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Sprachbilder nach bestimmten Sprachregeln / Ein einfaches und praktisches Hilfsbuch für den deutschen Sprachunterricht in der Volksschule

Chapter 199: 127. Das Turnen.
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About This Book

A practical handbook for elementary German instruction compiles numerous short original reading pieces, each designed to exemplify a particular grammatical rule and to serve as material for analysis and stylistic exercises. It favors a reading-based method over rote rule memorization, lays out a clear, stepwise progression from the simplest sentence to more complex constructions, and offers abundant material across word classes and sentence types. The collection gives teachers flexible, classroom-ready texts and staged objectives for each grade level, aiming to make grammar lessons concrete and pedagogically efficient.

F. Mehrfach gegliederte Sätze etc.

122. Gellert.

(Alle Arten Sätze.)

Gellert war ein Dichter. Er wurde am 4. Juli 1715 in dem damals ziemlich kleinen sächsischen Städtchen Hainichen geboren. Sein frommer und darum hochgeachteter Vater war Pfarrer daselbst. Sowohl der Vater als auch die Mutter erzogen ihren Knaben sehr streng.

Gellert versuchte sich bereits in früher Jugend in der Dichtkunst und über manches seiner kleinen Lieder konnte sich sein Vater schon freuen. Das erste größere Gedicht, welches er seinem Vater zu dessen Geburtstag überreichte, erregte sogar einiges Aufsehen.

Gellert studirte. Nach dem Wunsche seines frommen Vaters sollte er sich zu einem tüchtigen Prediger ausbilden. Gellert aber zeigte weder besondere Lust zu dem geistlichen Stande, noch schien er sich für denselben besonders geeignet zu halten. Der junge Mann hatte jedenfalls ein richtiges Urtheil über sich, denn schon in seiner ersten Begräbnißrede blieb er stecken.

Nachdem ihm seine Schriften einen besonderen Ruf erworben, trat er als Lehrer in einer höheren Schule auf. Seine Vorträge gefielen. Wegen seines lauteren Charakters genoß er unter der studirenden Jugend bald die größte Achtung.

Seine Oden, geistlichen Lieder und Fabeln erlangten die allgemeinste Anerkennung. Seine frommen Lieder werden noch heute in den Kirchen gesungen und an seinen lehrreichen Fabeln ergötzt sich noch heute die Kinderwelt.

Was Gellert geschrieben, ist in sechs starken Bänden der Nachwelt aufbewahrt.

123. Geistesgegenwart.

(Desgleichen.)

In einem großen, schönen Garten, welcher dicht an einer Straße, die nicht eben sehr belebt war, lag, befanden sich eines Tages drei Geschwister. Sie hatten sich hier eingefunden, um sich zu erholen und sich zu gleicher Zeit angenehm zu beschäftigen.

Paul, der Zwölfjährige, beschnitt mit seinem scharfen Taschenmesser ein wildes Obstbäumchen, damit seine Krone eine bessere Form erhalten sollte. Wo der Weg nach einem kleinen Hügel führte, kauerte Bertha, die zehn Jahre zählte, vor ihrem Blumenbeete, Nelken und Tausendschönchen pflanzend. Wilhelm, erst im siebenten Lebensjahre stehend und in der Familie gewöhnlich der Wilde genannt, zimmerte vor einer duftenden Jasminlaube aus den braunen Bretchen eines Cigarrenkastens, die ihm der Vater geschenkt hatte, ein Segelschiff.

Alle drei Kinder waren fröhlich und wohlgemuth, denn jedes trieb seine Lieblingsbeschäftigung. Paul pfiff, Bertha sang und Wilhelm trällerte bei der Arbeit, sodaß es eine Lust war, ihnen zuzuhören. Wer hätte zu ahnen vermocht, daß ihre Freude plötzlich in erschrecklicher Weise gestört werden sollte!

Plötzlich nämlich — es mochte nachmittags gegen ein Uhr sein — erschien ein fremder Hund, ohne einen Laut von sich zu geben, im Garten. Sein dickes Fell war zerzaust, seine Augen waren geröthet, die Zunge hing ihm weit zum Maule heraus und die Ruthe trug er zwischen die Hinterbeine geklemmt.

