17. Jap.
Wieder einige Tage nichts als endloses Weltmeer. Als ich eines Morgens erwache, haben wir bereits im Hafen von Jap festgemacht.
In Jap baut sich die europäische Niederlassung halbinselartig ins Meer hinaus. Da steht dicht am Ufer, noch gut erhalten, das langgestreckte alte spanische Fort, das damals unsere braune Polizeitruppe von zirka 40 Mann beherbergte. Dicht daneben, in einem grünen, schattigen Garten das Haus des Bezirksamts; weiter landeinwärts verschiedene Amts- und Wohngebäude der Telegraphengesellschaft; die deutsch-holländische Kabellinie Menado-Schanghai besaß bekanntlich eine Station auf Jap und hatte hier für ihre Beamten und Angestellten außerordentlich prächtige und luftige, bequeme und gesunde Tropenhäuser errichtet. Da war auch, den Bauten der Telegraphenstation gegenüber, das „Gasthaus zur Kokosnuß“, in dem es oft recht froh und vergnügt herging. Noch weiter landeinwärts, auf der Höhe des von der See aus ansteigenden Berges, erhob sich, von Palmen umrauscht, die katholische Mission, während das Krankenhaus, in dem ein deutscher Arzt seines Amtes waltete, ungefähr einen Kilometer entfernt von der europäischen Niederlassung sich befand. — Auch ein nächst der deutschen Siedelung gelegenes, dicht von roten Hibiskusblüten umrahmtes Miniaturhäuschen eines japanischen Händlers muß hier erwähnt werden. Wandern wir in die Insel hinein, so stoßen wir bald auf Hütten der Eingeborenen. Häufig liegen sie an der See, mehr aber noch im Innern, unter hohen Palmen oder von riesenblättrigen Tarofeldern umgeben.
Bei unserer Ankunft wird dem Kommandanten und mir vom Bezirksamtmann der Westkarolinen, Regierungsrat Senfft, in liebenswürdigster Weise ein schon am beginnenden Busch auf freier, windumbrauster Höhe liegendes, aus zwei Zimmern bestehendes Holzhäuschen angewiesen. Auch einen braunen Polizeisoldaten bekommen wir zur Bedienung gestellt. Unser „Tissin“ gibt sich auch redlich alle Mühe, nur die gegenseitige Verständigung ist oft recht wenig befriedigend. Auch sonst ist mit unserm lieben und braven, in keiner Lage, in der er uns sitzen läßt, seinen herrlichen Humor verlierenden Kanakendiener nicht allzuviel anzufangen, was schon daraus erhellen dürfte, daß der Kommandant ihn schon in der allerersten Stunde feierlich zum „dummen August“ ernannt hat. Sehr geschmeichelt, sehr stolz ist der gute Tissin auf diesen neu verliehenen Ehrentitel und beeilt sich stets mit willigem Grinsen, dem Rufe schnellstens Folge zu leisten.
Es folgen nun einige Tage, die wir im allerschwersten Strichregen verbringen. Sieht man in Japan den glänzenden Ölpapierschirm durch die Straßen schwanken, so erblickt man hier ein anderes, eigenartiges Schutzmittel gegen den Regen, einen von der Natur geschenkten Schirm, das riesige, glänzend grüne Lackblatt, das die Insulaner über sich halten oder auf ihrem Rücken befestigen. Sie fürchten den Regen sehr. Begreiflich, denn sie gehen ja immer fast gänzlich unbekleidet und die ständige große Hitze — Jap hat eine mittlere Temperatur von 30 bis 32 Grad Celsius im Schatten, die auch nachts meist nur auf 26 bis 27 Grad herabgeht — verweichlicht den Körper sehr. Wenn dann einmal ein etwas kühlerer Wind weht und Strichregen kommt, so frieren die Eingeborenen sofort sehr stark. Ich selbst habe im weiteren Verlaufe meiner Südseereise bald geradeso wie die guten Insulaner gefroren. Besonders bei längeren Kanoefahrten, wo man nicht die Möglichkeit hat, irgendwelche lebhaftere Bewegung zu machen, sind diese wolkenbruchartigen, oft den ganzen Tag andauernden Regen etwas sehr Unangenehmes. Der dünne Tropenanzug ist in einer halben Minute vollständig durchnäßt und klebt am Körper, der Wind bläst kalt darauf, man fröstelt und schauert und macht es schließlich geradeso wie die braunen Kanaken, die immer wieder für einige Minuten ins Wasser springen und, am Kanoerande sich haltend, Erwärmung in der See suchen, die in diesen Gegenden sich nie abkühlt. — — —
Nach einigen Tagen steht Weihnachten vor der Türe.
