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Sonnenländer

Chapter 17: 15. Tinian, die Jagdinsel.
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About This Book

Der Reisebericht schildert eine ausgedehnte Weltreise durch sonnige, tropische Regionen, beginnend mit einer Atlantiküberfahrt, Stationen in Kuba und Mexiko, Fahrt entlang Nordamerikas Küsten und Weiterreise nach Japan und in die Südsee. Kapitel dokumentieren Eindrücke von Landschaften, Städten, Hafenleben, Naturereignissen wie Überschwemmung und Erdbeben, Tempelfeste sowie Aufenthalte auf verschiedenen pazifischen Inseln (Marianen, Palau u. a.). Ergänzende historische und geografische Beobachtungen, Kartenskizzen und praktische Reiseepisoden verbinden persönliche Erlebnisse mit volkstümlichen und kulturellen Beschreibungen bis zur Heimreise.

15. Tinian, die Jagdinsel.

Auch jagdlich Interessantes sah ich auf den Marianen, und zwar auf der Nachbarinsel Saipans, auf Tinian. Ein altes, ausgedientes Walfischfängerboot fährt von Saipan aus ab und zu nach dieser Insel. In den ersten Morgenstunden, es ist noch dunkel, gehen wir in See. Ein gerade auf den Marianen anwesender, von den Westkarolinen gekommener deutscher Kaufmann, ferner der Alkalde und Bürgermeister von Saipan, ein Chamorro, der die Jagd auf Tinian gepachtet hat, machen die Reise mit. Auch ein kleines Chamorromädchen hat sich angeschlossen.

Von fünf Ruderern wird das offene Boot vorwärts getrieben. Mit aller Kraft müssen sie einsetzen, um uns durch die scharf und hoch heranrollende Brandung ins freie Meer hinauszubringen. Draußen eine ruhige Dünung, die mit breiten, langen Wogen dahergezogen kommt. Wie Berg und Tal sieht die See sich an, wie ein mächtiger, schlafender Wasserriese, dessen Brust sich in starken, tiefen Zügen hebt. Köstlich rein und klar der Tag. Alle sind froh und bester Dinge mit Ausnahme des armen Alkalden, der bereits in der ersten Viertelstunde schwer seekrank geworden ist. Gegen Mittag landen wir in Tinian und richten uns in dem kleinen Jägerdorfe der Karoliner so gut es geht häuslich ein. Der Alkalde hat uns eine winzige und höchst primitive Jagdhütte zur Verfügung gestellt.

Im Morgengrauen des nächsten Tages brechen wir auf zur Jagd auf die Wildochsen. Neben den Hütten beginnt schon der Busch. Dieser Busch Tinians ist so dick und dicht, so ganz undurchdringlich, daß wir trotz aller mitgeführten und eifrig gehandhabten Buschmesser oft zu gleicher Zeit mit Kopf, Hals und Brust, Armen und Beinen in böses Gerank und Gezweig schier unlöslich verstrickt sind. Stundenlang heißt es gebückt und ohne sich frei aufrichten zu können, von tausend Dornen und Nadeln zerstochen, in allerschwülster und feuchtester Treibhausluft dahinkriechen und sich mühseligst vorwärtsarbeiten. Bald ist mein leichter Leinenanzug nichts mehr als ein nasser Lappen. Brennender Durst peinigt mich. Mit kleinen, da und dort aufgelesenen Zitronen lösche ich ihn, so gut ich kann.

Plötzlich etwas Weißes, kaum für einen Augenblick zu sehen, ein schönes, großes, prächtiges Tier, das in wilder Flucht schon wieder verschwunden ist. Niemand — selbst die eingeborenen Jäger nicht — ist in dem Dickicht zu Schuß gekommen. Aber der Führer unserer Jagdgesellschaft, ein Chamorro, hat sich jetzt rasch von uns losgelöst und eilt, kriecht und springt, so rasch er nur kann, durch Busch und Unterholz dem entkommenen Wildochsen nach. Uns zwei Europäern ist es ganz und gar unmöglich, so schnell zu folgen. Mühselig und langsam arbeiten wir uns weiter. Plötzlich ein Schuß, der donnernd durch die große Stille des Busches rollt. Aber noch lange haben wir zu tun, bis wir an die Stelle gelangt sind, wo der Chamorro seine Kugel abgeschickt hat. Ganz schlank und schneeweiß, wie ein seltsames Märchengetier verzauberten Urwaldes, liegt das im Schuß gefallene Wild auf nasser, schwarzer Erde. Als ob es noch lebte, so klar und sprechend blicken die großen, blauen Lichter. Geheimnisvoll dunkel ist es unter den schweren Wolken des dichten Blattwerks. Kein Sonnenstrahl kann da hindurch. Große breitflügelige Falter mit lichthimmelblauen Sternchen im nachtschwarzen Flügelkleide flattern ängstlich umher. Laut und begehrlich heulen in nächster Nähe, Fraß erhoffend, hungrig die wilden Hunde ...

