Zwölfte Szene
Die Vorigen. Zarncke. Kriminalkommissar Reitmaier
Zarncke
Na, was denn, Miezelchen? (Ruft) Frau Homeyer! (Sie hängt in seinem Arm, er streichelt ihre Wange und übergibt sie dann Frau Homeyer, die für einen Augenblick in der Tür erscheint) Sie werden entschuldigen, Herr Kommissar! Sie is 'n bißchen kränklich ...
Reitmaier
(Mann Mitte der Vierzig, rund, breitschultrig, strohblonder Schnauzbart, Pincenez. Gemachte Jovialität, die gelegentlich in brutale Schärfe umschlägt. Ein wenig Bierbruder mit Ausblick zum Offiziertypus)
Ach, es ist mir ja immer höchst fatal, wenn ich so das Privatleben der Herrschaften stören muß. Ich werd' Sie auch nicht lange aufhalten. Ich bin nur beauftragt worden, mal 'n bißchen nachzuhören, was mein Kollege vom Revier da — — Haben Sie man keine Bange. Ich bin 'ne menschenfreundliche Natur. Ich mach' das alles gemütlich. Die Herren Spitzbuben — die sind mir so wie 'ne große Familie.
Zarncke (erfreut, bewundernd)
Ach — ne — wirklich?
Reitmaier (bieder)
Ja, darf ich wohl sagen: Wie meine Familie! Na, kann man den Onkel mal 'n bißchen sehn?
Zarncke (rufend)
Struve!
Struve
(sich von einer Gruppe im Hintergrunde lösend)
Jawohl, Herr Zarncke. (Leise) Ei weh, Kindersch. Da is der Reitmaier vom Präsidium. Das is 'n fauler Junge. (Kommt nach vorn)
Reitmaier (die Arme ausbreitend)
Herr Gott, das is ja mein guter, alter Struve.... Na, lieber Freund!
Struve (gerührt)
Ach, der Herr Kommissar! Ne, is das 'ne Freude!
Reitmaier
Na, Menschenskind, wir haben uns ja so lange nich gesehn.
Struve
Ja, Herr Kommissar. Es hat mir auch immer was gefehlt.
Reitmaier
Nu sagen Sie mal, alter Sohn, was haben Se denn nu wieder ausgefressen?
Struve
Herr Kommissar, es tut mir ja leid. Aber ich bin eben scharf in de Besserung. Diesmal kann ich wirklich nich — nich — dienen.
Reitmaier (überzeugt)
Ja, ja, ja. Also, Sie sind's nich gewesen?
Struve
Herr Kommissar, und wenn ich hier gleich meinen Totenschein in die Hand nehm' —
Reitmaier
Nich schon Totenschein! Pfui! — Mann wie Sie muß leben!
Struve
Aber wenn sich's machen läßt, Herr Kommissar, im Zuchthaus. Ja.
Reitmaier (zu Zarncke)
Er is bitter gestimmt. (Beruhigend) Na, na, na, es is da bloß noch 'ne kleine Formensache. Nichts von Bedeutung! Ne! (Zieht sein Notizbuch) Sagen Sie mal, wo waren Sie denn nu in der Nacht?
Struve
Ja, Gott, Herr Kommissar. Wo man so is. Uf 'ne Banke. Oder so.
Reitmaier (bedauernd)
Warum waren Se nu nich in Ihre Schlafstelle?
Struve
Ja, warum war ich nich in meine Schlafstelle? Hätt' ich gewußt, daß schlechte Menschen hier bei Herrn Zarncke einbrechen würden, hätt' ich mir gleich um halb zehne in de Klappe gelegt. Wegen den Aal—ibi.
Reitmaier
Natürlich! (Leise) Das is 'n abgefeimtes Luder! — Da Sie das aber selbstredend nicht wissen konnten, so gingen Sie zu — in den bekannten Lehmannschen Keller, wo wir ja auch schon zusammen gesessen haben. Is da 's Bier immer noch so gut?
Struve
Danke. Ja. Es jeht.
Reitmaier
Da waren Sie bis — zehn Minuten nach zwölfe. Und dann waren Sie mit Ihrem Freund Kuntze — ja, wo waren Sie da?
