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Sonnenländer

Chapter 11: 9. Neue Reisepläne.
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About This Book

Der Reisebericht schildert eine ausgedehnte Weltreise durch sonnige, tropische Regionen, beginnend mit einer Atlantiküberfahrt, Stationen in Kuba und Mexiko, Fahrt entlang Nordamerikas Küsten und Weiterreise nach Japan und in die Südsee. Kapitel dokumentieren Eindrücke von Landschaften, Städten, Hafenleben, Naturereignissen wie Überschwemmung und Erdbeben, Tempelfeste sowie Aufenthalte auf verschiedenen pazifischen Inseln (Marianen, Palau u. a.). Ergänzende historische und geografische Beobachtungen, Kartenskizzen und praktische Reiseepisoden verbinden persönliche Erlebnisse mit volkstümlichen und kulturellen Beschreibungen bis zur Heimreise.

9. Neue Reisepläne.

Ich gehe aus der Inlandsee nach Jokohama zurück. Herbst- und Allerseelenstimmung auch hier.

In Tokio, weit draußen in der Vorstadt, wo die Gärtner wohnen, haben diese aus den schönsten Chrysanthemen aller Farben und Größen bunte, lebende Bilder zusammengewoben, haben aus Blumen, nur aus Blumen, streitbare kriegerische Ritter und Knappen, Krieger und Streitrosse geformt und zarte Töchter Nippons aufgebaut und gestaltet, haben ganze bewegte, dramatische Szenen hervorgezaubert.

Aber trotz aller schimmernden Chrysanthemen und noch blühenden Rosen, trotz aller in lachende Farbenpracht gehüllter Kamelienbäume kann es schon bitter kalt sein und, wenn man nur für Sommer und Tropen ausgerüstet ist, friert und klappert man wie noch nie im Leben. Kein Ofen im Hotel Manka. Mißvergnügte Gesichter manchmal nun auch hier. Allen, den Menschen, dem Lande fehlt die wärmende Sonne. —

Fort denn aus Japan!

Ich hatte dort das alte Japan gesucht und gefunden. Das neue, das ich nun deutlicher sah und erkannte, hat doch so manche und nicht immer leichte Schatten im Bilde.

Es ist gewiß etwas Großes, etwas noch nie Dagewesenes, wenn ein Volk es fertig bringt, in wenig Jahrzehnten und ohne jede Revolution ein nach außen hin vollständig abgeschlossenes, mittelalterliches Feudalwesen in einen von allen Mächten anerkannten modernen Staat zu verwandeln. Daß die Japaner sich dieser Tat rühmen, daß sie stolz sind auf ihre Rasse und Kraft, ist selbstverständlich und sehr begreiflich. Aber dieser gute Stolz artete bereits vor so manchem Jahr in Überhebung, in Aufgeblasenheit aus. Der Japaner vergißt, daß er bis jetzt nur ein freilich ausnehmend geschickter Nachahmer westeuropäischer Werte und Dinge gewesen ist, daß er aber in dieser Hinsicht Selbständiges und Eigenes noch nicht geschaffen hat. Kluge und berechtigte Vorsicht wandelt sich häufig zu Mißtrauen und Spionenriecherei, gar zu gern wird auch mit List und Lüge gearbeitet. Den eidlichen Versicherungen eines japanischen Diplomaten wird man nicht leicht Glauben schenken dürfen, der japanische Kaufmann genießt bei seinen europäischen Kollegen keinen sehr guten Ruf. So kommt es, daß, während alle Touristen und Reisenden meist nur eine Stimme des Entzückens haben, all die Europäer, die in Japan lange zu leben gezwungen sind, sehr oft keineswegs begeistert von ihrem Aufenthalte und ihrer Umgebung sind.

Im Märchenland Nippon hat, gewiß nicht immer zum Vorteil des Landes, das nüchterne Europa seinen Einzug gehalten, hat da und dort bereits festen Fuß gefaßt. Schon erheben sich in der und jener Stadt rote Ziegelbauten und rußige Fabrikschlote, schon gibt es auch in Japan aus der rasch emporschießenden Industrie emporgewachsene, schwer zu lösende, soziale Fragen.

In den Hafenorten und Verkehrsmittelpunkten beginnen die Männer sich nach englischem Schnitt zu kleiden. Gottlob haben wenigstens die Frauen die ihnen herzlich schlecht zu Gesicht stehenden französischen Toiletten noch nicht angenommen, nur für die hoffähigen Damen ist europäisches Kleid vorgeschrieben. Ich wünsche der Japanerin auch nie, daß sie von ihrer jetzigen, hübschen und malerischen Tracht abgehen möge. Aber das kann man ihr von ganzem Herzen wünschen, daß ihre noch recht gedrückte und unfreie Stellung sich recht bald verbessern und heben möge. Sie würde es bei all ihren guten Eigenschaften wirklich verdienen! Hier könnte man den Japanern Nachahmung europäischer Sitte gewiß nur empfehlen.

