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Sonnenländer

Chapter 21: 19. Auf Korror.
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About This Book

Der Reisebericht schildert eine ausgedehnte Weltreise durch sonnige, tropische Regionen, beginnend mit einer Atlantiküberfahrt, Stationen in Kuba und Mexiko, Fahrt entlang Nordamerikas Küsten und Weiterreise nach Japan und in die Südsee. Kapitel dokumentieren Eindrücke von Landschaften, Städten, Hafenleben, Naturereignissen wie Überschwemmung und Erdbeben, Tempelfeste sowie Aufenthalte auf verschiedenen pazifischen Inseln (Marianen, Palau u. a.). Ergänzende historische und geografische Beobachtungen, Kartenskizzen und praktische Reiseepisoden verbinden persönliche Erlebnisse mit volkstümlichen und kulturellen Beschreibungen bis zur Heimreise.

19. Auf Korror.

Ich bleibe auf Korror. — Der Stationsleiter Winkler besaß neben seinem Wohnhaus eine einzimmrige Blockhütte, in der er seine höchst seltenen Postgeschäfte erledigte. Diese Hütte stellte er mir in liebenswürdigster Weise zur Verfügung. Ich breitete darin eine japanische Decke aus, die mir da und dort in der Südsee als Bett- und Nachtlager gedient hat.

Zur Bedienung aber wurde mir ein Eingeborener beigeordnet. „Aumong“ hieß der junge Palaumann eigentlich.

Aber die Deutschen hatten diesen für deutsches Ohr und deutsche Zunge unbequemen Namen, während Aumong Polizeisoldat auf den Westkarolinen war, kurzerhand in „Otto“ umgewandelt.

Otto war einer der wenigen „getauften“ Palauleute. Lange Zeit wußte ich es selbst nicht und erfuhr es nur dadurch, daß er eines Sonntags seinen sonst nur mit einem schmalen Lendentuch bekleideten Körper mit einem weißgrauen, sehr nach alsbaldiger Reinigung rufenden Fest- und Feiertagshemd bedeckte und so stolz und würdig in die Missionskirche von Korror wanderte.

Trotzdem war aber Ottos Lebenswandel sonst leider nicht alleweg christlich, heilig und einwandfrei zu nennen. Zu der Zeit meiner Ankunft auf den Palauinseln saß er sogar im „Calabus“, im Gefängnis, — saß darin, weil er durch allzu starke Courmacherei den Hausfrieden gleich zweier Palaufamilien etwas gestört hatte.

Otto hatte nicht gerade ein sehr großes diplomatisches Geschick damit bekundet, daß er mit den Versicherungen seiner Liebe und unwandelbaren Treue gleich zwei dicht nebeneinander wohnende Schwägerinnen beglückt hatte. In den guten alten Zeiten der Palauinseln wäre Otto eines Tages wohl irgendwo im Busch als stummer Mann aufgefunden worden. Aber da unter deutscher Herrschaft auf diese löbliche Landessitte die Todesstrafe steht, wurde er von den beiden erbosten Ehemännern auf andere Weise für längere Zeit unschädlich gemacht. Sie rückten mit ihren Klagen beim Stationsleiter an, der den bereits öfter verwarnten guten Otto teils zur Strafe, teils zur Sicherheit für seine immerhin nicht ganz ungefährdete Person in den Calabus steckte.

Dieser Calabus ist im Grunde genommen gar nichts so Schreckliches. Hinter Schloß und Riegel sitzen die Gefangenen nur bei Nacht. Und auch da schwätzen und plaudern sie oft recht laut und vergnüglich. Tagsüber aber werden sie im Freien mit gemeinnützigen Arbeiten, Weg- und Dammbauten, Rodungen, Anpflanzungen und ähnlichen Arbeiten beschäftigt.

Bei den Palauleuten ist aber dennoch der Calabus ein recht gefürchtetes Ding. Freiheitsberaubung und Arbeitszwang sind böse Strafen für einen Südseeinsulaner. Dazu kommt die Angst vor Spott und Hohn der lieben Mitmenschen. Das scheut schon der einfache Palaumann. Und nun gar, wenn einer aus einer Häuptlings- und Fürstengens stammt, wie Otto, der Urenkel des derzeitigen Häuptlings von Korror. So trug er eine recht düstere und finster vergrämte Miene zur Schau, als er die ersten Male an mir vorüberschlich.

