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Sprachbilder nach bestimmten Sprachregeln / Ein einfaches und praktisches Hilfsbuch für den deutschen Sprachunterricht in der Volksschule

Chapter 187: VI. Umstandssätze.
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About This Book

A practical handbook for elementary German instruction compiles numerous short original reading pieces, each designed to exemplify a particular grammatical rule and to serve as material for analysis and stylistic exercises. It favors a reading-based method over rote rule memorization, lays out a clear, stepwise progression from the simplest sentence to more complex constructions, and offers abundant material across word classes and sentence types. The collection gives teachers flexible, classroom-ready texts and staged objectives for each grade level, aiming to make grammar lessons concrete and pedagogically efficient.

VI. Umstandssätze.

1. Umstandsnebensätze des Ortes.

100. Unschuldig Verfolgte.

Wo man die Sperlinge vertilgt, da züchtet man schädliche Insekten. Wo man die Maulwürfe erwürgt, da hegt man ein dem Graswuchse nachtheiliges Gewürm. Wo man den Eulen nachstellt, liebäugelt man mit den Feldmäusen.

Dort steht es nicht gut mit der Oekonomie, wo jene drei Unschuldigen verfolgt werden. Ein solcher Unverstand kommt eben daher, woher aller Unverstand kommt. Und er führt dahin, wohin alle Unwissenheit führt. Er führt zu Nachtheilen.

Der Landbebauer möge daher sein Ohr dahin halten, wo die Ordnung der Natur gelehrt wird. Er möge da hineingucken, wo von den wirklichen Feinden der Landwirthschaft geschrieben steht. Gewiß wird er dann jene drei unschuldig Verfolgten dahin zählen, wohin sie gehören.

101. Reichthum.

(Desgleichen.)

Wo der Reichthum thront, da wohnt nicht immer auch das Glück. Das wahre Glück ist weit öfter dort zu finden, wo die Armuth um den Tisch sitzt.

Wo der Hausherr stolz zu Rosse dahinfegt, hinkt sehr oft die Sorge hinterdrein. Wo die Hausfrau dreimal täglich das Gewand wechseln kann, kann leicht auch dreimal die gute Laune wechseln.

Da, wo die Tafel die fetten Bissen kaum zu tragen vermag, stellen sich in der Regel viel ungeladene Gäste ein. Und dort hat man den Grünspan am meisten zu fürchten, wo sich viel Silber anhäuft.

Dahin, wohin der Reichthum zuweilen führt, möchte mancher Arme wol um keinen Preis gelangen. Wohin der Ueberfluß an Mammon den Weg erschwert, dahin deutet auch Christus in einer Unterredung mit seinen Jüngern.

Woher sich daher Mancher in dieser Beziehung ein beneidenswerthes Loos träumt, daher kann gerade sein Verderben kommen. Trachte doch ein Jeder zunächst dahin, woher ein zufriedener Sinn das Gemüth durchdringt.

2. Umstandsnebensätze der Zeit.

a. Gleichzeitigkeit.

102. Peter der Große.

Eines Tages fuhr Peter der Große, als er zu Mittag gespeist, in seiner Schaluppe nach Sesterbank. Während seine Matrosen die Ruder schlugen, mußten sie zur Ergötzlichkeit des Kaisers ihre Lieder anstimmen. Dieses Concert unterhielten sie stets so lange, bis er winkte.

Indem die Schiffsleute noch sangen, erhob sich von Westen her etwas Wind. Kaum aber waren zehn Minuten vergangen, entwickelte sich aus diesem Winde ein arger Sturm.

Indeß sich des Kaisers Fahrzeug seinem Ziele nähert, bemerkt er in der Ferne einen mit den Wogen kämpfenden Kahn. Sowie Peter die große Gefahr für das kleine Fahrzeug erkennt, schickt er sofort seine Matrosen zur Rettung aus. Noch aber haben diese kaum die Schaluppe verlassen, entdeckt er mitten in der Flut eine Frau mit ihrem Kinde.

Schon drohen die Wogen die Unglückliche zu begraben, als Peter selbst zu ihrer Rettung in die schäumende Flut stürzt. Sobald es Menschenleben zu retten gilt, denkt er nicht an seine Kaiserwürde.

Indem ihn eine Welle hoch emporhebt, erfaßt er die Unglückliche. Mit starker Hand hält er sie fest, bis der Schiffsjunge die Schaluppe herbeigeführt hat.

Während seine ausgesendeten Matrosen jenen Kahn in Sicherheit bringen helfen, führt er die beiden Geretteten dem Ufer zu. Für diese aber war nun gesorgt, solange sie lebten.

103. Aus dem Tagebuche eines Kriegers.

(Desgleichen.)

Als die Sonne zu sinken begann, rückten wir in N. ein. Sobald die nöthigen Befehle für die nächste Nacht verlesen waren, ging das Bataillon auseinander.

Kaum war ich zwei Minuten weit gegangen, stand ich vor meinem Quartier. Ich klopfte so lange an, bis sich mir die Thür des einfachen Dorfhauses öffnete.

Während ich mein Gepäck ablegte, brummten meine Wirthsleute einige unwillige Worte. Ihr Widerwille steigerte sich noch, als ich endlich zu essen begehrte.

