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Sonnenländer

Chapter 7: 5. Sintflut und Erdbeben.
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About This Book

Der Reisebericht schildert eine ausgedehnte Weltreise durch sonnige, tropische Regionen, beginnend mit einer Atlantiküberfahrt, Stationen in Kuba und Mexiko, Fahrt entlang Nordamerikas Küsten und Weiterreise nach Japan und in die Südsee. Kapitel dokumentieren Eindrücke von Landschaften, Städten, Hafenleben, Naturereignissen wie Überschwemmung und Erdbeben, Tempelfeste sowie Aufenthalte auf verschiedenen pazifischen Inseln (Marianen, Palau u. a.). Ergänzende historische und geografische Beobachtungen, Kartenskizzen und praktische Reiseepisoden verbinden persönliche Erlebnisse mit volkstümlichen und kulturellen Beschreibungen bis zur Heimreise.

5. Sintflut und Erdbeben.

Dem Sonnenlande Japan beliebt es plötzlich, sich in fast ständigen Regen zu hüllen.

War ich einmal bei leidlichem Wetter in irgendein Bergdorf aufgestiegen, so erwachte ich am nächsten Morgen in einem so unbeschreiblichen Strichregen, daß es gar nicht möglich war, den Abstieg zu versuchen.

Am vielbesuchten Hakonesee ist mir dies gleich zweimal zugestoßen. Zweimal war ich gezwungen, als einziger Badegast an dem kleinen Bergsee zu bleiben.

Ununterbrochen tobte der Sturm und donnerte trotz aller Windschutzbauten in der Nacht dermaßen an das Haus, daß ich glaubte, die ganze Holzbude müsse im nächsten Augenblick rettungslos zusammenbrechen. Am Tage aber zauberte er, die schweren weißen Nebel nahe der Wasserfläche über den See dahinfegend, ein vollständiges Winterbild hervor: wie ein dichtes, wildes Schneetreiben auf fest und glatt gefrorener Eisfläche sah sich das an.

Eingehüllt in einen schweren Kimono, ein glimmendes Kohlenbecken an meiner Seite, schlug ich ärgerlich und wenig guter Laune die Zeit tot.

Das tatenlose Herumsitzen, die Langeweile trieb mich endlich doch zu Tale. Aber es war mehr ein Herabfallen und -purzeln, als ein Herabsteigen. Die abschüssigen Lehmhalden waren schlüpfrig wie Glatteis, ebenso der Fels und das Steingeröll. Dazu hatten Regen und Taifun, jener gefährliche Wirbelsturm, lange Stücke des schmalen Saumpfades in die Tiefe gerissen.

Als ich mich mit vieler Mühe und auf großen Umwegen wieder ins Tal hinabgearbeitet hatte, fand ich dort die Brücke weggeschwemmt. Wollte ich weiter kommen, so blieb mir gar nichts anderes übrig, als mich über den wild tobenden Bergfluß hinüberseilen zu lassen.

Die japanische Seilfähre ist nicht wie unsere europäische: zwar ist da auch ein Drahtseil vorhanden, aber daran wird kein Schiff, sondern wird man gleich selbst in höchsteigener Person, auf einem schmalen Holzbrett sitzend, angekoppelt.

Allzu groß ist das Vergnügen nicht!

Die kleinen, leichten Japaner sausen ja ganz frisch und flott hinüber, nicht so das europäische Schwergewicht. Schon in der Mitte der Fahrt beginnt das zu stocken, wie ein unfreiwilliger Akrobat tanze ich auf elastischem Seil über der tobenden Flut auf und ab und habe Zeit genug, tiefsinnige Betrachtungen darüber anzustellen, ob die eigenen achtzig Kilo oder ob die japanische Drahtseilfabrikationskunst schließlich den Sieg davontragen werde.

Aber drüben am andern Ufer arbeiten sie ganz wütend und holen mich keuchend doch endlich heil und ganz über. Freilich, den Hut habe ich als Obolus den japanischen Wasser-, Wetter- und Windgöttern in die Tiefe geworfen, die Hose ist auch nicht mehr ganz salonfähig, aber alles andere habe ich glücklich herübergerettet.

Ich sehe in diesen Tagen viel Ernstes und Trauriges: entwurzelte Bäume, abgedeckte Hütten, zerstörte Gärten und Felder, niedergegangene Steinlawinen, Vernichtung und Verheerung.

Als ich so in einem entsetzlichen Unwetter zum zweiten Male nach Mijanoschita, der bekannten japanischen Sommervillegiatur kam, da fand ich ganz in der Nähe, in einem reizenden, dicht zwischen Fluß und Fels eingebauten Dörflein eine große Menschenansammlung, Polizisten, die Ordnung hielten, Männer, Bauern und Kulis, die fieberhaft schaufelten und arbeiteten.

Ein Bergsturz! Zwei Häuser in die Tiefe gerissen! Man sieht nicht mehr viel davon, nur noch Schutt und Geröll. Und die, die in den Häusern waren, sind längst tot.

Als ich jüngst hier gewesen, war ich dicht neben der Unglücksstelle eingekehrt. Es regnete auch, aber es kam doch ab und zu die Sonne ein wenig durch das Gewölk, man konnte sich im Freien halten. Ich kannte die Leute, die da verschüttet worden waren, und die zwei hübschen, lustigen Teehausmädchen, die sie entsetzlich verstümmelt herauftragen, waren lachend vor mir davon und ins Haus gelaufen, als ich versuchen wollte, sie zu photographieren.

Ganz schlimm sieht es auch in der Ebene aus, die Flüsse und Ströme sind verheerend weit über die Ufer getreten, die so sorgsam bebauten und liebevoll gepflegten Reisfelder sind zu schmutzig grauen Seen geworden — ein unsagbar trauriger Anblick. Manche Hütten sind weggerissen, zahlreiche Menschenleben sind zu beklagen.

