Herr Meyer, der Belehrende.
Michel war von väterlicher Seite ein geborener Meyer, von mütterlicher Seite ein geborener Sonderling. Sein Vater war Landwirt im oberen Ennstale; seine Mutter war die Landwirtin dazu. Sie waren vom Haus aus lutherische Leut', und die Frau trug — so ging die böse Mär — unter ihrem letzten innersten Brustfleck ein Amulett, ein kleines Bild des großen Tintenkleckses, welchen Luther erzeugte, als er sein Tintenfaß dem Teufel an den Schädel geschleudert hatte. Der Meyerin liebster Wandel war, daß sie umherging, um die Nachbarn zur reinen christlichen Lehre zu bekehren. Das gelang ihr nur bei einigen von denen, die ihr Geld oder Butter schuldig waren, die andern blieben verstockte Katholiken. Da wurde der Meyerin eines Tages gesagt: »Du scher' dich nicht um fremder Leut' Glauben und schau einmal, wie's dein Michel treibt, der glaubt nichts Katholisches und nichts Lutherisches; Heid ist er keiner, Jud ist er keiner. Dein Michel ist gar nichts.«
Ihr Michel, der war seit seiner Kindheit in der Stadt und hätte die Gottesgelehrtheit studieren sollen. Aber weil er alles wissen wollte, so studierte er auch andere Gelehrtheiten. Und als ihrer solche immer mehr wurden und im Gehirne des Jünglings kräftig aufwuchsen, so fielen sie über die arme Gottesgelehrtheit her und fraßen sie auf. Und der Michel Meyer war auf einmal ein Weltgelehrter; er blickte in das Wesen der Dinge ein, aber von Muttern blieben die Gelder aus — denn die Gelder waren lutherisch.
Hingegen hatte der Vater, der alte Meyer, etwas Konfessionsloses in seinem Kasten, und das half dem Studiosus recht christlich über Zeiten hinaus, die sonst schwer gewesen sein würden.
Der Michel aber war kein regelmäßiger Studiosus, der nach regelmäßigen Rigorosen und Kommersen ein regelmäßiger Professor wird. Ihm war die Wissenschaft mehr als ein Handwerk, das sonst mit allen Vorurteilen einer alten Zunft ausgeübt wird. Und doch steckte in dem Michel dickes Schulmeisterblut. Die Wissenschaften, die er eingesogen, die in ihm großgewachsen waren, wollten ihn nun fast zersprengen, und schier, wo er stand und ging, explodierte sein Gehirn. Das heißt, wo er stand und ging, dozierte er; ja noch mehr, schon des Morgens, wenn er noch im Bette lag und die alte Haushälterin mit dem Frühstück in die Stube trat, tat er derselben dar, wieso es eigentlich komme, daß das Glas schwitzt, wenn es mit frischem Wasser vom Brunnen kommt, und wie das mit dem Wetter zusammenhänge, so daß an einem schwitzenden Glase die Beständigkeit der schönen Witterung vorausgesagt werden könne. Auch machte er die Alte oftmals darauf aufmerksam, daß der Kaffee in der Schale ein vorzüglicher Barometer sei. »Wenn sich in der Schale jetzt der Zucker, den ich hineingeworfen habe, aufgelöst, so werden Sie sehen, daß auf der Oberfläche ein Schaum entsteht; steht dieser Schaum in der Mitte, so hält das schöne Wetter an, legt er sich aber an den Rand, so haben wir bald Regen. Sehen Sie, er steht in der Mitte! — Das ist merkwürdig, nicht wahr? Nun hören Sie, jetzt will ich Ihnen erklären, wie das kommt.«
Die Haushälterin machte sich stets beizeiten aus dem Staube, der noch nicht aufgewischt war; sie bewunderte die Weisheit ihres Zimmerherrn, aber sie verstand nichts von dem, was er erklärte. Sie glaube es schon auch ohne Erläuterung, meinte sie, und sie sei halt so viel eine einfache Person.
Der Herr Meyer aber benützte fleißig das schöne Wetter, das ihm von seinem Kaffee vorausgesagt worden war, und ging hinaus in die freie Natur zu den schlichten Landleuten, um sie zu unterweisen und aufzuklären. Denn »in der Dorfschule lernen sie nichts und auf die Universität gehen sie nicht; aber eines jeden Gebildeten Pflicht ist es, sie aus der ägyptischen Finsternis herauszuführen«. — So der Grundsatz des braven Michel, der zudem auch Schick hatte, die Dinge einfach und gemeinverständlich darzutun. Er sprach daher mit dem Bauer von der rationellsten Bewirtschaftung der Felder, erklärte, was der Humus eigentlich ist, was der Dünger tut, und daß der Regen nicht unmittelbar als Wasser auf den Boden wirkt, sondern als Lösungsmittel, welches die Salze in der Erde auflöst und den Pflanzen also zugänglich macht.