Erst am Nachmittag kommen wir wieder in das Dörflein zurück und erfreuen uns an einem Bad in bergseeklarer Meeresflut. Der Alkalde und das kleine Chamorromädchen, das mit uns herübergefahren, haben inzwischen für das Mittagessen gesorgt. Der gute Bürgermeister von Saipan war nicht bei der Jagd dabeigewesen. Er lehnte stets energisch jede solche Einladung ab. „Einmal und nicht wieder“, meinte er verständnisvoll lächelnd. Dafür aber war er sonst in die Gewohnheiten seiner Ahnen zurückgefallen, hatte sich seines weißen Leinenanzuges entledigt und zeigte sich auf Tinian nur mehr in der Badehose.

Die Wildochsen — es sind wohl Nachkommen einmal von den Spaniern hierher gebrachter und allmählich verwilderter Tiere — werden meist gedörrt und dann nach Guam ausgeführt, während sonstiges Wild nach Saipan gebracht wird. Es gibt ja noch alles erdenkliche andere Jagdbare auf der Insel, ganz ungemein viele Wildschweine, Ziegen mit mächtigem Gehörn, Wildhühner und alle möglichen Wasservögel, auch wilde Hunde sind zahlreich vertreten. — Weitaus am interessantesten, aber unendlich mühselig, eine ganz unglaubliche Hetze, ist die Jagd auf die Sauen. Sie müssen, um bei der starken Tropenhitze noch Verwendung finden zu können, lebend gefangen und lebend nach Saipan gebracht werden.

Mit einer höchst abenteuerlichen Meute zieht man aus, alle möglichen Nachkömmlinge europäischer Hunde sind da vorhanden, alle nur denkbaren Gattungen, Arten und Mischrassen. Selbst winzige Foxterriers fehlen nicht. Der Bestand der Meute wird je nach Bedarf auch aus den wilden Hunden des Busches, die mit einem Lasso gefangen, bald durch Hunger und Durst gezähmt werden, ergänzt. Mit Hussa und Hallo geht es hinter den Schwarzröcken einher, geht in einem derartig tollen Sturmtempo durch den allerverwachsensten Busch, daß ein Europäer mit den nacktbraunen Jägern auf die Länge nie und nimmer Schritt halten kann. Ist das Schwein von den Hunden gestellt, so wird es von den Karolinern geworfen und gebunden. Aber manch armer Hund stirbt dabei unter den Waffen der starken Keiler, mancher der verwegenen Jäger wird tödlich verletzt.

Für das gefangene und gefesselte Wildschwein beginnt nun ein langes, trauriges Martyrium. Tagelang liegt es, ohne sich bewegen zu können, ohne je Wasser zu bekommen, von Milliarden von Fliegen übersät und gepeinigt, im Jagddorf der Karoliner und, nach Saipan gebracht, tagelang in den Höfen der Chamorros herum, bis es endlich von seinen Qualen erlöst wird.

Wenig anstrengend, wenig gefährlich und dabei doch recht unterhaltend ist die Hahnenjagd auf Tinian. Der Jäger nimmt einen zahmen Haushahn mit, der im Walde irgendwo angebunden wird. Durch sein Krähen hat er bald einen Wildhahn angelockt. Ein wütender Kampf entspinnt sich, und der Jäger braucht den vor Wut vollständig blinden Wildhahn nur zu greifen.

Ich war auf Tinian meist recht müde am Abend. Die paar Jägerhütten der Karoliner versinken bald in Schlaf und Schweigen. Grenzenlose Einsamkeit, tiefste Nachtstille ringsum, nur leise durchzittert vom müden Branden des Weltmeeres, durchklungen vom silbernen Rauschen der Palmen. Im dichten Busch flutet hellstes, schneeweißes Mondlicht.

