8. Insel der Seligen.
Von einem berühmten Tempelort im Süden des Landes muß ich des weiteren noch berichten, einer Insel. „Insel der Seligen“ habe ich sie in dankbarer Erinnerung getauft.
Heilige Erde! —
Reiner, geweihter Schutzboden! Kein Hund darf das Land betreten, kein Wild hier getötet, kein Toter begraben, kein Leben geboren werden. Weit in bergwasserklarer, blauender Meeresflut steht, heiligen Gottesfrieden gebietend, der ragende, verwitterte Holztempelbogen.
Insel des Friedens, Land der Heiligung seit grauer Urväterzeit. Hier rauscht der Wald noch so geheimnisvoll, stehen die Fichten und Föhren noch so dunkel und dicht wie zu den Tagen, da erste frohe Botschaft und fromme Sage durch fahrende Pilger hinüber zum Festland getragen wurde. Auf windumbrauster Höhe brennt seit mehr denn tausend Jahren ein heiliges, ewiges Feuer; in weiten, weihevoll dunklen Tempelhallen murmeln weißgekleidete Priester Gebete; zum Klange der Flöten, zum Spiele der Saiten wiegen junge Priesterinnen in rotem Festgewand, von weißsilbernem Mantelgewebe umflutet, sich langsam und feierlich im heiligen Tanze.
Hier klingt noch jetzt voll und rein die alte, liebe Weise von dem vergangenen, dem gewesenen, dem langsam nun sterbenden Japan, klingt so lockend und bezaubernd, daß man nicht müde wird, ihr zu lauschen.
All ihr Weg- und Wandermüden, willkommen drum in Miyajima, der weltvergessenen Insel der Seligen! ...
Weg- und wandermüde war ich, als ich nach den Herrlichkeiten Kiotos und Nikkos, Nagoyas und Naras in Kobe aufs Schiff stieg, um die vierundzwanzigstündige Fahrt durch die Inlandsee nach Miyajima anzutreten, eine Fahrt, die man nur völlig frisch und aufnahmefähig unternehmen sollte, denn sie ist einzig schön.
Bald ist dies das Meer, oft scheint das wieder nur ein großer Binnensee zu sein, dann wieder ein ganz kleiner Gebirgssee, der plötzlich und unerwartet in eine herrliche, schimmernde, weite Bucht mündet, die kurz darauf wieder sich in einen Fjord zusammenpreßt, so schmal und eng, daß kaum ein Steinwurf ist von Land zu Lande. Oft kein Ausweg zu sehen, rings ein nirgend sich öffnender Kreis der herrlichsten Bergrundpanoramen der Welt, Felsen und Klippen, Hügel und Höhen, Bergketten hinter Bergketten. Vom frühen Morgen bis in die späte Nacht ein ewiges, prachtvolles Wechselbild!
Tausende von Inseln und Inselchen sind in die Inlandsee eingebettet, manche groß und nicht zu übersehen, manche ganz winzig nur, ein paar hoch und spitz aufgetürmte Felsblöcke oder eine Handvoll Land, das von dem dunklen Grün der breiten japanischen Kiefer überschattet ist. Fischerkähne und kleine Segler werden von der starken Kielwelle unseres Schiffes hoch emporgeschleudert, und all das bunte, lustige Leben in den unzähligen Fischerdörfern spielt sich zum Greifen nahe vor unsern Augen ab.
Dunkle Nacht ist es schon, als ich nach einem meiner schönsten Reisetage in Miyajima lande. Noch ein viertelstündiger, bergaufwärts führender Weg, und ich bin in meinem japanischen Hotel „Momiji-ya“ = „Gasthaus zum Ahorn“ angelangt.
Am nächsten Morgen halte ich nähere Umschau: mein Erkerzimmer steht ganz auf mächtigen, bemoosten Felsblöcken. Dicht unter mir plätschert ein kristallklarer Bergbach vorbei, den sie etwas oberhalb zu einem kleinen See gestaut haben. Drei kleine niedliche Teehäuser, drei Inseln, auf ein paar Felstrümmern aufgebaut, schwimmen drin herum. Und weiter hinauf ein Gewirr von Brücken und Stegen, Springbrunnen und Inselchen.
