Neuntes Kapitel
Hier oben setzte nun jenes Zwischenspiel ein, welches die Oase, die selige Insel, die gedeckte Brücke darstellte über eine sonst wie auf geheime Weisung mit großen und kleinen Steinen immer neu versperrte Bahn. Glatt wie Marmorfliesen lief sie plötzlich dahin. Ich sah nur mehr in die Luft und residierte auf Wolken. Die Geschwindigkeit, mit welcher der auf Verwehrungen Gestellte sich an Erfüllungen gewöhnt, scheint darauf hinzudeuten, diese seien letzten Endes doch unsere eigentliche Bestimmung ... Geschmeidig, wie ein nach Maß verfertigter Handschuh, paßte mir die Freude nach drei Tagen an. So sollte es bleiben, und so war es recht. Blumengewinden gleich schlangen sich die Stunden hin; schade um die, welche man verschlief. Des Nachts lag ich noch lange in dem breiten Fenstersims meines Zimmers; zu meinen Füßen lag die glitzernde Stadt, vom Mondlicht überströmt, und ruhelos überdachte ich die Genüsse des vergangenen wie des kommenden Tages. Es fehlte nicht an Depeschen, die mich bald zu diesem, bald zu jenem Vergnügen hinunterriefen und die mir schmeichelten. Aber am schönsten war es doch hier oben, am liebsten sah ich es, wenn die paar witzigsten oder schönsten Florentiner in dem tiefen und dunklen und doch so frohgemuten Saale sich zu uns gesellten, dessen Tisch, ans äußerste Ende gerückt, sich wie auf einer Bühne ausnahm, nur von Kerzen beleuchtet, in deren Schein die Gesichter noch schöner, die Gespräche noch beschwingter wurden. Doch wer auch kam, immer war es Mary Coroughdeens Vorsitz, der unsere Tafelrunde krönte. Denn wessen Blicke schweiften geruhsamer, welcher Mund lächelte sanfter über uns hin? Ich nahm das Kolorit ihres Haares, die Madonnenpracht ihrer Erscheinung für gegeben. Wer den Schreck noch nicht erfuhr, die Reize eines Angesichtes, die er in ihrer Blüte sah, welk oder zerstört wiederzufinden, der kennt das Leben nicht. Hier vermag die Phantasie für sich allein ohne Erfahrungen nicht vorzugreifen. Frau Coroughdeen stand in ihrem Zenit, und es kam mir nicht in den Sinn, daß sie ihn gerade deshalb bald überschreiten würde. Ich besaß noch nicht die Vorstellung von dem Prozeß, der sachte aber geschäftig ein eben noch straffes Gewebe lockert: hier eine kleine Schärfe, ein leises Erschlaffen dort, und der Verfall ist eingeleitet, so unmerklich zwar, daß man sich fürs erste fragt, ob jenes Gesicht noch ganz so schön ist, wie das Jahr zuvor.
Ähnliche, einer Beschämung so verwandte Erkenntnisse lagen mir noch fern; es war alles zeitlos. –
Zwei hübsche Abendkleider, welche ich bei der Hexe nie Gelegenheit gehabt hatte anzulegen, kamen mir jetzt sehr zustatten: eines besonders, von flügelartigem Schnitt mit schwarzen Achselbändern. Wie entseelt hing es vom Stuhle.