18. Nach den Palauinseln.
Sofort nach den Feiertagen macht sich der „Condor“ schon wieder auf den Weg und steuert nun den Palauinseln zu, die politisch noch zu den Karolinen gezählt wurden und mit diesen seinerzeit von Spanien übernommen worden waren.
Wirtschaftlich hatte diese Inselgruppe nicht allzuviel zu bedeuten. Auf der oder jener Insel, weit verstreut, da und dort, lebte ein deutscher, englischer oder japanischer Händler. Die Ausfuhrprodukte waren Kopra und „Trepang“ = „die getrocknete Seewalze“. Letztere wird von den Chinesen als Delikatesse sehr begehrt und teuer bezahlt. Wer freilich diese schwarze, schleimige Holothuria lebend gesehen, wird wenig Appetit darauf haben. Außerdem wurden Schildpatt und einzelne Alligatorenhäute exportiert. Später gesellte sich dazu Phosphat.
Sehr viel aber bieten diese bei uns zu Hause so gut wie nicht bekannten Inseln dem Touristen und Naturfreund.
Schon der erste Anblick aus der Ferne ist packend. Tiefblau rollt die See gegen eine langgestreckte, zerrissene Küste an. Es ist Babeltaob, das größte Palaueiland. Schroffe Zinnen und Zacken ragen empor, manche nadelscharf zugespitzt, dazwischen wieder abgerundete und bewaldete Kuppen mit weichen, sanften Linien, bald steil ins Meer abstürzender Fels, bald flach verlaufender Palmenstrand.
Kaum kommen wir etwas näher, sehe ich bereits, daß sich hier eine ganze Welt von Inseln aufschließt, von Inseln, Inselchen und allerwinzigsten Miniaturinselchen, manche sich ausnehmend wie ein schöner Blumenstrauß oder ein putziger Waldschwamm. Grün die runde bewaldete Kuppe, und der sie tragende, graue Felsenstiel tief von ewig nagender Salzwoge eingefressen.
Auf den größeren Inseln ist allerüppigste Tropenflora über den flachen Uferstrand, über das steil aufsteigende Hügel- und Bergland ausgestreut: Palmen jeder Art, Brotfrucht- und Kalophyllonbäume, undurchdringliche Mangrovenwälder, Taro- und Lackfelder, Orangen- und Mandarinenhaine, Bananenstauden und Ananaspflanzen und wie all die andere reiche, verschiedenartige Vegetation noch heißen mag.
Bei der Insel Malakal wirft der „Condor“ Anker. Der deutsche Stationsleiter Winkler kommt an Bord, und eine Stunde später fahren wir mit ihm nach der Insel Korror, auf der er seinen Amtssitz hat. Ganz schmal ist die Durchfahrt, die der Fels freiläßt, nur für Ruderboote und Kanoes passierbar. — — —
Auf den Palauinseln war dem „Condor“ die Aufgabe zuteil geworden, zur Warnung ein wenig die „Kriegsflagge“ zu zeigen.
Denn die guten Insulaner, hauptsächlich die Bewohner von Babeltaob, waren im Laufe des Jahres plötzlich und wohl aus lauter Langeweile — Zeitvertreib durch irgendwelche Arbeit kennen sie nicht —, noch dazu aufgehetzt von den „Kalits“, herrschaftslüsternen Zauberern, auf den Gedanken verfallen, die Weißen aus ihrem schönen Inselreich hinauszuwerfen und gründlich mit ihnen aufzuräumen. Allzu schwierig mochte das nicht erscheinen. Auf eben der größten Insel Babeltaob war überhaupt kein Weißer, in Korror war der einzige wehrhafte Europäer der Stationsleiter, und die paar andern deutschen und englischen Händler lebten als Einsiedler auf weit auseinanderliegenden Inseln.
So wurde denn in Babeltaob der wohlverborgen gehaltene treffsichere Kampfspeer wieder ausgegraben, Gesicht und Körper mit grimmiger, roter Blutfarbe beschmiert und unter Leitung der Kalits mit wildem Geheul ein stürmischer und begeisterter Kriegstanz abgehalten, all das mitten in tiefer, stockdunkler Nacht.
Aber der deutsche Stationsleiter Winkler hatte gerade noch rechtzeitig Wind von der Sache bekommen, setzte noch mitten in der Nacht mit seiner sechzehnköpfigen braunen Polizeitruppe nach Babeltaob über, fuhr störend in die Kriegstänze und allgemeine Kampfesfreude hinein, nahm die Kalits gefangen, riß ihr „heiliges Haus“ ein und ließ die Zauberer mit nächster Schiffsgelegenheit nach den Karolinen und Marianen deportieren, wo sie ihre weltlichen Herrschaftsgelüste mit mehrjähriger Zwangsarbeit abzubüßen hatten.