Indeß endlich die Wirthin einige karge Lebensmittel herbeibrachte, trat ihr vierjähriges Töchterchen zu mir. Seitdem wir die französische Grenze überschritten hatten, war mir noch kein so hübsches Kind vorgekommen.

Ich nahm das Kind auf meinen Schooß und liebkoste es in der väterlichsten Weise. Sowie die Wirthin dies sah, veränderten sich auf einmal ihre zeither so mürrischen Gesichtszüge. Währenddem ich nun vollends dem lieben Kinde die Stirn küßte, verklärte sich ihr Gesicht in ein glückliches Lächeln.

Wie staunte ich indeß, als sie plötzlich das dürftige Abendbrod wieder entfernte. Indem ich aber noch über dieses seltsame Gebaren nachdachte, trat sie auch schon mit einem großen Teller höchst appetitlicher Speisen an den Tisch.

Schon wollte ich zulangen, als die Wirthin mir Einhalt gebot. Noch aber hatte ich meine Gabel kaum wieder hingelegt, brachte der Wirth eine Flasche köstlichen Wein herbei. Jetzt erst sollte ich mir es wohlschmecken lassen.

Die beiden Wirthsleute blieben meine freundlichen Nachbarn, solange ich aß. Als ich sie den nächsten Morgen verließ, erhielt ich von ihnen noch einen halben Schinken auf den weiten Marsch.

Seit ich dieses einfache Dorfhaus verließ, habe ich nie wieder ein so gutes Quartier gefunden.

b. Ungleichzeitigkeit.

104. Gewissenhaftigkeit.

Bevor ein guter Schüler die Feder zu irgend einer schriftlichen Arbeit ansetzt, sammelt er in seinem Kopfe erst den Stoff dazu. Nachdem dies geschehen ist, ordnet er denselben. Ehe er aber dann die fertige Arbeit dem Lehrer übergiebt, sieht er sie noch einmal gewissenhaft durch.

So oft ein Schüler dies thut, so oft wird er mit seinem Schaffen auch Ehre einlegen.

So gewissenhaft sollte der Mensch überhaupt in allen seinen Unternehmungen sein. Er muß stets ein bestimmtes Ziel ins Auge fassen, bevor er handelt. Er muß auch stets die möglichen Folgen seiner Thaten erwägen, ehe er die Hand an irgend ein Werk legt.

Gar Viele sehen ihre Thorheiten erst dann ein, nachdem sie vollbracht sind. Halte daher weisen Rath, so oft Du etwas Neues unternehmen willst.

Wiederholung.

(Gleichzeitigkeit und Ungleichzeitigkeit.)

105. Das Wüstenungeheuer.

Bevor wir die mühsame Wanderung durch die Wüste ganz beendet hatten, sollten wir noch deren schrecklichstes Ungeheuer kennen lernen. Als die Sonne ihre Strahlen gegen Mittag sengendheiß herabschoß, bemerkten wir an unsern Kameelen eine gewisse Unruhe. Kaum hatten wir wieder eine Meile hinter uns, fühlten wir selbst eine eigenthümliche Schwere in der Luft.

Während wir noch darüber sprachen, schien sich in der Ferne der Himmel zu verdunkeln. Noch waren wieder nicht zehn Minuten vergangen, vernahmen wir auch ein fernes Brausen. Wenn aber dieses Zeichen auftritt, dann kann sich der Wüstenreisende auf Schlimmes gefaßt machen.

In der Regel schickt der Samum erst einzelne leichte Sandwolken vor sich her, ehe er selbst in seiner ganzen Macht losbricht. Sowie die erste dieser Staubwellen auf uns zugewälzt kam, warfen sich sämmtliche Kameele im Nu platt auf die Erde nieder. Sobald dies geschehen, streckten auch wir uns lang neben ihnen hin. Indem wir uns aber auf diese Weise in Sicherheit zu bringen suchten, tobte auch schon das Ungeheuer in seiner wilden Macht daher.

Die ganze Welt schien verwüstet werden zu sollen, indeß der furchtbare Sturm über uns dahinwüthete. Die Gluthitze drohte uns zu ersticken, während der feine Sand unsere zarten Hautstellen wie mit Nadeln ritzte.

Solange der entsetzliche Samum wüthete, sahen wir uns in schauerliche Nacht gehüllt. Erst nachdem wir etwa zwei Stunden diese fürchterlichen Qualen erduldet, lichtete sich das grausige Dunkel allmälig.

Wie dankten wir Gott, da der erste Sonnenstrahl wieder durch die immer schwächer werdenden Sandwirbel drang. Noch immer rieselt mir es kalt durch die Adern, so oft ich jener Schreckensstunde gedenke.

(Umstandssätze des Ortes und der Zeit.)

106. Die Missionäre.

Die Heidenboten haben einen sehr schweren Beruf. Wohin sie gesendet werden, dahin ist in der Regel noch kein Wort vom Christenthume gedrungen. Wo sie ihre Arbeit beginnen sollen, da kniet das Volk noch vor todten Götzen.

Häufig erfahren sie das schnödeste Mißtrauen, sobald sie sich nur unter einem solchen wilden Stamme blicken lassen. Dieses Mißtrauen verwandelt sich nicht selten in Haß, wenn sie dann die ersten Bekehrungsversuche wagen. Sowie der Wilde seine angestammte Religion durch ihn gefährdet sieht, betrachtet er den Heidenboten gewöhnlich als einen ärgsten Feind. Gerade da aber, wo dieser den härtesten Widerstand findet, ist auch sein Werk am verdienstvollsten.

