7. Tempelfeste.
Viel Schönes und Reizendes, Sonniges und Farbenfrohes zog während meines Aufenthaltes in Japan noch an mir vorbei. Als eines der besten Dinge aber, die man in Nippon überhaupt sehen kann, wollen mir noch heute in der Erinnerung die Tempelfeste erscheinen, wie sie die kleinen Leute des Landes feiern. So möchte ich versuchen, im folgenden solch ein Fest, deren ich manche mitgemacht, mit einigen Worten zu schildern:
Ein Tempel im Grünen; ein brauner, strohgedeckter und verwitterter Holztempel, bald auf freier Höhe stehend und weit über Stadt und Land, Ebene und See hinwegblickend, bald in stilles, entlegenes Waldtal versteckt oder mitten in den reichen Segen rauschender Reisfelder eingebettet. Eine Föhre oder Kiefer, ein Ahorn oder anderer Baum, der den Tempel beschattet.
Tempel im Grünen, vom Winde umflüstert, von der Zikade umsungen, von Bambushainen umrauscht.
Ein altes, gebeugtes und gebrechliches Mütterlein, das mühsam zum Beten herangehumpelt kommt; ein Pilgerpaar, Mann und Frau, die müde an geweihter Stätte andachtsstille, schweigende Rast halten; ab und zu vielleicht noch einmal ein anderer, der etwas Schweres auf seinem Herzen lasten und seinem Gott zu sagen hat. Sonst nichts.
Treuga Dei, Gottesfrieden, gebietet feierlich der altmorsche Holztempeltorbogen. Lärm und Unrast der Welt finden keinen Einlaß in die heilige Klause des Gottes. Kirchenstill ist es rings, jahrein, jahraus. In tiefem Schweigen träumt das schmale Schutzland der Gottheit dahin und kein Fuß, kein lautes Wort stören den Frieden.
Aber einmal im Jahr will es unter dem breitästigen Föhrengezweig lebendig werden, brausender Jubel umwogt die heilige Stätte, einmal im Jahr, wenn sie das Fest des Tempels feiern.
Schon kommt ein feierlicher Zug aus dem Dorfe, aus der Vorstadt herangezogen.
Schwer geschmückt schwankt ein hochgetürmter Wagen daher. Bekränzte Götterbilder stehen darauf, ein halbes Hundert weißgekleideter Knaben leistet freudigen Vorspanndienst.
Andere Jungen haben kunstvoll gefügte und geschnitzte Abbilder des Tempels auf ihre Schultern genommen. Vorwärts stürmen sie, rückwärts weichen sie, schwanken zur Seite, drehen in lachender, jauchzender Festesfreude sich wie toll im Kreise umher, wollen durch ihre Rufe, ihre Gebärden und Bewegungen uns glauben machen, daß das auf ihren Schultern ruhende, leichte Holztempelbild eine zentnerschwere, drückende Steinlast sei, kaum zu tragen und durch ihr Gewicht wuchtig vorwärts, rückwärts und nach allen Seiten treibend.
Hinter dem Wagen, hinter den Tempelbildern kommen Scharen von freudig erregten und erwartungsvoll gespannten Menschen im Feiertagskleide gepilgert: Männer, Frauen und Kinder, Hunderte, Tausende von Kindern.
Vor dem Tempel staut sich die Menge.
Ernste, weißgekleidete Priester steigen langsam feierlichen Schrittes, Würde und Andacht vereinend, die Stufen empor, treten ehrfurchtsvoll in das geheimnisumwobene Halbdunkel des Tempels ein, knien schweigend nieder, flüstern und raunen seltsame, kaum mehr zu deutende Worte uralten Väterglaubens, neigen sich tief zur Erde, pressen Stirne und Haupt auf den geweihten Boden. Stille, andachtsvolle Gebetsstille herrscht im heiligen Hause des Gottes.
Aber draußen, dicht, dicht daneben, rings um den Tempel herum, seine Stufen hinan, bis zu seiner Schwelle empor brandet ein breites Brausen jauchzender Lust, schäumt ein rauschendes Meer wogender Freude. Ein Jubel, ein einziger toller Lebenstaumel hat das ganze, ganze Volk in seinem Innersten mächtig gepackt und mit sich fortgerissen.
Hat das die weiche, mild schmeichelnde, die göttliche Luft Japans getan, die wie süßer Wein berauschend den ganzen Menschen durchdringt? Hat sie heute alle frohen und hellen Saiten des Menschenherzens noch froher und heller, noch höher gestimmt?
Oder ist’s die Sonne, die glänzender strahlt als sonst? ... Der tiefblaue Himmel, der ein wolkenlos leuchtendes Festgezelt über all den Jubel gespannt hat?
Ein goldenes Lichtfest feiert die Natur, und die Menschen, Kinder der Sonne, Kinder des Lichtes, feiern es mit! ...
Strahlende Lebenslust auf allen Gesichtern, verklärt selbst das verhärmte Antlitz der Armen. Rings ein Laufen, Tanzen und Springen, alle Glieder sind leicht und gelöst; rings ein Lachen, Singen und Jubilieren; Glockenhelle und Glanz in allen Stimmen. Von Auge zu Auge rauscht und flutet es, schwillt an zum klaren, flüssigen Strom, der die frohe Botschaft der Freude jauchzend ins weite Land hineinträgt ...
