Das junge Ehepaar war vorläufig nach Capri vorausgefahren; Mary Coroughdeen, der sommerliche Herr und ich wollten mit dem Abendzug nach Rom; Treffpunkt war die Bahn. In meinem Vergnügungsfieber folgte ich vorher noch einer Einladung in die Stadt und aß in einem Kreis von Leuten, welche den Eindruck in mir erweckten, daß sie mich bewunderten. Dies bewirkte ein Gefühl so großer Sicherheit, daß meine Einfälle einander richtig jagten. Denn was konnte mir das Schicksal noch anhaben? Um sechs Uhr ging es mit Mary und dem sommerlichen Herrn nach Rom, und Treffpunkt war die Bahn. Strahlend machte ich mich von meiner Umgebung los, um einen Strohhut zu erstehen, der mir schon lange ins Auge stach. Der Preis war toll, aber was schadete das? Eine solche Jahreswende, ein solches Silvester mußte man feierlich begehen. Schon lag der kürzeste Tag zurück: jetzt gerade setzte im Norden die ärgste Kälte ein. Dem häßlichen und hassenswerten Winter war ich zum erstenmal entronnen, dem grauen Schnee um drei Uhr nachmittags unter den abscheulichen Glockenklängen meiner in den siebziger Jahren erbauten Stadtpfarrei. O wie sie die Öde des todbringenden Alltags ausläuteten! Entronnen!
Ja, Treffpunkt war die Bahn.
Und stand da nicht schon Marys Wagen, der Insassen bar? kam mir da nicht der sommerliche Herr entgegen? beschleunigte ich nicht meine Schritte?
„Ich zerbreche mir den Kopf,“ sagte er, „was am besten wäre.“
„Einen Strohhut kaufen!“ Und ich schwenkte lachend den papiernen Sack, der ihn enthielt. „Ist schon geschehen.“
„Ein großes Unglück ist geschehen“, sagte er da. „Mein Schwager ist plötzlich gestorben. Ich suchte vergebens, Sie zu erreichen. Mary ist mit dem Mittagszug nach London abgereist.“
„Wollen Sie nicht nach Fiesole mit mir zurück?“ – – – – – – – – – – – – – –
„Bis das Haus aufgelöst ist – Oder ziehen Sie vor, hier in Florenz zu warten?“
Er zögerte. „Auf den Tag natürlich läßt es sich nicht genau bestimmen.“
In diesem Augenblick wußte ich schon längst, daß mir keine andere Wahl bliebe, als schnurgerade nach Hause zu fahren.
„Schade“, sagte er.
„Sehr schade, sehr traurig“, sagte ich und ging gemessenen Schrittes an seiner Seite auf und nieder.
Auch nach Norden ging ein Zug in einer guten Viertelstunde. Recht so. Ich löste alsbald eine Karte. Er schien betreten über eine so kategorische Hast. Aber Leute, die das Schafott besteigen müssen, haben es eilig.
So nahm ich Abschied, stieg ein und winkte lächelnd aus dem Fenster, als ich schon fuhr. –
Ein Bäumchen, vorfrüh ganz in Blüten gehüllt, sogar von Hitze schon umwoben, von Bienen und von Faltern schon umschwärmt, das schon Vögel aussandte und in seinem Geäste nisten sah, und das im Mondlicht vor Entzücken schauerte und plötzlich unter einem niedrigen und schwarzen Himmel von einem harten Schneegestöber gefaßt wie erblindet steht, mit knackenden Ästen, sein herrliches Kleid vernichtet und zerfetzt – der Anblick eines solchen Bäumchens wird mich zeitlebens an den Bahnhof von Florenz und jenen Tag zurückversetzen, an dem ich dem sommerlichen Herrn entgegenging, die Tüte schwenkend mit dem neuen Hut, in dem ich ihn und alle, die mich darin sehen würden, zu betören gedachte. Er, dieser Hut, im Übermut gekauft, war schuld. Meine Fahrkarte reichte nur bis Bozen. Dorthin kam telegraphisch das Geld, das meine Heimreise ermöglichte. Es schwebte mir das Postamt vor, von dem es aufgegeben wurde. Leute mit frostentflammten Nasen gingen aus und ein. Es war in der Tat die kalte Fahrt, die mir die Hexe versprochen hatte. München lag wie vereist.
Dies war meine erste Abfahrt von Florenz.