's Guderl.
Wenn ich bei dir, mein lieber, himmlischer Vater eine Bitte frei habe: dem »Guderl« bereite ein recht feines, warmes Plätzchen dort oben in Deinem Himmel, vielleicht ganz nah' bei der Lieben Frau, sie wird sich mit dieser Nachbarin aus dem Steirerland nicht zu schämen brauchen. Aber eilen brauchst nicht, wir mögen die alte Ludmilla recht gern noch eine Zeitlang bei uns herunten haben und sie — so arm und mühselig sie gleichwohl ist — hat auch noch kein Verlangen, dieses Jammertal mit der himmlischen Freud' zu vertauschen. Sie fürchtet, dort oben wird sich niemand von ihr was Gutes tun lassen wollen, weil es ja ohnehin jedem so göttlich gut gehen soll — und nachher freut sie der ganze Himmel nicht. Vielleicht, wenn sie einmal kommt, ist der heilige Laurentius so gut, seine Brandmale von ihr mit frischem Leinöl bestreichen zu lassen; oder der heilige Sebastian, sich von ihr die Pfeile aus den Wunden ziehen zu lassen; oder die blinde heilige Ottilia, sich von der Ludmilla herumführen zu lassen im Paradies, sich von ihr die himmlische Pracht erzählen und manchmal eine Butterbirne reichen zu lassen vom Baume. Ja dann, wenn sie wem einen Gefallen tun kann, wird es ihr auch selber gefallen im hohen Himmel oben, einstweilen paßt sie aber für die Erde besser.
Alt und mühselig ist sie, und das kann ihr niemand nehmen. Seit sie im Vorbeigehen einmal jene Erklärung vom Schulmeister gehört hat, daß nach den Aufmerkungen im Lande eine gewisse, sich fast gleichbleibende Anzahl von Krüppeln vorkomme, seither trägt sie ihre verkümmerten Beine noch lieber, weil sie denkt: Gut ist's, ich trag' sie für einen anderen. Sie trägt die Beine, anstatt, wie sonst gebräuchlich, von ihnen getragen zu werden. Einmal ist auch die Ludmilla jung und gesund gewesen. Da ist vor Jahren drüben auf der Reisinger-Seiten ein Pferd scheu geworden, an das Pferd war ein Streuwagen gespannt, und auf dem Streuwagen hockten zwei Knaben, die sich krampfhaft an die Sprosseln klammerten und jämmerlich schrien. Der Reisinger reckte seine Arme zum Himmel und rief Gott und die Heiligen um Beistand an für seine Söhnlein. Gott und die Heiligen schoben rasch die Ludmilla voran, die am Feldraine Strauchwerk schnitt: Der alte Narr steht da und kann nichts als schreien, lauf du, Ludmilla, und pack' das Roß, ehe es zur Schlucht hinabkommt! — Die Magd lief hinzu, erfaßte das Pferd am Kopfriemen. Eine Strecke weit wurde sie mitgeschleppt hinab über den steinigen Hang, endlich stand das Fuhrwerk still, die Knaben sprangen unversehrt davon, aber der Leib der Magd war arg zerschunden und zerrissen, ein Bein gequetscht, das andere gebrochen.
Der Reisinger sagte hierauf zu seinen Söhnen: »Wenn die Ludl nicht wär', so wäret ihr jetzt auch nimmer. Wäret auch nimmer, daß ihr es wißt. Und sie ist jetzt ein elendiger Krüppel, und wenn ich nicht mehr bin und ihr seid auf dem Hof und sie ist noch am Leben, weil solche Leut' leider Gottes oft eine zähe Natur haben, so müßt ihr sie behalten, das ist eure verfluchte Schuldigkeit, daß ihr es wißt!«
Als die Ludmilla das gehört hatte, packte sie still ihre Sachen zusammen. Da hatte sie warten wollen im Reisingerhof, bis ihr Sebast zurückkäme aus dem Strafhaus; in einem Jahr muß er ja endlich kommen und dann sind zwei arme Leut' mehr in der Gegend. — Kaum noch zur Not geheilt, stolperte sie zu vier Füßen, wovon die zwei hölzernen verläßlicher waren als die zwei beinernen, vom Berg herab nach Bärndorf und bat um einen Platz im Armenhaus. Das ward ihr natürlich versagt, denn sie gehörte in die Gemeinde zum »Steinernen Elend« hinauf. Das Steinerne Elend aber hatte kein Armenhaus und auch kaum ein anderes mehr. Schier die ganze Gemeinde war abgestiftet worden und Abstifter war der Staat mit seinen Lasten, und jetzt wußte das Restlein der im Steinernen Elend Geborenen nicht einmal, wo es daheim war, und die arme Ludmilla hatte keine Heimgemeinde. Aber das unfreiwillige Gnadenbrot beim Reisinger wollte sie einmal nicht essen; es wäre ihr zu stark gesalzen, sagte sie. Dann kam sie doch noch in das Bärndorfer Armenhaus hinein.
