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Sonderlinge

Chapter 18: Der Zillacher-Anderl.
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About This Book

A collection of short sketches that presents a gallery of eccentric individuals encountered in everyday life. Each piece focuses on a single peculiar character or habit, mixing gentle comedy, compassion, and occasional darkness to show how individuality shapes behavior and social awkwardness. The tone shifts between anecdote and quiet portrait, emphasizing small, telling details of manner, belief, and circumstance rather than a sustained plot. Taken together, the vignettes form a mosaic of human oddity and stubborn dignity, exploring folly, hidden wisdom, and modest virtues through concise, episodic narratives.

Der Zillacher-Anderl.

Samstag war's. Der Anderl saß in der Flachsdörrkammer, wo er auch sein Bett hatte, und tat sich den Bart rasieren.

Die jungen Stadtherrchen kratzen mit dem Schermesser zumeist just dort herum, wo sie gerne einen Bart haben möchten. Der Bauernbursch rasiert sich, wo ein Bart steht. Freilich war der Anderl schon fünfunddreißig Jahre alt und sein Bart so steif, daß man nach der Bauern Sprichwort den Dreschflegel daran hätte hängen können. Trotzdem ließ der Anderl vor dem Scheren die Seife ordentlich in die Borsten trocknen und kramte mittlerweile seine grauen Backen vollblasend in den Hosentaschen herum. Da drin hatte er einen alten Taschenveitel, ein Stück Zunder und einige Kreuzer, die sich aber bei näherer Untersuchung in der Mehrzahl als Messingknöpfe herausstellten. Der Anderl blies die Backen noch bauchiger. Messingknöpfe? Für den morgigen Sonntag Messingknöpfe! Mit derlei hat der Hirschenwirt seine Hosen und Wämser sicherlich versehen. Heute schon hätte der Anderl Durst.

Jetzt trat eine alte Magd in die Flachsdörrkammer: Der Anderl möge eilends in die Stube zum kranken Vater kommen. Und als der Bursche bei dessen Bette stand, sagte der alte Zillacher: »Anderl, nimm deine Zipfelmütze ab. Anderl, paß auf, dein Vater macht's Testament. — Aha! gelt, jetzt kannst losen! Hast gleichwohl nicht immer so auf mich hören wollen; soll dir aber geschenkt sein, will dich nicht verkürzen. Deine Brüder und Schwestern, die haben das Ihrige. Wenn ich die Augen zugemacht hab', Anderl, so weißt es, die braune Kuh ist deine Erbschaft.«

»Vergelt's Gott!« rief der Anderl.

»Aber sei brav und tu' dir das Trinken ab, und der himmlisch' Vater soll dich beschützen und bewahren.«

Der Alte schwieg. »Kann ich jetzt die Zipfelmütze wieder aufsetzen?« fragte der Anderl.

»Jetzt kannst du machen, was du willst,« sagte der Zillacher.

Als nach einigen Tagen der Alte tot und begraben war, führte der Anderl die braune Kuh aus dem Stall. Er trieb sie die Straße entlang, und da er so hinter dem Tiere dahertrottete, führte er mit ihm folgendes Gespräch: »Du alte Kuh, du bist ein zaunmarterdürres Vieh. Ich möcht' meine Joppe an deinen Hüftknochen hängen.« Und als sie zu einem Wassertrog kamen und das Rind stehen blieb und trank, sagte der Anderl: »Ja, meine liebe Kuh, ich hätte auch Durst!« Er trank aber doch nicht.

Da kam ein Bauer des Weges, der fragte: »Wo treibst du deine Haut hin?« Der Bursche knirschte die Zähne und schritt fürbaß. Mittlerweile war das Euter voll geworden, und als sie zu einer Schenke kamen, unterhandelte der Anderl mit der Wirtin, ob sie nicht seine braune Kuh melken und ihm dafür ein Krügl Wein geben wolle. Das Geschäft war abgemacht. Und so trieb der Zillacher-Anderl seine Erbschaft viele Stunden weit fort, weidete sie an guten Rasenplätzen, tränkte sie an den Brunnen, und wenn das Euter voll war, so vertauschte er die Milch gegen Wein. Für die Länge aber blieb das Euter der braunen Kuh immer kleiner, während der Durst des Burschen größer wurde. Da dachte der Anderl, das muß anders gemacht werden, und verkaufte das Rind an einen Wegmacher. Der Wegmacher vermied die Frage, ob die Kuh nicht etwa gestohlen sei, bot hingegen nur fünfunddreißig Gulden Kaufpreis. »Meinetwegen!« sagte der Bursche, und als er das Geld in die Tasche schob: »Hab' ich noch weit zu einem Wirtshaus?«

Fünfunddreißig Gulden, das ist meine Erbschaft, dachte er dann, mit dieser will ich recht wirtschaftlich umgehen. Mit dreißig Gulden läßt sich schon was anfangen; die weiteren fünf Gulden — damit will ich jetzt gründlich meinen Durst löschen. Einmal im Leben muß der Mensch seinen guten Tag haben; — dann heißt's arbeiten und fleißig sein.

