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Sonderlinge

Chapter 15: Der scheltend' Schuster.
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About This Book

A collection of short sketches that presents a gallery of eccentric individuals encountered in everyday life. Each piece focuses on a single peculiar character or habit, mixing gentle comedy, compassion, and occasional darkness to show how individuality shapes behavior and social awkwardness. The tone shifts between anecdote and quiet portrait, emphasizing small, telling details of manner, belief, and circumstance rather than a sustained plot. Taken together, the vignettes form a mosaic of human oddity and stubborn dignity, exploring folly, hidden wisdom, and modest virtues through concise, episodic narratives.

Der scheltend' Schuster.

Da stand in den Zeitungen der Bericht von einem Manne in Boston, der jedesmal, wenn er fluche, ein Geschenk zu kirchlichen Zwecken gebe, auf diese Art bereits ein Bethaus erbaut habe und nun dabei wäre, einen Turm auf die Presbyterianerkirche zu fluchen.

Dieser Bericht erinnerte mich an den Flucher Martin Leitner in Fischböckgraben, welcher Leitner unter dem Namen: »Der scheltend' Schuster« weit und breit bekannt war. Um ein guter Flucher zu sein, braucht man rhetorisches Talent; mit etlichen groben Redensarten allein ist's da nicht abgetan, die bringt jeder ungehobelte Bauer zuweg, ja selbst der Stadtherr und die Stadtfrau, was mir eine ganze Welt von dienstbaren Geistern beweisen helfen kann. Der geborene Flucher flucht mit Grazie, mit Humor, mit Wärme und Empfindung, mit schönem Pathos, kurz, mit dichterischem Schwung. Ihm steht eine unerschöpfliche Mannigfaltigkeit der Form zu Gebote, ein Bilderreichtum gewaltiger Phantasie, sein Fluch ist als Ausdruck der Empfindung ein poetisches Werk lyrischer Art. Fluchen und Beten sind scheinbar sich ganz entgegengesetzte Dinge, in Wahrheit aber gleichartiger Natur: Beides ist eine Wunschäußerung des Gemütes gegenüber einem übernatürlichen Geiste. Zum Glücke wird so selten andächtig geflucht als andächtig gebetet.

Der Schuhmachermeister Martin und sein Geselle, der fromme Barthel, leisteten in beiden Fächern ganz Erkleckliches. So oft der Martin den Mund auftat, zitterten alle tausend Mordelemente im Himmel und auf Erden; und wenn der alte Barthel während des Drahtziehens seine frommen Stoßgebetlein ins Pech oder ins Leder murmelte, hatte es eine Art, daß, wie der Meister sagte, nur gerade das kreuzweis verschweifelte Donnerwetter dreinpfeifen müßte! Sie eiferten sich gegenseitig an zu ihren Tugenden; je mehr der eine fluchte, je mehr betete der andere, und je mehr dieser betete, je mehr fluchte jener. So gab es denn in der Schusterwerkstatt oftmals einen Geruch wie von Weihrauch und Schwefel durcheinander.

Den Meister ärgerte des weiteren das Beten nicht, insofern war er duldsamer als sein Geselle, dem das Fluchen seines Herrn ein Greuel war.

Nicht ungern erzählte der Schustergeselle die Geschichte von dem fluchenden Weber, der so lange in das bei einem ungeduldigen Weber stets verknüpfte und verworrene Garn hineinfluchte, bis er umgarnt war und ihn mit Haut und Haar der Böse holte, den er so oft angerufen hatte.

»Das muß schon ein sternhageldick verzweifelter Narr gewesen sein,« meinte der Meister, »wer wird denn so fluchen?«

Der Barthel glotzte ihn ganz dumm an, und eines Tages rückte er den Dreifuß und sagte: »Der Meister ist sonst kein zuwiderer Mensch nicht, aber halt das gottlose Schelten und Eitelnennen Gottes! So oft der Meister tut fluchen, gibt's mir einen Stich ins Herz, als wie wenn eins mit dem Ahl-Ertel ohne Schmer hinein tät' rennen. Das bin ich gar nicht gewohnt, und jetzt sag' ich meinen Dienst auf.«

Wickelte der Meister den Pechdraht um die Hand, rückte auch seinerseits den Dreifuß und antwortete: »Was heißt das, Barthel? Wer nennt den Gottesnamen eitel, ich oder du? Schelten! Fluchen! Du tust ja, als wie wenn ich ein siebendoppelter Heid' tät' sein! So ein blitzblau vernagelter Unsinn! Ob mich schon wer fluchen gehört hat, möcht' ich wissen, du gottverdammter Ehrabschneider, du vermaledeiter, daß dich der Teufel hol—lertee trink' ich gern.«

Aber fluchen tat er nicht.