Weihnachten! Ein deutsches Fest und nur, nur zu Hause ist Weihnachtsstimmung, zu Hause, wo man aus dem warmen Zimmer behaglich in das dichte, weiße Schneetreiben oder in die klarkalte, mondhelle Winternacht hinaussieht — nur zu Hause! ... Dort, wo deutsche Natur und deutscher Winter, wo die deutsche Fichte oder Tanne fehlen, dort kann nimmer Weihnachten sein! —
Neun lange Monate war ich durch ewigen Sommer gepilgert, Sommer, so gesegnet von der Sonne wie zu Hause nie! ... Neun lange Monate! Bald wollen sie mich wie neun lange Jahre, bald wieder wie nur ein einziger kurzer Tag bedünken. — Und in der Heimat soll nun kalter Winter sein, sollen sie heute schon Weihnachten feiern. Ich kann es kaum glauben. Habe ich doch selbst keinen Winter, kaum die flüchtigen Vorboten eines Herbstes gesehen. Scheint doch für mich selbst die Sonne in ihrem höchsten Gipfelpunkt stehengeblieben zu sein! ... Halte ich doch auch keine guten Grüße, keine kleinen Liebesgaben von zu Hause in der Hand. Die letzten Briefe aus der Heimat sind im September oder zu Beginn des Oktobers geschrieben, da dachten sie dort noch gar nicht an Weihnachten — die nächste Post aus Deutschland werde ich Ende April oder Anfang Mai des nächsten Jahres erhalten — durch weites Meer bin ich von allem und allem abgeschnitten. Ich kann vielleicht dann und wann, alle paar Monate einmal, eine Botschaft in die Heimat senden, bekommen kann ich keine.
Zur Weihnachtsstimmung hier fehlt auch, daß man keinen „Weihnachtsbaum“ sieht. Die bräunlich-grüne, dünnfaserige Fadentanne, die sie dazu hergerichtet haben, kann ihn nicht ersetzen. Ebensowenig die sonstige, üppig reiche Tropenpracht, die hier in Jap, wo eine größere Anzahl Deutscher und Europäer ansässig ist, in manchen Weihnachtszimmern prächtig zusammengetragen ist.
Auch der Sturm, der heute draußen auf dem Meere braust und die Palmkronen auf dem Gestade zerzaust, kann mir nicht einen deutschen, herzhaften Wintersturm ersetzen. Wohl peitscht er die schweren Regenschauer so dicht über die unruhig schäumende See dahin, daß sich das im fahlen Abenddunkel wie ein winterliches Schneetreiben ansieht, aber es fehlt den mächtig niedergehenden Tropenungewittern an der nervenstärkenden, den Menschen erfrischenden, gesunden Kälte des deutschen Winters. Man lebt nach wie vor, ob die Sonne herniederbrennt, ob Wolkenbrüche herabstürzen, in der schwülen, erschlaffenden Treibhausluft der Tropenzone.
Hinweg aus dem Regen, der mich in kaum einer Minute vollständig durchnäßt hat.
Unter dem schützenden Dach der „Wirtschaft zur Kokosnuß“, dem Refugium der Junggesellen Japs, finde ich Zuflucht.
Ich nehme einen Weihnachtsabend-Dämmerschoppen zu mir und bestaune die prächtige Festdekoration, ganz und gar ein Werk der geschickten Japkaroliner.
Dann geht’s hinauf auf das noch aus spanischer Zeit stehende, trotzige Fort. Dort ist Weihnachtsbescherung der hier hausenden, lediglich aus Karolinern bestehenden Polizeitruppe.
Wie in einem deutschen Kompanierevier ist die Mannschaft vor einer mit brennenden Lichtern geschmückten Fadentanne in Reih’ und Glied angetreten. Die Leute sehen ungemein phantastisch und farbenprächtig aus. In dem nach Frauenart hoch aufgebundenen, dichten, schwarzen Haar steckt der kunstvoll geschnitzte, mächtige Holzkamm, der zur Zeit durch den darüber aufgestülpten Federntschako verdeckt wird. Der Oberkörper ist mit einem deutschen Matrosenhemd, Lenden und Unterkörper bis zu den Knien sind mit der roten Lawa-lawa bekleidet.