Struve
Ja, wo war ich da? Ich bin — spazieren jewesen.
Reitmaier (klagend)
Nämlich, denken sich mal, Ihr armer Freund Kuntze sitzt schon wieder feste!
Struve
Das is dem Kerl recht. Der is zu dumm.
Reitmaier
Aber es is doch schade. Na — und als Sie sich dann getrennt hatten, was taten Sie dann?
Struve
Ach, Herr Kommissar, ich bin so 'n weiches Jemiete. Ick hab' mir so, wie ick schon sagte, in'n Humboldthain bisken uf die Banke jesetzt.
Reitmaier
Und gesprochen haben Sie mit niemandem?
Struve
I wo wer' ick doch. Dabei kann man so leicht in schlechte Jesellschaft kommen. Ne.
Zarncke (triumphierend, leise)
Den kriegen Sie nich!
Reitmaier
Und dann sind Sie nach Hause gegangen.
Struve
Ja, ick wollte eijentlich noch 'n bisken die Vögelchens singen hören. Aber pee à pee bin ick denn zu Hause jejangen.
Reitmaier (leise)
Der Kerl hat ein Schwein. Weder die Stunde des Einbruchs noch die Zeit seines Heimkommens sind festzustellen. Aber — — (laut) Struve!
Struve
Herr Kommissar!
Reitmaier
Ja, noch eins. (Wieder leise) In dem Magazin — haben Sie da Sachen von Wert?
Zarncke
O ja. Da bewahr' ich unter anderm die Zahnsägen auf.
Reitmaier
Und die sind wertvoll?
Zarncke
Einige davon sind mit Diamantsplittern besetzt.
Reitmaier
Ah! Wußte der Struve davon?
Zarncke (mit reserviertem Lächeln)
Ja, das weiß ich nicht, Herr Kommissar.
Reitmaier
Struve, wo ist hier das Magazin?
Struve
Das Magazin? (Nach rechts weisend) Na da is es ja.
Reitmaier
Was is denn da so drin?
Struve
Was wird denn da so drin sein? Vielleicht überführen Sie sich mal, Herr Kommissar.
Reitmaier (schärfer)
Wissen Sie, was Zahnsägen sind?
Struve
Zahnsägen? Ja. Das sind Zahnsägen.
Reitmaier
Wo werden die über Nacht aufbewahrt?
Struve (rufend)
Du, Lohmann, wo werden doch die Zahnsägen aufbewahrt?
Reitmaier (ärgerlich)
Sie haben hier zu antworten und keine Fragen zu stellen.
Zarncke
(auf die Umstehenden weisend, von denen sich einige allgemach näher herangedrängt haben)
Stören Sie die Leute, Herr Kommissar?
Reitmaier
Durchaus nicht. Durchaus nicht. (Leiser) Sie sehn übrigens — (zu Struve streng) treten Sie mal zurück! — (leiser) daß an das Subjekt nicht 'ranzukommen ist.
Zarncke (zaghaft, bittend)
Ach, dann lassen Sie ihn doch laufen.
Reitmaier
Nu ja, Sie sind ja bekannt dafür, daß es Ihnen Vergnügen macht, dergleichen Volk bei sich unterkriechen zu lassen.
Zarncke
Vergnügen? Es is wohl mehr eine Abbitte an den lieben Gott.
Reitmaier (immer noch leise)
Weitere Verdachtsmomente als seine Bescholtenheit liegen nicht vor. Ich könnte jetzt noch die Leute hier vernehmen. Vorher aber möcht' ich mal an Sie die Frage richten, ob Sie nach Ihren Beobachtungen den Kerl für verdächtig halten oder nicht?
Zarncke (verlegen)
Ja, da is schwer —
Reitmaier
Trotzdem möcht' ich sehr bitten, der Wahrheit gemäß —
Zarncke (in die Enge getrieben)
Ja, ja, ja. Einen Augenblick. Polier! Geben Sie doch mal — (spricht leise weiter)
Willig
(der sich inzwischen unter den Umstehenden eingefunden hat, holt eine Anzahl Schlüssel aus der Hosentasche und reicht ihm einen davon)
Zarncke
Struve! ... Sehen Sie mal hier diesen Schlüssel. Kennen Sie den?