So klagte der Barthel seine Not einmal den Kirchenpröbsten, unter welchen die Sakristeidiener und Vorbeter verstanden sind, und zu denen er selber gehörte. Und sie einigten sich darin, daß der Meister Mirtl (Martin) wirklich der greulichste Flucher sei, der je Menschenfüße in Ochsenhaut steckte, daß man ihn allerwärts den scheltenden Schuster heiße, was dem Sprengel, in dem er lebe, keine Ehr' sei, und daß der Mann stumm gemacht werden müsse. — Was half's, daß der Geselle nach jedem Fluch des Meisters ausrief: »Gott verzeih'!« wenn der andere sofort wieder mit einem: »Gott verdamm'!« dreinfuhr, und es drauflosging, daß sich ordentlich das bockigste Stierleder unter dem Knieriemen wand vor Entsetzen.

Wenn der Meister bei guter Laune war, so hörte man von ihm fortwährend Gefühlsausbrüche harmloserer Art, als: »Bassama hint' auf d' Höh'!« oder: »Kruzi-Adaxel-Türkensabel, Ludervieh und Heugabel!« oder: »Kreuz-divi-domini, daß dich!« oder auch: »Fixzaunmarter-dürre-Krautstingelbutten!« Wenn er aber in Zorn und Wut kam, da ging ein ganz anderes, ein schweres Wetter nieder.

»Geldstrafe!« sagte einer der Kirchenpröbste, »sonst weiß ich kein Mittel. So oft der Mirtel einen Flucher laßt, zahlt er einen Kupfersechser. Barthel, du passest auf und verwahrst das Geld, das nachher der Kirchen gehört.«

»O, ihr lieben Eselein!« rief der Barthel, »da möcht' ich wohl wissen, wer ihm das Zahlen wollt' schaffen. Den schilt er maustot.«

»Das laß gut sein, Schuster,« sagte der andere, »ich werd' mit dem Kaplan reden.«

Und nach einiger Zeit, als der Meister Mirtel eines Tages von der Kirche heimkehrte, war er verzagt und fluchte nicht, so daß der Barthel glaubte, sein Meister müsse krank sein, und ihn darob befragte.

»Ja, mein lieber Barthel,« antwortete der Meister traurig, »'s ist nicht richtig mit mir; bei der Beicht' bin ich gewesen. 's mag wohl sein, daß meine arme Seel' zum Teufel geht. Weil ich so viel schelten tät', sagt der geistliche Herr. Glaub's aber nicht, 's müßt mich nur zeitweilig der Höllsaggra so viel reiten. Sollt' mir's abgewöhnen, sagt der geistliche Herr. Der hat leicht reden, der hat alleweil die sieben Sakrament' im Mund und ist fromm dabei; und unsereinem darf nur eins auf die Zungen kommen, so heißt's, man schilt! Muß aber doch derlogen sein, daß ich mir das mordsschwerenots Fluchen nicht sollt' können abgewöhnen. — Nu, so hat halt der geistliche Herr gesagt, sagt er: so oftmals ich einen feisten Flucher tät' loslassen, sollt' ich allemal einen Dreier für den Opferstock geben.«

»Einen Sechser, Meister, einen Sechser!« rief der Barthel drein.