Unsere Jappolizeitruppe feiert auch Weihnachten, obwohl sie fast insgesamt noch aus Heiden besteht, und die Leute erhalten Messer, Lawa-lawa, Tabak, Konserven und Bier.
Es folgt ein Abendessen bei dem gastfreundlichen, stets hilfsbereiten und liebenswürdigen Bezirksamtmann an festlich gedeckter Tafel, auf die die ganze Blumen- und Blütenpracht der Tropen herniedergeschneit ist.
Bei einem Weihnachtslied werden die Lichter des improvisierten Festbaumes entzündet und von der mageren Fadentanne eilen wohl die Gedanken aller nach Hause.
Um Mitternacht lädt von der Höhe herab die Glocke der Kapuzinerkapelle zur Mette, und ein Teil unserer Tischgesellschaft pilgert durch die Nacht zu dem Kirchlein hinauf. Der Sturm hat sich inzwischen gelegt und es ist mondhelle, windstille Sternennacht, heller und leuchtender als bei uns eine frostklare Winternacht in den Bergen.
Die Kapelle ist nur klein, abgesehen von den Europäern wohnen verschiedene Chamorromänner und Frauen, einzelne der wenigen getauften Karoliner und viele Chamorrokinder der Mette bei. —
Für den Nachmittag des ersten Weihnachtsfeiertages waren Tänze der Japkaroliner angesagt.
Schon im Laufe des Vormittags kamen die verschiedenen Dorfschaften unter der Führung ihrer Häuptlinge anmarschiert oder sie segelten in ihren ganz lang und schmal gebauten graziösen Kanoes daher. Leicht und pfeilgeschwind schossen diese über die bewegte Flut.
Mittags hat sich bereits der ganze Heerbann des Karolinervolkes, des Beginnes der Tanzfeierlichkeit harrend, um das spanische Fort herum gelagert. Um 4 Uhr nachmittag beginnt der erste Tanz.
Er hat sich wohl ursprünglich einmal aus einem alten Kriegstanz entwickelt. In zwei Gliedern gehen die zwei Parteien, jede vielleicht aus vierzig Mann bestehend, aufeinander los, kauern sich zusammen, verharren in spähend vorwärts geneigter, geduckter Stellung, so wie man im Dickicht ein Wild oder einen Feind anschleicht. Nun ein lauter, gellender, durchdringender Schrei, und wie auf ein Kommandowort prasseln und rasseln, knattern die schweren Bambusstäbe und -knüttel aufeinanderlos. Blitzschnell und exakt ausgeführte Paraden wechseln mit allen erdenklichen Kampf- und Fechterstellungen. Nicht eine einzige Bewegung könnte besser klappen, besser ausgeführt sein. Ein lautes, mächtiges, gleichzeitig aus achtzig Kehlen hervorgestoßenes dumpfes Kriegsgeheul beendet diesen ersten Tanz.
Beim zweiten, von einer andern Dorfschaft zum besten gegebenen, singen drei Mädchen die Begleitmelodie. Der nackte Hals und der nackte Oberkörper sind mit allerhand Muschel- und Korallenschmuck verziert. Um die Lenden tragen sie die hier landesübliche grüne Pflanzen-Lawa-lawa, die so dick und bauschig ist, daß sie in ihrer Form an die Krinoline erinnert. Die drei Sängerinnen, die Mühe haben, mit ihren Stimmen den Lärm der Tanzenden zu überbieten, sind hübsche, nur etwas sehr kleine, schmächtige und zierliche Erscheinungen.
Dem zweiten Reigen folgten nun Tanz um Tanz; Häuptling um Häuptling bringt seine festlich aufgeputzten Leute zur Stelle.
Wieder einmal eine ganz andere seltsame Welt, in die ich staunend eingetreten bin. Nie und nimmer hätte ich diesen braunen Inselsöhnen eine solch glänzende Tanzmeisterschaft zugetraut, nie hätte ich erwartet, eine solch bunte, glühende, wahrhaft künstlerische Farbenpracht zu Gesicht zu bekommen.
