Der Samer-Sim.
Es ist doch recht schmeichelhaft für diese Welt, daß keiner aus ihr hinaussterben will. »Das Sterben, das spar' ich mir bis zuletzt,« sagt ein Volkswort, aber wenn dieses »zuletzt« kommt — es kommt zu früh. Die Jungen möchten alt werden, die Alten möchten sich am Sonnenlichte ein Jährchen oder zweie noch erfreuen; der Gesunde möchte leben, der Kranke gesund werden; der Arme möchte sich erst Schätze erwerben, der Reiche sie genießen; der Totengräber hängt mit denselben Stricken am Leben, als die in Weltlust badende Tänzerin auf der Bühne. Der Familienvater will leben, um der Seinen Glück zu gründen und sich daran zu laben. Dem Junggesellen ist es schon gar bitter, von der Erde zu scheiden, denn er weiß, er läßt keine Spur zurück, ist mit seinem letzten Atemzuge verweht und vertilgt — wahrhaftig gestorben.
Denen aber der Tod nicht zu früh kommt, denen kommt er — zu spät; sie wollten ja sterben, wenn's nur schon — geschehen wäre. Es liegt ihnen am Leben nichts, aber ihnen graut vor dem Todeskampf.
Zu diesen letzteren gehört auch der Samer-Sim. Dem kann am Leben freilich nichts liegen, er ist im Dorf der Einleger. Vor Zeiten hat er mit einem Maulesel Kornsäcke übers Gebirg' gesäumt; den Namen hat der Sim noch davon, aber sonst nichts. Er weiß, wie der Hunger schmeckt und wie der Frost bohrt; weiß, wie die Gicht tut und wie böser Leute Spottreden und geiziger Leute Nachreden klingen. Er weiß auch, daß nichts Besseres für ihn mehr kommen wird, daß er nichts mehr wünschen darf, daß er zeitlebens der Schuhhadern des Dorfes sein wird — aber nur leben, lange leben, immer leben — nur nicht sterben.
Der Samer-Sim meidet den Friedhof, der außer dem Orte liegt, aber auch den Weg dahin; er tut oft einen halbstundenlangen Umgang, nur um den Friedhofsweg nicht zu kreuzen. Vor Leichen fürchtet er sich wie vor der Pest, und es geht ihm wie allen, die selten Leichen sehen und also glauben, was ihnen die Einbildung vormacht, daß nämlich die Toten so grauenhaft zu schauen wären.
Am Ende des Dorfes steht eine Wirtskeusche; diese ist dem Sim der liebste Ort; nicht als ob er den schlechten Krätzer, den man in der Keusche haben kann, gerne tränke, sondern weil der Wirt ein Geschichtenbuch besitzt. In diesem Buche steht die anmutigste Geschichte, die der Sim je gehört hat, die Geschichte von dem ewigen Juden — das ist der Mensch, der nicht stirbt.
Beim Wirt sitzt zuweilen auch der Bader des Ortes, ein Spaßvogel. »Ja, mein Lieber,« sagte der eines Tages zum Sim, »letzthin hätt's den Mann doch bald getroffen — nu, wie lange mag's sein, Hirschenwirt, daß der ewige Jude bei dir da vorbeigegangen ist?«
»Je,« antwortete der Wirt, auf den Scherz eingehend, »das wird sein höchstens sechs Wochen — nit länger. Hat bei mir eingekehrt; just da auf der Ofenbank, wo der Sim sitzt, ist er gesessen.«
»Ja, schau,« fuhr der Bader zum alten Sim gewendet fort, »und da hat der Mann unvorsichtigerweis', wie er schon von seinem ewigen Herumvagabundieren erhitzt ist, ein Glas von Hirschenwirts Vierziger getrunken. Augenblicklich hat er auch das schauderlichste Bauchgrimmen gehabt und Krämpfe dabei, wie mir erzählt ist worden — hat schon alles gemeint, 's wär' das letzt' End' mit dem ewigen Juden.«
Der Hirschenwirt stutzte, als er die Spitze des Scherzes nicht gegen den Sim, sondern gegen sich selber gekehrt sah. — »Na wart', Bader — dachte er — du kriegst mir auch eins.«
»Ja, ja,« bekräftigte der Wirt dem Sim gegenüber, »'s ist, wie der Herr Doktor gesagt hat. — Leut'! schreit er jählings, der ewige Jud', mir ist auf einmal nit gut — lauft's geschwind um einen Doktor! — Ich schick' den Halterbuben eilends ins Dorf, aber der Herr Doktor da ist nit zu Haus gewesen; der arme kranke Mann hat keine Hilf' können haben und so ist er richtig wieder gesund worden.«
Der Bader hat einen klanglosen Lacher gemacht und nichts mehr gesagt. Der Sim aber, die zwei scharfen Nadeln des Gespräches nicht ahnend, schüttelte verwundert sein Haupt. »Welch' Seite ist er denn zugegangen?« fragte er angelegentlich. Es fiel ihm ein, dem ewigen Juden nachzugehen, ihn aufzusuchen und nicht mehr von seiner Seite zu weichen, auf daß auch er dem Tod entrinne.