Rasch hinaus und den Berg empor! An einigen Teehäusern und auch schon rötlich gefärbten Kirschbäumen vorbei geht es hinein in den Wald. Der mutet einen fast an wie lieber deutscher Wald. Nur die Formen der Föhren, Fichten und Kiefern sind abenteuerlicher und phantastischer, und unter das Nadelholz mischt sich viel immergrünes Gesträuch. Ganz sommerlich sieht das alles noch aus, jetzt im November, heute am Allerseelentag. Nur der wilde Wein, der sich dicht und schwer um die hohen Stämme der Föhren schlingt, hat schon ein rotes Herbstkleid angezogen, und das Waldgras ist da und dort von einem leisen Rotschimmer überhaucht. Aber sonst ist hier noch Sommer! Tiefgrün und lichtgrün, wie man es sehen will, und alles noch in Saft und treibender Kraft. Bunte Schmetterlinge und leuchtende Libellen irren um schimmernde Waldblumen, die Grillen zirpen, die Vögel locken und rufen so laut wie im Frühling, manchmal ein Damwild, das mich fragend mit seinen großen Lichtern ansieht — und über all der Pracht liegt warmer, milder Sonnenschein.
Durch dämmerig dunklen Wald nun höher hinauf, bis alles tief unter mir liegt: blaue See, in die der graue Tempel sich einbaut, dicht daneben die schlank graziöse Pagode, und ringsum das in Sommergrün und Herbstrot gebettete Dorf. Über der See durch Ferndunst und Höhenrauch herübergrüßende Berge. Ringsum Stille und Schweigen. Ringsum unzerstörte, unentweihte, heilige Natur — Insel der Seligen!
Zum Dorfe hinab. In den saubern und netten Holzhäuschen wohnen Fischers- und Schnitzersleute. Brauchen nicht viel zum Leben und haben das Wenige. Zufriedene und vergnügte Gesichter allüberall. Kein Bettler, kein Armer zu sehen — Insel der Seligen! ...
Nun in die Tempel. Der eine, auf kiefernbestandener, weitblickender Höhe, der andere zu seinen Füßen in der See. Zu dem Gotteshaus, das unten im Meere steht, müssen die es umsäumenden Föhren von hoher Schutzmauer herab alle sich ehrfürchtig niederneigen. Manche bäumt sich zwar, nachdem sie tief sich schon gesenkt, mit ihrem mächtigen Stamme widerspenstig, hoch und trotzig wieder empor. Aber der Gott, der zwingt sie nieder. Demütig küssen sie schließlich alle mit den Spitzen der Wipfel die geweihte Erde tief unter ihren Füßen und Wurzeln, bezwungene Walddrachen, die den heiligen Göttern huldigen.
Nicht nur die Bäume, nicht nur das Meer, das dem Tempel hier ewig sein hohes Lied rauscht, auch die Tiere grüßen die Götter. Ein schwarzes Tempelroß ist da und Störche und Tauben, Hunderte und Hunderte von Tauben, zahmer und zutraulicher als die auf dem Markusplatz. Auf stillem Tempelgrund äsen friedlich die Hirsche. An heiliger Stätte Gottesfriede zwischen Mensch und Tier. Beide sind Freunde hier, beide sind eins in der Gottheit! ... Insel der Seligen! —
Am Nachmittag hinaus ans Meer, hinaus ins Meer auf schmaler, sandiger Landzunge, vorbei an dem mächtigen Tempelbogen, dem wogenumrauschten Wahrzeichen Miyajimas. Auf einem alten, wegüber liegenden Baumstamm läßt sich da schön sitzen. Leise brandet das Meer, von einer fernen Fischerbarke trägt der Wind ein lustig Lied herüber, und auf einem dürren Ast krächzen darüber ärgerlich ein paar Raben.
Nun hinter mir ein Rascheln im Sand. Damwild, das mich begehrlich ansieht. „Nein, nein, ich habe nichts!“ Und als ob es mein Kopfschütteln verstanden hätte, beginnt es ruhig, dicht neben mir, sich mageres Gras zu suchen.
Ich sitze und sinne nach. So ganz anders wie bei uns! Soviel sonniger, farbenprächtiger und leuchtender! Und doch, es ist heute Allerseelentag für einen — auch hier. Man ist mit Gedanken und Träumen mehr als sonst in der Heimat, man gedenkt seiner Toten, gedenkt derer, die leben.
