WeRead Powered by ReaderPub
Sonnenländer cover

Sonnenländer

Chapter 23: 21. Hundert Tage auf Jap.
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

Der Reisebericht schildert eine ausgedehnte Weltreise durch sonnige, tropische Regionen, beginnend mit einer Atlantiküberfahrt, Stationen in Kuba und Mexiko, Fahrt entlang Nordamerikas Küsten und Weiterreise nach Japan und in die Südsee. Kapitel dokumentieren Eindrücke von Landschaften, Städten, Hafenleben, Naturereignissen wie Überschwemmung und Erdbeben, Tempelfeste sowie Aufenthalte auf verschiedenen pazifischen Inseln (Marianen, Palau u. a.). Ergänzende historische und geografische Beobachtungen, Kartenskizzen und praktische Reiseepisoden verbinden persönliche Erlebnisse mit volkstümlichen und kulturellen Beschreibungen bis zur Heimreise.

21. Hundert Tage auf Jap.

So bin ich denn wieder in Jap. Als ich an Land fahre, hege ich freilich die allerbeste Hoffnung, daß ich nur wenige Wochen später schon wieder an Bord der Natuna oder des japanischen Segelschoners gehen könne. Die Germania aber, die mich hierher gebracht, sticht bereits am nächsten Morgen von neuem in See, um nach den Marianen, nach Ponape und anderen Inseln zu fahren. Dreimal im Jahre trat sie von Sydney, dreimal von Hongkong aus die Reise durch die mikronesische Inselwelt an, deren einzige und regelmäßige Verbindung mit Asien, Australien und Europa sie darstellte.

Sofort nach Ankunft mache ich mich auf die Suche nach einem geeigneten Quartier. Das ist auch auf Jap gar nicht so leicht, denn das „Gasthaus zur Kokosnuß“ verschenkt wohl Bier und Whisky, bietet aber keinerlei Unterkunftsmöglichkeit. Das Holzhäuschen, in dem ich das erstemal gewohnt hatte, war wegen Baufälligkeit zum Abbruch bestimmt, und so war ich sehr froh, als mir der Direktor der Telegraphenstation die Erlaubnis erteilte, ein freies Zimmer im Wohnhaus der Beamten zu beziehen und an den Mahlzeiten in der Messe teilzunehmen.

Jap war nämlich, wie schon erwähnt, Telegraphenstation der deutsch-holländischen Kabellinie Menado-Schanghai, und außer dem Direktor waren dort ständig acht bis zehn Beamte tätig — bis auf einen Schweizer, einen Engländer und einen Holländer lauter Deutsche. So waren schon dadurch auf Jap viel mehr Europäer als auf den meisten andern dieser Inseln. Neben den drei Beamten des Reiches, einem deutschen Arzt, zwei Kapuzinerpatres und drei Händlern befanden sich auch einige deutsche Frauen auf der Insel.

Jap hat, wie eben erwähnt, eine Kabelstation. Diese Tatsache ist wohl schuld daran, daß Japan sich seines Mandates, das es für die früher deutschen Inseln bis zum Äquator erhalten hat, was Jap betrifft, nicht so ganz sorglos freuen konnte. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika störten ihm das Vergnügen, hierzu wohl veranlaßt durch die Nähe der ihnen gehörigen Philippinen.

Für mich gab es anfangs in Jap recht viel zu sehen. Denn während meines ersten Aufenthaltes hatten die ständigen Wolkenbrüche, die der Nordostpassat herbeigeführt hatte, jeden längeren Aufenthalt im Freien unmöglich gemacht. So war das Verschiedenste nachzuholen.

Jap war schon in altspanischer Zeit Regierungsstation gewesen. Die Spanier hatten aber durch ihre Zwangsbekehrungen die Eingeborenenbevölkerung dermaßen erbittert, daß sie ständig ein kriegsstarkes Bataillon auf der Insel, einen oder zwei Kreuzer im Hafen haben mußten.

Deutschland, das sofort Gewissensfreiheit verkündet hatte, hielt die Ordnung mit einer kleinen braunen Polizeitruppe von dreißig Mann aufrecht, die in dem früheren spanischen Fort untergebracht war.

