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Sonderlinge

Chapter 9: Der unglückliche Kammerdiener.
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About This Book

A collection of short sketches that presents a gallery of eccentric individuals encountered in everyday life. Each piece focuses on a single peculiar character or habit, mixing gentle comedy, compassion, and occasional darkness to show how individuality shapes behavior and social awkwardness. The tone shifts between anecdote and quiet portrait, emphasizing small, telling details of manner, belief, and circumstance rather than a sustained plot. Taken together, the vignettes form a mosaic of human oddity and stubborn dignity, exploring folly, hidden wisdom, and modest virtues through concise, episodic narratives.

Der unglückliche Kammerdiener.

»Glauben Sie ja nicht,« sagte die Königin zur Gesellschaft, die nach dem Diner im Zerkle sich um sie versammelt hatte, »glauben Sie ja nicht, meine Herrschaften, daß unsereins so mächtig sei und alles nach Herzenswunsch schlichten könne. In vielen Fällen können wir das weit weniger als andere Leute; oft nicht einmal das Selbstverständlichste. Ach allzuoft war ich schon in heller Verzweiflung darüber, wie uns die Hände gefesselt sind, und das Herz, und ich sage sogar, auch der Kopf. Soll ich Ihnen eine Geschichte erzählen? Die Geschichte hat sich vor etwa einem halben Jahre im Schloß zugetragen und ist sehr tragisch. — Wollen die Damen und Herren nicht rauchen? Schön, ich will, wie es Pflicht der Fürsten ist, mit gutem Beispiele vorangehen.«

Bei dieser launigen Bemerkung nahm sie aus der Kupferschale eine Zigarette und der Lakai hielt ihr das Flämmchen vor. Die Königin sog es mit einem Atemzug in die »Ägypter spezial« und winkte dem Diener mit einem gütigen Blick, daß er sich entfernen könne.

Der General strich seinen langen weißen Schnurrbart und horchte schmunzelnd der tragischen Geschichte entgegen, die im phantastischen Lockenhaupt Ihrer Majestät sich wieder zugetragen haben mochte.

»Die Herrschaften erwarten jetzt den Vortrag einer Romanze oder dergleichen,« lächelte die Königin, weil sie zum schwarzen Kaffee manchmal eine ihrer neuerstandenen Poesien zum besten zu geben pflegte. »Diesmal werden Sie irren. Die unerhörtesten Geschichten macht nicht der Dichter, macht das Leben. Und Sie, mein General, dürften der Tragödie wohl etwas weniger skeptisch entgegensehen, als es offenbar der Fall ist. Vielleicht werden die kommenden Dinge sogar Ihr Herz engagieren!«

»Mein Herz wird nicht mehr engagiert,« lachte der alte Weißbart, »außer Majestät geruhen zu gestatten, daß ich mir Kognak einschenke.«