Aber der Tag seiner Erlösung war nahe. Ich benötigte einen Insulaner, der sich zum Führer, Begleiter und Diener eignete. Otto wurde als der einzige, leidlich deutsch redende Palaumann hierfür in Aussicht genommen und ihm der Rest seiner Strafzeit in Gnaden erlassen.

Den durch seine Entlassung aus dem Calabus frei gewordenen Platz aber nahm nun sein Großvater, Arekoko genannt, ein. Dieser Arekoko war trotz seines Alters noch eine jugendlich schlanke, elastische Erscheinung. Sohn des Königs von Korror und künftiger König, gab er sich sehr gnädig und gelassen und wirkte auch tatsächlich in seiner aufrecht-geraden Haltung, mit den ruhigen Bewegungen, höchst vornehm. Ein langer, weißer, würdiger Vollbart wallte ihm bis auf die Brust. Arekoko hatte sich in früheren Jahren viel auf Segelschiffen herumgetrieben, kannte das Meer und die Palauinseln wie kein zweiter und war der einzig brauchbare Lotse auf der Inselgruppe. Da der „Condor“ bei seiner Abfahrt auch noch eine Erkundungs- und Vermessungsfahrt zu machen hatte, war Arekoko um 6 Uhr morgens auf den „Condor“ bestellt worden. Das war ihm aber viel zu früh und er rückte erst um 8 Uhr mit einer nichtigen Entschuldigung an. Am Nachmittag nach erfolgter Vermessungsfahrt hätte er sein Kanoe an eine ihm näher bezeichnete Stelle der Insel Babeltaob hinbestellen sollen, damit es ihn wieder an Land bringen sollte. Auch das hatte er vergessen zu tun, so daß der „Condor“ wieder warten mußte, bis ein zufällig vorbeikommendes und herangerufenes Kanoe den guten Arekoko endlich aufnehmen konnte. In einem Briefe des Kommandanten an den Stationsleiter, den Arekoko selbst zurückbrachte und abgab, standen seine Missetaten verzeichnet und zur Strafe dafür — er hatte auch noch verschiedenes andere auf dem Kerbholz — wanderte er an Ottos Stelle ins Gefängnis.

Trotz aller Verehrung für seinen Großvater schien Otto über diese plötzliche und unerwartete Schicksalswendung in hohem Grade befriedigt. Lustig lachten seine dunklen Augen. Er war ein für einen Palaumann auffallend hochgewachsener Mensch von vielleicht dreiundzwanzig Jahren mit hübschen, ebenmäßigen Zügen und ohne die breite Nase des Durchschnittsmikronesiers, breitbrüstig, starksehnig und gelenkig; trotz aller Gefängniskost und in den letzten Wochen hinabgewürgten Ärgers immer noch gut genährt. Der ganze Körper in ein einziges, tiefes Dunkelbraun getaucht; das glänzend schwarze Kopfhaar und der ebenfalls schwarze, eben beginnende Schnurrbart lebhaft mit dem lustigen, scharlachroten Lendentuch kontrastierend.

Im Anfang, wo noch die Freude über die unerwartet rasche und glückliche Befreiung aus dem Calabus nachwirkte, war Otto auch in allen Dingen äußerst brauchbar und anstellig.

Besonders draußen auf See, bei starkem Wind oder unvermutet aufkommendem schlimmen Wetter, an gefährlichen Stellen und in reißenden Strömungen hätte ich mir keinen besseren, geschickteren und zuverlässigeren Begleiter wünschen können. Aber, wie jeder Mensch schließlich, hatte auch Otto seine schlechten Tage, Tage, wo er zu gar nichts Lust hatte und am liebsten auf seiner braunen Haut liegengeblieben wäre. Da hatte er denn auch sofort gleich ein ganzes Dutzend oft gar nicht ungeschickter Ausreden zur Hand: ein Loch im Kanoe, das Segel defekt, Regen oder Sturm, schlecht Wetter im Anzug. Wenn ich dann trotzdem meinen Willen durchsetzte, so stieg er den ganzen Tag mit einer wahren Leichenbittermiene herum. In solchen Zeiten ließ ich ihn am besten ganz gehen, fragte ihn nicht und unternahm auch nichts, wobei ich mich allzusehr in seine Hand gegeben hätte. Denn auf irgendeinen kleinen Possen oder Schabernack, bei dem er sicher war, nicht erwischt zu werden und aufzufliegen, wär’s ihm vielleicht nicht angekommen.

