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Sonnenländer

Chapter 18: 16. Auf dem „Condor“.
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About This Book

Der Reisebericht schildert eine ausgedehnte Weltreise durch sonnige, tropische Regionen, beginnend mit einer Atlantiküberfahrt, Stationen in Kuba und Mexiko, Fahrt entlang Nordamerikas Küsten und Weiterreise nach Japan und in die Südsee. Kapitel dokumentieren Eindrücke von Landschaften, Städten, Hafenleben, Naturereignissen wie Überschwemmung und Erdbeben, Tempelfeste sowie Aufenthalte auf verschiedenen pazifischen Inseln (Marianen, Palau u. a.). Ergänzende historische und geografische Beobachtungen, Kartenskizzen und praktische Reiseepisoden verbinden persönliche Erlebnisse mit volkstümlichen und kulturellen Beschreibungen bis zur Heimreise.

16. Auf dem „Condor“.

Sailor! sailor!“ riefen auf dem Strande Saipans eines Morgens die Karoliner, „sailor“ riefen die Chamorros, „sailor“ schrien am Ufer lustig hin und her springend die braunen, nackten Kinder.

Sailor!“ ... Der laute, freudige Ruf durchflog mit Windeseile die stillen Straßen des Dorfes Garapan. —

Sailor — ein Schiff! ... Und noch dazu ein deutsches Kriegsschiff!

Mit größter Pünktlichkeit war der in Sydney stationierte deutsche kleine Kreuzer „Condor“ in aller Morgenfrühe seines angesagten Ankunftstages vor Saipan eingetroffen.

Es ist das ein großes Ereignis für eine Insel, die nur ein paarmal im Jahre flüchtig einen Postdampfer und sonst nur noch einige japanische Segelschoner zu Gesicht bekommt. Erwartungsvoll flogen die Augen hinüber zu dem schneeweißen Schiff, das weit draußen, in tiefer, blauer See, außerhalb der grünlich herüberleuchtenden gefährlichen Korallenriffe Anker geworfen hatte.

Doch bereits am Nachmittag dampfte der „Condor“ wieder weiter, den nördlichen Marianeninseln zu, um den auf Agrigan und Pagan erwachsenen Taifunschaden festzustellen.

Aber er kam wieder und blieb dann einige Tage in Saipan.

Viel konnte Dorf Garapan den fremden Gästen nicht bieten. Seit drei Monaten war kein Postdampfer mehr hier gewesen, alle Vorräte waren auf die Neige gegangen und, wenn nicht unser Segelschoner verschiedene Bierkisten mitgebracht hätte, hätte man sogar vollständig auf dem Trockenen gesessen.

Zum Abschied fand am letzten Abend in einem Chamorrohaus ein kleiner, improvisierter Hausball statt, zu dem man in aller Eile die bräunlich-gelben Schönheiten Garapans zusammengetrommelt hatte.

Als dann der „Condor“ von neuem in See stach, befand auch ich mich an Bord. Der Kommandant hatte die große Liebenswürdigkeit gehabt, mich mitzunehmen und ermöglichte es mir so, Rota zu sehen, sowie nach den Westkarolinen und Palauinseln zu kommen.

Es ist ein ganz großer und seltener Glücksfall, wenn man da unten in der Südsee solch eine plötzliche und unerwartete Fahrgelegenheit findet. Man kann Monate, man kann auf vielen, entlegenen Inseln sogar jahrelang sitzen, ohne irgendwelche Möglichkeit des Fortkommens zu finden.

Die Karoliner allerdings machen, sicher nach Sonne und Sternen steuernd, die tollkühnsten und waghalsigsten Fahrten von Insel zu Insel. Doch von so mancher Kanoeflottille, die da aussegelt, gelangen oft nur wenige Fahrzeuge ans Ziel. Die andern sinken, wenn allzu hohe und böse See aufkommt, leck und mit zertrümmertem Ausleger in die Tiefe, oder sie werden auch von Sturm und Strom ins Unermeßliche verschlagen. Nicht selten sterben die wackren, braunen Seefahrer Hungers, oder sie erliegen langsam der Erschöpfung. Entsetzliche Schreckensszenen spielen sich auch heute noch häufig in der großen Verlassenheit des Stillen Ozeans ab.

Wasser und Wasser — leicht zerbrechliche Kanoes — von einem Europäer wohl für kürzere Fahrten, doch nie zu Reisen von endlosen Wochen benützbar: doch nirgends, nirgends ein Schiff!

Dem „Condor“ aber bin ich zu um so größerem Danke für seine Freundlichkeit verpflichtet, weil eigentlich auf einem Kriegsschiff, und noch dazu auf einem kleinen Kreuzer, keinerlei Platz für irgendwelchen Passagier ist.

Eine nicht geringe Strapaze, bei vieler Schönheit, die man sah, bedeutete solch eine Jahresfahrt des „Condor“.

