14. Saipan.
Auf Saipan und in dessen Hauptort Garapan gab es kein Gasthaus. Mir glückte es schließlich bei einem japanischen Kaufmann, namens Isoda, unterzukommen. Er war früher Dolmetscher beim deutschen Generalkonsulat in Jokohama gewesen.
Neben dem Hause, über den angrenzenden Hütten der Chamorros, ringsum, wohin man von breiter Veranda aus blickt, Palmen und Palmen. Wenn der Wind in den breiten Blättern liegt, hört sich das an wie das Rauschen eines großen unermeßlichen Waldes.
Nur zwanzig Schritt vom Hause entfernt beginnt der weiße Ufersand und weitere zwanzig Schritt das Meer, zuerst seicht und smaragdgrün. Weiter draußen dann ein weißer Silberschaum. Dort brechen die Wellen sich am Riff. Noch weiter draußen, außerhalb des Riffs, endlose, azurblaue Fläche.
Sehr schön ist es, wenn die Sonne im Westen gesunken ist, wenn nur noch ihr Widerschein mit blassem und doch hellem Licht durchs Ufergrün irrt und oben am tiefblauen Firmament die sanftroten Windwolken ziehen.
Wird es dunkler, singen sie in den Hütten, heute in der und morgen in jener, altspanische Kirchenmelodien. Es ist gerade „Novena“, das heißt die neun letzten Tage vor einem größeren Kirchenfeste. Und die feiern sie auch heute noch so, wie die spanischen Mönche sie es gelehrt haben.
Man merkt es dem Gesange der Chamorros nicht allzu schwer an, daß nicht recht viel Andacht bei der Sache ist, daß es vielmehr die Freude am Gesange ist, die ihnen die Feier lieb und wert macht. Aus der Ferne klingt es ganz hübsch und bringt Stimmung in die Landschaft.
Aber dann — dann wird es still! ...
Still stehen die schlanken, hohen Stämme, still ruhen die breiten Kronen der Palmen. Nachtschwarz und still — kaum zu sehen, schlafen die Hütten im weichen Ufersand. Still ist die See und dunkel, bloß ein schmaler Streif erglänzt matt im fahlgrünen, von Wolkenschleiern halbverdeckten Mondlicht. Die Sterne schimmern hell durchs schlanke Blattwerk der Palmen. Nun beginnt auch auf der See ein großer Stern aufzuleuchten — und dann noch einer und noch einer — bis es wohl an hundert sind.
Und lautlos wie hundert Irrlichter gleiten die hundert Sterne da und dort hin über die dunkle, nachtschwarze See. Karoliner sind es, die in ihren Kanoes bei Fackellicht fischen.
Aber man sieht nicht die Boote, hört nicht die Menschen. Nur die Lichter ziehen — wie die Sterne über den Himmel — lautlos ... zitternd über das Meer.
„Südsee.“ Nun bin ich wirklich da.
„Südsee!“ Schon in Wort und Namen liegt ja für uns Menschen der nördlich gemäßigten Zone ein starker und verlockender Klang. Wenn der Wintersturm pfeifend über die Dächer fegt und klirrend an den Fensterscheiben rüttelt, wenn in den nebelgrauen Städten unter Rauch und Dunst die Sonne gestorben ist, dann träumt man von schimmernder Lampe und warmem Ofen sich über Berge und Meere in ferne Länder hinweg, die keinen Herbst und Winter kennen.
Ewiger Sommer, strahlende Sonne über uns. Blumen, Blüten und Früchte. Nacktbraune Menschen an stillem Palmenstrand, und ringsum das Meer, das raunende, rauschende, in dunkelblau wallendem Kleide unruhevoll hin und her wandernde Meer, das sich mit einem leuchtenden Halsband smaragdgrüner Korallenriffe festlich geschmückt und heiter lächelnd auf sein ewig jugendschönes Haupt eine strahlende Diademkrone von Millionen funkelnder Brillanten gedrückt hat, von Millionen in allen Farben blitzender und erschimmernder Tropfen, die von dem schneeweißen Gischt der wuchtigen Brandungswoge ins lachende Sonnengold hoch emporgeschleudert werden.
So träumt man. — Wenn man dann wirklich den Fuß auf die erste Palmeninsel gesetzt hat, wenn man zum erstenmal faul im weichen Ufersand sich reckt und streckt oder sich von lauer, sonnendurchwärmter Flutwelle vergnüglich auf und ab schaukeln läßt, so sagt man sich froh und zufrieden, daß das Bild paradiesischer Idylle, das sich Traum und Phantasie zurechtgesponnen, nicht, wie so oft, schöner und lockender als die erdgeborene Wirklichkeit gewesen ist.