Europäerhäuser auf Jap. (S. 95)
Mannschaften des „Condor“ nach der Übung auf Korror. (S. 107)
Häuptling von Melegejok. (S. 124)
Der König von Nabuket. (S. 129)

Am allerliebsten war ich mit Otto, wie schon erwähnt, auf dem Wasser beisammen. Das machte ihm Freude, hier war er zu Hause. Oft waren wir nur zu zweit auf dem Kanoe, oft hatten wir als dritten Mann noch einen Strafgefangenen mit, einen gleich dreifachen Mörder, der aber eine feste Hand und ein sicheres Auge hatte und über eine wahrhaft stoische Ruhe verfügte.

Man ist bei Touren nach den oft sehr weit auseinandergelegenen Inseln fast ausschließlich auf das Kanoe angewiesen. Solch ein ganz schmales und leichtes, aus einem Baumstamm herausgearbeitetes Fahrzeug fliegt mit seinem mächtigen Segel bei scharfem Wind wie ein Sturmvogel dahin. Kein Dampf-, kein Motorboot, das es einholen könnte. Besonders nachts und bei Mondschein sind solche Fahrten etwas sehr Reizvolles. Das einzig Unangenehme ist, daß bei einigermaßen bewegter See Kanoe und Ausleger viel unter Wasser sind, und man so beständig im Nassen sitzt. Und der Weiße, der solch ein Fahrzeug benutzt, kann auf dem eigentlichen Kanoe sich nicht leicht halten. Er müßte dazu mindestens auch barfuß wie die Eingeborenen gehen. Das verbietet aber wiederum die bös herabstechende Sonne. Ein beschuhter Fuß gleitet aber auf dem glatten Holz unfehlbar aus. So ist’s noch am besten, auf der Verbindung zwischen Ausleger und Kanoe Platz zu nehmen. Aber auch hier ist es, besonders im Anfang, nicht allzu schwer, mit einem plötzlichen Plumpse über Bord zu gehen.

Sehr interessant ist’s, wenn man Fischer ist. Manch schönen und schweren Fang haben Otto und ich mit der Schleppleine aus der Tiefe geholt, manch prächtigen Gesellen hat Otto in monddunkler Nacht bei Fackellicht oder am hellen Tag und in wilder Flucht mit dem Speer erbeutet. Wenn er schlecht gespeert hatte und der Fisch zu entkommen drohte, dann ging er selber blitzschnell und kopfüber ihm ins Wasser nach, einerlei, ob das ein schwerer Seehecht oder ein kleiner Hai war, packte ihn von rückwärts, raufte und balgte sich mit ihm in der See herum, gewandt und geschickt wie ein Fisch- und Wassermensch, und ruhte nicht eher, als bis er ihn trotz aller Bisse und Risse glücklich überwältigt und auf das Kanoe heraufgewälzt hatte.

Selbst wenn in der Nähe der Küste der Fisch tief gegangen war und sich in den Korallen verstrickt hatte, ließ ihn Otto nicht los, sondern tauchte trotz aller Haie oft in recht ansehnliche Tiefen hinab, dort Leine und Fisch lösend.

Noch so manche andere gute Eigenschaft hatte mein Otto. Er war ein recht guter Koch, ein sehr ins Gewicht fallender Vorzug. Er verstand es auch, gut und geschickt einzuhandeln. Manche Schildpattschale, manche holzgeschnitzte Figur und andere Kuriosität verdanke ich seinem Spürsinn.

