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Sonnenländer

Chapter 22: 20. Auf Babeltaob.
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About This Book

Der Reisebericht schildert eine ausgedehnte Weltreise durch sonnige, tropische Regionen, beginnend mit einer Atlantiküberfahrt, Stationen in Kuba und Mexiko, Fahrt entlang Nordamerikas Küsten und Weiterreise nach Japan und in die Südsee. Kapitel dokumentieren Eindrücke von Landschaften, Städten, Hafenleben, Naturereignissen wie Überschwemmung und Erdbeben, Tempelfeste sowie Aufenthalte auf verschiedenen pazifischen Inseln (Marianen, Palau u. a.). Ergänzende historische und geografische Beobachtungen, Kartenskizzen und praktische Reiseepisoden verbinden persönliche Erlebnisse mit volkstümlichen und kulturellen Beschreibungen bis zur Heimreise.

20. Auf Babeltaob.

Von Stationsleiter Winkler und meinem Freunde Fujikawa hörte ich eines Tages, daß am nächsten Morgen in aller Frühe ein Boot nach der auf der Insel Babeltaob befindlichen japanischen Handelsniederlassung abgehen sollte.

Ich beschloß mitzufahren, und am andern Morgen saß ich mit Otto im Boote der Japaner. Auf vier bis fünf Stunden war die Fahrt veranschlagt; wir hatten aber scharfen Gegenwind, mußten beständig kreuzen und kamen erst nach zwölfstündiger Reise, schon in dunkler Nacht, an unserm Ziele an. Otto briet noch rasch einen während der Fahrt gefangenen Seehecht. Dann übernachteten wir auf dem Fußboden in der höchst einfach eingerichteten, japanischen Handelsstation.

Am andern Morgen fuhren wir nordwärts weiter, landeten bei einem früheren, nun nicht mehr bewohnten spanischen Missionshaus und traten von dort aus den Weg nach dem auf der Höhe gelegenen, mir als Wohnort empfohlenen Walddorf Melegejok an.

Hohe und uralte Brotfrucht- und Kalophyllonbäume werfen ihre tiefen, schweren Schatten. Üppigste Drazänen wuchern ringsumher. Ab und zu lacht eine reifende Ananas wie eine Riesenerdbeere aus dunklem Grün heraus. Steil steigt der Pfad hinan. Der glatte, ausgetretene Fels trieft von Feuchtigkeit. Vorsichtig klimmen wir aufwärts. Ein ungeschickter Tritt und unglücklicher Fall ist tunlichst zu vermeiden, ein Bruch des Fußes wäre hier wenig angenehm. Es bliebe gar nichts anderes übrig, als sich durch irgendeinen heilkundigen Häuptling behandeln zu lassen.

Wir begegnen einigen jungen Mädchen. Sie tragen aus gelbgefärbten Gräsern gefertigte, an den Hüften seitlich geteilte Lendenschürzen. Kaum haben sie mich richtig erblickt, als sie auch schon so rasch als sie nur können mit ganz entsetzten hohen Sprüngen, wie ein aufgescheuchtes Rudel flüchtiger Waldtiere, eiligst in den allerdicksten Busch hineinjagen. Alte Seeräubergeschichten mögen hier noch spuken und lebendig sein, und den „weißen Mann“ fürchten die Mädchen hierzulande gar sehr, fürchten ihn, besonders wenn es Nacht und dunkel wird, und das darum, weil er gar so blaß und bleich, so weiß und so sehr zum Erschrecken aussieht, ganz wie eine leibhaftige Geistererscheinung, ein unheimliches, schlimmes Gespenst.

Endlich sind wir auf der Höhe. Otto, der Tüchtige, führt mich zum Häuptling. Der bewirtet mich mit Bananen und mit Tee, dessen Zubereitung ihn der japanische Händler gelehrt hat. Unterdessen bringt Otto mit wohlgesetzten Worten die Empfehlung von seiten des Stationsleiters und unser Gesuch um ein passendes Wohnhaus vor. Otto hat mich dem Häuptling von Melegejok recht wenig der Wahrheit entsprechend als „Rubak“ vorgestellt, welches Wort ungefähr mit „hoher Herr“ oder volkstümlicher mit „großes Tier“ übersetzt werden dürfte.

Nachdem wir uns etwas ausgeruht, erhebt sich der Häuptling, um uns unser Wohnhaus anzuweisen.

