2. Unter den Linden.
Eine lange Reihe von Jahren lag dazwischen. — Es giebt Momente, in denen wir Jahre verschwenden; es giebt Jahre, die uns in der Erinnerung zu Momenten zusammenschrumpfen. Wie wir sie durchleben — ob arm, ob reich: das nimmt oder giebt ihnen Gewicht. Als ein Krösus sich zu fühlen, im königlichen Pomp des Daseins, überschüttet mit allen Kronen des Lebens, seien sie von Damen, oder von Rosen, oder von Diamanten, oder von Lichtstralen — das preßt die Essenz des Lebens in flüchtige Augenblicke zusammen, die durch ihren Inhalt unermeßlich werden. Oder als ein Arbeiter sich zu fühlen, der pünktlich seine Aufgabe erfüllt und dafür seinen Lohn empfängt, von einem Tage zum andern, heute wie morgen, und der sich etwa nur Sonntags ein kleines Vergnügen bereitet, recht blaß, recht steril, ohne lange Vorfreude, ohne längeren Nachhall — das dehnt das Leben aus, ohne es zu erfüllen, und verwandelt lange inhaltlose Epochen in schnellvergessene Augenblicke. Hier ist das Dasein wie ein Goldfädchen, das dünn, dünn und immer dünner, bis zur Unscheinbarkeit und Unhaltbarkeit fortgezogen wird; dort ein Goldbarren .... so prächtig, so schwer, häufig zu schwer. So ist das Leben eingerichtet: am Ueberfluß oder am Mangel leidet der Mensch.
Es war in Berlin am Neujahrstage. Im ersten Stockwerk eines hellgrauen Hauses unter den Linden an der Ecke der Kirchgasse, saß ein noch junger Mann am Schreibtisch und schrieb. Vor ihm lag ein Brief von Frauenhand; er blickte zuweilen hinein, lächelte und schrieb weiter. Zuweilen legte er die Feder hin, lehnte sich zurück und verfiel in Nachsinnen. Die Mittagssonne glänzte hell ins Zimmer hinein. Es sah sehr freundlich, sehr wohlgeordnet aus, ebenso entfernt von Confusion, als von übertriebener Zierlichkeit. Kissen in Tapisserie genäht, lagen auf dem Sopha; an den Wänden hingen einige hübsche Lithographien, Blumen standen in den Fenstern.
Ein Wagen hielt vor dem Hause, und eine Dame stieg aus, begehrte mit der Besitzerin desselben zu sprechen, und hatte eine lange Unterhaltung mit ihr. Der Schluß davon war, daß die Dame ein wenig ungeduldig sagte:
„Nun, so werde ich selbst den Herrn darum bitten müssen! Sein Sie so gut, mich bei ihm zu melden.“
Die Hauswirthin ging voran, die Dame folgte ihr auf dem Fuß, und während sie die Treppe heraufstieg, fragte sie ein wenig besorgt:
„Der Herr raucht wol sehr stark?“
„Gar nicht, gnädige Frau,“ lautete die beruhigende Antwort der Hauswirthin, welche eben das Zimmer nach raschem Anpochen hastig öffnete, und hineinsprach:
„Herr Regierungsrath, die Frau Generalin von Beiron wünscht Sie zu sprechen.“
Der Mann machte eine lebhafte Bewegung, griff mechanisch nach der Brille, die neben ihm auf dem Schreibtisch lag, und setzte sie auf, indem er sich erhob.
Heutzutag hat ein Mann über dreißig Jahr entweder eine kahle Platte, oder er trägt eine Brille. An diesen Wahrzeichen sind die Söhne unsers Jahrhunderts zu erkennen. Wem sie fehlen, der gehört, mit seltnen Ausnahmen, den letzten Tagen des vergangenen an.
„Da ist der Herr Regierungsrath Forster,“ sagte die Hauswirthin zu der Dame.
Tosca Beiron und Sigismund Forster standen sich gegenüber. Er erkannte sie auf der Stelle. Er wunderte sich, daß sie den Namen trug, den einst ihre Mutter getragen, aber er war nicht einen Augenblick in Zweifel. Sie hatte die ganze Eigenthümlichkeit ihrer Physiognomie behalten: ihre beherrschenden Augen, ihr reizendes Lächeln, ihre unbefangene stolze Haltung; auch ihre Züge waren dieselben, nur ausgeprägter, schärfer, der Mund vielleicht etwas zu groß und die Stirn an den Schläfen nicht mehr ganz frisch. Mit einem Blick übersah es Sigismund. Von Kopf zu Fuß war sie in violetten Sammet gekleidet, und in der Hand hielt sie einen großen Strauß der allerschönsten Frühlingsblumen. Sie sah magnifik aus, als sie so mitten in dem sonnenerleuchteten Zimmer stand. Sie erkannte ihn nicht; oder vielmehr — sie dachte nicht daran, ihn zu erkennen. Sie hatte jetzt andere Gedanken, als ihn. Und überdies war Sigismund auch nicht mehr der schöne heitere Jüngling aus Bonn. Heutzutag ist das Leben eines Mannes, der seinen Weg auf ganz gewöhnlichem Wege machen muß, und darin durch keine allmächtige Protektionen und Connexionen unterstützt, oder durch keine ganz überwältigende Talente gehoben wird — anstrengend und mühselig. Und Anstrengung zerstört die Schönheit — die Schönheit der Züge, die des Ausdrucks nicht. Sigismund hatte scharfe Züge, und sah ernst und kalt aus, kalt sogar, wenn er verbindlich sprach und lächelte. Die Schmarre, welche ihm einst Hohenberg auf der linken Wange beigebracht, war durch einen starken dunkeln Bart bedeckt. Seine Augen hätten vielleicht die Strenge des Gesichts mildern können; aber die Brille verdarb sie, wie zu starker Firniß den Eindruck des schönsten Oelgemäldes schwächt. Bei dem Allen war etwas Festes und Klares in dem Gesicht, etwas, das Vertrauen weckte, und als er mit fester und tönender Stimme, und sich verbeugend, zu Tosca sagte:
„Was verschafft mir die Ehre, Sie hier zu sehen, gnädigste Frau?“
Da entgegnete sie zuversichtlich:
„Die Hoffnung, daß Sie mir eine große, eine übergroße Bitte nicht abschlagen werden.“
Sie setzte sich und fuhr fort, als er sie schweigend und erwartungsvoll ansah:
„Mit zwei Worten: ich wünschte, daß Sie mir diese Ihre Wohnung abtreten und dafür die im zweiten Stockwerk, welche ihr ganz ähnlich ist, nehmen mögten. Meinethalben würde ich weder Sie noch irgend Jemand mit dieser Bitte belästigen; ob ich eine Treppe oder drei steige, ist mir einerlei, und eben so, ob mein Zimmer nach Süden oder nach Norden liegt. Aber mein Mann ist krank, sehr krank; jeder Schritt wird ihm schwer, und mit der, den meisten Kranken eigenen Laune behauptet er, grade diese Wohnung, eine Treppe hoch, Südseite, und in der wir schon vor einigen Jahren gewohnt haben, sei ihm die bequemste, ja mehr! die heilsamste in ganz Berlin. Wir wohnen in British Hotel; es hat dieselbe Lage, allein das Geräusch des Gasthofs ist ihm unerträglich. Da drüben ist ein Haus ganz zu unsrer Disposition; er behauptet, durch die Lage nach Norden wären die Zimmer in Keller verwandelt. Auf der ganzen Südseite der Linden ist in keinem Privathause eine Miethwohnung frei, außer hier im zweiten Stockwerk — und die Linden .... verlassen Fremde so ungern“ .... —
„Gnädige Frau,“ sagte Sigismund, „diese Wohnung steht Ihnen sofort zu Befehl.“
„O Sie sind gütig!“ rief sie lebhaft.
„Es ist mir, wie Ihnen, vollkommen einerlei, gnädige Frau, wie viel Stufen ich zu meinem Zimmer zu steigen habe,“ sagte er ruhig.
