Herr Trotzkopf, der Heiratsbeflissene.
Bertram Siebener ging auf dieser Erde fünf Jahre lang mit Heiratsgelüsten um. Es tat ihm die Wahl weh unter den schönen Töchtern des Landes, und aus lauter Bedenken und Zuwarten passierte es mehrmals, daß ein anderer ihm die Braut vor der Nase weg heiratete. Denn gern haben die Frauen des Mannes Herz, aber dessen Hand haben sie noch lieber. Zudem hatte Bertram Siebener — ein so prächtiger Mann er sonst war — keinen sehr starken Willen, hingegen besaß er einen kräftigen Widerspruchsgeist. Ein Trotzkopf war er. Bei allem, was er vorhatte, befragte er seine Freunde um Rat, um hernach gerade das Gegenteil zu tun von dem, was sie ihm rieten.
So saß er eines Tages im Extrastübel des Eschenwirtshauses und sagte zum Wirt: »Julius, was sagst du dazu? Jetzt hab' ich eine aufgestöbert. Blutjung ist sie und bildsauber. Hast noch keine gesehen, die so schön wäre. Ganz dumm bin ich dir vor Liebe. Die werde ich nehmen — was meinst?«
Der Wirt zuckte die Achseln: »Wenn du verliebt bist, dann ist dir nicht mehr zu raten.«
»Daß man sich's halt etwa noch überlegt.«
»Das tät' ich auch an deiner Stell', und diesmal schon gar.«
»Meinst also, daß ich's bleiben lassen soll?«
»Weißt, Bertram, ein anderer kann da nichts sagen, das kommt auf dich selber an. Ich red' nur das: geheiratet ist's bald, aber das Hausen währt lang'. Und just auf die Schönheit allein ginge ich auch nicht. So lang' das Weibel schön ist, gehört es oftmals nicht dem Ehemann allein; und ist es nicht mehr schön, nachher magst es leicht auch selber nicht. So ist die Sach'.«
Der neidet mir die schöne Braut, dachte Bertram, als ob just ich kein sauberes Weib haben sollte! —
Er ging zu seinem Freunde, dem jungen Tischlermeister, einem sehr einsichtsvollen Mann, der selber noch ledig war und bei seiner dicken Stiefmutter lebte.
»Du, Franzel,« rief Bertram Siebener, »eilends laß dir Tanzschuhe machen. Ich bin Bräutigam. In die Allerschönste bin ich vernarrt, in die schöne Traut. Ich denk', ich mach' Ernst! Rate mir, Freund, aber rate mir nicht ab.«
»Dazu läge nach meiner Meinung keine Ursache vor,« sagte der Tischler, »daß sie deinem Auge gefällt, und daß du sie lieb hast, ist die Hauptsache. Alles andere findet sich.«
»Nur Vermögen, wenn sie zu ihrer Schönheit hätte, würde ich nicht verachten,« meinte Bertram.
»Vermögen, Vermögen,« sagte der Tischler, »dann bist du der Herr im Hause nimmer. Du bist der Anwalt ihres Geldes und mußt durch das Kapital deiner Arbeitskraft den täglichen Bedarf schaffen, und dennoch würde sie dir's bei jeder Gelegenheit zu verstehen geben, daß sie dir Geld mitgebracht hätte.«
»Wenn sie nur auch ein gutes Herz hat?« wendete Bertram ein.
»Pah, ein gutes Herz haben alle, wenn es der Mann verlangt; nur häßliche Weiber sind auch böse Weiber. Greif' zu, Bertram, greif' zu mit allen Vieren!«
Was der nur hat? dachte der Freier bei sich. Gerade auf der Stelle will er mich verheiraten. Er hat leicht reden; leben müßte ich mit ihr. Spät gefreit hat niemand gereut. Ich warte noch. —
Ein halbes Jahr später saß Bertram Siebener wieder im Eschenwirtshause und zupfte den Wirt am Ärmel: Er hätte etwas zu reden.
»Wenn's nur auch was Gescheites ist!« sagte Julius.
»Das will ich schon meinen. Ich habe wieder eine Braut — eine mit Geld!«
»Das läßt sich hören!«
»Aber gerade nicht mehr ganz jung — so in den besten Jahren, eine Vierzigerin.«
Der Wirt tat einen lauten Pfiff. — »Nachher könnte sie ja deine Mutter sein.«
»Ist's aber nicht. Ist eine recht angesehene Hausbesitzerin, auch gesund und heiter. Ich setz' mich in die Wirtschaft und bin ein gemachter Mann.«
»Mensch!« rief der Wirt, »ich sage dir, nimm eine ältere! Eine Achtzigjährige, die wenigstens bald stirbt. Die Vierzigerin überdauert deine schönsten Jahre; du bist an sie gebunden wie der Kettenhund ans alte Hoftor. Bertram, ich bitte dich: renn' nicht in dein Unglück!«
»Du hast ja selber eine Alte.«
»Eben darum rede ich aus Erfahrung. Junge, nimm eine Häßliche, eine Dienstmagd, eine Dirne — nur keine Alte!«
Bertram ging mißmutig davon. — Just weil sie glauben Nein, so sage ich Ja. Möchte doch sehen, wer mit mir schaffen kann! —
Er ging zum Tischler.
