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Sonderlinge

Chapter 36: Der Mann mit den dreizehn Talern.
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About This Book

A collection of short sketches that presents a gallery of eccentric individuals encountered in everyday life. Each piece focuses on a single peculiar character or habit, mixing gentle comedy, compassion, and occasional darkness to show how individuality shapes behavior and social awkwardness. The tone shifts between anecdote and quiet portrait, emphasizing small, telling details of manner, belief, and circumstance rather than a sustained plot. Taken together, the vignettes form a mosaic of human oddity and stubborn dignity, exploring folly, hidden wisdom, and modest virtues through concise, episodic narratives.

Der Mann mit den dreizehn Talern.

Der Mann, dessen Geschichte ich in schaulustigen Jugendtagen aufgeschrieben, war eine sehr wunderliche Erscheinung. Auswendig und noch mehr inwendig. Er war nicht groß, aber stark untersetzt und unter der rechten Achsel auffallend ausgewachsen, so daß an derselben Seite der kurze graue Wollspenser zwischen sich und der Hose das Hemd hervorlugen ließ. Das bleiche Gesicht sah recht offenherzig aus, war rund und hatte für das Dorf astronomische Bedeutsamkeit. Wenn dieses Gesicht neu und glatt rasiert war, so konnte man überzeugt sein, daß der Mond im ersten Viertel stand.

Die Welt sah er nur halb, das heißt immer bloß mit dem einen, rechten Auge an, das linke hielt er stets zugedrückt. Und doch war er nicht einäugig, denn einmal hatte es sich ereignet, daß beide Augen hellicht offen standen. Die Leute meinten, der Alte verschließe das linke, weil er alles recht sehen wollte; andere behaupteten, er tue es aus Sparsamkeit, damit, wenn sich im Greisenalter die gewöhnliche Sehkraft erschöpfe, er noch ein neues, frisches Auge habe, und wieder andere vermuteten, der Alte tue es aus Nachsicht, daß er immer ein Auge zudrücke.

Einen Zweck mußte es wohl haben, denn alles, was der Alte tat oder ließ, hatte einen Zweck. Oder weshalb ließ er seine nun bereits weißen Haare so lang wachsen, daß er sie wie einen Turban um die Stirne drehen konnte, als daß er dadurch die Kopfbedeckung von fremden Haaren ersparte? Und weshalb kaute er immer und immer wieder an einem Strohhalm, als zum Ersatz für das Rauchen, das er sich in seiner Jugend einmal angewöhnt hatte? Und weshalb hatte er in seinem Stübchen eine beflügelte Windmühle, die mehr als den halben Raum einnahm? — Ja, die Geschichte von der Windmühle ist nicht einfach! Die Maschine stand aber auch nur im Winter in der Wohnung des Mannes, im Sommer ruhte sie in einer Rumpelkammer, die gleich daneben, und zu der die Stube des Mannes eigentlich das Vorzimmer war. Ob über diese Räume der alte Mann oder die Mäuse Hausherr waren, das ist nie recht klar geworden; bestimmt ist nur anzunehmen, daß beide Parteien in den Dachstuhlräumen des alten Pfarrhofes wohnten.

So bedenklich die Holzleiter aussah, die zu diesen Räumen emporführte, so wohnlich waren sie eingerichtet. Eine Matratze, die am Boden lag, ein dreibeiniger Sessel, der daneben lehnte, ein wurmstichiger Schrank, der an der Wand stand und ein kleiner eiserner Ofen, der im Winkel kauerte — das war außer der Windmühle die Einrichtung der Wohnung des Malchus Zacharias Rosenkranz. Das Fenster, das in der schiefen, reichlich mit Lehm überworfenen Dachwand in einer Nische stand, war wie der alte Malchus einäugig, da der andere Flügel mit blauem Papier verklebt gewesen. Indeß war der Ausblick durch die eine Glasscheibe um so erfreulicher, sie ging in den Hof zu den lieben Haustieren. Dem Fenster des Malchus gegenüber stand das Wirtschaftsgebäude und auf dem First desselben saß zu allen Stunden des Tages ein Spatz oder die Katz'! Und über dieses Bild wölbte sich am Tag der blaue Himmel, zur Nacht das Sternenzelt und zu trüben Zeiten der Nebel.

Gelänge es mir, nun euren Blick von diesem Bilde ab- und nochmals auf das Innere der Behausung des Malchus zu lenken, so möchte ich auf den schwärzlichen Hafentopf aufmerksam machen, der am eisernen Ofen steht. Dieser birgt das Mittags- und Abendmahl des Mannes, sowohl für alle gewöhnlichen Tage, als auch für alle Feste des Jahres berechnet — ein nahrhaftes Erbsengericht. Lohnend dürfte es sein, auch einen Blick in den Schrank zu tun. Da uns die zahlreichen Wurmstichlöcher aber doch immer keinen Einblick in das Innere zu gewähren vermögen, ist Malchus Zacharias Rosenkranz bereit, die Decke zu öffnen. Die hier verwahrten Holzschuhe und falbledernen Beinkleider, sowie der Sack Erbsenvorrat sind von minderem Belange; um so auffälliger aber ist uns die viele Schafwolle, die auf Spulen und Knäuel gewickelt ist, und das sorgsam gehaltene Strickzeug. Wir haben hier die Stätte der Arbeit vor uns; Malchus beschäftigt sich jahraus jahrein mit Stricken und versorgt alle Bauern, Hirten und Holzhauer der Umgebung mit Fäustlingen und Socken.

Im untersten Winkel des Schrankes befindet sich aber ein Wollbeutel, der einen feinen, zarten Metallklang gibt, sobald ihn der Mann berührt; Malchus schichtet alle vorrätige Wolle über den Beutel und blinzelt dabei ganz merkwürdig mit dem rechten Auge. Dann blickt er unstet um sich, aber das linke Auge bleibt zu, nur der Strohhalm, an dem Malchus kaut, macht ein paar Schwingungen auf und nieder, was wohl gar eine Drohung bedeuten mag.

Ein Geizhals, meint Ihr? — Recht gut, so hat es einen Zweck, daß ich euch die Geschichte des Mannes erzähle.


Malchus Zacharias Rosenkranz lebte schon seit einigen fünfzig Jahren in dem Dachstübchen des Pfarrhofes, und ihm sind auch die Tage bekannt, die er noch hier verleben wird. Er weiß den Tag seines Todes. Wie sie ihn über die hinfällige Leiter hinabbringen werden, das ist ihre Sache — gewiß nur ist, daß sie nach Verlauf der bestimmten Zeit den alten Malchus hinaustragen werden auf den Kirchhof. Der Alte verzehrt trotzdem heute sein Erbsengericht so ruhig als vor dreißig Jahren. Er betet und hofft nur, daß bishin kein Unglück mehr komme.

Eine Tagereise von unserem Dorfe, in einer schönen Gebirgsgegend, liegt der rote See. Dieser ist an vielen Stellen grundlos tief, birgt sogar Forellen in sich und hat seinen Namen von den roten Felswänden, die an seinen Ufern aufragen und sich in dem klaren Wasser spiegeln.

Am Ufer dieses Sees stand vor vielen Jahren eine Fischerhütte. Sie war aus rohen Waldstämmen gezimmert und mit Lehm und Moos gegen Wind und Wetter wohlverwahrt. In der Hütte wohnten ein Mann und ein Weib und ein Kind. Der Mann war kühn und trieb sich die meiste Zeit auf dem See herum, bis er zu Abend mit beladenem Kahne gegen die Hütte ruderte. Das Weib war arbeitsam und pflegte den Gemüsegarten und die Ziegen, und in der Winterszeit höhlte es Holzschuhe aus zum Verkaufen. Das Kind war ein freudvoller Knabe, in welchem Jugendlust sprudelte und ein reiches, kraftvolles Leben zu schlummern schien.

Das Fischerpaar liebte sein Kind unsäglich, aber es lag eine Betrübnis in seiner Doppelseele, so oft es den heiteren Knaben ansah. An jenem Tage nämlich, als dem Fischer das Kind geboren wurde, fing er in seinem Netze eine große Seespinne, wie er noch nie eine gesehen hatte, weil sie im roten See nicht vorzukommen pflegten. Er schleuderte das Tier wohl wieder zurück in die Wellen, aber nach seinem Sinn sollte der Fang für die Zukunft seines Neugebornen von böser Bedeutung sein. Er teilte dies auch seinem Weibe mit, welches zwar den Wahn des Gatten überlaut zu widerlegen suchte, im Innern aber bangte, des unglücklichen Lebens gedenkend, das vielleicht ihrem Kinde bevorstehe.

Trotzdem wuchs der Knabe auf zum schönen Jüngling, der da lachte, als ihm die Eltern die Geschichte von der Seespinne mitteilten.

Der Jüngling kam selten zu fremden Menschen; er sah dann und wann nur einen Holzhauer, einen Jägersmann, und wenn er auch bisweilen hinauskam in die Gegend, wo das Dorf und die Kirche standen und wo die Leute auf dem Felde oder auf der Wiese arbeiteten, so fühlte er sich dort nicht behaglich. Die ganze Liebe seines Herzens wendete er den Eltern zu.

Zur Liebe kam auch der Segen. Jener Wahn des alternden Paares begann in diesem ruhigen und heiteren Fortleben zu schwinden.

