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Sonderlinge

Chapter 30: Der Steinschädel.
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About This Book

A collection of short sketches that presents a gallery of eccentric individuals encountered in everyday life. Each piece focuses on a single peculiar character or habit, mixing gentle comedy, compassion, and occasional darkness to show how individuality shapes behavior and social awkwardness. The tone shifts between anecdote and quiet portrait, emphasizing small, telling details of manner, belief, and circumstance rather than a sustained plot. Taken together, the vignettes form a mosaic of human oddity and stubborn dignity, exploring folly, hidden wisdom, and modest virtues through concise, episodic narratives.

Der Steinschädel.

Es war ein so prächtiges Bauerngut gewesen. Voreh'! Voreh'!

Dann wurde es anders. Der Hinterberger zahlte keine Steuern. Und doch war er der Besitzer und Nutznießer aller Grundstücke, die den Hinterberg einhüllten und die sich fast herab ins Tal der Lansa erstreckten.

Der Hinterberger war nichts weniger als glaubselig. Was in den Büchern stand, von dem meinte er, das Papier wäre geduldig und man könne d'rauf drucken, was man wolle. Was auf der Kanzel gepredigt wurde, von dem hatte er eine nicht viel bessere Meinung: reden ließe sich alles, was man reden wolle, und man wolle gerade das reden, was zu eigenem Vorteile wäre. Gegen die Meinungen der Nachbarn und den Rat der Verwandten war er nicht minder verstockt — der Steinschädel wurde er geheißen.

Da kam im Jahre 1848 einer jener Wanderprediger, wovon manche vernünftig, viele aber Narren gewesen sind. Und dieser Mann predigte, daß der Bauer von nun an freier Herr seines Grund und Bodens wäre und also keine Steuern und Abgaben mehr zu entrichten brauche.

Keine Steuern und Abgaben mehr! Das glaubte der Hinterberger aufs Wort. Das leuchtete ihm ein; denn was mein ist, davon bin ich keinem Menschen was schuldig. Zudem stand's ja auch in den »Herrschaftsbriefen«, er bekam ein- für allemal die Papiere über die Grundablösung — und nun war er ein freier Mann im freien Staate.

Er zahlte keine Steuern mehr, blieb aber trotz aller Behörden Besitzer und Nutznießer des ganzen Hinterberges. Die Behörden zwangen ihn auch nicht — sie ließen ihm bloß das Vieh aus dem Stalle und das Getreide von der Scheune führen und deckten damit die Steuern und die Unkosten, die aus solchem Gebaren erwuchsen.

Da schrie der Hinterberger freilich auf, man täte ihm kreuzunrecht, und der Staat, der verpflichtet sei, Hab' und Gut seiner Bürger gegen Raub zu schützen, sei selber der Schelm ...

Zu den Advokaten ging er und suchte Gerechtigkeit, wie er sie dachte.

»Ja, Bauer, das ist nicht so!« sagten die Advokaten.

»Warum ist das nicht so?«

»Ihr sagt ja selbst, daß Ihr den Schutz des Staates erwartet — wollt Ihr den umsonst haben?«

»Ich? Den Schutz des Staates? Wozu? Können mir meine Felder gestohlen werden? Kann mir mein Wald von Räubern umgehauen werden über Nacht? He?«

»Aber in Eure Wohnung kann man einbrechen, mißhandeln kann man Euch und das Haus über dem Kopf anzünden.«

»Freilich,« rief der Hinterberger, »wer's will und stark genug ist, der tut's, bricht in meine Wohnung, schlagt mich tot, zündet mir das Haus an. Bis Eure Polizei hinaufkommt auf den Hinterberg, ist alles vorbei. Wenn ich selber kein Gewehr im Haus hab', so bin ich hin. Jetzt möcht' ich wissen, wofür ich Steuern zahlen soll!«

»So wollt Ihr dem Staate entsagen, Hinterberger? Glaubt Ihr, daß Ihr allein bestehen könnt? Habt Ihr alles auf Eurem Grund, was Ihr zum Lebensunterhalte braucht? Seid Ihr nicht angewiesen, die überschüssigen Früchte Eurer Felder zu vertauschen, zu verkaufen, um anderen Bedarf, der bei Euch auf dem Hinterberge nicht wächst, einzulösen?«

»Ich?« fragte der Bauer, »nein. Wir Hinterberger Bauern sind auf ein solches Austauschen nicht angewiesen, aber Ihr Herrenleut' seid es. Ihr sollt froh sein, wenn wir Euch das Korn und das Rindfleisch verkaufen. Freilich kommt Ihr billiger dazu, wenn Ihr mir's mit Gewalt wegnehmt.«

Das war die Logik des Hinterbergers. Und die Advokaten, die sonst jeden Prozeß der Klienten mit Zuversicht auf sich zu nehmen pflegen, ließen ihn im Stich — alle. Der Bauer fand's ja erklärlich — sie halten all' zusammen.

