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Sonnenländer

Chapter 8: 6. Die Stromschnellen des Tenryugawa.
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About This Book

Der Reisebericht schildert eine ausgedehnte Weltreise durch sonnige, tropische Regionen, beginnend mit einer Atlantiküberfahrt, Stationen in Kuba und Mexiko, Fahrt entlang Nordamerikas Küsten und Weiterreise nach Japan und in die Südsee. Kapitel dokumentieren Eindrücke von Landschaften, Städten, Hafenleben, Naturereignissen wie Überschwemmung und Erdbeben, Tempelfeste sowie Aufenthalte auf verschiedenen pazifischen Inseln (Marianen, Palau u. a.). Ergänzende historische und geografische Beobachtungen, Kartenskizzen und praktische Reiseepisoden verbinden persönliche Erlebnisse mit volkstümlichen und kulturellen Beschreibungen bis zur Heimreise.

6. Die Stromschnellen des Tenryugawa.

In Nagoya habe ich mir mit drei Bekannten, drei deutschen Offizieren, ein Stelldichein gegeben. Wir haben schon gemeinsam von Kioto aus die recht hübsche Fahrt über die Stromschnellen des Hozugawa gemacht und wollen nun von Nagoya aus die Reise in die Berge hinein an den Tenryugawa, einen mächtigen Bergstrom Zentraljapans, antreten, um auf seinem Rücken uns wieder in die Ebene herabtragen zu lassen.

Da dieser Ausflug ziemlich selten unternommen wird, von manchem Kenner des Landes aber überhaupt für das Schönste erklärt wird, was in Japan zu sehen, möchte ich ihn etwas ausführlicher schildern.

Von Nagoya aus geht es in die Berge, durch breite Täler und enge Schluchten, über Wasserscheiden und Höhenpässe. Erstaunt und erfreut durchwandern wir eine ganz wundersame und fast unbekannte Bergwelt. Oft ist das alles wie ein sonniges Südtiroler Tal: Maisfelder, Maulbeerpflanzungen, Kakibäume, deren große, runde Früchte golden wie Orangen aus dem üppigen Tiefgrün herauslachen. Zwischen all dem reichen Segen ab und zu auf hohem Steinunterbau ein niederes Häuschen, dessen weit hervorspringendes, breitschräges Dach ganz so wie ein österreichisches oder bayerisches Gebirgshaus mit Schindeln und Steinbelag gedeckt ist.

Doch je höher wir steigen, desto nordischer wird es ringsum. Herbstroter Ahorn und schwarze Föhren verdrängen alles Fruchtland, bis schließlich jeder Baumbestand allmählich aufgehört hat.

Wolkenbruchartiger Landregen macht einmal für vierundzwanzig Stunden jedes Weitermarschieren unmöglich, aber nach vier Tagen haben wir dennoch unter allerlei kleinen Abenteuern unser ersehntes Wanderziel, das Gebirgsdörfchen Tokimata, den Abfahrtsort für die Tenryugawatalreise, glücklich erreicht.

Wir sind etwas in Sorge. Der Tenryugawa kann nur in wenigen Herbstmonaten des Jahres befahren werden, selbst in dieser Zeit aber kommen lange und häufige Unterbrechungen durch Hochwasser vor.

Und der Fluß hat starkes Hochwasser. In scharfem Talfall wälzt er schäumend und brausend seine schmutziggrauen Fluten dahin. Aber der Schiffahrtspächter will uns dennoch hinabbringen lassen, doch nicht ohne den Versuch gemacht zu haben, den Preis möglichst in die Höhe zu treiben, was begreiflich erscheint, wenn man bedenkt, daß seine Leute an vierzehn Tage zu tun haben werden, bis sie das Boot wieder nach Tokimata zurückgeschleppt haben. Endlich sind wir aber doch handelseinig, und die Abfahrtsstunde wird auf 6 Uhr morgens angesetzt.

Rasch treibt das breitgebaute, von vier stämmigen Schiffern mit mächtigen Rudern gesteuerte Boot talabwärts. Flaches Gestade, ab und zu schon ein Strudel und ein paar hüpfende, neugierig über die Bootswand hereinguckende Wellen. Aber ruhig und sicher liegt das Boot noch auf dem scharfzügig abwärts eilenden, breiten Strom. Prächtige Waldberge in der Ferne, dunkles Laubgrün und gut bestellte Felder am Ufersaum.

