blieben zurück, der schwächste, oder ein Kranker sich selbst überlassen, gewöhnlich als letzter weit hinter seinen Genossen. Bei dieser Schaar befanden sich zwei Brüder, von denen der eine seit acht Tagen schon der »letzte« war. Am Ufer des Setlagole angekommen, wollte sich die Schaar etwas ausruhen und fahndete nach rübenartig geformten Knollen, die auf Kohlenfeuer gebraten, den ersehnten Nachtimbiß liefern sollten. Das Ufer des Flusses erwies sich an solchen so ergiebig, daß man hier zu übernachten beschloß. Der gewöhnliche Kreis schloß sich jedoch diesen Abend nicht vollkommen—einer der dunklen Männer fehlte. Sie sahen sich gegenseitig an, worauf Einer, des Vermißten leiblicher Bruder, aufstand, seine und des Bruders Knollen in sein kleines Fell nahm, das er sich von der Schulter zog, den Assagai ergriff und seinen Bruder suchen ging. Die Uebrigen setzten sich näher zum Feuer, schlossen den Kreis, verzehrten ihren Imbiß und nachdem sie mehrere Feuer errichtet, legten sie sich zwischen diese und ein Gebüsch zur wohlverdienten Ruhe.

Der kranke, durch Hunger geschwächte, von wunden Füßen gequälte Betschuana (ein Batloka) mußte häufig ausruhen und so war er vom rechten Pfade abgekommen und einem gefolgt, der in einen felsigen, durch zahllose Kareebäume und Büsche zu einem stellenweisen Dickicht umgewandelten und unter den Eingebornen als Löwenhöhle notorisch bekannten Thalstrich führte. Unter einer blühenden, schattigen Mimose ausruhend, wurde der Arme durch einen plötzlichen Sprung von einem dem ganzen Schwarm seiner Freunde und ihm unbemerkt folgenden Löwen niedergeworfen und im nächsten Momente auch getödtet.

Sein Bruder geht den Pfad zurück, läuft im Grase, um desto deutlicher die Stelle zu erkennen, an der die Fußspuren den Pfad verlassen, er findet die Stelle und den Irrpfad, den der Kranke eingeschlagen, doch er sieht auch schon des Löwen Spur im Sande. Statt umzukehren und die Hilfe der Genossen anzusprechen, eilt er vorwärts—er hat ja eine Waffe, doch was ist diese Waffe in der Hand eines Halbverhungerten gegen einen Löwen, der schon warmes Menschenfleisch genossen und Blut gerochen? So kommt er zu der Stelle wo der Bruder ohne Gegenwehr von dem Löwen getödtet wurde, des Bruders Stock liegt auf der Erde—die Leiche selbst mußte von dem Löwen fortgeschleppt worden sein—er blickt herum, geht einige Schritte—dort des Bruders aus Stroh geflochtener Hut und sein Kürbißgefäß, er springt näher, um einen Baum herum—unter diesem liegt die halbbenagte Leiche des Gesuchten. Ein Schrei dringt durch die Stille des Abends am Setlagole-Ufer. Aber auch der Löwe, der den Ankömmling schon lange bemerkt, hatte sich hinter ein nahes Gebüsch in Hinterhalt gelegt und sein zweites Opfer in dem Momente erfaßt, als es sich über den zerfleischten Körper seines Bruders zu werfen im Begriffe war.

Am folgenden Morgen als die Batloka's aufwachten und sich zur Weiterreise rüsteten, vermißte man die beiden Brüder. Nichts Gutes ahnend, liefen erst einige zu einem, am anderen Ufer einige hundert Schritte abseits liegenden Barolongen-Gehöfte, um sich Hilfe, d.h. Männer mit Gewehren zu erbitten, die man ihnen auch bereitwilligst mitgab. Man folgte dem Pfade, fand die Löwenspur theilweise von den Fußspuren des zweiten Bruders verwischt und endlich beide Leichen; die Leute konnten auch deutlich wahrnehmen, daß das Raubthier erst vor sehr kurzer Zeit, wahrscheinlich vor den lärmenden Menschen zurückweichend, den Ort verlassen haben mußte. Man nahm nun seine Spur auf und folgte ihr 500 Schritte weit längs des Flußufers. Bei einer Biegung glaubten einige in den Vaalbüschen einen gelbschimmernden Gegenstand zu sehen, riefen die Uebrigen herbei und obgleich man den Gegenstand nicht für einen Löwen hielt, schlugen sämmtliche Schützen auf das kleine Gebüsch, respective das gelb durchscheinende Object an und drückten los. Das Erstaunen aber war groß, als sie einen ausgewachsen, männlichen, von sechs Kugeln durchbohrten Löwen todt im Gebüsche vorfanden.[1]