„So freut es mich doppelt, daß Sie kein Opfer zu bringen haben, indem Sie den Wunsch eines beklagenswerthen Kranken erfüllen,“ entgegnete sie sanft. „Und wann würden Sie, ohne allzu unbequeme Uebereilung, diese Wohnung verlassen können?“
„Das Zelt eines einzelnen Mannes ist eben so leicht abgebrochen als wieder aufgeschlagen, gnädige Frau, und ich werde es heute und sogleich thun .... denn Ihr Herr Gemahl mag schon ungeduldig sein.“
Tosca stand auf und machte eine Bewegung, als wolle sie ihm die Hand geben; aber, sich besinnend, drückte sie beide Hände gefalten vor die Brust und sagte mit großer Herzlichkeit:
„Ach, daß Sie es thun würden, wußt’ ich wohl, aber wie — das konnt’ ich freilich nicht ahnen.“
„Und dürfte ich fragen,“ entgegnete Sigismund lächelnd, „was Ihnen im Voraus die Gewißheit meines Gehorsams gab?“
„O mein Herr!“ rief Tosca lebhaft, „die Außergewöhnlichkeit meiner Bitte! eine so extraordinäre Insolenz von meiner Seite muß durch einen sehr gewichtigen Grund motivirt und entschuldigt werden — und das wird der begreifen, dem ich meinen Wunsch ausspreche, und ihm willfahren; — so dacht’ ich. Allein, das Wie liebenswürdig zu finden .... darauf durft’ ich nicht rechnen.“
Sie ging der Thür zu, stand still, sah sich rings im Zimmer um und sagte:
„Ach, es ist freundlich hier! Sie haben hier gewiß manche angenehme Stunde, manchen lieben Augenblick verlebt, und wir verjagen Sie unbarmherzig, und machen Ihnen gar heute den Festtag zu einem recht unbequemen Werktag. Nun, ich danke Ihnen aus voller Seele! Ein warmer aufrichtiger Dank bringt mehr Segen, als alle Neujahrsglückwünsche.“
„Das glaub’ ich gern, gnädige Frau,“ entgegnete Sigismund und begleitete Tosca bis zur Treppe. Dann kehrte er ins Zimmer zurück, trat ans Fenster und sah sie in den Wagen steigen, der die Linden herauf fuhr. Ihm war leicht ums Herz, so, als habe er die knabenhafte Ungezogenheit von Bonn gut gemacht. Und wie sie schön ist, wie beherrschend durch Blick und Haltung! dachte er, als er ihr nachblickte; eine prächtige Erscheinung — ganz, wie sie zu werden versprach. — Neben dem Stuhl, auf welchem Tosca gesessen, lag eine Tazettenblüthe, wie ein kleiner goldener, aus dem Himmel auf die Erde gefallener Stern. Sigismund hob sie auf und legte sie in sein Portefeuille. Dann begann er seine Uebersiedelung. Damit verging der Tag. Am Abend saß Sigismund im Zimmer des zweiten Stockwerks am Schreibtisch, um den Brief zu beenden, bei dem er durch Toscas Eintritt gestört worden war. Drei Seiten waren beschrieben. Auf die vierte schrieb er:
„Ich bin unterbrochen worden, liebe Agathe. Aber es thut nichts, denn ich hoffe nächstens auf ein Paar Tage nach Magdeburg kommen zu können, und da holen wir mit Plaudern nach, was ich heut mit Schreiben versäumen mußte. Diese Aussicht macht Deine lieben freundlichen Augen noch freundlicher — nicht wahr? Gott segne diese lieben Augen, meine Agathe, damit sie nichts als Freude, Glück und Liebe auf der Welt sehen, und mir ins Herz blicken mögen.“
S. F.
Dreiviertel des letzten Blatts blieb unbeschrieben. Sigismund couvertirte den Brief und trug ihn selbst auf die Post. Er ging an British Hotel vorüber und sah zu einigen hellerleuchteten Fenstern im ersten Stockwerk empor. Da wohnt sie gewiß, dachte er, und mit einem kranken Mann! — Ihm fiel ein, daß es grade zwölf Jahre waren seit jenem Tage in Bonn, wo er sie so muthwillig gekränkt, und zum letzten Mal ihr schönes Gesichtchen, aber erbleichend und traurig, zwischen den Blumen im Fenster gesehen hatte. Am Abend spät war er wieder vorbei gegangen, und mehrmals auf und ab; seine Ungezogenheit that ihm gar so leid! Er wünschte glühend, sie gut zu machen, Tosca um Verzeihung zu bitten .... aber er sah sie nicht mehr, nie wieder. Ihre Mutter starb, sie erkrankte, sie reiste; er trauerte mit ihr, um sie. Wie ein Meteor, das man ein Mal sieht und nimmer wieder, so war sie aus seinem Horizont verschwunden. Jahre lang dachte er an sie. Wenn er eine schöne Blondine sah, so flüsterte eine Stimme ganz heimlich in ihm: „Fast so schön wie Tosca Beiron.“ Großer Schmerz kam über ihn, sein Vater starb und hinterließ seine Familie unbemittelt. Es folgten eiserne Zeiten voll Sorge und Anstrengung. Durch Schmerzen und durch Mühen mußte er sich kämpfen, und er that es. Die Seinen blickten mit Hoffnung und Liebe auf ihn. Er war ihr Trost, ihre Zuversicht, ihre Freude. Und so ging es ihm denn allmälig besser, und zuletzt gut. Jetzt hatte er im Hause seiner Schwester, die in Magdeburg mit seinem Universitätsfreund Friedrich verheirathet war, ein junges Mädchen kennen gelernt, das er herzlich lieb hatte. Er war mit ihr verlobt, im Frühling wollte er sie heirathen. Toscas Bild war erst blaß und nebelhaft in ihm geworden, dann verschwunden, wie eine Todte im Grabe. Das Leben rauscht darüber hin, und deckt es zu, und nimmt uns so in Anspruch, daß wir nicht Zeit haben, an unsre Todten zu denken. Ständen sie aber auf aus ihrem Grabe, in ihrer alten Schönheit, mit ihrer alten Macht, so würden sie uns wieder beherrschen, wenn sie uns je beherrscht haben; denn begraben können wir viel, aber tödten nichts.
Solche Bilder glitten an Sigismund vorüber, als er durch die Straßen ging. Er versuchte an die Zukunft zu denken, aber magnetisch zogen ihn die Gedanken in die Vergangenheit zurück. „Agathe, zu Dir!“ sagte er halblaut. — —
Am andern Morgen gegen zehn Uhr nahm der General Beiron die Wohnung in Besitz, welche Sigismund verlassen hatte. Zwei Diener trugen ihn aus dem Wagen die Treppe hinauf; er hatte die Brustwassersucht. Ein junger Mann, der schon zwei Stunden früher in Begleitung von Handwerkern und Trägern mit vielen Meublen und Geräthschaften gekommen war, empfing ihn und Tosca, und sagte:
„Ich hoffe, lieber Onkel, daß Sie ziemlich zufrieden mit meinen Anordnungen sein werden, und daß meine schöne Tante ein andres Wort, als ein spöttisches für mich hat.“
„Mein guter Ignaz, ich danke Dir!“ sagte der General freundlich, und gab ihm die Hand.
„Das wollen wir sehen, Ignaz,“ sagte Tosca und ging durch die Zimmer. Nach zwei Minuten kam sie wieder und sagte lachend:
„Ich muß Sie loben, mein Ignaz! in allen Zimmern ist etwas ganz Wesentliches vergessen. Hier im Salon ein Schachbrett-Tisch, im Zimmer meines Mannes Sophapolster, und in meinem Zimmer Blumen.“
„Sie sehen, lieber Onkel, daß ich wirklich Recht habe, mich ein wenig über die eiserne Unnachsichtigkeit meiner schönen Tante zu grämen. Gestern waren alle Magazine geschlossen; heute war’s bis früh acht Uhr Nacht. Ich schmeichelte mir, in zwei Stunden geleistet zu haben, was in menschlicher Kraft steht .... aber nein!“ ....
„Und abermals nein!“ unterbrach ihn Tosca; „denn Sie haben mich bis daher immer glauben machen, daß Ihnen zu meinem Dienst mehr als menschliche Kräfte zu Gebot ständen.“
„Ist sie liebenswürdig?“ sagte der General lächelnd zu seinem Neffen.
„Ach, ich bin unglückselig!“ rief Ignaz. „Eine solche Aeußerung müßte mir ja wenigstens Flügel und Zauberstab verleihen, und statt dem Allen steht mir nichts zu Gebot, als ein Miethwagen .... und mein guter Wille.“
„Mit dem guten Willen macht man hübsche Phrasen und weiter nichts!“ sagte Tosca lachend.
„Ich gehe schon, ich gehe!“ rief Ignaz; „aber gestehen Sie, daß es hart ist, nie ein Wort der Zufriedenheit zu hören .... wenigstens kein directes.“
Er verließ das Zimmer. Tosca blickte ihm seltsam nach, und der General sagte:
„Welch ein Mensch! welch ein goldnes Herz an Treue und Ergebenheit. Wahrlich, er gehört nicht unsrer Zeit und unsrer Welt an.“
„Das denk’ ich auch .... zuweilen,“ sagte Tosca. Ihr Mann sah sie fragend an. „Ja,“ fuhr sie fort, „mit dem Alter, glaub’ ich, kommt uns der Zweifel, und ich werde älter und immer älter, und da mein’ ich zuweilen, der Ignaz spiele Komödie.“
„Wenn er das thut,“ entgegnete der General, „so hat er sich wenigstens eine schöne und schwere Rolle gewählt.“
„O, nicht schwer!“ rief Tosca. Sie setzte sich zu ihrem Mann, sie nahm seine abgemagerte Hand in ihre weichen feinen Hände, sie sah ihm mit tiefer Innigkeit in das blasse, greisenhafte Gesicht.