Manch schmückendes Beiwort verdiente das schöne Eiland: denn Jap ist die Insel der schönen, wohlgepflegten Wege, die, auf Befehl des Bezirksamts von Häuptlingen und Dorfschaften in gutem Stand gehalten, sie nach allen Seiten durchqueren und umlaufen, und welch schöne Wege zu gehen die auf Jap lebenden Europäer meist zu faul sind.

Es ist ferner die Insel der handgroßen, herrlichen Hibiskusblüte. Mit brennend heißem, flammendem, breit und stark aufgetragenem Rot bekränzt sie bacchantisch das Grün am Wege.

Es ist auch die Insel der Südseekrinoline, die sich die sonst ganz unbekleidet gehenden, oft recht hübschen Insulanerinnen in Gestalt von zwei oder drei schweren Grasröcken um die Hüften binden — Grasröcke, so wulstig und umfangreich, daß die armen Japerinnen durch diese recht unbequeme Mode gezwungen sind, beim Gehen die Arme stets weit vom Körper wegzuhalten und abzuspreizen.

Was die Herren der Schöpfung anlangt, so ist Jap ein gesegnetes Dorado und eine Hochburg der „Männereitelkeit“. Nach Frauenart hoch hinaufgebunden tragen die Japmänner ihr mit viel Liebe gepflegtes, langes Haar ernst und würdevoll zur Schau. Diese Haartracht gibt den meisten Gesichtern einen etwas weibischen und weichlichen Zug. Der große, sorgfältig geschnitzte, fest in der dichten Perücke sitzende und mit manchem bunten Lappen verbrämte Holzkamm ist Abzeichen und Sinnbild des „Freien“, der auf jede seine Schönheit gefährdende Arbeit stolz und verächtlich herabblickt. Kein Sklave darf ihn tragen!

Auf Jap gibt es nämlich noch heute in verschiedenen, ganz getrennten Dörfern wohnende „Freie“ und „Sklaven“. Freilich ist die Form der Sklaverei eine ziemlich milde. Dem Manne des Sklavendorfes, ebenso seiner Frau und seinen Kindern steht aber eine größere Reihe von Rechten der „Freien“ nicht zu, auch sind die Sklaven den Häuptlingen der „freien“ Dörfer zu manchen Zwangsdiensten verpflichtet.

Wo die Eitelkeit zu Hause ist, entwickelt sich selbst bei Wilden oder Halbwilden, auf Jap noch gefördert und unterstützt durch die bestehenden Hörigkeitsverhältnisse, ein strenges „Zeremoniell“. Fest geregelt ist zum Beispiel die Grußform und ganz genau bestimmt, welches Dorf und welcher Mann zuerst zu grüßen hat. Es gibt auch keine einzige Japfamilie, gibt keinen Japmann, der nicht seinen ihm durch Tradition und Vererbung für immer zugewiesenen Klassen- und Hofrang hätte. Selbst bei sonst ganz formlosen Wanderungen von Dorf zu Dorf — die Japleute gehen aus alter Buschangewohnheit auch auf den jetzigen, breiten Wegen nie nebeneinander, sondern immer einer hinter dem andern — wird mit Argusaugen darauf gesehen, daß der Vornehmste und Würdigste stolz voranmarschiert und die andern sich ihm jeweils nach der gesellschaftlichen Stufenleiter und Rangordnung anschließen. Dies gilt für die Männer, gilt auch den Frauen und Mädchen. Besonders letztere bieten mit ihren hin und her schlenkernden Armen, wichtig und ihrer Würde bewußt hintereinanderhertrottend, oft einen recht drolligen Anblick.

Begegnet solch ein langsam und bedächtig seines Weges ziehender Insulanerzug einem Weißen, so tritt er wortlos beiseite — das ist sein Gruß — und läßt den weißen Mann vorbeigehen. Stoßen Japdamen auf einen Europäer, so halten sie ebenfalls an und weichen ganz an den Pfadrand zurück, machen dabei aber schämig völlig kehrt, dem hierüber das erstemal baß erstaunten Fremdling als freundlichen Weg- und Willkommengruß ihre Rückenpartien zeigend.