Als Aushilfswärterin kam sie zuerst nur auf ein paar Tage. Als diese paar Tage vorbei waren, ersuchte man sie um Verlängerung ihrer Aushilfstätigkeit und bald war ihr stillgeschäftiges, ratsames, sanftes und stets munteres Wesen den Kranken und Bresthaften so unentbehrlich geworden, daß sie im Armenhaus verblieb. »Und da g'freut's mich!« sagte sie nun oft. Dem Einen bettete sie das Lager bequemer, dem Anderen teilte sie etwelches von ihrem Brot, dem Dritten stellte sie was Grünes und Blühendes ans Fenster, dem Vierten besserte sie ein Kleid aus, sie konnte ja gar schneidern; und wo sie ein Zwirnfädlein liegen sah, und war es auch nur fingerlang, da tat sie es in ihren Nähkorb, der jedem, so ein Bändlein oder eine Nadel oder Schere oder ein Knöpfel brauchte, zur Nutzung stand. Für lange Abendstunden, wann sonst Tratsch und Mißlaune und Streit sich einzustellen pflegten unter den müßigen, mürrischen Bewohnern des Armenhauses, erzählte sie Geschichten, sang Lieder, wobei freilich ihre Lebhaftigkeit im Vortrag, sie half auch mit den Händen mit, die Stimmittel ersetzen mußte. Die dankbaren Gemüter behaupteten rundweg, die Ludmilla sei ein Engel, worauf sie allemal entgegnete: »Ja, wär' schon recht, wenn ich Flügeln hätt', auf den Füßen will's eh nit gehen.«
Das Elend der Armut liegt zumeist nicht im Nichtshaben und Nichtssein allein, es liegt vielmehr noch in der Giftigkeit des Herzens, in der Scheelsucht des Armen gegen die Mitmenschen, selbst im Mißtrauen gegen die Wohltäter. So war ein Mann im Armenhause, sie hießen ihn den Einhandel, weil er nur eine Hand hatte. Der hatte sich in der Jugend aus Furcht vor dem Soldatenleben mit einer Zimmermannshacke den Zeigefinger der rechten Hand abgehauen; zur Wunde kam der »Brand« und mußte ihm die ganze Hand abgenommen werden. Viele Monate war er im Spitale gelegen und als er endlich geheilt war, kam er seiner Selbstverstümmelung wegen auf Jahre in das Zuchthaus und dann von diesem schnurgerade in das Armenhaus. Am meisten beklagte er hier den Verlust seiner Hand, weil er beim Beten den Rosenkranz nicht so handhaben konnte wie andere Leute, denn zwei Dinge waren seine Hauptbeschäftigung: das Beten und das Ehrabschneiden. An jedem und jeder wußte er was auszusetzen, gegen jedes Gute hatte er sein Bedenken, und es ging kein braver Mann um im Dorf, der nicht doch ein »schlechter Kerl« war. Gegen die Ludmilla wußte der Einhandel aber spottwenig aufzubringen und so ließ er gelegentlich nur durchblicken, sie würde es schon wissen, warum sie so fromm tue, und trotz ihrer Demütigkeit würde sie am Ende doch lieber mit neun Teufeln in die Hölle fahren, als mit einem Engel in den Himmel.
»Geh, geh, Einhandel,« sagte ihm die Ludmilla einmal, »mach' dich nicht gar so bös' mit deinem losen Maul, bist ja doch ein guter Lapp.« Und schnitt ihm das Suppenfleisch klein, denn — so scharf sein Mund sonst war — mit dem Gebiß stand's schlecht.
Am Armenhaus führte ein Feldweg vorbei, der gewöhnlich durch eine Torschranke abgesperrt war. Wenn nun die Ludmilla durchs Fenster ein Fuhrwerk daherkommen sah, torkelte sie allsogleich hinaus, um die Torschranke zu öffnen, damit der Fuhrmann sitzen bleiben konnte auf seinem Karren.
Vor dem Armenhaus war auch ein Brunnen, der aus dem Ständerrohr armdick und rauschend in den Trog schoß. An diesem Brunnen hatte ich die Ludmilla das erstemal gesehen. An einem heißen Sommertag war's, ich kam als unbedachtsamer Student halbverschmachtet vom Gebirge über die sonnigen Felder her und nun eilends dem Brunnen zu, daß ich mich erquicke. In demselben Augenblicke, wie ich mein glühendes Gesicht zum Wasserquell senkte, kam das kleine, runde, wackelnde Weiblein aus dem Hause und erhob ein Zetergeschrei, daß ich emporfuhr und glaubte, es schlügen zum Dach die Flammen heraus. »Kruziwetter Paraplie, du leichtsinnig Volk du!« rief sie, dann nahm sie mich an der Hand und sagte ganz ruhig und warmherzig wie eine Mutter: »Mußt nicht trinken, Bübel, der Brunnen ist giftig. Nur ein Vaterunser lang wart', ich bin geschwind wieder da.« Damit verschwand sie im Hause, kam im nächsten Augenblick mit einer Schnitte Brot hervor: »So, da im Schatten setzest dich jetzt nieder und das issest schön langsam und wenn du es gegessen hast, netzest die Hände mit Wasser und den Nacken mit Wasser, und nachher kannst ein wenig trinken.«
Aus dem Hause heraus hörte ich später noch sagen: »In der Hitz' so hineintrinken! — Ich weiß zwar nicht, wem er gehört, hat aber gewiß Vater und Mutter, und so ein Bürschel darf man heut' noch nicht auf die Bahr legen.«
Als ich mich hernach im Dorf erkundigte nach der Person, antwortete man mir: Das »Guderl« wäre es gewesen. Das Guderl, so wäre sie ihres guten, dienstfertigen und einfältigen Herzens wegen von den Insassen des Armenhauses getauft worden. Und sie wäre ein ganz merkwürdiges Geschöpf, hieß es, in der Jugend sei sie gar fein gewesen und man höre Geschichten, die sich ihretwegen einstmals zugetragen, aber man wisse nichts Sicheres; in der Gegend sei sie damals nicht gewesen und erzählen wollte sie auch nichts davon.