„Doch! doch! mein guter Engel,“ antwortete er traurig. „Welch ein Leben führt Ihr Beide, Du und er, seit drei Jahren. Es ist hart in Eurem Alter Krankenpfleger sein zu müssen.“
„Für ihn vielleicht, nicht für mich, denn ich thue ja nichts weiter für Dich, als daß ich bei Dir bin .... und auch das erlaubst Du mir ja nicht immer.“
„Gewiß nicht!“ sagte der General eifrig; „Du mußt ausgehen, mußt mit Menschen verkehren, mußt Dir die Welt ansehen und ihre Huldigung und Bewunderung hinnehmen. Ja, das mußt Du! dazu bist Du geboren, und ich bestehe vielleicht aus Egoismus darauf. Nicht als ob es mir schmeichelte, Dich gefeiert zu wissen — wie das so oft alten Männern von schönen jungen Frauen geschieht — sondern weil es Deiner Eigenthümlichkeit zusagt, sich in bunten Kreisen zu bewegen, weil es Dich anregt, Dich heiter stimmt, Dir Gelegenheit giebt, Deine Liebenswürdigkeit zu entfalten; und weil der Mensch, wenn er sich auf seinem rechten Platz fühlt, zufrieden mit sich und mit Andern ist und Muth und Laune nicht verliert, die Du doch so sehr nöthig hast bei Deinem alten kranken Mann. Du siehst, wie egoistisch ich bin.“
„Wie gut Du bist,“ sagte Tosca sanft. Sie weinte nicht, aber die Thränen fielen ihr langsam und fest aus den diamantnen Augen. Der General machte eine leise verneinende Bewegung mit dem Kopfe.
„Ich kann besser Blut sehen als Thränen,“ sprach er.
Tosca schloß einen Moment die Augen, und that sie frisch und stralend auf. Er nickte ihr freundlich zu.
„Sag mir,“ hub er wieder an, nachdem er sich im Zimmer umgesehen, „wie heißt der Mann, den wir aus dieser freundlichen Wohnung vertrieben haben?“
„Regierungsrath ist er,“ antwortete sie; „die Hauswirthin nannte auch seinen Namen, aber, wie das bei Präsentationen immer geht, ich verstand ihn nicht.“
„Gleichviel! ich mögte doch sehr gern seine Bekanntschaft machen. Solche Bereitwilligkeit gegen wild-fremde Menschen ist erstaunenswerth.“
„Das dächt’ ich doch nicht,“ sagte sie gelassen.
„Lieber Engel, die meisten Leute scheuen weniger ein großes Opfer, als eine große Unbequemlichkeit, und eine solche haben wir ihm doch verursacht.“
„Das ist wahr!“ rief sie, „ich werd’ ihm zwei Worte schreiben.“
Sie schrieb:
„Sie müssen jetzt die Consequenzen Ihrer wundervollen Güte hinnehmen, und meinem Mann die Gelegenheit gönnen, Ihnen seinen herzlichen Dank auszusprechen. Es würde ihn betrüben, wenn er Ihre Freundlichkeit nur wie ein Almosen betrachten müßte — und mich auch
Tosca Beiron.“
Das Billet wurde herauf geschickt, und die mündliche Antwort lautete, der Herr werde später die Ehre haben, seinen Besuch zu machen.
Ignaz kam zurück; Blumen, Schachbretttisch, Sophapolster langten auch an. Es wurde Alles geordnet, eingerichtet, so viel wie möglich behaglich gemacht. Der General sagte endlich:
„Jetzt glaube ich, daß wir den Winter hier ganz leidlich verbringen werden.“
Da gab Tosca ihre Hand an Ignaz, und sagte mit ihrem holdseligsten Lächeln:
„Das ist hauptsächlich Ihr Werk! ich danke Ihnen.“
Ignaz küßte diese Hand, aber er drückte sie heftiger, als man bei einem Handkuß zu thun pflegt. Der General ging in sein Zimmer; er war angegriffen, der unruhevolle Morgen hatte ihn ermüdet. Seine Nächte waren ohnehin fast immer schlecht; Tags schlief er zuweilen im Lehnstuhl ein. Ignaz kniete auf Toscas Fußkissen vor ihr nieder, als sie allein waren, und sagte:
„Sie wissen, wie ein freundliches Wort, ein holder Blick von Ihnen mich beseligt: weshalb denn geizen Sie so unbarmherzig damit?“
„Ich geize nicht, Ignaz, ich verschwende nur nicht,“ antwortete sie ruhig, lehnte sich im Sopha zurück und ließ ihn knien.
„Tosca!“ sagte er und schüttelte langsam und nachdenklich den Kopf, „Sie sind schön, Sie sind geistreich, Sie sind edel, Sie sind liebenswürdig...“
„Ja, ja, ja! ich bin vollkommen!“ unterbrach sie ihn.
„Nein,“ entgegnete er, „vollkommen sind Sie nicht.“
„Gott sei Dank!“ rief sie, „Gott sei Dank! denn vollkommne Menschen, hab ich mir sagen lassen, würden nicht geliebt — nur bewundert.“
„Aber warum wollen Sie geliebt werden? was liegt Ihnen an Liebe? — Sie lieben ja nicht wieder! Das ist Ihr einziger Fehler, Tosca, Sie haben ein eiskaltes, ein marmornes Herz: Sie können nicht lieben.“
„O doch!“ sagte sie höchst gelassen; „ich liebe meinen Mann, und nächst ihm — Sie.“
Ignaz sprang auf und rief heftig: „O entweihen Sie nicht die Liebe, indem Sie jenes dürftige Gefühlchen so nennen.“
„Dürftig wie es ist, füllt es mein Herz aus. Ich kann nicht dafür, daß Gott es so eng und klein gemacht hat,“ entgegnete sie spöttisch.
„Tosca!“ rief Ignaz ganz außer sich, „Du lästerst! Dein Herz“ .... —
„Ich bitte mir aus, Ignaz, daß Sie mich Sie nennen,“ unterbrach ihn Tosca, — „nun also: mein Herz“ .... —
„O Sie haben kein Herz! ich sagte vorhin, es sei von Marmor, aber es ist nicht wahr! Sie haben keins. Gott hat Ihnen den Stempel der Vollendung nicht aufgedrückt, Ihnen fehlt die Glorie des Weibes.“
„So sagen alle Männer, wenn wir ihnen nicht überwunden in die Arme — oder noch besser, zu Füßen sinken.“
„Ich zweifle nicht, gnädige Frau, daß Sie manche Erfahrungen der Art gemacht haben!“ rief er bitter.
„Ach Ignaz,“ sagte Tosca freundlich, „ergrimmen Sie Sich doch nicht so unnütz gegen mich, Sie wissen ja, wie ich gegen Sie gesinnt, daß ich Ihnen von Herzen gut bin. Wir haben ja längst mit einander ausgemacht, ich sei keiner leidenschaftlichen Liebe fähig, Sie meinen: weil ich zu kalt und stolz sei; ich sage: weil ich zu schüchtern bin...“
„Aber Schüchternheit hindert die Liebe nicht, steigert sie wol gar! Das schüchternste Mädchen liebt“ .... —
„Und wird dafür gekränkt und verletzt, Ignaz; dadurch verlernt man zu lieben.“
„Sie wollen nicht lieben, Tosca!“
„Ich hab’ oft gehört und gelesen, die Liebe sei ganz unabhängig vom Willen, und stärker als er .... und ich glaub’ es.“
„Warum?“ fragte Ignaz mißtrauisch.
„Inquisitor!“ warf sie hin. „Weil ich es mit dem Liebenwollen nie bis zum Lieben gebracht habe,“ setzte sie hinzu.
Ignaz stand mit untergeschlagenen Armen vor ihr, fixirte sie scharf und sagte: „Das ist mein Trost.“ Er sah recht schön aus. Schwarze Locken legten sich dick und schwer um seine Stirn, von der sich die Nase zart und grade herabsenkte. Die Augen traten tief unter den Augenknochen zurück; schwarze Brauen und lange schwarze Wimpern verschatteten sie dermaßen, daß sie wie unterirdisches Licht glänzten, wozu freilich auch ihre Farbe beitrug; sie waren gelb und der äußerste Rand der Iris war orangefarben. Scharf wie die Augen war auch der Mund, ganz klein, ganz festgeschlossen, mit schmalen purpurrothen Lippen. Im Ganzen war das Gesicht vielleicht noch frappanter, als es schön war, weil es den Antinous und den Vampyr verschmolz. Auf Tosca schien er übrigens weder den einen noch den andern Eindruck zu machen. Sie fing an in einem großen Korb von indischem Rohr, zwischen Wolle, Seide, Chenille und Stickmuster umher zu suchen, und sagte während der Zeit:
„Was wir ganz nothwendig haben müssen, das sind Reitpferde, lieber Ignaz. Gelt, die besorgen Sie?“
„Ich wundre mich, gnädige Frau, daß Sie nicht müde werden, Ihre Befehle einem so gleichgültigen Menschen, wie ich es Ihnen bin, zu ertheilen,“ sagte er gereizt.
„Wenn’s Ihnen zu viel wird, so lassen Sie sie unausgeführt! ich finde wol einen andern Vollstrecker nicht meines letzten — sondern überhaupt meines Willens.“
Diese Worte schienen Ignaz zur Besinnung zu bringen. Sein Ausdruck wurde sanfter, die leidenschaftliche Aufregung schien sich zu legen.
„Vergebung!“ sprach er mit schmeichelndem Ton.
„Gern, mein guter Ignaz!“ sagte sie ohne ihre arbeitsame Laune unterbrechen zu lassen.
