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Sommerleutnants

Chapter 16: Fünftes Kapitel.
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About This Book

Die Erzählung begleitet einen jungen Reservelutnant, zugleich Maler, der sich für eine achtwöchige Militärübung von seiner Verlobten trennt. Szenen am Bahnhof und im Alltag vor und nach der Abreise zeigen das Wechselspiel zwischen ziviler Lebensfreude, künstlerischer Unabhängigkeit und der strengen Zeremonie des Militärdaseins. Neben Liebessehnsucht und Familienkonflikten um die Verbindung schildert der Text das Zusammenwirken von Kameradschaft, Pflichtgefühl und dem ungewohnten Zurückkehren in Uniform, wobei humorvolle und ernste Momente das Bild des Reserveoffiziers zeichnen.

Fünftes Kapitel.

Das rheinische Armeekorps biwakierte gegen den markierten Feind.

Der Spätsommerabend überdeckte mit sammetnen Fittichen das gewaltige Bergplateau des Hunsrücks zwischen Idarwald und Hochwald.

Und in die Nacht hinein in endloser Reihe loderten die Lagerfeuer weithin über die endlose Ebene. Überall feierten die Mannschaften das lustige Fest des Löffelbegrabens:

Die Leute des zweiten Jahrgangs, die unmittelbar nach Manöverschluß in die Heimat entlassen werden würden, schmückten, Kompagnie für Kompagnie, einen mächtigen Baum mit Strohschleifen, und ein jeder hängte vom Inhalt seines Tornisters hinein, was nun ausgedient hatte, seinen Eßlöffel, seine abgewetzte Stiefelbürste, Putzlappen, Knopfgabeln ...

Die wunderliche Trophäe wurde unter derben Soldatenspäßen und unablässigem Absingen des Reserveliedes durch das Lager getragen und schließlich mit Hallo und Kinderjubel in die Glut des Biwakfeuers versenkt.

Heimatstimmung ... Heimkehrseligkeit überall ...

Heimkehrseligkeit —?!

Leutnant Flamberg saß mit Carstanjen und dem Fahnenjunker vorm Offizierszelt der ersten Kompagnie.

Ihren Kapitän hatte die Königliche Erste heut nur von weitem zu Gesicht bekommen, wenn die kleine Kavalkade vorübersprengte, über welcher die diagonal geteilte schwarz-weiß-rote Standarte der Brigade flatterte.

Und Martin Flamberg hatte den ganzen Tag darauf geharrt, daß Major von Sassenbach, der Vorsitzende des Ehrenrats, ihn zitieren würde ...

Dabei trug er einen Brief in der Brusttasche seines Dienstrocks, einen Brief vom Samstag, der nur das eine Wort erhielt:

»Über-über-übermorgen —!!!!!«

Gott im Himmel! ... dort in der Ferne harrte seiner die sehnende Braut ... und er ... er wartete auf den Befehl, sich zu verantworten, weil er das Weib eines andern berührt ...

Wohl war es ein Abschiedskuß gewesen ... aber er würde mit seinem Leben dafür einzustehen haben ...

Das hatte an seinen Nerven gerissen den ganzen Tag ... hatte wie mit Keulen immerfort auf seinen Schädel eingedroschen, bis er ganz stumpfsinnig und apathisch geworden war ...

Nur der Soldat in ihm, der hatte funktioniert ... mechanisch ... unfehlbar sicher ...

Obwohl er zu Fuß war, hatte er seine Kompagnie ganz anständig durch die Wechselfälle des heißen Marsch-, Gefechts- und Biwaktages geführt. Und Major von Sassenbach hatte ihm mehrfach aufmunternd zugenickt: »Ich werde Ihnen eine ganz passable Konduite schreiben können, Flamberg —!«

Was hatte der Major nur heute? — Er war den ganzen Tag so merkwürdig vergnügt —?

Durch Martins Herz aber zog immerfort das Erinnern jener wenigen furchtbaren Sekunden, in denen er dem Manne gegenübergestanden, dem er das tiefste Leid seines Lebens zugefügt:

»Ich stehe zu Ihrer Verfügung, Herr Hauptmann ...!«

»Sie werden morgen von mir hören!«

Keine laute Szene — kein wildes Wort der Wut — des Grimms.

Ein paar eisig korrekte, formelhafte Wendungen — und doch in jeder Silbe der unsühnbare Haß — die Feindschaft bis aufs Messer — der Racheschrei — die Todesdrohung!