Aber trotz dieses und jenes Schattens, den ich an Japan besonders gegen Ende meines Aufenthalts da und dort zu entdecken geglaubt, scheinen mir die Japaner als Volksgemeinschaft doch einer eingehenden Betrachtung und Beachtung wert zu sein. Abgesehen von ihren Künstlereigenschaften, ihrer Reinlichkeit, ihrer Naturliebe fällt ihr Patriotismus, ihr Rassegefühl und -bewußtsein auf. Auch die Ahnenverehrung des Japaners ist hier zu nennen. Unterstützt durch diesen Shintoismus, diesen Ahnen- und Naturkult, der neben einer Anzahl von Naturkräften die Kaiser und die hervorragenden Männer des Landes verehrt, baut sich auf ihr Familiensinn und Familientradition auf.

Was uns Deutsche anlangt, so liebte uns der Japaner längst vor dem Kriege schon nicht allzusehr. Der Friede von Shimonoseki nach dem Kriege mit China, bei dem wir Japan unnütz in die Arme fielen und es um die Früchte seiner Siege brachten, mag der Hauptgrund hierfür gewesen sein. Auch das von unsern Gegnern in Japan vielverbreitete Bild „Völker Europas, wahrt eure heiligsten Güter“ hat Schaden gestiftet. Ebenso die bei uns so häufig gebrauchte Bezeichnung als „gelbe Affen“. Durch solche Dinge wird weit mehr Unheil angerichtet als gemeiniglich geglaubt wird. Auch der Erwerb der Marianen und Karolinen, einer Inselwelt, die Japan vor der Türe lag, hat die Stimmung für uns nicht gerade verbessert. Noch mehr war dem Japaner lästig, daß wir uns in Kiautschou häuslich eingerichtet hatten. —

Zuneigung für uns Deutsche fand ich damals nur bei Leuten, die uns näher kannten, japanischen Offizieren, die längere Zeit bei uns gelebt und gelernt, bei Ärzten, bei Professoren, die ihre Studien in Deutschland gemacht hatten. — Im übrigen war es England bereits gelungen, seinen Bundesgenossen in das deutschfeindliche Lager hinüberzubringen. —

**
*

So will ich denn fort aus Japan, will wieder hinaus auf die rauschende See.

Schon im Laufe des Sommers hatte ich neue Pläne geschmiedet und war in Tokio zu einer japanischen Segelschiffahrts-Gesellschaft gegangen, der Hiki South Trading Company, die ab und zu einen kleinen Segelschoner nach den Marianen laufen läßt. Dampferverkehr ist von Japan aus nach dieser Inselgruppe überhaupt keiner vorhanden. Die Schiffsgesellschaft erklärte sich auch bereit, mich mitzunehmen, aber so oft ich vorsprach und fragte, die Abreise des Seglers wurde von Woche zu Woche hinausgeschoben.

Da kommt mir plötzlich der Zufall, endlich einmal wieder ein günstiger, zu Hilfe. Ich höre von einem deutschen Kaufmann, der einen japanischen Segler gechartert haben und nach den Marianen fahren soll.

Es ist wirklich so! ... Schon habe ich den Kaufmann aufgestöbert, schon sind wir auch einig.

Erstaunt und erfreut begrüßt er mich als den allerersten Globetrotter, der seit undenklicher Zeit, jedenfalls aber seit den zehn Jahren, die er auf den Marianen lebt, den Boden Saipans betreten wird.

Freilich, auf seinem Schiffe wird ebenfalls japanisch gekocht werden. Dafür wird es aber sehr billig sein. Der Fahrpreis beträgt, die Verpflegung eingerechnet, 25 Yen = 50 Mark. Sein Schiff ist auch nicht größer als mein zuerst in Aussicht genommenes, es faßt ungefähr 180 Tonnen, und ist wohl auch nicht besser. Keine Versicherungsgesellschaft nimmt diese kleinen japanischen Schoner auf. Acht Matrosen, Steuermann und Kapitän, sämtlich Japaner, er und ich, mit der heiligen Glückszahl „12“ werden wir auslaufen.

Aber mein Mundwerk braucht nicht vollständig einzurosten, und vor Saipan, der Hauptinsel der Marianen, werden wir noch an einigen andern ganz weltvergessenen Inseln anlegen.

Am nächsten Tag besuchen wir unser Boot. Schlank, mit drei hohen Masten, liegt die Tora Maru, das „Tigerschiff“, ruhig auf der stillen Flut des Hafens.

Ich besehe mir meine Kammer, die ich mir erst mit ein paar Decken zur „Schlafkabine“ werde einrichten müssen. Aufrecht kann man darin nicht stehen, wird nicht ausgestreckt darin liegen können. Aber was tut das für die paar Nachtstunden? ... Am Tage werde ich in die Sonne sehen! ...

Schon am 15. November — nein, das ist ein Freitag — am 16. November 1 Uhr morgens, infolge dieses Schifferaberglaubens, stechen wir in See. Ich habe gerade noch Zeit, ein paar Weihnachts- und Neujahrsbriefe zu schreiben und muß leider auch auf die Ehre und Freude verzichten, den Kaiser, den Sohn des Himmels, bei dem demnächstigen Staats- und Hofchrysanthemenfest von Antlitz zu Antlitz schauen zu dürfen! ...

Aber allzu stark lockt mich wieder das Meer, locken die blauen Fernen. Auf zu fröhlicher Fahrt! — —