Das hat mich denn gleich gepackt, und ein nächstesmal — ich fand sie auf dem Dorfweg damit beschäftigt, eine Wasserkehre auszukrauen, damit die Gieß ablaufen konnte — suchte ich mit ihr anzuknüpfen. Sie wäre wohl keine hiesige? fragte ich.
Wie ich ihr das ansehe? fragte sie entgegen und stützte sich ein wenig auf den Haustiel, weil sie doch recht unsicher stand auf ihren Füßen.
»Ansehen nicht, aber anhören am Sprechen.«
»So, haben die Leut' im Steinernen Elend eine andere Sprache, wie die Bärndorfer dahier?«
»Also vom Steinernen Elend seid Ihr? Das muß aber eine traurige Gegend sein.«
»Das kommt auf die Leut' an, junger Herr,« gab sie zur Antwort, »die Steine sind überall hart.«
»So ist es. Und die Leut' sollen auch im Steinernen Elend recht brav sein. Ich habe gehört, Ihr wisset so schöne Geschichten vom Steinernen Elend herab.«
»Das hast du gehört!« rief sie aus, sie nannte mich »Du Herr«. »Aber,« fuhr sie lachend fort, »was doch die Leut' alles reden. Schöne Geschichten weiß ich! und etwan rechtschaffen lustige, nit?«
»Rastet ein wenig, mit dem Weg eilt's nicht; ist ja der Himmel über und über blau, da ist die Gieß noch weit. Unter den Kirschbaum setzen wir uns hin und Ihr erzählt mir was.«
»So närrische Sachen da!« rief sie, »ich weiß nix, ich weiß nix!« Damit schob sie sich um, daß das Röcklein flog, und kraute mit Hast an der Wasserkehre.
Ein zweitesmal erging es mir nicht besser. Halb schmollend und halb bittend sagte sie, ich solle nicht kindisch sein, ich solle mich an junge Dirndeln machen, wenn ich was wissen wolle, und nicht an alte. Die alten hätten lauter Sauerampfergeschichten und möchte sich so ein flotter Herr leicht daran langweilen und darüber lustig machen.
»Die Leute sagen, es hätte sich mit Euch etwas Besonderes zugetragen.«
»Mein lieber Herrgott in der Krüppelkapellen!« lachte sie auf, »zutragen tut sich mit jedem Menschen was, wenn er sich's aufmerken will. Und das mag für ihn selber was sein, aber für andere nit. Ich erzähle nix.«
Zwei Jahre später kam ich wieder nach Bärndorf, aber unfreiwilligerweise. Ich hatte mir bei einem kleinen Sturz im Gebirge die Kniescheibe verletzt, mußte zwei Tage lang in einer Köhlerei liegen und wurde dann nach Bärndorf hinabgebracht, wo ich beim »Weißen Lamm« eine Woche lang im Bette lag. Wer war's, der mich pflegte? Das alte, runde Guderl. Aber es war kaum mehr zu erkennen, über die ganze linke Seite des Gesichts, von der Stirne bis zum Halse hinab, hatte sie einen schier zinnoberroten Flecken und das linke Auge war geschwollen und hatte die Brauen und Wimpern verloren.