Es kostet oft große Anstrengung, ehe nur ein Einziger für den christlichen Glauben gewonnen wird. Noch viel größere Opfer aber erfordert es, bevor sich ein ganzer Stamm unter das Kreuz des Erlösers beugt.

Woher aber der Missionär die Neigung zu seinem so gefahrvollen Berufe erhält, daher erhält er auch die Kraft dazu. Indem er nur die geringste Frucht seiner Saat aufgehen sieht, wächst sein Muth. Die glücklichen Erfolge mehren sich indeß auch in der Regel auffällig, nachdem einmal erst eine Seele gerettet ist.

Möge das Licht des Christenthums überall aufgehen, wo jetzt noch Finsterniß herrscht. Möge es so lange Missionäre geben, solange es noch Heiden gibt. So oft uns Gelegenheit geboten ist, so oft wollen wir aber auch unsern Theil zu dem heiligen Werke der Heidenbekehrung beitragen.

3. Umstandsnebensätze der Art und Weise.

a) Unverkürzt.

aa) Ohne Vergleichung.

107. Roderich.

Indem der kleine Roderich mit seinen Eltern oft Concerte besuchte, entwickelte sich in ihm der Sinn für Musik. Ohne daß er es eigentlich wollte, prägten sich seinem Gedächtnisse einzelne schöne Melodien ein. Diese sang er dann wol auch, indem er vielleicht gerade ein Kartenhaus baute, vor sich hin.

Bald bat er seine Eltern so dringend um Musikunterricht, daß sie ihm nicht widerstehen konnten. Er machte glänzende Fortschritte, ohne daß er sich etwa besonders angestrengt hätte. Schon nach einem Jahre spielte er ziemlich schwere Klavierstücke so, daß man staunen mußte. So trug er z. B. eine ziemlich schwere Sonate von Mozart vor, ohne daß ihm auch nur ein falscher Ton entschlüpfte. Dabei bearbeitete er an gewissen Stellen das Instrument dermaßen, daß die Saiten hätten springen mögen.

Indem er Klavier spielte, bildete sich sein Gehör auch für den Gesang. Seine kleinen Lieder ertönten so rein, daß man seine Freude daran haben mußte.

So reifte Roderich zu einem Künstler heran, ohne daß er es eigentlich wußte. Indem er aber auch als Künstler ein harmloser Charakter blieb, lohnte er am besten die von seinen Eltern ihm gebrachten Opfer.

bb) Mit Vergleichung.

108. Ein Sprichwort.

Wie es in den Wald hineinschallt, schallt es wieder heraus. Dieses alte Sprichwort ist so verständlich, daß sein Sinn schon von einem Kinde erfaßt werden kann. Es ist aber auch so beherzigenswerth, daß man es auf die Zifferblätter der Uhren schreiben sollte.

Je gewissenhafter ein Mensch seinen Verkehr mit andern nach dieser Erfahrung regelt, desto weniger wird er über fremde Unbill zu klagen haben. Wie wir Andern begegnen, so pflegen diese uns entgegen zu kommen. Je freundlicher wir sind, desto mehr schützen wir uns vor Beleidigungen. Je theilnehmender wir uns erweisen, desto sicherer können wir auf fremdes Mitleid rechnen.

Muß sich ja doch der Christ vor allen Dingen zu seinen Mitmenschen stellen, wie sich ein Bruder zum Bruder stellt. Erscheint er doch überhaupt nie so edel, als wenn er im Sinne seines himmlischen Vorbildes handelt.

Manche Menschen treten freilich so rücksichtslos gegen andere auf, wie wenn sich die ganze Welt vor ihnen beugen müßte. Dadurch aber machen sie sich dermaßen verhaßt, daß sie endlich selbst verachtet werden. Ihr Schicksal verhält sich dann zu ihrem Gebaren, wie sich Ursache und Folgen verhalten.

Behandle also Deinen Nächsten, gleichwie Du von ihm behandelt zu sein wünschest.

b) Abgekürzt.

109. Auf der Wolfsjagd.

Mit allem Jagdgeräthe wohl ausgestattet, verließen wir unsere Behausungen. Einige Diener, reichlich mit Lebensmitteln versehen, folgten. Eine Wolfsjagd kann sich ja, wie alle Jagden auf wilde Thiere, sehr in die Länge ziehen.

Uns über den Jagdplan besprechend, erreichten wir den Wald. Berathen ist freilich leichter, als handeln.

Einander gegenseitig Glück wünschend, gingen wir an der Waldesgrenze bis auf gewisse Entfernungen auseinander. Wir schritten langsam vorwärts, ohne uns jedoch aus dem Auge zu verlieren. Jeder freute sich auf den ersten Schuß, wie auf irgend ein frohes Ereigniß.

Die Flinte zur Seite, schritt ich fürbaß. Mich an einer Felsenwand hindrückend, gelangte ich vor den Eingang einer kleinen Höhle. Alsobald meine Schritte hemmend, spähte ich nach dem dunklen Hintergrunde derselben. Hier leuchteten mir, wie grünfeurige Flammen, zwei Augen unheimlich entgegen. Diese sprühenden Punkte sogleich als Wolfsaugen erkennend, lege ich mein Gewehr an. Nicht ohne vorher die beiden Feuersterne gehörig aufs Korn zu nehmen, drücke ich endlich ab.

