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Sonderlinge

Chapter 38: Der Waldteufel.
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About This Book

A collection of short sketches that presents a gallery of eccentric individuals encountered in everyday life. Each piece focuses on a single peculiar character or habit, mixing gentle comedy, compassion, and occasional darkness to show how individuality shapes behavior and social awkwardness. The tone shifts between anecdote and quiet portrait, emphasizing small, telling details of manner, belief, and circumstance rather than a sustained plot. Taken together, the vignettes form a mosaic of human oddity and stubborn dignity, exploring folly, hidden wisdom, and modest virtues through concise, episodic narratives.

Der Waldteufel.

In der Stadt Graz geht zeitweilig ein wunderlicher Mann um. Ein Mann mit klobigem, braunem Gesichte und einem großen roten Vollbart. Sein Lodenwams hat manchen Flicken, bisweilen sogar klaffende Nahte. Eine stattliche Ledertasche an der Seite, oder ein Bündel von Wurzeln und Kräutern. Über dem Bauch baumelt ein großes Bockshorn, mitunter auch manch andere seltsame Zier, deren Vorhandensein den Leuten nicht einleuchten will. Wozu an der Hüfte das Skelett eines Schafskopfes? Schafsköpfe trägt man doch sonst nur über dem Schlüsselbein. Das Merkwürdigste an dem Manne ist ein Riesenhut mit hohem Spitz, in der Art der alten Tiroler »Sternstecher«, nur noch viel größer; die breiten Krempen beherbergen den ganzen breitschulterigen Kumpan auf das beste. Dieser Hut ist zumeist mit wilden Blumen geschmückt, besonders aber mit Hahnen- oder Geierfedern, die hoch und keck in den Himmel hineinstechen. Sehr langsam schleift er dahin, immer wieder stehenbleibend, um mit singendem Rufe sich bemerkbar zu machen. Ich habe manchmal bemerkt, wie der Mann nicht ganz sicher durch die Straßen schritt; das ging nicht immer gerade aus, so wie es wohl sein Wille gewesen wäre. Gerne singt er ein dreistes Liedel oder läßt gar einen »Juchezer« fahren. Bisweilen aber grollt und flucht er — und hat Grund dazu. Die Gassenjugend, die »liebe«, tut ihn nämlich manchmal gern ein wenig »aushetzen«, weshalb die Polizei ihn immer abschaffen will, anstatt die Gassenbuben abzuschaffen. Sie meint wohl, er solle nicht Ärgernis geben, und die gibt er auch nicht, so viel ich weiß. Es gibt viel ärgerlichere Dinge auf der Welt, als die absonderliche Tracht dieses lustigen Sonderlings, und werden doch nicht abgeschafft. Den Namen »Waldteufel« hat man ihm geschenkt, er hat ihn freundlich angenommen, erstens, weil er am Geierkogel eine alte Waldhütte bewohnt, zweitens, weil er im Walde Beeren, Pilze, Heilkräuter und Wacholderstauden sammelt, um sie den Stadtleuten zu verkaufen, und drittens, weil ja der Titel zu seiner Erscheinung nicht übel paßt. Wie andere Geschäftsleute ihre Orden und Ehrentitel, so benützt er den seinen zur Reklame und man kann manche Hauswirtin eilig über die Treppen herablaufen sehen, wenn sie nach dem Geschrei vernommen, daß der Waldteufel in der Nähe sei. Da lacht er dann gemütlich, bietet seine Wacholderstauden aus und meint, er möchte die »Kranabeten« gern in »Kranabetenen« umsetzen. Dieses Teufels einziges Höllenfeuer dürfte das Feuer des Wacholderbranntweins sein.

Wo der Mann sich zeigt, mit jemandem spricht, oder auch mit sich selber, oder mit einer Straßenlaterne, oder mit einer Statue, da sammelt sich um ihn bald ein Kreis von Zuhörern, die teils mit Neugierde, teils mit spöttischer oder mißtrauischer Geberde die Gestalt anstaunen, bis dann plötzlich irgend so ein Range hervorspringt, an seinen Kleidern zerrt oder ihn mit Staub bewirft.

