Der glücklichste Mann von Graz.
»Wollen Sie, lieber Freund, nicht einmal mit mir gehen? Ich möchte Sie gerne zum glücklichsten Manne von Graz führen.« Mit diesen Worten lud mich ein Nachbar in genannter Stadt zu einem Spaziergange ein.
»Zum glücklichsten Mann von Graz?« entgegnete ich, »erlauben Sie, der bin ich ja selber.«
Mein Nachbar stutzte, blickte mich an vom Haupt bis zum Fuße und schüttelte seinen Kopf. »Wirklich?« sagte er endlich, »um so besser, so werden Sie meinen Mann auch recht verstehen können.«
Nicht lange danach, so stieg ich eines Nachmittags die südliche Lehne des Rosenberges hinan. Und auf sanfter Lehne, mit dem Ausblick auf die Wälder der Hilm und auf die schimmernde Kirche von Mariatrost habe ich den Mann gefunden. Ihr erkennt das Heim des Glücklichen an dem einen Merkmal: es ist mit einem Dornenkranze umgeben. Über Rosenzäune hüpft so gerne der Weltunfrieden; über eine Dornenhecke vermag Habsucht, Ehrgeiz und Neid schwer zu dringen. Wer aber an der kleinen Pforte zwischen den Dornen die Klingelschnur zu finden weiß, dem wird aufgetan.
Unser Mann ist Grundbesitzer. Sein Erdboden mit Haus und Hof, mit Obst-, Gemüse- und Weingarten beträgt nicht weniger als 53 Geviertklaftern. Auf diesem Grunde hat sich der Mann drei Häuser gebaut. Eines dieser Gebäude, ein hölzernes Bauernhaus, stand vor nicht langer Zeit in der Stadt. Viele Jahre wohnte und wirkte der Eigentümer in ihm und war's zufrieden. Aber das Haus stand auf keinem guten Boden; ein Sumpf- oder Moorgrund war es nicht, ein Zinsgrund war's. Und gleichwohl kein Fleckchen Erde in ganz Graz von den Mietern so gewissenhaft und haushälterisch verwertet wurde, als diese paar Klafter in der Lechgasse, so wucherte doch daraus das Unkraut der Mietzinse derart hervor, daß es das Häuschen und den Wohlstand darin gefährdete. Deß war nun unser Mann einmal nicht zufrieden. Rollte er denn vier Räder unter das Gebäude, spannte zwei Pferde daran und führte sein Haus davon. Er führte es am Hilmteiche vorbei und die Mariatrosterstraße kreuzend, den schönen Rosenberg hinan. Dort oben hatte er sich von dem Ersparten Grund und Boden zu eigen erworben und auf den stellte er das hölzerne Haus, so aus Graz ausgewandert war, und baute auch noch ein größeres dazu für Weib und Kind und gründete daneben ein Hüttchen, das »Industriegebäude« für den Erwerb. Und nun war er zu einem Gutsbesitze gekommen, wie es im Lande keinen seltsameren gibt. Da lächelt denn der Gute still in sich hinein, und wenn er von seinen Feld- und Gartenarbeiten spricht, so tut er's mit Selbstbewußtsein und mit Schalkheit zugleich. Nun gehört er mit zu den Besitzenden, und seinen Besitz und seine Welt hat er sich selbst erworben und geschaffen. Das ist eine Freude!
Während das Weib Haus- und Landwirtschaft versorgt, sind der Mann und die Tochter in der Werkstatt tätig, und das Rauschen der Sägen und das Klopfen der Hämmerchen ist wohl weit und breit zu hören. Und was wird denn erzeugt? Je nun, vielleicht hängt in deiner Stube ein hübsch geschnitzter Vogelkäfig, vielleicht spielt dein Söhnchen gerne mit einem »Spatzenschießer«; vielleicht besitzt meine Leserin einen feinen, wohlriechenden Wacholderfächer — hervorgegangen aus der kunstreichen Hand meines glücklichen Mannes.
