Der Himmelherrgottswirt.
Eins sagt man den Tirolern nach. Sie hätten nämlich — sagt man — ihre Straßen darum so krummlinig angelegt, damit die Fremden um so länger durchs Land zu reisen und dabei um so mehr Geld im Lande zu lassen hätten. Indeß vermute ich, daß die krummen Linien weniger vom geradsinnigen Tiroler, als vielmehr von seinen höckerigen Bergen herrühren. Wohl wahr, die Straßen, die dort und auch anderswo im Zickzack die Täler durchziehen, wie eine mit schwerfälliger Hand gezogene Schrift, könnten streckenweise nachdenklich machen, wenn nicht schon die Eisenbahn da wäre, die, keinen Berg und keine Schlucht respektierend, die alte Schrift mit geraderen Linien durchstreicht.
Ich bin kein Ehrabschneider, aber dem Himmelherrgottswirt zu St. Peter beweise ich's, daß er viele Jahre lang jene Absicht hatte, die man den Tirolern ungerechtfertigterweise zuschreibt.
Man sieht's ihm sonst nicht an, er ist ein Bauer wie jeder andere, und trägt auch gerade kein Gesicht um, dem man so viel Bösartigkeit zutrauen könnte! Aber er hat ein Wirtshaus und treibt Handel, und so Leute, die ihren Vorteil bei anderen Leuten suchen müssen, werden es allmählich gewohnt, andere zu übervorteilen. »Geschäft« heißen sie es. Ja, wenn jedes unschöne Ding einen so schönen Namen hätte, es gäbe keine Betrüger und Gauner und Galgenstricke auf der Welt.
Weiter sagt man dem Himmelherrgottswirt nichts Unrechtes nach. Daß ich nur erzähle.
Das Dörflein St. Peter mit der Kirche und dem Wirtshaus steht auf einem Hügel. Die belebte Straße, die durch das Tal geht, steigt diesen Hügel hinan und drüben wieder hinunter in dasselbe Tal. Auf der Höhe, just vor dem Kirchhofstore, auf einer weißen Tafel steht mit schwarzen Lettern der schöne Spruch: »Radschuh bei Strafe von zwei Gulden!« Was sind an diesen beiden Steigungen nicht für höllische Wetter zusammengeflucht worden von blaukitteligen Fuhrleuten! Ruckweise gehetzt und geflucht, dann wieder geschoben und geflucht, dann wieder stecken geblieben und geflucht, und nachher die wilde Jagd von einer Wasserkehre zur andern und geflucht.
So ging's Tag und Nacht und selbst am Festtage war keine Stunde frei von solchem Lärm. Was sind die Rösser seit Urzeiten nicht geprügelt worden auf diesem Wege zum heiligen Peter hinan! Aber oben — fast schon oben nah' der Kirche — stand das Wirtshaus, da gossen die Fuhrleute Wein auf ihre Galle. Und hinunter ging's lustiger, da gab's nur zu fluchen, wenn bei Nichtanwendung des Radschuhes der Wagen einmal ein paar Pferde niederstieß und darauf der Zöllner die zwei Gulden Strafe einhob.
Ähnlich ging's Jahrzehnte lang zu. Da kam den Leuten vor wenigen Jahren eine merkwürdige Idee, die weiß Gott wie lange schon in der Luft gehangen sein mochte oder unten auf dem Erdboden gelegen neben dem Bach, ohne daß sie ein Mensch gefunden hätte.
»Warum,« sagten die Leute auf einmal, »muß die Straße den vertrakten Berg hinansteigen? Warum soll sie nicht unten im ebenen Tal neben dem Bach hinlaufen wie die vielen Meilen her?«
Warum? Ja, es wußte keiner warum. Nur der Kirchenwirt zu St. Peter gab Antwort.
»Warum?« sagte er und machte die Augen zu, wie er immer tat, wenn er etwas Gescheites sagte, »das ist desweg', weil im Tal beim Bach meine Wiese ist, über die ich nicht fahren lasse.«
»Du laßt nicht fahren!«
»Laß nicht fahren.«
»Kirchenwirt,« sprach ein anderer, »du weißt recht wohl, daß dir deine Wiese gut bezahlt werden wird.«
»Weiß es wohl.«
»Aber du weißt es auch, daß dein Wirtshaus auf dem Berg von der Straße leben muß. So steht die Sach'!«
»Und so wird sie auch stehen bleiben!« Damit schnitt der Wirt das Gespräch ab.