Ein kurzes Geheul ausstoßend, stürzt der Wolf dem Eingange der Höhle zu. Hier aber bricht er, noch einen tiefen Seufzer ausstoßend, zusammen. Ich aber schleppte meine Beute, nicht ohne einen gewissen Stolz, an den Rand des Waldes zurück.

Wiederholung.

(Unverkürzte und abgekürzte Nebensätze der Art und Weise.)

110. Die Rettung.

Den hellen Tag in düstere Nacht verwandelnd, zog ein Gewitter über ein Thal hinweg. Die Blitze folgten so schnell auf einander, daß man dazwischen kaum bis zehn zählen konnte. Der Donner rollte so mächtig durch den Himmel hin, daß die nahen Berge zu erzittern schienen. Zudem strömte der Regen vom Himmel herab, wie zur Zeit der Sündflut.

Von allen Seiten Zufluß erhaltend, trat der sonst so unbedeutende Thalbach über seine Ufer. In wenig Minuten gestaltete er sich, das ganze Thalbecken überflutend, zum reißenden Strome. Er nahm ebenso zu an Tiefe, als er in der Breite wuchs. Seine schmuziggelben Wogen brausten dahin, daß es Jedermann mit Entsetzen erfüllte.

Mitten in dem Thale stand eine alte Mühle, von den Wogen jetzt auf das entsetzlichste bedroht. Die armen Bewohner derselben schrieen, auf dem Dache sitzend, mit herzzerreißender Stimme um Hilfe. Niemand freilich konnte sie ihnen bringen, ohne selbst das Leben auf das Spiel zu setzen. Die eigene Gefahr war zu groß, als daß sich sogleich rettende Hände gefunden hätten.

Je höher indeß das Wasser stieg, desto entsetzlicher ertönte der Hilferuf der Unglücklichen. Ihr Angstgeschrei erscholl so verzweifelt, daß es hätte Steine erweichen können.

Je größer aber die Noth, desto näher oft die Hilfe. Plötzlich brachten zwei wackere Männer, vor Anstrengung keuchend, einen kleinen Nachen herbei. Ohne daß sie weiter viel redeten, ließen sie denselben ins Wasser. Indem jeder ein Ruder zur Hand nahm, stiegen sie in das dürftige Fahrzeug ein.

Der Mensch erscheint nie so groß, als wenn er sein eigenes Leben für die Rettung eines anderen einsetzt.

Mit kräftigen Armen den Nachen lenkend, erreichten die beiden Männer glücklich die Mühle. Nicht ohne daß es große Vorsicht gegolten hätte, wurde die Müllerfamilie in den Nachen gebracht.

Schon die nächste Minute darauf versank das ganze Gebäude, sich noch einige Male im Kreise drehend, in den Fluten. Die edlen Männer aber gelangten, dem lieben Gott für seinen Beistand innig dankend, mit der armen Familie glücklich ans Land.

Hauptwiederholung.

(Umstandssätze des Ortes, der Zeit und der Weise.)

111. Eine Lebensgeschichte.

Wehmüthig auf einem Stäbchen seines Gebauers sitzend, erzählte ein Rothkehlchen einem Kanarienvogel seine Lebensgeschichte:

Wo die jungen Kiefern mit Birkenbüschen im bunten Wechsel standen, da war mein liebster Aufenthalt. Hier lebte ich, mein treues Weibchen meist zur Seite, in ungestörtem Glücke.

Sobald der erste Morgenstrahl durch die Zweige drang, stimmte ich mein Lied an. Ein Tag nach dem andern floß dahin, ohne daß uns irgend ein Leid bewegte. Je höher die Sonne stieg, desto lustiger wurde mein Gesang.

Sowie der Frühling einzog, bauten wir uns ein Nest. Wohin wir es bauten, dahin konnte sich kaum ein Raubthier finden.

An einem schönen Herbsttage nun fliege ich, einigen Hunger verspürend, an einem Waldbache hin. Indem ich mich auf ein Tannenbäumchen niederlasse, bemerke ich am Stamme desselben rothe Beeren. Während ich mir dieselben noch betrachte, erblicke ich sogar dicht dabei einen fetten Mehlwurm.

Ueber meine Entdeckung höchst erfreut, fliege ich hinab. Zu meiner noch größeren Freude bemerke ich da, wo die Beeren hingen, ein bequemes Hölzchen. Nichts Schlimmes ahnend, setze ich mich darauf. Kaum aber berühre ich dasselbe, werde ich an den Füßen von einer Schlinge festgehalten.

Ich ringe natürlich mit allen Kräften, gleich einem Löwen im Netze, nach meiner Freiheit. Die Schlinge aber zieht sich dadurch so zusammen, daß sie mir die Beine zu durchschneiden droht.

Währenddem ich nun um Hilfe rufe, kommt ein Bube herbeigesprungen. Er rieb sich vor Freude die Hände, als er mich erblickte. Woher er kam, daher sah ich sonst selten einen Menschen kommen.

Dieser Bube steckte mich, ohne daß er nur das geringste Mitleid empfunden hätte, in ein Leinwandsäckchen. Wo er mich hinbrachte, da waren hartherzige Menschen. Sie kauften mich so gleichgiltig, wie wenn sie eine Schuhbürste gekauft hätten.

