Der alte Adam.
Mit vernünftigen Gründen vermag die Weiserin Natur bei uns vernünftigen Leuten selten was auszurichten, und so steckt sie sich zuweilen hinter Sonderlinge und Narren; denn nur den Unverständigen belehrt der Vernünftige, des Weisen Lehrmeister aber ist und bleibt in Ewigkeit der Narr.
Allerdings scheint es, als hätten die Strubacher-Leut' vom Lehm-Lamel nicht viel gelernt; der Lamel war gerade noch um ein halb Köpflein zu vernünftig für sie.
In vergangenen Jahren war er eigentlich gar sehr vernünftig und tüchtig gewesen, der Lamel. Er besaß eine Lehmgrube, die ihm guten Gewinn und den Namen Lehm-Lamel eintrug; zu Recht aber war er Wegwart an der Reichsstraße, die damals in weißen staubigen Bändern mit Wagengeknarre, Rossegewieher, Fuhrmannsgeschrei, Peitschengeknatter und Handwerksburschengetriller durch die Länder schlängelte. Damals war noch die Zeit, in der die Dörfer und Flecken groß, die Postmeister reich, die Wirte dick wurden, die Städte aber, durch steinerne Gürtel zusammengeschnürt, an Engbrüstigkeit litten.
Damals sind Wegwarte bedeutende Leute gewesen, ohne sie hätte das Räderwerk der Straße, des Landes, des Reichsverkehres gestockt, wäre versunken in Schlamm. Der Lamel hatte seine Pflicht wohl erfüllt, seine Strecke war stets die bestgeschotterte, auch hatte er an derselben eine Allee von Obstbäumen gepflanzt, wofür er anfangs gerügt, später aber, als sie zwar nur wenig Schatten, aber um so mehr Obst gaben, belobt wurde. Und er freute sich baß, wenn ihm Handwerksburschen Äpfel und Zwetschken stahlen, weil er wohl wußte, daß verbotene Früchte süß schmecken. So war er stolz auf sein süßes Obst, das geschenkt oder selbst gegessen schier ein wenig stark säuerlich schmecken wollte.
Auch um sein Haus hatte der Lamel einen Garten von Obstbäumen; der war seine Erquickung, denn die Bäume trugen Äpfel, die ließ er pressen, den Most wahren und gären, und wenn das Getränke klar und herbe geworden, so trank er es als echten Wein. Und der Apfelwein — dem Vater Noah zu Trutz sei's gesagt — gab dem Traubenwein nichts nach, hingegen gab der Lamel dem Apfelwein nach, und zwar nicht selten auf Kosten seiner Selbständigkeit.
Auf die kleine Schwäche müssen wir einen großen Vorzug erwähnen. Der Lamel war schriftgelehrt und ging in den Feierstunden daran, die sieben Siegel der Bibel zu lösen, wobei ihm der Apfelwein stets behilflich war, so daß er schließlich die Offenbarungen des heiligen Johannes leibhaftig um sich herumtanzen sah, mitsamt den vier Ältesten und dem Lamel.
Eines Abends sprach ein alter hinkender und schielender Handwerksbursche im Hause des Wegwarts zu, nahm am Brunnen einen Trunk und wusch sich hierauf den Staub von den Füßen. Weil der Wegwart nicht weit davon stand und dem Alten lächelnd zusah, so wurde dieser dreist und bat um Nachtherberge. Bei Wegwächtern kehrt man sonst nicht zu, aber der Lamel wollte auch einmal ein Hausvater sein und sagte: »Hat Er ein Wanderbuch?«
»Ein Wanderbuch?« fragte der Geselle schielend entgegen, »— ein Wander — — das heißt — ja freilich, freilich hab' ich ein Wanderbuch.«
Der Lamel nahm das blau eingebundene Ding in Empfang, legte es in seinen Schrank und ließ dem Fremden Nachtmahl und Nachtlager geben.
Am anderen Morgen, noch ehe die Sonne und der Lamel aufgingen, war der alte Wanderbursche davon und mit ihm das neue Paar Juchtenstiefel des Wegwart. — Fand es eigentlich soweit in Ordnung, der Lamel, denn gute Stiefel müssen wandern und ein echter Haderlump muß stehlen. Aber wie ein Mensch so leichtfertig sein kann, sein Wanderbuch im Stiche zu lassen! — Das blaue Buch lag noch im Schranke, der Lamel öffnete, durchblätterte es — ja, was ist denn das für ein wunderlich Wesen? Ein Wanderbuch allerdings, aber ein gedrucktes. »Das Buch über die Seelenwanderung« war es benamset und bei näherer Untersuchung enthielt es große Abhandlungen in langen Kapiteln mit geheimnisvollem Dunkel und tiefer Weihe geschrieben. Der Verfasser war nicht genannt — so konnte es auch der heilige Geist selber diktiert haben.