Seitdem war's wieder beim Alten. Aber doch nicht ganz. Früher fluchten die Fuhrleute, aber sie wußten nicht, auf wen; die steile Straße war unschuldig, sie wäre am liebsten gar keine Straße und möchte grünes Gras auf sich wachsen lassen; die schweren Eisenflossen waren unschuldig, sie wären am liebsten für alle Ewigkeit im Erzberg ruhen geblieben. Und die Weinfässer, Salzladungen und Kornsäcke konnten nichts dafür, daß sie so schwer wogen — und den Pferden konnte im Grunde nichts Überpferdliches zugemutet werden. Und wenn manchmal eine Kutsche mit Leuten bepackt heranächzte, so waren es gerade diese Lasten, die am wenigsten ein Scheltwort annehmen wollten. Die schönsten Flüche verpufften in der Luft. So früher. Aber jetzt! Jetzt wußten sie, wer Ursache war des blutigen Marterweges zu diesem Dorfe hinan, wo schließlich keiner was zu tun hatte, was nicht auch im Tale getan werden konnte. Die Flüche nannten von nun an den Kirchenwirt, schossen dem Kirchenwirt zu, diesem »kreuzvermarideiten Himmelherrgottswirt!« Wer wüßte es nicht, wie einzig so ein blaukitteliger Fuhrknecht in seiner Wut schelten kann. Und so bekam der Kirchenwirt den an und für sich sehr schönen, aber seiner Ursache wegen nicht schmeichelhaften Titel: »Himmelherrgottswirt«. Man muß es nur hören, wie das klingt, wenn es zwischen knirschenden Zähnen herausgeknurrt wird.
Aber der Himmelherrgottswirt machte sich nichts draus. Eher, als er die Straße unten im Tale über seine Wiese gehen ließe — an St. Peter vorüber, ohne nach St. Peter zu kommen, und die Fuhrleute und die Reisenden etwa gar unten beim Mosthansel einkehrten — eher läßt er sich kohlschwarz anfluchen über und über; dem Geldbeutel tut das ja nicht weh. — Dem Geldbeutel, meint ihr, das Fluchen nicht weh? Ja, seht, das Heranfluchen freilich nicht, aber das Vorbeifluchen doch! Die schwersten Fuhrwerke ächzten an dem Wirtshause vorüber und kehrten im Tale beim Mosthansel ein. Das war sonst eine recht kleine, schlichte Wirtschaft gewesen, beim Hansel, denn der Kirchenwirt hatte sie nie emporkommen lassen. Aber jetzt schaffte sich der Hansel mehrere Gattungen Weine an — alte und junge, weiße und rote, süße und saure — fast so verschiedenerlei, als der Gäste waren; legte sich auch Heu, Hafer und Mais zu, den Zugtieren zu Nutz; und Tierfleisch für solche, die Heu und Hafer verschmähten und sich doch sättigen und stärken wollten zum Fluchen über den Hügel, oder sich davon zu erholen hatten. Der Hansel selbst war ein junger, umsichtiger und unterhaltsamer Mann, der mit einer alten Muhme, die recht schwätzen konnte, die nun aufblühende Wirtschaft betrieb. Und wenn der Sonntag kam, so kamen sogar die Bauern der Umgegend zum Hansel zusammen, weil dort jetzt immer Gesellschaft war, und auch weil es freier herging, als wie beim Kirchenwirt, wo der Pfarrhof und der Friedhof so nahe waren. Da fanden sich auch Musikanten ein, und es tat sich zur Sommerszeit oft ein ganzes Volksfest zusammen vor dem Mosthanselhaus.
Zu solcher Zeit schien es fast, als käme die Reihe zum Fluchen an den Himmelherrgottswirt. Tat's aber nur im Gedanken; auswendig schnitt er ein lustiges Gesicht.
»Das wär' schon zum Lachen, wenn unsereiner auf so ein paar läppische Roßknecht' anstünd'. Man hat eh' von diesen Leuten mehr Schaden gehabt als Nutzen. Den Hof voll Mist, ja, das machen sie einem, und schuldig bleiben, das können sie wie's Schmenten (Fluchen) und das Schmenten können sie weit besser wie Vaterunser beten. Fuhrleut' Geld haben! Ja, wer's glaubt, wird selig; auf meiner schwarzen Tafel steht ein ganz anderes Evangeli zu lesen. Und die Herren Kavaliere, die vorbeifahren — hört mir auf, denen ist das beste zu schlecht und das wohlfeilste zu teuer. Mag mich gar nimmer scheren mit so Leuten — mag nicht, sag' ich!«
»Da hast einmal in Grund und Boden recht, Wirt,« entgegnete ihm darauf eines Tages der Tabakkrämer. »Desweg' ist's am gescheitesten, wir bringen die Straße zum Dorf herauf ganz ab. Lassen es gar nicht mehr herauffahren, das Bettelvolk — soll unten bleiben am Bach und Kroißen (Krebsen) fangen.«
»So redest du!« rief der Wirt, »du, der morgen schon Hunger leidet, wenn heut' kein Fuhrknecht mit der Blader vorspricht! Oder willst du ihn dir mit Essig und Öl machen lassen, deinen Tabak?«
Der Andere schupfte die Achseln: »Was kann ich machen! Die Landstraß' haben sie nicht gebaut, daß ich meinen Tabak anbring'. Verlegen sie den Weg, so muß ich mir halt helfen, wie ich kann. Daß ich ein Narr wär' und gegen die Vielheit streiten wollt'! — Schnupf eins, Himmelherrgottswirt!«
Der Wirt schlug ihm die Dose aus der Hand.