Die Nachbarn sagten ihm: »Sei gescheit, Hinterberger!«

Er antwortete: »Oh, ich bin gescheit genug, aber ihr seid dumm. Tätet ihr mit mir halten, durchsetzen wollten wir's! Aber einer allein? ... Und doch geb' ich nicht auf, was mein ist, davon zahl' ich nichts weg!«

So ging es fort. Alljährlich war dasselbe. Zuerst kam der Bote mit der Aufforderung zum Steuerzahlen, dann kam die Drohung, dann kam die Pfändung.

Und hierauf saß der Mann traurig vor seiner Haustür und murmelte: »Jetzt sind wieder die Schelme dagewesen.«

Er hatte Weib und Kinder. Die Kinder verwahrlosten, das Weib verkam. Dem weinenden Weibe drückte der Gerichtsmann gutmütig die Hand und bat um Verzeihung, daß er seine Pflicht tun müsse. — Als die Knaben heranwuchsen, kannten sie nur eine Ungerechtigkeit auf der Welt: das Gesetz, und nur einen Feind: den Steuerbeamten.

Der Gerichtsbote weigerte sich, in den Hinterbergerhof hinaufzugehen; die Knaben empfingen ihn mit Steinwürfen, der Bauer tat sein altes Schußgewehr zurecht. »Jeden Schelm, der in mein Haus kommt, schieß' ich nieder.«

Da mußte er's erfahren, daß das Gesetz noch ungerechter sein konnte, als bloß Hab' und Gut wegzunehmen, daß es auch die persönliche Freiheit vernichten konnte. Zwei Standarn (Gendarmen) kamen und reckten zur Tür die Gewehrläufe mit den Bajonetten hinein. Das Weib des Hinterbergers kreischte auf — solche Räuber waren noch nie dagewesen. Der Mann sagte gleichgültig: »Ein dummer Kerl müßt' ich sein, wenn ich mich jetzt wehren wollt'. Da habt's mich, schleppt's mich mit, bringt's mich um!«

Er saß wochenlang im Arrest. Er machte dort Bekanntschaft mit anderen, die mit dem Gesetze ebenfalls im Kriege lebten. Der »Steinschädel« war sonst ein Feind des Lernens, weil er ja ohnehin alles wußte und weil Fremdes seiner Überzeugung stets entgegen war. Aber im Arrest — das gestand er sich — war manches zu profitieren. Die Genossen waren reich an Erfahrungen und hatten neue Ideen. — Entweder der Mensch hat sein Eigentum für seine Person, dann muß der Mensch dieses Eigentum fest zusammenhalten, und keiner hat das Recht, davon zu nehmen. Oder der Mensch hat kein Eigentum, alles ist gemeinschaftlich, gut, nachher muß aber der Reichtum so verteilt sein, daß jeder gleich viel hat. Nachher hat jeder Sachen genug, nachher gibt es keinen Armen mehr.

Der Hinterberger hatte sein Lebtag noch keinen Menschen so gescheit sprechen gehört als den arretierten Tischlergehilfen, der obiges erörterte. Entweder so oder so! — Aber Steuerzahlen, das ist nicht so und nicht so und hat keinen Sinn.

Als der Hinterberger endlich vom Gefängnisse entlassen nach Hause kam, fand er das Elend noch größer. Die letzte Kuh war aus dem Stall gepfändet; das Weib lag krank auf dem Stroh und die Kinder balgten sich um die letzte Brotkrume. Zu den Nachbarn war sein Weg, daß sie ihm hülfen. Sie lachten ihn aus: »Du Narr, du bist selber schuld. Hättest nur etliche Bäume aus deinem Wald verkauft und die Steuerschulden wären gedeckt gewesen.«