Nachdem ich jetzt in einen Käfig gesperrt war, übersah ich erst mein trauriges Loos!

Seitdem ich ein armer Gefangner bin, ist mein ganzes Lebensglück vernichtet. Woher ich gekommen, dahin darf ich nie zurückkehren. Die Freiheit aber ist ein zu edles Gut, als daß man sie ganz vergessen könnte. Vielleicht erlöst mich mein Schöpfer, von meinem Elende gerührt, bald durch den Tod aus dieser Qual.

4. Umstandssätze des Grundes.

a) Wirkliche Gründe.

aa) Stoff, Ursache, Erkenntnißgrund.

112. Die Fledermaus.

Die Fledermaus erkennt man daran als Säugethier, daß sie lebendige Junge erzeugt. Da sie aber fliegen kann, rechnet sie mancher Unwissende zu den Vögeln. Indem ihre Füße mit den Flügeln verbunden sind, kann sie nicht gut sitzen. Auf das Laufen muß sie fast ganz verzichten, weil sie eigentlich gar keine Gehwerkzeuge besitzt.

Da sie sich meist von nächtlich schwärmenden Insekten nährt, beginnt sie zur Dämmerzeit ihre Jagd. Woraus ihre Nahrung besteht, daraus besteht auch das Mahl der Nachtschwalbe.

Die Fledermaus gewinnt dadurch etwas Unheimliches, daß sie fast stets in einem Kreise umherfliegt. Besonders häufig zeigt sie sich in den Gehöften, weil sie dort jedenfalls reiche Beute findet. Wenn sie gefangen wird, stößt sie kläglich pfiepende Töne aus.

Mancher Landmann will danach das Wetter bestimmen, ob sie hoch fliegt oder nicht.

Da sie im Winter keine Nahrung finden würde, verschläft sie denselben. Zu diesem Zwecke sucht sie oft die Gemäuer der Thürme auf, weil sie hier Schutz vor den Winterstürmen findet.

bb) Beweggrund, Zweck, Ziel.

113. Mutterliebe.

Um ihr Kindlein groß zu ziehen, bringt eine Mutter unzählige Opfer. Damit es körperlich gedeihe, reicht sie ihm wohlgewählte Nahrung. Ihr Auge wacht mit ängstlicher Sorgfalt, daß ihm kein Unfall zustoße. Um es vor Gefahren zu behüten, warnt sie es bei jeder Gelegenheit.

Wie treubesorgt ist nun erst eine Mutter um ein krankes Kind, damit es bald wieder genese. Sie entsagt nächtelang dem Schlafe, um keine Veränderung in dem Zustande ihres Lieblings unbeobachtet vorübergehen zu lassen.

Eine treue Mutter ist aber auch darauf bedacht, daß ihr Kind geistig gedeihe. Sie hütet es vor schlechtem Umgange, weil dieser sein Herz verderben könnte. Sie bewahrt es vor widerwärtigen Eindrücken, da diese ein zartes Gemüth leicht abstumpfen. Sie leuchtet ihm in jeder Hinsicht stets mit einem guten Beispiele voran, indem ein gutes Vorbild auf des Kindes Veredlung jedenfalls am segensreichsten wirkt. Sie ermahnt ihr Kind tagtäglich zu allem Guten, weil sie ihm ein reines Herz erhalten will. Sie straft aber auch ihr Kind zur rechten Zeit, weil sie es eben lieb hat.

Wiederholung.

(Alle Arten Umstandssätze des Grundes.)

114. Der Mensch.

Woraus die Erde besteht, daraus besteht auch der thierische Körper. Und woraus sich der thierische Körper aufgebaut hat, daraus hat sich auch unser Leib entwickelt.

Die Wahrheit dieser Behauptung erkennt man deutlich daran, daß sich jeder Leichnam schließlich wieder in Erde verwandelt. Da nun überhaupt der Mensch in körperlicher Hinsicht ganz dem Thierwesen entspricht, so gehört er auch dem Körper nach zu den Thieren. Natürlich nimmt er unter diesen die höchste Stellung ein, weil sein Körper der vollkommenste ist.

Um aber den Menschen zu seinem Ebenbilde zu erheben, verlieh ihm der Schöpfer einen Geist. Er stattete ihn, damit er einst als Himmelsbürger in die andere Welt eingehen könne, mit einer unsterblichen Seele aus.

So wurde der Mensch dadurch auch zum Herrn der Welt, daß er eben in seinem Körper einen Geist birgt. Unser Leib wird deshalb wol auch ein Tempel Gottes genannt, weil jener göttliche Funke in ihm wohnt.

Beide Bestandtheile des Menschen stehen in Wechselwirkung zu einander, da sie eng mit einander verbunden sind. Wenn der Leib kränkelt, leidet der Geist mit. Wenn der Geist leidet, verkümmert nicht selten der Leib. Halte darum Deinen Leib in Ehren, weil Deine geistige Gesundheit davon abhängt. Veredle Deinen Geist, denn dadurch begründest Du Dein Glück. In jeder dieser Hinsichten hat uns Christus ein Vorbild gelassen, daß wir sollen nachfolgen seinen Fußtapfen.

Hauptwiederholung.

(Umstandssätze des Ortes, der Zeit, der Weise und des wirklichen Grundes.)