Struve
Ne.
Zarncke
Das ist der Magazinschlüssel. Den übergeb' ich Ihnen hiermit. Verstehn Sie?
Struve
Ne.
Zarncke
Falls der Herr Kommissar Sie hier läßt, werden Sie mir von jetzt ab für die Sicherheit der Sachen — einstehn. Verstanden?
Struve
Ne.
Reitmaier
Erlauben Sie mal, Herr Zarncke! Was bedeutet denn das?
Zarncke
Das ist meine Antwort, Herr Kommissar. Entnehmen Sie daraus, was Sie wollen.
Reitmaier
Sie — vertrauen — dem den —? Hähähä! Erlauben Sie mal. — Hähähä. Pardon, das ist zu spaßhaft. (Immer lachend) Na dann will ich auch nicht weiter stören. Das kann dann mein Kollege vom Revier zu Ende führen! ... Aber wenn Ihnen man die Passion für solche schweren Jungens nich noch mal sauer aufstoßen wird ... denn außerdem haben Sie ja auch noch 'n Mörder bei sich. Und weiß Gott, was —
Zarncke (sehr erschrocken)
Mörder? (Große Bewegung unter den Zuhörern, die sich während der Folgezeit über den ganzen Platz fortpflanzt)
Reitmaier
Nu ja — den —
Zarncke (rasch, mit Nachdruck)
Das ist ein Irrtum, Herr Kommissar.
Reitmaier
Erlauben Sie mal —
Zarncke
(ihn bei Seite nehmend, erregt)
Erstens ist der Mann nicht wegen Mordes, sondern wegen Totschlags verurteilt worden —
Reitmaier
Menschenblut is Menschenblut.
Zarncke
Menschenblut hat auch so einer in den Adern. Und das braucht ihm nicht unnütz vergiftet zu werden. Wissen Sie, daß Sie dem Manne, der sich zu mir gerettet hat, wie 'n Stück Vieh von der Schlachtbank, daß Sie dem das Weiterexistieren auf dem Platze wahrscheinlich unmöglich gemacht haben?
Reitmaier
Ich? Wieso? Bitte!
Zarncke
(auf die erregten Gruppen weisend)
Da sehn Sie! Die werden's bald 'raushaben, wer der »Mörder« ist. Anstatt hier rücksichtsvoll —
Reitmaier (brutal)
Ach was! Da müßt' ich viel Zeit haben, auf solchen — Auswurf — Rücksicht zu nehmen.
Zarncke
Na, sehr verwandtschaftlich reden Sie nu gerade nicht von Ihrer werten Familie.
Reitmaier
Was für Familie? ... Ach so! (Scharf) Ich empfehle mich Ihnen, Herr Zarncke. (Ab nach links)
Dreizehnte Szene
Die Vorigen ohne Reitmaier
Zarncke
(der einen Augenblick kopfschüttelnd dagestanden hat, laut)
Hört mal, Kinder! Das — mit dem — Mörder — das muß 'ne Verwechslung sein. Das — ja —!
Willig (vor sich hin)
Na na!
Andere
(geben ebenfalls durch Mienen und Gebärden ihrem Zweifel Ausdruck)
Zarncke
Struve!
Struve
(der seinen Schlüssel kopfschüttelnd besehen hat)
Herr Zarncke.
Zarncke
Diesmal hab' ich Sie noch 'rausgehauen. Nu benehmen Sie sich auch darnach.
Struve
Ja w— w— w—
Zarncke
Na was denn?
Struve
Wenn nu gesetzten Falls — und es is doch nu ein anderer gewesen —
Zarncke
Sie, bilden Sie sich keine Schwachheiten ein .... Und?
Struve
Und — nu ja — und der andere der kommt nu mal wieder — —
Zarncke
Dann werden Sie eingesteckt. Verlassen sich drauf. (Ab)
Lohmann (nach der Kantine weisend)
Nu selbstverständlich is er's. Wer denn sonst?