Die allergrößte Merkwürdigkeit Japs aber ist das Steingeld. Meines Wissens hatte dieses Steingeld von Jap früher ein Gegenstück in Afrika, in Togoland und an der Goldküste. Dort handelte es sich freilich nur um ganz kleines, handliches Steingeld, während auf Jap Geldsteine bis zu vier Meter Durchmesser zu finden sind. Schon mit einem kleinen Stück von zirka sechs Spannen kann man fünfundzwanzig Sack Kopra kaufen, und mit den Steinriesen, die sogar ihre eigenen Namen und Ehrentitel führen, ersteht der Japmann sich die größten Felder und schönsten Häuser, die allerbegehrtesten Frauen; für kleinere Zahlungen aber wird „Muschelgeld“ benutzt.

Diese Geldsteine sind gewaltige, durchlochte und kreisrund behauene Kalkspatstücke, die allenthalben in den Dörfern und an den Wegen aufgestellt werden.

Sie sind ein sehr sicherer Besitz, denn gestohlen kann so ein viele Zentner schwerer Stein nicht allzu leicht werden. Bei den großen muß, um sie fortzuschleppen, schon eine ganze Dorfschaft, hundert und mehr Leute, Dienste tun. Ein Palmstamm wird durch das Loch in der Mitte gesteckt, fünfzig Leute fassen vorne, fünfzig hinten an und so wird im feierlichen Zuge das niedliche Geldstück seinem neuen Besitzer zugestellt.

Ein heimliches Fortschaffen bei Nacht würde den Dieben ebenfalls recht wenig helfen, denn jedes wertvollere Exemplar ist an kleinen Kennzeichen auf der ganzen Insel bekannt. In früheren Zeiten dienten die besseren Stücke als Kriegsentschädigung. Dieses eigenartige Geld wird von den hoffnungsvollen Japsprößlingen auch sehr gerne ab und zu als Turngerät benutzt, auf dem sie waghalsig herumklettern und rutschen.

Der in Jap nicht vorkommende Stein wird auf den Palauinseln gebrochen, mitten in den Bergen drin. Durch glattschlüpfrige Wildnis und an schwindelnd steilen Abstürzen vorbei muß man sich zu solch einem „Steingeldbruch“ mühselig hinarbeiten. Mit den primitivsten Werkzeugen wird der Stein hier bearbeitet, unter ganz ungeheuren Schwierigkeiten an den Strand geschafft und auf Bambusflöße verladen. Dann folgt noch der weite, lange und gefahrvolle Seeweg bis Jap. Manch Floß, das diese zentnerschweren Riesensteine trug, manch Kanoe, das diese Flöße schleppte, ist dabei schon in die Tiefe gegangen.

So ist es wohl zu verstehen, daß das so hart und sauer gewonnene Steingeld bei den Insulanern sehr hoch im Kurse steht, und daß es sehr, sehr bitter für die armen Leute sein mußte, wenn ab und zu auf einen solch schönen und lieben, weißen Stein ein mächtiges, häßliches, schwarzes B. A. (= Bezirks-Amt) aufgemalt wurde, zum Zeichen dessen, daß der unerbittliche Amtmann wegen irgendwelcher Sünden und Missetaten, nicht geleisteter Wegebaupflicht oder anderer Verfehlungen die Pfändung eines Steines angeordnet hatte.

Damals brachte auch die Germania, brachten auch Segelschoner die Geldsteine von den Palauinseln nach Jap, aber nur die Stücke, welche auf dem Kanoe nach der Insel gekommen sind, genossen das ganze volle Ansehen und die höchste Bewertung.

Von den „steinreichen Eingeborenen“ komme ich zu den deutschen Händlern — es wären ihrer, wie schon erwähnt, nur drei —, die aber alle drei zu ihrem größten Leidwesen keine „steinreichen Leute“ wurden. Denn auch Jap war eine der so häufigen Stätten deutschen Kolonialpeches.

Tanzende Männer auf Jap. (S. 101)
Steingeld auf Jap. (S. 143)
Verschiedene Eingeborenenhäuser auf Jap. (Kap. 21)

An demselben Tage, an dem auf dem spanischen Fort die deutsche Flagge emporging — „ein böses Omen“, sagten manche —, verheerte ein schwerer Taifun die ganze Insel.

Kaum hatte man sich von diesem Schlage ein wenig erholt, begann die Schildlaus in so zerstörender Weise aufzutreten, daß die meisten Kokospalmen eingingen und die Kopraausfuhr für Jahre gesperrt werden mußte. Erst im Frühjahr 1908 konnte sie wieder freigegeben werden.