Er ging. Auf dem Vorsaal begegnete ihm Sigismund, der eben die Treppe herabkam. Beide fixirten sich im Vorüberstreifen. Ignaz eilte fort. Sigismund ließ sich bei Tosca melden. Als er dem Diener, der seinen Namen nannte, auf dem Fuß folgte, und ohne Brille eintrat, erkannte Tosca ihn plötzlich, erröthete heftig und sagte sehr überrascht, fast verlegen:
„Sind Sie es?... mein Gott!“
„Ich glaube, wir sind alte Bekannte,“ entgegnete er, „und ich war schon gestern nicht im Zweifel, wen ich die Ehre hatte zu sehen.“
„Ich erkannte Sie nicht, und wahrscheinlich deshalb nicht, weil Ihr Auge wie ein Bild hinter Glas und Rahmen lag. Jetzt gut — sehr gut!“
„Doch wol kaum, gnädigste Frau; ein halbes Leben liegt zwischen heut und damals. Da verändert man sich, oft, durch und durch! Ernst tritt an die Stelle der Heiterkeit, Zweifel an die des Vertrauens, Ueberlegung an die der Unbesonnenheit.“
„Vielleicht ist das mehr bei Männern der Fall als bei Frauen,“ entgegnete Tosca. „Jene müssen ihre Stellung oder ihre Existenz der Welt abringen; diesen wird sie gemacht und dargeboten. Unser Leben ist von der Wiege bis zum Grabe recht sorglos und leicht, und daher verändern wir uns auch wenig.“
„Es freut mich von ganzem Herzen, daß Sie Ihr Leben leicht und sorglos nennen, gnädige Frau — und nicht blos darum, weil es für Ihre Zufriedenheit spricht, sondern ebensosehr, weil Sie es anerkennen.“
„Ja ja, ich weiß wol,“ sagte Tosca, „daß einige kleine Klagen über verschwundene Illusionen und unerfüllte Wünsche und zerknickte Hoffnungen uns sehr gut stehen; aber ich liebe es wahr zu sein, und da mir nichts zerknickt noch untergegangen ist, so versteh ich auch nicht graziös darüber zu lamentiren. Jetzt bin ich aber doch traurig,“ setzte sie ernst hinzu; „mein Mann ist leidend, und rettungslos. So spricht er selbst, so geben die Aerzte es zu verstehen. Es ist entsetzlich, keine andre Erlösung von so großen Qualen erwarten zu dürfen, als den Tod. Wissen Sie, was es heißt, Jemand leiden, hinsterben und sterben zu sehen, den man liebt?“
„Ich weiß es! ich habe meinen Vater an jammervoller Krankheit verloren.“
„Ihren Vater? ... o ja, das ist beklagenswerth. Aber sehen Sie, es ist doch noch ein andrer Schmerz. Ich habe auch meinen guten Vater verloren, und meine geliebte angebetete Mutter...“
„Damals war ich in Bonn.“
„Ich erinnre mich,“ sagte Tosca erröthend. „Nun, ich beweinte, ich betrauerte die Eltern, ich denke noch jetzt nie ohne Dankbarkeit für ihr Leben und Wehmuth um ihren Tod an sie; aber wenn der Mann uns stirbt, da fehlt uns die Erde unter den Füßen, da ist uns die Gegenwart und die Zukunft ruinirt; die Eltern gehören nur unsrer Vergangenheit an.“
„Die Natur hat Kräfte und Hülfsquellen, gnädige Frau, welche oft die Aerzte selbst überraschen“ ... —
Tosca schüttelte traurig den Kopf: „Seit drei Jahren leidet er an der Brustwassersucht; davon erholt man sich nicht! Er nicht! er ist nicht jung mehr, er ist im sechszigsten Jahr.“
Während Tosca gesprochen, hatte Sigismund sich unwillkürlich von dem General das Bild eines noch jungen Mannes entworfen, ihrem Alter angemessen, leidend an irgend einem Uebel, das durch eine starke Natur zu heben sein werde; — aber die Brustwassersucht, aber sechszig Jahr, aber ein kranker Greis! und für ihn solche Zärtlichkeit! das überraschte ihn so, daß er Mißtrauen gegen sie faßte, und in diesem Sinn sagte er:
„Tröstungen sind immer unstatthaft. Indessen gnädige Frau, sollte die bedeutende Altersverschiedenheit zwischen Ihnen und Ihrem Herrn Gemahl Sie doch von Anfang an auf die Möglichkeit vorbereitet haben, ihn zu verlieren.“
„Ach!“ rief sie ein wenig ungeduldig, „wer denkt an so triste Möglichkeiten, wenn man glücklich ist? Es ist wahr! ich war 18 Jahr, als ich ihn heirathete, und er war 48. Allein der Unterschied der Jahre machte mir keinen andern Eindruck, als daß ich mich zuweilen zu jung für ihn fand; er kam mir nie zu alt für mich vor. Und dann .... daß man jung ist, ist ja kein Grund um lange zu leben.“
„Doch ist er gültiger für die Jugend als fürs Alter,“ erwiderte Sigismund lächelnd.
„Ueber die Jugend kommen die plötzlichen, die vernichtenden Stürme,“ sagte sie. „Im Frühling fallen im Gebirg die Lawinen — nicht im Winter.“
Sigismund sah sie an. Jung, schön, glücklich, und so ernst? dachte er heimlich; und weil er dachte, so schwieg er. Tosca sagte während der Zeit:
„Mein Mann wünscht sehr Ihre Bekanntschaft zu machen. Wenn Sie diesen Wunsch ebenso freundlich erfüllen wollen wie seinen ersten, so müssen Sie ihn Abends besuchen; das ist seine gute Zeit. Er ist so gesellig, so mittheilsam, interessirt sich so lebhaft für Alles, was draußen in der Welt vorgeht, und kann jetzt nur noch durch Erzählung Anderer daran Theil nehmen. Aber das erfrischt ihn sichtlich. Zum Glück hat er hier manche Bekannte aus früherer Zeit, die ihm gern ein Stündchen schenken.... — Vergebung!“ unterbrach sie sich plötzlich und verließ rasch das Zimmer.
Sigismund blickte ihr nach. Er fand sie eine wunderherrliche Erscheinung, voll unsäglichem Adel, aber, dachte er noch immer mißtrauisch, warum spricht sie so viel von ihrem Mann? Tosca kehrte zurück.
„Vergebung,“ sagte sie, „ich hörte eine kleine Schelle, durch die mein Mann mich zu rufen pflegt.“
Sigismund stand auf.
„Ah!“ rief sie lachend, „haben Sie es übel genommen, daß ich Sie allein gelassen?“
„Ich muß mich wol sehr schlecht auf Pantomime verstehen, wenn Sie, gnädige Frau, die meine so deuten,“ antwortete er und setzte sich wieder.
Sie sprachen allerlei, über fremde Länder, Reisen, Kunst, Gesellschaft, Schicksale. Tosca hatte Vieles gesehen, Manches gedacht, Einiges empfunden, und — Nichts erlebt. Sie war an Allem vorbei geglitten, wie unter einer Taucherglocke oder wie in einem Luftballon. Erfahrung und Menschenkenntniß hatte sie gar nicht. Welch eine himmlische Unvollkommenheit! dachte Sigismund, und er konnte sich nicht enthalten, ihr diese Bemerkung auszusprechen.
„Das kann wol sein,“ erwiderte Tosca. „Ich bin mit nichts und mit Niemand in Conflict gerathen ... mein Mann denkt, sorgt, thut für mich; wie hätte ich es da wol anfangen sollen, um klug zu werden... — oder weltklug, wenn Sie lieber wollen,“ setzte sie mit heiterm Lächeln hinzu.
„Ich stelle es mir als das höchste Glück des Mannes vor,“ sagte Sigismund, „in dieser Weise neben einer Frau stehen zu können. Er kämpft für sie den ganzen Kampf mit der Wirklichkeit, und sie freut sich der Trophäen seiner Siege, ohne zu wissen, welche Anstrengungen sie ihn kosten.“
„Und dann,“ sagte Tosca mit fröhlichem Spott, „wird die Frau so prächtig bequem durch ihre Unwissenheit beherrscht.“
„Immer noch spöttisch wie sonst,“ sagte Sigismund.
Ihre Unterhaltung hätte vielleicht noch lange gewährt, wenn Ignaz nicht gekommen wäre.
„Graf Adlercron, meines Mannes Neffe, unser treuer Gefährte seit drei Jahren;“ sprach Tosca und nannte darauf Sigismund.
Ignaz machte ihm einen widerwärtigen Eindruck, obgleich er die verbindlichsten Manieren hatte; sie waren nur zu verbindlich; daher blieb auch Sigismund kalt und hoch. Er ging bald. Die Intimität zwischen Tosca und Ignaz mißfiel ihm. Er bat nicht um Erlaubniß wiederkommen zu dürfen, und da Tosca ihn schon einmal dazu aufgefodert hatte, so hielt sie die Wiederholung für überflüssig.
Einige Tage vergingen, ohne daß er sich um seine Hausgenossen bekümmerte, und nur zufällig sah er einmal Tosca und Ignaz in der Mittagstunde spazieren reiten — — wie der Engel des Lichts und der der Finsterniß! flog ihm durch den Sinn. Ein Brief, den er erhalten hatte, mogte ihn wol in dem Entschluß bestärkt haben, sich nicht mit diesen Menschen abzugeben.