Paul, welcher den Hund zuerst erblickte, erschrak, denn das Aussehen des Thieres, das ihm noch dazu ganz unbekannt war, kam ihm sogleich verdächtig vor. Bertha, die nur erst kürzlich in der Schule von der Wuthkrankheit der Hunde gehört hatte, schrie aus Leibeskräften: „Hilfe! Hilfe! Ein toller Hund!“ Und der kleine Wilhelm, um der Gefahr zu entgehen, wollte eben in eine Laube flüchten. Noch aber hatte er dieselbe nicht erreicht, als der Hund auf ihn losfuhr, wie wenn er ihn beißen wolle. Der Kleine schrie und zitterte vor Angst am ganzen Körper, sodaß er keinen Schritt von der Stelle wagte. Seine Lage war entsetzlich!

In diesem verhängnißvollen Augenblicke jedoch sprang Paul herbei, packte das gefährliche Thier mit beiden Händen am Halse, drückte ihm die Kehle zusammen und hob es empor.

Während nun der beherzte Knabe den Hund über der Erde hielt, konnte sich Wilhelm in die Laube retten und die Thüre derselben hinter sich verschließen.

Auf das Geschrei der Kinder, das jetzt aus drei Kehlen zugleich erfolgte und ganz entsetzlich klang, eilte der Vater, vor Schreck fast bleich, herbei. Er erkannte sofort, daß der Hund, der in den Händen des Knaben wie verzweifelt hin- und herschnellte, toll war. Die schreckliche Gefahr, in der seine Kinder schwebten, ermessend, und ohne einen Augenblick Zeit zu verlieren, ergriff er eine in der Nähe liegende Hacke und führte damit einen wohlgezielten Schlag auf die Nase des wüthenden Thieres.

Mit einem grellen Aufschrei fiel es zu Boden, woselbst es augenblicklich von dem Vater den Todesstreich erhielt.

Um seines Muthes und seiner Geistesgegenwart willen, die einzig und allein ein furchtbares Unglück verhindert hatten, erhielt Paul, ehe noch der Tag zu Ende ging, von seinem Vater eine prachtvolle Bilderbibel. Die ganze Familie aber, in welcher überhaupt ein frommer Sinn herrschte, dankte in ihrem Abendgebete, dem der Vater heute eine besondere Feierlichkeit verlieh, dem lieben Herrgott, daß er in jenen verhängnißvollen Augenblicken ihr gnädiger Beschützer gewesen.

124. Schlaf und Tod.

(Zwei vollständige Satzgefüge verbunden.)

Der Schlaf, welcher unserm Körper Erholung gewährt, hat viel Aehnlichkeit mit dem Tode, und der Tod, der einst unser aller Loos ist, hat Vieles mit dem Schlafe gemein.

Sobald uns der Schlaf befällt, hören verschiedene Thätigkeiten des Körpers auf, ebenso vermindern sich allmälig verschiedene Bewegungen der Muskeln, wenn der Tod an den Menschen herantritt. Das völlige Entschlummern wird dadurch herbeigeführt, daß die Sinnesnerven endlich ihre Dienste einstellen, und der Tod tritt ein, indem die Athmungsorgane schließlich zum Stillstand gelangen.

Das Einschlafen erfolgt so allmälig, daß der eigentliche Augenblick des Entschlafenseins gar nicht genau beobachtet werden kann, ebenso erlöscht auch zuweilen ein Lebenslicht in so unmerklicher Weise, daß die am Sterbelager Stehenden den Eintritt des Todes gar nicht gewahren. Der Schlafende weiß nicht mehr, was um ihn her vorgeht, auch dem Todten ist bekanntermaßen verschlossen, wie das Leben um ihn her waltet.

Wer schläft, erwacht nach einer bestimmten Zeit wieder, und wer im Grabe ruht, den wird einst ebenfalls die Stimme des Herrn erwecken.