Im Gegenteil! ... Der Phantasie haben des Lebens leuchtende Farben doch nicht so ganz zur Verfügung gestanden. Viel zu nüchtern und grau — zu kalt und nordisch hat sie gemalt. Schon der Grundton war falsch. Und der heiße Farbenrausch ringsumher, dies unendlich mächtige Sonnenlicht, diese taghellen, weißsilbernen Mondnächte, die Feuerglut der Gestirne, das alles läßt sich nie erdenken und erdichten. Man muß es sehen und schauen.
Halb andächtig, halb übermütig blickt man umher. Lachender Lebenssonntag um und in uns. Leib und Seele wurden in einem Jungbrunnen gebadet, Wegstaub und Erdenschwere sind weggewaschen. Man meint, auf höherer, freierer Warte, man glaubt, näher der Sonne zu stehen.
Und — während man selbst den Puls rascher und freudiger schlagen, das Blut heißer durch die Adern jagen fühlt, hört man rings um sich die lange auf diesen Inseln lebenden Europäer alles Mögliche über die Entbehrungen und Strapazen ihres Lebens klagen und fabeln. Aber man lächelt nur ungläubig dazu. Denn selbst ist man ja so ganz erfüllt von Freude, daß man am Abend keinen Schlaf finden kann, weil man sich zu schwer von all der Pracht trennt, daß man mit einem frohen Willkommen das Morgengrauen und den ersten Sonnenstrahl begrüßt, die uns wieder zum Bewußtsein all der Herrlichkeiten erwachen lassen.
Früh schon wird es Tag im Dorf Garapan. Es ist noch dunkel, da beginnen schon die Hähne zu krähen. Aber nicht der eine oder andere nur, Hunderte und Hunderte von Hähnen. All die vielen, vielen Kampfhähne der Chamorros und Karoliner lärmen um die Wette, ganz Garapan scheint ein einziger, großer Geflügelhof geworden zu sein. An Schlaf ist da, wenigstens in den ersten Tagen, nicht mehr zu denken.
Auf denn! Zuerst nehme ich ein Morgenbad im klaren Meer. Dann wandere ich ziellos der See entlang, wo unter hohen, schattigen Palmen die Hütten des immer vergnügten Karolinervölkleins liegen; Männer, Weiber, Kinder, Kühe, Schweine und Hühner wimmeln da lustig durcheinander. Reiches Leben auch im warmen Ufersande. Von den großen Krabben bis zum kleinen Einsiedlerkrebs, eine unendlich bunte und mannigfaltige, lebhaft dahinlaufende und kriechende Tierwelt.
Fort nun vom Meere und mitten in den grünen Busch, in die Savannen hinein. Überall gibt es auch hier Neues und Seltsames zu sehen, weite Tarofelder und lichte Bananenwälder, verschlungene Lianen, herrliche Orchideen und verschiedenartigste Drazänen. Eine neue seltsame Welt ist aus der rauschenden See vor mir emporgetaucht.
Am ersten Tage meines Aufenthaltes werde ich auch schon mit allen auf Saipan lebenden Deutschen bekannt. Da ist ein Stationsleiter, ein Lazarettgehilfe, zugleich auch Befehlshaber und Kommandant der braunen, mit roter Lawa-lawa bekleideten Polizeitruppe, ein Weg- und Plantagenaufseher, ein deutscher Lehrer, dessen Schule ich besuche. Frisch und lustig stehen die gelben Chamorro-, die braunen Karolinerkinder Red’ und Antwort, und zum Schlusse singen sie sogar einige Lieder.
Hell und jauchzend klingt das alte Volkslied in den Palmenwald der Tropen hinein.
Außer den vier eben genannten und vom Reich angestellten Persönlichkeiten noch zwei deutsche Kapuzinerpatres, welche die frühere spanische Mission übernommen haben, ein deutscher Pflanzer und der deutsche Kaufmann, mit dem ich von Jokohama gekommen bin. Zur Zeit meiner Anwesenheit waren auf Saipan auch noch zwei deutsche Frauen.
