2. Ankunft in Japan.
Eines Tages sind wir wirklich da. Grün und freundlich erschließt sich die weite Bucht von Tokio. Wie unsagbar wohl tut dieses frische, saftige Grün nach den verbrannten Steppen Nordmexikos, nach dem starken Seewind und der scharfen Salzluft! Goldschimmernder Glanz, zitternder Silberflimmer über Land und See, da und dort noch geheimnisvoll verschleiernder Nebelflor. Aus ganzem Herzen sei mir gegrüßt, heiteres, sonniges, lächelndes Japan!
„Nach einem japanischen Gasthaus!“ sagte ich den Gepäckträgern bei meiner Ankunft in Jokohama, dem Hafen von Tokio. Die taten sehr, sehr erstaunt, zuckten zweifelnd und unschlüssig die Achseln und beratschlagten lange, ein Beweis dafür, daß ihnen dieses Verlangen etwas ganz Ungewöhnliches war.
„Mankahotel!“ meinten sie endlich. „Mankahotel!“ nickte ich zustimmend, froh, daß sie doch noch irgend etwas ausgeklügelt hatten.
Dort, wo die europäische Niederlassung bereits in die japanische Stadt übergegangen ist, steht es, in der Parkstraße, einer großen, öffentlichen Gartenanlage gegenüber.
Ringsum kein europäisches Haus mehr, auch Wirt und Bedienung sind japanisch. Nur das Hotel selbst, ein kleiner einstöckiger Bau, ist nicht mehr ganz waschecht japanisch.
Mankahotel hat sich bereits mit Tischen, Stühlen und Betten europäisch frisiert und ist so eigentlich nicht das, was ich gewollt und gesucht hatte.
Aber auch die Leute vom Mankahotel sahen mich und meine Koffer mit ganz mißtrauischen und argwöhnischen Augen an: — ja, ja — ein Bett hätten sie wohl schon frei — aber wie lange ich denn bliebe, und ob ich mir vielleicht nicht doch das Zimmer vorher des näheren ansehen wollte.
Das tat ich denn auch und unterwarf den einen von den zwei Räumen, die Mankahotel zu vermieten hat, einer kurzen Untersuchung: ein nicht sehr großes Zimmerchen mit einem breiten Bett französischen Stiles, außerdem mit Tisch, Stuhl und Waschtischchen eingerichtet. Aber alles, und das ist mir die Hauptsache, ist blitzblank sauber gehalten. Durch die niederen Fenster bietet sich ein interessanter Einblick in allerlei japanische Nachbarhäuschen, in mancherlei Häuserwinkelwerk und Höfe. Dazwischen ein nicht überbautes Stückchen freier Erde, das mit ein paar grünen Bäumchen bepflanzt ist.
„Ich nehme das Zimmer!“ nickte ich.
Der Hotelwirt, ein kleiner, schmaler, gelbfarbiger Japaner mit klugen Augen, nickte ebenso, ohne über meinen Entschluß besondere Freude oder Genugtuung zu bekunden. Es entging mir auch nicht, wie er mich mit einem erstaunt fragenden und forschenden Seitenblick streifte.
Freilich, die ersten Nächte, die ich nun im Mankahotel verbrachte, sollten sich nicht allzu genußreich gestalten.
Nicht der glühend heiße Tag, an dem die Sonne so gewaltig herniederbrennt, macht das Leben in den Tropen und den der Tropenzone nahe gelegenen Ländern schwer. Der Tag ist mit einigem guten Willen immer noch ganz gut zu ertragen. Das wirklich Schlimme, das, was böse an den Nerven zehrt, die eigentliche Strapaze, das sind die Nächte, diese feuchtschwülen, dumpfschweren Nächte, in denen man doch nicht den ersehnten Schlaf finden kann, wenn man auch todmüde auf sein Lager sinkt.
So eine nicht enden wollende, qualvolle und ruhelose Nacht war gleich die erste, die ich im Hotel Manka verbrachte.
Ganz fein säuberlich hatte ich mein Moskitonetz zugezogen und alle Fenster fest und gut geschlossen, um blutsaugende, unerwünschte Nachtgäste am Eintritt zu hindern.