»Geschieht mir recht,« murmelte der Tabakkrämer, »wenn man den heiligen Namen auf den hängt, das ist Gotteslästerung.«
Aber der Bau der Straße im Tal verzögerte sich von Jahr zu Jahr, denn gutwillig gab der Wirt die Wiese nicht und Gewalt wollte man nicht brauchen.
Da ging einmal ein alter Wurzelgräber durch das Dorf; der hörte das Schelten und Gotteslästern der Fuhrleute, die dem Kirchenwirt alle schwere Not und den Teufel ins Haus wünschten. An der hinteren Tür des Wirtshauses standen die Kinder des Wirtes, denen rief der alte Mann zu: »Euer Vater führt ein gutes Leben. Wenn aber die Flüche all' an euch ausgehen sollen! Es heißt ja doch, der Eltern Sünden müssen die Kinder büßen. 's ist schauderlich! Behüt' euch Gott, Kinder, ich tu' euch nichts.«
Und ging von Hundegekläff begleitet vorüber.
Da stund es an noch etliche Jahre, und es kamen die Weihnachten 1876. Der Heilige Abend ist doch sonst gewiß kein Unglückstag, gleichwohl er der Jahrestag ist, an welchem Adam und Eva erschaffen worden sein sollen. Aber beim Kirchenwirt zu St. Peter trug sich an diesem Tage was Trauriges zu.
Bisher, so lange von steifen Trotzköpfen und bösem Fluchen die Rede gewesen war, wollte ich das Dasein eines schönen Kirchenwirtstöchterls nicht verraten. »Sie war wie eine Blume,« man kann's besser nicht sagen. Sie war nun siebzehn Jahre alt und das Einzige, welches dem Wirte von seinen Kindern übrig geblieben. Ihretwegen war die letzte Zeit her mancher junge Fuhrknecht, der zu Trotz hier nicht mehr einkehren wollte, weit schwerer auf dem ebenen Boden vor dem Wirtshause vorübergefahren, als den Berg heran. Dieses Wirtstöchterl war bei so manchem der triftigste Grund, daß die Straße an beiden Seiten den steilen Hügel zum Dorfe hinanstieg. Ob Julchen für oder gegen die Verlegung der Straße war, das getraue ich mir nicht zu entscheiden, denn junge Leute gehen ihre eigenen Wege.
Und einen solchen, ganz absonderlichen, ging sie an jenem Heiligen Abend.
Man kennt ja die Weiber — aus lauter Warmherzigkeit und Lebenssehnsucht und Ahnen und Bangen abergläubisch über alle Maßen! Schon die jungen! — Da ist der rote Holler. Am Christabende während des Ave-Läutens gepflückt und dann in einen Blumentopf gesteckt, kann er im nächsten Fasching grünen. Tut er's, so kommt in demselbigen Jahre der Bräutigam. Ein Dirndl von siebzehn Jahren — da kann der Hollerzweig doch wohl schon treiben ... Man probiert's, nützt es nicht, so schadet es auch nicht.
An der rückwärtigen Kirchhofsmauer zu St. Peter wächst roter Holler. Mit einigem Zagen, aber vielem Mute läuft Julchen, während auf dem Turme die Ave-Glocke klingt, im Dunkel über den Kirchhof. Sie schaut sich nicht viel um, erhascht einen Zweig, eilt rasch wieder zurück und stürzt aus Hast in ein offenes Grab. Das war für einen alten, müden Pilger bereitet worden, der just am heiligen Christtag in die ewige Ruh' gehen wollte, oder — wie man's nimmt — in die Krippe aus Erden. — Wie der Küster das Tor schließt, hört er den Schrei — läuft hin und zerrt das vor Schreck ohnmächtige Mädchen aus dem Grabe hervor; es ist bewegungslos wie eine Leiche, und so wird sie nach Hause getragen.