»Einen Sechser? Wie kannst denn du das wissen, du neunmal verzweifelte Judashaut; hast leicht gelost?!«

»Gar nicht, Meister, gar nicht; hab' nur gemeint, so ein Flucher vom Meister ist seinen Sechser schon wert.«

»Hat's auch gesagt, der geistliche Herr, daß ich mich allemal um einen Sechser sollt' strafen. Meint er 'leicht, ich hätt' nicht Herr über mich! Justament will ich ihm's zeigen, dem Sakermenter, daß ich das Schelten kann lassen.«

»Meister, ich bitt' um den Sechser.«

»Was hast denn? Es gilt auch: so oft ich was fluch', kriegst du für die Kirche den Sechser. Daß ich euch weis', was ich kann, und das verdammte Gered' einmal aufhört: nicht einen setzt's, oder es soll mich das Kruzifix-Millionen-Donnerwetter in den Erdboden schlagen!«

»Meister, ich bitt' um den Sechser.«

Das Donnerwetter schlug nicht, aber er gab den Sechser: den ersten und bald noch etliche dran in derselbigen Woche. Jeder »Satan« und jedes »Mordselement«, jede »Pestilenz«, jeder »pechrabenschwarze Gallteufel«, sogar jede »Galgenstrick-Latern'« und jedes »Saggramosthosen« wurde mit einem Sechser belegt. Allerlei Drohungen und Träume, die dem braven Schuhmachermeister nächtlicher Weil' vorkamen, bewirkten es, daß er die Strafgelder nicht verweigerte, sondern mehr und mehr seinen Mund in acht nahm.

Als die Kirchenpröpste wieder zusammenkamen, brachte der Barthel zwar ein nettes Häufchen Sechser mit, tat aber gleichzeitig kund, daß die Kupferquelle allbereits versiegt sei.

»Das kömmt mir recht verdrießlich,« meinte der Lichtanzünder, »wie ihr sehen könnt, ist der Weihbrunnkessel an der Kirchentür kaputt geworden, worauf wir beim heurigen Geldanschlag nicht gezählt haben. So ist mir der Einfall gekommen, ob uns nicht der Schustermeister einen neuen Kessel zusammenfluchen wollt'.«

»Flucht nimmer,« berichtete der Barthel. »Es müßte denn sein, daß man ihn reizen tät'. Wenn's zum Besten des Kessels ist ...«

Und was geschah?

Der Barthel ging heim in die Werkstatt, verknüpfte in Abwesenheit des Meisters den Draht, tauchte das Pech in kaltes Wasser, verklebte auch ein wenig den Leisten in den halbfertigen Schuh, brach ein paar Ahl-Erteln die Spitze ab, versteckte den Knieriemen unter das alte Lederwerk und bereitete in schöner Dienstfertigkeit noch dies und das für ein ausgiebig Flucherstündchen. Dann rückte er sich in seine Ecke und stach und schmierte und nähte mit der harmlosesten Miene von der Welt an seinem Stiefel.

Bald darauf trat der Meister lustig pfeifend in die Stube und setzte sich an die Arbeit. Fürs erste wackelte der Dreifuß; den rückte er gelassen zurecht. Dann langte er nach dem Garnknäuel, um die Drahtfäden auf seine Finger und den Ellbogen zu haspeln. Dabei murmelte er etwas Unverständliches, denn das Garn war ein wenig verworren. Der Geselle lauerte, aber es kam weiter nichts. Das Pech zeigte sich heute, obwohl in der Stube geheizt war, ausnehmend spröde, das Schmer hinwiederum floß schier auseinander. Als der Meister den Leisten aus dem Schuh ziehen wollte, brach der Zughaken und er schleuderte die Trümmer zu Boden und starrte stillen Grimmes auf den Gesellen hin, der in musterhafter Ordnung weiter arbeitete. Der Meister nahm die Ahle zur Hand, da war die Spitze weg — wieder ein Blick auf den Barthel. Bebend vor Wut, aber stumm wie ein Fisch, suchte der Meister den Knieriemen, schleuderte alle Leisten und Lederfetzen durcheinander, fand ihn endlich unter der zerfahrenen Beschuhung, stürzte damit auf den Gesellen und salbte ihm kräftigen Armes mit dem Riemen den Rücken.

Und fluchte nicht.

Aber der Weihbrunnkessel ist neu. Man sagt, der Barthel selbst hätte ihn zusammengescholten an demselbigen Tag.