Eines schönen Maimorgens sah ich den »Waldteufel« — umringt wieder von Neugierigen — vor dem neuen Hamerlingdenkmal stehen. Er schien gerade vertieft zu sein in ein Gespräch mit dem Dichter. »Du bist ein gescheiter Mensch gewesen,« hörte ich ihn noch sagen mit seiner rindenrauhen Stimme, »hast ihnen schon immer einmal was gesagt, denen, was sie nit ins Hutbandel stecken. Ein gescheiter Mensch! So wie auch ich einer bin!« Dabei verzerrte er sein klobiges Antlitz zu einer Fratze, als ob er seiner eigenen Gescheitheit ein Gesicht schneiden wollte. Der steinerne Dichter hat ihm nicht geantwortet; der lebendige Hamerling hätte für diesen Mann gewiß ein gutes Wort gehabt, obschon er solche Leute gerne mir überließ. »Die Waldteufel gehören Ihnen,« sagte er einmal, »mit diesen wissen Sie besser umzugehen als unsereiner, dem die Stadtteufel so viel zu schaffen machen.« Übrigens glaube ich, daß er das Wort »Stadtteufel« gar nicht ausgesprochen hat; man verstand auch, wenn er in halben Sätzen redete. Nun aber mit diesem »Waldteufel« wußte auch ich nichts anzufangen. So vor Leuten zu ihm hintreten und fragen: »Wie geht's euch! Wie lebt ihr? Was ist euch schon alles passiert? Was denkt ihr? Erzählt mir etwas!« — das mag ich nicht, würde bei solchen Menschen auch nicht anschlagen. Oder man wird tüchtig gefoppt. Da heißt's möglichst gleichgültig dreinschauen und warten, bis so einer selber anfängt. Und mein Waldteufel fing an.

Diesmal hatte er einen besonders merkwürdigen Hut auf. Auch der hatte die Form der Sternstecher, nur dünkt mich, er wäre noch wuchtiger und riesiger als seine sonstige Kopfbedeckung. Manchmal war solcher Hut beklebt mit illustrierten Zeitungsannoncen, weiß aber nicht, ob zur selbstgewählten Zier oder ob schlaue Geschäftsleute sie ihm angeschwätzt hatten, so daß er für sie eine wandelnde Annoncensäule abgab. Ich vermute den Mann des Lesens unkundig und immereinmal ein Opfer fremden Vorwitzes. Diesmal war der Hut aus Baumrinden gemacht, in doppelter Schichte, daß er besser halten sollte; die sehr breiten Krempen waren zierlich gezackt. Aber diese Krempen hatten ein paar Löcher. Der Hagel hatte ihn geschlagen. Er pflege — sagte der Mann in langsamer, gemütlicher Tonart — bei Ungewittern nie unter einen Baum zu gehen, er bleibe auf freiem Felde stehen und warte, bis es vorüber sei. Das sei sonst schier am sichersten, aber diesmal habe ihm der Hagel die Löcher geschlagen. Nun, es sei ja recht. Sonst hätte er doch auch nichts, was ihm der Hagel schlagen könne. Außer diesem Hut hätte er wohl einmal ein Haus gehabt, aber das sei ihm abgebrannt. Sei ihm immer noch leid um dieses Haus, seien ihm viel Altertümer mitverbrannt. Er meinte damit wahrscheinlich alte Kleider, besonders aber den weitbekannten Filzhut, den er sich vor vierzig Jahren selbst gebaut hatte. Um seine Angabe zu bezeugen, zog er ein Zeitungsblatt aus dem Sack; als er das abgegriffene Papier mit ungeschickten Fingern entfaltete, wollte es gleich auseinanderfallen, als ob auch diese letzte Erinnerung an seine Hütte zunichte werden sollte. Da stand denn in einer Notiz beiläufig erwähnt, daß am Geierkogel eine Hütte abgebrannt sei, in welcher der sogenannte Waldteufel sich manchmal aufgehalten habe. — So weit war auch dieser Naturmensch schon von der Kultur beleckt, daß er sich etwas Besonderes dünkte, »weil er in der Zeitung stand«. — Ja, Alter, das hat man davon, wenn man in die Stadt geht, Pilze und Kranabetstauden zu verkaufen. In die Zeitung kommt man, gedruckt wird man, gerade so wie der Dichter, der dort in Stein auf dem Sockel sitzt. — Da sagte er auf einmal: »Ihr Herren! Wenn ich alle Steine, die mir in Graz die Gassenbuben schon nachgeworfen haben, zusammengetragen hätte auf einen Haufen, es wäre auch ein Denkmal. Wäre auch eins! Wie mich die Kinder aushetzen.«

Es gibt ja böse Buben, hier wie dort. Der Unterschied, daß die Landkinder sich vor dem Waldteufel fürchten, während die Stadtjugend mit ihm ihren Spaß hat. Wie die löbliche Polizei sagt, Ursache daran wird doch wohl er selber sein mit seiner auffallenden Tracht. Ob er sich aus Eitelkeit so trägt? Oder ob er damit die Aufmerksamkeit der Leute aus praktischen Gründen auf sich lenken will? Vielleicht beides. Leicht ist sein Geschick sicherlich nicht. Wenigstens nicht in unseren Augen. Er selbst — wenn man ihn so sprechen hört — wüßte allerdings nicht, was ihm fehlt. Es müßten nur die »Altertümer« sein, die ihm verbrannt sind.