Die Insel Korror selbst nun ist in dem Teil, wo der Stationsleiter dicht über dem Meer sein Haus hat, wenig schön. Neben dem Haus beginnt ein verschiedene Kilometer langes und kahles Hochplateau. Aus der roten Erde wächst Gestrüpp und Unkraut, und tagsüber liegt heiß und schwer die Sonne darauf. Der Stationsleiter hat diesen Platz wohl deshalb gewählt, weil er von dort einen guten Überblick auf die nächstgelegenen Inseln hat und weil die Lage sicherlich sehr gesund ist. Der Seewind hat hier stets Einlaß und vertreibt die Schwüle; nichts auch von der dumpfen Feuchtigkeit, die überall unter den hohen, schweren Kronen der Tropenbäume sich entwickelt. Das kahle, öde Hochplateau wurde damals durch die Strafgefangenen aufgeforstet und wird sich inzwischen viel freundlicher gestaltet haben. —

Nach Durchquerung der sonnigen Ebene erschließt sich ein hochstämmiger und dunkelschattiger Tropenwald. Mitten darin Dorf Korror, wo zwei Kapuzinerpatres — außer dem Stationsleiter die zwei einzigen Weißen der Insel — Kirche, Schule und Kloster haben. In Korror wohnt auch der alte König der Insel. Ururalt ist er, kann nur mehr mühsam humpeln und leidet unter verschiedenen Gebrechen. Nur die Augen blicken noch ganz klug und klar aus dem von einem gelbweißen Barte umrahmten, braunen Gesichte heraus.

In Korror bekam ich auch die ersten Klub- und Versammlungshäuser zu sehen. Ich war von ihrer großzügigen Anlage, von der schönen Harmonie ihrer Raum- und Maßverhältnisse vollkommen überrascht. Hochgiebelig und langgestreckt erheben sie sich auf schweren, starken Holzstützen. Die Front und auch oft die Seitenwände, ebenso Stützen und Tragbalken des Innern sind mit Ornamenten und Malereien übersät, mit seltsamen und buntfarbigen, manchmal an altägyptische oder assyrische Linienführung erinnernden Darstellungen in Bilderschrift aus Sage und Geschichte, Seefahrt und Krieg, Jagd, Fischerei und häuslichem Leben. Ab und zu auch an der Front einige noch etwas ungefüg gearbeitete Holzschnitzereien, meist Mädchen darstellend.

Türen sind keine vorhanden. Die rechteckig ausgeschnittenen, kleinen Eingangslöcher liegen in ziemlicher Höhe. In die senkrechten Stützbalken sind Stufen eingearbeitet, die ein Emporklettern ermöglichen. Dann eine kleine Bauchwelle und man ist ins Innere gelangt, das stets aus einer einzigen, hohen und riesengroßen, vornehm wirkenden Halle besteht.

In diesen schönen Klubhäusern hocken die Eingeborenen, kauen bedächtig ihre Betelnuß, rauchen, schwatzen, lügen und prahlen, lassen, um den neidischen Nachbar ein wenig zu ärgern, ein besonders wertvolles Geldstück im Kreise herumgehen, eines dieser hier großen Wert besitzenden, unreinen Glasstückchen, oder irgendeinen terrakottaähnlichen, wohl auch uralten Scherben. Ihr Ursprung und ihre Herkunft sind noch nicht völlig geklärt, nur das ist jedenfalls sicher, daß sie zu ihrer Herstellung eine höhere Stufe der Kultur und Technik erforderten, als sie je auf diesen Inseln gewesen. Wahrscheinlich wurden sie in grauer Vorzeit von seefahrenden Japanern oder Chinesen auf die Inseln gebracht.

Es hat auch nicht an findigen Matrosen gefehlt, die sich ähnliche unreine Glasstücke zu verschaffen gewußt und damit reiche Leute zu werden hofften. Denn oft ist schon für ein einziges dieser Glasstückchen die Kopraernte oder der Schildpattertrag eines ganzen Jahres, sind drei oder vier Häuser zu kaufen. Aber die Eingeborenen waren noch klüger als die schlauen Matrosen. Sie erkannten sofort den Betrug und nun laufen diese später eingeführten Glasstücke als sogenanntes „falsches Geld“, das recht gering bewertet ist, im Verkehr weiter.