„Oheio!“ tönt es da hinter mir, eine helle Knabenstimme. Ein Fischersbub, mit der Angel in der Hand, steht dicht hinter mir, hat ein paar schlechte Rüben in der Hand und deutet auf die Hirsche.
„Oheio“ = „guten Morgen“, so grüßen hier mit einem tiefdrolligen Knix alle Kinder, „Oheio“, weil dies Wort den Fremden meist geläufig ist; grüßen hier so, auch wenn es schon Nachmittag oder gar Nacht ist.
„Oheio“, sage auch ich und sage „Arrigato“ = „ich danke schön“. Gemeinsam füttern wir die Hirsche. Mein Fischersbub bleibt, auch nachdem wir ausgefüttert haben, bei mir, deutet da- und dorthin und erklärt mir wohl nun all die hundert Herrlichkeiten seiner schönen Insel, redet, redet immerzu, ganz wie der Bergbach neben uns, den es auch nicht stört, wenn niemand sein Murmeln und Rauschen versteht.
Aber endlich hat der Kleine sich müde gesprochen, und als die Sonne hinter den Waldhügel hinabsinkt, trollt er mit einem letzten Oheio nach einer wohlgelungenen Verbeugung in sein Dorf zurück.
Ich bin wieder allein, wie ich es nun schon Wochen und Monate gewesen. Ganz still ist’s rings geworden. Die Fischer sind längst eingefahren — Wild und Raben sind zurück in den Wald.
Ich möchte den Tag so gerne länger halten können. Er ist so schön gewesen! ...
Schön und herrlich und strahlend wie das alte Japan, das nun todgeweihte Märchenland, dessen Lied einen so vollen und guten Klang hatte, der noch süß klingt im Sterben, das alte Japan, das eines Tages sterben wird, auch auf Miyajima, der Insel der Seligen.
Allerseelenstimmung auch hier! ... Noch eben spielte auf dem grauen Tempelbogen ein letztes, leises Sonnenlicht, nun liegt das alles schon im dunklen Schatten.
Götterdämmerung ist finster über die alten Götter hereingebrochen. Der Kinderglaube derer, die einst hier Tore und Tempel türmten, hat den Todesstoß empfangen.
Schon lächeln die Jungen der neuen Zeit, die ganz Klugen und Weisen, mitleidig nicht nur über die alten, die toten Götter, lächeln erhaben auch über ihr altes, über das ganze, alte, selige Japan! ...
Aber sie sollten nicht lächeln — ich würde weinen, wenn ich ein Japaner wäre, sollten wenigstens trachten, einen eigenen guten Klang, eigene Note und eigene Melodie in das neue Lied des neuen Japans zu bringen. —
Im Nachtdunkel gehe ich durch stillen Bergwald zurück.
Allerseelen! ... Alle die Seelen, die von mir weggeflattert sind ins große Wesenlose, sind heute um mich und bei mir, und auf dem Eiland, in dessen Erde kein Toter ruht, kommen die Toten, die in ferner Heimaterde schlafen — meine Toten — mir so nahe wie sonst noch nie.
Auf nachtschwarzen, feuchten Wiesen stehen sie, von weißen Nebeln umflattert, an spukhaft geformten Föhren lehnen sie, kauern in dunklen Hohlwegen unter abgestorbenen Wurzeln und Baumstümpfen, knien vor altersgrauen Steinlaternen, treten aus einsamen Waldtempelbogen hervor, spähen und schauen, winken und warten, warten, daß ich sie sehe und grüße.
„Willkommen, ihr Toten!“ ...
Da lächeln sie leise ein leeres, freudloses Lächeln, ein lichtloses Lächeln der Nacht, neigen zum Gruße das Haupt und ziehen mit mir. —
Rascheln von welkem Herbstlaub, Brechen von morschem Gezweig. Aber das stört nicht die Toten und mich, stört nicht die Zwiesprache: Unausgesprochenes wird heute gesprochen, Ungeklärtes wird heute geklärt, Unverständliches wird verständlich, klar wie selige Sonne und leuchtendes Licht. Zwischen mir und den Toten ein einziges großes Verstehen und eine unendliche Liebe.
Dicht neben mir wandern sie hinein in die grüne Waldinsel der Seligen, wo Leben und Leiden nicht in Schmerzen beginnen, in Schmerzen nicht enden darf, wo kein Toter weilen, kein Toter begraben werden darf. — —