War er doch der allereinzigste in den australischen und Südseegewässern stationierte deutsche Kreuzer und hatte in diesem einen Jahre, wo ich ihm begegnete, Neuseeland, Samoa, Tahiti, Fidschi, Honolulu, die Marschallinseln, die Karolinen-, Marianen-, Palauinseln, Neuguinea und den Bismarck-Archipel besucht, hatte also in rund zehn Monaten die gewaltige Strecke von 20 000 Meilen gefahren.

Kam noch dazu, daß er auf fast allen deutschen Inselgruppen irgendwelche unerwartete Arbeit vorfand, daß neue Fahrten und Reisen eingeschoben werden mußten, die dann wieder in der Zeit, für die man sich Ruhe und freie Tage erhofft hatte, zur Erledigung zu kommen hatten.

Der Dienst unserer in den heimatlichen Gewässern stehenden Kriegsschiffe war bekanntlich sehr schwer und äußerst anstrengend. Aber auch das Wanderleben unserer blauen Jungens da draußen bedeutete viel mehr Mühe und Arbeit, als man bei uns zu Hause meist glaubte. Ganz abgesehen von dem regelmäßigen Schiffsdienst auch noch viel anderer: Geschütz- und Gewehrexerzieren, Schießübungen, wenig angenehme Erkundungs- und Vermessungsfahrten, Segelmanöver und Reinigungsarbeiten.

Dazu die ermüdende Bewegung des Schiffes selbst, das ständige Eingeschlossensein in schmalem, engem Raum, die besonders in der Tropenhitze sich sehr unangenehm fühlbar machende Enge der Kojen, der Verkehr immer mit denselben Menschen, das Fehlen fast aller Kulturgenüsse, der Mangel an jedem größeren gesellschaftlichen Leben.

Da packte denn auch alle, wenn einmal Land in Sicht kam, eine ganz gewaltige „Landsehnsucht“. Man wollte wieder einmal auf festem Boden stehen, wollte sich tüchtig auslaufen, endlich einmal auch wieder andere Menschen zu Gesicht bekommen — aber so mancher wurde durch den Dienst an Bord gehalten.

Das war besonders bitter, wenn das Schiff, wie so oft, an irgendeinem schönen Punkte nur ganz kurz vor Anker lag. Ohne das allergeringste gesehen zu haben, hieß es wieder Abschied nehmen. — —

Ich, als Gast freilich, ich kann nichts von Mühen und Strapazen künden, ich hab es immer nur sehr schön gehabt und kann mir keine genußreichere, vergnügtere und schönere Fahrt als die mit dem „Condor“ denken.

Vom Kommandanten, der mir in selbstloser Weise seine Wohnkabine als Schlafzimmer herrichten ließ und zur Verfügung stellte, an dessen Tisch ich tagtäglich gegessen, — vom Kommandanten und den Offizieren angefangen bis herunter zum einfachen Matrosen und Seesoldaten waren alle, mit denen ich irgendwie in Berührung kam, stets vom größten und herzlichsten Entgegenkommen.

Wie war ich so froh, endlich wieder einmal auf einem richtigen Stück deutschen Bodens, mitten in einem jungen, lebensfrohen Kreis zu stehen.

Vergnügte Stunden an Land mit den dienstfreien Herren des „Condor“, prächtige Tage auch auf hoher See. Auf dem Achterdeck dehne ich mich behaglich in dem bequemen Strohliegestuhl, lasse mir die Seebrise um die Ohren wehen und freue mich, endlich einmal wieder deutsche Bücher und Blätter in der Hand halten zu dürfen.

Lange sitzen wir in den warmen, silberhellen Mondnächten plaudernd zusammen, und die ferne Heimat will wieder lebendig werden. — — —

Zum erstenmal werfen wir Anker vor Rota, der südlichsten deutschen Marianeninsel.

Hier hat sich der Stamm der Chamorros noch am reinsten erhalten. In den gewaltigen Felsbergen und tiefen Steinhöhlen, in den steil aufsteigenden, unzugänglichen Gebirgen und schroffen Klippen fanden die letzten, freien Chamorros Schutz und Versteck vor dem verfolgenden Spanier. Aber ihrer allzu viele haben sich nicht gerettet. Nur selten, daß ein Mensch unter den in bleischwerem Mittagsschlaf und grell flimmerndem Sonnenlicht erstarrten Palmen sichtbar wird. Ein Hauch trostloser und tiefster Schwermut, Schweigen des Todes brütet über dem schwarzfelsigen Rota, der letzten ungastlichen Zufluchtsstätte eines einmal zahlreichen und großen Volkes. — —

Wir gehen kurz an Land, besuchen die sauber gehaltene Chamorroansiedlung, durchstreifen ein wenig den Palmenwald, steigen aufwärts und treten in einige der riesigen Höhlen ein.

Aber lange ist unseres Bleibens nicht, der „Condor“ hat immer Eile. Schon nach einigen wenigen Stunden fährt er weiter, um auf Jap, die Hauptinsel der Westkarolinen, zuzusteuern.