Und als wieder die Feierstunden kamen, da schaffte sich der Lamel einen Krug Weines ins Stübchen und begann das Buch von der Seelenwanderung zu lesen. Das erzählte fürs erste die Geschichte des Glaubens an die Seelenwanderung, wobei natürlich viel von den alten Ägyptern die Rede war, kam auch später auf das Feld der Spiritisten. Und schließlich verharrte das Buch gläubig bei folgender Lehre:
»Jene Engel, die im Himmel sich versündigt hatten, verstieß Gott in eine Ödnis, so die Erde heißet. Auf der Erde lebten die Verstorbenen in Leibern aus Lehm und waren anheimgestellt der Drangsal und sollten ihren Fehltritt sühnen, bevor ihr Leib wieder zu Lehm sich lösete. Wenigen gelang es, in ihrer irdischen Natur, sozusagen in einer Hülle von Kot, sich zu reinigen; denen es gelang, die wurden wieder in die Himmel aufgenommen; denen es nicht gelang, die mußten von neuem in irdische Leiber zurückkehren, und dies immer wieder und so lange, bis sie durch Not und Trübsal genugsam rein geworden, etwas Großes hier gewirkt hätten und endlich dereinst in die Himmel aufgenommen werden. So ist das Menschengeschlecht entstanden und so muß es fortbestehen, bis der letzte Engel seinen letzten Fehl, er rühre noch vom himmlischen Reiche oder von seinem vorhergegangenen Erdenleben her, gesühnt hat. Zum Beispiel Abraham, Moses, Paulus, Mohammed, Karl der Große, Kolumbus, Schiller usw. gehören nun zu den Erlöseten, die, wie oft sie auch früherhin in Erdenleibern gewesen sein mögen, ihre Büßerbahn erst mit dem Dasein, in dem sie das Große gewirkt, beschlossen haben. Hingegen, um nur weltberühmte Übeltäter zu nennen, zum Beispiel Pharao, Herodes, Nero, Alexander V., Napoleon und andere haben mit diesen ihren Existenzen nicht abgeschlossen, müssen so oft und so lange wieder in menschliche Leiber zurückkehren, bis nicht allein ihre Verbrechen in den Himmeln, sondern auch ihre bösen Taten auf Erden gebüßt sind. Wie oft, Leser — so schaltete das Buch packend ein —, magst du schon auf Erden gewesen sein? Wer weiß es denn, ob du nicht der Kain warst, oder Alexander der Große geheißen, oder Pontius Pilatus, der unsern Herrn ans Kreuz schlagen ließ, oder Robespierre, der Wüterich von Paris? Der Urvater Adam selbst kann heute noch auf Erden wandern, etwa in deinem Gebietiger (so zu lesen), der dich schützt und schlägt, etwa in dem Bettelmann, der dich um Almosen anfleht, etwa in dir, in deinem Sohne!« —
Fast hätte der Lehm-Lamel über das merkwürdige Buch des Apfelweines vergessen. Das war ein Buch. Das leuchtet ein. Ja, jetzt ist das Rätsel gelöst. Darum die Welt, darum die vielen armseligen Menschen, darum die wenigen großen Taten und darum das Sprichwort von einem großen Wohltäter: »So einer kommt nicht wieder!« Und das Böse wird bestraft und das Gute belohnt und die Erde ist eigentlich das Fegefeuer. Wie das stimmt! — Und ein solches Licht für ein paar Juchtenstiefel! Wer weiß! Der alte Handwerksbursche kann ein guter Engel gewesen sein; man kann's nicht wissen — gar nichts kann man wissen auf der Welt, als was in diesem Buche steht.
