Der Säemann.
Seit Jahrhunderten gab es im Tale keinen merkwürdigeren Mann als den Samstag-Christof. Er hätte dreimal Anrecht gehabt auf das Spital, denn er war übel geboren. Eine Krankheit hatte ihn zugerichtet, er war stocktaub und einäugig und hatte eine verstümmelte rechte Hand. Aber seine Linke war gesund und ernährte drei Gemeinden. Der Christof war arm und wohnte unter dem Strohdach einer Scheune. Als Knabe entsprang er dem Krankenhause, in das ihn der Vormund nach dem Tode der Eltern gesteckt hatte; die erste Nacht nach seiner Flucht verschlief er in der Scheune, und seitdem war diese sein Daheim gewesen, und er hatte in ihr seinen ersten Bart und seine weißen Haare erwartet. Aus Stroh hatte er sich ein Stübchen geflochten, das sah aus wie ein mächtiger Korb, und hielt die Kälte und Hitze ab. Das Stroh beschützte den Mann ja gern, denn jeder Halm verdankte ihm das Leben und die Ähren ließen gerne ihre rundesten Körner dem guten Christof zum Brot. Der Mann war eine Gestalt zum Erbarmen; aber es gab keinen Amtmann weit und breit, der so geehrt und in sich so glückselig war, als der Samstag-Christof.
Der Samstag-Christof war wie die Kraft Gottes, des Schöpfers, könnte man sagen; worüber er seine Hand ausstreckte — und es war doch nur die linke — das wurde gesegnet. Man wußte nicht, woher es kam, es war eine angeborene Eigenschaft; Christof war der berühmteste Säemann im ganzen Bergland. Es gab sehr geschickte und erfahrene Bauern im Tal, sie hatten — darüber war nicht zu klagen — fleißige Hände und volle Speicher, sie verstanden das Ernten — aber das Säen verstanden sie lange nicht immer. Einmal ging das Korn zu dicht auf und erstickte sich, das andere Mal standen die Halme schuhweit auseinander und jede Ähre hatte ein ganzes Ländchen für sich — dafür trugen sie auch den Kopf hoch und waren leer und spießig, statt voll und glatt. Oft waren mitten in den Äckern leere Gassen, durch die Roß und Wagen hätten ziehen können, ohne ein Hälmlein zu beschädigen. Ein Sträfling kann die Gassen, durch die er Spießruten laufen muß, kaum stärker hassen, als der Bauer solch eine leere Gasse durch sein Kornfeld haßt. Die Samenkörner mit vollen Händen hinzuwerfen, ist freilich leicht, aber das Erdreich ist braun und die Körner sind braun, und es ist schwer, die Gleichmäßigkeit einzuhalten, daß kein Fleckchen leer bleibt oder keine Handvoll auf die andere fällt. Gute Augen, ein gleicher Schritt und eine sichere Hand gehören dazu.
Der Samstag-Christof hatte nur ein einziges Auge, das gewiß nicht über die Ecke der Nase sah, und er hatte sichelkrumme Füße, und er hatte nur die »dengge« Hand, und dennoch blieb, wenn er säete, auf dem ganzen weiten Felde keine Handbreit leer und kein Korn fiel auf das andere. Wenn auf Christofs Acker der Same aufging, so war das so gleichmäßig wie eine grünende Wiese, und wenn er reifte, legte ein Halm seine schwere Ähre auf die Achsel des andern.
Darum suchten alle den Christof auf in seinem Strohkorbe, darum tat der Christof im Frühjahre und Herbste zwei Monate nichts als säen, und er säete auf allen Feldern des ganzen weiten Tales. Da trug er ein großes, weißes Tuch um die Lenden, und darin hatte er das Samenkorn, ein strotziges Bündel. So legte er fast mit Grazie seine Linke hinein und schwang sie dann gefüllt — nicht auf das gelockerte Feld. — Die erste Handvoll warf er auf sandigen Boden oder auf einen Felsen, oder hin über das Heidekraut des Raines. Warum er's tat, das sagte er nicht und keiner stellte ihn darob zur Rede. Dann aber ging's über das Feld, von einem Rain bis zum andern. Wie er die Hand so schwang im Halbkreise, da zogen von ihr die braungelblichen Strahlen der Körner aus, und sie verdünnten sich in der weiten Runde und wurden unsichtbar, bis sie zur Erde fielen. Gleich kamen auch die Vöglein herbeigeflogen von den nahen Bäumen und von den Büschen. Sonst hüpfen sie gerne auf den Erdschollen herum und picken die frischgesäeten Körner auf, aber dem alten Christof flogen sie auf die Achsel oder die Lederhaube, und einmal ließen sie sich gar wundersam nieder zum Kornsack und schnappten nach Lust die Dingelchen heraus. Als ob es ihnen gesagt worden wäre, daß das Körnlein im Sacke geradeso sättigt wie das Körnlein im Erdreiche, obwohl das erstere nur ein einzig Körnlein bedeutet, das letztere aber eine ganze schwere Ähre.
Keine Handlung im formreichen Kultus des Landmanns ist so würdevoll und heilig wie das Hinlegen des Samenkornes in die Erde. Das ist Glaube und Hoffnung, das ist ein Begräbnis mit der kindlichsten Zuversicht an die Auferstehung. Ich habe noch keinen lachenden, singenden oder plaudernden Säemann gesehen; der tollste, ausgelassenste Bursche schreitet bei dieser Arbeit still und ernst einher, als sei er zur selbigen Stunde ein Wundermann, der mit wenigen Broten viele speist. Es ist, als ob den Säemann bei dieser Handlung eine Ahnung überkäme von seinem eigenen Hinsinken in das Erdreich und Wiederhervorgehen zu neuem Leben.