Kam er zu einem Hirten auf die Au, so setzte der Michel bei diesem das größte Interesse für die Blumen und Kräuter voraus und hielt ihm auf der Stelle einen botanischen Vortrag. Und wenn der Hirt davonlief, so schüttelte der Michel über einen solch krassen Indifferentismus schwermütig den Kopf.
Hingegen war er glücklich, wenn er unterwegs irgendwo einen jener grübelnden Handwerksleute traf, die über alles sinnieren, nach allem fragen oder im Notfalle auch alles selbst zu erklären wissen. Weiß der eine: Ja, so ein winziges Sternl am Himmel ist viel größer, als es uns scheint; nur die Entfernung macht es uns so klein, in Wirklichkeit ist es gewiß so groß wie ein Eimerfassel. — Oder aber: Das Erdbeben! Da ist halt ein großer Drache in der Erden d'rin, und so oft sich der bewegt, schüttelt sich der Boden und das ist das Erdbeben. — Wieder ein anderer berichtet: Ja, jetzt kriegen wir Krieg. Unser Kaiser hat seinen Alleröbersten, der nach ihm halt der Höchste ist, zum Türken in die Türkei hineingeschickt, und daß er — der Türk' — halt sollt' Fried' geben und nicht Krieg führen. Und jetzt, da ist der Türk' hergegangen und hat dem Kaiser seinen Freund, halt, der nach ihm der Alleröberste ist, abschlachten und braten lassen, und hat ihn gebraten unserem Kaiser in einer Kisten zurückgeschickt. Deswegen wird jetzt ein schauderlicher Krieg anheben. — Oder: Unsere liebe Frau ist ja wieder einem Hirtenmädchen erschienen und hat ihr's vertraut: daß, wenn sich die Menschen nicht bekehren, eine solche Hungersnot kommen wird, daß die Leut' Brot von gemahlenem Haberstroh essen, und das nicht einmal genug haben werden.
Da gab's denn für Herrn Michel Meyer in Hülle und Fülle zu tun. Derlei Ansichten und Reden machten ihm das Blut heiß, und mit Eifer suchte er sie zu widerlegen und die Wahrheit, wissenschaftlich bewiesen, dafür hinzustellen. Nur in einem hätte er selbst belehrt werden sollen, nämlich, daß die Seele des Volkes am liebsten von der Phantasie lebt.
Aber der Michel predigte drauflos. Dem erklärte er das Wachstum der Bäume; einem anderen bewies er, daß die Erde rund ist wie ein Ball; einen Dritten belehrte er über die Natur der Staatsschuld, ihre Ursache und Rückwirkung und ihre Notwendigkeit; einem Vierten zeigte er mit Kerzenlicht und einem Apfel das Wesen der Sonnen- und Mondesfinsternisse; einem weiteren legte er die Eigenarten gewisser Steine dar, erläuterte die Anziehungskraft großer Körper oder eine andere der physischen Kräfte: den Magnetismus, die Elektrizität.
Häufig fand der Wanderdozent ein geneigtes Ohr, bisweilen sogar ein gelehriges — und da kam eine tiefe Befriedigung in sein Wesen, und er sagte sich: Also, endlich geht es doch vorwärts — muß es vorwärts gehen. Die nächste Generation wird vernünftig sein; vielleicht richte ich schon in dieser was aus.
Eines Tages begegnete Herr Meyer einem kropfigen, schnaufenden, grinsenden Kretin. Den faßte er liebevoll an der Hand, zog ihn zu sich auf eine Bank und sprach vom Kretinismus. Er sagte, daß er — der Kretin — nicht selbst schuld sei an seinem Unglücke, daß die Ursache oftmals in den geologischen Verhältnissen, in der Feuchtigkeit der Gegend und der Luft, im Trinkwasser und leider auch oft in der Erziehung liege.
Der Kretin starrte ihn an, streckte seine langen, dürren Finger nach einem Härchen aus, das dem Michel gerade auf der Nasenspitze wuchs und grinste. Allein, der Herr Meyer ließ sich nicht irre machen, gab seinem Bankgenossen Verhaltungsmaßregeln, was die Lebensweise anlangt: viel Bewegung machen, sich von Fleischspeisen nähren, stets auf gesunde Luft und Reinlichkeit sehen; dadurch entwickle sich der Körper und die Entwickelung des Körpers hätte jene des Geistes zur Folge.
Der Kretin brach in ein röchelndes Lachen aus; denn es hatte sich das Härchen auf der Nase bewegt.