»Die Steuer-Schulden? Wieso Schulden?«

»Ja glaubst denn, Nachbar, du kommst auf, gegen die Weltordnung?«

»Ich weiß es, daß ich zugrunde gehe, aber ich weiß es auch, daß ich recht habe, und das ist ein ganz anderes Recht als jenes, so in euern Gesetzbüchern steht. Und es wird kommen, daß kein Mensch mehr Steuern zahlt, als etwa der Pächter. Ja, da möcht' ich leben.«

Es kam die Zeit heran, da der älteste Sohn des Hinterbergers militärpflichtig wurde. Das wird wieder einen Sturm geben mit dem Alten, meinten die Leute. Aber siehe, der Bauer hatte kein Wort dagegen und ermahnte noch den Burschen, seinen Vorgesetzten zu gehorchen und ein tapferer Beschützer des Vaterlandes zu sein.

Die Behörde hatte mit ihm so viel Nachsicht als möglich. Der Pfarrer besuchte ihn einmal und suchte ihn mit Vernunftgründen zu bekehren. »Hochwürden« sprach der Bauer rundweg, »wenn Er vom Himmel und Hölle predigt, da hört man Ihm gern zu; wenn er anstatt Saufen und Raufen das Beten und Almosengeben aufbringen will, so hat's auch noch seinen Schick, aber vom Steuerzahlen — mit Verlaub — versteht Er gar nichts.«

Da stieg der Oberamtmann selber einmal hinauf gegen den Hinterberg mit der Absicht und der festen Überzeugung, den närrischen Kauz mit Güte zu bekehren. Er kam eher zurück, als er sich gedacht hatte, kam sehr aufgeregt zurück und gab Befehl, gegen diesen wilden Menschen auf dem Berge nicht die geringste Rücksicht mehr walten zu lassen. Was ihm passiert war, ist nicht offenbar worden.

Nun pfändeten sie dem Hinterberger den schwanken Tisch und den wurmstichigen Kasten, so daß die wenigen Habseligkeiten hingeworfen lagen auf dem morschen Fußboden. Elend sah es aus im Hause, und die erwachsenen Jungen lungerten arbeits- und zuchtlos draußen in den Weiten herum und aßen ihr Brot, wo und wie sie es fanden. Eines Tages wurden zwei davon als Wildschützen eingefangen.

»Ist nicht in Ordnung das!« meinte der Alte, »nur abstrafen, ist schon recht, nur abstrafen!«

»Dann muß man auch dich mitabstrafen,« rief ein Nachbar, »wie du deine Kinder hast gebogen, so sind sie erzogen. Darf man ein Gesetz überschreiten, warum nicht auch zwei, warum nicht auch das dritte, wenn's gelegen ist, warum nicht alle?«

Mit der armen Hinterbergerin hatte es endlich ein Ende. Ihr letztes Wort im Sterben war gewesen: »Gott Lob und Dank!«

Die Leichenkosten bezahlte er willig und bar. Aber als die Verlassenschaftsgebühren zu erlegen waren, fluchte er: »Der Tod auch besteuert? Auch mit dem machen sie noch ein Geschäft? Verdammt!«

Eines Montagmorgens war die ganze Gegend in Aufregung. In der Lansa war ein junger Bursche erschlagen gefunden worden. Ein Raufhandel war in der Nacht gewesen. Am nächsten Tage kehrte der jüngste Sohn des Hinterbergers nicht ins Haus zurück. Dafür kam die Botschaft, der Hinterberger möge mit dem Mittagessen nicht auf sein Bürschl warten, dasselbe käme heute nicht heim, käme vielleicht auch morgen nicht, käme vielleicht viele Jahre lang nicht — die Standarm hätten ihn mit sich genommen, weil er einen blutigen Rockärmling gehabt habe. Und einen blutigen Ärmling habe er gehabt, weil er den Sager-Urb umgebracht hätte.

»Was hätte er?« fragte der Hinterberger.

»Den Sager-Urb hat er umgebracht.«

»Wer?«

»Dein Bürschl — dein Hans.«

Da legte der Alte die Hand ans Ohr, daß sie die Schallwellen hineinleite und sagte leise: »Jetzt muß ich noch einmal fragen, wie du's meinst!«

Und der Bote antwortete eben noch einmal.

Jetzt nannte der Alte den Boten eine Bestie.