„Lieber Sigismund,“ lautete der, „zum ersten Mal, seit Du mir schreibst, habe ich über Deinen Brief vom Neujahrstag und von Deinem Geburtstag keine reine Freude gehabt. Du wirst’s nicht glauben, und noch weniger glauben, wenn ich Dir die Ursache sage. Es war — weil ich nicht Deine Schrift durch das Couvert schimmern sah. Sonst, wenn ich Deine Briefe bekomme, überfluthet mich immer eine ungeheure Freude, noch ehe ich sie erbreche, weil ich durch das dünne Papier hindurch sehe, daß Du nicht ein Plätzchen leer gelassen hast, auf welchem ein liebes Wort stehen kann. Gestern erschrak ich und dachte: Jesus! er ist krank, er schreibt mir flüchtig! — Das war meine erste Empfindung bei Deinem Brief! ja, stell’ Dir vor, Sigismund, nicht Freude, sondern Bekümmerniß! — Hernach, als ich ihn las, verlor sich das; ach, wie sollte es nicht, wenn Du an mich denkst, und ich an Dich? Aber es that mir doch leid, daß der Brief so gelegt sein mußte, um mich durch sein ungewohntes weißes Blatt zu erschrecken; und dann, daß Du mir nicht erzählst, ob eine angenehme oder unangenehme Unterbrechung Dich gestört hat. Aber das Alles ging unter, als ich Dein Versprechen las, bald wieder herüber zu kommen, Sigismund meines Herzens! Es ist doch noch nicht so gar lange her, seit dem Weihnachtsfest; doch wenn ich daran denke, daß ich Dich seitdem nicht gesehen habe, so kommts mir vor wie tausend Jahr. Und wenn ichs recht bedenke, so ist mirs doch auch wieder ganz nah, denn noch jetzt leb’ und webe ich darin, und mit Dir! und ich höre Deine Stimme, und ich weiß jedes Wort, das Du gesagt hast, und ich fühle Deinen Blick, und es kommt eine große Freude über mich — weil ich Dich so sehr liebe! — Hör! was Du von meinen Augen schreibst — das machte mich glücklich, aber ganz himmlisch glücklich. Ich lief vor den Spiegel, und sah sie an. Ich sollt’s wol eigentlich nicht sagen, allein ich gesteh’ es Dir doch; ja, sie kamen mir hübsch vor, sehr hübsch, meine Augen! und wenn ich später nur erst immer und immer bei Dir sein werde, wie sollten sie da etwas Andres auf der Welt sehen, als Freude, Glück und Liebe? denn Du bist meine Freude, mein Glück und meine Liebe, Sigismund, und diese Gewißheit wird uns Beiden das Leben so verklären, daß auf der Erde unsrer Seligkeit kein Ende sein wird; — nicht wahr? und im Himmel da geht sie von Neuem an. — Ich bitte Dich, schreibe mir, wann Du kommen wirst; dann rechne ich die Stunden, Minuten und Sekunden bis zum Wiedersehen aus, und damit bild’ ich mir ein, vergeht die Zeit schneller. Geliebter Sigismund, leb’ recht wohl, und immer eingedenk Deiner Agathe.“
Er wollte Agathen und sich selbst so bald wie möglich die Freude des Wiedersehens machen, und da er sehr beschäftigt war, jeden Augenblick zur Arbeit verwenden, um früher frei zu werden.
Es war ein Uhr Nachts. Sigismund legte die Feder fort, um für heute sein Tagewerk zu beschließen. Da hörte er unten beim General Beiron, wo schon seit anderthalb Stunden Alles still gewesen war, heftig schellen, Thüren auf und zugehen, Schritte, Stimmen, große Unruh’. In einer Miethwohnung pflegt man sehr gleichgültig für seine Hausgenossen zu sein, allein der Gedanke, daß der General vielleicht im Sterben liege, erschreckte Sigismund, und noch mehr der, daß Tosca allein bei ihm sei, denn in solchem Moment zählen Dienstboten nicht und Ignaz, das wußte er, wohnte in British Hotel. Er ging herunter, wenigstens um Erkundigungen einzuziehen. Die Thür zum Salon stand auf, und Toscas Kammerfrau mitten drin, ganz verblüfft und verschlafen nach Art solcher Leute, die in ungewohnten Vorfällen vollkommen unbrauchbar zu sein pflegen, sobald sie nicht einen bestimmten Auftrag zu vollziehen haben. Dienstboten verstehen im Grunde nichts, als Befehle. Sigismund fragte nach dem Unfall. Das Mädchen antwortete im winselnden Ton. Als Tosca reden hörte, kam sie geschwind herein; sie glaubte, es sei der Arzt. Sigismund gewahrend versuchte sie zu lächeln und sagte:
„Es ist ein erstickender Anfall, Schlagfluß ... ich weiß auch nicht was! aber ich ängstige mich!... Wir haben Sie wol gestört?“ — Und ohne seine Antwort zu erwarten, ging sie zurück. Sie schien seine Gegenwart, seine Theilnahme ganz natürlich zu finden, und sie doch nicht im Geringsten auf sich selbst zu beziehen. Das Kammermädchen fuhr sehr gesprächig, aber in leiserem Ton fort, ihm von dem Befinden des Generals Bericht zu erstatten, und wie die gnädige Frau oft drei bis viermal Nachts aufstehe, um zu sehen, wie es ihm gehe, und wie der Herr General sie nie anders nenne als Engel — was sie denn auch wirklich sei, und sich den Himmel an ihm verdiene. Er hörte ihr aufmerksam zu. Ach, er kannte die Welt so lange und so tief, daß es ihm schwer ward an den Engel zu glauben, daß er das große Vermögen des Generals und seinen schönen Neffen immer im Hintergrund von Toscas Zärtlichkeit für ihren alten Gemahl gewahrte. Wenn er sie sah, verschwand dies Mißtrauen; aber wenn er nur ihre Verhältnisse überdachte, stieg es auf.
Der Arzt kam und ging zum Kranken. Sigismund blieb, um dessen Ausspruch zu erwarten. Da trat Tosca ein, sagte zur Kammerfrau:
„Machen Sie mir Thee;“ und dann hastig zu Sigismund:
„Gut! o gut, daß Sie da sind! nicht wahr, Sie sind Jurist, da können Sie ein Testament machen.“
„Mein eignes nur, gnädige Frau,“ entgegnete er fast verächtlich.
„Also nicht das meine?“ fragte sie traurig.
„Das Ihre!“ rief er überrascht; „aber dies ist ja gar nicht der Moment, um an das Ihre zu denken.“
„Sie meinen, an das meines Mannes,“ sagte sie und die Thränen rollten ihr langsam aus den Augen; „das ist längst gemacht, und ich weiß auch wie: ich bin seine alleinige Erbin. Aber eben darum will ich das meinige machen, oder vielmehr eine Donation“ .... —
„Eine Donation?“ rief er noch überraschter.
„Ja, des ganzen Vermögens, an Graf Ignaz.“
„Ah so!“ sagte Sigismund wieder abgekühlt.
„Denn sonst giebt es einen entsetzlichen Prozeß gegen mich von Seiten der Adlercronschen Familie, spricht Ignaz“ — fuhr sie fort und weinte heftiger — „und Sie sehen doch wol ein, daß ich mich nicht am Todbette und über dem Grabe meines Mannes um sein Vermögen mit seinen Verwandten zanken werde.“
„Und deshalb wollen Sie das ganze Vermögen an Graf Adlercron abtreten?“ fragte Sigismund mit dem höchsten Erstaunen.
„Ja,“ sagte sie; „er wird dann Alles arrangiren, denn er versteht es, und ich nicht.“
„Eben deshalb,“ rief Sigismund lebhaft und bewegt, „dürfen Sie nicht — verzeihen Sie das Wort! so unerhört unbedachtsam zu Werke gehen. Sie geben sich ja ganz in Graf Adlercrons Hände.“
„Nun ja! irgend Jemand muß meine Geschäfte führen; weshalb nicht er, der die Verhältnisse kennt?“
„Ich zweifle ja auf keine Weise an Graf Adlercrons Ergebenheit für Sie, noch an seiner Geschicklichkeit; — aber ist er selbständig, unabhängig genug, um nicht einen fremden Vortheil — ich sage nicht seinen eigenen — dem Ihren vorzuziehen?“
„Er ist ganz unbemittelt,“ sprach Tosca nachdenklich, „und er hat eine Mutter und eilf Geschwister.“
Sigismund taumelte fast zurück, dann sagte er dringend und ernst:
„Gnädige Frau, ich beschwöre Sie, in dieser Angelegenheit nicht mit allzu blindem Vertrauen zu Werke zu gehen. Hören Sie Rath und Vorschläge von Männern an, welche die Verhältnisse verstehen und auf keine Weise dabei betheiligt sind“ ... —
„Ich kenne Niemand als Sie,“ unterbrach sie ihn.
„Geben Sie mir Ihr Wort, vor der Hand nichts zu thun, und Sich zu nichts drängen zu lassen“ ... —
„Aber warum soll ich nichts thun?“
„Weil Sie noch nicht an dem Zustand Ihres Herrn Gemahls verzweifeln dürfen!“ rief er.
Indem trat der Arzt ein und sprach:
„Beruhigen Sie Sich, gnädige Frau! es ist ein vorübergehender Anfall, vielleicht eine geringe Erkältung gewesen. Sie haben nichts zu fürchten.“
Tosca dankte dem Arzt. Dann warf sie ein stralendes Lächeln auf Sigismund und sagte:
„Glücksprophet!“ und ging zu ihrem Mann.