Aber nachdem ich mich drei Stunden lang schlaflos in der schweren Stickluft auf den heißen Kissen herumgewälzt hatte, öffnete ich zuerst zögernd ein Fenster, eine Viertelstunde später das zweite und kurz darauf das dritte.
Wie luftig nun der frischkühle Nachtwind kräftig das Zimmer durchwehte! Stolz und kühn, als ob es ein wahrhaftiges Schiffssegel werden wollte, blähte und bauschte mein Moskitonetz sich mächtig auf.
Und all die seltsamen, zum Teil noch halb rätselhaften oder ganz unverständlichen Stimmen und Stimmchen der japanischen Nacht dringen jetzt an mein Ohr: grelles Lautengeklimper und süßes Flötenklagen. Dann Wassergeplätscher. Drüben im Nachbarhäuschen wird noch gebadet. Wohl einer, der auch nicht schlafen kann. Deutlich sehe ich von meinem Bette aus eine sich nun am Fenster abtrocknende nackte Gestalt. Man gibt sich höchst natürlich in Japan.
Ich lausche weiter hinaus: nun das zum vorsichtigen Gebrauch von Feuer und Licht mahnende Holzgeklapper des japanischen Nachtwächters. Kurz darauf der hübsche melodische Gesang eines Vogels. Dann der leise elastische Sprung einer ihn jagenden Katze. Das langgezogene Zirpen einer Zikade in dem Bäumchen vor meinem Fenster, fast wie das leise Schnarchen eines Menschen hört es sich an. Rings um das ihnen den Eintritt verwehrende Netz das laut-begehrliche Summen und Surren der Moskitos.
Aber jetzt! Nein, das rumort nicht mehr nur da draußen herum. Ganz dicht an meinem Ohr höre ich nun einen brummen. Und jetzt noch einen und noch einen. In der nächsten Minute folgt auch schon Stich nach Stich.
Das im Winde hoch aufflatternde Netz hat den kleinen Teufeln Einlaß gewährt. Ein paar der schlimmen Gesellen klatsche ich an der Wange tot, die übrigen setzen ihr blutiges Marterhandwerk lustig fort.
Der Morgen, der ersehnte Morgen beginnt fahl durch das Fenster hereinzudämmern und all das böse, lichtscheue Nachtgesindel sucht seine Tagesverstecke auf. Ein tiefer Morgenschlaf entschädigt mich für die ruhelose Nacht.
Im übrigen ist es im Mankahotel zum allerbesten bestellt.
Alles gut, reinlich und nicht teuer!
In ein paar Tagen sind der Wirt und seine ihm den Haushalt führende Schwester, ist auch die gesamte Bedienung unseres Hotels schon ganz zutraulich und zutunlich geworden, die aus sechs Köpfen bestehende Bubenschar, welche die Rolle von Servier- und Zimmerkellnern spielt, und auch unsere drei Hausmädchen.
Was immer ich verlange, alles wird rasch und willig ausgeführt. Nie auch nur der Schein einer Gegenrede, nie ein Besserwissenwollen, nie, und wenn auch noch so viel noch so rasch zu tun ist, je eine mürrische oder unzufriedene Miene.
Aber nicht nur gut und bequem lebt es sich in Hotel Manka. Ich kann hier auch schon in der sonst stark unter europäischem Einfluß stehenden Hafenstadt Jokohama japanisches Leben, japanische Sitte, japanischen Volkscharakter studieren.
Nicht nur, daß fast alle Speisegäste waschechte Japaner sind. Ganz japanisch ist vor allem unsere engere Hausgenossenschaft.
Da sind vor allem unsere schon erwähnten Hotelbuben. Ihr Häuptling — der Älteste — heißt Kakutaro. Wie geschickt, flink und gewandt er ist! Trotz seiner Jugend könnte er manchem Oberkellner eines europäischen Hotels als Vorbild dienen.
Die Götter hatten ihm schon bei seiner Geburt ersichtlich wohl gewollt. Denn sie hatten ihm nicht die so oft als böses Danaergeschenk sich erweisende Mitgift „männlicher Schönheit“ mit auf den Lebensweg gegeben. Sehr hübsch ist der gute Kakutaro nicht zu nennen.
Aber dafür hat er andere Vorzüge.
