Der Vorgang wurde erst wieder real, als ich etwas später als allabendlich am Flügel saß. Die Hexe hatte ein Konzert von Mozart auf das Pult gelegt und hörte stirnrunzelnd, mit drangsalierter, angestrengter Miene zu. Über die Noten hin sah ich sie nach einer Weile einen kühn gespitzten Bleistift hervorziehen, um ihre grauen, abenteuerlichen Hirngespinste über den liebenswürdigsten Genius zu vermerken. Es war grotesk, zu weit weg jedoch von aller Heiterkeit, um komisch zu sein. Das Zimmer lag zu ebener Erde und mit einem Male rauschte ein schwerer Regen darnieder. Konnte es sein, daß man sich hier auf demselben Planeten befand, auf dem ein Wien und ein Salzburg stand? Und nicht einmal fern! Zurück über die Alpen nach Rosenheim, oder man stieg in Franzensfeste um und fuhr durchs Pustertal hin ...
Ich war durch die ausgestandene Emotion noch so stark in Schwingung begriffen, daß sich mein geistiges Auge unversehens schärfen durfte. Es sah, erfaßte, erriet, möchte ich fast sagen, zum ersten Male Mozart als Phänomen, seine Gestalt im Raum, Geste und Wesen, alles in der Bewegung und im Relief, aber mitten in der Luftschicht damaliger Zeit und alles mit der Gewalt, der Plötzlichkeit des Erdstoßes. Es war ein Divinieren, dessen tiefe Schauer mich von allem Nichtigen und aller Unaufmerksamkeit befreiten. Jeder Takt offenbarte sich mir neu, ich drang verwundert wie zwischen Säulen in mystische Hallen vor, oft betretene, die ich doch gar nicht kannte, hinein in eine Welt, in der das Unsichtbare Form und Farbe gewann, und die in ihrer Entrücktheit so leugbar und doch so vorhanden, o so viel vorhandener war als die Stunde, die gerade schlug!
Die Hexe merkte keinen Unterschied in meinem Spiel. Sie hatte schon viele Seiten vollgekritzelt; im Kamin zerfielen die verglühten Scheite und die Kerzen waren herabgebrannt. Plötzlich hob sich da auch die Flamme der auf dem Weg ausgestandenen Furcht. Der schon angezweifelte, schon fast verworfne Vorgang motivierte sich, wurde ernst und majestätisch, wie der gestirnte Himmel, unter dem er sich begab.
„Denken Sie, ich habe mich heute auf dem Heimweg gefürchtet,“ sagte ich, als ich den Flügel schloß. Sie hob ihren kleinen Drachenkopf und sah mich teilnahmlos an. Man konnte sich nicht vergegenwärtigen, daß sie jemals ein Kind oder jung gewesen war, noch Vater und Mutter besessen hatte. Der Blick, den sie mir zuwarf, schüchterte mich ein. „Es war gewiß töricht,“ sagte ich. „Allerdings,“ erwiderte sie kalt. Sie mußte es wissen; lebte sie doch seit vielen Jahren in dieser Gegend und war mit ihr verwachsen. Italien, die Renaissance waren für sie das letzte Wort – Toskana und seine Hügel die Endstation der Schöpfung. Sie gebärdete sich selbst so gut es ging als Italienerin; nannte ihre Mädchen Cara, den Gärtner Caro, aß, lebte, wohnte à l’italienne, plagte ihr Pferd und litt keinen Hund.
Mit jedem Tage haßte ich sie mehr.
„Es ist spät,“ sagte sie.
Wir traten zusammen auf den Vorplatz. Hier blies die Zugluft von allen Seiten durch die lockeren Flügel der Haustüre herein. Der Regen prasselte auf das Dach und die Steinfliesen zeigten schon feuchte Stellen. Ich stieg müde und schweigsam die Treppe hinter der Hexe hinauf und schützte meine flackernde Kerze.
„Ich traf heute in den Uffizien Frau Coroughdeen,“ sagte ich; „sie fragte mich, warum ich denn nicht zu ihr kommen wollte.“
„Oh!“ Das ärgert sie! dachte ich froh.
Aber so leicht zog sie den kürzeren nicht.
„Mary Coroughdeen ist eine schöne, eine sehr schöne Frau,“ entschied sie mit schaler Unparteilichkeit und einem literatenhaften Unterton. „Sie ist sehr umringt und interessiert sich nicht für junge Mädchen.“
„Ja aber sie war es doch ...“
„Es ist natürlich,“ unterbrach sie mich, während ihre Halskrause ins Beben geriet, „daß sie Ihnen freundlich begegnete, da Sie unter meinem Dache sind.“
Wir standen uns jetzt vor meiner Türe gegenüber. Sie hielt ihre Augen auf mich gerichtet, und wie immer fingen sich ihre Worte in ihren langen, kränklichen Vorderzähnen.
„Hat Mrs. Coroughdeen einen Tag mit Ihnen ausgemacht?“
„Nein,“ gestand ich.
„Nein! – in der Tat“ – und ihre Krause rührte sich nicht mehr. – „Es steht ganz bei Ihnen, auf eine so unformulierte Einladung hin die Dame mit Ihrem Besuch zu überraschen. Ich möchte Sie um so weniger daran hindern, als ich diejenige bin, welche für Ihre faux pas – oder eventuellen Zudringlichkeiten – allein verantwortlich gemacht würde. Denn Sie selbst sind noch zu jung!“
Zornig errötend wollte ich etwas entgegnen, aber so schnell bog sie da in den Gang ein, der zu ihren Zimmern führte, daß ich nur mehr die Watteaufalte sah, die sich über den unsicheren, gespenstigen Rücken wölbte.