An der Küste aber stoße ich auf die Spuren einer verheerenden Springflut, höre von vielen im Taifun untergegangenen Fischerbooten erzählen.

Ich höre bald überhaupt nur noch von Todesfällen, von Dammbrüchen und Geleisunterspülungen, Brückeneinstürzen und Bahnunterbrechungen. Jammer, Elend und Not, wohin ich komme. Als ich endlich nach Jokohama zurückgelange, finde ich auch dort allerlei Unheil. Vor allem ist die städtische Wasserleitung zerstört. Das bedeutet soviel wie allerhöchste Gefahr. Denn die japanische Stadt ist, wie schon des öfteren erwähnt, ganz aus Holz erbaut. Dazu all der andere, bunte Flitterkram. Jeden Augenblick auch ein Brandunglück. Und jetzt kann nur noch nach altem Brauch, mit Eimern und Tonnen gelöscht werden.

Keinen trockenen Faden am Leibe mehr, kehre ich in mein Haupt- und Standquartier „Hotel Manka“ zurück. Aber entsetzt mache ich die Entdeckung, daß auch das Mankahotel inzwischen von einem Hochwasser heimgesucht worden war. Meine im Erdgeschoß stehenden Schiffskoffer hatten vergnügt „Schiffahren“ gespielt. Im untersten Fach fand sich ein grauer Brei, eine zähe, geleeartige Masse, in der bereits lange gelbe Würmer herumkrochen. Tieftraurig schaufelte ich das aus und übergab es zu schleuniger Bestattung. Dann versuchte ich zu retten, was noch zu retten war. Kohlenbecken wurden entzündet und die Reinigung und Austrocknung der triefenden Koffer, das Aufhängen der nassen Kleider, die Ausbreitung der feuchten Wäsche und des sonstigen noch verwendbaren Kofferinhalts gestaltete sich zu einem glänzenden Freudenfest für die neugierigen und wissensdurstigen Hotelboys und -girls.

Aber nicht nur das Wasser schafft Schaden und Elend, auch im Innern der Erde will es rebellisch werden.

Ich erlebe in Jokohama mein erstes Erdbeben. Es ist ganz schön und gut abgelaufen und hat auch allgemein außer verschiedenem Materialschaden nicht allzuviel Unheil gestiftet.

Aber trotzdem! Sicherlich habe ich noch nie im Leben ein so unheimliches Gefühl wie in dieser Nacht empfunden.

Ein schweres Alpdrücken. Ich träume — träume, daß einer meiner Angehörigen eines ganz gräßlichen, entsetzlichen Todes gestorben sei.

Plötzlich erwache ich. Auf dem Boden rollen ein paar am Abend vorher erstandene Vasen zerbrochen umher.

Nun ein Stoß! Das Zimmer geht auf und ab wie ein Schiff im Sturm. Geradeso wie bei hohem Seegang das Gebälk des Schiffes, kracht und ächzt und stöhnt es in den Wänden, in der Decke, im Dachstuhl.

Jetzt noch ein Stoß, stärker, kräftiger, dröhnender als der erste! Gewaltige Erdkräfte, die tief da unten zu schlafen schienen, sind aufgewacht, sind heraufgestiegen, haben gerufen, daß sie noch leben wie am allerersten Tage der Erde, und haben mahnend angepocht, das Pochen ist laut und deutlich gewesen.

Im nächsten Augenblick muß das alles in Trümmer zusammenstürzen! Ein Sprung aus dem Bett, ein zweiter nach der Tür, ein paar Sätze über die Stiege hinab, nie noch habe ich im Leben so unanständig rasch ein Haus verlassen! ...

Erleichtert atmete ich auf, als ich glücklich mitten auf der Straße im strömenden Regen stehe — mit vielen Leidensgenossen, die sich alle in sehr unmöglichen oder gar keinen Kostümen gerettet haben, just geradeso, wie sie in der schwülen Septembernacht der plötzliche Seegang von Mutter Erde überrascht hat.

Wir sind alle noch etwas verschlafen, noch etwas beklommen und warten der schlimmen Dinge, die nun weiter noch kommen werden. Aber es kommt nichts mehr. Den Göttern der Tiefe hat es gefallen, nur zu pochen und zu mahnen, mit dem zweiten kräftigen Stoß ist alles zu Ende.

Man steht plaudernd beisammen, bis es ganz Tag geworden ist, dann geht man zurück, hebt seine zerbrochenen Habseligkeiten auf und ist etwas verstimmt über die unnötigen Artistenriesensprünge, die man gemacht hat.

Japanerin im Kimono. (S. 21)
Spielende Kinder. (S. 23)
Fischerdorf. (S. 26)
Japanische Fischer. (S. 26)

Daß ich mit meiner Eile nicht allzusehr unrecht gehabt hatte, wurde mir acht Tage später dadurch bewiesen, daß in friedlichster Sonntagsmorgenfrühe plötzlich und unvermittelt, wohl als Nachfolge des Erdbebens, meine Zimmerdecke, allerlei schweres Gebälk, dazu noch drei Zentner Tomatensaucenflaschen, die über der Decke gelagert gewesen, herabstürzten und eine grausame Verwüstung unter meinem Eigentum anrichteten. Was nicht zerschlagen war, wurde in Tomatensauce getränkt.

Allright!“ sagte ich trotz des wenig freundlichen Anblickes und war, da ich erst zwei Minuten vorher durch einen Zufall das Zimmer verlassen hatte, froh, so leichten Kaufes davongekommen zu sein!