In einem Winkel oben unter dem Dache wohlverwahrt stand ein Kästlein aus hartem Buchenholz voll blanker Silbermünzen. Durch die vielen Jahre der Arbeit und des Fleißes hatte sich die kleine Familie ein Vermögen erworben, welches in dem alten Fischer keinen geringeren Plan wachrief, als den, die baufällige Hütte niederzureißen und sich am Ufer des Sees ein größeres Wohnhaus zu bauen. In seiner Seele mochte vielleicht das Bild einer lieben Tochter zu dämmern beginnen, die der Junge früher oder später bei den vielen Menschen draußen finden und nach Hause bringen werde.

So zog der Jüngling eines schönen Julimorgens aus, um einen Baumeister und Arbeiter zu dingen. Wenn er an großen, stolzen Bauernhöfen vorüberkam, so studierte er die Bauart und den Geschmack, und er freute sich auf das Leben im neuen Hause, das sich in der Einsamkeit zwischen dem See und den roten Wänden doppelt schön ausnehmen werde, und er freute sich auf das Lieben und Pflegen der alten Eltern.

Als er hierauf nach gewissenhaft vollführter Sendung in das Felsengebirge zum roten See zurückkehrte, da war alles aus. Wo die Hütte gestanden hatte, knisterte ein Gluthaufen und von demselben rieselte über die breiten Steine ein schmales Silberbächlein gegen den See, gleichsam als fordere dieser die unzähligen Silbermünzen, die er durch seine Fische erwerben half, geschmolzen wieder zurück. Und in dem Aschenhaufen lagen die verkohlten Leichname. — — Schöner Fischerjunge! Dort am Ufer steht noch der Kahn, dein Erbe. Geh' hinab, mache ihn los, springe hinein und fahre hinaus bis in die Mitte des Sees. Dort stürze dich kopfüber hinab — zur Seespinne. —

Er sprang nicht in die Glut, er sprang nicht in den See; er brach nicht zusammen; es trat ihm keine Träne ins Auge. Einen kurzen, gellenden Schrei stieß er aus — — dann drückte er sein linkes Auge zu und blinzelte mit dem rechten.

Später wühlte er in den Kohlen und Bränden. Die Leichen seines Vaters und seiner Mutter ließ er liegen, wie sie lagen, bis nach vielen Stunden Leute kamen, die das Unglück sahen, das Fischerpaar begruben und den Jüngling mit hinaus nahmen ins Dorf.

Aber seine Jugend war zu Ende. — Das plötzliche unfaßbare Unglück, das mit einem einzigen Schlage alles geraubt hatte, was er besaß, was er liebte und an dem er hing mit seinem ganzen Wesen, hatte sein Gehirn erschüttert, sein Lebensmark geschmolzen — ein blödsinniger Greis von siebzehn Jahren — drückte stets das linke Auge zu und kaute an einem Strohhalm.

Die Brandstätte seiner Heimatshütte lag öde da; Fischlein im See reckten oft ihre Köpfe empor, ob denn der Alte nicht wieder einmal käme mit seinem hinterlistigen Garnsack, und da er nicht kam, so veranstalteten sie lustige Spiele und feierten das Fest durch Tänze und Wettrennen nach Mücken und Würmchen. Doch endlich kam wieder ein starker Mann, der mit riesigen Garnbeuteln den roten See neuerdings unsicher machte.

Für das geschmolzene Silber, welches von der Hütte über die breiten Steine gegen den See geflossen und unterwegs gestockt war, bekam der arme Malchus dreizehn Taler.

Bisher hatte er eine Wollmütze am Kopfe getragen, die nahm er nun ab und wickelte das Geld hinein und sagte zu sich: »Das ist gerade genug, daß sie die Glocken läuten und daß der Pfarrer mitlauft, wenn mich die sechs Träger hinaustragen. Sechs? Ei, ich dächte, für den Malchus tätens auch bloß zwei.«

Ein alter Pechbrenner, in dessen Hütte Malchus seit dem Unglücke wohnte, ließ sich die dreizehn Taler zeigen, legte dann den Finger auf den Mund und flüsterte: »Malchus, das ist ein Kapital, geh' damit ein Geschäft an! Schau, ich habe vor fünfunddreißig Jahren, als ich in den Wald ging, nur zwei Sechser gehabt, kaum, daß ich mir davon den Pechhafen hab' kaufen können, und heute schau dir einmal meine Pecherei an! Probier's auch du. Kannst es so weit bringen wie ich!«

Auf diese Worte legte der junge Mann einen Grashalm auf die Zunge; indem er an demselben zu kauen begann, sagte er langsam: »Meinst? Wart, Domini, wart, mit fünfunddreißig Jahren hab' ich's weiter gebracht als du. Bin ja ein Glückspilz, ich!«

»Wie du ein Kerl bist, sollst du ja die Welt auf die Achseln nehmen wie einen alten Heukorb! Fikra sikra Haferstern! Wenn ich der Malchus wär', ein Schloß von Elfenbein müßt' ich haben und das schönst' Weible drin und ein goldenes Bettstattl mit Roßhaar! — tät's nicht billiger!«

Malchus lächelte, aber sagte nichts drauf; er wickelte seine dreizehn Taler wieder langsam in die Wollmütze.

»Und was willst du nachher mit deinen dreizehn Aposteln da? Geh, ist ja der Judas noch dabei! Du, Malchus, den mußt weg, er verrät dir sonst die andern all. Oder der dreizehnte stirbt und steckt dir die anderen an. Mußt ihn weg, Malchus!«

»Mag wohl wahr sein,« meinte der Bursche, faltete seine Mütze wieder auseinander und hielt dem Pecher eine Münze hin.

»Junge, da tust du gescheit,« sagte der andere schnell und steckte den Taler in die Tasche, »bei mir hat er's gut, wenn du ihn brauchst, so komm und hol ihn.«

Ein andersmal, als Malchus tagelang zwecklos im Walde herumgelaufen war, sagte der Pechbrenner zu ihm: »Ja, was willst denn, Malchus, du bist ein ganzer Narr!«

»Das hab' ich mir auch schon gedacht,« entgegnete der Bursche. Dann warf er sich schluchzend an die Brust des alten Mannes und sagte: »Domini, lieber Domini, ich weiß mir keinen Rat. Du, ich sag' dir's, wenn sie mich nicht gleich auf die Bahr' legen, so kommt noch früher ein großes Glück über mich!«

»Ein großes Glück, meinst? Tät' dir schon recht geschehen und ich wollt' dir's wünschen.«

»Weh!« rief Malchus aus und wollte dem Pechbrenner den Mund verhalten. Und nachher sagte er: »Ja, ja, Glück wär schon recht! Aber da kommt dir auf einmal eine Stunde, und das Glück, fleißig aufgebaut in vielen Jahren, wird in einer Nacht zum Unglück. Domini, ich sag' dir's, wenn unten beim roten See jetzt eine Fischerhütte stünde, und es lebte ein guter Mann drin, der mein Vater, und eine gute Frau, die meine Mutter wäre — ich ginge nicht hinab zu dieser Hütte; nein, alter Domini, und wenn ich nur mit den Tieren des Waldes leben müßte, ich ginge nicht hinab — 's möcht vielleicht schön sein unten — schau mich an, Domini — schön sein unten; es möchten Tage sein wie die himmlischen Freuden — da kommt das Unglück und alles ist hin. Nein, nein, ich ertrags nicht mehr, das Glück, das falsche, und du wirst wohl recht haben, Domini, ich bin ein ganzer Narr.«

Dem alten, lustigen Domini war diesmal zur Entgegnung kein Scherz eingefallen. Er schwieg und dachte daran, wie das plötzliche Unheil auf den Burschen einen solchen Eindruck gemacht hatte, daß er das Glück nur als Ursache des Unglückes betrachtete und es fürchtete, wie das Unglück selbst.

»'s wird alles wegen der Seespinne geschehen sein,« sagte Malchus, »und ich weiß nun schon, ich darf nichts anfangen in der Welt, 's tät' mit allem schlecht ausgehen. Ich will keine Freude mehr haben, die Trauer nachher ist zu bitterlich; mag auch kein Geld und Gut, tät's doch wieder verlieren. Mag gar nichts, bin einmal zum Unglück geboren. — Ich will das Elend schon ertragen, Domini, den Hunger fürcht ich nicht, die Kälte nicht. — Ich ertrag' die Not, nur jäh darf sie nicht kommen. Domini, ich kann stricken; ich find' schon wo ein Platzel für die paar Jahre, und da stricke ich und erwerbe mir für jeden Tag eine Brotsuppe, oder, wenn das Geschäft gut geht, von Erbsen was. Die Lederhose da, schau einmal, Domini, sie ist von Hirschleder, die hält mir's reichlich aus, und dann soll das Unglück nur kommen, wo wills denn aufsitzen? — Bleibt mir mein Geld nicht, ist recht, nur fort, liegt mir wenig daran; und bleibt es mir, so ist's gut. Die dreizehn Taler sind für mein Begräbnis.«

»Hast nur zwölf mehr,« warf der Pechbrenner ein.

