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Sonnenländer

Chapter 13: 11. Agrigan.
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About This Book

Der Reisebericht schildert eine ausgedehnte Weltreise durch sonnige, tropische Regionen, beginnend mit einer Atlantiküberfahrt, Stationen in Kuba und Mexiko, Fahrt entlang Nordamerikas Küsten und Weiterreise nach Japan und in die Südsee. Kapitel dokumentieren Eindrücke von Landschaften, Städten, Hafenleben, Naturereignissen wie Überschwemmung und Erdbeben, Tempelfeste sowie Aufenthalte auf verschiedenen pazifischen Inseln (Marianen, Palau u. a.). Ergänzende historische und geografische Beobachtungen, Kartenskizzen und praktische Reiseepisoden verbinden persönliche Erlebnisse mit volkstümlichen und kulturellen Beschreibungen bis zur Heimreise.

11. Agrigan.

Am nächsten Tage nach dem verunglückten Delphinfang bekommen wir, ganz in der Ferne, die zweitnördlichste Marianeninsel zu Gesicht. Sie ist ein in der See halb versunkener Vulkankrater. Als „Urakas“ wird diese Insel gewöhnlich auf den Seekarten geführt.

Kurz nach Urakas laufen wir an einer andern Insel vorbei, dem von einer hohen, unruhigen See umspülten grünen Vulkaneiland Assumption (richtige Benennung: „Assongsong“). Beide Inseln sind unbewohnt und außer zahlreichen Seevögeln ist dort wohl auch wenig Tierleben zu finden.

Am nächsten Tage werfen wir vor der Insel „Agrigan“ Anker. Leider landen wir nicht in der erhofften, frohen Stimmung. Schon von ferne fielen die fahlen, gelben Grundtöne der Insel auf, und als wir näher kamen, sahen wir nichts als Verheerung und Zerstörung; geknickte, ihrer Blätter und Früchte vollständig beraubte Kokosnußpalmen, nicht in ihrem sonstigen saftigen Grün freundlich und lachend herüberleuchtend, alle gelb, welk und krank herschauend und viele der ganzen Länge nach auf den Boden hingemäht.

Der deutsche Kaufmann, der die Tora Maru gechartert hatte, hatte mit noch einem Teilhaber vier Marianeninseln, darunter auch Agrigan, vom Deutschen Reiche behufs Kopragewinnung gepachtet. Kopra nennt man die getrockneten Kerne der Kokosnuß, die nach Europa verkauft werden, wo Kokosnußöl und aus den Rückständen Viehfutter daraus gewonnen wird. Außer zwei eigenen Segelschiffen, die im Taifun ihm verlorengegangen waren, hatte ihm dieser bereits zwei Inseln im letzten Jahre vollständig zerstört, nun war die dritte ebenfalls zugrunde gegangen.

Als wir an Land kamen, sahen wir erst so recht, wie gewaltig der Orkan hier gewütet hatte. Die weithin gestreckte Pflanzung war ein einziges großes, trauriges Trümmerfeld. An keiner, keiner einzigen Palme mehr eine einzige Frucht, die Blätter gelb und zerfetzt, auf dem Boden in wirrem Durcheinander gefallene Stämme, abgerissene Blätter und Kokosnüsse, auf Jahre hinaus keine Ernte mehr zu erwarten. Die Palmhütten der Arbeiter niedergerissen, von dem festgefügten Koprahaus das Dach verschwunden, alle vier Wände niedergelegt.

Die Insel, die auf mehrere Jahre hinaus keinen Ertrag und keine Ernte mehr geben würde, mußte fürs erste aufgelassen und der größte Teil der Arbeiter davon zurückgezogen werden. In diesem Sinne gab der deutsche Kaufmann seine Anordnungen.

Nun begann in der vorher ganz stillen Ansiedelung sich plötzlich das regste und bunteste Leben zu entfalten. Die braunen, pudelnackten Karolinerkinder — außer einigen Chamorros, den Ureinwohnern der Marianen, sind fast sämtliche Arbeiter den auf Saipan ansässigen Karolinern entnommen — tollten in wilder Jagd hinter dem Geflügel, Hähnen, Hühnern und Enten, einher. Die Männer, ebenfalls fast ganz nackt, es waren kräftige und prächtig ebenmäßige Gestalten darunter, machten sich daran, die Schweine einzufangen, eine böse, schwierige und gefährliche Arbeit. Denn das Schwein hierzulande ist nicht so zahm, friedlich und gutmütig wie unser deutsches Hausschwein. Es verteidigt seine Freiheit mit allen Mitteln, und vor allem die großen schweren Eber sind böse und ungebärdige Gesellen.