Denn Farbenpracht, denkbar reichste Farbenpracht ist hier alles: die braunen, oft durch Wurzelschminke und -zutat rot gefärbten Körper der Tanzenden, die grellrote Lawa-lawa der Männer, die lichtgrüne der Mädchen. Die Frauen haben sie nach Landesbrauch und ungalanter Landessitte sämtlich zu Hause gelassen. Außer von der Lawa-lawa wird Braun und Rot des Körpers durch um den Leib geschlungene, in allen möglichen Farbentönen gehaltene Palmenfasern unterbrochen, um Hals und Arme schmiegt sich reicher, oft kunstvoll und mühselig zusammengefügter und zusammengetragener Muschelzierat.
Hellbraun glänzen aus dem dunklen, immer nach Frauenart hoch aufgebundenen Haupthaar die mächtigen, schlank geschnitzten Holzkämme heraus, meist mit irgendeinem Festabzeichen, und sei es auch nur einem beliebigen bunten Lappen, verziert und verbrämt. Aber auch andere kompliziertere Kopfbedeckungen sind zu sehen, oft meterlange, leicht und luftig geformte Gestelle in Schiffsform, ganz mit weißem, zartem Federflaum duftig überhaucht, überall Farbe und stets wechselnde, oft bizarre und phantastische, aber immer geschmackvolle und ansprechende Formen, Verzierungen und Ornamente.
Leider wird der zweite Teil des Festes wieder durch wolkenbruchartig herniederstürzenden Regen gestört. Wir flüchten unter das nächste erreichbare Dach, und die Japleute suchen Schutz unter den dichten Bäumen. Aber trotz des beharrlich weiter niederströmenden Regens lassen sie sich nicht von der Station vertreiben. Denn auch sie haben heute ihr Weihnachten. Es ist einer der wenigen Tage im Jahr, wo sie Bier bekommen. Sonst ist hierzu ein besonderer Erlaubnisschein des Bezirksamts notwendig. Sie machen von dieser ihnen heute zustehenden Vergünstigung gewissenhaft Gebrauch. Ich war daher sehr verwundert, daß ich beim späten Nachhauseweg durch die dichtgelagerten Scharen der Japleute auch nicht einem einzigen Betrunkenen begegnete. Wie ich später erfuhr, hat das seinen Grund nicht in der Wohlerzogenheit, Nüchternheit oder Trinkfestigkeit der Festteilnehmer, sondern in der Tatsache, daß die emsige Polizeitruppe jeden allzu angeheiterten oder radaulustigen Insulaner rasch und unerbittlich aus dem Weichbilde der Station in den Busch hinaus abschiebt.
Lange stand ich, als dieser erste Weihnachtsfeiertag schlafen ging, am weit aufgestoßenen Fenster meines ganz einsam im Grünen gelegenen, winddurchbrausten, luftigen Holzhauses.
Wie schön das alles ist! ... Der scharfe Nordostpassat hat die Regenwolken wieder weggeweht. Hinter den letzten, eilig nach Südwesten dahinhetzenden Dunstnebeln ist still und friedlich der Mond herausgetreten.
Hellsilbern erglänzt nun alles: der Himmel und das Meer, das zu meinen Füßen unruhvoll brandet. Selbst in das dichte Geranke des wilden grünen Busches, der bis in meine Fenster hineinwuchern will, gelingt es ab und zu einem hellen Silberstrahl, leuchtend einzudringen.
Und brandendes Meer und brausender Wind, rauschender Busch und raunende Zikade singen ein in herrlichen Akkorden zusammentönendes Lied von Pracht und Herrlichkeit der Tropen.
Eine einzige Schönheit ist ringsum gebreitet. Die Sonne, die Sterne sind heller als bei uns zu Hause. Reicher und glänzender, wärmer und prächtiger ist alles. Kein Tag, an dem man die Sonne nicht sieht, keine Nacht, in der man friert oder fröstelt. Früchte und Blumen das ganze Jahr. Meer und Erde werfen den Menschen ihre Gaben in den Schoß. Da ist auch keiner, der Sorge zu haben brauchte für den morgigen Tag! Und doch trotz aller Pracht und allen Segens, trotz allen Lichtes und aller Wärme — ein Weihnachten gibt es hier nicht.