Der Orgler zu Sankt Thomas.
An einem taufrischen Sommer-Sonntagsmorgen kamen drei Touristen aus Wien in das Alpendorf, genannt Sankt Thomas in der Klausen. Auf dem Hügel stand das Häuschen Gottes, dessen zwei Glocken durch das enge Tal klangen, um die auf allen Höckern und in allen Falten des Gebirges zerstreute Gemeinde zusammenzurufen. Die Touristen stiegen zum Kirchl hinan. Aus Frömmigkeit geschah es nicht. Sie wollten nur einmal sehen, wie es in so einer Dorfkirche zugeht. Da gab es nun was Besonderes zu hören auf dem Chore. Dort saß ein Knabe und spielte die Orgel in einer verwunderlichen Weise. Er spielte ein Kirchenlied so rührend, schlicht und fromm — man meinte gar, die Orgelpfeifen wären lebendig und lobten aus eigenem Herzen den Herrn. Unsere Städter hatten wohl schon die größte Kunstfertigkeit auf ähnlichen Instrumenten zu bewundern Gelegenheit gehabt, aber eine solche Innigkeit, ja Heiligkeit im Orgelspiel war ihnen was Neues. Zudem war der spielende Bauernknabe schön wie ein Engel. Sein Haupt mit den lichten Locken war etwas vorgebeugt, auf den Wangen blühte die Freude über die Klänge, seine schattigen Augenlider waren geschlossen. Seine Lippen bewegten sich leicht, als begleite er die Orgel mit leisem Gesang. Als sich das Spiel in höhere Töne hob, hob auch der Spielende sein Haupt, schlug die Augenlider auf und — in diesen Augen leuchteten keine Sterne.
Der Knabe war blind.
Hier will ich die kleine Geschichte des blinden Musikanten erzählen, wie sie den Touristen erzählt worden ist.
Mit dem Rocken-Hans hebt sie an. Der war vor fünfzehn Jahren noch Wildschütze gewesen — teils aus Hunger — weil Notwehr erlaubt ist — und teils aus Neigung — weil das Wildern verboten ist. — Arme Wildschützen sollte man nicht zu Verbrechern machen — sondern zu Jägern. Das sind die findigsten, wachsamsten Kerle, die verläßlichsten Hüter und, gilt es, die schärfsten Schützen. Auch den Rocken-Hans hatte man zum Jäger gemacht, aber aus der Klausen in eine andere Gegend versetzt, wo er an die zehn Jahre verblieb, sich ein Weib beilegte und fast zufrieden war. Vollauf zufrieden darf selbst ein Jäger im grünen Walde nicht sein. So scharfe Augen der Vater hatte, das Kind war blind. So schön das Mutterantlitz ist, wenn es zum Kinde lächelt, der Knabe sah es nicht. Nur ihre Wiegenlieder hörte er. Dann, als die Mutter stumm geworden war, und fortgetragen, saß der Knabe auf dem Bankl vor dem Jägerhause und hörte den Finken und den Drosseln zu und allem Gevögel, das da sang und zirpte im Waldland. Am Abende waren die Grillen und Frösche zu hören und das Rieseln des Baches und das Säuseln der Wipfel im Abendhauch. Im Winter aber — wenn alles still war — schlafend die Vöglein, hartgefroren der Bach, verhüllt die Bäume — saß der Jäger neben dem kleinen Sohne und machte ihm vor, wie die Gemse pfeift, das Reh bellt, der Auerhahn balzt und der Rabe kräht. Das war alle Musik in weitem Bergrund', und der blinde Knabe dürstete nach dem Lichte der Töne.
Sagte der Jäger eines Tages zu seinem Sohne: »Jetzt bist du schon stark, Heinrich, und morgen ist Lichtmeß; du gehst mit mir nach Thomas in die Klausen — bin selber schon eine gute Weil' nicht mehr dort gewesen — und da wirst du auf dem Kirchenchor was hören, was du deiner Tage noch nicht hast gehört. Mußt dich jetzt schlafen legen, wir stehen um eins in der Nacht auf.«
Der Weg vom Jägerhause bis in die Klausen ist im Sommer fünf Stunden lang, im Winter zieht er sich auf sechs und unter kurzen Beinen ist er noch länger. Der Knabe ging zu Bette, aber schlafen konnte er nicht. In Trauer schläft sich's leicht ein, in Freude schwer. Heinrich dachte an des Vaters Worte vom Kirchenchor — was das sein sollte, wußte er freilich nicht, was Besonderes gewiß. Endlich, als er einschlummern wollte, kam der Jäger, ihn zu wecken. Und sorgfältig kleidete der Mann den Knaben an, gab ihm heiße Ziegenmilch zu trinken und schnallte ihn auf die hölzerne Rückentrage, wie solche im Gebirge gebräuchlich sind. Und nahm die Trage auf den Rücken, verschloß das Haus und ging in sternheller Winternacht davon.
Nach einer halben Stunde fragte der Knabe: »Kommen wir schon in die Klausen, wo die Kirche steht?«
»Jetzt noch nicht, Heinrich. Bist du müde, so schlafe.«
In zwei Fuchshäute gewickelt, schlief der Knabe ein und der Vater ging und ging und freute sich insgeheim auf die Kirchenmusik in Sankt Thomas, die immer so prächtig war gewesen, freute sich auf die Freude seines Kindes.