»Gelt, jetzt gefall' ich dir, junger Herr?« sagte sie, als sie mein Befremden merkte, »jetzt, weil ich so schön rotwangig worden bin!«
Des Einhandel wegen war sie rotwangig worden, und das ging so zu: Der Einhandel rauchte starken Tabak und rauchte den ganzen lieben Tag lang, und wenn er keinen Tabak hatte, dann rauchte er gedörrte Sauerampferblätter. Saß er zusammengekauert, einen Fuß über dem anderen und den Ellbogen auf dem Knie, auf der Ofenbank; die beiden Mundwinkel zog er tief hinab, in einem derselben stak das Pfeifenrohr, aus dem andern stieß er den Rauch herfür. Wenn die Pfeife nicht brannte, so machte er Gestank mit dem Ausputzen derselben, beim Anzünden wieder mit den Schwefelhölzern, die nicht brennen wollten. Und so ging es den ganzen Tag. Da hatte ihn die Ludmilla einmal in Güte gebeten: »Geh, Einhandel, sei so gut und tu nit gar so stark nebeln, oder rauch' beim Fenster hinaus, wenn du's schon eineinmal nit lassen kannst. Mußt halt betrachten, daß du nit allein im Haus bist. Schau, in der Stuben ist die alte Sanna, die muß so viel husten, und der Stindl hat Augenweh, weißt es eh, da tut der kratzend' Rauch halt wohl gar nit gut. Ist dir was übel, so wird man's auch ändern, wenn's sein kann. Sei gescheit.«
Auf so was wurde der Einhandel giftig wie ein welker Schierling. Er sagte es zwar nicht laut, aber zu seinem Kameraden, dem Marter-Hies, knurrte er: »Da hast es. Hab' ich nit alleweil gesagt, dieses Weibsbild ist ein Teufel! Und schon gewiß auch. Mir hat ihre Frommheit und Gutherzigkeit niemals gefallen, mir nit, mir! Hab's doch gewußt, es steckt ein höllischer Drach' dahinter. Desweg hinkt sie auch; der Teufel hinkt allemal. Guderl! ein sauberes Guderl, das! Luderl, ja, das ist das Richtige. Schau da her! Einem armen Menschen, der eh nix hat auf der Welt, als das bissel Rauchen, das auch noch nit gunnen mögen! Aber wart', jetzt erst zu Fleiß rauch' ich ihr recht unter der Nasen herum und das stinkendste Kraut, das ich auftreib'!«
Er tat's, und wo die Ludmilla ging und stand und saß im Haus, immer war der Einhandel da und dampfte, daß man vor lauter Giftnebel die Stubenwände kaum sah. Sie hüstelte wohl und fuhr sich mit der Schürze über die brennenden Augen, sagte aber nichts, als einmal: »Wenn's schon sein muß, ich dertrag's, nur die Kranken tu ein wenig verschonen.«
Von jetzt an dampfte der Einhandel den Augenleidenden und den Lungensüchtigen ins Gesicht. Nun beschwerten sie sich beim Armenhausverweser, dem Fleischhacker Marner, der zumeist auf Viehhandel aus war und sich daher um das Armenhaus nicht viel kümmern konnte. Es war auch schon wirtschaftlich so geboten: Das Vieh bringt Geld, die Armen kosten Geld. Nun, auf die Beschwerde konnte er doch nicht leicht ausweichen, der Verweser. »Da muß Ordnung gemacht werden!« sagte er großsprecherisch. Wurde der und die und auch das Guderl befragt, ob es denn wirklich so arg sei mit dem Rauchen des Einhandel? »Wenn er's nit just in der Stuben tät,« antwortete die Ludmilla, »draußen auf der Gartenbank kunnt' er rauchen so viel er wollt'; man sieht's ja ein, daß er auch was haben muß.«
Auf das bekam der Einhandel einen Verweis, der noch um einiges stärker war als sein »Tubak« und der ihm so lange in der Nase rauchte, bis er eines Tages ein Fläschchen Scheidewasser von der Stelle nahm, wo er es »zum Putzen des messing'nen Pfeifenbeschlachtes« aufbewahrt hatte, und es der Ludmilla ins Gesicht goß.
Es sei aus Zufall geschehen, behauptete nachher der Einhandel, er habe das Fläschchen zum Putzen hernehmen und den Stoppel herausziehen wollen, aber mein Gott, mit einer einzigen Hand! es sei halt ein Elend auf der Welt. Die Ludmilla sah wohl ein, daß sie und der Einhandel nun nicht mehr unter einem Dach hausen konnten, und um ihn nicht unterstandslos zu machen, ging sie selbst davon. Sie ging in den Häusern um, und gerade in solchen, wo das Elend war, sie brachte sich mit Krankenwarten durch. Es war ein rechtes Geriß um sie, überall in der Gegend, wo ein Kranker lag, wollte man das Guderl haben, und als ich nun mit meinem verletzten Knie beim »Weißen Lamm« darniederlag, hatte die Wirtin eben auch das alte Dirndl, die hinkende Ludmilla rufen lassen. Wie sie da geschäftig um mich herumtat! einmal den Eisumschlag, dann das Auswaschen der Wunde mit Arnikatee, dann jede halbe Stunde ein frisches Glas Wasser auf den Bettisch, falls ich trinken wolle; hernach den Fenstervorhang zugezogen, daß mir die Sonne nicht ins Gesicht scheine, oder das Kissen aufgeschichtet, daß ich hübsch lehnen konnte im Bett, auch unter den Arm einen Polster zur Stütze gelegt, damit mir beim Lesen das Halten des Buches die Hand nicht ermüde. In allem wußte sie mir es besser zu machen als ich es selbst konnte, ja besser, als ich es ahnte, wie man unermüdlich in liebevollem Sorgen und Erfinden allerlei kleiner Vorteile und Annehmlichkeiten gar das Kranksein zu einem Genuß machen könne. Dabei war sie doch so unaufdringlich und war so still heiter, wußte auch ein fröhliches Sprüchlein, ein anregendes Geschichtchen zu rechter Zeit.