Man kann nicht schlafen in solchen Nächten, zu taghell ist es, zu laut, immer lauter und lauter rauschen die Palmen. Der Nordostpassat hat an ihnen gerüttelt. Da sind die toten Waldriesen plötzlich wach und lebend geworden. Vorbei der dumpfe, bleischwere Tropentagesschlaf. Sehnsüchtig und leidenschaftlich strecken sie nach Brüdern und Schwestern die schlanken Arme aus. Geisterstunde im Palmenwald! Und nicht nur die Bäume, das kleinste Gras, der kleinste Halm ist lebend geworden, hat zu flüstern, zu raunen, zu rufen begonnen. Geheimnisvolle Stimmen und Stimmchen allüberall. Wie verzaubert stehen Dickicht und Dorn, wie überschüttet von dichtem, weißem Winterschnee. Ängstlich blicken die braunen Mädchen und Frauen, wagen sich nicht von den Hütten fort, rasch und eilig nimmt der Mann, die flackernde Fackel in der Hand, durch den gespensterbelebten Busch seinen Heimweg.

Ich blieb mehrere Tage in Tinian. Der Aufenthalt dort hat ja mancherlei kleine Beschwerden. Es geht selbstverständlich mehr als einfach her. Eine gewisse Unannehmlichkeit bedeuten die Ratten, die in übergroßer Anzahl vorhanden sind. Ich wurde am Abend ermahnt, mir ja sorgfältig die Hände zu waschen, damit ihnen kein Speisengeruch anhafte, sonst würde ich höchstwahrscheinlich von den zur Nachtzeit sehr zudringlichen Tieren angenagt werden. Eine weitere Landplage sind die Fliegen. Zu Milliarden und Milliarden sind sie da. Oft ist die Luft ganz schwarz von ihnen, die in der Mitte des Dörfleins liegende Knochen- und Schädelstätte ist dicht von ihnen übersät, es ist kaum möglich, sich ihrer zu erwehren.

Aber dennoch blieb ich gerne. Eine solche Stille auf diesem weltverlorenen Inselchen mitten im großen Ozean, wie ich sie noch nicht gekannt. Ich fühlte mich ganz und für immer ausgeschaltet, losgelöst vom Getriebe und Räderwerk der hastenden, lärmenden, nie zur Ruhe kommenden Welt, eins fühlte ich mich mit Himmel, Erde und Meer, eins mit großer, ewiger Natur.

An der See, unter den Palmen hab ich meinen Lieblingsplatz. Zweimal am Tage steig ich in die kristallklare Flut. Wenn ich dem Ufer entlang pilgere, verschwindet plötzlich der weiche Sandstrand, an seine Stelle tritt steil ins tiefblaue Meer abstürzender Basaltfels. Ganz am Gestade ab und zu auch bergseegrüne Färbungen. Große, schwarze Meerschnecken kriechen auf dem Grunde dahin; reizende azurblaue, lustige Fischchen huschen spielend um weiße Korallen herum und weiter draußen taucht manchmal der sattbraune Rücken eines springenden Delphins auf.

Mehr landeinwärts, mitten im dichten Busch spricht sogar — wie selten ist das in der Südsee — die Geschichte. Graue, mächtige Säulen ragen mit breiten, schweren Kapitellen, wie von gewaltigen Riesen und Hünen der Urzeit getürmt, aus dem rings sie umwuchernden, sich an ihnen emporschlingenden Blatt- und Baumgrün empor, Reste eines Chamorro-Edelsitzes. Zwölf dieser wuchtigen Korallensteinsäulen, je sechs in einer Reihe stehend, trugen das Haus; auf Säulen und Kapitellen ruhte in freier, luftiger Höhe erst der eigentliche Wohnraum; zwischen den Trägern und Pfeilern, unter dem Wohnraum, war der Stall, die Scheune, der Aufbewahrungsort für Ackerbau-, Jagd- und Fischereigeräte. Vornehm und prächtig haben die Herrengeschlechter der Chamorros gewohnt.

Nur zwei der altehrwürdigen Säulen stehen heute trotzig und einsam noch da. Die andern zehn sanken, von Taifunen und Erdbeben zu Boden geschmettert. Um das wilde Steinchaos ihrer Riesenleiber haben dichte Lianen einen grünen Garten gesponnen; kein Laut, kein Vogelgezwitscher an dieser ernsten Stätte des Todes, ringsum nur das tieftiefe, ergreifende Schweigen des Tropenwaldes. Über den Kronen der Palmen zieht ein fliegender Hund scheu seine Kreise.