Durch das rasche und entschlossene Vorgehen des Stationsleiters war der Aufstand im Keim unterdrückt worden. Wäre er wirklich zum Ausbruch gekommen, so hätte die kleine Polizeitruppe gegen die große Übermacht nichts ausrichten können. —
Der „Condor“ sollte nun den in Korror zusammenberufenen Häuptlingen und den von allen Seiten zusammengeströmten Insulanern vor Augen führen, wie sich die Sache, wenn sie einmal wirklich mit allen Weißen reinen Tisch machen sollten, nachträglich gestalten würde.
In fünf Booten kam ein Landungsdetachement angerückt und ging in durch Spitze und Seitenpatrouillen gesicherter Marschkolonne über das Hochplateau gegen den an dem Waldrand des Dorfes Korror gut gedeckt liegenden Feind vor, warf ihn zurück, nahm Korror im Sturm, und zwischen den Bananenstauden, unter den Orangen- und Brotfruchtbäumen eilten unsere blauen Jungens, auf dem Kopf den schützenden Tropenhelm, dem im Busche eilig verschwindenden Gegner nach. Gerade vor den prächtigen Königs- und Versammlungshäusern Korrors fuhren Geschütze und Maschinengewehre auf und donnerten dem fliehenden Feinde einen letzten, lauten Abschiedsgruß zu.
Aber dann wird Friede. Unter den hohen, schattigen Bäumen, vor dem Hause des uralten Häuptlings von Korror, spielt die Musikkapelle des „Condor“ und hat bald einen dichten Zuhörerkreis um sich versammelt. Selbst die vor dem schweren Geschützdonner und dem heftigen Gewehrgeknatter anfänglich eilig in den Busch geflohenen Mädchen und Frauen stellen sich, noch etwas verschüchtert, allmählich ein.
Die von der schwülen Tropenluft und dem heißen Sturmangriff durstig gewordene Mannschaft schüttelt sich Orangen und Mandarinen herab, läßt sich durch Kanakenjungen Kokosnüsse öffnen und fahndet, soweit das die Kürze der Rast zuläßt, unter der Hand eifrig nach selbstverständlich bezahlter „Kriegsbeute“, nach Kuriositäten irgendwelcher Art.
Am Tage nach dieser Landungsübung wurden sämtliche Häuptlinge auf den „Condor“ eingeladen. In ihren Kanoes kamen sie angefahren und wurden mit Tee und Gebäck bewirtet. Alsdann führten die Offiziere sie durch das ganze Schiff und zeigten ihnen — der eigentliche Zweck der Einladung — zur Warnung alle Waffen, die Gewehre und vor allem die Geschütze, deren Bedienung, Wirkung, Treffsicherheit und Durchschlagskraft erklärend.
In Erwiderung dieser Einladung wurden zu Ehren des deutschen Kriegsschiffes am nächsten Tag von den waffenfähigen, lanzenbewaffneten Männern der Insel Korror einige wilde Kriegstänze zum besten gegeben.
So verbrachte ich auf den Palauinseln noch einige schöne Tage mit den Herren des „Condor“. Wir besichtigten die Missionsschule auf Korror, fuhren hinüber zu dem auf Insel Babeltaob gelegenen, idyllischen Dörflein Airei und machten noch den und jenen kleinen Ausflug. Am letzten Dezember gab es gemeinsame Neujahrsfeier an Bord des „Condor“, auf festlich geschmücktem Achterdeck. Hell klingen die Gläser zusammen, froh finden die Augen sich, und durch die Stille der sternklaren Tropennacht fliegt über unendliche See aus allen Herzen auch ein Gruß in die Heimat.
Zwei Tage später hieß es Abschied nehmen. Die Herren des „Condor“ hatten noch die Liebenswürdigkeit gehabt, mich für den Aufenthalt auf den Palauinseln mit einigem auszustatten, vor allem für einige Kisten Zigarren war ich von Herzen dankbar. Nirgends hatte ich mich damit versehen können. Denn was man in Japan davon erhalten kann, ist kaum rauchbar, außerdem bei dem darauf liegenden, ganz ungeheuren Zoll von 300 Prozent auch kaum bezahlbar. Auf den Marianen und Karolinen aber hatte ich vor geleerten Lagern gestanden.
Mit Kisten und Paketen beladen, stehe ich dankend am Ufer.
Händeschütteln nach allen Seiten. Auf Wiedersehen! Auf frohes Wiedersehen irgendwo und irgendwann zu Hause!
Bald zieht der „Condor“, der nimmermüde Wandervogel, dem nirgends lange zu bleiben vergönnt ist, weit, weit in der Ferne langsam und bedächtig seine Bahn. Nun ist er nur mehr ein einziger, weißer Punkt in endloser, azurblauer Fläche. Und jetzt — jetzt ist gar nichts mehr als ganz verlassene, hin- und herwogende See.
Schon manches Schiff sah ich scheiden auf meiner Reise, von vielen Menschen bin ich nicht leichten Herzens fortgegangen, aber noch kein Abschied ist mir so schwer gefallen wie der vom „Condor“ und seinen mir liebgewordenen Menschen. Nun, wo dieses durchs Weltmeer treibende Stück deutscher Scholle für immer mir entschwunden ist, hab ich Heimweh, richtiges Heimweh danach. — — —