Aber dieses „Glasgeld“ ist nicht das einzige, was auf den Palauinseln, was auf den andern Karolineninseln noch ungeklärt ist.

Da ist — um eines all dieser noch der Lösung harrenden Dinge zu erwähnen — der Ursprung und die Herkunft der Palauinsulaner, wie der aller Karoliner und Mikronesier noch ziemlich unerforscht. Verschiedene Ansichten laufen da durcheinander. Früher glaubte man ihre Heimat in Amerika suchen zu müssen. Und darüber ist ja kein Zweifel, daß ein Mikronesier und beispielsweise ein mexikanischer Indianer eine gewisse Ähnlichkeit miteinander haben. Beide sind mittelgroß, schlank, brauner Hautfarbe und schwarzhaarig. Auch gewisse Charaktereigenschaften haben sie gemeinsam, vor allem ein ziemlich entwickeltes Phlegma. Dennoch steht es heute wohl so ziemlich fest, daß die Mikronesier ein ursprünglich von Westen gekommener, malaiischer Stamm sind, der sich im Laufe der Zeiten mit Polynesiern und Melanesiern stark vermischt hat. Aber das „wie“ und das „wann“ ist noch lange nicht erforscht, wird sich überhaupt vielleicht nie mehr nachweisen lassen.

Schon die Bewohner einzelner benachbarter Inseln — so zum Beispiel Jap- und Palauleute — weisen in ihrer äußeren Erscheinung gewisse Unterschiede auf. Ja — selbst die Eingeborenen einer einzigen Insel sind sich oft ganz und gar unähnlich. Da gibt es tiefbraune, hellbraune, fast gelbe Färbungen, da gibt es hochgewachsene und kräftige, kleine und schmächtige Menschen. Mitten dazwischen — gar nicht so selten — ein brauner Insulaner von ausgesprochenstem semitischem Typus. Wie kommt dieser semitische Einschlag hierher? Er ist auf Jap, ist auf Tobi und Sonserol, ist auf Palau zu finden. Vielleicht durch Blutmischung auf dem Wege über südlichere Inseln, über die Molukken, wo dieser semitische Typus zahlreicher anzutreffen ist. Denn es ist wohl kaum anzunehmen, daß Phönizier, daß Araber selbst einmal in grauer Vorzeit auf die mikronesischen Inseln kamen. Man hat ja in verschiedenen Glasgeldstückchen der Palauinseln arabische Zeichen zu entdecken vermeint. Aber wenn dem auch so ist, so kann dies Geldstückchen doch lange von Insel zu Insel gewandert sein, bis es einmal in Korror oder Babeltaob gelandet ist.

Auch die Religion der Eingeborenen zu erforschen, wäre nicht uninteressant. Freilich müßte man hierzu lange hier leben, die Sprache erlernen und sich da und dort gute, sichere und wahrheitsliebende Freunde erwerben. Denn wenn der mit den Insulanern wenig bekannte Europäer nach diesen Dingen fragt, wird er von den mißtrauischen Eingeborenen recht leicht angelogen. Eine allerhöchste Gottheit wird allgemein angenommen. Unter ihr und neben ihr alle möglichen andern Götter und Geister — in Jap beispielsweise ein Kriegs- und ein Donnergott —, außerdem haben aber auch Dorf und Tal, Busch und Bäume, Bach und See ihre eigenen Schutzgeister. Es ist das alles ganz ähnlich wie im japanischen Shintoismus. Wer weiß, ob nicht diese religiösen Ideen in Urzeiten von Malaien sowohl nach Japan wie auf diese weltverlorenen Südseeinseln gebracht wurden.

Auf den Palauinseln schien mir der Geisterglaube noch mehr wie auf Jap ausgebildet zu sein, denn in so manchem Dorf sah ich ein kleines, nicht bewohntes Holzhäuschen stehen, und auf meine Frage, wem es gehöre und was damit sei, vernahm ich, daß es irgendeinem Geist oder einer Gottheit geweiht sei.