Und wieder und immer wieder las der alte Wegwart in der wunderlichen Schrift. Oft sann er lange und ernstlich über sich selbst. — »Jetzt steht die Welt schon sechstausend Jahr', und du bist noch nicht fertig, Lehm-Lamel, gefallener Engel, bist noch immer da? An die neunzig Menschenalter sind seit der Erschaffung der Welt, hast sie alle durchgemacht und bist erst noch nichts als der dumme Wegwächter, dem alle Rösser der Welt auf die Arbeit pissen. Was hast denn immer getrieben, du Haderlump? Viel mag ich nicht wetten, du bist bei den Zigeunern gewesen ...«
Er las sich streng die Leviten und trank Apfelwein dabei, und tatsächlich, es war ihm zumute, als hätte er auch vor mehreren tausend Jahren schon aus dem Kruge getrunken — zu Noahs Zeiten — nur bedünkte ihm, der Wein wäre damals nicht ganz so sauer gewesen als heute. — Der Wein hat auch seinen Geist; seine Seele demnach. Wie wenn auch diese wanderte? Der Saure, der Gewässerte, der künstlich Gezuckerte und Durchgeistigte — nimmer erfüllte er seinen Beruf, er muß noch einmal in die Kelter. Aber der Apfelwein ist ohne Falsch und vermag — wenn man betrachtet, wie der kräftige Lamel zuweilen auf dem Boden liegt — Großes zu vollbringen. — So wird der Apfelwein über kurz den reinen Geistern beigesellet sein ...
Der Lamel war bisher Junggeselle geblieben, so war fürs erste niemand da, der zu seiner seelischen Reinigung beitrug, und der ihn fürs zweite in seinen Grübeleien zerstreut hätte. Also verbiß er sich immer mehr in das Buch von der Seelenwanderung, und also wurde er allmählich ein Narr. Die Idee, ob er nicht etwa doch einer aus dem Alten Testamente sei — er las nebenbei auch immer die Bibel — und ob nicht gar die Seele des unerlösten Adam in ihm stecke, trug er lange mit sich herum. Und in seiner Vermutung wurde er bestärkt, als er sich jählings in ein junges Weib verliebte. Er war noch nicht zweimal zwanzig Jahre alt und durchaus, vom Fuß bis zum Kopf, ein Wegwart, der sich sehen lassen durfte. Sie war eine Kalkbrennerin in der Gegend; die schöne Strinerl geheißen; ihre Haare waren so gelb wie das Korngehalme auf dem Felde zur Zeit, wenn der Schnitter kommt. Ging der Lamel zur Schnittzeit über die Felder, so las er nicht ungerne die bauchigen Körnlein aus den Ähren und zermalmte sie mit seinen urtüchtigen Zähnen. Und dachte dabei an den Schatz.
Aber — Lehm-Lamel-Adam, kannst du dich denn nicht mehr erinnern, das voreinstmalen die goldhaarige Eva schuld war an deinem Falle, an deiner Austreibung aus dem Paradiese und an deiner ruhelosen Seelenwanderung durch die Geschlechter der Menschen? — Der Apfelbiß in der Bibel! nichts als Blumensprache, du weißt es recht gut. Lehm-Lamel-Adam! Was zieht doch täglich für ein Volk die Straße entlang, an dir vorbei? Ein unselig Volk von Bettlern, Vagabunden, Tagedieben! Dort wankt ein Blinder, geführt von seinem halbnackten Kinde; dort schleppt ein kraftloses Maultier einen lahmen Mann; dort geleiten Schergen einen Übeltäter heran und drüberhin flattern und krächzen die Raben. Hier sprengt mit Roß und Wagen ein anderer Übeltäter vorüber; dort liegt ein Waisenknabe im Straßengraben und ächzt. Sechs schwarze Hengste führen die Leiche eines reichen Selbstmörders ihrer prunkenden Gruft zu. Dort am Steinhaufen kauern Mann und Weib und Kinder in Lumpen; die Kinder schreien nach Brot, der Mann verflucht sein Geschick. Und hier wankt ein Enttäuschter, Vernichteter des Weges zurück, den er vor kurzer Zeit erst mit fliegenden Plänen und Hoffnungen gezogen. Und so zieht's Tag für Tag und Jahr für Jahr die breite Straße entlang; ganze Kriegsheere dazwischen, ausfahrend, um zu morden und zu rauben. Und das — all das ist das Menschengeschlecht. Adam, das ist deine Sippe! — Und wiederum gehst du auf Freiersfüßen, anstatt anzupacken, daß die ganze mißratene Brut vertilgt werde!
So schrie das Gewissen dem Wegwart in die Ohren.