Da auf allen andern Marianeninseln keine Deutschen lebten, waren also damals nur zwei dem Privaterwerb nachgehende Deutsche auf der Inselgruppe. Und selbst diese beiden klagten. Außer der Kopra, dem getrockneten Kern der Kokosnuß, ist eben wenig auszuführen. Die Kokospalme kommt nun an und für sich recht gut fort, wenn nicht die immer wiederkehrenden Taifune wären, die alle paar Jahre die Ernte sowie den Palmenbestand der oder jener Insel vollständig vernichten.
Beim Durchwandern der breiten Straßen von Dorf Garapan fällt mir vor allem die große Verschiedenartigkeit der Häuser und Bauwerke auf. Die Chamorros und die von ihnen beeinflußten Karoliner stellen ihre Wohnhäuser auf in den Erdboden gerammte Holzpflöcke und decken sie mit Palmstroh oder den getrockneten Blättern des Pandanusbaumes ein. Fußboden und Wohnraum befinden sich einen Meter über der Erde; der freie Raum darunter dient Hühnern und Schweinen als Aufenthalt.
Am lebhaftesten geht es in Dorf Garapan am Abend her, wenn der Glutball der Sonne nach heißer Tagesreise im Meer sich kühlen will. Auf ihren zu Reittieren dressierten Ochsen kommen in raschem, schlankem Trabe die Karolinerjungen vom Felde herein geritten, langsamer folgen die Weiber, sitzend auf einem kurzen, ebenfalls von Ochsen gezogenen Karren, dessen Räder oft nur aus zwei kreisrunden, massiven Steinplatten bestehen.
Wie ein Bild aus dem antiken Griechenland sehen besonders die Gefährte mit den Steinrädern sich an. Die Zugtiere gehen nach uralter Sitte unter dem Joche. Die schlanken, fast unbekleideten Mädchen und Frauen haben ihr dichtes Schwarzhaar mit einigen Blumen geschmückt oder auf die Stirne sich einen grünen Laubkranz gedrückt. Harmonisch und ebenmäßig meist ihr Körperbau, ganz ungemein fein und zart ihre Fesseln und Gelenke, sehr klein die Hände, zierlich die Füße.
Ich habe verschiedene Schildpatt- und Muschelarmreife, wie sie diese Karolinerfrauen tragen, mit nach Hause gebracht. Keiner Europäerin wird es gelingen, sie über ihre Hand zu streifen.
Auch die mehr einem beschaulichen Nichtstuerleben huldigenden Chamorros kommen gegen Abend aus ihren Häusern hervorgekrochen. Die Männer paradieren in weißen Leinenanzügen; die Frauen, ebenfalls weiß gekleidet, geben sich besonders an Fest- und Feiertagen sehr prächtig, tragen kostbare Spitzentücher aus Manila, rote Strümpfe und weiße, absatzhohe Atlasschuhe, während ihre Kinder — im Gegensatz zu den ganz nackten, kleinen Karolinern — bis zu ihrem achten oder zehnten Lebensjahr oft nur in ein weites Hemd gehüllt herumlaufen ...
Am Feierabend findet auch vor der oder jener Hütte eine Vorprobe zum sonntägigen Hahnenkampfe statt, in einem andern Hause erklingt irgendein Musikinstrument und, wenn es Nacht und noch kühler wird, gibt auch mancher in besseren Verhältnissen lebende Chamorro einen kleinen Ball — für Tanz und Gesang sind die Chamorros immer zu haben.
Die Karoliner wiederum teilen sich mit den Ureinwohnern der Inseln wohl in die Freude an den Hahnenkämpfen, im übrigen sind sie in ihren freien Stunden leidenschaftliche Fischer und Jäger, Segler und Seefahrer.
Das Interessanteste, was ich von Fischerei auf Saipan zu Gesicht bekommen, war ein großer Delphinfang. War da eine Herde Delphine oder Schweinsfische, neugierig wie sie immer sind, in das Riff hereingekommen. Flugs hatten die flinken Insulaner ihnen mit ihrer gesamten Kanoeflottille den Ausweg in die freie See versperrt und trieben nun unter lautem Hallo und Geschrei die mächtigen Tiere langsam aus der Tiefe auf den flachen Strand, wo sie kurzweg gepackt und ganz ans Land geschleppt wurden. Das war ein großes, großes Fest fürs Karolinerdorf. Fette Braten standen in Aussicht. Männer und Knaben trugen die Beute in den Schatten der Palmen, die Weiber führten einen von ganz seltsam weichem und melodischem Gesange begleiteten Dank- und Freudentanz auf. —