»Zwölf?« sagte Malchus befremdet, »wo hätt' ich hernach den dreizehnten?«

»Hast ihn ja mir gegeben, von wegen dem, weil er der Judas war,« lachte der Alte, »aber, wenn du ihn wieder haben willst ...«

»Nein, behalt' ihn nur,« sagte Malchus, »du hast mir jetzt lange Zeit hier in deinem Hause Dach und zu essen gegeben. Ich dank' dir's tausendmal, Domini, aber jetzt werde ich dich verlassen, ich gehe ins Stricken aus; bet' dann und wann ein Vaterunser für mich; schau der Malchus ist eigentlich doch ein armer Teufel.«

Das waren die Abschiedsworte. Seine Wollmütze im Sack, einen Stock in der Hand und einen langen Halm zwischen den Zähnen — so wandelte Malchus langsam durch den Wald und hinab zum See, wo am Ufer eine kleine rötliche Mauer stand. Der Herd ist noch geblieben, als ob das Schicksal höhnen möchte: Ei, sieh' da, Malchus Zacharias Rosenkranz hat doch auch einen eigenen Herd! —

Der blödsinnige Bursche wühlte — weil er just vorüberging — ein wenig in dem Aschenboden, ob etwa nicht irgendwo noch ein Eisennagel läge. Einen rostigen Pfeifendeckel aus Stahl fand er — — den hatte der alte Fischer einst auf- und zugedrückt, als er behaglich schmauchend am Tischchen gesessen war und zu seinem Weib und zu seinem Sohne gesagt hatte: »Nu, was meint ihr, werden uns halt ein Häuslein bauen müssen, das ein wenig größer und bequemer ist. Junge, zuletzt wirst du auch noch zwei Stuben haben wollen!«


Als sich der Bursche in einem entfernteren Tale nach Strickarbeiten umsah, lachten ihn die Leute aus. — So jung und ein Altweibergeschäft!

Aber weil's gar zu sonderbar war, so gaben sie ihm doch eine Arbeit.

Malchus half auch auf dem Felde, aber da war er sehr unbeholfen. Einmal zur Erntezeit sagte man ihm: »Nur fleißig Korn tragen, Malchus.« Und setzten das Sprichwort dazu: »Die Kornträger werden reich.« Auf diese Worte wollte der Bursche keine Garbe mehr anrühren.

»Warum gehst du denn immer barhaupt?« fragte ihn einmal eine junge Magd, und wickelte sich seine wirren Locken um den Finger.

»Das weiß ich nicht,« antwortete Malchus und blickte seitwärts.

Wenn er mit andern zu Tische war, so aß er immer nur Brotsuppe und Gemüse, und wenn sie ihn zum Fleischgericht oder zu fetten Mehlspeisen einluden, sagte er: »Vergelt's euch Gott, nach so was ist's so viel schwer, sich was Einfacheres anzugewöhnen.«

Einmal sagte der Bauer, bei dem er arbeitete: »Malchus, ich schenk' dir eine Pfeife, daß du nicht immer an einem Strohhalm zu saugen brauchst.«

Darauf der Bursche: »Wenn du auch den Tabak dazu gibst?«

»Wie hast dir denn dein linkes Aug' abgebrochen, Malchus?« fragte ihn die schalkhafte Bäuerin eines Mittags, als sie dem Burschen eine Erbsensuppe vorsetzte.

Dieser aß die Erbsensuppe, antwortete jedoch nicht auf die Frage. —

Endlich sah man ein, daß der Malchus ein Hascher sei, und man behelligte ihn nicht mehr mit Witzen und Zumutungen, denen er nicht entsprechen konnte; man gab ihm Wolle und ließ ihn bei seinen Stricknadeln, und Malchus strickte und schien zufrieden.

Er war ruhig, gutmütig und anhänglich, man ließ dem armen, heimatlosen Burschen auf dem Dachboden des alten Pfarrhofes ein Stübchen.

Malchus, der seit dem Unglücke bisher im Tale in verschiedenen Bauernhöfen gelebt und gearbeitet hatte, war anfangs kaum zu bewegen, seine neue Wohnung zu beziehen. »Auf einmal wird mein Haus niederbrennen.«

Gegen die Stiege, die man ihm zu seiner Dachkammer bauen wollte, verwahrte er sich auch. »Gebt mir nur eine Leiter, die man allzeit wegziehen kann; dem Unglück darf man nicht auch noch die Wege machen.«

So begann nun Malchus in seinem neuen Hause zu leben. Bei trübem Wetter saß er auf der Matratze und strickte oder sah sich dann und wann auch seine zwölf Taler an, die er im alten Holzschranke verwahrt hielt. Die sind halt für's Läuten und für's Hinaustragen und für den Segen in die Grube. Ja, wo war denn der dreizehnte? Den hatte er zuletzt gar dem alten Domini geschenkt? Ei, ei!

An heiteren Tagen aber kletterte er über die Leiter herab, ging durch das Dorf, über Feldwege und redete einige Worte mit den Leuten, die ihm begegneten, und strickte.

Mit seinem lockigen Barhaupte und dem zwinkernden Auge und den unvermeidlichen Halm zwischen den Lippen sah er aus wie ein stillheiteres Gemüt.

Die Arbeit holte er sich von seinen Kunden selbst, wer hätte es auch wagen mögen, über die gebrechliche Leiter in sein Stübchen zu steigen!

So saß er denn allein und strickte oder sah am kleinen Ofen nach, was die Erbsen machten; zu Zeiten, wenn eine lebhafte Flamme war, wurden sie gar lebendig und stiegen heraus, und Malchus mußte sie mit kaltem Wasser wieder zurück hineinjagen, die Flüchtlinge, die er doch verzehren wollte. —

An einem Sonntag Vormittag. Die Leute waren alle in der Kirche, auch Malchus saß in einem Winkel hinter dem Taufstein und betete seinen Rosenkranz ab und murmelte zu der braunen Korallenkette: »Du bist ein Rosenkranz und ich bin auch einer; du hast ein Kreuz und einen »Glauben« und zweiundsiebzig Perlen; ich hab' auch ein Kreuz und einen Glauben, aber ob ich mein Lebtag zweiundsiebzig Tugenden zusammenbring', d'rauf wollt' ich nicht wetten. Bin doch oft recht untugendsam, wenn ich gar so übermäßig über mein Unglück trauere und das Leben und meine Jugend verachte, als ob just auf mich alles Elend kommen wollte. Zuletzt werde ich so glücklich sein wie alle anderen, und mein Klagen und Zittern ist ein Frevel. Deswegen, du tugendsamer Rosenkranz, tu' nur ein wenig beten für den untugendsamen!«

Da kam plötzlich der Kirchendiener aus der Sakristei und sagte dem Pfarrer am Altare etwas ins Ohr. Der Pfarrer kehrte sich gegen die Gemeinde und rief laut: »Feuer ist im Dorf, geht löschen!« Am Turm schlugen schon die Glocken an.

»Aha, ist schon da!« murmelte Malchus und erhob sich von seinem Stein.

»Wo brennt's denn?« fragten sich die Leute und stürmten in das Freie.

»Wo wird's brennen, ihr Kindischen,« sagte Malchus ruhig, »im Pfarrhof brennt's; oben in meiner Stube brennt's; 's wird wieder meinen Vater und meine Mutter haben wollen oder mich, und jetzt bin ich gar nicht zu Hause.«

Er steckte seinen Rosenkranz in die Tasche und ging hinaus.

Am unteren Ende des Dorfes qualmte dichter, rötlich-brauner Rauch auf. »Das ist der große Heustadl!« hieß es, und die Leute eilten mit Eimern und Kübeln und Leitern und Haken gegen den Brand, und weil keine Feuerspritze im Orte war, so trugen sie aus dem Ziehbrunnen, der auf dem Platze stand und aus dem Bächlein, das weiter unten hinfloß, Wasser auf die Dächer. Der Stadl war nicht mehr zu retten, da pfiffen die Flammen schon aus allen Fugen und Löchern; jetzt brachen sie gewaltig aus; glühendes Stroh, brennende Schindeln flogen hoch. Auf den Nachbargebäuden kletterten Männer herum, warfen die Dachbretter herab, begossen die Firste und Dachstühle, vermauerten die Fenster. Sie riefen sich zu, aber im Knattern der Bretter und im Brüllen des Feuers hörten sie sich kaum. Die Weiber jammerten in den Gassen und schleppten Hausgeräte aus ihren Wohnungen; alte Kästen und Bettstätten zerrten sie hervor und vergaßen den Sparpfennig. Auf dem Turme schrillten stoßweise, in ungleichen Zwischenräumen die Glocken, daß von den Nachbargemeinden Hilfe kommen möge.

Über all das lag der klare Sommertag und Sonnenschein, wenn auch die Schatten des Rauches über Dorf und Kirche hinflogen.

Malchus half nicht im Löschen, nur daß er in der Nähe des Feuers beim Ausbringen von Hab und Gut tätig war.

Zuletzt ging er gar davon, setzte sich auf einer Anhöhe nieder und sah dem Feuer zu. »Wie ihr auch löschen und wahren mögt,« sagte er, »das ganze Dorf brennt nieder. Das Feuer ist dort unten und mein Pfarrhof ist da oben am andern Ende. Du rothaariges Unglück, du hast es doch nur auf mich abgesehen, und jetzt hüpfest du über alle Hausdächer bis zu meiner Wohnung. Und ich bring' so viel Unheil über alles; es wär' doch das beste, ich tät der ganzen Welt aus dem Weg gehen — ganz, ganz aus dem Weg — die Seespinne wird keine Ruh' geben.«

In einer Stunde später war der Heustadl eingestürzt und die Flammen leckten nur mehr an den Wandbäumen, die am Boden lagen. Die nächst angrenzenden Gebäude standen unversehrt da, nur daß bei einigen das rötlichgraue Dachstuhlgerippe nackt aufragte, weil es die Leute abgedeckt hatten.