Es war nur ein alter Eseltreiber, der eines Tages beim Wegwart zusprach.
»Lehm-Lamel!« rief er durchs Fenster hinein, »weißt du schon, daß die Strubacher-Leut' nicht mehr sprechen können? Sie heißen dich den Lahm-Limmel.«
»Treib' deine Esel in meinen Obstgarten,« sagte der Lamel, »und setz' dich zu mir, ich muß dir doch etwas aus diesem Buche vorlesen.« Dann hub er an und teilte dem Treiber die Lehre von der Seelenwanderung mit. — »Und für ein Paar Stiefel hat mir ein Landstreicher dieses Werk im Haus gelassen!«
»Der hat gewußt, was er getan hat,« rief der Eseltreiber und schlug mit der flachen Hand aufs Buch, »aber Leder ist hier mehr drin.«
Als sie tiefer in das Gespräch kamen und der Lamel mitgeteilt hatte, daß mutmaßlich die Seele des Adam aus dem Paradiese in ihm stecke, neigte der Treiber zustimmend den Kopf. Und als sich jener Rates holte, was er denn eigentlich werde tun müssen, um sich zu erlösen, sagte dieser: »Luderleben sollst keins führen, das ist die verbotene Frucht. Selbst meine Esel möchten Heu haben und müssen Stroh fressen. Aber das Müssen gilt nicht. Wer's freiwillig tut, dem ist's ein Verdienst.«
»Ich hüte mich wohl,« sagte der Lamel, »da schau meine Obstbäume an, die schönsten Äpfel, die prächtigsten Äpfel! Du, ich sag' dir, nicht einen einzigen ess' ich im Jahr. Gott hat schon im Paradiese den Apfel verboten.«
»Geh,« lachte der Eseltreiber, »du bist schlau, die Äpfel ißt du nicht, aber ihren Saft pressest du heraus und damit trinkest du dir die Räusche!«
Schier zu Tode erschrak der Lamel über diesen Vorwurf; er sah es plötzlich ein, der Eselmann hatte recht, im Apfelwein genoß er die verbotene Frucht.
Und von dieser Zeit an hatte sich der Wegwart fest vorgenommen, nicht einen Tropfen des falschen Getränkes mehr zu trinken, als bis er im Reiche Gottes zur »Rechten« säße. Es gelang ihm eine erkleckliche Weile, seine argen Gelüste zu zähmen und seinen sündigen Menschen zu verleugnen, und er hatte schon gegründete Hoffnung, daß Adams langwierige und langweilige Seelenwanderung in dem schlichten Wegwart endlich ihren guten Abschluß finden würde.
Da war einmal ein heißer Sommertag und da kam die schöne Strinerl die staubige Straße gegangen. Sie sah den Schatten in des Wegwarts Obstgarten, sie hörte den Brunnen rieseln; so trat sie in den kleinen Hof, um zu trinken.
Schon hielt sie die braune, hohle Hand unter den klaren Strahl, als sie der Lamel vom Fenster aus bemerkte.
»Närrchen, Närrchen!« rief er, »was wirst Wasser trinken! Ich habe einen guten Apfelwein im Keller, ich selber brauch' ihn nicht; für wen hätt' ich ihn, Dirndl, als für dich?«
Er eilte in den Keller, entspundete ein Fäßchen und steckte einen Schlauch hinein, um die Gottesgabe in den bereiten Krug herauszuheben. Doch, als er mit dem Atem hob und als es kühl und feucht wurde unter seinem lechzenden Gaumen, da kam er ins Saugen und der Wein ging durch den Schlauch geradewegs in seine Gurgel. Er trank herzhaft drauflos, vergaß die gelblockige Strinerl, vergaß den Adam, trank und trank die langentbehrte Labe — trank und sank endlich auf den kühlen Lehm des Kellers hin.
»Lamel!« lallte er schläferig, »war das ein Durst! Und er ist noch — nicht gelöscht. Will ihn gründlich löschen — den Durst, weil ich schon dabei bin. — Strinerl, komm' her! — 's hilft nichts dafür, der Mensch ist wie er ist. Er mag sich drehen und spreizen wie er will, er mag ein Röckel tragen, blau oder rot. Oder gar keins. Er mag sich die Haut umwenden. Mag auf dem Fuß stehen oder auf dem Kopf. 's ist alles eins. 's ist und 's bleibt der alte Adam ...«