Neben diesen drei deutschen Händlern war auf Jap ein japanischer Kaufmann tätig. Wie schon des öfteren erwähnt, fand man sie überall, diese kleinen, schlauen Japaner. Auf allen größeren und wichtigeren Inseln hatten sie bereits ihre Handelsstationen angelegt. Da und dort wurde sogar das Geburtsfest des Mikados wie fast das des Landesherrn feierlich begangen.

Schon vor zehn Jahren war meiner Schätzung nach auf den Westkarolinen ein Viertel der Einfuhr und die Hälfte der Ausfuhr in Händen der Japaner. Auf den Marianen stellte sich diese zu ihren Gunsten noch weit höher.

Es lag ja immer offen zutage, daß die japanische überseeische Politik sich einige weite Linien durch den Stillen Ozean gezogen hat. Die eine lief und läuft von Japan aus südostwärts nach den Hawaiinseln, die andern laufen südlich Australien zu. Zäh hielten sie immer an diesen Linien fest und schauten schon damals begehrlich über die ihnen bereits gehörigen Bonininseln nach den Marianen und Karolinen einerseits, von Formosa nach den Philippinen und Molukken andererseits aus.

Es muß ja den Japanern zugestanden werden, daß diese Inselgruppen für sie immer weit größeren Wert als für uns hatten. Die kleinen japanischen, mit wenigen Matrosen bemannten Segler brachten ihren Handelsstationen billig die notwendigen Tauschwaren zu, fuhren Kopra, Trepang und Schildpatt ebenso billig wieder zurück. Der deutsche Händler hatte eine zweimalige teuere Fracht, einmal nach Hongkong und von dort aus weiter nach Hamburg und Bremen. Er war auch sonst von vornherein gegenüber seinem überaus lebensbescheidenen Konkurrenten im Nachteil. Der Japaner verstand sich auch leichter und besser mit den Eingeborenen, trat auf den Südseeinseln, wo er politisch nichts zu sagen hatte, nicht als harter Zwingherr wie in Korea oder der Mandschurei auf. Dafür brachte der Eingeborene seine Tauschwaren am liebsten in die japanische Faktorei.

Außer den eben angeführten Gründen dieses guten Einverständnisses mögen vielleicht noch verschiedene andere mitspielen, darunter wohl auch der, daß — so gewagt das klingen mag — zwischen dem Insulaner und dem Japaner eine recht weit zurückliegende, aber doch vielleicht etwas wie eine leise Blutsverwandtschaft besteht. Wer einmal sonnenverbrannte, nackte japanische Fischer oder Bauern bei der Arbeit gesehen hat, kann diesem Gedanken schon leichter nähertreten.

Auch theoretisch läßt sich diese Behauptung verfechten. Die Ansichten über den Ursprung der Mikronesier laufen ja sehr weit auseinander — aber eine, die wahrscheinlichste Theorie geht, wie schon gestreift, dahin, daß in ihren Adern ein starker Einschlag von Malaienblut rollt. Das japanische Volk wiederum hat sich aus mongolischen und malaiischen Elementen herausgebildet, und diese beiden Urrassen sind noch heutzutage oft so wenig verschmolzen, daß man mit leichter Mühe den einen Japaner dem mongolischen, den andern dem malaiischen Urstamm zuteilen kann.

Man kann diese eben aufgeworfene Frage ruhig dem Fachgelehrten überlassen — das steht jedenfalls ganz zweifellos fest, daß der Mikronesier sich mehr zum Japaner als zum Europäer hingezogen fühlt.

Es bestehen ja auch sonst noch andere Ähnlichkeiten zwischen Japan und den ihm zunächst gelegenen Teilen der Südsee. Der Malaie, der nach Nippon eingewandert ist, hat dorthin wohl sein pfahlbautenartiges Haus gebracht. Dasselbe Haus finden wir auch auf den Marianen, Karolinen und Palauinseln. Nur ist es hier in seinen rohen und einfachen Uranfängen steckengeblieben, während der Japaner es in jahrtausendlanger Entwicklung weiter ausgestattet und verfeinert hat. Ebenso wie in Altjapan treffen wir in Mikronesien die Sitte an, die Zähne tiefschwarz zu färben, dort wie hier eine große Verehrung des Mondes, dort wie hier eine sehr liebevolle und nachsichtige Kinderbehandlung und -erziehung. Wie schon einmal erwähnt, ist auch in der Götterlehre manchen Eilandes eine ganz ähnliche Naturverehrung, wie sie der Shintoismus aufweist, festzustellen. Ein Reisender und Forscher, der lange in Japan, lange in der Südsee leben würde und in alle Dinge des Lebens tiefer einzudringen vermöchte, der würde wahrscheinlich noch auf dies und jenes andere Gemeinsame stoßen.