125. Die Zukunft.

(Es beziehen sich mehrere Nebensätze auf einen Hauptsatz.)

Wüßte der Mensch, was morgen sein wird, und läge ihm die Zukunft überhaupt klar vor Augen, so würde das durchaus kein Glück für ihn sein. Obgleich er sich manchen Kummer ersparen und auf manches traurige Geschick vorbereiten könnte, obschon er sich manche Freude mehr zu verschaffen und manche schon im voraus zu genießen vermöchte, müßte ihn dieser Zukunftsblick doch in steter Aufregung erhalten.

Was er von den künftigen Tagen zu erhoffen und was er von ihnen zu fürchten hätte, beschäftigte ihn sicher Tag und Nacht. Die Zeit, da er gesunden, oder in der ihm eine besondere Ehre zu Theil werden, oder zu welcher er Reichthum erlangt haben soll, würde er unter quälender Ungeduld herbeisehnen. Wiederum ginge er der Stunde, die ihn aufs Krankenlager werfen, oder dem Tage, der ihm Zurücksetzung bringen, oder dem Zeitpunkte, zu welchem der Bettelstab sein Loos sein soll, gewiß mit Zittern und Zagen entgegen.

Wer aber möchte nun vollends im voraus wissen wollen, wann er einmal sterben, wie einmal sein Ende sein und wo man sein Grab graben wird?

Wir sind daher unserm Gott Dank schuldig, daß er uns über unser künftiges Geschick im Unklaren läßt, daß er uns das künftige Ungemach verbirgt und daß uns vor allen Dingen die Stunde unseres Abscheidens ein Geheimniß bleibt.

126. Hier und dort.

(Desgleichen.)

Wer die verschiedenen Schicksale der Menschen beobachtet, den Lebensgang einzelner verfolgt, ihren sittlichen Werth mit ihrem äußeren Loose in Vergleich zieht, der wird manche Frage aufzuwerfen haben.

Er sieht da oft, wie der Fromme im Elend schmachtet und wie das Laster im Ueberflusse schwelgt, wie man den Verdienstvollen zu Boden sinken läßt und den Unwürdigen erhebt, wie man einen Ehrenmann über die Schultern ansieht, vor dem Ehrlosen aber einen tiefen Bückling macht.

Ein solcher Beobachter fragt dann still für sich: „Wo bleibt hier die Gerechtigkeit? Womit haben jene Braven ihr bitteres Geschick verdient? Warum folgt die Strafe der Sünde nicht auf dem Fuße?“

Nur dort oben, wo hoch die Sterne stehen, woher alles Licht uns zuströmt, wohin die Erdenpilger einst alle eingehen müssen, sucht er des Räthsels Lösung. Der Glaube an den Allvater, der Gerechtigkeit lieb hat, der Jedem nach seinem Thun vergelten will, dessen Gedanken freilich hoch und dessen Wege wunderbar sind, hilft ihm über das Dunkel dieses Lebens hinweg.

Hat doch auch Christus, um jenen Zweifelfragen zu begegnen, den unschuldig Leidenden zu trösten und überhaupt den Blick in das Jenseits einigermaßen zu lichten, das „Hier und dort“ in dem Gleichnisse vom armen Lazarus vortrefflich beleuchtet.

127. Das Turnen.

(Desgleichen.)

Wer seinem jugendlichen Körper eine heilsame Bewegung verschaffen, seine Muskelkraft gleichmäßig ausbilden und seinem ganzen Menschen eine sichere Haltung verschaffen will, der muß turnen. Was das Turnen nützt, wie es stärkt und belebt und wie es sogar den Geist frischer macht, wissen gar viele Menschen noch gar nicht.

Ohne Furcht zu verspüren, auf seine Gewandtheit bauend und seiner Körperkraft vertrauend, geht der echte Turner leiblichen Gefahren entgegen. Denke hierbei an die Turnerfeuerwehr, die eben aus Turnern besteht, die sich gewöhnlich freiwillig zu dem schweren Dienste des Rettungswerkes stellt und die bei einem Brande nicht selten die größten Wagnisse unternimmt. Wo die Gefahr am größten, wo das Rettungswerk am schwierigsten, wo es vor allen Dingen Menschenleben zu sichern gibt, da ist der Turnerfeuerwehrmann zur Hand.