Und der rote Brandflecken auf ihrem Gesicht, der mir anfangs so häßlich erschienen — ich sah ihn nicht mehr; ihre freundlichen Züge, der sanfte, gütige Glanz ihres Auges verbreitete eine andere Schönheit über die kleine verkümmerte Gestalt.
Als ich endlich wieder laufen konnte, nahm ich die Ludmilla so an den beiden Händen, wie man seinen Schatz nimmt, wenn man ihm in die Augen sehen will, und sagte: »Mir tut nur eines leid. Daß ich schon laufen kann.«
»Da sollst du froh sein, junger Herr, und unserem Herrgott Dank sagen,« so war ihre Meinung. Sie riß ihre Hand aus der meinigen, erfaßte den alten Strumpf, den sie zur Ausbesserung vorgenommen hatte und strickte emsig.
Jetzt kam mir der Schalk und da rede ich allemal anders, als es einem Christenmenschen ansteht. »Heut' die ganze Nacht,« sagte ich, »hab' ich unserem Herrgott Dank gesagt. Auf das schaut er endlich herfür aus seinen Wolken und sagt: Geh' zu der Ludmilla. Die laß ich heilig sprechen, wenn der Papst einverstanden ist. Du hättest sie aber in der Jugend kennen sollen — sie ist jetzt noch nicht alt — aber in ihrer besten Jungheit, da ist sie ein lustig Dirndl gewesen!«
»Wer sagt das?« fragte die Ludmilla scharf.
»Unser Herrgott sagt's. Und wird auch nicht anders sein, brave Leut' sind immer lustig. Aber Esel müssen sie gewesen sein, die Burschen zu deiner Zeit!«
»Warum?«
»Daß dich keiner geheiratet hat.«
Der Grund, warum ich so niederträchtig war, ihr ein solches Wort zu sagen? Weil ich endlich einmal ihre Jugendgeschichte hören wollte, und richtig, sie ging augenblicklich ins Garn.
»Das just nit, Herr, daß mich keiner geheiratet hat,« sagte sie mit leiser Stimme und einem eigentümlichen Nachdruck. »Ich bin neunzehn Jahre lang verheiratet gewesen.«
Ich erschrak ordentlich. Die Ludmilla, die man seit Gedenken als lediges Dirndl und Dienstbot kennt in und um Bärndorf herum, soll eine alte Witwe sein?
»Jetzt gleich kannst du ohnehin nit fortlaufen, junger Herr,« sagte sie nun, »es ist ja der Socken noch nit fertig.« Ich gewahrte, daß es mein Socken war, an dem sie die durchgetretene Ferse anstrickte. »Haben noch ein Randl Zeit, wenn so einem Herrn mein Plaudern nit zuwider ist. Unterhaltsames ist halt nit dabei, da kann ich aber nix dafür. Ja, wenn sich der Mensch seine Lebensgeschichte kunnt anfrimmen (bestellen), ich hätt' mir die meinige schon besser eingerichtet. — Willst den Fuß nit dieweil noch auf den Polster legen? er wird noch harten Weg genug unter sich kriegen, bis er heimkommt.«
Sie wollte das gesunde Bein betreuen, als ob es noch immer das kranke wäre, und erst als sie sah, daß mein Körper in durchaus behaglicher Stellung war, setzte sie sich in den dunklen Winkel am Ofen, strickte und begann die Geschichte ihrer Jugend zu erzählen.
»Gar gut,« so hub sie an, »ist es mir mein Lebtag nit ergangen, aber die liebste Zeit ist mir doch im Steinernen Elend gewesen. Mein Vater ist Bretterschneider gewesen im Steinernen Elend, hat jung sterben müssen. Wie ich ihm einmal — just am Mittwoch ist's vor Fronleichnam — das Essen in die Brettersäge trag', wundert's mich, daß das Werk steht, darauf sehe ich auf dem Sägespänhaufen, der unterhalb drin ist, eine blutige Hand liegen. Der Vater ist oben gelegen neben dem Bretterblock. Ist mit seiner Hand in die Säge hineingekommen, ist die Hand abgeschnitten worden, ist der Vater ohne Hilf' verblutet. Ich bin dazumal ein Dirndl gewesen, mit zehn Jahren; die Leut' haben mir und der Mutter gesagt: sterben müßten wir alle; das ist halt der Trost gewesen. Meine Mutter hat mir nachher das Gewandmachen gelehrt und sind wir zu den Häusern umgegangen und haben genäht. Etliche Jahr d'rauf ist meine Mutter auch gestorben. Hat sie mir auf einmal die Hand hergehalten über den Tisch, als wollt sie mir Behütgott geben, ist an die Wand zurückgesunken und eingeschlafen. — »Du sollst,« so unterbrach sie sich, »den Fuß besser ausstrecken, sonst schlaft er dir ein.«
»Erzähle nur weiter,« sagte ich.