Von seinen Töchtern begleitet, führt er uns durch das hübsche Dorf, dessen weit auseinanderliegende Häuser in den dichten Buschwald hineingebaut sind. Hohe Betel- und Kokospalmen beschatten die Häuser. Mitten in der Ansiedlung befinden sich drei nebeneinanderliegende Versammlungshäuser. In einer kleinen Drazänengruppe ein paar Steine, die frühere Richtstätte. Auf dem runden, höchsten Steine wurde, wie mir Otto erklärt, der gefangene Feind getötet.

Der Häuptling führt mich ins schönste und am besten gehaltene Haus. Es ist groß wie eine Reitschule; auf einen Pfosten tretend, klettere ich durch die Eingangsluke hinein. In einer Ecke wird meine Reisedecke auf den Boden gelegt, das Moskitonetz darüber gespannt; das Nachtlager wäre fertig. Kein Tisch, kein Stuhl, auch sonst nicht die geringste Spur irgendwelcher europäischen Bequemlichkeit und Einrichtung. Kein Fenster, nicht Schloß oder Riegel. Was tut’s? Auf der Decke, die über die verstaubten und vermodernden Bretter gebreitet ist, liege ich schon am ersten Abend ganz gut, liege halb im Freien, lustig und laut pfeift der Passatwind durch das ganze Haus. Aber ich werde einige Male im Schlafe geweckt. Oben im Dachstuhl, im dichten Palmstroh jagen und tanzen die Ratten herum und vergnügen sich an tollen, wilden Spielen. Wenn ich dann halb schlaftrunken herumblicke, sehe ich auch nicht allzuviel. Denn die alte Schiffslaterne, die mir der Häuptling geborgt, — woher mag sie wohl stammen? — will nicht recht brennen, flackert nur ganz ärmlich und trübe und vermag nur ein paar Quadratmeter des großen Hauses spärlich zu erhellen. — Da ich aber mit niemandem reden kann, schlafe ich doch bald wieder ein. Otto hat mich bereits bei Einbruch der Dämmerung verlassen. Er ist von einer befreundeten Familie, wie er mir mitgeteilt hat, als Gast aufgenommen worden.

Schon die zweite und nächste Nacht höre ich die laut lärmenden Ratten nicht mehr, erwache nur ein allereinziges Mal, als eine der lustigen Dachtänzerinnen bei einem Saltomortale verunglückt und dicht neben meiner Lagerstätte zu Boden fällt, um sofort schnellstens wieder davonzurasen.

Am Tage habe ich die allerbeste Gesellschaft, kein Tor, keine Türe versperrt ja den Eingang. Jedermann, der Lust hat, kann kommen. Da rückt der Häuptling mit einigen seiner Getreuen an, sie hocken sich auf dem Boden im Kreise herum, da kommen seine Töchter, da kommen noch andere Mädchen des Dorfes, ihre kleinen Geschwister auf dem Arme herbeischleppend, da kommen auch einige Frauen. Eifrigst knuspern sie an meinen Schokolade- und Zwiebackvorräten herum, höchlichst bestaunen sie meine Tauschgegenstände. Geld kann man auf dieser herrlichen Insel überhaupt nicht loswerden. Ein ganzes Warenhaus habe ich bei mir: prächtiges, rotes Lendentuch, gewaltige Küchenmesser, Angelhaken und Schnüre, Tabak und ähnliche Kostbarkeiten. Mit diesen Dingen bestreite ich meinen Lebensbedarf, für einige Stangen Tabak bekomme ich eine Wildtaube oder ein Huhn, Ananas und Bananen holt mir Otto aus dem Busch, die Fische fangen wir gemeinsam, die Lendentücher sind für die Leute, die mit mir auf dem Kanoe fahren, ein Küchenmesser erhält der Häuptling für die Überlassung des Versammlungshauses.

Den Koch macht Otto, und ich muß es zu seiner Ehre sagen, er hat dies Geschäft stets vorzüglich besorgt. — Nur am Abend läßt er mich auch weiterhin immer allein sitzen — bald muß er zu einer bekannten Familie, bald zu irgendeinem Freunde in ein weit entferntes Dorf —, erst am Morgen kommt er um 6 oder 7 Uhr zum Wecken. Und ich gebe ihm immer Urlaub, ich will ihm seine wiedergewonnene Freiheit nicht vergällen. Aber es ist manchmal etwas eintönig für mich, denn früh wird es in den Tropen dunkel, und in Melegejok ist das Gezweig der Palmen ringsum so dicht, daß der Abend noch rascher zu kommen scheint.