Weil nun das Turnen eine so gute Schule für den Körper ist, weil es den Geist freier macht und weil es somit den ganzen Menschen bildet, so werde auch Du ein Turner.

128. Die Thierschutzvereine.

(Der Nebensatz enthält wieder einen Nebensatz.)

Man muß sich leider gar oft überzeugen, daß viele Leute noch gar nicht einsehen, wie höchst segensreich die Thierschutzvereine wirken. Diese Erscheinung aber, die eine recht betrübende ist, hat ihren Grund meist darin, daß viele Menschen, namentlich viele Pferdebesitzer, dem Thiere nicht die Stellung in der Welt zugestehen, die ihm gebührt.

Manche vermeinen wol auch, das Thier, als ein vernunftloses Wesen, empfinde den Schmerz, der ihm durch Mißhandlungen zugefügt wird, nicht in dem Grade wie ein Mensch.

Möchten dergleichen Anschauungen, die doch ganz irrige sind, weil sie eben auf falscher Beurtheilung der Natur des Thieres beruhen, bald gänzlich verschwinden. Möchte es den Thierschutzvereinen, die, trotz mancherlei Hindernissen, ihr edles Werk mit allem Eifer treiben, gelingen, das Mitgefühl mit der Thierwelt, ohne welches der Thierquälerei Thür und Thor geöffnet sind, in jedes Menschen Brust zu pflanzen.

Man muß es mit Freuden wahrnehmen, daß da, wo das Auge solcher Vereine, das ja oft ein tausendfaches ist, wacht, Mißhandlungen von Thieren, wie sie sonst fast täglich zu erleben waren, zu den größten Seltenheiten gehören.

Dank aber auch den Behörden, welche, die gute Sache erkennend, jene wohlthätigen Vereine, wo sie immer ihren Sitz haben, nachdrücklich unterstützen, indem die Thierquäler, und zwar ohne Ansehen der Person, vor Gericht gestellt und gebührend bestraft werden.

129. Ein Apfelkern.

(Desgleichen.)

Man glaubt gar nicht, was in einem einzigen Samenkerne, den wir vielleicht mit Füßen treten, für Wunder enthalten sind.

Du weißt z. B., daß ein Apfel, der die gehörige Reife erlangt hat, sechs bis acht braune Kerne enthält. Du erinnerst Dich, wie einfach ein solcher Kern, der noch dazu ziemlich klein ist, aussieht.

Nun aber bedenke, daß in ihm eigentlich schon der zukünftige Apfelbaum, dessen breitarmige Aeste später einen geraumen Theil des Gartens beschatten, enthalten ist. Es bedarf von Deiner Seite weiter nichts, als daß Du ihn in die Erde, die natürlich kein unfruchtbarer Boden sein darf, legst.

Was er zu seiner Entwickelung, die dann geheimnißvoll vor sich geht, nöthig hat, verleiht ihm die gütige Natur. Nach nicht allzulanger Zeit bemerkst Du, wie sein zarter Keim, hellgrün von Färbung, die Erdrinde, die sogar etwas fest sein kann, durchbohrt. Bald siehst Du dann, daß sich aus der grünen Spitze ein Blättchen, das schon ziemlich die Form der künftigen Baumblätter zeigt, entwickelt.

Die weitere Ausbildung zum Stämmchen, die nun vor sich geht, ist es werth, von Dir beobachtet zu werden. Wer dergleichen Vorgänge in der Natur, die eben ein großes Wunderreich ist, mit Aufmerksamkeit verfolgt, dem muß ein Licht über die Größe des Schöpfers, dessen Kraft alles Geschaffene durchdringt, aufgehen.

130. Eine Wohlthäterin.

(Desgleichen.)

Barbara Uttmann, die unvergeßliche Wohlthäterin des sächsischen Erzgebirges, wurde 1514 — also noch vor der Reformation — geboren. Sie verheirathete sich mit einem Bergherrn, welcher den Namen Uttmann führte und in der Nähe von Annaberg, der Berg- und Gebirgsstadt, mehrere Grubenwerke besaß.