Die Kirchenglocken waren zur Ruhe gekommen, das Schreien war verstummt, die Weiber trugen ihre Geräte wieder in die Häuser und sie lachten, wenn sie gleich noch vor Aufregung zitterten.

Malchus stieg vom Hügel, schüttelte wiederholt den Kopf: »Jetzt hat die rothaarige Bestie sicher gemeint, ich wohne im Heustadl!«

Als er über seine Leiter steigen wollte, lag diese in Trümmern auf dem Boden, und neben ihr, ächzend und sich in Schmerzen windend, lag der Schuhflicker Fritz.

Malchus kannte ihn gleich, der Mann flickte ihm ja seine Kuhlederschuhe. Er rief also: »Ja, Schuster, was ist denn dir geschehen?«

Dieser wimmerte: »Wie das Feuer auskommen ist, hab' ich dem Malchus wollen sein Hab und Gut retten und bin über die Leiter gestürzt — Fuß und Hand hab' ich mir gebrochen.«

Während er dies sagte, wälzte er sich um und suchte einen grauen Wollbeutel zu verdecken, der neben ihm lag. Aber Malchus hatte diesen bemerkt und sagte: »Fritz, es schaut so aus, als ob du mir mein Geld gestohlen hättest!«

»Malchus, nur retten hab' ich dir's wollen — oh weh!«

»Das kann sein, und es kann auch nicht sein — gib nur her, Fritz.«

»Zu tausendmal gern; aber sag niemandem was davon. Malchus, schau, bin ein armer Mann und hab' Weib und Kind. Hab' sonst noch keinem was gestohlen, mein Lebtag nicht. Sag nichts davon, Malchus; muß ja eh bald sterben!«

So jammerte der Schuhflicker, und Malchus beruhigte ihn: »Ist dir vergessen; und zuletzt hätt' doch nur ich da herabstürzen sollen; das Unglück ist heut' schon das zweitemal zum Unrechten gekommen. Magst dich auf meine Achsel helfen, Fritz, ich trag' dich heim in dein Häusel.«

Und er trug den Fritz heim in sein Häusel. »Frau Schusterin,« sagte er, »tut Euch nicht erschrecken; beim Löschen ist er auf den Erdboden gefallen«.

Dann ging Malchus wieder seiner Wohnung zu, band die Leiter zusammen und stieg zu seiner Stube hinauf. Die Türe war offen, der Schrank ebenfalls. Malchus barg seine zwölf Taler wieder an ihrer Stelle.

Leute, die den jungen Mann während des Brandes auf dem Hügel hatten sitzen sehen, sagten lieblose Worte. Andere, die ihn mit dem Schuster Fritz begegneten, erzählten Gutes von dem blödsinnigen Stricker.


Es war im Spätherbste desselben Jahres, als eines Abends durch das Dorf der lustig polternde, pudelnärrische Brechelzug ging. Die Leute kehrten eben von der »Haarstube« zurück, wo sie gemeinsam ihren Flachs gebrechelt hatten; gingen jetzt zu einem reichlichen Mahle, welchem Tanz und anderes Freudige folgen sollte. Die Pfeifen und Geigen waren schon da und die Bläser und Streicher auch dazu, und die Füße des jungen Völkleins waren bereits voll Räder und Federn, besonders die der Dirndeln.

»Wia liab daß so a Diandl,
Wan's bleedan tuat, is!«

Dem Zug voran gingen zwei Burschen, die mit Besen die Gasse auskehrten, und hinter her zog eine Magd und streute Agen auf den Weg, damit der Lust und der Freude, die hier im Triumph einherzog, die Kümmernis nicht folgen konnte.

Als sie über den Platz am tiefen Dorfbrunnen vorüberkamen, standen einige plötzlich still und legten die Finger an den Mund; »ein Gespenst!« Andere blieben ebenfalls stehen und horchten. — »Du Kreuzsappermost, was ist denn das da unten?«

Aus der Tiefe des Brunnens hörte man Laute — wie ein Wimmern und Weinen, dann wieder wie ein Lachen. Das war ja wieder dieselbe Stimme, wie man sie vor dreißig Jahren gehört hatte, als darauf eine Überschwemmung kam; und das war auch dieselbe Stimme, die vor achtzehn Jahren im Brunnen rief, als dann die große »Sterb« in der Gemeinde ausgebrochen.

Die Pfeifen waren in schrillen Tönen ausgelaufen und schwiegen; die Leute flohen.

Nur Malchus floh nicht. Er stand am niederen Brunnengeländer, starrte in die Tiefe und rief hinab: »Na heut' geraten wir zusamm', verdammte Seespinne du!« Dann verlangte er einen Strick, sie sollten ihn hinablassen.

Die Leute wußten nicht was, aber sie brachten einen Strick und ließen Malchus in den Brunnen.

Der Arme — noch einen Blick gegen die Abendröte, gegen die Waldberge, gegen die weiße Dorfkirche, gegen die Menschen — dann hatte er den Eimerbaum seitwärts gestoßen und es ging hinab — von dem Lichte zur Dämmerung, zur Dunkelheit, zur Finsternis, den schauerlichen Tönen näher.

Der Strick war lang und ging tief und tiefer hinab.

Endlich schien die Last auf dem Wasser zu sein, der Strick war locker.

Man horchte, man hörte kaum mehr die Laute von früher. Das halbe Dorf hatte sich um den Brunnen versammelt.

Die Mauern und weißen Schindeldächer der Häuser waren gefärbt von der Abendröte; Fensterscheiben leuchteten, als ob alle inneren Räume in Flammen ständen — so herrlich scheidet der Tag, so unheimlich naht die Nacht, und dem Manne im Abgrund — wie wird's ihm ergehen?

Endlich tönte aus dem Brunnen ein hohles, langgezogenes: »Auf!«

Man spannte den Strick, man zog und zog; die Last war schwer, das Seil lag schon am Boden in unzähligen Ringen und Schlingungen wie eine endlose Schlange, und endlich —

Malchus kam herauf und in seinen Armen hatte er, bedeckt von Schlamm —

»Martha, meine Martha!« erscholl in dem Augenblicke eine Stimme, und ein Weib stürzte zum Brunnengeländer, auf das sich Malchus erschöpft mit seiner Beute gesetzt hatte. Nun erst sah er recht, was er trug: ein bleiches, schönes Mädchen, dessen feuchte Locken weit über seinen Arm hinabhingen.

Malchus riß die Augen auf, auch das linke, und diesmal war es, daß der Mann die Welt zweifach anschaute.

Das eine sank aber sogleich wieder zu, als das Weib, eine Näherin, mit ihrem Kinde laut weinend in das nächste Haus ging.

Aber Malchus ging nach in das Haus und blieb so lange bei dem Mädchen, bis es die Augen aufschlug — die blauen Augen, und bis es die Mutter küßte auf seinen zarten Mund und sagte: »Martha, du mein Leben, was hätte ich getan, wenn du dahin gewesen wärest!«

Martha war neun Jahre alt und der Häuslerin einziges Kind. Zum Krämer war sie heute gegangen, auf daß sie Zwirn hole; spielend mit der kleinen Geldnote dahin über den Dorfplatz. Das Lüftchen spielte in ihren losen Haaren, aber dasselbe Lüftchen entführte ihr die Geldnote und trug das Papier hin und hin über das Geländer des Dorfbrunnens. Und wie nur zu viele Menschen dem Gelde nachjagen und in den Abgrund stürzen, so erging es auch der kleinen Martha; am Geländer blieb das Blättchen nicht liegen, es schwebte, das Mädchen langte über — und so kam's.

Unten unmittelbar in dem Wasser stand ein Balken in die Quere, daran klammerte sie sich, da kam Malchus hinab.

Wie ihm das arme Weib dankte, wie ihn Martha anblickte, da war's doch, wie noch nie, wie noch gar nie in allen seinen Lebenstagen.

»Und jetzt geh' ich dem Brechlerhause zu, heut' möcht' ich tanzen.«


So vergingen wieder einige Jahre und das erwartete Unglück kam nicht.

Malchus war um ein gut Stück heiterer geworden, aber er lebte immer in seinem Dachstübchen und strickte oder tat andere Kleinigkeiten. Zur Weihnachtszeit erhielt er immer ein Paket Wäsche, er wußte nicht von wem; der Pfarrer sagte: »Ich weiß wohl, wer dir das schickt, darf es aber nicht sagen.«

Malchus fragte auch nicht mehr, sondern fühlte sich behaglich in den weichen Linnen und war zufrieden.

Zweimal des Jahres war ein Fest in seiner Stube, da schickte ihm Martha, die indeß zu einer lieben Jungfrau geworden war, einen Strauß schneeweißer Röslein, wie sie im kleinen Garten der Näherin am Hagebuttengesträuche wuchsen. Der eine Strauß kam immer zu seinem Namenstag, der andere an einem Tag im Herbst — der Empfänger wußte es kaum, warum.

Martha hätte ihm die Rosen selbst gebracht, aber Malchus sagte einmal zu ihr: »Martha, die Leiter zu meiner Stube ist gebrechlich.«

Du guter Bursche, dein Herz war gebrechlich. Du bist fünfundzwanzig Jahre alt.