Als Beweis für die Schlauheit des Waldteufels wird ein Stückl erzählt. Wandern da einige bergfrohe Herren aus der Stadt auf den Geierkogel. Der Weg ist weit und die Sonne brennt heiß. Nirgends im Kalkboden eine Quelle, nirgends ein Labsal! Endlich ein Haus, vor dem einige Knechte stehen, darunter der wilde Waldteufel. Freundlich bitten die Ausflügler um einen Trunk Wasser, der ihnen aus einer Lagel gern und ohne Anspruch auf Bezahlung gewährt wird. Mit einem herzlichen »Gelt's Gott!« wollen sich die Städter wieder entfernen, da fängt der Waldteufel zu munkeln an: »Ich muß das Wasser weit hertragen und ihr schenkt es den reichen Städtern. Holt euch von morgen ab selber das Wasser herauf!« Natürlich griffen die Herren sofort in die Tasche und legten Nickel auf Nickel in die nun demütig dargebotene Hand des Waldteufels. Kaum waren die Ausflügler außer Hörweite, da zeigte der Fechtbruder seine Kollekte den Knechten mit den Worten: »Da, zwei Gulden fünfzig, und merkt's euch, wie leicht man bei den Städtern Geld verdienen kann!« Es braucht nur noch erwähnt zu werden, daß sich der Waldteufel nie mit Wassertragen abgegeben hat.

So ist es ihm sein Lebtag gut gegangen. Sein Vater, ein Tiroler, hat seine Mutter, eine Kärntnerin geheiratet. Und das Kind nachher ist ein Steirer geworden. Also drei Heimländer. Wer hat mehr? Er ist sein Lebtag viel gereist. Nicht bloß in den drei Heimatländern, wohl auch in Italien, im Küstenland und weiter um. Sein Vater war »Künstler«, Holzschnitzler, und ist dann mit seinen Waren: Holzschüsseln, Kornschaufeln, Kochlöffeln und dergleichen hausieren gegangen. Der Sohn ist überall mit ihm gewesen. Nicht jede Nacht haben sie ihr Quartier gefunden.

Nun, im Freien ist's auch bequemer, da hat man weit genug, hat frische Luft und wird nicht geniert. Das Gras auf der Wiese ist auch ein Federbett, ein ganz frisches, und kein Königskind hat ein süßeres Schlaflied, als das die Grillen singen. Aber noch lieber ist der »Franz« auf Steinhaufen gelegen, da kann man sich mit den Ellbogen das Bett graben wie man's gern hat. »San die Gliederlan wohl immer a bissel steif worden; muß einer nachher halt wieder brav laufen, alsdann werden sie schon wieder gelenkig.«

»Und hat's Euch nicht geschadet, bei Nacht und Wetter so im Freien schlafen?«

»Bis jetzt nit. Gesund, Gott sei Dank, bin ich alleweil gewest.«

»Wie alt seid Ihr denn?«

»Im Achtunddreißigerjahr geboren.«

»Was? Und nicht ein graues Gran im Bart!«

»Aber da, lieber Herr!«

Er hob seinen Hut vom Kopf, da hatte er noch eine schwarze Haube auf, wohl zum Schutz vor dem drückenden Baumrindendach. Das verschwitzte Haar hatte graue Fäden.

»Seht Ihr, und so einen würdigen Herrn will die Polizei abschaffen!« Er sagte es munter gegen einen Sicherheitswachmann hin, der den Waldteufel schon lange beobachtet hatte, ohne ein Arg an ihm zu finden. Dann hob er mit beiden Händen den Hut langsam und bedächtig wieder auf den Kopf. Einer, der diesen Hut vorwitzigerweise versucht, behauptete, er wiege wenigstens fünf Pfund. Dem Manne schien die Gefahr des Abgeschafftwerdens nicht aus dem Kopfe zu gehen. Es schien ihm schon oft passiert zu sein, obwohl die Behörden nie recht wußten, wohin mit ihm. Von den drei schönen Alpenländern wollte jedes das bescheidenste sein und auf den drolligen Vagabunden verzichten. Er wäre ja doch in keinem geblieben. »Ich tu' halt so viel gern reisen, so viel gern reisen! Und abgeschafft werden wir alle einmal!« lachte er laut, gegen den Wachmann hin. »Bis wir alt sind, werden wir alle abgeschafft. Aber ich bin decht noch jung.«

»Ja, bloß sechsundsechzig Jahre!« redete ich drein.