Das Klöppeln erlernte Barbara — wie man gewöhnlich annimmt — von einer Brabanterin, welche um ihres protestantischen Glaubens willen aus ihrem Vaterlande, in dem der Katholicismus die Oberhand hatte, vertrieben worden war. Um diese Kunst, die zu jener Zeit gut lohnte, weiter zu verbreiten, lehrte sie Barbara Uttmann, ohne aber irgendwie Bezahlung dafür zu nehmen, zunächst den Mädchen und Frauen Annabergs.

Kaum waren zehn Jahre vergangen, hatte der Klöppelsack — so nennt man das Werkzeug, an dem geklöppelt wird — im ganzen Erzgebirge, wo damals viel Armuth herrschte, Eingang gefunden. Somit legte die brave Frau den Grund zu einem Erwerbszweige, der unzähligen Armen Brod gab und noch heute über 40000 Menschen, die zwischen der bairischen Grenze und Geising wohnen, beschäftigt.

Barbara Uttmann verdient deshalb auch, daß man ihr, um ihr Andenken in Ehren zu halten, auf dem Friedhofe zu Annaberg, welcher die Hospitalkirche umgibt, ein Denkmal gesetzt hat. Es ist aus weißem Marmor gearbeitet und stellt Barbara dar, wie sie vor ihrem Klöppelsacke, der ungemein kunstreich ausgeführt ist, sitzt und arbeitet.

Dieser schöne Grabstein, welcher von allen Fremden, die nach Annaberg kommen, aufgesucht wird, enthält die Inschrift: „Ein thätiger Geist, eine sinnige Hand, sie ziehen den Segen ins Vaterland.“

131. Grille und Ameise.

(Der Anführungssatz ist ein Satzgefüge.)

Eine Grille, welche den Sommer in Trägheit verlebt hatte, sprach zur nahenden Winterzeit zu ihrer Nachbarin, einer Ameise: „Borge mir ein wenig zu essen, damit ich nicht Hunger leiden muß.“

Ohne etwa augenblicklich vom Mitleid ergriffen zu werden, fragte die Ameise: „Hast du dir denn keine Speise für den Winter, den du doch kommen sahst, gesammelt?“

„Ich würde das gewiß gethan haben“, erwiderte die Grille, indem sie einen etwas schnippischen Ton annahm, „wenn ich nur Zeit dazu gehabt hätte.“

„Womit hast du denn die Sommertage, die doch sehr lang und für alle zur Arbeit bestimmt sind, verbracht?“ fragte, nicht ohne Verwunderung, die Ameise.

Der Grille Antwort, die etwas zögernd erfolgte, war: „Du weißt doch, daß ich den Sommer über emsig gespielt und gesungen habe!“

Darauf sagte die Ameise, ohne indeß einen bitteren Ton anzunehmen: „Du hast gewußt, was nach dem Sommer folgt. Wer während des Sommers, der Zukunft uneingedenk, singt, mag im Winter tanzen.“

132. Eine Geburtstagsscene.

(Zusammengezogene, zusammengesetzte Sätze und Satzgefüge verbunden.)

Der dreizehnjährige Otto schenkte gestern mit freudestrahlendem Gesichte seinem lieben Vater zum fünfzigsten Geburtstage ein Paar goldene Knöpfchen von der neuesten Form und ein Rosenstöckchen mit acht lachenden Knospen; das kleine Lischen überbrachte dem guten Papa lächelnd eine große Torte aus Chocolade, sowie sechs reizende Liqueurgläschen aus geschliffenem Glase, und der zehnjährige Sigismund überreichte ihm fast mit gerührtem Herzen ein prachtvoll gebundenes Gebetbuch mit herrlichen Stahlstichen und sprach mit bewegter Stimme ein langes, ergreifendes Gedicht dazu.