»Ja,« fuhr sie fort, »jetzt kommt bald das, was die Leut' so gern hören. Hast du vom Preishubinger noch nix gehört? Gewiß wohl, das Haus steht heut' noch und wird schier das letzte sein im Steinernen Elend. Dazumal, wie die Gemeinde noch größer, ist er ehrengeachtet gewesen, der Preishubingerhof. Von seinem Wald hat mein Vater die meisten Bretterblöck' bekommen. Der junge Preishubinger und ich haben uns gern gesehen. Und wie jetzt sein Vater stirbt und er den Hof muß übernehmen, will er mich heiraten. Ja gewiß auch noch, vom Fleck weg heiraten! Aber seine Mutter hat nit wollen. Die ist ein gestrenges Weib gewesen und hat gesagt: Keine Arme wird nit Preishubingerin, so lang' ich die Augen offen hab'. Aber sonst war sie gut, die alte Preishubingerin. Der Donat ist sonst woltern weich gewesen und hat gern bei allem nachgegeben; aber jetzt hat er sich auf seine zwei Füß' gestellt, und wenn er vier hätt' gehabt, hätt' er sich auf vier gestellt, und hat gesagt: ich heirate für mich und nit für die Mutter und ich laß mir keine aufmessen. Fest hat er sich gehalten. Ist bald alles richtig gewesen und hat uns der Pfarrer schon von der Kanzel geworfen. Denk' ich mir, das wird nit gut sein und wird der Donat sein Lebtag d'ran zu tragen haben, daß er ihren Segen nit hat. Und schon gar, wenn sie einmal gestorben ist. — Nein, Donat, sage ich zu ihm noch zwei Tage, ehvor die Hochzeit hätt' sein sollen; ich sehe ihn noch, er ist an der Kirchhofplanken gelehnt und ich bin neben ihm gestanden und hab' die Händ' zusammengehalten. Nein, Donat, ohne ihren Willen tun wir's nit. Sie ist deine Mutter und meint dir's gut. Sie soll im Bett sein vor lauter Kränkung. Schieben wir's auf. Ich gehe hin zu ihr und sie soll mich kennen lernen, wie ich bin, und sie muß sehen, daß ich nicht so bin, wie sie denkt. Nachher ist's gut, wir haben uns keinen Vorwurf zu machen und deine Mutter — schau, sie hat auch niemand mehr auf der Welt als dich — soll sich auf ihre alten Tage nit kränken. — Der Donat sagt darauf: Wenn wir's jetzt nit fortmachen, was wir haben angefangen, so bleibt's aus. — Nein, sage ich, es bleibt deswegen nit aus, man soll nur nix übereilen. — Du kennst meine Mutter nit, sagt er, hat sie uns nur erst all zwei bei sich, so zerstört sie alles. Wir lassen uns nix zerstören, sage ich, und wenn wir unseren Fleiß haben angewendet und alles getan haben, wie es Brauch und Pflicht ist, dann mach' ich mir nix mehr d'raus, dann heiraten wir zusammen, ist's ihr recht oder nit. Und jetzt komm', hab' ich gesagt, wir gehen zu deiner Mutter. — Da hat er nachgegeben. Wie wir in die Stuben eintreten, wo die alte Preishubingerin im Bett liegt und sie mich sieht, tut sie einen Schrei, als hätt' ihr einer mit der Hack' auf den Kopf geschlagen; die Decken zieht sie über ihr Gesicht hinauf und schreit: Das Unglück ist da! und setzt sich im Bett auf und ruft die Hausleute, man sollt' mich aus dem Haus jagen, und gibt mir einen Namen, daß ich gerade genug hab' gehabt. Ich bin fortgegangen, und dem Donat hab' ich gesagt, er soll' bei seiner Mutter bleiben und sie beruhigen und wenn's so wär', da wollt' ich auf alles verzichten. — Nein! sagt der Donat, du wirst mein Weib, und fallt mir um den Hals.«
Das Guderl war still und ganz ruhig; ich merkte warum: wenn sie sich jetzt bewegt und noch ein Wort sagt, so überkommt sie's. Ich wartete, und da sie nicht mehr anhaben wollte, so sagte ich: »Erzähle doch weiter, Ludmilla.«
»Das ist nix zum Erzählen, ich sehe es wohl,« versetzte sie gedämpft. »Nun, wenn du schon willst, Herr, du kannst dir ja wohl denken, wie es kommt. — Die Preishubingerin ist in eine Krankheit gefallen, der Donat ist bei ihr geblieben. Sie hat viel geweint, hat ihn gehalst und geherzt und er wäre ihr Einziges auf der Welt, und er sollt' ihr nit untreu sein. Die Steffen-Tochter wäre ein gutes, braves Dirndl, die sollt' er nehmen. Mit der Bretterschneider-Dirn' würde er nie glücklich werden, die schnitte ihm die Bretter zum Sarg.«
»Du mußt dieses Weib doch einmal beleidigt haben, daß es so gegen dich sein konnte,« wendete ich jetzt der Erzählerin ein.
»Ja, ich weiß es wohl,« antwortete sie, »ich bin unbedacht gewesen und hab's versäumt, ihr den Besuch zu machen wie es schon Zeit gewesen wäre. Aber weil ich immer gehört, sie wäre eine hitzige Frau, im guten wie im harten gäh und wild, so habe ich Angst vor ihr gehabt. Hätte ich mich schicken können zu ihr! Im Grund' soll sie doch eine gute Frau gewesen sein, sagen die Leute. Nun, Gott tröste ihre Seel'. Das ist lang vorbei.«
»Der Donat wird doch fest geblieben sein?« war meine Frage.