Eigentümlicherweise finden sich in der Religionslehre der oder jener Insel entschiedene Anklänge an die christliche Legende, an die Sintflut, an die Hölle, an die Erlösung. Wohl wahrscheinlich, daß da und dort, wie auf den Marianen, schon in früheren Jahrhunderten Missionare tätig gewesen sind. Es verlautet freilich nichts mehr davon — aber vielleicht dürfen wir doch in diesen Annäherungen an biblische Erzählungen Nachwirkungen ihrer Bekehrungsversuche sehen.

Über die Entstehung der mikronesischen Inselwelt selbst, um auch dies zu streifen, gibt es verschiedene Theorien.

Die einen sagen, diese Inseln seien durch vulkanische Ausbrüche entstanden, die andern halten sie für die letzten, die höchsten Reste eines früheren Festlandes; beides wohl möglich.

Aber gleichzeitig kommt in der Südsee doch auch die beständige Korallenbildung sehr in Betracht, so daß manche niedere Insel ihre Entstehung als solche hauptsächlich dieser verdankt. Auf irgendeinem unterseeischen Berge hat sich die Koralle festgesetzt, baut in nimmermüder Arbeit höher und höher, baut bis zum Meeresspiegel herauf. Sturm und Brandung werfen abgestorbene Korallenstücke auf die oberste Schicht, und langsam, ganz allmählich taucht aus der Flut eine kleine Insel, ein Atoll. Samen aller Art treibt an, ein bißchen Erdreich bildet sich, und eines Tages grüßt die erste grüne Palme auf das blaue Meer hinaus.

Die Korallenriffe bedeuten selbstverständlich, solange sie über die Wasserfläche nicht herausragen, die allergrößte Gefahr für die Schiffahrt. Gerade in der Südsee hört man so oft von Schiffen, die völlig spurlos verschwinden. Da ist dann entweder das Schiff einem Taifun zum Opfer gefallen, oder es ist auf irgendein unbekanntes und nicht sichtbares Riff aufgefahren, ist leck geworden und gesunken.

Ganz nahe bei Korror — nur zwanzig Minuten mit dem Kanoe zu fahren — liegt die Insel Malakal, auf der zwei japanische Händler tätig sind. Sie haben sich Haus und Hof, wie das die Japaner meist tun, sehr praktisch angelegt, sehr nett und gemütlich eingerichtet. Verschiedene Japaner und Palauleute stehen in ihren Diensten — aber auch ein früherer deutscher Matrose, der vor Jahren auf den Palauinseln hängengeblieben ist. Er hat es jedoch mit nichts vorwärtsgebracht, bis er schließlich als Fischer von den japanischen Kaufleuten angestellt wurde.

Mit einem dieser Japaner, namens Fujikawa, trat ich in näheren Verkehr. Es war ein recht gebildeter, junger Mann mit guten Manieren und in fast allen Dingen äußerst geschickt. Meinen — ich weiß gar nicht, zum wievielten Male — gänzlich zusammengebrochenen „Tropenapparat“ flickte er mir immer von neuem so zurecht, daß ich einige Tage damit wieder photographieren konnte. Zum Dank hierfür schenkte ich ihm meine Aquarellfarben und ein kleines Skizzenbuch. Schon zwei Tage später bekam ich dieses wieder zurück, ausgefüllt mit hübschen Malereien von der Hand meines Freundes Fujikawa.

Sonst befindet sich in der Nähe der Insel Korror kein Kaufmann und Händler, weder ein Europäer noch ein Japaner, den man besuchen könnte.

Ringsum allergrößte Berg- und Meereseinsamkeit, eine Stille, in die nur das Wogen und Branden der Wellen hineinklingt. Viel Schönheit ist überall gestreut. Da sind in der kraus verschlungenen Inselwelt langgestreckte Meeresarme, aus denen die Berge hoch und steil, senkrecht sich emporbauen; tief, tief grün sind sie und oft ganz glatt geebnet wie irgendein geschützter, norwegischer Fjord. Da sind entzückende kleine Buchten, Höhlen und Grotten, blau oft wie die von Capri oder klar kristallgrün wie ein heimischer Gebirgssee. Weiter draußen flutet das freie Meer, mit frischem, starkem Wellenschlage sich zwischen die Inseln hereindrängend.