Wohl dachte der Jüngling daran. Aber er will keine Nahrung sammeln für die Seespinne.

Und die gab doch keine Ruh', er sollte nicht glücklich werden.

Marthas Mutter, die Näherin, war dürftig. Da kam eines Tages Malchus mit seinem Wollbeutel, öffnete ihn und legte die zwölf Taler auf den Tisch, dann suchte er noch eine Weile im leeren Beutel herum und murmelte: »Weiß nicht, aber ich hab' doch dreizehn gehabt!«

»Was machst denn da, Malchus?« fragte die Näherin.

»Mutter,« sagte der Bursche und blinzelte stark, »ich hab' ein Anliegen. Schenkt mir so viel Liebe und nehmt die paar Groschen!«

Da sagte das Weib: »Eher ins Grab, Malchus, eh' ich einen Groschen von dir nehmen tät; wir sind dir viel tausend Gottesdank schuldig!«

Malchus mußte sein Geld wieder in seine Wohnung tragen. Sein Leben hatte er aber so eingerichtet, daß er nicht notwendig hatte, etwas von den zwölf Talern anzubrauchen, so wie er von seinem kleinen Erwerbe auch nichts dazu tat, sondern damit seine Bedürfnisse bestritt. Auf diese Art besaß er durch alle die Jahre zwölf Taler und nicht mehr und nicht weniger.

Ein erzählender Hausierer in der Schenke eines Bergdorfes ist den Leuten Zeitung, Romanliteratur, Anekdotenschatz, Theater und Erbauung. Aber die Gurgel muß so einem Mann feucht sein, sonst ist kein glattes Wort hervorzubringen. Der Wirt hat ein Fäßchen, da ist ein treffliches Gurgelöl darin, davon werden alle Gedanken los und ledig und kommen herauf in merkwürdigen Worten, und da schlüpft freilich auch manches Geheimnis mit.

Kommt so ein gesprächiger unterhaltsamer Hausierer ins Haus, so schmiert der Wirt gerne und unentgeltlich mit diesem Öle, denn er weiß, alle Gäste bleiben um zwei, drei Gläser länger sitzen als sonst, um den Geschichten und Neuigkeiten zu horchen.

Ein solcher Hausierer kam auch in unser Dorf.

Und heute wußte der Hausierer eine ganz besondere Neuigkeit, wie sie nicht alle zehn Jahre zu hören ist im Dorfe.

»Ja, Leutchen,« erzählte er in seiner stets ruhigen Weise, aber jedem Worte Gewicht gebend, »da draußen im Land soll jetzt ein reicher Graf gehenkt werden, der den König hat ermorden wollen. Wißt ihr's, daß Raben und große Herren sich einander die Augen nicht auskratzen? Nu, wenn ihr's wisset, nachher trinken wir einmal.«

Er hob den Humpen und neigte ihn so gegen seinen Mund hin, daß er wacker rinnen lassen konnte; die ihm zuhörten, taten es nach.

»Wär's ein kleiner Spitzbub gewesen,« fuhr der Erzähler fort, »man hätt' einen neunundneunzig Klafter hohen Galgen gebaut, daß sie den kleinen Spitzbuben hätten baumeln sehen im ganzen Land. Weil's aber ein großer Herr, nu, so ist's erlaubt worden, einen anderen für ihn zu hängen.«

»Was?« riefen die Gäste und ein paar sprangen von ihren Sitzen auf.

»Je nu,« sagte der Erzähler, »freilich einen andern, der sich eben dazu hergibt. Der sich einschreiben läßt. Wisset, wie ich hab' vernommen, soll die Sache so sein: der Graf ist begünstigt und darf zwanzig Lose ausgeben und muß jedes derselben aus seinem Reichtum mit zwanzigtausend Gulden ausstatten. Eines von den zwanzig Losen aber ist schwarz — schwarz wie der Teufel — und wer das zieht, der muß sich für ihn henken lassen. D'rin in der Stadt beim Kreisgericht sind die Lose zu haben. Eh' ich mir das meine hol', trink' ich den Wein aus.«

Und er trank.

»Du liebe Welt mit Sauerkraut!« sagten einige, »so Lose werden doch noch anzubringen sein. Die Unwahrscheinlichkeit, daß man den Fehlgriff tue, ist neunzehnmal da und die Wahrscheinlichkeit einmal; eine kleinere Ziffer kann sie kaum mehr haben. Dem einen wird bigott wohl auszuweichen sein, und das Glück ist gemacht, und sein Lebtag braucht einer nicht ein Tüpfel mehr zu arbeiten, kann liegen im Gras und die Zwanzigtausend vergurgeln. Ich nehm' gleich ein Los.«

»Ei ja, so denkt jeder von den Zwanzigen,« sprach ein alter Strohdecker, »den's aber erwischt, der ärgert sich und denkt: Donner, warum denn just mich? Jetzt muß ich mich henken lassen und weiß nicht warum. 's mag richtig sein; neunzehn Stück taugen der Gurgel von innen, aber das zwanzigste greift sie auswendig an.«

»Wenn einer seine zwanzigtausend Gulden wenigstens früher verjuxen könnt',« sagte ein Schneidergeselle.

»Drei Tag' hast Galgenfrist,« belehrte der Hausierer.

»Drei Tag'! schau, das ginge noch an; da tät' ich gleich einen lustigen Handwerkertanz geben und drei Mädel foppen.«

»Und ich tät' mir gleich den Freiherrntitel kaufen!« rief der Krämer.

»Du den Freiherrntitel?« lachte der Schmied, »ja, bist du nicht unser Erzdemokrat, der die Adeligen nicht leiden kann?«

»Just desweg',« sagte der Krämer, »so ließe ich den Baron statt des Bürgers henken.«

So redeten sie in Spaß und Übermut, und es gab über den Gegenstand viel zu lachen.

Und in den nächstfolgenden Tagen sagte so mancher, wenn ihm etwas nicht recht zusammenging: »Seh's schon, werd' wohl müssen auf das Kreisamt gehen um ein Los.«

»Ja, wenn ich gewiß wissen tät', ich erwischte das schwarze nicht, ich tät mir gleich eins holen,« sagte mancher, und ein anderer entgegnete darauf: »Narr, wenn ich das wissen tät', alle neunzehn müßt' ich haben.«

Es ging aber doch keiner.

Es sollte aber doch einer gehen. Malchus hatte sich die Geschichte dreimal erzählen lassen, dann hatte er noch einmal nachgefragt: »Und das schwarze Los hat die zwanzigtausend Gulden auch?«

Dann war er stundenlang auf seiner Matratze gesessen und hatte mit sehr großem Nachdruck seinen Strohhalm zerkaut.

»Werde ich gehenkt oder lassen sie mich laufen,« murmelte er endlich, »das Geld bekommt Martha. Zwar, es wird kein Zweifel sein, die Seespinne wird mich abtun, aber schon recht, dann ist sie mit mir fertig und ich bringe auf diese Weise mein Leben noch am anständigsten weg, weiß so nichts damit anzufangen. Ja, so wird's sein.«

Dann stand er auf, aß seine Erbsen, nahm einen Knotenstock, versperrte alles wohl und verließ den Pfarrhof und das Dorf.

Als er am Häuschen der Näherin vorüberkam, klopfte er an die Fensterscheibe und sang das Liedel:

»Zwei Roß und ein Wäglein,
Und auf dem Wäglein ein Mägdlein,
Und neben dem Mägdlein ein Bräutigam,
Und der hat ein gold'nes Kleidlein an!«

Dann schritt er fürbaß auf der Straße gegen das Kreisgericht.

Als Malchus in das Städtl kam, begegnete ihm der alte Domini, welcher eben eine Harztrage auf den Markt gebracht hatte.

»Hast du auch ein Los geholt?« war das erste Wort, welches Malchus dem Alten entgegenbrachte.

Der wußte von allem kein Wort und der Bursche mußte ihm erzählen.

Domini hörte auch ruhig zu, dann aber sagte er: »Malchus, ich will dir was sagen, du wirst kein Los bekommen. Schau, die Sache ist so: Leute, die keinen Kopf haben, die kann man nicht henken.«

Schier wollte dem Malchus bei diesen Worten auch das linke Auge aufgehen.