Auch sonst scheint mir Otto ein wenig anders geworden. Seine ganze Unternehmungslust ist wie gelähmt. Selbst seine geliebte Fischerei lockt ihn nicht mehr. Weitere und mehr als eintägige Unternehmungen sind ihm ein ganzer Greuel, und vor allem sträubt er sich mit Hand und Fuß, aus allen Leibeskräften gegen ein von mir beabsichtigtes Verlassen von Melegejok, gegen die Übersiedlung in ein anderes Dorf. „O nicht gut das. Anderes Dorf hat nur ganz schlechtes Haus, wo noch mehr Ratten, dazu Kakerlaken und Tausendfüßler; auch Alligatoren sind sehr viele!“ meinte er wichtig warnend und sehr treuherzig. Die bösen bissigen Tausendfüßler, mit denen ich schon einige Male Bekanntschaft gemacht habe, auch die Tatsache, daß ich mich im großen und ganzen im hübschen, hochgelegenen Melegejok sehr wohl fühle, lassen mich schließlich bleiben wo ich bin.

So machen wir denn von Melegejok aus unsere verschiedenen Ausflüge, oft geht es nur für einen Nachmittag auf die See hinaus, dann fahren wir wieder mit Sonnenaufgang ab, um erst in tiefer, dunkler Nacht zurückzukehren. Auch landeinwärts ziehen wir ab und zu, über die kahlen, roten Hochplateaus oder mitten hinein in den wildverwachsenen Busch, der uns oft über dem Kopfe zusammenschlägt. Nach langer Wanderung kommen wir wieder in ein stilles, im Tropenwald versunkenes Dorf, weitgedehnte Tarofelder ringsumher, vor den Hütten girren verschlafen die an Baumstämmchen angefesselten, blaugrünen Locktauben, welche die Wildtauben in Tod und Verderben ziehen sollen. Oder wir halten Rast an einem von dichtem Schilf eingesäumten Binnensee — im unteren Ende seines Ausflusses seien Alligatoren, erzählte Otto. Ich hielt, da auf all diesen Inseln sonst nur eine sehr große Eidechse zu finden, diese Mitteilung anfänglich für einen Bären, den Otto mir aufbinden wollte. Hatte er mir doch selbst mit behaglichem Grinsen vorgetragen, wie er schon mehrere wissensdurstige Europäer, die kein Ende des Fragens finden konnten, ganz greulich angelogen hatte. Aber diesmal hatte er wahr gesprochen, denn wenige Tage später überzeugte mich eine riesige Alligatorenhaut, die mir in der japanischen Handelsstation gezeigt wurde, von dem wirklichen Vorhandensein dieser Tiere.

Später, bei meiner Rückkehr nach Korror, bestätigte mir auch Stationsleiter Winkler die Richtigkeit dieser Tatsache und erzählte mir dabei, daß er einmal leicht durch diese Alligatoren sogar ums Leben hätte kommen können. Er war als erster deutscher Beamter gerade auf den Inseln eingetroffen und gelangte nach einer langen Wanderung spät abends an den Alligatorenfluß. Freudig benutzte er die Gelegenheit, ein Bad darin zu nehmen und schwamm vergnügt hin und her, wunderte sich nur, daß keiner seiner Leute, die sonst so gern ins Wasser gingen, ihm Gesellschaft leistete. Nach beendetem Bade fragte er sie, ob sie plötzlich wasserscheu geworden? „Nein, nein — wir fürchten nur die Alligatoren“, meinten sie ganz gemütlich. Im nächsten Augenblick ging dann freilich ein ganz fürchterliches Donnerwetter auf ihre Köpfe nieder. Und es muß wirklich ein Wunder genannt werden, daß keines der gefräßigen Tiere, die gerade bei Einbruch der Dunkelheit meist auf Raub ausgehen, den nichts ahnenden, armen Stationsleiter gepackt und in die Tiefe gerissen hat.