»Der König,« so begann die Königin zu erzählen, »hatte einen Kammerdiener aufgenommen. Ein junger Magyar wars, ein hübscher sympathischer Bursche mit braunen Augen und perlweißen Zähnen. Die blaue Livree mit den weißen Seidenschnüren stand ganz prächtig zu seinem frischen, glattrasierten Rundgesicht. Sehr bald wußte er sich in seine Stellung zu finden, bei seiner ruhigen und flinken Art. Dabei hatte er einen heimlichen Humor, der sich allerdings nur in den Mienen ausdrückte, trotzdem aber nicht weniger sprechend war. Anfangs war er zum Laufburschen aufgenommen worden, allein, nachdem unser alter Onkel Tom gestorben, machte ihn der König zu seinem Kammerdiener. Obschon der Bursche einige Jahre Soldat gewesen, hatte er von seiner Einfalt, die er aus der Pußta mitgebracht, noch den Löwenanteil bei sich behalten. Es war ein guter braver Junge, der sich selbst die Stiefel putzte, weil er es für unbegreiflich hielt, daß der Kammerdiener wieder einen Kammerdiener hätte. Wenn er dann im Vorzimmer nach dem Takte eines Tschardas drauf losbürstete, oder wenn er schwermütige Pußtalieder sang, da habe ich manchmal ein wenig an der Türe gehorcht. Das Liebchen und die Mutter, diese zwei Frauen rangen in den Liedern um sein Herz — es war ganz rührend. Der kleine Prinz stand oft bei ihm und hatte seinen Spaß, wenn Lajosch sang und die Melodie manchmal lustig mit ein paar hüpfenden Sprüngen mittanzte, in der einen Hand die Bürste, über die andere den Stiefel gestreift — es war furchtbar komisch. Einmal machte er dem Prinzen den Vorschlag, ob sie nicht miteinander Sprachstudien treiben wollten. Er möchte von dem Prinzen französisch lernen und würde hingegen diesem das Ungarische beibringen. Der Prinz ging darauf ein und ich glaube, er hat bei dieser philologischen Gegenseitigkeit mehr profitiert als der andere. Doch glaubte der Prinz eine Klage verstanden zu haben, die Lajosch in seiner Sprache ausdrückte: Nichts sei ihm furchtbarer als die drei Tage in der Woche! — Was sind das nur für drei Tage in der Woche? Wir verstanden es nicht. Wenn durch den Schloßhof die bärtigen Husaren in ihrer schmucken Uniform ritten, und hinaus ins Weite, da konnte Lajosch ganz melancholisch werden. Da vergaß er sein Singen und Tanzen, ging schwermütig umher und versah mürrisch seinen Dienst. Oft, wenn der König vorüberging, blickte er ihm verstohlen nach und einmal will die Kammerfrau ihn murmeln gehört haben: Wie beneide ich ihn! Werde ich's auch einmal erreichen? Da soll ihr schrecklich unheimlich geworden sein. Mit der übrigen Dienerschaft hat er gar nicht verkehren wollen. Diese nackten Rundscheiben! Diese Vollmondgesichter! So soll er bei sich geknirscht haben, und es hätte ihn der Ekel geschüttelt. Dann hat er die braune Gesichtsfarbe verloren und das Feuer in den Augen und ist abgemagert und ist immer trauriger geworden. Da fragte ich ihn eines Tages: Lajosch, hast du noch eine Mutter? Er antwortete auf ungarisch. Hast du Heimweh? Was ist dir, Lajosch? Er brummte etwas und wendete sich ab. Gerne hätte ich ihm noch wegen einer unglücklichen Liebe auf den Zahn gefühlt, denn nach meiner Überzeugung konnte es nur die Liebe sein. Mein Gott, vielleicht wäre dem Braven zu helfen. Warum sollte er sein Magyarenmädchen nicht an den Hof bringen? Es ist gewiß sehr hübsch. Ich liebe Naturkinder und brauche ein Kammermädchen. Aber es war nichts herauszukriegen vom armen Lajosch. Wieder einmal hörte man eine Klage über die drei Tage in der Woche. Dann versank er ganz in eine stumme Schwermut. Der König sagte, er würde den Lajosch weggeben müssen, der Arme müsse krank sein. Dem Arzt, der ihn konsultieren wollte, rief er ein ungarisches Fluchwort zu. Dann ging er auf sein Zimmer und zertrümmerte den Toilettespiegel. Nun dachten wir allen Ernstes an eine Geisteskrankheit. Der arme junge Mensch! Es war furchtbar traurig. Dabei war eine so weiche, ich möchte sagen, um Hilfe flehende Melancholie in ihm, daß uns allen betrübt zu Mute ward und wir uns entschlossen, doch noch eine Weile mit dem Burschen Geduld zu haben und recht gütig mit ihm zu sein. Wäre es irgend ein Anliegen gewesen, gewiß — hatten wir gedacht — ließe es sich erfüllen. Aber eine solche Krankheit — das ist schrecklich. Auch weinen soll man ihn einmal gesehen haben, und bei sich jammern, daß es ein Unglück sei, wenn er einen solchen Posten verlassen müsse. Aber es sei gräßlich, es sei zu gräßlich, das zu ertragen! Die Kammerfrau glaubte nicht an Krankheit. Sie meinte, da sei ein Geheimnis dahinter. Mein Himmel, ein dunkles, wenn nicht gar blutiges Geheimnis! Ich habe ihn gar nicht mehr sehen können, ohne daß mich Grauen anwandelte. Die Entlassung wird notwendig werden. Doch habe ich mir vorgenommen, ihn erst noch einmal ernstlich zur Rede zu stellen. Da findet sich eines Tages unter den eingelaufenen Bittschriften auch ein Gesuch von unserem Kammerdiener Lajosch. — Ich merke, die Herrschaften werden aufmerksam,« unterbrach sich die Königin. »Sehen Sie, das war ganz mein Fall. Neugierde kann man es nicht mehr nennen. Ein Taumel höchster Spannung, unter dem ich die unbehilfliche Schrift entzifferte, die schlechte Behandlung der Landessprache nicht achtete, um das Geheimnis endlich zu enthüllen. — Ich könnte die Herren nun raten lassen. Doch abgesehen davon, daß Sie es kaum erraten würden, ist es nicht danach. Ich habe ja gesagt, daß es eine tragische Geschichte ist, vielleicht eine tragisch komische — ich finde es geradezu packend und das Herz seiner Exzellenz wird am Ende doch noch engagiert —«