Sprengel (nach Struve hin)
An den hat man sich schließlich gewöhnt, — aber Mörder! Ne.
Lohmann
Du, Struve, komm mal her. (Struve geht zu ihnen)
Sprengel
Scht. Da is er.
Vierzehnte Szene
Die Vorigen. Biegler. Gleich darauf Lore
Biegler
(hat drei Zigarren in der Hand, die er besieht)
Lore
(mit einem kleinen Teller, worauf noch eine Zigarre)
Herr Biegler.
Biegler (sich umwendend)
Ja?
Lore
Sie haben doch vier Zigarren bezahlt und bloß dreie genommen.
Biegler
Ach so. Ja. Danke. (Nimmt die Zigarre) Es war ja auch noch 'n vierter dabei. (Mit glücklichem Lächeln) Ich hab' nämlich — jetzt — auch — Freunde hier.
Lore (erfreut)
Ach, sehn Sie!
Biegler
Ja. Freunde — hab' ich. Drei Stück. Ja ... Und da will ich mich doch mit Zigarren revanschieren. Ja.
Lore
Na sehn Sie. Hab' ich Ihnen nich immer gesagt: Es is nich so schlimm, — sie tun Ihnen nichts?
Biegler
Ja, ja, Fräulein! Wenn Sie mir nicht hätten immer Mut gemacht.
Göttlingk (herüberrufend)
Sie, Lore, was machen Sie sich da mit dem Kerl zu schaffen? Das ist kein Umgang für Sie. — Lassen Sie den mal hübsch laufen.
Lore (zusammenschreckend)
Ja ... ja, ja. (Steht unschlüssig)
Biegler (die Zähne zusammenbeißend)
Der kann mich nich leiden. Gehn Sie man schon ... Ich hab' ja auch noch — Freunde. (Lore ab) (Er breitet seine Zigarren fächerförmig in der Linken aus und tritt zu Lohmann, der zuerst mit Struve gesprochen und dessen Gruppe sich dann aufgelöst hat) Du — willste nich — eine Zigarre von mir — rauchen?
Lohmann (verächtlich)
Nee. (Tritt von ihm fort)
Biegler
(steht einen Augenblick wie erstarrt, dann geht er zu Sprengel, sehr zaghaft)
Ach — bitte — ich hätt' — ne Zigarre — für —
Sprengel
Du kannst deine Zigarren für dich behalten. (Tritt gleichfalls von ihm fort)
Biegler
(reibt sich fassungslos die Stirn; eine verzweifelte Wildheit kommt über ihn; er geht zu Struve — voll Angst und Ingrimm)
Du hast mir vorhin ne Zigarre gegeben —
Struve (gutherzig abwehrend)
Laß man! Laß man! ... Es is nich, weil ich stolz bin, weil ich nu den — Magazinschlüssel hab' ... aber — ich kann mir nich — ausschließen, — ich muß machen wie die andern.
Biegler
Wa — was hab' ich — euch denn — ...?
Struve
Sag mal, wie alt bist du?
Biegler
Vierunddreißig.
Struve
Und da haben sie dich schon 'rausgelassen? So früh lassen sie einen wie du — sonst doch nich los ...
Biegler
(sieht ihn entsetzt an, wirft einen wilden, verängstigten Blick auf die ihn rings Beobachtenden und versteht)
Ach so ... Ach so.
Struve (ist zu Lohmann zurückgetreten)
Ich sag' euch bloß: det stimmt nich.
Lohmann
Wer soll's denn sonsten sein?
Biegler
(auf die Bank der Kantine sinkend)
Ach so!
(Der Vorhang fällt)
Dritter Akt
Die Kantine. Deren Wände sind aus Fachwerk gebildet. Die Decke ist niedrig und verräuchert. Auf der rechten Seite die Tür zum Werkplatz. Im Hintergrunde rechts das Fenster, im Hintergrunde links das Büfett mit einem Schanktisch davor. — Auf der linken Seite eine Tür zu Schlafräumen. — In der Mitte unter der Hängelampe ein Tisch mit Stühlen, links vorne ein Sofa mit Tisch und Stühlen, rechts vorne Tisch mit Stühlen. Vor dem Fenster Schustergerät. In der Ecke rechts hinten ein eiserner Ofen.