1 Siehe Anhang 16.

Drei Meilen von Konana auf dem gegenüberliegenden Abhange (nachdem wir den zur Zeit unseres Besuches bis auf einige Lachen trockenen Fluß durchschritten hatten) wählten wir uns einen Lagerplatz aus und trafen alle nöthigen Vorkehrungen, um etwaigen Ueberraschungen von Seite der Löwen vorzubeugen. Am nächsten Morgen—es war ein wahrhaft lieblicher, klarer Morgen—drangen die goldenen Strahlen warm durch die Zweige über uns und ermunterten die in diesen Zweigen sich tummelnde gefiederte Welt zur Eröffnung ihres Concertes. Namentlich zahlreich waren Würgerarten, kleinere Singvögel und Tockus plavirostris (Tukans) vertreten.—Die Fahrt ging sehr langsam von statten, da wir den Zugthieren oft einige Rast gönnen mußten und die dichtbebuschte Strecke nur vorsichtig durchfahren werden konnte. Ohne eines der königlichen Thiere auch nur ansichtig zu werden, traten wir nach einigen Stunden aus der bebuschten Partie des Weges heraus. Unvergeßlich wird mir und meinen Gefährten der Ausblick auf die Gegend bleiben, der sich uns nun darbot, als wir einen freien Ueberblick über die sich vor uns ausbreitende Hochebene gewannen. Tage wie der 26. November 1873 werden mir, als Jagdfreund, doch in höherem Grade als Beobachter des freien Thierlebens, mein ganzes Leben hindurch in frischem, unvergeßlichem Angedenken bleiben und mich manche bittere Erfahrung vollkommen vergessen lassen, sie mögen auch dem geehrten Leser meine Sehnsucht, nach jenen Gefilden zurückzukehren, begreiflich erscheinen lassen.

Auf die Höhe des Plateaus gelangt, sahen wir eine etwa 20 Meilen lange, von Süden nach Norden sich hinziehende, nach Osten von einigen Mimosengehölzen begrenzte und hier durch freie Zwischenräume mit einer nachbarlichen zusammenhängende, 6-7 englische Meilen breite Grasebene. Dieser mit zahllosen röthlichbraunen, niedrigen Termitenhügeln bedeckte und von frischem, kurz zuvor aufgesproßtem und nur stellenweise, wie in der Nähe der Wassertümpel, aus hohem Gras gebildete, dunkelgrüne Teppich war durch Tausende von Thieren aller Gattungen belebt. Dunkelbraun und schwarz, rothbraun und hellbraun, gelblich und gescheckt waren die Farben der Roben, mit denen Mutter Natur die hier versammelte Gesellschaft bekleidet hatte. Es waren meist schwarze und gestreifte Gnu's, Bläßböcke und Hartebeest-Antilopen, Springbockgazellen und Zebra's (Quagga's). Die einen grasend, die andern einander neckend und spielend, dort eine Heerde Gnu's eines hinter dem andern wie in tiefes Nachdenken versunken gemächlich dahinschreitend. In ähnlicher Weise grasten mehrere Bläßbockheerden, während eine uns zunächst stehende, etwa 150 Thiere starke Zebraheerde, sich in weitem Bogen langsam nach dem Süden zu bewegte. Zahllose Hartebeeste weideten in kleineren Heerden und, wie immer, näher an den Gebüschen, schwarze Gnu's in Rudeln von 10-80 Stück über die ganze Ebene zerstreut, während es zwischen ihnen und den Zebra's, ja überall, wohin man auch sehen mochte, von Springbockgazellen wimmelte. Eine artenreiche Vogelwelt brachte in dieses reizende Bild erhöhte Bewegung. Vor Allem waren es die großen Trappen Eupedotis Kaffra und Kori zwei der schon oft erwähnten Zwergtrappen, Chenalopes, Enten, Kibitze, Ibise, Kraniche, Fischreiher, Regenpfeifer und viele andere, welche durch ihr buntes Gefieder und ihre schlanken Gestalten, durch ihren meist nahe über den Boden dahinstreichenden Flug und durch ihr in allen Modulationen ertönendes Gepfeife und Geschnatter in die Augen sprangen.