Aber Domini fuhr fort: »Hör' mich einmal, Junge, und wenn's auch wahr wäre, wer wollt' sich gleich aufknüpfen lassen! Das tät' ich nicht, und nicht um ein Gschloß! Aber sag' mir, hast denn gar nichts zu beißen, weil du auf solche Gedanken kommst?«

»Ich schon,« sagte der Bursche, »aber, es gibt noch andere Leut' auf der Welt. Domini, ich weiß mir völlig nicht zu helfen, dir sag' ich's. Daheim in unserem Dorf kenn' ich was, und das wird mich nach und nach umbringen. Ich möchte sie oft gern ansehen, aber ich kann nicht. Es ist noch wie ein Kind, aber ich tu' so schwer mit ihm reden, wie mit einem König. Dann, wenn ich so dasteh', mein' ich, es ist nicht anders und es trifft mich der Schlag. Ich fürcht' nur, es ist mir was antan worden, Domini!«

Der alte Pechbrenner sagte: »Ja, Malchus, du mußt heiraten?«

Nach einer Weile entgegnete Malchus: »Das Zeug ist mir auch schon eingefallen. Aber ich darf doch andere Leut' nicht mit mir ins Unglück bringen.«

Domini sah den Burschen mitleidig an. Er hatte über die armselige Denkweise des jungen Mannes unwirsch werden wollen, es war ihm schon ein herbes Wort auf der Zunge gelegen, aber er schluckte es wieder hinab — der Arme kann ja nicht dafür, und kein Mensch auf der Welt kann ihn mehr anders machen. Domini sagte zuletzt nur: »Malchus, mach' was du willst und magst, ich, der alte Domini, der es immer gut mit dir gemeint hat, sag' dir nur das, tu' nicht sinnen und grübeln, sondern immer nur arbeiten und arbeiten. Kannst du singen? Lerne Lieder und singe; Malchus, das ist das allerbeste Mittel gegen die Seespinne. Mußt das nicht vergessen, Malchus, tu' fleißig singen. Geh' jetzt heim.«

So gingen sie auseinander und Malchus zog sein blaues Sacktuch heraus und machte einen Knoten daran, daß er sich erinnere, was ihm der Pechbrenner gesagt hatte.

Und der Knoten blieb lange im Sacktuch.

Malchus wollte singen und er sang:

»Magst zählen die Sternlein am Himmel,
Die Halmlein im weiten Land.
Magst zählen die Tropfen der Wasser,
Magst zählen die Körnlein im Sand.

Doch nimmer magst du zählen,
Zu kurz ist die ewige Zeit,
Die Schmerzen in meinem Herzen,
Und meine Traurigkeit!«

So hatte es der Pechbrenner aber nicht gemeint.

Auf der Heide weidete eine junge Hirtin Ziegen.

Malchus war einigemal strickend hingegangen, um im Walde abgefallenes Brennholz zu sammeln, das er in den Korb tat, den er auf dem Rücken trug.

Immer, wenn er an der jungen Hirtin vorüberkam, sagte er: »Tust gaißhalten, Martha?«

Und darauf antwortete stets das Mädchen: »Ja, ich tu' gaißhalten, Malchus.«

Einmal sagte sie aber auch noch etwas anderes: »Gib deinen Hut her!«

»Geh, Martha,« sprach er, »was tätest denn mit meinem Hut, ist schon ganz zerrissen.«

Er gab ihr ihn aber und sie steckte ein Sträußchen Heideblumen darauf. Und es war doch nicht sein Namenstag, und es war auch nicht der Gedenktag im Herbst. Es war ein Sommertag.

Dem Burschen war's wieder so, wie er es dem alten Pechbrenner erzählt hatte. Er drückte schier beide Augen zu; nicht einmal den Strauß sah er recht an, schnell tat er den Hut auf die wirren Haare, und schnell eilte er dem Walde zu.

Am andern Tag ging Malchus mit einem kleinen Holzkübel taleinwärts dem Bach entlang. Oft unterwegs zog er seine Wolljacke aus, streifte die Hemdärmel zurück, legte sich am Ufer des Wassers hin und langte, wo es tief war, unter den Rasen. Wo ihm eine Forelle nur einmal in die Hand kam, entschlüpfen konnte sie ihm nicht mehr.

Heute hatte der Bursche einen besonderen Vorsatz. Am Abend, wenn er die Fische hintrage, wollte er Martha sagen, daß er sie lieb habe und er wolle nicht mehr stricken, er sei an die dreißig, er wolle zu den Holzschlägern gehen und im Walde arbeiten und Geld verdienen.

»Wart du verblitzter Fischdieb!« rief es plötzlich neben dem hingestreckten Burschen.

Malchus sprang auf. Ein großer Mann mit einer langen Stange über der Achsel stand da, es war der Fischer.

»Ei schau, der Malchus ist's. Na hörst, wie kommst denn du unter die Pharisäer?«

Der Bursche war wie vernichtet, jetzt erst fiel es ihm ein, daß hier das Fischen verboten sei.

Nun war er ein Dieb, und der Mann treibt ihn vor das Gericht. — Die Seespinne!

»Lass' es gut sein, Malchus, und geh' jetzt heim, die Forellen, die du da gefangen hast, die schenk' ich dir, lass' sie dir backen und schmecken.«

»Will sie nicht!« brummte Malchus, seinen Strohhalm zerkauend, und stürzte den Kübel samt Wasser und Forellen in den Bach.

Als er zu dem Pfarrhofe zurückkam, trat eben die alte Nähterin aus dem Hause, sie hatte es dem Seelsorger angezeigt, daß ihre Tochter heute aus der Gemeinde fortgezogen sei, um sich in der Fremde einen Erwerb zu suchen. Bei einem Verwandten, der in der Kreisstadt ein Haus habe, werde sie Dienst finden — es sei so das beste.

Malchus hörte es, stieg über seine Leiter und als er im Stübchen saß, murmelte er: »Ja, ja, es ist so das beste!«

Dann fuhr er sich mit dem Sacktuch über die Augen. Was doch das für ein Knoten war im Sacktuch?

Der Mann wußte es nicht mehr.

Singen sollst!

Aber der arme Malchus sagte zu sich: »Jetzt wär's schon bald Zeit, daß die Geschichte zu Ende ging' — jetzt hab' ich kein' Freud' und kein Leid mehr auf der Welt.«

Aber es kam der Herbst und der Winter und der Frühling und jeder hatte Freuden und Leiden, und es ging nicht zu Ende.

Da war's an einem Maimorgen. Malchus saß in der Kammer am offenen Fenster, strickte und sah hinaus auf die Bretterdächer des Wirtschaftsgebäudes, aus welchen die Sonne noch den Tau sog. Die Luft war frisch und rein und der Himmel blau. Über das Dach ragte der Wimpfel einer junggrünenden Esche empor und auf diesem saß heute schon seit früher Morgenstunde ein Kuckuck. Er schrie in einem fort seinen hellen Ruf.

Da warf Malchus sein Strickzeug weg, lehnte sich an die Fensterbrüstung und sagte: »Jetzt muß es gelten! Sag' mir, du Vogel, wie lange werde ich noch leben? Nenne mir die Jahre!«

Der Kuckuck schwieg.

»Kein Jahr mehr?« murmelte er dann, »nicht ein einzig Jahr mehr! Schau mich genau an, Vogel, ich bin noch jung!«

Und es war wirklich, als ob sich der Kuckuck gegen ihn wendete. Dann begann er zu schreien. Er schrie zweiundvierzigmal.

Dem Burschen ging schier das linke Auge auf. »Also zweiundvierzig Jahre! — Oder willst noch weiter schreien?«

Der Vogel flog ab. Aber eine Stimme hörte er irgendwo: »Nach zweiundvierzig Jahren am Urbanitag!« — Ei der Kuckuck?

Malchus wendete seinen Blick in die Stube zurück; sein Auge war geblendet, es war fast finster. Das Strickzeug ließ er eine Weile auf dem Boden liegen, nun war ja noch so viele, so viele Zeit zum Stricken.

Zweiundvierzig Jahre, Malchus! Hast du Pläne? Wie wirst du diese Zeit ausfüllen? —

Der Mann zog seinen Rosenkranz hervor, zählte zweiundvierzig Perlen ab, machte nach diesen einen Knoten in das Schnürchen. Die noch übrigen Kügelchen entfernte er, und nun bedeutete ihm der Rosenkranz die Zeit, die ihm noch beschieden war auf Erden.

Seine zwölf Taler suchte er von nun an zu verwahren, seine Zeit und Lebensweise noch regelmäßiger einzuteilen und sein Leben so ruhig und einfach als möglich einzurichten, damit das Unglück nirgends eine Nahrung habe.

So kamen und gingen nun Jahre und Jahre.

Malchus Zacharias Rosenkranz lebte einsam in dem Dachkämmerlein des alten Pfarrhofes. An seinem Fenster blühte nie mehr ein Strauß von weißen Rosen.

Nur die Mäuse, die kleinen, behenden, uralten, grauen Mäuse kamen von der nachbarlichen Rumpelkammer öfters zu ihm herüber auf Besuch und guckten ihn helläugig an und wisperten ihm auch oft was vor. Es freute ihn nicht, wußte er doch, daß der Besuch seinem Erbsentopfe galt.

Mit den Menschen verkehrte Malchus nur wenig; sie hatten nichts für ihn als Wolle, und sie verlangten nichts von ihm als Strümpfe. Er strickte aber auch Handschuhe, Hauben und Unterjacken.

Im Sommer ging er die stillsten Wege, die es im Tale gab, am liebsten aufwärts gegen die Heide, wo Martha einst die Ziegen gehütet.

Vom Walde trug er weniges Brennholz heim; zur Erwärmung im Winter brauchte er nicht zu heizen, denn dafür hatte er eine Erfindung gemacht. Er hörte einmal, daß schnelle Bewegung der Körper Wärme erzeuge; sofort bat er den Pfarrer, daß dieser ihm die alte Windmühle borge, die schon lange Zeit unbenützt in der Scheune stand, weil sie keinen Rieselboden mehr hatte. Diese Windmühle nun stellte der Mann zur Winterszeit in sein Stüblein, und wenn ihn frieren wollte, begann er an der Handhabe zu treiben, daß es sauste und klapperte, und bald war ihm ganz leidlich warm und er konnte wieder stricken.

Wohl schienen die Mäuse über ihren polternden Nachbar ungehalten zu sein, denn sie entzogen ihm nach dergleichen stets auf längere Zeit ihre Besuche.