»Freund, du wirst Augen machen. Wie du mich da stehen siehst: ich bin so viel als Großbauer! Ich heirate die Hochschlagerin.«
»Was?« lachte der Tischler, »o du Schelm du! So bist du's, der den fetten Vogel abschießt! Ich gratuliere!«
»Sie ist just nicht alt.«
»Na freilich nicht,« sagte der Tischler. »Vierzig ist ja noch kein Alter. Und so gut erhalten!«
»Just, daß halt ich ein bissel jung für sie bin.«
»Ist nicht deine Schuld. Brauchst du nicht eifersüchtig zu sein. Eifersucht ist ein Elend. Auf die Hochschlagerin kannst dich verlassen — bist geborgen. Und sind die zufriedensten Ehen, dergleichen. Dann keine Brotsorgen, mein Lieber, keine Brotsorgen, das ist die Hauptsache.«
»Es ist wahr,« bemerkte Bertram sinnend, »daß man auch — der Nachkommenschaft wegen — Kinder —«
»Eins kriegst, mehr brauchst du nicht. Denke dir das Kinderkreuz! Den Kummer! Ich selbst, wenn ich heiraten würde, nähme so eine, wie die brave Hochschlagerin.«
»So nimm sie!«
»Ei, du siehst ja, daß ich mit meiner Stiefmutter ganz zufrieden lebe. Sie ist eine gutherzige, praktische Frau, besorgt mir die Wirtschaft. Und so lebt man fröhlich dahin.«
»Und warum man just mich in den Ehestand jagen will?«
»Jagen? Das nicht, aber mit gutem Gewissen dazu raten kann man dir. Du zögerst, aber du wirst heiraten, es ist eine Naturnotwendigkeit für dich. Du bist vielleicht gar nicht für den Ehestand geboren. Aber du bildest dir einmal ein, zu heiraten, du wirst keine Ruh' und keine Rast haben, so lange du nicht verheiratet bist.«
»Und dann?«
»Dann gibt es keine Wahl mehr.«
»Also gezwungen und gebunden leben!«
»Bertram, du bist eine unentschlossene Natur, jede Wahl peinigt dich. Immer hin und her. Das Muß tut dir besser, das ist der Stock, an den gebunden du erstarken wirst.«
»Franz, du redest in den Tag hinein. Du verstehst mich nicht. Weißt du, was ich tun werde? Ich bleibe ledig!« —
Darauf verging ein Jahr. Die schöne Traut hatte einen schönen Förster, die reiche Hochschlagerin einen reichen Holzhändler geheiratet. Bertram Siebener war noch frei.
Da saß er eines Tages wieder beim Eschenwirt und trank sich ein Herz an. Es war bei ihm, als ob er den Apfelwein nicht in den Magen, sondern in das Herz hinabschlürfte; denn mit jedem Humpen schwoll dieses und wurde voll, und wurde schwer. Und endlich begann er zu schluchzen ob seiner großen Verlassenheit.
»Ich glaube gar, du hast Zahnreißen?« sagte der Wirt.
»Laß mich gehen. Ihr alle miteinander versteht mich nicht — ich fühle mich so einsam auf der Welt. — Ich werde doch noch einmal mit der Meisterin reden.«
»Am Ende hast du schon wieder eine Braut?«
»Ich habe auch eine, ich verhehle dir's gar nicht, gleichwohl ich weiß, daß du mir sie wieder abreden wirst wollen.«
»Abreden? Ich abreden? Was dir nicht einfällt. Im Gegenteile, ich habe dir immer gesagt, daß du heiraten mußt. Aber eine, die für dich paßt. Zweimal fragtest du mich schon, und ich will nicht fürchten, daß du es bereuest, mir gefolgt zu haben.«
»Ich dir gefolgt, Julius! Nicht im Traume. Wenn ich zwei Weiber bisher laufen ließ, so waren es andere Gründe.«
»Die dritte wirst du doch nicht mehr laufen lassen? Sie ist wahrscheinlich sehr hübsch?«
»Sie ist nicht hübsch.«
»Oder wenigstens jung?«
»Sie ist nicht jung.«
»So doch reich?«
»Ist auch nicht reich.«
»Also häßlich, alt und arm. Bertram, sei versichert, die rede ich dir nicht ab. Es ist nicht nötig.«
»Und gerade die werde ich heiraten.«
»Ich gratuliere!«
»Du höhnst mich. Ich aber sage dir: Die werde ich heiraten.« —
Aufgebracht ging er davon — ging zu seinem andern Freunde, dem Tischler.