Sigismund eilte auf sein Zimmer. Er warf sich in einen Lehnstuhl und den Kopf in die Hand. Aber sie wird ja ruinirt, dachte er, wenn sie in ihrer blinden Großmuth oder großmüthigen Uneigennützigkeit solche Thorheit begeht. Jenem Menschen, mit seinem affablen Lächeln, seinen glatten Worten und seinen stechenden Augen, der unbemittelt ist, und eilf Geschwister hat — und der, das ist ganz klar, sie zu diesem Schritt zu bewegen sucht — dem traue ich nicht! — Er nahm sich vor, Tosca zu bewachen, und Graf Adlercron zu beobachten. Ihm schien, als könne er dadurch einem großen Unrecht vorbeugen, heimliche Plane zerstören, welche eine arme, unbefangene Frau wie ein geschicktes Netz umgarnten. Er bat ihr heimlich den ungerechten Verdacht ab, den er gegen sie gehegt. Es freute ihn in der Seele, daß ihre prächtig edle Wesenheit ihre prächtig edle Erscheinung bedinge, daß ihr Herz so rein sei wie ihre Stirn, so hell wie ihr Lächeln, so hoch wie ihr Auge; daß ihre Seele ihrer Schönheit Wort halte. Er war innerlichst befriedigt, als habe er ein Kleinod, das er verloren geglaubt, überraschend wiedergefunden. Die Welt ist dermaßen in egoistischen Bestrebungen begraben, daß uns nichts so rührt, als die Uneigennützigkeit, die Absichtslosigkeit, welcher Art sie auch sei — wohlverstanden, wenn sie uns rührt; denn Viele betrachten den Eigennutz als eine Schutzwaffe, um nicht düpirt zu werden, und den, der ihn verschmäht, als einen Einfaltspinsel.
Gegen vier Uhr Morgens ging Sigismund wieder herunter, und fragte einen der Bedienten, wie es gehe. Der General war besser; Tosca hatte ihn eben verlassen, um die gestörte Ruhe zu suchen, und ganz beruhigt that Sigismund es auch.
Als Ignaz am andern Morgen wie gewöhnlich kam und durch den General den nächtlichen Unfall erfuhr, gerieth er in die heftigste Aufregung, beklagte sich über Vernachlässigung, über Vorenthaltung seines Rechts, in solchem wichtigen Moment nicht gerufen worden zu sein, so daß sein Onkel gar nicht wußte, wie ihn trösten und beruhigen. Ignaz verharrte in seiner Verzweiflung, und ging tief gekränkt zu Tosca.
„Mein Gott,“ sagte sie, nachdem er bitter geklagt, „ich dachte nur an meinen Mann, bis der Doctor kam, und als der ging, war ja fernere Sorge unnütz; wozu sollt’ ich Sie da noch rufen lassen?“
„Sie wissen, Tosca, daß ich jeden Augenblick der Sorge mit Ihnen theilen, und dadurch Ihnen erleichtern mögte, und es ist grausam von Ihnen, mir diese Befriedigung zu mißgönnen,“ sagte er heftig.
„Beau cousin,“ antwortete sie gleichmüthig, „die Theilnahme der Freunde ist sehr wohlthätig, so lange sie nicht in Zwang und Zudringlichkeit ausartet.“
„Das ist die Entschuldigung der Undankbarkeit!“ rief Ignaz immer heftiger.
Sigismund kam in dem Augenblick die Treppe herab, um auszugehen. Er hörte die heftige Stimme im Salon; sein geheimer Groll gegen Ignaz, dem er sie zuschrieb, erwachte; er wünschte ihn zu stören, und fragte den im Vorsaal sitzenden Diener, ob er die Frau Generalin sprechen könne. Der öffnete sogleich die Thür, und als Sigismund eintrat, rief ihm Tosca freudig entgegen:
„Es geht gut, recht gut! aber sagen Sie mir, welcher gute Geist Sie über Nacht herführte?“
Ignaz fuhr zusammen. Er war so überrascht, daß er vergaß sein Gesicht zu beherrschen, und daß aus seiner verbindlichen Miene ein Blick, wie ein plötzlich gezückter Dolch auf Sigismund flog. Der beachtete ihn nicht, sondern gab an Tosca die begehrte Antwort, und bat um Erlaubniß, am Abend wiederkommen zu dürfen.
„Das haben wir längst gewünscht,“ sprach sie, und Sigismund ging gleich darauf.
Kaum war er fort, so brach bei Ignaz ein wahrer Sturm aus. Vorwürfe, Bitten, Warnungen, Bestürmungen jagten einander. Tosca zuckte stumm die Achseln. Endlich rief sie:
„Mit welchem Recht sagen Sie mir eigentlich all diese Impertinenzen! ich bin wahrlich recht gütig, daß ich Ihnen nicht die Thür weise, und meine Liebe für meinen Mann muß sehr groß sein, um die Insolenz seines Neffen ertragen zu lassen.“
„Insolenz!“ rief Ignaz, und fiel wie geknickt in einen Stuhl. „Sie nennen Insolenz, wenn mir das Herz bricht, weil ich sehe, daß Sie einem wildfremden Manne Bevorzugungen gestatten, die Sie mir versagen.“
Tosca lachte hell auf: „Sie werden wahrhaft ergötzlich, armer Ignaz! Wären Sie vorhin nicht in Wuth gewesen, hätten Sie dem ‚wildfremden Mann,’ wie Sie ihn nennen, zugehört, so würden Sie jetzt wissen, wie es mit diesen Bevorzugungen zusammenhängt — ein Wort,“ setzte sie sehr ernst hinzu, „das übrigens mir gegenüber in Ihrem Munde höchst unstatthaft ist.“
„Nun zürnen Sie mir wol gar?“ .... rief Ignaz.
„Nein!“ unterbrach sie ihn; „Sie verstehen nur nicht die Verhältnisse — wenigstens nicht mich. Sie scheinen immer von geheimer Angst bewegt“ .... —
„Ich? von Angst? und von geheimer?“ rief Ignaz erschrocken; „ich habe kein Geheimniß vor Ihnen! mein Herz liegt vor Ihren Blicken da. Ich liebe Sie. Mein Leben, meine Zukunft .... die Zukunft meines Herzens — hängt von Ihnen ab.“ .... —
„O Ignaz! wie können Sie so zu mir sprechen?“ rief Tosca mit stolzem Unwillen. „Der beste, edelste Mann lebt, lebt in langer herber Qual; ich stehe an seinem Krankenbett mit den Gefühlen, die ich stets für ihn gehabt habe und die Sie kennen; Sie stehen ihm zur Seite als Sohn, mir als Freund, uns Beiden als Stütze; und Sie sprechen so zu mir! O schämen Sie Sich, Ignaz! das ist nicht recht!“
Sie stand auf, um den Salon zu verlassen. Er wollte sie zurückhalten, an der Hand, am Kleide; sie machte eine abwehrende Bewegung, und ging in ihr Zimmer. Ignaz blieb zurück, und in tiefen Gedanken. Ihm wurde diese Existenz neben einem kranken alten Mann und einer schönen unbeugsamen Frau nach grade unerträglich. Er lechzte nach Erlösung, nach Freiheit; aber er mußte nun schon in seiner Stellung verharren, um zu seinem Zweck zu kommen.
Als der General Beiron zehn Jahr nach dem Tode seiner ersten Frau die achtzehnjährige Tosca heirathete, war dieser Schritt ein Todesstoß für die Hoffnung seiner Schwester, der verwittweten Gräfin Adlercron. Sie hatte sich in diesen zehn Jahren daran gewöhnt, sein glänzendes Vermögen als die Erbschaft ihrer zwölf unversorgten Kinder zu betrachten; sie war ihrem Bruder oft lästig gefallen durch die Ansprüche, die sie an seine Gegenwart und Zukunft machte; sie betrachtete es als seine Pflicht, daß er gutmache an ihren Kindern, was der verschwenderische Graf Adlercron gegen sie gefehlt. Aber solche Ansprüche sind unerträglich! Die Familien sollten es sich doch endlich merken, daß das, was ein Onkel, ein Großvater für sie thut, von ihnen nicht als eine Pflicht — sondern als großmüthiger freier Wille betrachtet werden muß, sobald ihnen daran gelegen ist, den Geber nicht zu verstimmen oder gar zu erbittern. Kein Mensch läßt es sich gern gefallen, bei seinen nächsten Anverwandten für einen Ziehbrunnen des Glücks zu gelten, aus welchem zu schöpfen jedem Neffen, jeder Nichte, jedem Enkel frei steht. In ihrer Habgier und Unersättlichkeit vergessen diese die menschliche Schwäche zu schonen, die für ihre Güte und Wohlthätigkeit Dank — oder mindestens Anerkennung, wenn nicht öffentlich begehrt, doch heimlich wünscht. General Beiron fand die Ansprüche seiner Schwester mit Recht eben so lächerlich, als unaushaltbar. Er war ein schöner stattlicher Mann; er hatte eine so glückliche Stellung in der Welt und einen solchen Ruf von Tüchtigkeit, daß er wol glaubte, mit diesen Eigenschaften noch gefallen, und in der Ehe glücklich werden zu können. Auf einer Reise in der Schweiz traf er ganz absichtslos mit seinem Namensvetter, Toscas Vater, und mit ihr selbst zusammen, und die Folge davon war seine Heirath. Gräfin Adlercron machte ihm Szenen, überhäufte ihn mit Vorwürfen; das hätte er vielleicht ihrer mütterlichen Zärtlichkeit vergeben. Allein sie vergaß sich so weit, Tosca eine raffinirte Kokette zu nennen; und das vergab er ihr nicht. Die Geschwister sahen sich von dem Augenblick an nicht mehr. Der General gab der Gräfin nach wie vor das Jahrgeld, welches sie dringend für die Erziehung ihrer Kinder bedurfte. Sie nahm es, weil sie es nicht entbehren konnte, allein sie nahm es mit Groll, und der Haß gegen ihre Schwägerin wuchs dadurch, denn sie hätte ihr gern einen bösen Einfluß hinsichtlich ihrer auf den General zugeschrieben, und sie konnte es nicht. Schuld und Fehler bei einem Feinde zu finden, erleichtert das Herz, das sich dem Haß hingegeben hat, weil es sich dadurch gleichsam in seinem Recht fühlt; das Gegentheil beschwert es.