Ein anderer Ausflug führte mich in das Dorf Nabuket. Eine lange Fahrt, die vom frühen Morgen bis in den Nachmittag währt. Heiß brütet die Sonne auf das Meer hernieder. Das lange, untätige und unbequeme Sitzen auf dem Ausleger macht müde und schläfrig. Ein einziger, kleiner Zwischenfall während der Reise. Otto hat blitzschnell einen flüchtigen, ansehnlichen Hai gespeert, hat aber nicht ganz gut getroffen, und der schwere Fisch steuert nun mit dem Speer im Rücken auf die Brandung zu, um sich durch sie ins freie Meer hinauszuretten. Ein Sprung — ein Plumps — Otto schwimmt dem gespeerten Hai nach — ein weiterer Sprung — mein anderer Insulaner ist auch schon in der See auf der Jagd nach dem Haifisch. Die Bedienung des Kanoes liegt in meiner Hand und ich halte es, so gut ich kann, von der Brandung entfernt. Die beiden braunen Meisterschwimmer haben inzwischen den verhaßten Seeräuber noch rechtzeitig eingeholt, zerren ihn am Speer in die Höhe, einer hat ihn bei den Kiemen, der andere am Schweife gefaßt, und so bringen sie ihn, sich raufend mit ihm, bis ans Kanoe heran. Nun haben sie ihn, wälzen ihn herauf, ein Strick macht ihn fest, ein sausender Axthieb zerschmettert ihm den Kopf.

Hochseekanoe. (S. 113)
Palaumänner. (S. 117)
Inneres des Versammlungshauses, in dem ich in Melegejok wohnte. (S. 124)
Geisterhaus auf Korror. (S. 118)

Ruhig und phlegmatisch, als ob sich dies alles ganz von selbst verstände, machen sich die zwei Palauleute wieder an die Ruder- und Segelarbeit.

Dorf Nabuket liegt in einem wahren Segen von allerüppigster Tropenfruchtbarkeit. Golden flutet das Sonnenlicht über fleißig bebautes Land. In der Hauptsache ist es wieder die Taro, die hier gepflanzt wird. Alles andere, Kokospalmen, Bananen und Ananas, bedarf ja soviel wie keiner Pflege.

Ich bringe dem König des Dorfes einige meiner Tauschgegenstände als Geschenk mit, er gibt mir eine Schildpattschale als Andenken. Diese Schildpattschalen werden, oft recht hübsch geformt und unpoliert von den Palauleuten als täglicher Gebrauchsgegenstand benutzt. Läßt man sie nach der Heimkehr polieren, so geben sie schöne Schmuckschalen ab.

Nachdem ich mich noch durch eine frische Kokosnuß gestärkt, verabschiedete ich mich wieder. Die Unterhaltung mit dem alten König ist etwas umständlich zu führen. Denn er ist äußerst schwerhörig, und der dolmetschende Otto hat sich nach kurzer Zeit heiser geschrien.

Wir gehen zum Strande zurück. Aber unser Kanoe liegt jetzt bei Ebbe vollständig im Trockenen. An eine Heimfahrt ist für die nächsten Stunden nicht zu denken. Wir werden lange warten müssen. —

Aber wir bekommen wenigstens Gesellschaft und wiederum die allerbeste. Eine Schar von etwa dreißig jungen Mädchen, alle mit Laubgrün und roten Hibiskusblüten, mit Korallen und Schildpattschmuck reich behangen, mit der Gelbwurzel an Gesicht und Körper gefärbt, kommt den Strand entlang gezogen. An ihrer Spitze, wie mir Otto erklärt, die Königin, — eine noch hübsche, etwas reife Schönheit. Ich verneige mich, Otto stellt mich wieder als mächtigen „Rubak“ vor, huldreich nickt die Königin, nicken die kleinen schmalen Mädchen, lächeln und flüstern und mustern mich neugierig-ängstlich.

Dann setzt sich die Königin und um sie herum lagern sich ihre schlanken jungen Begleiterinnen im Sande. Man ladet mich ein, auch Platz zu nehmen. Und nun beginnt, während Otto wieder den Dolmetsch macht, eine gemütliche Plauderstunde. Die Königin und ihre Damen erzählen, daß sie den Nachmittag über im Walde getanzt und dann ein Bad in der See genommen, Otto berichtet über unsern Besuch beim König, erzählt auch noch so manches von mir, meiner Rubakschaft und meinen weiten Reisen, erzählt und erzählt, und immer größer und erstaunter betrachten mich die dunklen Augen der braunen Schönen. Ich glaube fast, Otto ist da einmal wieder nicht bei der Wahrheit geblieben und hat dem Hofe von Nabuket Märchen aus Tausendundeiner Nacht berichtet.