Um zu den japanischen Ambitionen auf die Marianen und Karolinen zurückzukehren, so gab es längst vor dem Kriege bereits Leute, die einen vorteilhaften Weiterverkauf der beiden Inselgruppen an Japan befürworteten und ihn als die beste Lösung aller deutsch-mikronesischen Fragen betrachteten. Denn darüber war für den Einsichtigen niemals ein Zweifel, daß Japan sich bei gegebener Sachlage der Inseln bemächtigen würde.

So schrieb auch ich seinerzeit:

„Japan hat zwar vorläufig noch an Korea zu schlucken — aber trotzdem schielt es zweifellos auch beständig in die Südsee hinunter und bei gegebener guter Gelegenheit wird es sicherlich versuchen, ob es nicht nach den amerikanischen Philippinen und Hawaiinseln, nach den deutschen Marianen und Karolinen erfolgreich die Hand ausstrecken kann.“ —

Es kam denn auch, wie es nicht gut anders kommen konnte. Man brauchte kein großer Politiker oder Stratege zu sein, um das vorauszusehen. Nur ein großer und wohlausgerüsteter deutscher Kolonialbesitz, der sich aus sich selbst und ohne Flotte verteidigen konnte, hätte im Weltkrieg mit vollem Erfolg bestehen können, nie aber solch zerstreute, so weit vom Mutterland abliegende Inselgruppen.

**
*

Allmählich begann mir die Zeit lang zu werden. Die Natuna kam nicht im Februar, kam auch nicht im März, hatte, wie ich später erfuhr, bereits Ende Januar, ohne Jap zu berühren, die Südsee verlassen. Ebensowenig ließ sich der japanische Segelschoner blicken. Auch sonst wollte kein weißes Segel, kein schwarzer Rauch sich draußen auf dem blauen Meer zeigen.

Ich sitze fest in unfreiwilliger Gefangenschaft. Und wenn ich noch so sehr in die Weite sehe und spähe, ich erblicke nie etwas anderes als unendliche Wasserfläche, so daß ich schließlich an meiner Befreiung wirklich oft verzweifeln möchte.

Ärgerlich kehre ich der See den Rücken und stürme in meinem Gefängnis herum. Sehr groß ist es ja nicht. In zwei Tagen kann ich die ganze Insel zu Fuß umwandern. Sie ist, darüber ist nicht zu streiten, wirklich ein kleines Paradies, ein einziger, großer, blühender Garten. Da ist am Strande der See bald flacher Sandstrand, wo die stets vergnügte, braune Jugend fischt, badet und sich im Kanoefahren übt, bald wieder dichter Mangrovenbusch mit ganz unglaublich verschlungenem Wurzelwerk, undurchdringlich und dunkel, unheimlich fast, nur vom Leguan, großen Riesenkrabben und anderm Kriechgetier bevölkert. Dicht neben dem Wasser, fast darin sich noch bespiegelnd, ist das Reich der Palmen, steht Palme an Palme, ein einziger, fast die ganze Insel umfassender Palmenwald. Wenn die Luft ruhig und still ist, dann flimmert das heiße Sonnenlicht schwer in den regungslosen breiten Kronen. Aber schöner ist’s, wenn der Meerwind lustig herangeflogen kommt, daß sie zu flüstern und sich behaglich zu wiegen beginnen. Doch am schönsten wird es in den taghellen Vollmondnächten, wenn das Meer viel Meilen weit hinaus erschimmert und der große, große Wald brausend mit mächtigem Rauschen der sehnsuchtsvoll zu ihm herandrängenden See sein Nachtlied singt.