Als er zum nächsten Wirtshaus kam, suchte er sich den bequemsten Tischwinkel aus und hub an zu trinken. Die Wirtin setzte sich zu ihm und schwätzte und sagte, sie hätte frische Butterkrapfen in der Küche, die seien ihr diesmal vortrefflich geraten; ob er — der Anderl — denn nicht ein paar verkosten wolle. Ihm war's recht, und die umsichtige Frau Wirtin wußte wohl, daß nach den Butterkrapfen wieder neuer Durst kommen müsse. Der Wirt jedoch hatte sich seinem Gaste gegenüber so verhalten: In das erste und das zweite Glas schenkte er reinen Wein; in das dritte und vierte tat er ein wenig Obstmost dazu; dann tat er zur Hälfte Wein und zur Hälfte Most in den Becher; später goß er die Hälfte Obstmost, ein Viertel Wein und ein Viertel Wasser zusammen. Als endlich dem Anderl auf seiner Bank einmal ordentlich warm geworden, sein Durst doch immer noch nicht gelöscht war, da schüttete ihm der Wirt im Keller bloß Obstmost mit ein wenig Zwetschkenbranntwein vermischt in das Weinglas, hernach nur mehr Most allein, und endlich, wer am dritten Tage den Wein des Anderl vorurteilslos untersucht hätte, der würde gefunden haben, daß der Bursche gut gegorenen Apfelmost mit frischem Wasser trinke.

Natürlich tat dieses der Rechnung keinen Eintrag, und am dritten Tage waren fünf Gulden vertrunken. Zu dieser Zeit hatte die Wirtin jedoch bereits für frischen Durst gesorgt. Da sagte sich der Anderl: im Grunde ist es eine Narrheit, wenn ich mir jetzt einen Abbruch tue, der leicht der Gesundheit schaden könnte. Der Fieberdurst muß gelöscht, durch und durch gelöscht werden. — Dasselbe sagt auch der Bader daheim. Zwei Gulden spendier' ich noch.

Er bleibt wieder ein paar Tage sitzen; dann aber brach er auf, um mit seinen achtundzwanzig Gulden ein nutzbares Geschäft zu beginnen. Als jedoch der gute Zillacher-Anderl im heißen Tage auf der staubigen Straße so wanderte, da kam er mit sich überein, daß er seine Erbschaft auf ein viertelhundert Gulden abrunden wolle! Blieben ihm drei Gulden gut, die er in der nächsten Schenke vertrank.

Da war aber in demselben Jahre ein sehr heißer Sommer; entweder es war die Hitze oder es waren die heftigen Gewitterregen unerträglich, in beiden Fällen muß der Mensch ein Dach haben, und dazu hat Gott die Wirtshäuser erschaffen. Als die Barschaft des jungen Zillacher auf beiläufig zwanzig Gulden herabgesunken war, da sagte er: »Jetzt, Anderl, ist's g'nug!« Da er nun die Zeche gezahlt hatte, blieben ihm bloß neunzehn Gulden und fünfundneunzig Kreuzer in der Tasche. Ei, dachte er sich, der Gulden ist angezwickt, weg damit! — Und in ähnlicher Weise ging's auf fünfzehn, auf zwölf, auf zehn herab. Und nun sagte der Zillacher-Anderl das denkwürdige Wort: »Mit zehn Gulden richtet einer heutzutage nicht viel aus. Der Mensch, der auf eine Erbschaft ansteht, ist eh nix nutz; mit eigener Kraft muß der Mann das Seine erwerben.«

Er ging von einem Wirtshaus ins andere, und trank und trank. Und endlich war nichts mehr in seiner Tasche, als die Messingknöpfe. Da haben aber die Wirte neben der Wanduhr oder neben der Stubentür so schwarze Tafeln hängen, auf die mit der Kreide allerhand Buchstaben geschrieben werden können. Sagte eines Tages der Anderl: »Herr Wirt! Meines Vaters Sohn trägt einen ehrlichen Namen; tät Euch keine Schand' machen auf der Tafel.«

»Das nicht,« antwortete der Wirt, »aber die Tafel könnte leicht dem ehrlichen Namen was herabzwicken. Traue dieser schwarzen Tafel nicht, Freund!«

Der Anderl stutzte und war trübsinnig. Endlich sagte er zu sich: Was braucht man auch so einen dicken Brustfleck in der heißen Zeit? — Er verkaufte seine Tuchweste und vertrank das Geld. Dann vertauschte er seine Ochsenlederstiefel gegen ein paar leichte Schuhe, sein Lodenwams gegen ein kühles Leinwandröcklein; das dadurch gewonnene Geld vertrank er.