115. Der Apfelbaum.

Wo der Garten ziemlich zu Ende ging, stand ein Apfelbaum. Er hing so voll Früchte, daß sich seine Zweige weit herabbogen. Dieses reichen Segens hatte er sich deshalb zu erfreuen, weil er auf einem fetten Boden stand. Seine Aepfel glänzten, wie wenn sie in Gold getaucht wären.

Kaum waren sie völlig gereift, erhielt der Apfelbaum viel Besuch. Bevor der Kutscher in den Stall ging, holte er sich von ihm einige Aepfel. Sobald die Köchin früh aufstand, war ihr erster Gang zu diesem Apfelbaume. Sogar das Kindermädchen holte sich, während die Herrschaft speiste, einige der goldenen Aepfel.

Weil sich nun so viel Gäste einfanden, wurde der Apfelbaum stolz auf sich. Je mehr man an seinen Zweigen schüttelte, desto mehr wuchs sein Hochmuth. Mit aufgeblasenem Wesen richtete er jeden neuen Tag seine Blicke dahin, woher seine vielen Freunde kommen mußten. Dabei sah er auf andere Bäume um sich her so verachtend herab, als wären diese nichtsnutziges Gesindel.

Da sich indeß so viel Gäste fanden, schmolz sein Reichthum zusehends zusammen. Kaum waren zwei Wochen ins Land gegangen, hatte er nur noch drei Aepfel auf seinen Zweigen. Um dieser habhaft zu werden, warf ein Knabe mit einem Steine danach.

Da der Apfelbaum nun keine Früchte mehr hatte, kam ihm kein Mensch mehr zu nahe. Er stand da, wie ein von aller Welt Verlassener. Ohne daß er es natürlich gestand, schämte er sich jetzt seines ehemaligen Hochmuthes.

Wahre Freunde erkennt man daran, daß sie uns ohne Eigennutz lieben.

b) Mögliche Gründe.

aa) Bedingungssätze.

116. Der sterbende Vater.

Als Vater Aminth sein Ende nahen fühlte, ließ er seinen Sohn noch einmal an sein Bett kommen. Unter Anderem legte er ihm Folgendes ans Herz: Wenn es Dir nur irgend möglich ist, so sei dem Bedrängten ein Helfer. Hast Du viel, so gib reichlich. Wofern Du nicht mit einer That einstehen kannst, gib wenigstens einen guten Rath. Wäre auch dieser nicht möglich, so zeige Deine Theilnahme in einem tröstenden Worte.

Hast Du irgend ein Werk vor, so fange es mit Gott an. Wo der Herr nicht das Haus behütet, wachen ja doch die Wächter umsonst. Wenn Du stets deine Hauptstütze in dem Herrn suchst, wirst Du wohlfahren. Wolltest Du Dich aber zu sehr auf Menschenhilfe verlassen, würdest Du Dich oft getäuscht sehen.

Suche Dir vor allen Dingen selbst zu helfen, so wird Dir in vielen Dingen geholfen sein. Schicke Dich in alle Verhältnisse, dafern Deine Rechtschaffenheit nicht darunter leidet.

Falls Du gehorchen mußt, thue es mit Lust. Beuge sogar einmal Deinen Nacken, wenn es die Klugheit gebietet. Hast Du selbst zu gebieten, thue es mit Freundlichkeit. Müßtest Du auch einmal darben, bewahre Dir die Zufriedenheit. Fiele Dir Reichthum zu, so verfalle nicht in Hochmuth.

Würdest Du einmal verkannt, laß den Muth nicht sinken. Stießest Du je auf persönliche Feinde, gib nie dem Zorne Raum. Willst Du Dich an Deinen Beleidigern rächen, so vergib ihnen.

bb) Einräumungssätze.

117. Die Zunge.

Trotzdem die Zunge ein kleines Glied ist, kann sie doch großen Schaden anrichten. Obgleich dies eine allbekannte Sache ist, wird sie doch nicht immer beachtet. Ein einziges Wort kann ja sogar einen Weltkrieg heraufbeschwören, wiewohl ein Wort doch eigentlich nur ein flüchtiges Luftwellengebild ist.

Wie verletzend wirkte nicht schon oft ein einziger Ausspruch, wenngleich er ohne allen Vorbedacht hingeworfen wurde. Gar nicht selten zerriß ein einziges winziges Wörtchen, ungeachtet es durchaus nicht böse gemeint war, die heiligsten Bande der Liebe auf immer. Und wurde nicht zuweilen durch einen einzigen ausgesprochenen Verdacht, obwohl man ihn vielleicht gar im Scherze zum Vorschein brachte, Jemand gar arg an seiner Ehre gekränkt?

Auch ein Scherzwort, wie unschuldig es an sich immer scheinen mag, kann zum zündenden Funken für ein großes Feuer werden. Hat doch unter besonderen Umständen selbst das Schweigen, obschon die Zunge hierbei eben gar nichts thut, viel Unheil gestiftet.

Halte darum Deine Zunge stets im Zaume, wenn Du Dich auch in den vertrautesten Kreisen bewegtest. Wäge stets Deine Worte ab, ob Du auch keine Ursache dazu zu haben vermeinst. Das einmal gesprochene Wort läßt sich nie wieder vernichten, trotzdem es eben nur ein Erzeugniß einer Luftbewegung ist.