Das Ganze trotz des ärmlichen oder vielmehr provisorischen Charakters sauber und beinahe freundlich. Blumentöpfe auf den Tischen und vor dem Fenster. Blitzblankes Gerät auf dem Schanktisch, darunter ein verzinkter Wasserwärmer. Plakate und Bilder ohne Rahmen sind als zufälliger Schmuck an die Wände geheftet. Die »Platzordnung« unter Glas und Rahmen hängt neben der Eingangstür. Über dem Büfett eine Uhr; neben ihm eine Mandoline
Erste Szene
Lore hinter dem Schanktisch mit einer Handarbeit beschäftigt. Der alte Eichholz auf dem Sofa schlafend. Lenchen an dem Schusterschemel
Eichholz (schnarcht)
Lore
Was machst du da, Lenchen?
Lenchen
Ich spiel' mit Großvatern seine Schuhmacherspielsachen.
Lore
Zerbrich ihm man nich seine Glasglocke.
Lenchen
Nein, nein.
Lore
(sieht nach der Uhr und geht dann zum Sofa)
Vater — Vater!
Eichholz
(brummt aus dem Schlafe, ohne sich zu rühren)
Lore
Vater, du mußt aufstehn.
Eichholz (im Halbschlaf)
Wieso denn?
Lore
Es is Sonnabend heute. Nach der Lohnzahlung — du weißt ja — dann wird's noch einmal voll hier.
Eichholz
Ja, ja ... Na ja ... (Richtet sich auf und reckt die Glieder) Ich muß ja auch noch gehn, mir neues Verschmierpech besorgen.
Lore
Laß doch, Vater, das eilt ja nicht.
Eichholz
Nu ja. Ich arbeit' ja doch nich. Ich bin 'n altes Faultier, sagt meine Tochter. (Rülpst) Dein Kümmel is das reine Rattengift. — Meine Leber kriegt schon harte Stellen von. Ich muß mal baldigst gehn, mich an einen Mäßigkeitsvereine zu beteiligen.
Lore
Ach ja, das wär' ganz gut, Vater.
Eichholz
Wär' ganz gut. Wär' ganz gut. Was weißt du, was mir gut is? Ich freß nich mehr aus'n Steinguttopp. Das laß dir gesagt sein.
Lore
Ach, das is ja alles Einbildung, Vater.
Eichholz
Denn was bin ich? ... Stück Vieh auf'm Schindanger bin ich ... Wenn sie mich schon wegjagen tun um — um — um 'n Mörder.
Lore (abwehrend)
Ach!
Eichholz
Auf meinem Platz sitzt 'n Mörder. Das halt' ich nich aus. Da jeh' ich ins Wasser. Da nehm' ich eine Jiftpille zu mir. Und dann verkauf' ich mir an die Annetomie ... Damit du nichts zu erben kriegst, du Biest. Nich mal meinen Leichnam.
Lore (lächelnd)
Ich will ja auch nichts, Vaterchen.
Eichholz
Wenn du hättest Ehre in deinem Herzen, dann schmißt du den Kerl 'raus und scheuerst mit Karbol die Stelle, wo er gestanden hat. Statt dessen frißt er sich hier rund an deine Karbonade.
Lore
Gönn ihm doch sein bißchen Essen, Vater. Und ob er wirklich der is, von dem der Kommissär gestern gesprochen hat, das weiß ja keiner.
Eichholz
Ich hab's immer gesagt: der Kerl hat Mörderaugen im Kopp. Heute is nu jeder so klug.
Lore
Was sind denn Mörderaugen, Vater?
Eichholz
Die sind wie beim Fisch. Da sitzt ein Stein drin. Und das is der Tod. Und wegen so einen — haben sie — mir — (Weint)
Lore (mitleidig)
Vaterchen!
Eichholz (weinend)
Das halt' ich nich aus. Da werde ich verrückt von. Einer muß hin. Er oder ich. Tot oder lebendig. Der muß verrecken, der Hund, der Bluthund, der — der — (Kläglich) Ich hab' so 'n Leberstechen.