Und ein andermal, da sah der Michel auf der Wiese vor einem Haus ein Mädchen. Das sang ein schelmisches Liebeslied und begoß einen langen Leinwandstreifen, der auf der Wiese zum Bleichen ausgebreitet lag. Der Herr Michel sah dem hübschen Wesen eine Weile zu, und aus der Gießkanne regnete es hin auf das von der Sonne beschienene Leinwandfach, welches ohnehin schon weiß genug schien, um von einer anmutigen Hausfrau geglättet und in den Schrank gelegt zu werden.
Eine anmutige Hausfrau! In Ermangelung eines anderen Hörers hatte es sich der Herr Michel selbst einmal auf Grundlage seines Charakters und Alters sehr folgerichtig bewiesen, daß er eine Hausfrau haben müsse. Und als er nun das Mädchen sah, welches das schelmische Liebeslied sang und ihn dabei so holdselig anblickte, drängte sich ihm sonder jeglichen Beweises die Überzeugung auf: das ist die zukünftige ehr- und tugendsame Hausfrau des Herrn Michel Meyer. Er trat daher ganz zu ihr hin und sagte: »Tust du Leinwand spritzen, Dirn?«
»Ja, ich tu' Leinwand spritzen, Bub'.«
Das trauliche Bub' machte dem Michel das Herz lebendig.
»Und weißt du wohl, wie das ist, daß die Leinwand durch das Bespritzen weiß wird?« fragte er.
»Freilich, weil sie gewaschen wird.«
»Daß sie gewaschen wird,« sagte er, »würde nicht genügen, es muß noch die wohltätige Einwirkung der Sonne dazukommen.« Und hierauf erklärte er den Einfluß des Lichtes auf die Farbe; und wie die Leinwand noch auf anderem, dem chemischen Wege weiß gemacht werden könne.
Das Mädchen hielt die leere Kanne in der Hand, hörte zu und wendete kein Auge von dem jungen Manne, der so schön sprach, daß sie nachgerade noch weniger davon verstand, als bei der Viehausstellung, wenn der Herr Doktor eine Rede hielt, die doch auch immer sehr schön ausfiel.
Und als er seinen Vortrag geendet hatte, sagte sie: »Laß es wohl gelten.«
Und er dachte jubelnd bei sich: Das ist ein intelligentes Mädchen! Meinem nicht ganz unschwierigen Gedankengang hat sie zu folgen vermocht. Sie liebt mich, und die Liebe hebt naturgemäß das Weib zum Manne empor — auch in geistiger Beziehung.
Mit einem sehr höflichen Gruß verließ er die Leinwandbleichende und nahm sich vor, am nächsten Tage um dieselbe Zeit wieder an der Stelle zu erscheinen. Allein am nächsten Tage war ein anderer da, der das Geschäft der Sprenge besorgte — ein schöner, frischer Landregen. Doch wie schon echte Weisheit jedes Hindernis zur Fördernis zu machen weiß, so kehrte der Herr Michel heute im Hause ein — bittend um Obdach. Das Mädchen war allein daheim; Vater und Mutter waren auf die Hochzeit eines Verwandten gegangen.
»Zum Glücke bist du nicht gegangen,« sagte der Michel, »du wärest doch gewiß viel hochzeitlicher wie Vater und Mutter.«
»Ich mag nicht früher auf die Hochzeit gehen, als bis ich selber dabei die Braut sein kann,« war die Antwort.
»Da hast du schon recht. Ich mag ebenfalls bei keiner dabei sein, außer ich wäre der Bräutigam.«
»Da hat der Herr auch recht.«
»Du Mädel,« versetzte der Michel fast zärtlicher, als es einem Manne der Wissenschaft ansteht, »gestern hast du mich Bub' geheißen. Der möchte ich auch heute wieder sein.«
»Man ist nicht alle Tag' zu so Dummheiten aufgelegt. Heut' ist Regenwetter, und ich hab' nicht gut ausgeschlafen.«
»Hat dich etwa gar deine Hochzeit nicht mehr schlafen lassen?«
»Die Trud hat mich gedrückt.«
»Der Alp?«
»Ist auf mir gelegen — ein schauderhaftes Getier, und gemeint hab' ich, ich müßt' ersticken.«
»Das ist ja kein Getier gewesen,« lachte der Herr Michel, und dann fuhr er ernsthaft fort: »Der Alp oder die Trud, wie Ihr sagt — auch Nachtmahr wird die Erscheinung genannt — ist weder ein Körper noch ein Gespenst, sondern das Produkt einer Atemnot. Das Alpdrücken wird erzeugt, wenn auf Mund oder den Nasenöffnungen die Bettdecke, das Kissen oder dergleichen zu liegen kommt. Diesen Beschwerden gesellen sich sofort beängstigende Träume bei, welche so lange währen, bis es dem Schlafenden gelingt, durch eine unwillkürliche Bewegung die Respirationsöffnungen wieder zu befreien.«
»Der Herr kann gewiß ein Trudenkreuz machen?« fragte das Mädchen, »aber sieben Ecken muß es haben. Mit fünf Ecken kann's der Peter auch, die helfen nichts.«
Sie gab ihm ein Stück Kreide in die Hand und führte ihn in die Kammer zu ihrem Bette. Es war fein und hoch geschwellt, hatte eine lichtblaue Decke mit schneeweißem Linnenüberschlag und ein rosenrotes Kissen.