Wiederholung.

(Bedingungs- und Einräumungssätze.)

118. Bildung.

Obwohl Du in der Schule viel lernen kannst, bleibt Dir doch nach der Schulzeit noch viel zu lernen übrig. Wenn ein Schüler auch noch so fleißig wäre, kann er doch in der Schule immer erst den Grund zu seiner weitern Ausbildung legen. Hast Du aber in der Schule einen guten Grund gelegt, wird Dir das spätere Lernen sicher leicht werden.

Bildung ist ein großer Schatz, obschon er sich nicht in Zahlen bezeichnen läßt. Hast Du also Gelegenheit zur Fortbildung, benutze sie. Dem kenntnißreichen Manne steht die Welt offen, wenngleich seine Tasche keinen Kreuzer beherbergte. Hätte Mancher in seiner Jugend mehr gelernt, er brauchte jetzt nicht Steine zu klopfen.

Wie sehr auch heutzutage das Geld die Welt regiert, die Bildung wird doch endlich den Sieg davontragen. Falls Du also auch gleich nach Deiner Confirmation nach Brod arbeiten müßtest, ein nützliches Buch wirst Du nebenbei doch lesen können. Und müßtest Du Dir auch einige Vergnügungen darob versagen, suche Dir vor allen Dingen bildende Schriften zu erwerben.

Falls Du in Deinem Berufe auch nicht viel zu schreiben hättest, laß die Feder nicht liegen. Wenn Du nur ernstlich willst, etwas Zeit zur Fortbildung läßt sich schon gewinnen.

Obgleich man sich für Geld große Genüsse verschaffen kann, Bildung bleibt doch der Schlüssel zu den edelsten.

Wiederholung.

(Umstandssätze des Ortes, der Zeit, der Art und Weise, des wirklichen und möglichen Grundes.)

119. Die Raubritter.

Als das Ritterthum in voller Blüthe stand, gab es leider auch Raubritter. Wo ihre Burgen emporragten, dort war besonders für die Kaufleute ein gefährliches Reisen.

Ohne daß es sich der Reisende oft versah, wurde er von einer Schaar solcher Wegelagerer überfallen. Sie kamen, um ihn seiner Schätze zu berauben. Zuweilen verlegten sie ihm auch blos den Weg, damit sich der Reisende zu Opfern für seine Freiheit verstehen solle. Falls der so Gehemmte sich zu keiner Zahlung verstehen wollte, wurde er nicht selten als Gefangener abgeführt.

Wo diese Raubritter ihre Burgen erbauten, führten gewöhnlich wichtige Verkehrswege vorüber. Damit kein Mensch ungesehen diese Straßen ziehe, stellten sie Wachen aus. Kaum graute der Morgen, standen diese schon auf ihren Posten.

Mit diesen Verhältnissen vertraut, reiste darum auch selten ein Handelsmann mit seiner Waare allein. Damit man nöthigenfalls Widerstand leisten könne, verband man sich zu Karavanen. Obgleich aber diese Gesellschaften oft ziemlich stark waren, entgingen sie doch selten ihrem Schicksale.

Sobald es zu irgend einem Kampfe kam, trugen die wohlbewaffneten Reisigen in der Regel den Sieg davon. Je mehr diese dann dabei Verluste erlitten hatten, desto größeren Tribut mußten die Besiegten zollen.

Da nun ein Raubritter neidisch auf das Glück des andern sah, entstanden nicht selten unter diesen selbst blutige Fehden. Ehe es sich der eine versah, umzingelten mißgünstige Nachbarn seine Burg. So kurze Zeit eine solche Fehde auch dauerte, so blutig war sie doch oft. Nicht selten schleifte man den Rittersitz des Besiegten, weil dieser sonst doch wieder hätte zu Macht gelangen können.

Wiewohl es auch heute noch Straßenräuber gibt, ist doch die Gefährlichkeit des jetzigen Reisens mit der jener Tage gar nicht zu vergleichen. Niemand wird, ohne ein gewisses Grauen zu empfinden, an jene Zeit zurückdenken.

Während damals die überlegene Gewalt regierte, regiert jetzt das Recht. Die Zeit wollen wir ja nicht die goldene nennen, während welcher das Faustrecht galt.

5. Einschaltsätze.

120. Ein Dieb.

Vergangenen Montag — es konnte wol nachmittags gegen drei Uhr sein — entstand auf der Straße ein gewaltiger Menschenauflauf. Zwei Polizeidiener ergriffen einen Menschen, welcher — man sollte es kaum glauben — am hellen Tage einen Herrenrock von einem Schaufenster gestohlen hatte.

Dieser freche Dieb — er schien übrigens der Polizei als solcher bekannt zu sein — wehrte sich dermaßen, daß man ihn binden mußte. Jetzt aber — welch eine Frechheit! — stellte er sich, als ob er nicht laufen könne. Und so mußte er — den Polizeiern blieb nichts Anderes übrig — auf einen Schubkarren geladen werden.

Im ersten Verhöre soll er sich — wie sich nicht anders erwarten ließ — auch äußerst widerspenstig benommen haben. Hoffentlich wird ihn aber die Strafe für seine Vergehungen — und diese wird wahrscheinlich eine ziemlich strenge sein — mürbe machen.

Hauptwiederholung.