Der Vater, welcher sichtlich gerührt war, dankte den Kindern, indem er jedem einen Kuß auf die Stirn drückte, aufs herzlichste, daß sie ihn heute in so sinniger Weise überrascht hätten; zu gleicher Zeit reichte er aber auch der Mutter, welche, ebenfalls Glück wünschend, hinter den Kindern stand, dankbar die Hand, weil er sie sich als die Veranstalterin der schönen Feier dachte, und zu dem Ende ordnete er noch an, daß heute, um auch den Kindern ein besonderes Vergnügen zu bereiten, ein Ausflug in die etwas entlegene Waldschenke, die in einem reizenden Buchenhaine lag und deshalb einen herrlichen Aufenthalt gewährte, unternommen werden solle.

Otto, ein großer Freund des Waldes, jubelte, als er dies hörte, hochauf vor Freude; Sigismund, der da meinte, es ginge noch dieselbe Stunde fort, eilte sogleich nach seiner Botanisirtrommel, die ihm, sobald er ins Freie ging, nie fehlen durfte, und Lischen hüpfte, um ihrer Freude Ausdruck zu geben, auf einem Beine in der Stube umher, sodaß die Mutter schließlich noch sagte, sie solle doch ihre Kräfte für die bevorstehende Partie sparen.

133. An Dich.

(Die Periode.)

Wenn Du die Sprachbilder, welche eigens für Dich, um Dich in Deiner Muttersprache zu unterrichten, geschrieben sind, mit rechter Aufmerksamkeit durchgearbeitet hast; wenn Dir die Regeln, welche darin veranschaulicht werden, recht zum Bewußtsein gekommen sind; wenn Du namentlich im Auflösen der einzelnen Sätze eine gehörige Fertigkeit, die allerdings nur durch Uebung erreicht wird, erlangtest; und wenn Du schließlich, ohne zu ermüden, im Nachbilden des Gegebenen recht fleißig warst: so wird und muß Dir jetzt Deine Muttersprache, dieses theure Eigenthum, wie ein herrlicher Baum vorkommen, an dem kein Blättchen umsonst gewachsen ist; so muß es Dir jetzt möglich sein, die bewundernswerthen Geisteserzeugnisse unserer Dichter, wie sie immer heißen mögen, genügend zu verstehen und infolge dessen muß Deine Achtung vor diesen großen Männern, die mit der Feder in der Hand Unsterbliches geschaffen haben, immer höher steigen.

Wer sich schon als Kind befleißigt, jedes Wort rein zu sprechen; wer es durch unermüdlichen Fleiß in der Schule dahin bringt, daß er seine Gedanken in wohlgeordneter Weise mündlich auszudrücken vermag; wer mit der Feder, diesem weltbewegenden Instrumente, in befriedigender Weise umgehen lernt: der legt für sein Fortkommen im Weltverkehre, der solche Kenntnisse und Fertigkeiten wohl zu schätzen weiß, einen guten Grund; dem können sich dadurch sogar Gelegenheiten bieten, vortheilhafte Lebensstellungen einzunehmen; dem wird man wenigstens immer mir einer gewissen Achtung, die ja viel Werth hat, begegnen.

Befähigten Dich Deine erlangten Sprachkenntnisse indeß später auch nicht gerade zu einem Volksredner, die allerdings eine Rolle in der Welt spielen; reichten Deine Errungenschaften auf dem Sprachgebiete nicht hin, um als Schriftsteller, deren Loos freilich nicht immer ein beneidenswerthes ist, aufzutreten; vermöchtest Du später Dein sprachliches Wissen und Können, das Du mit vieler Mühe Dir angeeignet, nur in einem ganz bescheidenen Berufskreise zu verwenden: immerhin wirst Du nie bereuen, Dich von dem inneren Baue Deiner Muttersprache gehörig unterrichtet zu haben, wirst vielmehr dankbar der Zeit gedenken, da Du ihr inneres Wesen verstehen lerntest, und wirst Dich gemüßigt finden, der Jugend, die Dich seiner Zeit umgibt, das Studium der deutschen Sprache aufs dringlichste zu empfehlen.

Druck von Otto Huschke in Nordhausen.