Tosca versuchte es, ihren Mann milder gegen seine Schwester zu stimmen, um ihn allendlich mit ihr zu versöhnen. Mit wundervoller Festigkeit widerstand er ihr. Er kannte die Charaktere beider Frauen, und daher wußte er, daß eine wirkliche Annäherung zwischen ihnen unmöglich — und eine scheinbare für Tosca auf eine oder die andere Weise nachtheilig oder schmerzlich sein würde; und seiner Frau galten seine ersten, seine höchsten Rücksichten. Er liebte sie mit tiefer Zärtlichkeit, so wie in der Ehe der Mann das Weib lieben muß, mit dem stets wachen Bewußtsein, ihr Schutz und Schirm gewähren, ihr Halt und Stütze sein zu müssen. Er ließ sich nicht von ihrer Schönheit blenden, und durch ihre Anmuth gängeln. Er wußte wohl, daß das Glück einer Frau nicht darin besteht, daß der Mann zu jeder Laune, jedem Wunsch, jedem Einfall Ja spreche; sondern wie er Ja oder Nein spricht — darin liegt ihr Glück. Eine Frau, welche nie ein brutales Nein! nie ein verdrießliches Ja! gehört hat, ist selig zu preisen. Ich weiß aber nicht, ob es eine solche giebt.
Das fühlte Tosca, und mit jener tiefen Dankbarkeit, die jedes unverdorbene Frauenherz für den Mann empfindet, der ihm die Abhängigkeit leicht macht. Er hatte Alles, was das Vertrauen einer Frau weckt: Sicherheit, Erfahrung, Verstand, ernste Gesinnung. Wo inniges Vertrauen, ist Liebe nicht fern; — ich meine die beglückende Liebe, nicht die Leidenschaft mit ihren Qualen und Entzückungen. Tosca liebte ihren Mann, und nur ihn. Die kleine, flüchtige, fast noch kindische und dennoch unvergeßliche Begegnung mit Sigismund Forster hatte ihrem stolzen, zarten Herzen eine Wunde gemacht, dessen Narbe ihr kein Schmerz, aber eine beständige Erinnerung war. Sie hatte Scheu vor den Männern; nicht in der Gesellschaft, da war sie ihrer Ueberlegenheit und Herrschaft gewiß; aber mit ihren Gefühlen einem Mann gegenüber. Um nicht verletzt zu werden, hielt sie sich immer hoch und fern. Das entsprang nicht sowohl aus Räsonnement, als aus ihrer Natur, die nicht in Glut aufloderte, nicht in wehenden Flammen stand, wol aber tiefen Feuers fähig war. Sie galt für kalt, für übermüthig, für wegwerfend: es war ihr gleichgültig, denn ihr Mann liebte sie und sie fühlte sich glücklich. Durch ihre Unbefangenheit, ihre Frische, vielleicht auch durch ihre prächtige Schönheit, gefiel sie allgemein und überall; auch das war ihr gleichgültig — nämlich so, wie es einer Frau gleichgültig sein kann: sie nahm Huldigung und Bewunderung sehr gelassen hin, allein sie würde sich doch ein wenig verwundert haben, wenn sie ausgeblieben wären.
Acht Jahr vergingen ihr in den glücklichsten Verhältnissen. Daß ihre Ehe kinderlos war, störte nicht das gute Vernehmen. Durch alle Liebenswürdigkeit, die ihr zu Gebote stand, bat Tosca um Vergebung für diesen Fehler, der von manchen Männern so streng gerügt wird; und der General liebte in Tosca die Frau, die er hatte, und das Kind, das ihm fehlte. Eine heftige Erkältung bei einem Manoeuvre zog ihm da die Krankheit zu, von der er nicht wieder genas, obgleich er seinen Abschied nahm, und in Bädern, bei berühmten Aerzten, in besserem Clima die Genesung suchte.
Als Gräfin Adlercron von der Krankheit ihres Bruders hörte, durchblitzte sie dämonische Freude und dämonischer Schreck. Freude: wenn der General starb und die kinderlose Frau zurückließ, so war die Möglichkeit wieder da, durch Prozeß, oder List, oder Schmeichelei, gleichviel wie! das Vermögen an ihre Familie bringen zu können. Schreck: bis jetzt war die Ehe kinderlos gewesen; gegen die Wittwe ihres Bruders waren Machinationen zu versuchen, aber nicht gegen die Mutter seiner Kinder! wie, wenn Tosca das wüßte? Um jeden Preis mußte einem solchen Ereigniß vorgebeugt werden. Sie kannte Tosca nicht, und sie hielt sie gemeiner Gesinnung und niedriger Handlung fähig.
Ignaz, der älteste Sohn der Gräfin Adlercron, war damals dreiundzwanzig Jahr alt. Sie hatte ihren Kindern die äußere Erziehung geben lassen, welche man in der Gesellschaft in einem gewissen Stande begehrt: jene oberflächliche Politur von Kenntnissen und Talenten, welche mit der wahren Bildung so wenig Aehnlichkeit hat, als Theaterdekoration mit der Gebirgsnatur. Für die innere Erziehung hatte sie nur eine Lehre: der Name Adlercron berechtige sie zu den höchsten Ansprüchen, und um diese in der Welt geltend zu machen, sei vor Allem Glanz nothwendig, Glanz der Stellung, des Vermögens, des Ranges — und besonders des Namens, damit kein andrer dem Adlercron’schen gleichkomme. Nach diesem Prinzip verheirathete sie auch ihre Töchter, die zu sehr vom mütterlichen Einfluß beherrscht waren, um nicht gern und ganz die Ansichten der Mutter zu theilen. Sie war schlau und intrigant, die Mädchen waren sehr hübsch. So wie eine von ihnen erwachsen war, wußte sie eine Partie zu finden. Die Aelteste war mit einem Mann verheirathet, der dem Blödsinn so nahe war, wie es möglich ist, ohne unter Curatel gestellt zu werden; aber Graf und von kolossalem Vermögen. Die Zweite, mit einem Taugenichts, Spieler und Verschwender, dessen uralter gräflicher, mit fürstlichen Familien verwandter Name, der Gräfin Bürgschaft für das Glück ihres funfzehnjährigen Kindes gab. Die Dritte, mit einem gichtbrüchigen Greise von einigen sechszig Jahren, bei dem der Graf und viele Orden den Mangel an Jugend, Vermögen, Geist und Liebenswürdigkeit ersetzen sollten. Die Vierte hatte so eben nicht blos eine Partie, sondern wirklich eine gute Heirath gemacht; denn ihr Mann war nicht blos Graf, er war auch ein tüchtiger, wohlhabender, junger Mann. Gräfin Adlercron triumphirte. Doch jetzt blieben ihr noch zwei Töchter, und leider! leider! ebenso häßlich, als die vier ersten schön. Für deren Versorgung und für die Carriere ihrer sechs Söhne, von denen die meisten noch Kinder waren, zitterte sie. Sie überredete sich, daß sie ein Unrecht gegen ihre Kinder begehe, wenn sie nicht um jeden Preis das Vermögen des General Beiron ihnen zuzuwenden suche. Ignaz war ihr Liebling. Bei ihm sah sie ihre Prinzipien in Blüthe stehen; ihre Töchter hatten sie nur passiv annehmen und befolgen können; der Sohn, der schöne, gewandte, kluge Sohn, konnte freier und umsichtiger nach ihnen handeln. Eine Mutter muß es bereits zu einer so bodenlosen Verderbtheit gebracht haben, wie sie nur ausnahmsweise getroffen wird — um ihrem Kinde gradezu eine Infamie anzurathen. Das that Gräfin Adlercron auch keineswegs. Aber sie hatte ihre Kinder in dem Gefühl auferzogen, daß der Onkel ihnen bitteres Unrecht durch seine zweite Heirath zugefügt, und daß seine Frau eine kokette Intrigante sei, welche seine Schwäche benutze, um ihn unglücklich, und sich selbst reich zu machen. Sie stellte ihrem Sohn vor, jetzt sei der Augenblick gekommen, um dem bösen Einfluß dieser listigen Frau durch seinen guten das Gegengewicht zu halten. Was er thue, geschähe zum Besten seiner Familie, und daher müsse er durchaus bei dem General erst Eingang, dann Einfluß gewinnen, und ihn benutzen, um die unerhörten Ansprüche der Frau zu unterdrücken. Ignaz verstand die halben Worte. Wie sich Männer nach einer Laufbahn sehnen, welche ihrem Ehrgeiz entspricht, oder Frauen nach einem Kreise, in welchem ihr Herz Befriedigung findet: so sehnte sich Ignaz nach einem Verhältniß, um sein Talent für die Intrigue zu üben, und mittelst derselben zu seinem Ziel, dem größtmöglichen Glanz in der Welt, zu gelangen. Er hatte, wie alle Leute, die unter jeder Bedingung entschlossen sind, ihre Zwecke zu erreichen, gar keine bestimmte Ansichten, und dafür die geschmeidigste Fügsamkeit in die fremden, von denen er sich Vortheil versprach. Er suchte alle Menschen für sich zu gewinnen, weil er nicht wußte, ob er sie nicht würde benutzen können; da er aber alle Menschen, die nicht Adlercron hießen, heimlich in unermeßliche Tiefen unter sich stellte: so rächte er sich durch inneren Haß für die äußere Artigkeit und Verbindlichkeit, mit welchen er sie aus Grundsatz behandelte. Er lechzte danach, aus seiner untergeordneten Stellung, in welche ihn die Welt wegen seines Mangels an Vermögen wies, in eine andre zu kommen, die seinem Hochmuth entsprach. Er lechzte danach, seiner wahren Gesinnung gemäß mit den Menschen umgehen zu dürfen, und sich unabhängig von ihnen zu fühlen. Darum lechzte er nach Geld. Nichts konnte ihm willkommner sein, als der Vorschlag seiner Mutter; und da der Mensch vor nichts eine so hohe Achtung hat, als vor unegoistischen Handlungen, so suchte Ignaz die seine zu heben und zu adeln, indem er sich bemühte, den Blick hauptsächlich auf der Zukunft seiner Familie ruhen zu lassen. Wer mit sich selbst heuchelt, wird es auch leicht mit Andern thun. Er kannte seinen Onkel und dessen Frau nur aus den Beschreibungen seiner Mutter, und obgleich er eine hohe Meinung von deren Welt- und Menschenkenntniß hegte, so war er doch klug genug, um zu wissen, daß nichts so einseitig ist, als die Parteilichkeit einer leidenschaftlichen Frau. Er beschloß, vorsichtig und aufmerksam, mit so geringen Vorurtheilen, wie möglich, das Terrain kennen zu lernen.