Aber solcher Bestien waren mehr. Keiner hat es zwar gesehen, daß der Hinterberger-Hans den Sager-Urb erschlagen und in die Lansa geworfen hatte, doch jeder war davon überzeugt. Beim Lindenwirt waren sie des Abends zusammen gewesen, es wurde getrunken, gesungen, gezankt und gerauft. Der Metzger Pankraz hetzte, der Urb gab dem Hans einen Schlag auf die Wange und nannte ihn einen Strolchen von der Hinterberger-Höhlen, von der seit Jahren schon kein braver Mensch mehr herausgegangen sei, weil keiner hineingehe. Auch eine Wilderergeschichte war dabei und einer Liebschaft wegen ging es her. Der Hans war so wütend, daß er das Ofengeländer zerriß, um mit der Holzlatte den Urban niederzuschlagen, hätten ihn nicht mehrere Männer davon abgehalten. Nun ging er in die Nacht hinaus und kam nicht mehr zurück. Um Mitternacht steckte der Urb seine große Brieftasche ein und verließ das Wirtshaus; eine halbe Stunde später war an der Lansa ein Schrei.

Und am nächsten Morgen begegneten zwei in die Arbeit gehende Männer dem Hinterberger-Hans, der just am Hollerbrunnen Blut von seinem Ärmling wusch. Ein paar Stunden später fand man unten an der Hammerwehr den toten Sager-Urb, der mehrere Stiche am Halse und an der Brust hatte.

Der Hans wurde als Verbrecher zu Gericht geführt. Er leugnete die Tat, die Leute lachten ihm ins Gesicht: Was das Leugnen helfe, wenn alles sonnenklar liegt!

»Daß ich beim Nachhausegehen in der Nacht Nasenbluten gehabt, das wird mich doch nicht unglücklich machen!«

Man befahl ihm, daß er schweige. —

Der Hinterberger lief zum Gericht: »Den Buben laßt mir aus! Ich verpfänd' Haus und Hof für meinen Hans! Er hat nichts getan.«

»Geht, Alter, Haus und Hof habt Ihr nicht mehr zu verpfänden!«

Der Hinterberger schwankte heim zu, da fand er die Türe seines Hauses versperrt und versiegelt. — Seit so vielen Jahren die Steuern verweigert, da hat man ihm endlich den Prozeß gemacht.

So lag nun unter dem Schatten der Esche ein Bettelmann. Nein. Er wollte nicht betteln, er wollte da liegen bleiben und sterben als ein vom Staate Zugrundegerichteter. Aber zwei mitleidige Bauern schleppten ihn mit sich. Er blieb dabei, der Hans wäre an dem Morde unschuldig; und die Leute blieben dabei: kein anderer hätte den Sager-Urb erschlagen als der Hinterberger-Bursch'. Die einen gaben ihm lebenslänglichen Kerker, die anderen ließen ihn hängen.

Im Gerichtssaale ging es heiß zu. Und das Urteil wurde gesprochen. — Der Hans kehrte aus dem Kriminal zurück und war frei.

Der Alte hatte es nicht glauben können, daß er schuldig sei und konnte es jetzt nicht glauben, daß er frei war.

»So hat dich doch der heilige Johannes von Nepomuk gerettet?« Der von Nepomuk ist nämlich ein Patron, den man anruft, um eine verlorene Ehre wieder zu finden.

»Glaub' nicht, daß er's gewesen ist,« berichtete der Hans, »er hat einen schwarzen Frack angehabt. Ein Doktor ist's gewesen, und der hat alles genau untersuchen lassen und hat alle Zeugen überwiesen und hat nicht eher Ruh' gegeben, bis es ist herausgekommen, daß ich unschuldig bin, nachdem sie derweil den richtigen Mörder erwischt haben. Der Pankrazl, der Schelm! Wegen Geld. — So haben sie mich freilassen müssen.«

»Und hast nichts Gewisses erfahren, wer der brave Mensch ist gewesen?«

»Nichts Gewisses nicht; den Verteidiger haben sie ihn geheißen und haben gesagt, das Gesetz tät' vorschreiben, daß jeder Angeklagte einen Verteidiger müßt' haben.«

»Das Gesetz tät's vorschreiben?« fragte der Alte.

War schon der Gemeindevorsteher da und sagte: »Wenn du auch ein Feind bist gewesen gegen den Staat und das Gesetz, so hat dich der Staat und das Gesetz doch nit verlassen.«

Von dieser Stunde ging der Hinterberger in der Einsamkeit um. Dann ging er zur Behörde und fiel nieder auf die Knie: »Meine Herren, tun's mir verzeihen!«