Seit mehreren Jahren hatte sich Malchus auch einen anderen, neuen Hausrat anzuschaffen bemüßigt gefunden — ein Rasiermesser, mit dem er sich nach jedem Neumond regelmäßig seinen braunen Bart schnitt.

Die Kopfhaare begann er stehen zu lassen, und er wand dieselben nun, da der alte Filzhut schon längst den Weg alles Irdischen gegangen war, wie einen Turban um das Haupt.

Aus praktischen Gründen hatte Malchus auch die bereits grau gewordenen Lederschuhe gegen Holzschuhe vertauscht, eine Änderung, mit der die Nachbarschaft ebenfalls nicht einverstanden war. Zum Weihnachts- und Osterfeste war er immer beim Herrn Pfarrer zu Tische geladen, weil er im Laufe des Jahres dann und wann kleine Kirchendienste tat, aber Malchus fand sich bei der Tafel nicht behaglich. Der Braten, ei ja, der täte schon schmecken, das Glas Wein auch, aber wie leicht ist die böse Angewohnheit da! Zu Weihnachten bekam er immer das Paket Wäsche. In der Neujahrsnacht langte Malchus stets seinen Rosenkranz aus dem Schranke hervor, tat eine Koralle weg, warf sie aus dem Fenster und ließ sie hinabrollen über die Schneerinde des Daches, so wie das Jahr hinabgerollt war in die Ewigkeit.

Schon viele Kügelchen hatte der Rosenkranz auf diese Weise verloren, und Malchus war durch sein Sitzen auf der Matratze buckelig und mühselig geworden.

Auch sein Turban war nicht mehr dunkel, sondern lichtgrau.

Im Dorfe und im Tale waren Menschen geboren worden und aufgewachsen. Sie hatten Hochzeiten und Kindstaufen und Begräbnisse gehabt, hatten sich endlich selbst auf das Brett gelegt, und Malchus Zacharias Rosenkranz hatte für sie gestrickt. Auch die alte Nähterin hatten sie auf den Kirchhof getragen. Ein fremder Wagen mit zwei Pferden war zum Begräbnis gekommen — ein Mann und eine Frau saßen darin.

Malchus bekam an demselben Tag vom Pfarrer einen neuen Anzug aus grauem Loden und ein silbernes Kreuz, das er um den Hals hing.

Es waren große Ereignisse in der Gemeinde vorgegangen, noch größere draußen in der Welt. Für Malchus war es das größte gewesen, daß während der vielen Jahre zweimal am Dache des Pfarrhofes gedeckt werden mußte, wobei gräßlich gehämmert wurde, und daß auf dem gegenüberliegenden Dach des Wirtschaftsgebäudes einmal drei Kater rauften, und so wütend rauften, daß einer davon halb zu Tode gebissen über die Bretter kollerte.

Auch war im Laufe der Zeit, wie er meinte, jenem Stern, der in den Sommernächten gerade über dem Stallfirst stand, einmal ein so ungeheurer Schweif gewachsen, daß alle anderen Sterne der Nachbarschaft weit auseinander gehen mußten, um dem wüsten Ungeheuer eine Gasse zu machen.


So lebte der arme, alte Mann fort; er wußte schier nicht mehr, wie er in das Dachkämmerlein gekommen war. Er hatte vergessen den Schreckenstag in seiner Jugend, auch den alten Pechbrenner Domini, und wie dieser gesagt hatte, daß er singen solle. Aber der alte Mann hatte endlich ja auch die Seespinne vergessen, die als unheilvolles Erbe des elterlichen Aberglaubens durch die schönsten Jahre der Jugend hin sich an sein weiches Herz geklammert hatte.

Nur das war dem armen Malchus noch: es habe ihm einmal geträumt von einem lieben Mädchen, das auf der Heide die Ziegen gehütet und ihm Blumen gegeben hatte.

Wie einem doch so wunderlich träumen kann, nicht wahr, Malchus? — Aber sag einmal, wie viel hast denn noch Korallen an deinem Rosenkranz?

Der Alte mag selbst daran denken, der Grashalm wackelt ihm unsicher im Munde — er hat ja schier keinen Zahn mehr.

Draußen blüht und leuchtet der Maitag.

An der Kirchentür wird ein großer Kranz aus Tannenreisern geflochten, es werden auch Rosen hineingewoben, rote und weiße — es ist das Fest des Kirchenpatrones Urbanus nahe.

Unten im Hofe bei den Schweinen ist großer Schrecken, wie er immer war, wenn ein großer Tag herannahte, und der Pfarrer für den Festbraten sorgte.

Der alte Malchus befand sich ganz wohl. Aber er weiß, es naht der Tag ... Schon vor Wochen hatte er die Windmühle in die Rumpelkammer geschoben, wofür er von der Nachbarschaft eine sehr trauliche Gegen- und Dankvisite erhielt.

Malchus holperte noch einmal durch das Tal; er konnte im Gehen nicht mehr arbeiten, er mußte schon den Stock recht fest halten. Heute wollte er sich die Welt noch einmal ansehen, diese Erde noch einmal, den Himmel noch einmal. Ist gut beisammen, alles. Und die Luft trägt den Duft der Blumen herum, und sie trägt den Gesang der Vögel herum. Der Kuckuck schreit auch; das wird derselbe nicht sein, von der Esche. — Malchus, das ist ein wunderlicher Morgengang! Und alles ist so mild gegen dich und weiß nichts davon, daß du — schon in zwei Tagen.

Malchus bückte sich und riß einen jungen Halm ab, und begann an ihm zu saugen.

Zur Heide stieg er auch hinauf. Ein Bauer, der ihm begegnete, sagte: »Hab' dir's ein für allemal gesagt, Malchus, magst sie schon nehmen die herabgebrochenen Äste zum Heizen, brauchst nicht zu fragen.«

Am nächsten Tage kamen die Krämer mit ihren Tragekästen, schlugen auf dem Dorfplatz Stöcke in die Erde, banden Stangen daran und richteten ihre Stände auf. Kinder standen dabei und sahen zu.

In den Häusern wird gebacken und geschmort, ins Wirtshaus kommen schon vier Männer mit Pfeifen und Geigen; hinten geht eine ungeheure Baßgeige nach.

Der alte Malchus Rosenkranz humpelte gebeugt am Stabe durch das Dorf. Er kam jetzt von der Kirche, wo er eine Beichte abgelegt und die Kommunion empfangen hatte. Vor dem alten Brunnen, der schon lange verfallen war, und auf dem roter Holunder wuchs, blieb er einmal stehen und sah blinzelnd das frischgrüne Gebüsch an. Dann ging er weiter hinab bis ans Ende der Häuser, wo einmal ein alter Heustadl niedergebrannt war, und er ging weiter den Weg entlang bis zu einem Häuschen, in dem einst die alte Nähterin gelebt hatte. Dort kehrte er wieder um und ging durch die hintere Dorfgasse dem Pfarrhofe zu. Vor einer Schreinerwerkstatt blieb er stehen und sah durch das offene Tor den Gesellen zu.

Sie hobelten an Läden, die Späne schoben sich durch die Eisenscharte und flogen lustig davon. Dann nahmen sie den Zollstab und maßen, und schnitten in die Quer.

»Mit Verlaub zu fragen, was wird denn da gemacht?« fragte Malchus.

»Ja, mein lieber Malchus!« sagte der Obergeselle bedeutungsvoll.

»Ich verstehe,« murmelte Malchus, »werde auch bald so was brauchen.«

»Gratulier'!« sagte der Geselle.

Die Schreiner zimmerten eine Wiege.

Der alte Mann schritt langsam seiner Wohnung zu. Mühsam kletterte er über die alte, halbmorsche Leiter. Dann kochte er sich einen Topf Erbsen.

Am Abende desselben Tages saß er lange am Fenster und strickte. Er hatte für die alte Einleger-Ploni noch ein Paar Strümpfe fertigzubringen; 's ist schon gezahlt dafür, und 's wär' doch eine Schand, wenn er jetzt, ohne die Arbeit zu vollenden, durchginge.

Auf das gegenüberliegende Bretterdach fiel das bleiche Licht des aufgehenden Mondes. — Wenn er über das Haus herüberkommt und nach Mitternacht zum Fenster hereinlugt, vielleicht bist du dann schon fertig.

Auf dem Rosenkranz des Alten war keine Perle mehr, nur noch der Knoten — der letzte Knoten.

Auf dem Eschenwipfel, der über dem Dachfirst emporragte, meldete sich ein Vogel. War's wieder ein Kuckuck, wie vor einigen vierzig Jahren? Wollte er noch ein paar Jährchen draufgeben?

Der Vogel krächzte — es war eine Eule.

Der Alte hörte dem Gekrächze eine Weile ruhig zu, endlich begann er zu brummen: »Ja, ja, ja, ist das eine ewige Kräherei! Weiß es ohnehin — hab' gemeint, die Arbeit da brächt' ich noch fertig, aber 's wird nicht sein mögen!«

Und er strickte und strickte.

Gegen Mitternacht zog er die letzte Nadel aus der letzten Masche und der Strumpf war fertig. Der Alte machte ein Kreuz über Stirne, Mund und Brust und legte sich auf die Matratze. Seine Glieder waren müde, sein Sinnen war umflort — er schlief bald ein.