Weiter landeinwärts dehnen sich große Lackfelder mit ihren breiten, mannshohen Blättern, blüht der Hibiskus mit freudigem Rot, grüßen zauberhafte Orchideen in allen Farben hernieder, stehen dicht die Drazänen, schimmert rosig die Ananas, und über all dem schweren Reichtum wölben sich die Kronen uralter Bäume. Erst auf den Höhen wird der Boden magerer und geringer. Nur der ölbaumgraue, hartblättrige Pandanus liebt solch trockene, sonnenverbrannte Erde.

Schön ist es ringsum, aber Freiheit, die ihre Grenzen selbst sich steckt, hat seit Adams und Evas Zeiten seltsamer Menschensehnsucht immer köstlicher und begehrenswerter geschienen als das allerschönste, aber mit hohen Mauern umgürtete Zwangsparadies. Die Mauern, über die es kein Entrinnen gibt, hat hier das Meer gebaut, unüberschreitbarer, als sie je ein Zwingherr aufgeführt hat. Und ich sehe sie überall, diese viele Hunderte von Meilen breiten Wassermauern. Selbst wenn ich tiefer in den Busch hineingewandert bin, nach wenigen Wegstunden stehe ich doch schon wieder vor derselben, heiter und sonnig lächelnden, aber doch so betrübsamen und unüberbrückbaren Meeresunendlichkeit.

Bald habe ich manchen Tag, wo ich mein kleines Paradies kaum mehr sehe und beachte, manchen, wo ich aus der ganzen, goldenen Pracht am liebsten auf und davonlaufen würde. Freilich kommen dann auch wieder Stunden, wo ich mir ein frohes Herz nehme, daß all die lachende Schönheit wieder aufs neue ersteht, jung, unvergänglich und bezaubernd, wie ich sie im lauten Jubel erster Begeisterung gesehen — gesegnete Glücksstunden.

Aber am grauen Alltag habe ich doch bereits mit schärferem Auge zuzusehen gelernt und habe da und dort trotz aller Sonne einen Schatten erspäht. Zuviel Licht, zuviel Sonne! sage nun auch ich. Ich beginne zu verstehen, daß die Insulaner in ihrer Einfalt die Sonne, deren Wohltaten sie nicht begreifen, nicht lieben, sondern hassen — nur den Mond mit seinen kühlen, schimmernden Nächten haben sie ganz ins Herz geschlossen — und daß sie nach der heißen Herrin des Tages und ihrem flammenden Strahlenzepter in ohnmächtiger und verbissener Wut Scheltworte und Steine emporschleudern.

Wie schwül und schwer oft der Tag! Wie drückend, sowie ich das Zimmer betreten, die Nacht! Und gar erst bei Windstille, wenn draußen kein Blatt und kein Grashalm sich regt. Wie unerträglich der scharfe, nie zur Ruhe kommende, metallene Rundgesang der Moskitos!

Ich empfinde plötzlich als lästig, was ich im Anfang als selbstverständlich und mit einem Lächeln hingenommen habe. Unternehmungslust und Arbeitsfreude weichen langsam einer trägen, stumpfen Gleichgültigkeit. Gottlob, sage ich mir oft, daß ich hier nicht für immer zu bleiben gezwungen bin. Ich werde eine bange Ahnung nicht los, daß alle meine Kräfte dann gänzlich erschlaffen würden.

Nun bin ich auch schon so weit, daß ich all die mannigfachen Klagen der ansässigen Europäer besser verstehen kann.

Es gibt ja da und dort in der Südsee einige, die sich vollkommen eingewöhnt haben und sich sehr wohl fühlen, Menschen, die einen großen Wirkungskreis haben, mehr aber noch Leute, die ganz jung als Matrosen, Fischer, Jäger, Abenteurer oder Händler durch irgendeinen Zufall hängengeblieben sind, die zehn, zwanzig und noch mehr Jahre Deutschland nicht gesehen haben und auch gar keine sonderliche Sehnsucht mehr danach haben. Sie sind teilweise, wie man hier sagt, allmählich „verkanakert“, haben nicht mehr sehr viel andere geistige und leibliche Bedürfnisse — den Alkoholgenuß vielleicht ausgenommen — als die phlegmatisch zufriedenen Inselkanaken selbst.

Alle andern aber, besonders Menschen mit regeren geistigen Interessen oder Leute, die an einen größeren, gesellschaftlichen Kreis gewöhnt waren, fühlen sich selten auf die Dauer sehr befriedigt, und manche kommen verbittert sogar dazu, die in der Südsee verlebten Jahre als „verlorene“ ihres Lebens zu bezeichnen.