Es sind der kleinen Geschichten und Wunderlichkeiten mehr, die man von dem Alten erzählt. Vor kurzem wollte er, der Siebzigjährige, mit einem zwanzigjährigen Mädchen eine Liebschaft anfangen, weil man ihm gesagt hatte, er müsse, um den Tod zu hintergehen, sich wieder jung stellen. In vollem Ernste machte er seinen Liebesantrag, und das ganze Dorf hatte was zu lachen.
Das Lachen war dumm. Der Samer-Sim ist ein armer schwachsinniger Greis, der mit Angst die letzten Körner seiner Sanduhr verrinnen sieht. Das falsche Leben, das ihm vorenthalten, was es anderen in reichem Maße hingeschüttet, das ihm keinen seiner Wünsche erfüllt hat, das ihn um seine berechtigtesten Hoffnungen betrog — dieses falsche Leben will der alte Mann noch zurückhalten am Mantelsaum, wie man einen fliehenden Dieb zu halten sucht. Das Gebaren des alten Samer-Sim, die vieljährige Todesangst des im Sonnenlicht Wandelnden ist seltsam genug — aber etwas zum Lachen ist es nicht.
Als ich dem Manne begegnete und er mir wie so vielen anderen Leuten seine Todesfurcht bekundete, suchte ich ihn zu trösten. — »Wenn's dereinst dazu kommt, guter Sim, so ist es nicht halb so schrecklich, als es von weitem aussieht. Bei betagten Leuten gar ist es wie ein ruhiges Einschlummern nach der Lebensmüh' und sie wissen gar nicht, daß es der Tod ist.«
»Aber Herr,« rief der Alte, »der Todesstoß, der Todesstoß im Herzen! Und nachher, wenn sie einen hineinlegen in den Sarg, hinabsenken in die Erden und es kriechen die Würmer heran!«
»Mußt denken, Simon, du liegst nicht lebendig drin, und es ist ja ein Glück, daß du früher gestorben bist.«
»Und erst die arme Seele!« sagte darauf der Alte, »die muß in den glühenden Ofen des Fegefeuers!«
»Wer hat dir denn das gesagt, Sim?«
»Das? — Ach, ich hab' doch so viele Sünden und keinen Kreuzer Geld für ein paar heilige Messen!«
»Lieber Sim,« sagte ich und faßte seine kalte Hand. »Glaubst du nicht, daß Gott besser ist als die Menschen?«
»Das glaub' ich wohl.«
»So siehe, gute Menschen verzeihen ihren Beleidigern, anstatt sich an ihnen mit Feuer oder anderswie zu rächen.«
»Ja freilich,« unterbrach mich der Sim, »so hat's Gott gelehrt!«
»Und wird er's nicht auch selber halten?«
Alte Menschen lassen sich aber nicht umwenden wie alte Röcke.
Der Samer-Sim murmelte was und holperte seines Weges. Einige Wochen später erhielt ich vom Schullehrer jenes Dorfes folgenden Brief:
»Geschätzter Freund!
Sie haben sich immer für den alten Samer-Sim interessiert. Den haben wir heute begraben. Der Mann ist lachend gestorben. Seit längerer Zeit schon lag er beim Moosbrunner auf dem Oberboden krank. Ich habe ihn selber einmal daselbst besucht; er war stets der Alte mit seiner Todesfurcht und meinte, er wollte gern alles Böse ertragen auf dieser Welt, wenn er nur wisse, daß er nicht auf dem Todbette liege. — Nun, es ist eigentlich komisch, hat ihn eine Maus umgebracht. Eine solche war unter seine Decke gekommen; vor Zappeln und Lachen über den Gast fiel der Alte in einen Krampf und nach wenigen Minuten war's vorbei. Der plötzliche Überreiz der Nerven, sagt der Arzt, habe ihn getötet. — Vielleicht vermag Ihre Feder etwas aus der Sache zu machen« usw.
So das Schreiben. Ich habe aus der Sache nichts anderes zu machen versucht, als was sie in Wirklichkeit ist. — Der Samer-Sim hat seit vielen Jahren nicht mehr gelacht aus Angst und Furcht vor dem Tode. Derselbe Samer-Sim ist lachend gestorben.