Der Wirt ist dem Zusammenbrechen nahe, er meint, das Kind sei tot. Die Leute rennen auf der Gasse um und der böse Leumund, der immer nur auf einen Anlaß — am liebsten ein Unglück — wartet, bricht los wie ein zischend Heer in der Luft, das man nicht sieht und nicht fassen kann, und das in jedes Ohr bläst Spott und Hohn, und Schadenfreude weckt in dem Menschenherzen, auf welches reuig zu schlagen wohl jeder eine Ursache hätte.
»Da seht, da seht,« riefen die Leute, »das hat er jetzt! Umsonst ist da nicht so oft geflucht worden. Jetzt geht die Frucht auf. Fällt ihm sein Kind lebendig ins Grab! Ist das nicht augenscheinlich eine Strafe Gottes?«
Kann ein abgerissener Zweig wieder grünen, so kann auch ein junges, dem Grabe entrissenes Menschenkind wieder leben. Meint ihr nicht, Leute? Tretet ins Haus und seht, Julchen sitzt aufrecht, es fehlt ihr nichts. Ohnmachten bei jungen Leuten ziehen vorüber wie eine Frühlingswolke an der Sonne. Ihr Vater ist noch blaß vor Schreck, mit zitternder Hand streicht er ihr die Friedhofserde von ihrem braunlockigen Haar.
Und in der Nacht, als das Mädchen geruhsam im Bette schlief und auf dem Turme des Himmels Engel schon die Glocken läuteten, auf daß die zerstreute Gemeinde zusammenkomme zum strahlenden Altare — da schritt auch der Wirt in die Kirche. Er wankte wie ein Greis, der Schreck stak ihm noch in den Gliedern, noch bebte ihm das aufgerüttelte Herz. Daß sie an dem bedeutungsvollen Tage in das Grab fiel, das konnte kein gutes Zeichen sein ... Ihm war hart und bang.
So wollte denn in dieser Nacht, in welcher der Christ mit seiner Gnade herabgestiegen ist zur Erde — der Kirchenwirt vor der Krippe knien und Beruhigung erflehen. — Und als die zwölfte Stunde schlug, als das Christamt begann und das Lied: »Dies ist der Tag, von Gott gemacht!« erklang, da wurde dem Manne leichter ums Herz.
Zur Wandlung verstummte die Orgel. Die Gemeinde lag auf den Knien und jeder betete in dieser feierlichen Stunde für das liebste seines Herzens. — Mit gefalteten Händen betete der Wirt vor der Krippe für sein Kind. — Still war's. — Da rasselten draußen auf dem hartgefrorenen Boden schwere Wagenräder, Pferde stampften und wieherten unter pfeifenden Peitschenhieben, und von den Lippen des Fuhrmannes gellte ein grober Fluch. Und das war auf des Kirchenwirts Gebet die Antwort gewesen. —
Was bei diesem Zwischenfalle der Kirchenwirt empfunden hatte, das zeigt am besten sein Gang in die Sakristei, als kaum der Gottesdienst zu Ende war.
»Ein Wort mit dem Herrn Pfarrer,« stotterte er, »vielleicht wäre auch der Gemeindevorstand zuwege. Ein Stück Papier und Schreibzeug!«
Mit bebender Hand schrieb er's hin:
»Die Wiese am Bach für ewige Zeiten zur Straße.
Anton Egghofer,
Kirchenwirt zu St. Peter.«
Heute ist die Straße fertig. Sie geht, wie die Leute sagen, »handeben« im Tale hin. Das Fluchen kann man den Fuhrleuten nicht nehmen, sie haben sonst auch nicht viel Unterhaltliches auf der Welt, aber auf ebener Straße hört sich das ganz anders, als auf bergigem Grund.
Zu beschreiben wäre noch die Dankbarkeit der Pferde — doch, wir wollen die Wagen aller Art mit Gott und gutem Gespann ihrer Wege ziehen lassen.
Wer nach St. Peter hinauf will, die alte Straße ist und bleibt noch fahrbar. Im Herbst des nächsten Jahres war's, als etliche sehr schwere Wagen vom Dorfe zu Tale ächzten. »Radschuh bei Strafe von zwei Gulden!«
Ja, freilich, bei solchen Brautfuhren, da heißt's einschleifen. —
Gekommen war's so: Im Fasching hatte der Hollerzweig gegrünt, im Mai hatte er geblüht, im Juni war der Mosthansel zum Julchen gegangen. Und jetzt Hochzeit.