Wenn ich nur ein bißchen etwas verstehen würde, ein wenig mitreden könnte. Ich bin es oft müde, bei allem und allem ohne jede Fähigkeit, auch nur ein Wort enträtseln zu können, dabeisitzen zu müssen, ich sehne mich oft danach, ein wenig mit jemand sprechen zu dürfen, denn die paar kurzen Worte, die ich mit Otto wechseln kann, zählen ja schließlich nicht. Der Mensch ist ein Herdentier, das merkt man recht gut auf solch einer Reise, wo man viel sich allein überlassen ist.

Allmählich dunkelt es, die Königin erhebt sich, ich schüttle ihr und den Hofdamen zum Abschied die Hand.

In langem Zuge verschwinden sie im Tropenwalde. Nun ist es still um uns, kein Windhauch flüstert in den Kronen der Palmen, nur draußen donnert schwer die Brandung.

Aber schon kommen andere Gäste — ganz ungebetene —, Moskitos. In dichten Scharen rücken sie aus Unterholz und Büschen heran. Bald können wir uns ihrer nicht mehr erwehren. Otto und mein anderer Kanoegenosse tragen Reisig und Palmstroh zusammen, bald prasselt das Feuer, und dichter Rauch beginnt uns einzuspinnen. Die bösen Peiniger müssen weichen.

Durch das Licht angelockt, stellen sich von da und dort Leute von Nabuket ein, Männer und Knaben. Auch ihnen erzählt wieder Otto weiß Gott was für Dinge von uns, daß sie nicht müde werden zu lauschen.

Endlich beginnt die Flut langsam heranzuplätschern. Ich werde eingeladen, auf dem Kanoe wieder Platz zu nehmen, und die ganze frohe, lustige Gesellschaft, Otto an der Spitze, schiebt mich mit lautem Hallogeschrei ins tiefere Fahrwasser.

Eine herrliche, ruhige Heimfahrt. Still und dunkel die Nacht. Otto entfacht einen Palmstrohbrand, und bis wir um Mitternacht wieder in Melegejok landen, hat er Fische, eine ganze Menge Langusten und Seekrabben mit seinem Speer erbeutet.

Ich bleibe weiter im Dorf Melegejok. Mein trefflicher Otto ist, wie vorher, der einzige Mensch, mit dem ich einige wenige Worte wechseln kann. Aber leider will seine Unternehmungslust immer noch nicht wiederkehren. Immer früher tischt er mir am Abend mein einfaches Nachtmahl auf, immer rascher und eiliger verschwindet er. Sein alter, guter Freund hat, wie er mir des öfteren erzählt, ihn völlig mit Beschlag gelegt.

So sitze ich denn am Abend weiterhin allein in der niederen Eingangsöffnung meines Hauses und schaue in die Dämmerung hinaus. Oft eilen meine Gedanken der sinkenden Sonne nach. Weit da drüben im Westen, über unendlichen Weltmeeren, liegt die Heimat. Dort jauchzt und tollt jetzt die fröhlichste Faschingslust. Welch Unterschied zwischen dort und hier, zwischen brausendem Leben und allerstillster Einsamkeit! ...

Ab und zu sprüht durch den dichten, dunklen Busch ein heller Feuerbrand zu mir herüber. Er läßt die dunklen Umrisse von Palaumännern erkennen, die, einer nach dem andern, in langem, stummem Gänsemarsche auf der Wanderschaft nach irgendeinem Tanzplatze sind.

Der einzige Weiße bin ich unter vielen Hunderten von braunen Insulanern, der allereinzige Weiße auf der großen Insel. Gar nicht weit von hier das Dorf, wo sie vor kurzem beschlossen hatten, die wenigen Weißen auf den andern Inseln zu ermorden. Wenn ihnen wieder solche Gelüste kämen? ... Wenn sie die gute Gelegenheit benutzten und plötzlich in der Nacht vor mein Haus rückten? Wohl liegt der Browning neben mir auf dem Boden, aber ich käme ja gar nicht dazu, ihn zu gebrauchen. Ich würde den barfüßigen Feind gar nicht heranschleichen hören, würde ihn nicht hereinhuschen sehen. Denn tief und schwer ist der Schlaf in den Tropen.

Wozu die Gedanken? Bis jetzt habe ich keinen Grund zu Besorgnissen. Obwohl mein Haus mit allen Habseligkeiten tagelang unverschlossen dasteht, ist mir noch nie das geringste abhandengekommen. Ein paar schöne Angelhaken, die irgendein ungezogener Dorfrange hat mitgehen lassen, kann ich nicht rechnen. Wo bei uns zu Hause findet man so große Ehrlichkeit wie bei diesen sogenannten „Wilden“? ...