»Hast du wieder eine?« rief ihm der entgegen.
»Eine gutmütige, bescheidene, ältliche Person, arm, aber häuslich und brav.«
»Siehst du, das ist die Rechte.«
»Eine Witwe ohne Kinder. Nur ein Stiefsohn ist da.«
»Für einen gescheiten, anspruchslosen Mann gewiß eine passende Partie. Mache nur diesmal Ernst.«
»Aber —«
»Ist sie eine Hiesige!«
»Freilich, du kennst sie recht gut. Und daß der Sohn um ein paar Jahre älter sein wird als der Vater, hörst, das macht nichts.«
»Was sprichst du denn?«
»Geh', geh', ich laß dich nicht raten. Wir sind auch schon auf gleich. Hat sie dir wirklich noch nichts gesagt?«
»Wer?«
»Deine Frau Stiefmutter.«
Der Tischler schrak zurück. — Meine Stiefmutter will er heiraten? Meine Mutter, von der ich hoffe, daß sie mir in nächster Zeit die Wirtschaft übergibt, und mich zum Erben ihres Ersparten machen wird?
»Freund!« sagte er mit dumpfer Stimme und legte seine Hand dem Heiratsbeflissenen auf die Achsel: »Das wäre ein unglücklicher Gedanke. Glaube mir, ich würde sehr erfreut sein, dich in unserer Familie zu wissen. Aber als Freund muß ich dir im Vertrauen mitteilen: Meine Stiefmutter ist kein Weib für dich. Erstens hat sie das Alter wirklich etwas sehr häßlich gemacht; die Leute würden ordentlich zurückschrecken, wenn du sie ihnen als deine Braut aufführtest.«
»Was geht das die Leute an!«
»Dich, dich geht's an. Und das eben ist das Schlimme. Ferner glaube ja nicht, daß diese Frau so überaus gutmütig ist. Ich kenne sie besser!«
»Du kennst sie als Stiefmutter, da glaub' ich's schon.«
»Wenn es je eine eitle, geschwätzige, geizige, schmutzige, launenhafte und mürrische Alte gibt, so ist es meine Stiefmutter.«
»Du übertreibst, wie hätte denn dein seliger Vater —«
»Der nahm sie vor einem Vierteljahrhundert. Und wenn es je ein Mann bei diesem Weibe aushalten könnte, so würde mein Vater noch leben.«
»Diesmal ist alles dagegen,« murmelte Bertram, »nur mir keine Frau. Jetzt möchte ich aber doch sehen, wer mir das Heiraten wehren kann. Justament!«
O, Tischler Franz, das hast du schlecht gemacht. Warum fielest du ihm nicht in die Arme und riefst: »Bertram Siebener! ja und tausendmal ja, werde mein Vater! Meine Stiefmutter ist das schönste, liebenswürdigste Weib unter der Sonne. In üppigster Reife prangt sie dir entgegen! Und wie sinnig weiß sie sich zu schmücken, wie anmutig versteht sie zu plaudern, wie sparsam ist sie im Haushalte, wie anregend ist die Mannigfaltigkeit ihrer Stimmungen und neckischen Launen, wie reizend ist ihr erkünsteltes Zürnen und Schmollen. Wie selig war mein seliger Vater in ihrem Besitze, der, ach, so kurz war. Tritt in seine Fußstapfen, mein Freund, ich beglückwünsche dich aus voller Brust!«
So mißrät man einem Bertram Siebener die Partie. Ei geh', Tischler, du verstehst dich nicht aufs Leimen. Was du zusammenfügen willst, das geht auseinander, was du trennen möchtest, das kittet sich zusammen.
Jetzt lauf' zum Schneider, er soll dir flugs ein Hochzeitsjöppel machen, deine Mutter heiratet dir einen Vater ins Haus, und aufs Jahr vielleicht — kommt der Storch! —
Die Hochzeit ist lange über ein Jahr schon vorbei. Das Ehepaar lebt im Frieden. Der erheiratete Sohn wird ganz anständig gehalten, denn er leitet das Geschäft. Der Storch kam, setzte sich aber auf den Giebel der Mägdekammer, und wenn man den Bertram Siebener fragt, wie er ihm denn anschlage, der heilige Eh'stand, so antwortete er: »Dank' der Nachfrag'!« Und wenn man sagt: Es wäre ja zu erwarten gewesen, daß er mitten in sein Glück hineinsäße, so entgegnet er: »Na, na!« Und wenn ihm einer zuflüstert: »Armer Bertram, du bist bei dieser Tischlermeisterin wohl recht jämmerlich auf den Leim gegangen!« so ruft er aus: »Auf den Leim? Zum Lachen, so was! Ich bin über und über zufrieden, ich verlange nichts Besseres.«
Auch solche Käuze gibt es.