»Wie es ans Sterben ist gegangen bei der Preishubingerin,« sagte die Ludmilla, »da hat ihr der Donat das Versprechen geben müssen« ....
»Und hat er's wirklich gegeben?«
»Er hat nit anders können, er ist ein guter Sohn gewesen,« antwortete die Ludmilla. »Ich bin ihm nachher ausgewichen. Gottlob, habe ich gedacht, wir sind einander nix schuldig worden, und es ist das beste, wenn wir uns nimmer sehen. Er hat nachher die Steffen-Tochter geheiratet; das ist auch ein braves Weib gewesen, arbeitsam und zu der Wirtschaft tüchtig und gut auf den Donat. Aber das hat man wohl gemerkt: Glücklich ist er nit viel mit ihr. Ist mir heiß und kalt worden, wenn mich auf dem Kirchweg sein Blick hat getroffen. Und einmal, wie ich — just am Mariahimmelfahrtstag ist's gewesen, ich weiß es noch wie von gestern — auf dem Friedhof bei meinem Elterngrab knie und der Donat von dem seinigen über die Hügel hergeht! Wie er neben mir vorbeigeht, da stolpert er, stützt sich noch an einem Holzkreuz, daß es kracht, und ohne daß er mich anschaut, höre ich, wie er sagt: Hinfallen? Soll sein, heut' lieber als morgen. — Ich rühr' mich nit und tu' als wär' ich im Gebet, und mir ist zum Umsinken so schlecht. — Er ist davongewest: Da habe ich mir gedacht: Jetzt muß was geschehen. Was, das weiß ich selber nit. Er denkt noch auf mich, und das darf nit sein. — Und wie sich schon oft was schickt auf der Welt — ich will nit sagen, unser Herrgott hat's so haben wollen; ich denk', es kommt auch auf die Leut' selber an — auf dem Heimweg gesellt sich der Vorholzer Sebast zu mir. Der hat mir schon lang' alleweil schön getan. Und wie wir jetzt zum Lindenhäusel kommen, wo zu derselbigen Zeit Most und Branntwein ausgeschenkt worden ist, will er mich mit ins Wirtshaus haben. Das tue ich nit. Gut, sagt der Sebast, wenn du nit magst, mag ich auch nit — und geht mit mir weiter. Da denke ich bei mir: Kannst dir was einbilden d'rauf, wenn der deinetweg das Wirtshaus fahren läßt! Wie wir durch den Waldschachen gehen, es ist dem Preishubinger sein Wald, da hat er mich gefragt, der Sebast, ob ich ja sagen wollt', er hätt' ein Häusel und zwei Gaißen und braucht' ein Weibsbild dazu. — Das Häusel ist im Steinwald drinnen; vom Preishubinger-Haus braucht man länger als zwei Stunden hinein. Das wird doch weit genug sein, denke ich mir und habe ja gesagt.«
Nun schwieg sie und zählte die Maschen am Strickstrumpf.
»So bist dem Vorholzer-Sebast sein Weib geworden?«
»Ich hätt's nit schlecht getroffen,« fuhr die Ludmilla fort, »der Sebast ist ein braver, fleißiger Mensch gewesen, aber das Wirtshaus hat er sich halt nit mögen abgewöhnen, und wenn ihm dann der Branntwein in den Kopf gestiegen ist! So viel jäh ist er gewesen. — Mein Gott, es hat halt jeder Mensch seinen Fehler. Ich werd' wohl auch nit gar zu fein gewesen sein, wenn er so heimgekommen ist. 's geht eins aufs andere. — Aufkommt auch alles auf der Welt und alles wird viel stärker gemacht, und soll jetzt der Preishubinger gehört haben, mein Mann tät mich schlagen. Und da hat ihm halt einmal, wie er meinen Mann betrunken hat heimgehen sehen, der böse Feind den Einfall gegeben: geh ihm nach und schau', was Wahres ist am Gered'. — Wie der Sebast heimkommt, laß ich ihn an: Es wäre doch Sünd' und Schad' ums Geld; sich im Wirtshaus Kopfweh trinken und daheim treibt der Holzknecht Thomas die Gaiß weg — weil wir ihm Geld schuldig gewesen sind. Da kommt meinem Mann der Zorn und er fahrt über mich her. Jetzt ist auf einmal der Preishubinger da und schleudert meinen Mann an die Wand. Und darauf —« Die Erzählerin wendet sich ab und murmelt gegen die Ofenmauer hin: »Darauf ist das Unglück geschehen.«
»Was ist geschehen?« fragte ich und stand auf.
»Mein Mann hat die Holzhacke von der Wand gerissen und den Donat niedergeschlagen.«
Weich und leise hatte sie das gesagt, dann legte sie das Strickzeug auf die Ofenbank und ging still zur Tür hinaus.