»Was ist das, sechsundsechzig Jahr! Meine Mutter ist hundertvier Jahr alt geworden. Mein Vater ist hundertvierzehn Jahr alt geworden, weil er brav Schnaps getrunken hat. Heut' kunnten sie noch leben, wenn —«. Er hielt ein mit irgend einer Anklage und setzte schmunzelnd bei: »Wenn sie nit gestorben wären.«

»So habt auch Ihr Aussicht, alt zu werden?«

»Ich werde zweiundachtzig Jahre alt,« antwortete er ruhig. »Damit wir zusammen dreihundert Jahr ausmachen, alle drei. Dreihundert ist kein Spott mehr. Mein Vater hat allemal gesagt, er möcht's gern derleben, daß die Leut' gescheiter werden. Hundertvierzehn Jahr ist er alt worden und hat's doch nit derwarten mögen. So lang mag ich nit leben, so lang nit. Nur das möcht' ich noch sehen, wie's ausschauen wird auf der Welt, bis die Leut' noch dümmer geworden sind.«

Da hatten wir gleich seine Meinung über den Stand unserer Welt. Er brauchte keine langen anarchistischen Reden zu halten, keine pessimistischen Bücher zu schreiben — das eine Wort sagte alles. Er, der keinen anderen Rock hat, als das in allen Nahten klaffende Lodenwams, kein anderes Dach, als den Rindenhut — von der Art seiner Nahrung war überhaupt nicht die Rede — er fühlte sich erhöht über die Millionen der Durchschnittsmenschen, die ihn erst dann interessieren werden, bis sie noch dümmer geworden sind.

Wie war nun dem stolzen armen Manne beizukommen? »Waren« hatte er diesmal nicht bei sich, die ihm etwa abzukaufen gewesen wären. War man sicher, daß der hohe Herr, der bedürfnislose, freie König des Waldes, eine bescheidene Gabe nicht zurückweisen würde?

»Wie würdet Ihr es halten?« fragte ich ihn tückisch, »wenn ein armer, braver und ganz zufriedener Mensch dastände und jemand gäbe ihm ein Silberstück in die Hand. Wäre das gescheit oder dumm?«

»Das wäre gescheit, das wäre gescheit!« rief er aus.

»Und was glaubet Ihr, daß der arme, brave und ganz zufriedene Mensch mit dem Silberstück anfangen würde?«

»Schnaps kaufen!«

So weit ging sein Freiheitsstolz — und nicht weiter. Alle Bande hatte er abgestreift oder gesprengt, aber der Schnaps war sein Herr und Gebieter geblieben. Doch ich sah ihn keinen trinken. Ehe wir auseinandergingen, vertraute er mir noch ein Geheimnis an. Er sei gesonnen, sich demnächst zu veräußern. Er stehe in Unterhandlung mit der medizinischen Fakultät, er wolle ihr seinen heiligen Leib verkaufen. Bei dem Worte heilig schnitt er eine ganz abenteuerliche Grimasse. Er glaube, mit fünfhundert Gulden sei der Waldteufel nicht überzahlt, aber man spare immer am unrechten Orte und wolle ihm nur dreihundert geben. So viel aber sei die Haut allein wert, wenn sie ausgestopft werde. Was habe er dann für die Knochen? Daß diese auch hübsch was nutz seien, beweise er jedem, der es bewiesen haben wolle. Er hob den Arm mit der geballten Faust. Indes hätte ihm ein Wachmann geraten, sich nicht voreilig zu verkaufen, er lebe dann keine drei Wochen mehr! Die Studenten seien so viel gierige Leut', die würden seinen Tod nicht abwarten wollen, sondern recht bald mit »einem Stupferl von hinten« nachhelfen, daß sie zu ihrem Kadaver kämen. Überhaupt würde er am Arm gezeichnet werden und dürfe auch nicht nach Amerika, oder sonst übers große Wasser. Als Mann der Freiheit vertrage er das nicht. Es sei also eine Lebensfrage, ob er sich derweil nicht doch noch behalten solle. Es werde am besten sein, er gehe fleißig betteln. — Und machte sich auch gleich ans Tagewerk.

Weiter weiß ich nichts von ihm. Jedenfalls erreicht der Mann ein hohes Alter, besonders, wenn er nach dem Grundsatz seines Vaters so lange leben will, bis die Leute gescheiter geworden sind.