Jubel allüberall!
Doch am frohesten, am lustigsten schauen die Augen der Kinder darein.
Ein kleines, buntschillerndes Völklein, sind sie mit wichtigen Mienen eilig gekommen, im Alltagskleide, das ihnen die Mutter mit ein paar farbigen Streifen und Bändern liebreich verbrämt hat, und im phantastisch geschmückten und aufgeputzten, weißen oder bunten Festgewand; um die Stirne als Sonnenschutz ein breites Tuch gewunden oder um die Schultern den großen, mit lang wallenden roten oder gelben Gräsern gezierten Strohhut gehängt; in der kleinen, geballten Faust sehr oft einen, dem warnenden Nachtwächterstock nachgebildeten Eisenstecken, mit klirrenden und klingenden Ringen versehen.
Wohin das Auge sieht: leuchtende, glühende Farbenpracht! ... Guter Geschmack, angeborener und vererbter Künstlersinn, hier, auf dem Feste der Vorstadt oder des Bauerndorfes, wo die Armen und Kleinen des Landes die Feier ihres bescheidenen Tempels begehen. Geschmack und Künstlersinn bei Jungen und Alten, in Tracht und Kleidung, in Haltung und Bewegung.
Künstlerhände haben auch den Festplatz geziert. Wie schön und harmonisch ist das alles: der Tempel, den sie mit wenigen bunten Tüchern und ein paar Blütenzweigen geschmückt haben, der phantastische Festwagen, die Abbilder des Tempels, das mit Lampions und buntem Zierat überschüttete Kinderfesttheater, die lustig dareinschauenden Budenstände der Spielwarenverkäufer und sonstigen Händler.
Lächelnd und staunend steht man da und sucht das vielgestaltige und immer wechselnde Bild in sich aufzunehmen. Auch den Fremden hat bald eine Woge der allgemeinen Freude mit sich fortgerissen und trägt ihn mitten hinein in den lauten Festjubel der großen Menge.
Solange man auch darin herumwandert, nie wird man in der ausgelassensten Fröhlichkeit einen Mißton erlauschen, nie etwas Maßloses, Verletzendes, Störendes — Unkünstlerisches möchte ich sagen — hören oder sehen. Keine Roheiten! Kein Rüpel oder Betrunkener. Nicht einmal irgendwo eine Bude, die alkoholhaltige Getränke verschenkte. Man braucht das hierzulande nicht, um fröhlich zu sein. Alle Menschen und Herzen scheinen auf einen einzigen warmfrohen Grundton gemeinsamen und gegenseitigen Verstehens gestimmt!
Das wogt so den ganzen, langen, lieben Tag lachend und scherzend durcheinander. Das endet auch nicht, wenn die Sonne mit einer glutroten Farbenorgie strahlend Abschied genommen hat.
An den Föhren, die ihre geschweiften Drachenarme tiefschwarz und starr in den blaßblauen Abendhimmel hineinheben, leuchtet golden, wie ein plötzlich aufgehender Mond, eine Papierlaterne auf. Dann noch eine und noch eine. Und später andere, Hunderte; in allen erdenklichen bunten Farben schillernd. Wie gefangene Vögel und Riesenschmetterlinge rauschen, flattern und schwanken sie im leisen Abendwind hin und her.
Grünlich leuchtende Glühwürmchen schlingen um Busch und Baum einen lautlosen, zitternden Reigen. Mit ihnen tanzen um die Wette, ein nächtlicher Spuk, ein wilder, wirbelnder Feuerzauber von hundert großen, flackernden Irrlichtern, die glutroten, auf schwankenden Bambusgerten daherwirbelnden Lampions herumtollender Knaben.
Erst tief in der Nacht will all die Lust langsam verebben. Die Kühle treibt die fröhlichen Leutchen wieder nach Hause. Jubelnd und singend ziehen die letzten davon.
Kaum sind sie fort, auf dem schmalen Tempelwege ein leiser, kaum hörbar huschender Schritt.
Die da langsam gegangen kommt, trägt auf ihrem stillen, wunschlosen Antlitz den Frieden der Welt. Mild und hell wie der Stern der Nacht blickt ihr das Auge. Ihre Hand ist schmal, eine sanfte Hand, die auch an jede Wunde rühren darf, eine weiche Hand, die so manche wird heilen können.
Behutsam und leise schreitet sie in ihrem lichtgrünen, aus Mondlicht gewirkten Kleide unter dem alten, verwitterten Tempeltorbogen hindurch, schaut lächelnd in weiter Runde umher, breitet die Arme und segnet das schweigende, schlafende Land.
Auf den Tempelstufen läßt sie sich langsam nieder, eine stille, getreue Wächterin.
Die Gräser flüstern, Kiefern und Föhren rauschen, die Zikaden singen. All das Flüstern, Rauschen und Singen, die hundert Stimmen und Stimmchen in Wald und Feld klingen zusammen in einen einzigen freudigen Gruß an die Wiedergekommene, die Herrin des Tempelgrundes: an die „Einsamkeit“.
Ganz stille sitzt sie und nickt zufrieden.
Für ein langes Jahr hat wieder ihr Reich begonnen!