»Da sollt's halt herkommen, da,« sagte sie und deutete mit der Hand auf das Kopfbrett.
»Liebes Kind,« sagte er, »das kann ich nicht tun, weil es den Aberglauben befördert, oder wenn du mir lohnst, so zeichne ich dir etwas anderes auf die Bettstatt. Doch — ich muß einen Kuß dafür kriegen.«
»Aber na!« lachte sie, »Er ist doch recht ein verliebter Ding!«
»Ich gestehe es dir, Mädchen, ich liebe dich. Ich trete in kurzer Zeit eine Professur an und heirate dich, Mädchen, wie du mir schon gestern gefallen hast; ich will dich aus der Unwissenheit des Volkes reißen und eine rechte, gebildete Frau aus dir machen. — Wie heißest du?«
»Gusta,« flüsterte das Mädchen errötend und schlug die Augen zu Boden.
»Also, Augusta, willst du mein sein?«
Sie hielt ihr Köpfchen tief gesenkt und schwieg.
»Ich begreife es wohl,« sagte er, »daß du mit deiner Antwort zögerst, so lange dir das Wesen der Liebe in seiner Definition noch unbekannt ist. — Die Liebe, Augusta, in welche beide wir nun einzugehen gedenken, haben in ihrer Totalität die größten Männer aller Zeiten bisher nicht vollständig zu erklären vermocht. Doch vom modern wissenschaftlichen Standpunkte aus ist sie eine elektromagnetische Kraft, welche zwei Personen beiderlei Geschlechts zusammenführt, aber stets nur in solcher Wahl, daß die physischen Eigenschaften, sowie auch die psychische Bildung der beiden Personen sich gegenseitig ersetzen und vervollständigen. Um hiervon den Beweis zu erbringen, wird es allerdings nötig sein, eine mathematische Formel aufzustellen, und zwar —«
Er begann mit der Kreide auf die Bettstatt zu schreiben.
»Plus A und minus B können, um mich populär auszudrücken, nicht mitsammen harmonieren; noch weniger werden sich plus A und plus B mitsammen vertragen, ein Verhältnis, das sich mit minus A und minus B wiederholt. Demnach ist im gegebenen Beispiele nur eine Komposition möglich, nämlich plus A und minus A, oder auch plus B und minus B — eben so viel, als zwei gleichgeartete, aber nicht gleichartige Wesen, die sich gegenseitig ersetzen und den Unterschied in ihrer Vereinigung aufheben — was zu beweisen war.«
Gusta sagte, sie höre das Ferkel so arg grunzen und müsse nachsehen, ob es sich etwa nicht wieder, wie letzthin, den Fuß zwischen den Barren verklemmt habe. Sie ging hinaus und ließ den Herrn Michel stehen in der Kammer.
An einem der nächsten Tage suchte er das Mädchen wieder auf und sagte, wenn es ihn von nun an definitiv liebe, so würde er sich vielleicht gelegentlich doch noch entschließen, das Opfer zu bringen, gegen seine Prinzipien zu verstoßen und ihr zu Liebe das Trudenkreuz an ihre Bettstatt zu malen.
»Je!« rief Gusta, »da ist der Herr schon zu spat dran. Just gestern hat mir der Peter das Trudenkreuz gemacht — ein siebeneckig's ist's worden, und heut' in der Nacht hab' ich gut geschlafen.«
Freilich hat sie ihm verschwiegen, daß sie gestern noch Atembeschwerden gehabt, weil ihr der Peter einige Augenblicke lang die Respirationsöffnung durch einen Kuß verschloß.
Aber der Herr Michel ahnte etwas dergleichen und zog fürbaß. Und als er sich auf seinen Wanderungen vielfach überzeugt hatte, daß die besten seiner verkündeten Theorien im Volke schon längst praktisch geübt werden und es eben diese Theorien waren, die ihm selbst nicht Zeit ließen, praktisch zu sein, beschloß er, seine Fahrten aufzugeben.
Wir finden ihn heute in Wien als Dozenten; jede Lehrstunde, die er gibt, läßt er sich vergüten.
Und recht hat er. Das Gold des Wissens schleudert man nicht in Hellerchen unter die Leute, die es in den Staub treten. Selbst die feingebildete Hausfrau des Herrn Professors, die er in der Stadt gefunden, verzichtet gerne auf den mathematischen Beweis seiner Liebe.