— Niedergeschlagen! Erst später erfuhr ich den Rest. Der Donat hatte sich nach dem Schlage auf den Sebast gestürzt, war dann zu Boden gesunken und hatte den Geist aufgegeben. Der Vorholzer Sebast schrie noch der Ludmilla zu: »Du bist sein Unglück und bist mein Unglück!« Dann ergriff er die Flucht. In der Niederau drüben, unter einem Heuschober hatten ihn die Gendarmen gefunden und gefangen. Zwanzig Jahre Kerker!
Die Ludmilla hatte hernach wieder ihr Gewerbe, die Nähterei ergriffen, arbeitete und darbte und wartete auf den Sebast. »Wenn ich's nur erlebe,« sagte sie oft, »krank und mit weißen Haaren wird er mir zurückkommen, aber ich will ihm die alten Tage so gut machen, als es sein kann. Wenn ich's nur erlebe.«
Von dem Donat sagte sie kein Wort mehr. Aber auf seinem Grabe — trotzdem die Witwe der großen Wirtschaft und vielem Sorgen wegen nicht Zeit hatte, es zu zieren — fand sich immer ein grünender Strauch, ein helles Blümel. — Als die Leute im Steinernen Elend durch Holzhändler verarmt, durch die Steuern abgestiftet waren und auswandern mußten, fand auch die Ludmilla keinen Erwerb mehr in ihrer Heimat. So kam sie herüber in die Bärndorfer Gegend und suchte ihr Brot als Dienstmagd, wo nachher das mit dem Pferde geschehen ist. Immer zählte sie die Jahre, bis ihr Mann zurückkehren sollte vom Strafhaus. Schon im voraus suchte sie die Leute für ihn zu gewinnen, erzählte von seinen Vorzügen, von seiner Bravheit. Man wartete schon mit einer gewissen Neugierde auf den Sebast und mehrere Bauern in Bärndorf stellten ihm der Ludmilla wegen, die sie überall gerne hatten, Dienstplätze in Aussicht. So hielt sie ihr Haupt aufrecht und ebnete — wo sie konnte — die Wege für ihren Mann. Da starb der Sebast ein Jahr vor Ablauf seiner Strafzeit!
Nun wußte ich alles. Als ich dann den frisch beguteten Socken am Fuß hatte und den Wanderstab in der linken Hand, und ihre Hand in der rechten — es war unter dem Tore des Wirtshauses — da sagte ich zu ihr: »Ja, die Leute haben recht, du bist das Guderl. Aber wie es schon schlecht eingerichtet ist auf der Welt, dir ist das Gute schier noch allemal zum Schlimmen ausgefallen.«
»Wie sie ihn festhält bei der Hand!« rief jetzt im Hofraum eine der Stallmägde der anderen zu. »Wie sie ihn festhält! Hat sie ihm ein Pflaster auf die Füß' bunden, daß er nit fort kann! Jetzt ist er doch auf der Höh'.« Und dann zur Ludmilla: »Nur nit auslassen, Luderl! So ein feiner Stadtherr kommt dir nimmer.«
Erschrocken ließ ich ihre Hand los.
»Hast du's gehört, Herr?« lachte die Ludmilla. »Es wird mir auch das schlimm ausfallen. Aber das macht nix. Wenn sie ihre Mäuler schon alle Tage füttern müssen, so wollen sie sie halt auch brauchen. Das schadet mir nimmer, gleichwohl ich manchmal über und über möcht' rot werden im Gesicht, wenn mich nicht schon der Einhandel so schön gefärbt hätt'. — Daß ich aber nicht vergess', ein Töpfel hätt' ich da, es ist ganz klein, du bringst es leicht ins Rocktaschel und macht nicht einmal einen Kropf.« Damit schob sie mir was Rundes in den Rocksack: »Arnikasalben ist drinnen, und ein Leinwandfleckel dabei. 's ist nur für den Fall, wenn der Fuß wieder sollt' anheben weh zu tun, oder sonst — ei geh nein! Mußt halt sauber achtgeben, junger Herr, daß nit wieder was passiert. Behüt' Gott schön!«
Sie rieselte davon, ich sah sie nimmer.
Seither sind fünfzehn Jahre vergangen. Das Guderl lebt noch immer als Krankenwärterin in Bärndorf. Vor einigen Jahren habe ich ihr, eingedenk der Wohltaten, die sie mir erwiesen, einen kleinen Geldbetrag geschickt. Den soll sie zur Hälfte verschenkt haben, zur anderen Hälfte ist er ihr von einem ihrer Pfleglinge gestohlen worden. Später sandte ich ihr ein silbernes Kreuzlein; das ist ihr — auch abhanden gekommen. Nun habe ich ihr vor einigen Monaten, als ich sie in Bärndorf wieder aufsuchte, zum Andenken ein aus Holz geschnitztes Kreuz gebracht. Das hat sie heute noch und das wird ihr bleiben.
Jetzt, da ich fertig bin mit meiner Geschichte, höre ich meinen Leser entrüstet ausrufen: Elende, gottverlassene Welt, in der die Güte und die Treue so undankbar vergolten wird!
Darauf antworte ich: Glückselige, gottbegnadete Welt, in der trotz alles Undankes die Güte und Treue nicht ausstirbt.