Doch plötzlich hohe, einengende Wände. Zischend und schäumend donnert die Flut gegen den Fels. Und schon ist auch das Boot mitten im tollsten Hexenkessel. Von allen, allen Seiten hat das Wasser, der Strudel das Fahrzeug gefaßt und zerrt und reißt es umher; über die meterhohe Bootswand kommen die ersten Wellen herein.

Nun ein Stoß, ein ganz gewaltiger Stoß! Wir sind von den Sitzen geflogen, so mächtig ist der Ruck gewesen. Gischt und Wasserdampf sprüht empor, schon liegt das Boot auf der Seite. Klirrend und krachend, mit einem Höllenlärm kollert verschiedenes Zerbrechliche umher.

Doch der äußersten Kraftanstrengung unserer braven Fährleute glückt es noch im letzten Augenblicke, das Boot vor dem Kentern zu bewahren. Und „Kentern“ wäre hier gleichbedeutend mit Schluß und Ende. Nicht der beste Weltmeisterschaftsschwimmer könnte sich aus dieser kochenden Urkraft wildester Tiefstrudel je wieder herausarbeiten.

Schon an der nächsten Biegung, wo ein flach zulaufender Geröllstrand sich zeigt, machen die Schiffer halt und nehmen weiteren Ballast, mächtige Flußsteine, ein. Das Boot ist noch zu leicht, das Hochwasser größer und stärker, als man oben in Tokimata angenommen hatte.

Wieder hinein in den reißenden, undurchsichtigen Fluß. Nun sollen die eigentlichen Stromschnellen ja erst beginnen. Wieder dieselbe atembenehmende Sturmjagd! Zu Tale! ... Zu Tale! ...

Weit, weit da drunten blitzt es silberweiß im grauschwarzen Flußbette auf, weit, weit da drunten und jetzt noch tief, tief unter uns.

Doch unser windschnell dahinbrausendes Boot muß schon im nächsten Augenblicke die weiße Gischt- und Schaumstelle erreicht haben. Die erste Stromschnelle! ... Erwartungsvoll spähen aller Augen hinab! ... Hoch richtet sich der auf der Spitze des Bootes stehende Fährmann empor. Schlank, gerade und unbeweglich steht er da, fest und sicher, auf der schmalen, scharfkantigen Planke. Langsam und feierlich — ein Betender — hebt er das schwere Ruder und pocht dreimal damit an den Bug des Bootes, laut, langsam und feierlich. Dumpf hallt es wider.

Kaum hat er den dritten und letzten schallenden Schlag getan, kaum das huldigende und beschwörende Gebet an den Gott des Flusses zu Ende gesprochen, da gibt auch der mächtige Gott aus der Tiefe schon Antwort: dumpf, aber viel, viel schwerer und wuchtiger als der Schlag des Ruders an die Bootswand, donnert und dröhnt, brüllt und braust er seinen lauten Gruß in die Höhe. Gischt und Schaum, Wellen und Wogen speit und schleudert er in weitem Bogen empor, rast in sinnloser, alles zermalmender Wut da unten im tiefen, dunklen Grunde.

Wie ein Federball tanzt das Boot dahin und dorthin, vom gewaltigen Atem seiner Riesenbrust hin- und hergeweht, hoch hinaufgehoben, um krachend wieder auf die zischende Flut zurückzuprallen. Und nun schießt es, ein von starker Sehne abgeschnellter Pfeil, mit plötzlichem Entschluß auf die nahe, steile Felswand zu. Wenn es mit der Spitze den Stein berührt, zerstäubt es in tausend Trümmer.

Jetzt aber beginnt ein Kämpfen und Ringen unserer vier Schiffsleute mit den ungestümen, ungeheuren Machtgewalten des Stromes. Die Ruder ächzen und stöhnen, die zusammengepreßte Bootswand seufzt und wimmert, der Boden zittert.

Aber der Strom, der gewaltige Gott der Tiefe, bleibt Herr und Meister, zürnend schleudert er uns an den Fels, nahe schon ist die verderbliche Klippe.