Ich will aber nicht Reklame machen für seine Vogelhäuser, sondern für sein Glück. Es ist bei ihm zu haben; seine heitere Gemütlichkeit, seine Zufriedenheit ist für den Besucher ansteckend, wenigstens so lange sich der im kleinen Bereiche des Dornenkranzes befindet. Fest steht der Steinbau, in dem des Schnitzers Familie wohnt; aber er, der alte Patriarch, lebt in seinem hölzernen Häuschen. Dieses ist das gelungenste Abbild eines steierischen Bauernhauses und hätte auf einer Weltausstellung den Preis erhalten. So freundlich und behäbig steht es da, das kleinwinzige Haus mit seinem Dachgiebel, seinem Söller, der zur Herbstzeit mit Kukuruzzapfen behangen ist, mit seinen glatten Fensterbalken und allem, was dran und drum dazu gehört. In der Stube, die etwa 5-7 Fuß lang und breit und hoch ist, steht der Wandkasten und der Gesindetisch und der Hausaltar und das Bett des Hausvaters und der Kachelofen. Aber das Bett ist zu kurz für eine Manneslänge und so muß für die Fußstelle der gute Kachelofen sein Inneres erschließen. Seit Menschengedenken ist in dem Hause noch nicht geheizt worden, weder zur Sommers-, noch zur Winterszeit; das ist ja auch eine Eigentümlichkeit des Mannes, daß er die Kälte nicht kennt. Wie viel Grad Wärme muß ein Herz haben, das in seinen Bretterwänden bei der ruhigen Schnitzarbeit im Jänner den Ofen erspart! Nichtsdestoweniger ragt ein Rauchfang über das Schindeldach; in diesem Rauchfang dreht sich eine Windmühle, die unten in der Stube ein Glockenspiel treibt. Tag und Nacht läßt solches Spiel, meist gemächlich langsam, zuweilen aber auch rasch und lebhaft, seine Musik erklingen. Und so hat sich's dieser Mann eingerichtet, daß, je stürmischer die Stunden, je lustiger sein Glockenspiel ertönt. In einer ganz windstillen, tonlosen Nacht kann der Mann gar nicht schlafen, und in einer Zeit, wo alles nach Wunsch ihm geht, kann er nicht recht ruhig sein; denn, sagt er, da kommt jählings was, das einen in die Haut zwickt. In der Stube hängt auch ein Vogelbauer; aber das Tor dieses Vogelbauers geht durch die Holzwand in das Freie, und da können die Vögelein aus- und einfliegen nach Belieben, und sie finden zu jeder Stunde Unterkunft und Nahrung in dem gastlichen Hause.
»Der Mensch muß nicht alles in seiner Faust haben wollen,« sagt unser Schnitzer; »was gerne daherfliegt, dem mach' ich Tür und Tor auf, und will es wieder davon, so laß ich's fliegen.«
Fragt ihn einmal, ob er zufrieden ist in seiner Lage, und seht dann sein Gesicht an. Er ist über die sechzig Jahre alt, und fragt ihr ihn, was ihm in seinem Leben schon Übles widerfahren ist, so antwortet er, er sei sein Lebtag nicht viel krank gewesen, und zu essen hab' er auch allweg gehabt. Und fragt ihr ihn, wie er mit der Welt stehe, so sagt er euch, an Geldeswert sei er niemand was schuldig und er kenne gute brave Leute die Menge. Und fragt ihr ihn endlich, was er von der Zukunft erwarte, so wird er entgegnen, er freue sich auf die Zeit, in der seine jungen Obstbäume Früchte trügen, und sollte er bis dahin nicht mehr sein, so würde wohl ein anderer die Nutznießung haben.
Mehr will ich nicht verraten. Und sollte doch jemand in der freundlichen Stadt Graz leben, der die Überschrift meines Kapitels zu anmaßend findet und selbst auf sie Anspruch machen zu können glaubt, der möge sich deß ja nicht laut melden, der möge es halten wie der Schnitzer vom Rosenberge und eine Dornenhecke ziehen um die stille Stätte seines Glückes.