Freilich wohl liegt über diesem tiefen Meere der Poesie, sowie immer im Volke, der Schaum des Aberglaubens. Der Säemann soll ein Sonntagskind sein und die Arbeit nur bei aufnehmendem Monde verrichten. Gesagt ist, daß der Same besser gedeiht, wenn er früher mit Weihwasser übergossen wird; das Wasser müßte aber nicht gerade geweiht sein, die Hauptsache ist nur, daß es befeuchtet. Sonst wird beim Säen die erste und die letzte Handvoll kreuzweise hingeworfen, damit nicht etwa der böse Feind Unkraut unter den Weizen menge. Aber der Christof tat das nicht, die erste legte er auf unfruchtbaren Grund und die letzte — es war recht und billig — behielt er sich zum Eigentum. Hatte er an einem Tage zehn Äcker besäet, so hatte er sich zehn Hände voll Korn erworben; so ließ sich in der Säezeit der Lebensunterhalt für das ganze Jahr zusammenbringen.
Im Tale lebte ein häßliches Weib, die Brennessel-Gret. Es war eine arme Witwe, mit drei kleinen Kindern; es war auch ein Säeweib und hatte sich und anderen durch seine böse Zunge schon viel Unkraut ausgestreut. Die Gret liebte keinen Unglücklichen, umsomehr haßte sie den Glücklichen. Der Samstag-Christof, arm und häßlich wie sie, aber geachtet von allmänniglich und geliebt von jedem Kinde, selbst von den Vöglein der Lüfte, war ihr ein Dorn im Auge. Im allgemeinen achtete man nicht auf die Brennessel-Gret, was sie auch sagen und tun mochte. Auf einmal aber ging ein Gerücht durch aller Leute Mund: Nun, endlich wisse man's, warum der Samstag-Christof so trefflich säe, er benütze den Bösen dazu, der müsse ihm jedes Korn auf den genau abgemessenen Platz in die Erde legen und bekäme dafür die erste Handvoll, die der Christof auf unfruchtbaren Boden wirft. Der Samstag-Christof sei ein Hexenmeister.
Man weiß, wie Bauern sind — im nächsten Jahre säete jeder sein Kornfeld eigenhändig, und dem alten Christof wich man aus und grüßte ihn kaum mehr. Dieser lebte verborgen in seiner Scheune, während draußen der Frühling war. Aber als die Saat aufging, gab es über die Felder hin viele aschgraue, kahle Streifen und zur Blütezeit wucherte Nesselkraut und Hederich zwischen den Halmen und in den Erntetagen lagen die Garben dünn zerstreut auf den Stoppeln.
Im nächsten Herbste wurde in der Hütte der Brennessel-Gret viel gebetet und geflucht. Das Weib hatte sein Kornackerl bestellt, aber nun bekam es, wie sonst alljährlich, keinen Samen von der Nachbarschaft; erstens, weil solcher in diesem Jahre rarer war als sonst, zweitens, weil sich das Weib immer mehr verhaßt gemacht hatte. Alles bestellte seine Wintersaat, aber der Acker der Witwe blieb brach liegen. Christof hatte in seinem Vorrat einen Kübel Korn; da dachte er bei sich: Streue ich diese Körner auf ihr Feld, so bin ich wieder der Hexenmeister, und bleibt ihr Acker leer, so verhungert sie mit ihren Kindern. — Da war der alte Mann einmal über eine Nacht nicht in seiner Scheune.
Der Winter kam und ging vorüber; in der Hütte des Nesselweibes war Trostlosigkeit; die Grete betete für ihre Kinder und verfluchte alle übrigen Menschen. Aber im Frühjahre, als alle Felder grünten im weiten Tale, grünte auch das der Witwe; es ging aus demselben das Korn auf in saftiger Fülle und schöner Gleichmäßigkeit, erquickender zu sehen, wie alle Äcker der Großbauern. Der Samstag-Christof hatte hier gesäet, es ließ sich nicht leugnen. Nächtlicherweile mußte er es getan haben, und dennoch stand jedes Hälmlein von den anderen wie abgemessen. Das hätte den Argwohn von dem »Hexenmeister« wohl bestärkt, aber der Pfarrer sagte: »Er hat Almosen gegeben mit der Linken, ohne daß es die Rechte wußte; er ist, umgekehrt wie im Evangelium, gegangen auf den Acker des Feindes um Mitternacht und hat das Unkraut zertreten und guten Samen gestreut.«
Ich habe den alten Samstag-Christof noch gekannt. Über seinen Körper schienen alle Übel kommen zu wollen; in seinen letzten Jahren war er so buckelig, daß er wie ein Ballen herangewandelt kam. Sein niedergebeugter Kopf war kaum einen Fuß von der Erde entfernt, seine hageren Hände, wovon die Rechte fingerlos war, hingen nieder bis zum Boden; es war, als ob er alle Körner wieder auflesen wollte, die er in seinem Leben ausgestreut hatte. An einem Samstagabend fand man ihn mitten auf einem reichen Kornfeld leblos, tief zusammengekauert wie ein Samenkorn, das, in Verwesung übergehend, keimen will. Man konnte den Greis nicht mehr gerade legen, der Sarg mußte kurz und breit sein.
Das Grab des alten Christof wurde bald weit und breit bekannt; es wuchsen Halme auf ihm und Kornähren daran. Die alte Brennessel-Gret führte ihre drei Kinder zum Hügel, pflückte jedem eine Ähre und sagte: »Nehmt und bauet sie an.«
Zwei dieser Kinder besitzen heute weite Kornfelder, herausgewachsen aus den zwei Ähren; das dritte aber hat seine Ähre verworfen und zieht hab- und heimatlos durch die Länder.