(Subject-, Präd.-, Beif.-, Ergänz.-, Umstands-, Anführ.- und Einschaltsätze.)

121. Der Mäusethurm.

Gegen Ende des zehnten Jahrhunderts lebte ein berüchtigter Kirchenfürst, mit Namen Hatto. Nachdem er mehrere Jahre Abt zu Fulda gewesen war, wurde er zum Erzbischof von Mainz erhoben. Diese Stadt liegt bekanntlich da, wo sich der Main in den Rhein ergießt.

Wer jenem hohen Herrn untergeben sein mußte, konnte nicht ohne Furcht zu ihm aufblicken. Hatto war — man sollte dies von einem Bischofe kaum glauben — vom Geize besessen. Nehmen erschien ihm jederzeit angenehmer als das Geben. Daran, daß sein Herr und Heiland in Armuth dahinwandelte, wollte er sich wahrscheinlich ganz absichtlich nicht erinnern.

Da ihn nun die Habsucht gefangen genommen hatte, kannte sein Herz natürlich kein Mitleid. Ohne daß es ihn rührte, konnte er an den Hilfsbedürftigsten vorübergehen. Die Geschichte berichtet sogar, daß er sich ganz unmenschliche Grausamkeit habe zu Schulden kommen lassen:

Als er schon lange Jahre Bischof zu Mainz war, entstand einmal eine furchtbare Hungersnoth. Die Rheingegend war es, wo das Uebel am ärgsten auftrat. Hunderte von Familien hatten nicht, womit sie auch nur eine Mahlzeit ihren Hunger stillen konnten. Von den entsetzlichsten Qualen langsam aufgerieben, erlagen eine große Anzahl Menschen endlich dem Tode.

Daß die Noth groß war, konnte dem Erzbischof nicht unbekannt bleiben. Wessen Herz freilich der schändlichste Eigennutz beherrscht, der mag fremdes Elend nicht sehen. So blieb Hatto angesichts alles Jammers, der er war.

Nachdem die Hungersnoth den höchsten Grad erreicht hatte, versammelten sich eines Tages mehrere Hundert Halbverhungerter vor der Burg des Erzbischofs. Obgleich man seine Härte kannte, wollte man doch einen Bittversuch wagen. Der Trieb, das Leben zu erhalten, läßt ja kein Mittel unbenutzt.

„Hab’ Erbarmen!“ flehte eine Anzahl solcher Unglücklichen zu den Burgfenstern hinauf. Und Andere riefen mit herzzerreißender Stimme: „Nur ein einziges Stück Brod laß uns werden.“

Obwohl nun Hatto’s Speicher überreich gefüllt waren, hatte er doch kein Ohr für das Hungergeschrei. Er äußerte sogar, das Volk da unten sei nur liederliches Gesindel.

Da nun aber die armen Menschen ihr Flehen fortsetzten, gerieth er endlich in Zorn. In diesem Zorne befahl er seinen Knechten, daß sie das lästige Bettelvolk in eine große Scheune sperren sollten. Die Knechte, weil es ihr Herr befohlen, führten die Schändlichkeit augenblicklich aus.

Was aber that Hatto, der Wütherich, nun? — Er ließ — fast sträubt sich die Feder vor diesem Berichte — die betreffende Scheune an allen vier Ecken anzünden. Ohne daß es ihn nur im geringsten rührte, sah er der auflodernden Flamme zu. Während des entsetzlichen Geschreies der Verbrennenden rief er sogar seiner Umgebung, teuflisch spottend, zu: „Hört Ihr das Piepen der Brodmäuse?“

Hören wir nun, was die Sage über das Lebensende dieses Grausamen berichtet: Kurz nach dieser fluchwürdigen That zogen in die Burg, die Hatto bewohnte, eine unerhörte Menge Mäuse ein. Wo man nur hinsah, wimmelte es von diesen Thieren.

Wie entsetzlich dies dem Erzbischof sein mußte, läßt sich leicht denken. Je mehr er aber das Ungeziefer verfolgen ließ, desto zahlreicher wurde es.

Um sich diesen Feinden zu entziehen, siedelte er in die Stadt Bingen über. Aber auch hier wurde es wieder, wie es gewesen war. Die Mäuse, die sich einmal gegen ihn verschworen zu haben schienen, folgten ihm auch hierher. Von ihnen aufs neue gequält, sann er abermals auf Rettung.

Endlich hatte er einen Plan, wie er sich vor der Höllenschaar unzweifelhaft sichern könnte, entworfen. Da, wo sich der Ruppertsberg im Rheine spiegelt, ließ er sich einen kleinen Thurm mitten in dem Strome erbauen. „Dort muß ich doch endlich vor den Bestien Ruhe haben“, dachte er bei sich.

Als der Thurm vollendet war, segelte Hatto auf einem Nachen hinüber. Daß freilich die Mäuse auch schwimmen können, hatte er nicht bedacht.

Ihr Rächeramt zu vollenden, ruderten sie in zahlloser Menge dem Thurme zu. Bald war derselbe, der an sich nicht viel Räumlichkeiten bot, von ihnen überschwemmt.

In diesem Thurme aber wurde Hatto — so berichtet eben die Sage — von den Mäusen endlich aufgefressen. Der Thurm, in dem dies geschehen sein soll, steht übrigens heute noch. Man nennt ihn, eingedenk der Sage, den Mäusethurm.