Lore
Geh, leg dich aufs Bett, Vater.
Eichholz
Das hat er mir schon mit seinen bösen Blick anjetan, daß ich nicht werde jenesen meines Leidens ... Ich hab' so 'n Leberstechen. (Ab)
Lore (sieht ihm seufzend nach)
Lenchen, du bist ein kluges Kind. Geh mit Großvater. Und wenn er weint, dann ruf.
Lenchen
Ja, Mamachen. (Von Lore zur Tür geleitet, ab. Es klopft)
Lore
Herein!
Zweite Szene
Lore. Marie
Marie
'n Tag, Lore. Du hast wohl schon sehr auf mich gewartet?
Lore (gedrückt)
Ach! Jetzt hatt' ich schon aufgehört.
Marie
Wußtest du's, daß ich gestern mit ihm gesprochen hatte?
Lore
Die anderen erzählten sich's.
Marie
Und du fragst gar nicht? Dachtst dir wohl schon, daß ich keine guten Nachrichten bringe?
Lore (mutlos)
Gott, als Sie gestern abend nicht kamen. Und heute vormittag nicht. Wollen sich nich setzen, Mariechen?
Marie
Danke. (Setzt sich) Hast du gehört, wie schön die Amsel singt auf deinem Dach? Mitten in all dem Lärm. Täusch' ich mich, oder pfeift sie fröhlicher, seit sie ihr Nest hat? Es is wirklich so, als ob das Glück pfeift ... Auf deinem Dach, Lore.
Lore
Für mich pfeift kein Glück.
Marie
Wer weiß? ... (Zögernd) Lore, ich will dir was gestehn: Ich hab' Vater gebeten, daß er ihm am nächsten Termin kündigt.
Lore
Warum haben Sie das getan? Wenn er gehen will, dann soll er gehn. Aber nicht fortjagen. Nicht um meinetwillen.
Marie
Lore. Ich hab' auch Vater gebeten, daß er ihm dann sagt, daß er dir 'ne Aussteuer geben wird.
Lore
Ich will keine Aussteuer. Die heilt nichts und macht nichts gut. Ich will nichts.
Marie
Denn sieh mal: Er ist ehrgeizig. Er will eine Frau, die wohlhabend ist. Darauf geht er aus.
Lore
Woher wissen Sie das?
Marie
(stockend, mit abgewandtem Gesicht)
Nun, das — merkt — man doch.
Lore
Zuzutrauen ist es ihm schon. Aber so himmlisch gut Herr Zarncke is, wohlhabend, wie er meint, kann ich ja doch nie werden.
Marie
(mit geheimnisvollem Lächeln)
Nun — wer weiß?
Lore
Denn erspart hab' ich nichts. Ich verdien' hier gerade das tägliche Brot.
Marie (mit unterdrückter Erregung)
Sieh mal, Lore, was ich dir schon immer mal hab' sagen wollen: Lange leben werd' ich nicht, (langsam, mit Betonung) und — dein Lenchen — hab' ich sehr lieb.
Lore (nach langem Schweigen)
Mein Kind hast du — so lieb?
Marie (nickt)
Lore
Mein Lenchen hast du so lieb?
Marie (tonlos)
Ja.
Lore (aufschreiend)
Dann geb' ich's dir. Dann nimm's als dein eigen. Wozu soll sie sich durchschleppen mit mir durch all den Jammer, wenn sie das haben kann? (schluchzt)
Marie
Lore, hör mal! ... Vor zwei Tagen — da hätt' ich noch ja und »Schön dank« gesagt. Aber jetzt — seh' ich die Dinge — anders an. Denn, sieh mal! So ein — Kindchen — muß doch zuerst mal — seinen Vater haben ... Nicht wahr?
Lore (in neuem Erstaunen)
Marie, Marie! Wenn ich das recht versteh'! ... Das glaub' ich nicht! Das ist zu viel! Das ist zu viel! Und das kann auch nicht zum Guten sein. Nie im Leben. Nie.
Marie
Warum nicht?
Lore
Weil — weil ... Der — der will mich nicht mehr. Dem bin ich doch bloß 'ne Kette am Bein. Weiter nichts.