Denn der General lehnte nachlässig und ziemlich teilnahmslos in seinem Fauteuil und drehte seine Schnurrbartspitze.

»Wir brennen, Majestät!« sagte der Graf.

»Meine Herren, nur Geduld! Es wird episch erzählt,« entgegnete die Königin. »Man sollte das Schriftstück ja eigentlich vorlesen. Aber es ist besser, ich ziehe bloß den Inhalt heraus. Es ist zu rührend. Lajosch dankt für die Auszeichnung, ins Schloß aufgenommen worden zu sein. Er sagt, so gut wie jetzt ihm, sei es in seinem Heimatskomitat noch keinem Menschen ergangen, seit die Welt steht. Nur ein Anliegen trage er, es sei vielleicht dumm, aber er könne sonst nicht leben. Beim Militär sei er es so arg gewohnt worden und bei ihm zu Hause sei ein Mannsbild gar nicht anders denkbar. Gut und Blut wolle er mit Freuden opfern für den König, nur um die eine Gnade bitte er; wenn er schon bei Hof bleiben dürfe, so bitte er um einen Schnurrbart. Daß er nicht wöchentlich dreimal unter das schreckliche Messer kommen müsse, daß er einen Schnurrbart tragen dürfe, das sei sein untertäniges Bitten.«

»Einen Schnurrbart?!« Die Gesellschaft brach in ein unbändiges Gelächter aus.

Die Königin machte eine Gebärde des Mißmutes: »Ich wußte ja, daß Sie lachen würden. Mir war nun aber gar nicht ums Lachen. Der arme Bursche bittet ja um gar nichts anderes, als um seine Persönlichkeit, um das Selbstbestimmungsrecht über sich selbst. Kann man in unserer Zeit der Freiheit und der Menschenrechte um weniger bitten? Kann man um etwas Selbstverständlicheres bitten, als um sich selber? Um seinen Schnurrbart bittet er, der aus seiner eigenen Haut hervorwächst — und siehe, ich kann ihm den Schnurrbart nicht bewilligen. Ich bin Königin und habe nicht einmal die Macht, zu sagen: Ja, mein Junge, deinen Schnurrbart sollst du haben. Ist das nicht tragisch? Ist es nicht lächerlich tragisch? Wir regieren die Völker, und den Sitten unseres Hauses gegenüber sind wir ohnmächtig. Hofetikette! Die Diener haben stets in vorgeschriebener Livree und glatt rasiert zu erscheinen — punktum. Welche Palastrevolution, wenn der König entschieden hätte: Lajosch, dir ist gestattet, den Schnurrbart zu tragen! Nach einem Monat prangten alle Diener in Schnurr-, Backen-, Spitz- und weiß der Himmel was für Bärten. Was bliebe dem König übrig, als sich den Bart — rasieren zu lassen! Es ist ja ein Unding und man kann's nicht ändern, man kann nicht. Wahrlich, diese Bartgeschichte des armen Lajosch hat mich sehr demütig gemacht. Wir, die sogenannten Mächtigen, in welchen Fesseln wir liegen! Spinnengewebe und doch unzerreißbar, so lange wir der Vorurteile nicht Herr werden können.«

»Wenn ich mir eine Bemerkung gestatten dürfte,« sagte mit einer Verneigung der Professor.