Obwohl ich auf der ersten Reise so manche Scene südafrikanischen Thierlebens gesehen, dieses Bild auf dem zwischen der von mir Jungmanns-Pfanne benannten Salzpfanne und dem Konanaflüßchen gelegenen Hochplateau übertraf die kühnste Phantasie, es mußte selbst den Gleichgiltigsten zum Naturfreunde machen. Nachdem wir uns—unsere armen, müden Zugthiere völlig vergessend—wohl eine Stunde lang an diesem Anblick geweidet hatten, beriethen wir uns über die Wahl eines geeigneten Lagerplatzes. Der eben genossene Anblick hatte in mir den Entschluß gereift, hier einige Tage zu verweilen.

Diese Ebene reicht mit anderen zusammenhängenden bis gegen den oberen Hart-River nach Osten, bis zum Maretsane-Fluß nach Norden und bis gegen Mamusa nach Süden, bedeckt einen riesigen Flächenraum und gehört zum größten Theile zum Gebiete des Königs Montsua. Sie hat keinen merklichen Abfall, kaum hinreichend, daß das überschüssige Regenwasser mit Ausnahme der unmittelbaren Uferpartien einen Abfluß nach dem Hart-River, dem Maretsane, Konana und Mokara findet, daher treffen wir auf derselben zahlreiche größere und kleinere Salzseen und eine Unmasse seichter Vertiefungen, die zur Regenzeit durch Wasserlachen gefüllt sind. Diese Salzpfannen scheinen zum Gedeihen des Wildes wesentlich beizutragen.

Eine solche Vertiefung, etwa drei Meilen von der Stelle, wo wir standen, wurde zum Lagerplatze auserwählt. Als wir mit unserem Wagen durch die Ebene zogen, waren es zuerst die Zebra's und die Bläßbockantilopen, welche die Flucht ergriffen; einige der zahlreicheren Heerden, wie die Zebra's, jagten gegen eines der Gehölze, um durch eine der vielen Lichtungen in demselben auf die nächste Ebene zu flüchten.

Am Nachmittag machte ich mit E. und B. einen Ausflug in südlicher Richtung, wobei wir Gelegenheit hatten, die Gnu's ziemlich nahe beobachten zu können, einige der Thiere blieben ohne Scheu stehen, andere rannten südwärts, als wir auf der Rückkehr etwas näher an das eine Gehölz herantraten, setzten sich sämmtliche Thiere—eine wenigstens 300 Stück zählende Gnuheerde—eine hohe Staubwolke aufwirbelnd, in Bewegung und wandten sich an uns vorbei nach Süden (windabwärts). Das interessante Schauspiel wiederholte sich auch am folgenden Morgen und war durch eine nicht weniger anziehende Fata Morgana noch erhöht, welche die einzelnen Thiere riesig gestaltete und die hüpfende Bewegung ihres Laufes in den über dem fernen Horizonte liegenden Luftschichten widerspiegelte.

Am folgenden Abend beschlossen wir an einem der zahlreichen, von den Regenlachen gebildeten, seichten Löcher auf den Anstand auszugehen. Deutlich konnten wir das Brummen der Gnu-Stiere hören, die ihre Heerden nach den Lachen zur Tränke führten. Am Morgen versuchten wir im südlichen Theile der Ebene eine Treibjagd, doch ohne Erfolg. F. und Pit hatten eine falsche Richtung eingeschlagen, und das Wild benützte eine entstandene, etwa 360 Schritte breite Lücke, um durchzujagen.

Zum Wagen zurückgekehrt fanden wir einige Barolongen, die von Konana kamen und auf eines der Mimosengehölze lossteuerten, in dem schon ihre Gefährten bei der beabsichtigten Treibjagd harrten. Sie trugen uns ihre Hilfe an, von der ich jedoch keinen Gebrauch machte, da ich weniger der Jagd als vielmehr der Beobachtung der Wildspecies obliegen wollte. Endlich kam der Abend und mit ihm eine Nacht, die mir ebenso unvergeßlich bleiben wird, wie der vorhergehende Tag, unstreitig die schlimmste Nacht in der ersten Hälfte meiner zweiten Reise. Bei Anbruch der Nacht war ich mit Boly ausgegangen, wir hielten uns nahe an unserem Bestimmungsorte und Jeder von uns suchte es sich in dem engen Erdloche so bequem wie möglich zu machen. Da ich mich kriechend einer Lache genähert, gelang es mir, meinen Platz einzunehmen, ohne die Vögel an dem Gewässer aufzuscheuchen. Dieser Vielen vielleicht unscheinbar dünkende Umstand ist aber für den Jäger auf den südafrikanischen Ebenen insoferne wichtig, als die aufgescheuchte Vogelwelt solch ein Zetergeschrei erhebt, daß das Wild, auf eine nahende Gefahr aufmerksam gemacht wird und dann die gewöhnlichen Pfade meidet.