Marie
Auch wenn er weiß, was Lenchen mal zu erwarten hat? Und wovon er doch der Verwalter sein wird?
Lore
Mein Gott, mein Gott, mein Gott!
Marie
Nur wie das wird, wenn ich früher sterbe als Vater, das weiß ich nicht. Denn wollen wird er ja nicht.
Lore
Nein, nein, nein! Es wird nichts. Es kann auch nicht. Und es schadet auch gar nichts, wenn's — nichts — wird. — Man is ja längst schon viel zu mürbe. Und vielleicht ist einem ganz, ganz was anders bestimmt, wo nicht so viel Tränen drauf liegen. Aber 'ne Viertelstunde lang mal froh gewesen sein und ein Mensch, nicht bloß ein Stein, den man hin und her stößt, ach, das tut so gut, so gut, so gut! (Sinkt lachend und weinend vor ihr nieder und küßt ihr die Hände)
Marie
Laß doch! Steh auf! Mir scheint, es kommt wer. (Lore steht auf)
Dritte Szene
Die Vorigen. Biegler
Biegler (dumpf, scheu)
Guten Tag.
Marie.
Guten Tag, Herr Biegler. Ist denn schon Feierabend?
Biegler
Ja.
Marie
Geht's Ihnen gut?
Biegler
Danke.
Marie
Adieu, Herr Biegler. Adieu, Lore! (ab)
Vierte Szene
Lore. Biegler
Biegler (setzt sich an den Mitteltisch)
Lore
(geht zum Büfett, schenkt aus dem Wärmekessel einen Topf mit Kaffee ein, bricht eine Fünfpfennigsemmel ab und bringt sie nach dem Tisch links)
Setzen sich lieber hierher, Herr Biegler. Das da is ja der Steinmetzentisch, und die Bildhauer kommen nich nach der Auszahlung. Die sind zu große Herren.
Biegler
Ich geh' so wie so gleich fort. (Setzt sich links)
Lore
Warum sind Sie eigentlich nich bei der Wochenauszahlung?
Biegler
Ich — krieg' — monatlich. (Schweigen)
Lore
(immer in freudiger Erregung)
Ich weiß nicht; Sie kommen mir heut so anders vor, Herr Biegler. Sie reden gar nich.
Biegler
Ich red' ja — auch sonst nich — viel.
Lore
Wissen Sie, mir is nämlich heute ganz was — ganz was — Besonderes — passiert.
Biegler
Was Gut's?
Lore (nickt)
Biegler
Da gratulier' ich.
Lore
Ach, es is nichts zu gratulieren. Es wird sich nichts ändern. Aber es is doch wie 'n heller Schein. — Und da möcht' ich, daß es auch andern so geht. Ihnen auch.
Biegler (schwer atmend)
Danke!
Lore
Herr Biegler — ach, Herr Biegler, wozu sollen wir erst viel Versteck spielen. Ich weiß ja, was Sie quält — seit gestern.
Biegler
(sich in Erstaunen jäh umwendend)
Und da reden Sie noch mit mir?
Lore
Ja — is es denn wahr?
Biegler (nach einer Pause, schwer)
Die Herren Geschworenen haben die Frage — ob's Notwehr gewesen is oder nich — verneint ... Und nu lassen Sie mich meinen Kaffee austrinken. (Schweigen)
Lore (nach innerem Kampfe)
Herr Biegler! ... Sündig sind wir alle ... Ich auch.
Biegler (bitter lachend)
Sie?
Lore (zaghaft)
Sie wissen doch!
Biegler
Ja, Ohren hab' ich auch ... (in Wut auffahrend) Und wenn ich erst wieder Fleisch hätt' auf den Armen, dann würd' ich den Kerl — —
Lore
Ruhig, Herr Biegler, ruhig, ruhig! Sie wollen doch nich, daß ich Angst hab' vor Ihnen?
Biegler (hastig seinen Kaffee trinkend)
Ich geh' schon. Ich geh' schon.
Lore
Herr Biegler, wollen Sie nich mal Ihr Herz erleichtern?