Und heute — rätselhaftes Schweigen. — —

Gott — der Grund war leicht einzusehen: der Hauptmann war zur Brigade kommandiert — der Dienst ging allem andern vor — es hatte an jeder Gelegenheit gefehlt, die Meldung an den Ehrenrat zu erstatten.

Aber diese Situation war gräßlich — sie erstickte die Kraft des Widerstandes — machte stumpfsinnig und wehrlos.

Der Gedanke an Cäcilie war wie das Erinnern eines fernen, schaurig holdseligen Traumes.

Der Gedanke an Agathe folterte das Herz noch tiefer mit schmählicher Scham.

Und aus dem innersten Herzensschacht kroch die Reue herauf — die Reue um unwiderbringlich Verlorenes — um ein ganzes, großes, herrliches Leben des Schaffens, des Genießens — um ein Leben voll Liebe und Schönheit — voll freudigen Gebens und dankbaren Nehmens.

Alles war hingeworfen — vergeudet um eines Augenblicks haltloser Leidenschaft willen.

Reue — Reue —

Und eines nur hatte Bestand im gestaltlos wogenden Getriebe der anklagenden, schamvoll zerrissenen Empfindung.

Dies eine Wissen: daß man einstehen werde für das eigene Tun — regungslos — eisernen Herzens — ohne Wimperzucken — bis ans Ende — bis ans Ende.

Mannesehre ... Soldatenehre ... Offiziersehre — wahrhaftig, doch kein leerer Wahn das alles — —!

Wenn es eine Sühne gab auf Erden, dann war es die: klaglos die Stirne, die Brust hinhalten der rächenden Kugel ... stumm und stolz zusammensinken ... hinabtauchen in den läuternden Tod ...

So sann Martin Flamberg. Und neben ihm in behaglichem Verdauungsschweigen hockten mit übergeschlagenen Beinen auf ihren Kisten die beiden blutjungen Knaben, der Leutnant, der Fahnenjunker ... unkund der Schrecknisse des Lebens, der Leidenschaft ...

Und ringsum jubelte die Heimatsehnsucht von zehntausend jungen Gesellen, die nach zwei Jahren in Königs Rock übermorgen in trunkener Wiederkehrwonne nach Hause flattern würden.

Nach zwei Jahren, die ihnen mehr, weit mehr gewesen waren, als sie heut ahnen konnten, als ihnen vielleicht jemals zum Bewußtsein kommen würde ...

Zwei Jahre, in denen sie Soldaten gewesen waren ... in denen ihr Leben seiner Vereinzelung, seiner Kleinlichkeit und Alltäglichkeit entrissen worden war und eingegliedert in die großen Verhältnisse, das mächtige Leben der Gesamtheit ... der Nation ... des Volkes ...

Zwei Jahre, in denen sie aus Gelsenkirchenern und Rheydtern, aus Erkelenzern und Neuwiedern zu Preußen ... aus Maurertagelöhnern und Bandwirkern, aus Feilenhauern und Ackerknechten zu wehrhaften, waffengeübten Soldaten geworden waren ...

Ach ja, wohl war's manchmal scharf hergegangen in den zwei Jahren — aber das alles war ja nun überstanden ...

Was bleiben würde ... was sie mit nach Hause nahmen ... war's zu verlangen, daß sie das heute schon begriffen — vielleicht überhaupt je begreifen lernten?!

Doch würde mancher vielleicht nach Jahren aus dem täglichen öden Einerlei der Berufsarbeit, aus der Enge beschränkter, kinderreicher Häuslichkeit mit Dankbarkeit und Sehnsucht zurückdenken an die zwei Jahre in Luft und Sonne, in Waffenglanz und munterm Kampfspiel »auf grüner Heid — im freien Feld«!

Heut freilich — heut hatten sie alle nur den einen Gedanken: übermorgen geht's zu Muttern!

Und unablässig, immer von neuem klangen übers weite Feld die Weisen der Reservelieder:

Nun scheiden wir aus eurem Kreise
und ziehen aus den bunten Rock!
Wir treten an die Heimatreise
mit einem Reservistenstock.
Geschlossen geht es aus dem Tore
zum letzten Mal vergnügt hinaus.
Die Mütze sitzt auf einem Ohre,
und keine Waffe schmückt uns aus!