Weiter spähe ich in die Dunkelheit hinaus. Allmählich bricht mildes Mondlicht durch das Laubwerk. Nun wird es lebhafter im Busch. Frauen- und Mädchengestalten huschen da- und dorthin — Kinder laufen, springen und tanzen — jagen sich wie ein nächtlicher Spuk im hell erschimmernden Buschwald herum. Ein einsames Paar wandert in leisem Gespräch bergaufwärts, der Mann überragt das kleine Mädchen wohl um Haupteslänge. Bei einer plötzlichen Wendung seines Kopfes, kurz bevor das Paar langsam in den Bambusgebüschen meinen Augen entschwindet, habe ich in dem eifrig auf das Mädchen einredenden braunen Galan Otto, meinen trefflichen und tüchtigen Otto, erkannt. Täuschung ist bei dem hellen Mondlicht ausgeschlossen ...

„Otto!“ meine ich am nächsten Morgen, „kann ich deinen Freund nicht kennenlernen?“ ...

„Freund ist in anderes Dorf — weiß nicht, wann wiederkommt“, antwortet er treuherzig.

„Ist aber noch recht klein und jung, dein Freund, Otto!“ ... Otto stutzt und betrachtet mich mit einem taubensanften Augenaufschlag prüfend und forschend. „Du hast gesehen meinen Freund?“ sondiert er vorsichtig.

„Ich hab gesehen. Denk an den Calabus, Otto!“

„Nicht Calabus. Ist ein junges Mädchen. Ich will heiraten es.“

„Potztausend, Otto. Ich gratuliere!“

Unruhig von einem Fuß auf den andern tretend, bleibt er vor mir stehen. Nervös spielend gleiten seine Hände über seine Lawa-lawa. Dann springt er mit einem plötzlichen Entschluß auf die Türöffnung zu, schwingt sich hinaus und läßt sich auf der Außenseite rasch herabgleiten. „Ich will fragen Vater von Mädchen.“ Fort war er.

„He, Otto,“ rief ich ihm noch nach, „bring doch deine Braut her!“ Eine Viertelstunde später erschien er mit ihr, sie an der Hand nachziehend. „Vater sagt ja!“ meinte er kurz.

Die jungen Palaumädchen sind meist sehr schlank und gut gewachsen, haben einen hübschen, freien Gang und elegante, fast graziöse Bewegungen. Über ihr ganzes Wesen ist etwas klug und verständig Abwägendes gebreitet, eine gewisse kühle und abwartende Zurückhaltung. Nach dem Eindruck ihrer Erscheinung und der Art und Weise, sich zu geben, könnte man versucht sein, sie die Französinnen, die Pariserinnen Mikronesiens zu nennen.

Otto, der Frauenkenner, hatte bei seiner Brautschau gar keinen schlechten Geschmack entwickelt. Das Mädchen hatte ein regelmäßiges, ovalschmales Gesichtchen, aus dem zwei hübsche braune Rehaugen stillklug herauslugten und mich neugierig prüfend musterten. Die schlanke, schmalschulterige Gestalt war ebenmäßig und gut durchgebildet. Kleine, zierliche Händchen, schmale Gelenke und schlanke Fußfesseln. Außer dem schmalen, landesüblichen, goldgelben Hüftenschurz hatte die Braut noch einen saftig grünen Blätterkranz um den Hals gelegt und eine brennend rote Hibiskusblüte in ihr glänzendes Schwarzhaar gesteckt. Sie mochte wohl noch sehr jung sein, kaum fünfzehn Jahre alt.

Auf den Gesichtern der beiden stand ganz unverkennbar eine gewisse Zufriedenheit ausgeprägt. Ein sehr hohes und großes Glücksgefühl leuchtet ja überhaupt wohl selten oder vielleicht gar nie auf diesen ruhigen und meist etwas regungslosen Gesichtern auf.

Ich beeilte mich, aus meiner Blechkiste der niedlichen Braut einiges Zwiebackgebäck zu schenken, die kleine Palaudame, die schon früher sehr eifrig ihre jungen Geschwister um unser Haus spazieren getragen hatte, ließ sich auch ganz zutraulich auf der Diele nieder und knusperte langsam und bedächtig prüfend an dem ihr fremden Gebäck herum.

Es mußte ihr sehr gut gemundet haben, denn schon am nächsten Tage kehrte sie wieder und brachte gleich mehrere Freundinnen mit, die eifrig mithalfen, meine Zwiebackkiste zu leeren.