Alle Sprachen — englisch spricht er noch am besten — aber alle andern Sprachen radebrecht er ein wenig, deutsch und französisch, italienisch und spanisch, russisch und chinesisch, und beständig sucht er lerneifrig seine Kenntnisse zu erweitern. Die andern Buben streben ihm nach. Sowie sie eine freie Minute ergattert haben, kauern sie in ihren Badehosen — Badehose ist außer bei den Mahlzeiten die Hauptbekleidung unserer männlichen Bedienung — in irgendeinem Winkel und grübeln über einer Grammatik, einem Sprachführer oder sonst einem lehrhaften Buch hin. Oder sie fragen und fragen, tun lauter kluge Fragen. Alles und alles möchten sie wissen, sind beständig daran, ihren Gesichtskreis zu erweitern — und sind doch nur die kleinen, aus niederen Kreisen stammenden Bedienungsbuben eines kleinen Gasthauses.
Für jedes freundliche Wort sind sie dankbar. Mit irgendeiner für ein paar Sen, geringen japanischen Bronzemünzen, gekauften billigen Kleinigkeit kann ich ihnen die größte Freude bereiten. Und dann suchen die hübschen frischen Jungen ihre Dankbarkeit durch alle möglichen kleinen, nicht erbetenen Dienste zu beweisen.
Grundehrlich sind sie. Nie habe ich irgend etwas verschlossen; das Portemonnaie, selbst Zigarren und Zigaretten — und sie rauchen sehr gern — konnte ich ruhig auf dem Tisch liegen lassen. Nie ist mir die kleinste Kleinigkeit abhanden gekommen.
Schmerzen können sie aushalten wie ein Mann. Einmal hatte einer eine offene böse Wunde am Fuß. Kakutaro, nicht nur Manager, Ober- und Zahlkellner in einer Person, sondern auch allseitig geachteter Hoteldoktor, steckte ihm irgendeine Heilpflanzenwolle in die Wunde und zündete das Zeug an. Langsam glimmte die Wolle weiter und brannte die Wunde aus. Drei- bis viermal wiederholte der gute Kakutaro mit größter Seelenruhe diese äußerst schmerzhafte Manipulation. Der tapfere, kleine, dreizehnjährige Junge aber saß dabei ganz still auf dem Fußboden, besah sich, ohne eine Miene zu verziehen, die brennende Wolle und — lächelte!
Sie lächeln ja immer, diese Japaner, in Freude und in Schmerzen, auch die Mädchen und Frauen. Unser ältestes Dienstmädchen hatte einmal rasendes Kopfweh, daß sie kaum aus den Augen schauen konnte. Sie erzählte es mir und lächelte dabei, als ob sie sich entschuldigen wollte.
Ja, auch unsere Hotelmädchen sind ebenso nett und lustig, liebenswürdig und freundlich wie die männliche Bedienung. Oshige, Osuzu, Omiyo heißt das Dreigestirn, die älteste ist 21, die jüngste erst 13 Jahre alt. Nur viel weniger wissensdurstig und lerneifrig sind sie als die Jungen, dafür aber hundertmal neugieriger.
Der strahlende Zenit und Mittelpunkt des Hotels Manka aber ist sein Besitzer selbst: Herr Gonjiro Shibata. Nicht in meinen allerkühnsten Träumen hätte ich einen derartigen Hotelier für möglich gehalten, so ist er die verkörperte Idealfigur vorbildlicher Gefälligkeit.
So bin ich sehr zufrieden, gleich am ersten Tag meiner Ankunft sofort ein angenehmes Haupt- und Standquartier für meinen Aufenthalt in Japan ausfindig gemacht zu haben. Zudem habe ich gleichzeitig in Herrn Shibata einen eifrigen Führer gefunden, der selbst gern in Stadt und Land umherzieht und die japanische Wanderlust stark in sich sitzen hat. Er freut sich, mir all die Sehenswürdigkeiten Jokohamas zeigen zu können, stille Tempel und stimmungsvolle Friedhöfe. Er geleitet mich auch oft in die lustige, papierne und hölzerne Welt der japanischen Stadt, führt mich hinaus in die Vororte oder ins Seebad Homoko.
Eindrücke über Eindrücke stürmen auf mich ein. Ich staune und komme nicht aus dem Staunen heraus. Eine große, bunte, seltsame Welt hat sich mir mit einem Schlage aufgetan.