Ich verbrachte den Tag in der weitläufigen Villa und wußte nicht, wer mir am besten gefiel: die schöne Mary, das junge Ehepaar, das zu Besuch bei ihr war, oder der sommerliche Herr. Eilte denn meine Rückkehr nach Hause? Wäre es nicht schöner, zu Neujahr nach Rom zu fahren? Man hat eine Etage gemietet; es sei noch reichlich Platz. „Oh ich komme gerne!“ rief ich aus. „Abgemacht,“ klang es einstimmig zurück. Ich war im siebenten Himmel.
Abends fuhr mich Mary Coroughdeen den Hügel hinab zur Hexe zurück. Sie lenkte selbst. Nur wenig Sterne hingen am mondlosen Himmel. Wo blieb das prangende, neugierig blitzende, unendliche Heer, das sich gestern Nacht gesammelt hatte? Ich dachte an meine Angst. Wie war sie fern! Gar gefällig lösten sich freilich von solch einem Wägelchen herab die endlosen Schleifen des Weges.
Da sagte Frau Coroughdeen: „Sie müssen mir versprechen, hier nie wieder im Dunkeln zu gehen.“
„So hat die Hexe gelogen!“ fuhr ich auf.
„Mit nichten“, sagte die sanfte Frau, „aber sie ist ein Sonderling.“ Sie gab sich mit dem Pferde zu schaffen und trieb es an.
„Es ist immer besser,“ sagte sie dann und blickte geradeaus, „Zerwürfnisse zu vermeiden.“ Es war fühlbar, daß sie selbst sich nicht zerwerfen wollte. Und hier war kein Feld zu einer Diskussion. „Ich werde die übrigen Tage bestehen, wie sie nun mal sind“, gelobte ich ihr, seufzte, lachte aber sogleich.
„Und dann kommen Sie ja zu uns!“ rief sie sichtlich erleichtert aus.
Das Zimmer, das ich bewohnen sollte, hatte sie mir schon gezeigt, mit den sanft vom Winde gebauschten großgeblumten Vorhängen, die Luft selbst im Finstern so lauschig, und nirgends umlauert ...
Elf Tage jedoch können sich so lange hinausdehnen, daß man an ihrem Ende verzagt. Sind sie verronnen, oh, so schöpft sie kaum mehr die hohle Hand. Ich behalte von jener Zeit nichts mehr zurück, als daß sie mir endlos erschien. So leichtfüßig ist überstandene Not.
Die Hexe ahnte nichts von dem romantischen Zwischenfall, der mir so frohe Aussichten eröffnete. Ich erwähnte ihn nicht. Es war nicht immer leicht, angesichts ihres täglich neu formulierten Erstaunens über meine verfrühte Rückkehr aus Florenz. Bevor noch die Lampe einzog, betrat ich den Salon. Es gab keinen anderen Aufenthalt, mein Zimmer war kalt. Und dann stand ich an der Fenstertüre und starrte trübselig hinaus, Cara aber brachte den Tee mit den merkwürdigen kleinen Kuchen wie aus verzuckertem Sand, die man nicht essen konnte. Oder war es wirklich nur die Beklemmung? Auch wenn ich noch so hungrig zu Tisch ging, widerstanden mir alle Speisen. „Wie machen Sie es, daß Sie leben?“ hatte die Hexe einmal gefragt. Aber es läßt sich nicht schildern, wie mir an ihrem Tische das Gemüse sich zu ungenießbarem Schilfe verwandelte und ihr Brot in den knolligen Rohzustand zurückkehrte. So furchtbar war es, an ihrem Tische zu sitzen. Obwohl sie etwas ganz Unanimalisches hatte, fand ich ihre Art zu essen mehr ein Vertilgen, wie bei den Schlangen, und daß sie pfiff dabei wie eine Maus. Nur einen Lichtpunkt gab es, und ich freute mich manchmal die halbe Nacht darauf: es war das erste Frühstück, mit welchem die stumme Cara bei mir einzog. Sie zündete zugleich das Feuer an, und freundliche, nach Pinien duftende Flammen schlugen dann im Kamine auf. Und da war die braune Tonkanne und die dicken gerösteten Brotschnitten, auf welchen die Butter zerfloß, alles mit einer versteckten Sorgfalt bereitet, hin und wieder ein Blümchen, blasse Heckenrosen vom Fluß. Doch als ich das erstemal dafür dankte, lief Cara mit erschreckter Miene zur Tür.