In den auf hohen Holzpfählen stehenden, mit Palmblättern bekleideten und überdeckten Hütten sind inzwischen die Frauen an der Arbeit, die wenigen Familienhabseligkeiten in Kisten und Bündel zu packen und ihre Lawa-lawa, ein schurzartiges, die Lenden deckendes Bekleidungsstück, in der sie sich zuerst vorstellten, gegen irgendein grellfarbiges, leichtes Festtagskleidungsstück europäischer Machart zu vertauschen.

In kurzer Zeit sind alle Reisevorbereitungen beendet, die Arbeiterkolonie von Agrigan steigt mit ihren Tieren, Kisten und Bündeln zum Strande hinab.

Der deutsche Kaufmann und ich haben die Zwischenzeit dazu benutzt, uns an einigen Kokosnüssen und an einem Stück saftigen Schweinebratens zu erfreuen; man kann sonst nicht viel tun, denn das mannshohe, messerscharfe Savannengras macht jedes weitere Eindringen in die sonst gänzlich unbewohnte Insel fast unmöglich. Leider fehlten die Bananen und die Orangen — all das wurde auch vom Taifun zerstört —, aber dennoch hat mir noch kein Diner je so gemundet, wie nach langer japanischer Schiffskost dieser einfache, aber frische und schmackhafte Imbiß, bei dem die fehlenden alkoholischen Getränke sowie das ebenfalls ermangelnde Quellwasser eine Schale erfrischender Kokosnußmilch ersetzen mußte.

Als wir zum Strand hinabkamen, saß schon die ganze braune, bunt zusammengewürfelte Gesellschaft fröhlich schwatzend und scherzend im Sande und wartete der Einschiffung. Diese gestaltete sich infolge der Brandung etwas langwierig und schwierig. Für das Landungsboot ist es unmöglich, ganz ans Ufer heranzukommen. Die Männer waten und schwimmen hinaus bis zum Boot; Frauen, Kinder und sämtliches Getier werden hinausgetragen, wobei sich manche heitere Episode abspielt, wenn irgendeine höhere Brandungswelle die Träger samt ihrer Last teilweise oder auch ganz für ein paar Augenblicke in feuchtes, salziges Naß eintaucht.

Eine große allgemeine Fröhlichkeit erfaßt allmählich diese Menschen, die nun wieder bessere Tage vor sich sehen. Fast zwei Monate haben sie sich so ziemlich ausschließlich von Kokosnüssen genährt. Der Proviant war ausgegangen, alle Baum- und Feldfrüchte waren vernichtet. Hühner und Schweine waren in der Hauptsache Eigentum des deutschen Kaufmannes, des Aufsehers und einiger weniger, besser gestellten Arbeiter gewesen. So freuen sie sich jetzt der kommenden guten Zeiten.

Nur zwei Menschen sehe ich, die mitten in der allgemeinen Lustigkeit traurig sind, zwei schlanke, hübsche Karoliner: ein junger Mensch, Anfang der Zwanziger, und ein junges Mädchen, beide in Lawa-lawa und ein paar grüne Zweige in den schwarzen Haaren.

Er muß, da seine Arbeitskraft hier nicht mehr benötigt wird, nach Saipan zurückkehren, während sie in Agrigan zurückbleiben soll.

Sie lehnt und preßt ihren Kopf an seine Schulter, schluchzt bitterlich und hat die braunen Augen voll von großen schweren Tränen. Er hat ihre Hand gefaßt, drückt sie und starrt wortlos und düster in den Sand.

So stehen sie lange, stehen noch da, als unser Landungsboot schon weit in der See schwimmt, stehen als die letzten, die einzigen, am Ufer, die zwei braunen, jungen, schlanken, nackten Menschen mit dem lichten Baumgrün im dunklen Haar, beide ganz allein an der unendlichen tiefblauen See, die sich mit ihren weiten Wassern nun trennend zwischen sie legen soll, beide von Abschiedsweh durchzittert.

Plötzlich macht er sich entschlossen los, springt durch die Brandung und schwimmt mit starken, kräftigen Stößen, von der Dünungswelle bald hoch hinaufgetragen, bald in den Wogentälern versinkend, unserm Boote nach. Sie aber wendet sich kurz um und geht langsam, ohne noch einmal umzusehen, zu ihrer Hütte unter den entlaubten Palmen zurück. — —

Eine Stunde später lichten wir den Anker und segeln in den rasch herabsinkenden Abend hinein. Monate und Monate werden vergehen, bevor das weltvergessene Agrigan wieder ein Schiff zu Gesicht bekommen wird.