22. Abschied von der Südsee.
Es ist Anfang Mai geworden. Ich habe, um für alle Fälle gerüstet zu sein, bereits eifrig mit dem Packen begonnen. Keine leichte Arbeit das! Ein ganzes Museum aller möglichen Dinge hat sich allmählich bei mir angesammelt: Speere, Kriegs- und Tanzgürtel, Stein- und Muschelgeld, Jagd- und Fischfanggeräte, Holzfiguren und geschnitzte Kanoemodelle, Matten und Kleidungsstücke, Schildpattgegenstände, Schildkrötenschalen und riesige, zentnerschwere Muscheln. All das muß nun in Kisten verstaut werden.
Rasch ziehe ich auch noch ein letztes Mal zu meinen Lieblingsplätzen hin, und jetzt, wo ich weiß, daß ich all das sehr bald nicht mehr, wahrscheinlich gar nie mehr sehen werde, empfinde ich erst wieder ganz allen Liebreiz und alle Schönheit.
Auch diese hundert unfreiwilligen Tage von Jap, die ich meist nur als eine höchst unwillkommene Hemmung meiner Reise angesehen, werden mir schließlich eine liebe Wandererinnerung bleiben.
Erinnerungen: Träume, die einmal leibhaftige Wahrheit und Wirklichkeit gewesen — Wirklichkeit, die jetzt schon nur mehr ein schöner Traum ist.
Bald, bald wird die Südsee, die ich so sehr ersehnt, die ich jubelnd begrüßt, hinter mir liegen. All die südliche Schönheit, die allmächtige Sonne, die tiefe, meerumgürtete Stille ist dann für mich nicht mehr, ist alles versunken. Und ist doch alles auch fest und für immer gegründet und gebaut. In jedem Augenblick dem suchenden Auge der Sehnsucht erreichbar: Erinnerungen, das ganze Leben hindurch leuchtende Erinnerungen. —
Am 6. Mai läuft die so heiß ersehnte Germania wirklich in den Hafen von Jap ein und schon einen Tag später lichtet sie wieder die Anker. — Noch ein letztes Händeschütteln mit den Zurückbleibenden, ein Grüßen und Danken, ein Abschiednehmen für lange Zeit, vielleicht für immer.
Auf den Palauinseln ein kurzer Halt. Ich begrüße auch hier wieder gute alte Bekannte, meinen liebenswürdigen Wirt vom Januar, Stationsleiter Winkler, und meinen Freund Fujikawa. — Meinen Begleiter Otto und dessen Frau — sie haben inzwischen wirklich geheiratet — bekomme ich aber leider nicht zu Gesicht. Er ist nicht an den Landungsplatz und auf die Regierungsstation gekommen — er ist kein allzu großer Freund wohl von Regierungsbeamten und Vorgesetzten, die schon so manchen Tropfen Wermut in den Kelch seines Lebens geträufelt haben.
Kurz nach der Abfahrt von Malakal in aller Morgenfrühe ein kleiner Reiseunfall der Germania. Als wir der Küste von. Babeltaob entlang steuern, ein plötzlicher Ruck und Stoß. Schon sitzt auch das gute Schiff unbeweglich auf einem Korallenriff fest. So etwas ist recht rasch und leicht geschehen. Die stark blendende Sonne, der blitzende Wasserspiegel machen es oft fast unmöglich, die gefährliche Untiefe rechtzeitig zu erkennen. Kapitän und Offiziere, die ganze Bemannung der Germania arbeiten fieberhaft, um das Schiff von dem bösen Korallenriff frei zu bekommen. Alles vergeblich. Trotz der verschiedensten Manöver und Anstrengungen rührt sich die Germania nicht von der Stelle. Es wird Mittag, es wird Nachmittag, brennend sticht die Sonne nieder, nicht der mindeste Luftzug, der Kühlung brächte. Ein paar Kanoes schwirren um uns herum. Wer weiß, ob wir sie nicht bald besteigen müssen, um an Land, für recht lange an Land zu fahren, und ich mache mich schon mit dem Gedanken vertraut, einen unfreiwilligen zweiten Aufenthalt auf Babeltaob nehmen zu müssen. Denn wenn die Germania sich wirklich hier sehr festgerannt hat, wird ihr niemand in ihrer unangenehmen Lage zu Hilfe kommen können.
Nirgends ein Schiff, das sie abschleppen könnte. Auch keinerlei Möglichkeit, sich mit Jap oder Hongkong zu verständigen.
Doch der Gott der Meere und Riffe hat ein Einsehen. Gegen Abend erlöst er uns mit der wiederkommenden Flut und hebt das Schiff vom Felsen. Alles ist gut abgegangen, und die Germania hat bei dem unliebsamen Zwischenfall auch keinerlei ernsteren Schaden davongetragen.
Unsere weitere Reise verlief ohne jeden ferneren Zwischenfall. Das Meer, das in diesen Breiten oft so bös und stürmisch sein kann, war ganz eben und spiegelglatt wie nur irgendein windgeschützter Hochgebirgssee. Wir machten sehr gute und rasche Fahrt und liefen, nachdem einmal kurz die Philippinen in Sicht gewesen waren, am 18. Mai in den Hafen von Hongkong ein.