Wohl hatte er sich mittlerweile auch ein paar Groschen Taglohn erworben; aber das liebe Wirtshaus hatte ihm's angetan, und ehe noch zwei Monde nach seines Vaters Tod verflossen waren, saß der Anderl da, arm wie eine Kirchenmaus, bärtig wie ein Waldteufel; auch sein Schermesser hatte er vertrunken.

Jetzt war er tief verzagt. — Wenn einer nichts mehr hinabzugießen hat, so muß man die Gurgel zubinden, hat einmal einer gesagt — das leuchtete dem Zillacher-Anderl ein. Wenn der Fisch nicht mehr trinken kann, was hat er sonst auf dieser Welt? — 's ist gar grausam bitterlich! — Aber was kannst machen?

Der Anderl wußte draußen in der Dorfau einen alten Birnbaum. Zu dem ging er hinaus, an dem kletterte er empor mit harter Mühe bis zum Aste, von dem aus er das Dorf sehen konnte mit seiner Kirche und mit seinem Wirtshaus. Hierauf machte er Reue und Leid, nestelte sein Hosenband los und schlang es um den Hals.

Zur selben Stunde ging der Pfarrer am Birnbaum vorüber, er erschrak, als er das Beginnen des Mannes da oben bemerkte. — Zachäus, steig' eilends vom Baum herab! heißt's in der Bibel. Jener hörte es nicht. »Anderl,« rief der Pfarrer, »tu' dir das nicht an! Aufknüpfen, na, das wär' doch eine Dummheit, die dich dein Lebtag reuen würde!« Vergebens, der Anderl wand bereits das Hosenband um den Ast. Der Pfarrer versuchte auf den Baum zu klettern, um die Tat zu verhindern, und der Selbstmörder kam mit seinen Vorbereitungen schon zu Rande. Da fiel dem Priester was ein. »Anderl!« rief er auf den Baum, »du mußt herabsteigen, ich such' dich schon seit einer Stunde, ich habe just ein frisches Faß angezapft.«

»So!« sagte der Anderl, »ja das ist schon wieder ganz was anders,« und sogleich kletterte er dem Erdboden zu. Sie gingen mitsammen in den Pfarrhof. Der Pfarrer schoß eine Weile im Hause herum, dann kam er zurück. »Das ist schon eine verzwickte Sach', Anderl, jetzt haben wir den Kellerschlüssel vertan. Die Köchin war beim Teich unten, hat Karpfen ausgeweidet, da ist ihr der Schlüsselbund ins Wasser gefallen. Was wir nur anfangen?«

Der Anderl riet den Schlosser an, allein der Pfarrer versicherte, das Kellerschloß sei so gar heiklich bestellt und ein hiesiger Schlosser könne es justament nicht aufsperren. — Die Tür erbrechen, schlug der Durstige vor; nicht möglich, meinte der Pfarrer, sie sei mit eitel Eisen beschlagen über und über. Das einzige Mittel: der Schlüssel müsse aus dem Wasser hervorgeholt werden — ob der Anderl dazu behilflich sein wolle? — Das versteht sich. — Wurde denn fürs erste der Teich abgelassen, der da war, um des Pfarrers Kornmühle zu treiben; und als das Wasser verflossen war, machte sich der Anderl an den Schlamm, hub ihn schaufelvoll um schaufelvoll an das Ufer, arbeitete bis spät in den Abend und suchte den Schlüsselbund.

Und als es finster geworden, rief ihn der Pfarrer ins Haus und sagte: »So, mein lieber Zillacher-Anderl, jetzt hast du mir ein gut Teil Schlamm aus dem Teich gefaßt, dafür sollst heut' fünf Groschen haben und das Nachtmahl und ein Krügel Wein — der Kellerschlüssel hat sich vorgefunden.«

Glotzte der Anderl verwunderlich drein.

»Und wenn du mir den ganzen Teich ausschaufelst,« fuhr der Pfarrer fort, »so sollst du für das Tagwerk zwölf Groschen haben und die Köstigung und dein Krügel Wein.«

So wurde es abgemacht. Und als der Teich in Ordnung und wieder mit Wasser gefüllt war, da bekam der Anderl Geschäfte in der Mühle. Nur immer hübsch beim Wasser, daß der Durst nicht zu stark wird. — Es ist gar nicht zu glauben, wie ein Mensch sich ändern kann, wenn er danach geleitet wird. Der Pfarrer wußte den Zillacher wohl zu behandeln, und der Anderl wurde der beste Arbeiter, den er je noch gehabt hatte.

Wenn sie dann abends beim Krügel Wein saßen, das dem braven Hausgenossen bislang vorenthalten wurde, und es anmutig zu sehen war, wie glatt und lind die lieben Tropfen ihrer Wege gingen, sagte einmal der Herr Pfarrer, dem Anderl auf die Achsel klopfend: »Wär' doch jammerschade um deine Gurgel, wenn du sie dazumal zugeschnürt hättest!«