Nie mehr werden diese starken Säulen in alter Pracht sich wieder emporrecken. Denn das heutige Chamorrovolk hat in dumpfer Zeit der Knechtschaft wie fast alle seine andern Tugenden so auch die Kunst, solch mächtige Säulenpaläste zu türmen, vollständig vergessen und verlernt. Nur auf niederen, schwächlichen Holzpflöcken erhebt sich das ärmliche Haus des heutigen Chamorros. — —

Rasch sind die Tage vergangen und allmählich wird es Zeit, nach Saipan zurückzukehren. —

Auf der Heimreise von Tinian gaben mir die Karoliner noch eine Vorstellung als Schwimmkünstler und gute Seefahrer.

Am Vorabend unseres Abfahrtstages war noch auf der Saipan zunächstliegenden Landspitze gejagt worden, und wir kamen im Morgengrauen, den Jägern die gefangenen Sauen abzunehmen. Ein Landen war wegen der starken Brandung ausgeschlossen, und so brachten die braunen Jäger die gefesselten Schwarzröcke schwimmend mitten durch die hohe Brandung nach unserm Boote. Auf demselben langen, langen und beschwerlichen Wege kamen sie auch — schwimmend und ihn auf ihren Händen herübertragend — mit einem der Ihren an, einem hübschen, schwer verletzten Karolinerjungen, dem ein wütender und ausbrechender Keiler den Leib durchstoßen und aufgeschlitzt hatte.

Schwer und wuchtig stampft unser mit Ochsen und vielen Sauen gefülltes und überladenes Boot wieder in die freie See hinaus. Es wird ein böses Fahren. Sturmböe nach Sturmböe jagt von Nordosten heran und geht heulend auf unser offenes und ungedecktes, nur von fünf Ruderern getriebenes kleines Fahrzeug nieder. Gewaltig türmt sich, vom Winde wild aufgerüttelt, die See empor, und von den Gigantenrücken der schwarz und finster daherrollenden Wogen werden wir fast senkrecht in die Höhe geschleudert. Kalt peitscht der Regen uns ins Gesicht, Sturzwellen schlagen krachend ein, der am Bug untergebrachte, verletzte Karoliner wimmert — wir wissen nicht, ob wir ihn lebend hinüberbringen —, und laut befehlend übergellt Wogendonner und Sturmgetöse die heisere, rauhe Stimme des Steuermanns.

Erst nach vielen Stunden mühseligen Kampfes gelingt es uns, glücklich in das schützende Riff Saipans einzulaufen.

Unser verwundeter Jäger wird zum Lazarettgehilfen gebracht; er ist dank seiner ganz harten und zähen Natur schließlich auch mit dem Leben davongekommen.

Der arme Alkalde, den wir ebenfalls mehr tot als lebend in Dorf Garapan ablieferten, hat sich auch bald von seiner schweren Seekrankheit erholt.

Das alte Walfischfängerboot, mit dem ich diese Reise gemacht, ist wenige Wochen später in dem stets unruhigen Kanal zwischen Saipan und Tinian gesunken und in die Tiefe gegangen.

Auch mir persönlich sollte der Jagdausflug nach Tinian nicht allzu gut bekommen.

Durchnäßt von den ständig übergehenden Brechern, rechnend auch mit der Möglichkeit, daß unser Boot dem Ansturm der mächtigen Wogen auf die Länge vielleicht nicht gewachsen sein könnte, hatte ich es wie unsere braven Ruderer gemacht und mich während der Fahrt in Adamskostüm geworfen.

Diese Tracht ist nun wohl den braunen Insulanern, deren Haut von Jugend an durch Sonne und Seeluft gegerbt ist, nicht aber uns Europäern gestattet. Obgleich die Sonne während des ganzen Tages kaum je richtig das Gewölk zerreißen konnte, war die Lichtwirkung ihrer Strahlen doch so stark, daß meine Haut überall, wo sie ihnen frei ausgesetzt gewesen, verbrannt war. Die ersten Nächte wußte ich nicht, wie und wo liegen. Und nach wenigen Tagen, als die ersten, ziemlich starken Schmerzen wieder verflogen waren, konnte ich die verbrannte Haut wie trockene Pergamentstreifen vom Körper abziehen.

Eine gute Lehre für die Zukunft! Wir Europäer unterschätzen im Anfang immer die Wirkungen der Tropensonne. Man kann zufrieden sein, wenn man bei solchen Unvorsichtigkeiten noch so glimpflich davonkommt und nicht schwerer bestraft wird. — —