Ich überließ Otto noch einige Tage seinem jungen Glücke und versuchte den einsamen Tagen in dem einsamen Dorfe soviel als möglich noch abzugewinnen, saß lange bei der versammelten Dorfschaft, wenn sie stunden- und stundenlang in einem Versammlungshause ihre Tänze einübte, sah den Mädchen und Frauen bei ihrer mühsamen und schweren Arbeit in den schlammigen Tarofeldern zu — bis zum Knie und zu den Lenden stehen sie bei glühendster Sonnenhitze in dem grünen Sumpfe —, photographierte und versuchte, diese und jene Seltsamkeit einzuhandeln.

Aber endlich hatte ich doch genug an all der Stille und Einsamkeit. Zurück nach Korror! Otto wäre zwar begreiflicherweise noch gerne geblieben; aber da es nun einmal nicht anders ging, machte er gute Miene zum bösen Spiel, bat mich nur kurz vor der Abfahrt noch, dem Stationsleiter nichts von seiner „Verlobung und seinen Heiratsplänen“ zu sagen. —

In Korror kam mir das Häuschen des Stationsleiters Winkler wie ein Luxuspalast vor — freudig begrüßte ich Tisch und Stuhl und all die vielen kleinen Dinge des Lebens, an die wir Europäer nun einmal von Kindesbeinen an gewöhnt sind. Vor allem aber waren die Abende nun nicht mehr so still. Bis tief in die Nacht hinein sind wir oft beisammengesessen, haben von zu Hause, haben von der weiten Welt geplaudert. Stationsleiter Winkler war mit seinem Posten wohlzufrieden. Er hatte manche Strapaze und manche Fährnis auf Expeditionen in unsern afrikanischen Kolonien bestanden. Das Leben auf Korror ist damit verglichen viel leichter und einfacher. Es gibt ja wohl auch manch schlimme, lebensgefährliche Fahrt von Insel zu Insel, es gibt manchen Ärger mit den Eingeborenen, schwere Arbeit im Kampfe gegen die Schildlaus, die auf der Insel Jap den größten Teil der Palmenbestände zerstört hat, während es Winkler gelungen ist, sie äußerst glücklich zu bekämpfen.

Auch heißt es immer ein offenes Auge haben. Die Eingeborenen sind ja durchschnittlich recht gutmütige Leute, wenigstens den Europäern gegenüber. Mord und Totschlag kommt zwar öfter vor, aber nur zwischen den Insulanern untereinander. Sie sind wie große Kinder, die aber gleich diesen leicht zu betören sind.

Da braucht nur irgendein fremdenfeindlicher Zauberer aufzustehen, und wenn er einen größeren Anhang gewinnt, wird er es leicht so darstellen können, als ob es ein Geringes wäre, die Europäer niederzumachen und zu vertreiben.

Es kommt ihm dabei zugute, daß die meisten Insulaner keinerlei Vergleichsmaßstab haben. „Ist Deutschland auch so groß wie unsere Insel?“ kann man fragen hören.

Wäre Winkler seinerzeit nicht auf der Hut gewesen, es wäre ihm ganz ebenso ergangen, wie später den deutschen Beamten in Ponape.

Aber das bißchen Gefahr und der nicht seltene Ärger vergällt einem alten Afrikaner das Leben noch lange nicht. Schlimmer ist schon die große Einsamkeit, die langen, stillen Abende — jahrein und jahraus. Nur sechsmal im Jahr legte zur Zeit meines Aufenthaltes der Postdampfer an den Palauinseln an. Sonst das ganze Jahr kein Schiff, nur einmal der „Condor“ und vielleicht zwei oder drei japanische Segelschoner. Später mag es etwas besser geworden sein, mögen vor allem auch einige Weiße mehr auf der Inselgruppe gelebt haben, da mit dem Abbau des Phosphates, von dessen Hebung man sich viel erwartete, auf der Insel Angaur begonnen wurde.

Eine der schwersten Aufgaben des Stationsleiters schien mir die Krankenpflege zu sein. Kein Arzt war damals auf der ganzen Inselgruppe, auf der eine schreckliche Geißel der Südsee wütet, die Framboisie. Ich weiß nicht, ob wissenschaftlich schon feststeht, worum es sich hier eigentlich handelt, aber es ist wohl eine lepraähnliche Erscheinung; die von der Krankheit Befallenen verfaulen bei lebendigem Leibe. Man sieht angefressene Glieder und aufgebrochene Körper, tief in den Leib hineingewachsene Geschwüre. Manches Gesicht ist ohne jede Nase, statt ihrer nur mehr eine schwarzrote Höhlung — ein entsetzlicher Anblick —, dem einen fehlt ein Arm, dem andern ein Bein.