Ganz herrlich ist das alles besonders bei Sonnenuntergang. Da sind Färbungen, wie ich sie noch nie und nirgends gesehen. Da ist manchmal ein tiefes und sattes, noch lang in die sinkende Nacht hineinstrahlendes Blau, da sind heißrote und starkgelbe, breit aufgetragene Tinten, und all diese Töne sind von einer ganz seltenen, leuchtenden Reinheit.

Je öfter ich im schwanken Kanoe diese wundersame Inselwelt durchfuhr, desto mehr gewann ich sie lieb.

Bei all diesen Fahrten hängt, wie schon einmal gestreift, meist die Schleppleine hinaus, welche die Insulaner ganz ähnlich wie unsere Fischer gebrauchen. Nur ist die Leine länger und stärker, die Haken sind größer und kräftiger. Trotzdem sprengen die ganz gewaltigen Fischriesen mit einem Ruck manchmal Leine und Haken. Als Köder dient ein toter, frischer Fisch oder ein künstliches Fischchen, das die Karoliner sehr geschickt aus weißen und rosa Muscheln oder aus Schildpatt sich zurechtzuschneiden verstehen. Ist aber gerade gar nichts anderes zur Hand, so befestigen sie rasch am Haken ein weißliches, lang und schmal geformtes Pandanus- oder Drazänenblatt, das durch die rasche Vorwärtsbewegung des Kanoes ganz das Aussehen eines eilig dahinschwimmenden Fisches erhält.

Auch mit der Angelgerte habe ich Erfolge erzielt. Manchmal baute Otto mit einigen seiner Getreuen aus Bambusstäben eine große Fischfalle, in der die Meeresbewohner bei Ebbe zurückblieben. Aus dem dann nur etwa einen Meter tiefen Seichtwasser holten wir, auf den Bambusstäben sitzend, die Fische mit dem Speer heraus, und das Ergebnis war besonders in den ersten Tagen stets sehr reichlich. Abgesehen von verschiedenen schweren Haien befanden sich auch stets eine ganze Menge großer, guter und eßbarer Schuppentiere in der Falle.

Hundert Arten von Fischen bevölkern die kristallklare Flut, und fast alle sind sie von einer bei uns nicht gekannten Farbenpracht, die vom glühendsten Purpurrot und leuchtendsten Sammetblau, vom allertiefsten Schwarz und sattesten Braun in die lichtesten und allerduftigsten, in zartgelbe und mattgrüne, in weichrosa, mildviolette und perlmutterartige Töne hinüberspielt, oft nur ganz leise und leicht, wie ein schon verblassender und ersterbender Schimmerhauch aufgetragen.

Dazu eine kühne Verwegenheit und phantastische Abenteuerlichkeit der Form: Fische mit gekrümmten, harten Papageienschnäbeln, Fische mit großen Katzen- oder Eulenaugen, Fische wie Igel, rings mit Stacheln besät, mit spitzen und gefährlichen Dolchen und Schwertern bewehrt, oder auch ganz drollige Kumpane, die sich in der Tiefe kugelrund mit Wasser und Luft aufgeblasen haben, ans Tageslicht befördert aber wie ein lebensmüder Kinder-Kirchweihfestballon allmählich auslaufen und jämmerlich zusammenklappen.

Sehr schön und farbenprächtig sind vor allem verschiedene Barscharten, sehr häßlich die Haie mit ihrem breiten Kopf und den tückischen, winzigen Augen, der ganze böse Kumpan in ein schmutziges Gelbgrün gekleidet.

Die Insulaner fürchten ihn übrigens weit weniger als den Seehecht mit seinem bösen Gebiß. Auch der Hornhecht kann durch seinen nadelspitzen Dolch gefährlich werden, besonders des Nachts beim Fischen mit der Fackel. Da springt er — ganz ähnlich wie der fliegende Fisch — nach dem über der Flut zitternden Lichte in weitem, langgestrecktem Bogen aus dem Wasser heraus, und wenn er dabei auf einen braunen, nackten Insulaner stößt, so dringt durch die Wucht des Anstoßes sein Dolch tief ein. Ich habe da böse Schrammen und Narben gesehen, die ganz nach einer Verwundung durch ein modernes Geschoß ausschauten.