»Die kann ich nicht zulassen!« rief halb ernsthaft, halb humoristisch erregt die Königin. »Um höfische Torheiten zu schützen, muß ich die Zensur verhängen. Denn ich weiß, was sie sagen wollen, Professor. Sie wollen sagen, der König habe gottlob doch noch andere Eigenschaften, um sich von den Lakaien zu unterscheiden, so daß er für sich wie für jeden andern die Bartfreiheit unbedenklich gestatten könnte. Dem Könige eines freien Staates gezieme es, von freien Männern umgeben zu sein, selbst in seinem eigenen Hause, so daß das Volk sehe: im persönlichen Dienste des Königs zu stehen sei Rittersart, aber nicht Lakaienart. Das wollten Sie sagen!«

»Ei doch nein, Majestät, so weit hätte ich mich nicht erdreistet —«

»Ich bitte Sie, Professor, Sie sind zufällig glücklicher Besitzer Ihres Schnurrbartes — behalten Sie ihn oben und gestehen Sie offen Ihre Meinung.«

»Nun allerdings, wenn auch nicht ganz so geradeweg, ungefähr allerdings hatte ich mir so gedacht. Mir fällt nur noch ein, daß man — anstatt den Schnurrbart bis auf das »Es ist erreicht« aufzustrammen — auch sagen könnte: Wenn einer, so sollte der König bartlos gehen, weil er der erste — Diener des Staates ist.«

»Das nenne ich Schnurrbart!« lachte die Königin.

Die Königin-Mutter hatte diesem Gespräche anfangs mit freundlichem Kopfnicken, nun aber mit einiger Unbehaglichkeit zugehört. Sie war auf Besuch im Schlosse und der freie Ton, der hier herrschte, war ihr neu und befremdlich. Sie warf nun die ablenkende Frage ein, ob der arme Lajosch sich getröstet habe.

»Nein, teuere Mama,« antwortete die Königin, »der hat sich nicht getröstet. Wir haben uns trösten müssen. Als er merkte, daß sein Bittgesuch unberücksichtigt bleibe, hat er kurz und höflich den Dienst gekündigt. Noch nie habe ich einen Diener so ungern ziehen sehen als diesen, der seine Existenz dem Schnurrbart opferte.«

»Dem Manne kann geholfen werden,« sagte nun der General. »Ich rekrutiere ihn neuerdings zum Heere. Dort muß der Mann — sozusagen — zwar auch manchmal Haare lassen, doch der Schnurrbart bleibt ihm stehen.«

»Ich wußte es ja, General, daß Ihr Herz engagiert wird. Und Sie werden ihn doch gleich wenigstens beim Hauptmann anfangen lassen?«

»Das allerdings, Majestät, dürfte sich schwer machen lassen. Es rückt alles nach der Rangordnung.«

»Auch im Fall, daß einmal Verdienst und Tüchtigkeit —?«

»Alles stets nach der Rangordnung, Majestät.« —

Als der Zerkle aufgehoben war, die Gäste vor der Königin ihre gebührende Reverenz gemacht hatten und davongegangen waren, trällerte der Professor, auf der Straße dahinschlendernd: »Trallala, trallala! Rangordnung! Stehen die Haare vorne, so heißen sie Schnurrbart, stehen sie hinten, so heißen sie Zopf — trallala, trallala!«

Daß nun der General die Allerhöchste Protektion unberücksichtigt ließ, das hielt er für Schnurrbart, war in diesem Falle aber — Zopf.