Der Mond war über das Haus gekommen, blickte durch das Fenster und auf dem Fußboden lag seine weiße Tafel.

Auf der weißen Tafel saß eine Maus und guckte mit hellen Äuglein den Mond an.

Am andern Morgen, als die ersten Sonnenstrahlen auf den Dachfirst fielen, läuteten alle Glocken. Malchus erwachte und schlug für einen Moment die beiden Augen auf. Es war das Fest des Kirchenpatrons Urbanus — jener Tag, der ihm vorausgesagt worden war. Ei, der Kuckuck, dachte sich der Alte, ich steh' jetzt auf und geh' in die Kirche; bist schon wieder beim Erbsensack, du vertrackte Maus? Nu, nu, nur nicht gleich so betreten, nag' zu, beiß' zu! Und wenn er kommt, so sag' ihm, er möge warten, ich sei bei der Messe.

Dem Alten war wunderlich um das Herz — nicht so, als ob er sterben sollte. Klar war sein Denken nicht, statt der stumpfen Ergebung war eine Berauschung eingetreten. Mit seltener Sorgfalt ordnete er seinen Anzug und wand seine Locken um das Haupt.

So kletterte er über die Leiter und ging in die Kirche.

Da standen die Leute auf dem Dorfplatz, Kopf an Kopf, mit grünen, schwarzen, grauen und anderen Hüten; Weiber und Kinder drunter, mit bunten Hauben und Kopftüchern; alles schmuck, sogar Blumensträuße hatten sie bei sich auf den Hüten, im Knopfloch oder am rotseidenen Busentuch. Und sie waren fröhlich und plauderten miteinander und sahen die Marktsachen an, die in den Buden und Ständen ausgestellt waren, und sie feilschten mit den Krämern — und das war ein Summen und Brummen über den Kirchplatz hin, und darüber lag die Morgensonne, und auf dem Turme klangen die Glocken und riefen zur Frühmesse. Da drängte sich das Volk der Kirchentüre zu — viele blieben auch im Freien stehen oder gingen ins Wirtshaus.

Trotzdem war die Kirche voll. Die Orgel war laut und hell — der Schulmeister hatte alle vier Register aufgezogen, sowie der Kirchendiener alle Kerzen, die in der Kirche waren, angezündet hatte. Der heilige Papst Urbanus, der in seinem goldenen Ornate über dem Altare stand und »der den Wein wachsen läßt«, hatte zwölf Kerzen und war in nicht geringer Feuersgefahr, was aber wenig zu sagen hatte, da der heilige Florian mit dem gefüllten Wasserbehälter daneben stand.

Endlich war der Festgottesdienst vorüber und alles drängte sich in das Freie. Unser alter Malchus suchte sich auch durch die Menge zu winden. Man warf ihm Kreuzer zu, die er aber nicht auflas und für die er nicht dankte.

Eine Bäuerin bat ihn, daß er ihrem Töchterlein ein Wollenjöpplein stricke, er sagte nicht zu. Er ging ein wenig durch das offene Tor in den kleinen Kirchhof. Da war alles grün und frisch. Es war aber keine rechte Stimmung. Malchus humpelte weiter.

Als er in sein Dachstübchen zurückkam, blieb er einen Augenblick an der Türe stehen. Es war ein fremder Mann da. Er war dem Fenster zugekehrt, stützte sich auf die Brüstung und sah in den blauen Himmel hinaus.

Er war sehr gebückt, hatte einen grauen Pelz an, und die wenigen Haare, die von seinem kahlen Kopfe über das Genick hinabhingen, waren weiß. Der Mann war uralt.

Aha, da ist er schon! dachte Malchus, ging dann auf den Fremden zu.

Der Alte kehrte sich langsam um. »Dennoch wohl, dennoch wohl!« sprach er nun, als er den Malchus erblickte. »Du, Junge, jetzt schau, ich bin keck gewesen, gelt? Nun, daß ich halt so heraufgekommen bin da in deine Stuben. Hab' wohl gewußt, daß du in der Mess' bist; hätt' auch können hineingehen, aber weißt, Junge, mag nicht recht, red' mit meinem Herrgott lieber, wenn ich mit ihm allein bin. Du schaust so! Kennen wirst mich doch wohl noch? — Bin ja der alte Domini, ich, gelt?«

Malchus glaubte, er träume. — Das wird doch nicht der Pechbrenner Domini sein, den er vorzeiten als alten Mann gekannt hatte!

»Siehst du, Malchus,« sagte der Domini, »dort auf dem Eschenwipfel sitzt ein kohlenschwarzer Rabe. Der ist ein Steinrabe, von dem gesagt wird, daß er zweihundert Jahre alt wird. Hab's noch nicht so weit gebracht, bin erst ein wenig über hundert, aber wir zwei werden es schon noch so weit bringen, Junge.«

»Ei, versteht sich,« entgegnete Malchus, »'s ist nur schade, daß vor einigen vierzig Jahren ein anderer Vogel auf dem Wipfel dort gesessen ist. Wenn du aber der Domini bist und aus deinem Grab kommst — sei nur so gut und mach' nicht viel Umstände, ich weiß es ja —«

»Red' nicht so kindisch; pack' lieber deine sieben Sachen zusammen; wirst heut' mit mir gehen müssen. Mit dem Pfarrer hab' ich schon gesprochen, wirst kaum mehr zurückkommen in dieses Dorf!«

Was hatte der alte Malchus Zacharias Rosenkranz zusammenzupacken? Seinen Wollenbeutel nahm er und seinen Stock, dann war er fertig. Er stieg voran über die Sprossen hinab; als Domini nachkletterte, brach die Leiter, der Greis erhielt sich noch glücklicherweise an einem Haken.

Zur selben Stunde schritten die zwei alten Männer aufeinander gestützt durch die Dorfgasse. Viele Leute blickten ihnen nach. Mehrere folgten sogar, und aus dem Wirtshause klang die Tanzmusik.

Wohl blieb Malchus noch einmal stehen und sah zurück, aber er dachte kaum an das, was kommen sollte, sein Geist war wieder in Stumpfheit versunken.

Am Ende des Dorfes, wo das Häuschen der Nähterin stand, war Roß und Wagen. Der Fuhrmann, der dabei war, half den beiden Greisen in den Wagen, und dann rollte das Gefährte davon.

Malchus fuhr sich mit dem Ärmling zweimal über die Augen, er öffnete auch das linke zuzeiten und sah in die Gegend hinaus und sah seinen wunderlichen Gefährten an. War's denn doch wohl der alte Domini? — Malchus fühlte sich nicht behaglich; er hatte vergessen, einen Halm aufzulesen, und jetzt wußte er nicht, woran er kauen sollte. Einmal öffnete er seinen Wollenbeutel, zählte die Taler und murmelte dann vor sich hin: »Wo hab' ich denn doch den andern gelassen? Es müssen dreizehn gewesen sein!«

Gegen Abend, als im Tale schon die Schatten lagen, ließ der alte Domini vor einem Wirtshaus halten; nach einem Imbiß ging das Fuhrwerk weiter. Der hatte sogar geschmeckt. Es kam die Nacht, sie fuhren über Auen und durch Wälder. Malchus saß in sich versunken da.

Als die Sonne aufging, stand Roß und Wagen still, und da war ein See und an beiden Seiten standen rote Felswände und spiegelten sich im dunklen Grunde. Am Ufer des Sees stand ein neues Haus und ein heiteres Gärtlein.

Domini führte den Malchus gegen das Haus und sagte »Wir zwei sind wohl ein wenig alt, aber da ist alles wieder jung geworden, seh' ich. Mich deucht, Malchus, du hast dem Pechbrenner Domini vor fünfzig Jahren einen Taler geschenkt, weil dieser Taler der Judas war, und mich deucht, der Pechbrenner Domini hätte mit demselben Taler zu hausen und wirtschaften angefangen, und er hätte dann dieses Haus bauen lassen, daß du eine Ruhestatt hättest für deine alten Tage. Jetzt, Malchus, schau ein wenig nach, ob's wohl so ist!«

Und als sie in das Haus gingen, da stand ein Weib vor der Tür, und das reichte dem Malchus die Hand, und der Malchus hat sie erkannt.

Und dann gingen sie in die Stube, in die freundliche Stube mit den großen Fenstern, durch welche die Fülle des Sonnenlichtes auf den gedeckten Tisch und auf das weiße Ruhebett strömte.

Das ist nun dein, Malchus, glücklicher Malchus, für den der Freund gesorgt, den die Liebste nicht vergessen. — Martha hatte einen Mann gehabt, hatte viele Jahre glücklich mit ihm gelebt. Als er starb, da war sie wieder allein, wie ehdem. Nur ihr Lebensretter war noch in der Welt, verlassen, vergessen. Nein, vergessen nicht, sie dachte ja an ihn und sie wollte dem alten pflegebedürftigen Mann ihre noch übrigen Lebenstage weihen.

Malchus ging hinab zum See, dann hörte er dem Kuckuck zu, der fort und fort schrie; dann ging er wieder ins Haus, kletterte auf den Dachboden, schlang sich den Turban seiner Haare wieder um das Haupt und setzte sich auf einen Holzstrunk. Dort saß er Stunden und Stunden und drückte das linke Auge zu und kaute an einem Halm. —

Und jetzt ist das Gesicht zu Ende. Ich weiß nicht, wie es weitergeht.