Da die zwei letzten Deutschen, welche vor mir die Inseln besucht hatten, Ärzte gewesen waren, so glaubten die Leute wohl, jeder Weiße müsse ein Medizinmann sein und wiesen mir ihre schauerlichen Gebrechen und Gebresten. Ich konnte leider gar nichts anderes tun, als sie an den Stationsleiter weisen. Denn der verbindet in seinem kleinen Krankenhaus jeden Abend, wenn er seine andere mannigfache Arbeit beendet hat, die zu ihm gekommenen Kranken, gibt ihnen Medizin und hilft ihnen, so gut er kann. Ein Arzt täte da dringend not! Er würde Arbeit genug finden, denn außer der Framboisie sind auch alle möglichen andern Hautkrankheiten auf der Inselgruppe verbreitet. Ebenso sollten die Missionen auf solchen Inseln, wo ein Arzt noch nicht ist, sich möglichst viel der Krankenpflege widmen. —

Ende Januar hieß es für mich, mich zu entscheiden. Entweder mußte ich bis Ende April auf den Palauinseln bleiben oder ich konnte mit dem in den letzten Tagen des Januar von Hongkong kommenden und nach Jap gehenden Postdampfer Germania dorthin reisen. In Jap aber war die Natuna, der Dampfer der Phosphatgesellschaft, mit Kurs auf Singapore für den Februar, und ferner für den März ein nach Japan laufender Segelschoner angesagt. So entschloß ich mich, um endlich auch wieder aus der Südsee weiterzukommen, für letzteres.

Rasch war der Tag der Abreise gekommen. Selbst hier, wo das Leben so gleichmäßig dahinrinnt und manchmal ganz stocken will, fliegen dann plötzlich wieder die Tage und Wochen spukhaft rasch vorbei.

Als ich bei einem wolkenbruchartigen Dauerregen an Bord fahren mußte, stand mein Freund und Begleiter Otto gerade vor dem Hause des Stationsleiters Posten. Der Dampfer hatte einen auf der Durchreise befindlichen höheren Reichsbeamten gebracht, und da man den Wachtdienstfähigkeiten der andern Polizeisoldaten scheinbar nicht so recht traute, war Otto für einen Tag eingezogen worden und repräsentierte mit angezogenem Gewehrkolben und umgeschnallten Patronentaschen stolz die militärische Besatzung Korrors.

Als ich von ihm Abschied genommen und mich schon einige Schritte entfernt hatte, rief ich, auf den Calabus deutend, ihm noch zu: „Und heirate bald, Otto!“ ...

Er zwinkerte mir mit den Augen zu zum Zeichen, ich möge dies heikle und vertrauliche Thema doch baldmöglichst fallen lassen, schielte mißtrauisch zum Calabus, noch mißtrauischer zu den Fenstern des Stationsleiters zurück und, als er alles richtig und in bester Ordnung befunden hatte, da — lächelte er.

Es lag unendlich viel in diesem Lächeln. Es war ein Lächeln freudiger Befriedigung — da schwebten ihm wohl seine Braut, seine Missetaten, die ihn in den Calabus gebracht, oder noch viel mehr die, die unaufgedeckt geblieben waren, vor Augen, — es war ein Lächeln stiller Wehmut und Resignation, wenn er der im Calabus verlebten Tage, wenn er des Stationsleiters gedachte, — ein Lächeln heimlichen, aber zähen Trotzes, mit dem er die ganze europäische Kultur und Wirtschaft, welche die Freiheit des Palaumannes und noch so vieles andere grausam zerstört hatte, lebhaft zum Teufel wünschte.

Als ich mich — mehr aus der Ferne — noch einmal umblickte, legte er gerade äußerst gelangweilt sein Gewehr auf die andere Schulter.

Unsere Augen trafen sich noch einmal, und da lächelte er wieder, lächelte, als ob er damit über sein eigenes Leben und über Leben und Schicksal seines ganzen Volkes hinwegblickte, sein halb freundliches, halb still resigniertes Lächeln.

Einige Stunden später ist rings um mich her nichts als tiefblaue, unruhvoll wogende See — spurlos im Weltmeer versunken die stille Inselidylle.