Er ging nach Dresden, wo der General sich damals in ärztlicher Behandlung befand. Schüchtern betrat er dessen Haus; schüchtern wandte er sich an Tosca, mit der Bitte, seinen Onkel sehen zu dürfen. Frauen lieben es, zu protegiren — dachte er. Es fiel ihr nicht ein, ihm Protection angedeihen zu lassen, und er brauchte sie nicht bei dem General. Der empfing ihn mit offenen Armen! Der pflegte die Menschen danach zu würdigen, was sie werth waren, und nicht woher sie stammten, und daher übertrug er seine Abneigung gegen Gräfin Adlercron nicht auf deren Sohn. Im Gegentheil! es gefiel ihm ungemein, daß der junge Mann ihn grade jetzt aufsuchte, jetzt, wo er krank und außer Dienst, und folglich nicht im Stande war, ihm irgend welche Wege zu öffnen oder zu ebnen. Ignaz wußte sich ihm erst angenehm, dann nützlich, endlich unentbehrlich zu machen. Der General behandelte ihn wie einen Sohn, und übertrug ihm seine Geldgeschäfte, die Führung seines Hauses, die Anordnungen seiner Reisen — lauter Dinge, von denen Tosca nichts verstand, die der General bis daher immer in Händen gehabt hatte, und mit denen er höchst ungern seine Frau belästigt haben würde. Es war ihm eine Wonne, sie jeder Sorge und Beschwerde der materiellen Existenz zu überheben. Sie war es nicht anders gewohnt. Sie fand es natürlich, daß die Last des Lebens auf den Schultern des Mannes liege; sie betrachtete Ignaz als zu ihnen gehörig, und so war seine Stellung ganz in der Ordnung. Sie sah nur durch die Augen ihres Mannes die Menschen an, und der General, durch seine Krankheit abhängig, auf seine nächste Umgebung angewiesen, dankbar, wie eine edle Natur es immer für Theilnahme und Wohlwollen ist — der General betrachtete Ignaz nicht mit dem unbefangenen Blick, den er noch vor einem Jahr für ihn gehabt haben würde. Ignaz staunte selbst, als er sich nach einigen Wochen so leicht, so ganz mühelos auf dem Platz sah, den er so schwer zu erkämpfen gewähnt: er war der Sohn des Hauses, und mit fast unumschränkter Gewalt bekleidet. Nichts geschah ohne seinen Rath, nichts unterblieb ohne seine Genehmigung. Er war Freund und Vertrauter. Einen Augenblick fiel ihm ein, ob er nicht auch Liebhaber werden könne; ob Toscas Herz, und mit demselben Hand und Vermögen dereinst, nicht zu gewinnen sein dürften, so daß ihr beiderseitiges Interesse zu verschmelzen wäre. Aber Männer wie Ignaz lieben nicht, können nicht lieben; der Egoismus hat ihr Herz dermaßen ausgedorrt und verschrumpft, daß es der Expansion der Liebe nicht fähig ist. Ihr Interesse für Frauen ist von der allerinferiörsten Art! entweder suchen sie in einem Verhältniß zu ihnen Befriedigung ihrer Eitelkeit, oder es ist eine Bedingung ihrer animalischen Existenz. Hätte Ignaz bei Tosca einen Nebenbuhler gefunden, und ihn zu überwinden gehabt: so hätte das seine Eitelkeit heftig aufgestachelt und ihr einen hohen Reiz verliehen. Jetzt aber hatte sie keinen Zauber für ihn! ihre reine hohe Natur verstand er nicht, und ihre wundervolle Schönheit ließ ihn höchst gleichgültig, weil er immer in geheime Intriguen verwickelt war. Sein einziges Bestreben bei Tosca ging dahin — von ihr geliebt zu werden, nicht um sie wieder zu lieben, oder um sich von ihr beleben und durchstralen zu lassen, nicht um sie zu besitzen, blos um sie zu beherrschen. Mit der Herrschaft gelang es ihm; mit der Liebe nicht. Frauen wie Tosca, die sich schroff und stolz den Männern gegenüber stellen, weil sie scheu und mißtrauisch, entweder von Natur oder durch Erfahrung den Contact mit ihnen fürchten, sind, sobald sie einmal Vertrauen und Zuversicht zu einem Mann gefaßt haben, leichter zu beherrschen, als Kinder. Sie sind so erfreut, so glücklich endlich! endlich einmal einer Kraft ohne Mißbrauch zu begegnen, daß sie sich ihr alsdann blindlings ergeben. Tosca fand Ignaz so bewundernswerth, opferwillig, besonnen und stark, daß sie mit einer Art von Andacht zu ihm emporsah; aber bis zur Liebe brachte sie es nicht. Sie sah ihn in der größten Intimität, zu jeder Stunde, auf Reisen; er stellte sich ihr immer mit einer glühenden Adoration dar; er wußte allmälig die Sache so herauszustellen, daß er Alles, was er für den General that, ihretwegen zu thun schien; das rührte sie zum innigsten Dank, zur Liebe nicht. Ignaz hätte jedes Opfer von ihr begehren dürfen, und sie hätte es ihm gebracht, ohne sich zu besinnen; nur aber nicht die geringste Gunst, welche die Liebe gewährt: Er hatte Anfälle von Melancholie, von Trostlosigkeit, gar von Verzweiflung — Alles, wie er glaubte es nöthig zu haben, um eine beabsichtigte Wirkung hervorzubringen — sie lächelte, oder tröstete, oder scherzte die bösen Anfälle fort. Er hatte sich nicht gescheut, sich als zerfallen mit seiner Mutter darzustellen, weil sie den Plan habe, nach des Generals Tode mit Tosca um dessen Erbschaft zu prozessiren — was er nicht billigen könne. Tosca fragte ihn, ob denn dieser Prozeß nicht durch einen Vergleich, oder durch Theilung des Vermögens vermieden werden könne. Mit unendlicher Vorsicht wußte er ihr allmälig einleuchtend zu machen, sobald er, wenn auch nur nominel, in Besitz der Erbschaft sei, so werde seine Mutter ganz natürlich gegen ihn, ihren ältesten und geliebtesten Sohn, keine Schritte thun; und Tosca dürfe wol überzeugt sein, daß und wie er in so kritischen Verhältnissen ihr Interesse wahrnehmen werde, da sie ja längst wisse und sehe, daß er ihr gegenüber ein persönliches völlig aufgegeben habe, und nichts beabsichtige, als ihre Ruhe und ihr Glück. Sie sah das auch wirklich. Weder sie noch ihr Mann brachten es in Anschlag, daß Ignaz bei ihnen so unabhängig, und in geselliger Beziehung so angenehm lebe, wie nur irgendwo. Wohin der General kam — überall hatte er Freunde oder Bekannte; überall öffnete sich für Tosca ein ihr entsprechender socialer Kreis, und da er für sie Zerstreuung und Erheiterung liebte, so trat sie in jene Kreise, und Ignaz mit ihr. Ignaz war nicht ans Krankenzimmer gefesselt, nicht einmal ans Haus des Generals; zuweilen wohnte er mit ihm zusammen, dann auch wieder nicht — wie nun eben die Localität es mit sich brachte. Der General hatte ihm mit liebenswürdiger Güte gesagt: