3. Japanisches Nachtleben.
Am allerbesten gefällt mir Jokohama am Abend und in der Nacht. Tagsüber ist es auch dort wie überall etwas still, besonders an heißen Tagen, an denen die Sommersonne Nippons recht erbarmungslos herniederstechen kann. Aber wenn der Abend kühl herniedersinkt, wenn vom goldglänzend breit gemalten Firmamente sich scharf und tief olivengrün mit einer satten Einheitsfarbe alle Bäume abzeichnen, dann strömt es aus allen Häusern und Häuschen hinaus. Rings ein dicht durcheinanderwogendes Gedränge.
Ab und zu auch einige europäische Globetrotter, die in den zweirädrigen Droschken Japans, den Rikshas, angefahren kommen. Galopp! Galopp! Schwer keuchend und schweißtriefend stürmen die armen menschlichen Zugtiere, die Jinrikishamen, einher, der erste bahnt sich schreiend und brüllend den Weg, die andern folgen. Galopp! Galopp! In zwanzig Minuten haben die guten Europäer die ganze Stadt durchquert und glauben, damit alles gesehen zu haben. In Wirklichkeit haben sie nichts gesehen, nichts gehört und gelernt, haben nur einen Mißton in die ihres sauer verdienten Abends sich freuenden japanischen Fußgänger hineingetragen.
Nur wer da langsam geht und oft wiederkommt, stehenbleibt und verweilt, fragt und beobachtet, der lernt den Reiz der japanischen Stadt wirklich begreifen.
„Klipp, klapp; klipp, klapp; klipp, klapp!“ Ich weiß nicht recht, mit welchem Laute ich am besten dieses schlürfende Geklapper Tausender von Holzsandalen, Holzpantöffelchen und allerkleinsten Holzschühchen vergleichen sollte. Das ist so ein Massen-, ein Millionenton, ähnlich vielleicht wie das Zwitschern der Zikadenheere in den japanischen Bäumen, der Sprung und Flug von Heuschreckenlegionen, das Singen der Grillen im Grase, das Rauschen und Murmeln des Flusses, das langsame Branden des friedlichen Meeres — viel tausend großer, kleiner und kleinster Töne, alle in einen einzigen Einheitsakkord zusammenklingend und verschmelzend, nicht in einen süß schmeichelnden, auch keinen elementar gewaltigen vielleicht. Denn das klirrt nicht silbern wie der über glatte Eisfläche fliegende Schlittschuh, dröhnt auch nicht ehern wie der wuchtige Schwer- und Gleichschritt heranmarschierender Bataillone, läßt auch nicht donnernd die Erde erzittern wie heranbrausende Reiterdivisionen; das ist ein japanischer, echt japanischer Ton, gleichmäßig immer, nicht allzu leis und nicht allzu laut, nicht allzu schüchtern und nicht allzu leidenschaftlich, erinnernd vielleicht an den harten Holzton der japanischen Laute, an das unermüdliche Holzgeklapper des japanischen Nachtwächters, hartes Holz auf harter Erde, ein ganz harter Ton, hart wie das Leben der Menschen hierzulande ist, wenn man es nach unsern Begriffen mißt.
Ist aber gar nicht hart in Wirklichkeit! Es ist Arbeit, viel schwere Menschenarbeit; oft Arbeit, zu der wir nur das Tier knechten. Es ist fast spartanische Genügsamkeit; die Zufriedenheit mit Wenigem, unsagbar Wenigem, würden wir sagen. Es ist ewige, stille Heiterkeit, ist helle Freude an allem Schönen, was ihnen ihre Erde bietet: Freude an ihren bunten Vögeln, großen Schmetterlingen und zirpenden Zikaden; Freude an ihren großen, prächtigen Waldbäumen, an all den tausend Blumen und Blüten; Freude an all den unzähligen Dingen und Dingelchen, die sie sich selbst zu verfertigen verstehen.
Und in ihrer Freude, in ihrem heiteren Lebensgenuß, da werden selbst die Großen und Alten: Großeltern, Väter und Mütter, werden sie alle wieder zu Kindern, zu großen Kindern, die die sorglose, ganze Seligkeit des Kindes in sich tragen.
An jedem Abend, Nacht für Nacht, ist zur Belohnung für des Tages schwere Last und Müh die japanische Stadt wie ein kleines oder großes Kinderzauberfest aufgeputzt: bunte Lampions, bunte, rote, blaue und grüne Lichter, wohin man sieht. Wohin das Auge blickt: bunte Tücher in hundert Farben, Fahnen, Laternen, Papierstreifen, die alle lustig im Winde wehen. Fratzen und lachende Reklamegesichter, Tiger und wilde Meerungeheuer, Göttergestalten und finster drohende Tempelhüter, nichts darf fehlen!
Die bis tief in die Nacht hinein offen stehenden Kaufläden sind voll von Tausenden von Herrlichkeiten, eine ist schöner als die andere, die Kinderherzen dürfen jubeln, und gerade oft das Allerschönste und Reizendste ist für ein paar Heller auch von den Kleinsten der Kleinen zu erwerben.
Langsam schiebt sich die Menge dahin, langsam pilgere ich mit, vor jedem fliegenden oder stehenden Laden haltmachend, alle Basare durchwandernd und durchstöbernd; nie komme ich zurück, ohne eine Kleinigkeit erstanden zu haben.
Was sehe ich nicht sonst noch so unendlich viel, an dem ich mich erfreuen kann, ohne es gerade erwerben zu können oder zu wollen: alte Holz- und Bronzearbeiten, uralte Götterbilder, kostbarste und farbenprächtigste Seidengewänder und Stoffe. Dann all die Blumen und Zierbäume, von denen ich schon so viel gehört habe, daß sie mich von allem Anfang an schon wie alte, liebgewordene Bekannte anmuten wollen. Trotzdem staune ich, wenn ich sehe, wie so ein japanischer Gärtner mit ein paar winzigen Zwergbäumchen den Eindruck eines hohen Urwaldes oder eines ehrwürdigen Götterhaines hervorzurufen versteht, oder wie er aus ein paar Blümchen, niederen Grashalmen und einigen Steinchen einen großmächtigen Prunkgarten zusammengebaut hat.
Blumen und Bäume, Gärten und Wälder! Nur die Vögel fehlen darin! ...
Die Vogelhändler haben schon Schluß gemacht, gut für die kleinen gefiederten Gefangenen, die nun Ruhe haben, schlecht für das Ganze des Festes.
Denn ich vermisse sie nur ungern, die hübschen, immer hinter den weißen Holzgitterstäben sitzenden und trotzdem immer vergnügt plaudernden und zwitschernden Gesellen, schon allein wegen ihrer Farbenpracht müßten auch sie da sein. Das glänzt und schimmert in allen erdenklichen Tönen, vom hellsten Weiß bis zum tiefsten Schwarz; alle Abstufungen und Übergänge, alle Mischfarben sind gegeben, und manche der fremdländischen Südlandvögel sind bunt getupft und gesprenkelt wie unsere heimischen Salme und Forellen.
Aber sie schlafen und nur die in einem ganz winzigen Holzkäfig sitzende und zirpende Zikade versucht sie zu ersetzen, beteiligt sich, so laut sie nur kann, an dem lustigen Nachtkonzert.
Doch genug von all den tausend Dingen und Dingelchen. Wer das nicht selbst gesehen hat, dem ist das trotz längster, trotz der begeistertsten Schilderungen doch nie ganz klarzumachen.
Nun rasch zu den Jongleuren und Artisten. Selbst ganz schauerliche, indische Kunststücke werden mir vorgemacht.
Dann ins Theater. Die Japaner sind gute Schauspieler. Sie schließen Fernen und Weiten auf, vor denen wir, im Innersten gepackt, überrascht dastehen. Besonders der Ausdruck finsterer und leidenschaftlicher Regungen, von Schmerz und starkem Schrecken ist oft von unheimlicher Wirkung.
Jetzt die Geishas! Die kennt ja schon jeder und selbst der, dessen Länder- und Völkerkunde Note IV oder V verdient, weiß, daß es in Japan ein Fest der Kirschenblüte, weiß ferner, daß es dort „Geishas“ gibt, daß besagte Geishas tanzen und singen und im übrigen sehr nett und niedlich sind.
Nett und niedlich sind sie auch wirklich, besonders die ganz Kleinen — die Elevinnen oder Schülerinnen — ich weiß nicht genau, wie der kunstgerechte Ausdruck lautet —, die in ihrem mächtig großen Obi (Gürtel) und den Riesenblumen im Haar drollig und reizend zu gleicher Zeit aussehen.
Weniger nett und niedlich ist ihr Gesang und ihr Lautengeklimper. Mit den oft recht graziösen Tänzen wird man sich weit eher befreunden können. —
Wieder hinaus ins Freie.
Hell gleitet das Licht aus den im Winde leise zitternden Lampions, springt lustig auf die Straße, schlüpft in die engsten Gassen hinein. Breit bricht es aus den Basaren und großen Theatern heraus. Möchte es irgendwo, wo keine Häuser stehen, ein wenig dunkler werden, flugs sind dort auch wieder ein paar Gärtner mit ihren Blumen zur Stelle, ein Spielwarenverkäufer mit seinen Schätzen, ein Seidentuchhändler, ein Zikadenhausierer, und alle haben sie neben ihre Ware auf den Boden ein paar helle Lampen gestellt.
Nein! Das ist wahrhaftig nicht die regelmäßige, weithin übersehbare, recht brave und ordentliche, aber auch recht nüchterne und hausbackene Art der europäischen Beleuchtung! Da ein Licht und dort ein Licht; hier ein stolzer Strom, dort ein fahler Funke, fern da drüben, in weiter Nacht ersterbend, ein ängstlich flackerndes Irrlicht.
Selbst in den Lichtern, in Strahlenkronen, in Lampions, Lampen und Windlaternen steckt echter Künstlergeist. Unregelmäßig sind sie und doch einheitlich — ein großes Ganzes — eine Liliputwiederholung und -nachahmung von den Sternen des Himmels da droben.
Und jedes Licht, und mag es noch so klein und lebensbescheiden leuchten, bringt dem, der da recht hinsieht, eine neue, kleine Überraschung, ein neues Entzücken, eine neue Freude, bis man, müde von vieler Freude, todmüde von all dem Schauen, durch die allmählich stiller werdende Stadt den Heimweg antritt.
Aber selbst im Traume höre ich noch Geklapper von Holzsandalen, höre ich Lachen und Freudenlaute, höre die frohen Stimmen von all den kleinen und großen Kindern und sehe es blitzen und gleißen, funkeln und sprühen, sehe die tausend goldenen Lichter der japanischen Nacht! ...