Man sieht die Gefahr, man weiß die Gefahr und doch, man fühlt, empfindet sie nicht als solche. Man starrt nur still und andächtig auf dies gewaltige Ringen zwischen schwacher Menschenkraft und ungebändigten Naturgewalten. Und die, die siegen, die müssen ja einmal und endlich über uns Menschen siegen.

Doch unsere Leute denken nicht so. Mit beiden Füßen stehen sie jetzt alle auf der schmalen Bootswand, holen weiter aus, setzen tiefer und wuchtiger ein. Jede Sehne, jeder Nerv ist fieberhaft gespannt. Wie leichte Weidengerten biegen sich die vier schweren Ruder, winden und krümmen sich. Wenn eines der vier jetzt bräche, wäre alle Mühe vergebens. Freilich, der Tod in einem solchen Augenblick, in einer solch königlichen Machtoffenbarung der Natur wäre wahrhaftig das Sterben wert und frei von allem Schaudern und Grauen.

Aber heller und lichter ist dennoch das Leben! ... Leben! Leben! ... Wir hängen ja doch daran, oft ohne es zu wissen, und wenn es nicht viel mehr als die sichere Gewohnheit von Atmen und Bewußtsein wäre.

Ins lachende Leben hinein gleitet wieder das Boot. Kaum einen Fuß vor der todbringenden Wand hat sich schwerfällig langsam der Bug gedreht.

Die erste Stromschnelle ist genommen, ungezählte andere folgen. Um 6 Uhr morgens sind wir aufgebrochen, erst in den Nachmittagsstunden kommen wir in ruhigeres Fahrwasser.

Was sehe ich nicht alles während dieser langen Fahrt!

Immer wieder muß ich die Riesenkräfte des Flusses anstaunen! Mit grober Faust hat sich der wilde, ungebärdige Berggeselle irgendwo ein paar mächtige Baumhünen zur Kurzweil gepflückt und spielt mit ihnen lustig Ball, als ob es leichte Wiesenblumen wären. Schwere Holzflöße, von starksehnigen Gebirglern mit schweren Ruderstangen zu Tale geleitet, sind in seinen Bärenarmen nur gebrechliche, leicht geknickte Strohhalme.

Herrlich aber sind die Ufer, in die der Wildfang sein Bett tief eingewühlt hat. Ein ewiger, reizvoller Wechsel: bald hochstämmiger Nadelwald, bald lichtgrüner Bambushain, bald kahler Fels; in schwindelnder Höhe kleine Bergdörfer, wie Schwalbennester an steil abfallende Wände angeklebt. Jubelrufe von Kindern klingen hell aus dem Hochwald zu uns hernieder. So unendlich vieles erblicke ich, daß ich schon nach den ersten Stunden der Fahrt fast sehensmüde bin und kaum mehr einen geringen Teil der blitzartig vorbeiziehenden tausend Bilder in mich aufzunehmen vermag.

Etwas steif und gerädert, mit eingenommenem Kopfe — wir haben alle das Gefühl, eine schwere, stürmische Seefahrt hinter uns zu haben — entsteigen wir am Abend dem Boote.

Müde lehne ich mich in die Riksha zurück, die mich zu der nächsten, etwa zwanzig Kilometer entfernten Bahnstation bringen soll.

Nach dem tollen Dahinjagen über Strudel und Stromschnellen glaube ich, jetzt auf den weichsten und besten Gummirädern der Welt zu fahren, so sanft und ruhig gleitet der von einem kräftigen Kuli gezogene Wagen rasch auf schmalem Feldwege dahin.

Abendstille über der weiten, friedlichen Herbstlandschaft. Ein Schimmer von edelstem Goldbrokat über dem grünen Land, das langsam sich in tiefere, feuchtfahle und dunkelsatte Farbentöne einhüllt.

Leise und lautlos trabt der Rikshamann weiter, sanft schwankt und schaukelt der Wagen.

Das große Schweigen ringsum dünkt mich zu tief fast. Ich habe im Ohr noch den tosenden Donner der Wildwasser.

An meinen geschlossenen Augen zieht alles Geschaute noch einmal vorbei: es ist Japans Zartestes und Lieblichstes, Packendstes und Gewaltigstes — Japans Bestes und Seltenstes gewesen!