Das abgebrauchte Sprichwort, daß man nicht ungestraft unter Palmen wandle, wird hier oft zur vollen Wahrheit.

Wir Deutsche, die wir den Nordländern zuzuzählen sind, vertragen eben auf die Länge keinen ewigen und noch dazu einen so gewaltigen und mächtigen Sommer. Wir wollen auch nicht immer nur Blumen und Blüten und Früchte, immergrüne Sträucher und Bäume sehen. Stark duftende Linden, rotwelkende Buchen, weiß beschneite Fichten stehen manchem hier draußen lockend vor Augen. Wenn man all das, sich folgende und ablösende Jahreszeiten, Frühlingsahnen, Herbstschauer und Winterstürme, den Wechsel in der Natur, Werden, Leben und Sterben, mehrere Jahre entbehrt hat, so leiden darunter, anfangs unmerklich, später stärker und stärker, Leib und Seele. Die Nerven beginnen bei vielen lebhafter als gut ist zu spielen oder sagen gar Generalstreik an. Bald überfrohe und überlaute, ungesunde Lustigkeit, bald unmittelbar darauf und ohne jeden begründeten Übergang Zeiten innerer Zerrissenheit und tiefster Depressionen, die sich manchmal bis zum vollständigen Lebensüberdruß steigern können. „Neurasthenie“, wird der Arzt sagen und wird wenig tun können, sie zu heilen, solange der Betreffende an Ort und Stelle bleibt. Nur ein Klimawechsel kann Besserung bringen. Ist dieser unmöglich, so wird der böse Zustand immer wieder und immer stärker kommen.

Immer mehr sehnte ich den Tag herbei, an dem es mir vergönnt wäre, weiterzuwandern. Mit einer solch langen Reiseverzögerung hatte ich nie gerechnet. Februar und März waren verstrichen. Jetzt im April begann gar der lustige Passatwind einzuschlafen, schwerer und schwüler wurden die Tage, dehnten und dehnten sich, endlos und ohne Schlaf war die Nacht.

In der zweiten Hälfte des April sollte die Germania wieder hierherkommen, und so setzte ich denn auf sie meine Hoffnung. Da plötzlich ein Telegramm aus Sydney, daß die Germania in Ponape, der Hauptinsel der Ostkarolinen, gestrandet sei und schwere Havarie erlitten habe. Die Ausbesserung der Schäden werde mehrere Wochen beanspruchen.

Geduld! Geduld! ... In dieser der menschlichen Natur so sehr widersprechenden Tugend kann es ein Südseefahrer zur Weltmeisterschaft bringen. Es hilft, hilft gar nichts, daß man jeden Morgen zu den Flaggenmasten emporstarrt, ob nicht der bunte Wimpel zur Begrüßung eines zufällig einlaufenden Schiffes lustig daran emporgehen will.

Zudem beginnt auf Jap, da der Dampfer über seine Zeit ausbleibt, alles sehr knapp zu werden. Mehl und Kartoffeln gibt es längst nicht mehr, auch die Konserven gehen ihrem Ende entgegen. Frisches Rindfleisch kann auf Jap nur wenige Male im Jahre gegessen werden, zu Weihnachten und Ostern wird je eine Festkuh geschlachtet. So greifen wir jetzt auf die Schweine der Eingeborenen zurück, die so zahm sind, daß sie die Insulanerinnen auf ihren Wegen durch den Busch wie treue Hunde begleiten. Auch Fische lassen wir uns von den Japleuten besorgen. Sie sind aber meist ungenießbar, da die Karoliner sie stets unausgenommen auf dem Kanoe in der fürchterlichen Sonnenglut den ganzen Tag lang liegen lassen. Nach mikronesischem Küchenrezept ist freilich ein sehr starker Hautgout der Schuppentiere allererstes Erfordernis.

In der „Wirtschaft zur Kokosnuß“ ist die Bierquelle auch leider versiegt. Zigarren und sonstiger Tabak sind fatamorganahafte Gebilde. Ebenso ist sämtliches Schuhwerk auf den scharfen Korallensteinfelsen mit der Zeit zum Teufel gegangen.

Aber die Germania kommt nicht, will nicht kommen!