Und dann, als hoch an den starren Felsen die Morgensonne leuchtete, ging er durch die Schlucht der Klausen. Und als die Glocken vom Sankt Thomas-Kirchlein läuteten, wachte der kleine Heinrich auf und sagte: »Vater, hörst du's auch, wie der Vogel schön singt?«
Der Jäger tat den Kleinen von der Rückentrage und nun gingen beide den Hügel hinan und ins Kirchl hinein.
Am Altare stand der Priester, die Gemeinde lallte Vaterunser auf Vaterunser — und nichts als das.
Heinrich horchte andächtig und meinte, das wäre jenes Seltsame am Chor, wovon der Vater gesprochen. Der Jäger aber wendete sich flüsternd an einen alten Bauer: »Was ist's denn, haben 'leicht die Thomasler keine Musik?«
»Freilich nicht, freilich haben wir keine,« gab jener zur Antwort, »die Orgel und die Pfeifen und Geigen sind wohl noch oben, aber kein Musikant ist dabei. Die alten sind weggestorben und junge werden keine mehr abgerichtet. 's schaut kein Geld dabei heraus und umsonst wollen die Leut' heutzutag' nicht einmal für den Herrgott was tun. Der Herr Pfarrer kann wohl orgeln — aber wer liest hernach die Mess'? Unser Lehrer bläst nur eine Pfeife, seine meerschaumene. — Gottsredlich wahr, jetzt hat eins in der Kirche auch keine Freud' mehr.«
Der Mann hätte sicherlich noch eine Zeitlang fortgeflüstert, da stieß ihn ein Beisitzer mit dem Ellbogen: »Willst schwatzen, Michel, so geh' hinaus.«
Der Alte war still, der Rocken-Hans führte sein Söhnlein wieder aus der Kirche, daß der Kleine doch zum wenigsten die Spatzen und die Gimpel höre, die auf den Dächern zwitscherten.
Gingen hierauf zum Bäckerwirt und der Vater rückte dem Knaben das Suppenschallerl unter das Kinn und das Weinglas in die Hand.
»Vater, wann ist das auf dem Kirchenchor, was ich mein Lebtag noch nicht habe gehört?«
Am Nebentische saß, eben vom Gottesdienste zurückgekommen, der Pfarrer. Er nahm das Frühstück ein, hörte die Worte und rief zum Jäger herüber: »Der Rocken-Hans? Auch wieder mal bei uns herüben? Brav, brav! — Sohn das? Recht brav. Ein sauberes Bübel! Nicht Handküssen. Wie heißest denn, Kleiner, he? Heinrich? Brav. Mein Gott, das Kind hat ja — schlechte Augen?«
»Halt ja, halt ja, Hochwürden,« sagte der Jäger, »und desweg', weil er nicht sehen tut, so wollt' ich ihn was hören lassen.« Und erzählte nun, daß sie gekommen wären, um die Orgel zu hören in der Kirche zu Sankt Thomas. Allsogleich rannen dem Pfarrer die Tränen über die Wangen; das blaue Sacktuch kam schon zu spät.
»Ah na,« sagte er hernach, »umsonst sollt ihr den Weg nicht gemacht haben. Ist dir warm, Bübel? Dann wollen wir miteinander in die Kirche gehen.«
Sie gingen in die Kirche, es war kein Mensch mehr drin. Die Leute hatten sich satt gebetet und dabei Appetit für ein Mittagessen bekommen. Die drei stiegen auf das Chor. Der Pfarrer setzte den Knaben in die Orgelbank, legte dessen Fingerchen auf die Tasten. »So, Kleiner, jetzt halte still, gerade so, wie die Finger liegen. Brav. Und wenn ich sag': Druck' nieder, verstehst, so druck' nieder und halte aus — halte aus, so lang's dich freut.«
Zog hierauf die Riemen des Blasebalges und rief sein: »Druck' nieder!« Der Knabe tat's und erschrak vor dem, was jetzt war: ein klingendes Band, ein tönender Stab — und doch unvergleichbar mit allem, ganz einzig zu hören, wie ein Gedanke, der schallt, wie eine Freude, die klingt.
Unbeweglich saß der Knabe da — sein Antlitz blaß wie ein Steinbild, so horchte er der Musik. Die Hände preßte er auf die Tasten, bis die Finger vor Wonne zu zittern begannen. Und siehe, da zitterte auch der tönende Stab und nun wurde er es inne, der Knabe aus dem Wald, daß man seine Seele kann ausrufen in solcher Weise.
Dann spielte der Pfarrer und der Knabe hat gemeint, er sei im Himmel. — Er sah mit den Ohren.
So war der Anfang gewesen.
Und von diesem Tage an verblieb Heinrich, der kleine Junge, in Sankt Thomas und lernte von dem Pfarrer das Orgelspielen. Traurig und glücklich im Vaterherzen kehrte der Rocken-Hans allein zurück in sein Revier. Zu jedem Sonntag aber kam er in die Klausen und nach einem und einem halben Jahre — am hohen Frauentage im August — als er wieder in die kleine Kirche trat, summte nicht mehr der eintönige Psalter an sein Ohr, da der Pfarrer am Altare stand. Die Orgel klang, und der alte Waldmensch fühlte in jenen Tönen das liebe, junge, weiche Herz seines Kindes.
So ist die Gemeinde von Sankt Thomas wieder zur Kirchenmusik gekommen. —
Einer von unseren Touristen war nach solcher Kunde zum Pfarrer des Alpendörfchens gegangen, um ihm die Hand zu drücken.