Biegler
(unschlüssig, mit dankbarem Aufblick)
Ach! ... (hart) Ne.
Lore
Gott, Herr Biegler, gut tät's Ihnen schon! Man wird ja so wie so wie'n Stein! Die Steinmetzen erzählen nämlich: Der Stein wird durch Druck. Wissen Sie?
Biegler
Das sollt' ich wohl wissen.
Lore
Ja, Hunderttausende und Millionen Jahre müssen die drüberliegenden Schichten drücken, dann wird die lebendige Erde zu Stein ... Beim Menschen dauert's nich so lang. Das hab' ich ausprobiert. 'n paar Jährchen Druck — immer derselbe Druck. Das genügt.
Biegler (bitter)
Ob's genügt.
Lore
Man lacht und man weint und man schläft und man arbeitet — ach, lustig sein kann man sogar — man is überhaupt ein Mensch wie andere und is doch lang keiner mehr ... Drin im Innersten lebt man gar nich mehr ... Man is willenlos wie 'n Stein ... Man läßt sich mit dem Fuß stoßen wie 'n Stein. Man wird gegen alles gleichgültig wie 'n Stein.
Biegler (eifrig)
Ja, ja, ja, — so is es, — ja, ja.
Lore
Aber heut is wieder Leben in mich gekommen. So sehr hat mich was gefreut ... Gestern war ich wie Sie. Aber heut kann ich Ihnen was helfen. Bloß Vertrauen müssen Sie haben, daß ich's auch wirklich will.
Biegler
Das hätt' ich schon — aber — (vor sich hinbrütend) ich muß ja wohl wieder weg.
Lore
Ich denk', Sie waren zufrieden.
Biegler
Wenn sie mich in Ruh' gelassen hätten — alle — im Himmel wär' ich gewesen. Morgens — so gegen zweie — da is mir leicht geworden ... dann kann keiner kommen und was von mir wollen. — Doch! — Einer kann kommen ... Die kann immer kommen. Sie is noch nich — aber sie kann.
Lore (mit beruhigendem Lächeln)
Na wer denn, wer denn?
Biegler
Ach so — ich soll ja mein Herz erleichtern.
Lore
Nicht — wenn Sie nich wollen.
Biegler
Wissen Sie, wie's nu werden wird? ... Vors erste schieben sie sich so langsam von einem weg ... Man will mit anfassen, und dann is man allein. Und dann geht's Gerede los um einen rum. Da heißt es: »Na, habt ihr auch schon euer Leben versichert?« Und da heißt es: »Wenn sich gewisse Brieder nich bald dinne machen, dann werden wir den Platz schwarz stellen.« Und dann fliegt 'n Stück Holz. Und dann fliegt 'n Stein. Und dann kommen Sie eines Tags und sagen: »Es tut mir leid, Herr Biegler, aber Sie müssen wo anders essen, es is wegen der Leute.«
Lore (schüttelt heftig den Kopf)
Biegler
Na warten Sie man. Und schließlich kommt der Prinzipal und sagt: »Hier is Ihr Buch. Sie können gehen.« Und man weiß, daß man nu wieder ins Hungerland zieht, wo kein warmes Mittag is und kein Bett, und man sagt noch: »Gott sei Dank.«
Lore
Ach, es is schrecklich.
Biegler
Unser Pastor in der Anstalt hat immer gesagt: »Seid froh, daß ihr sühnen könnt« ... »Sühnen« heißt das schöne Wort ... Das haben die Herren extra für uns erfunden ... Ja, was soll ich nu alles sühnen? ... Daß der Weg mich in die Schlafstelle geführt hat — und gerade in die? ... Daß die Frau jung war — mit Flunkeraugen — und daß sie immer so machte (haucht mit spitzem Munde), wenn sie hinten an mir vorbeiging. Und wenn ich gesagt hab': »Was machen Sie da?« dann hat sie mich mit den blanken Zähnen angelacht und gesagt: »Ich kann's in den Tod nich leiden, wenn auf dem Rockkragen 'ne Feder sitzt« ... Und der Mann hat noch mitgelacht, wenn's mir schon heiß und kalt das Genick 'runterlief ... Ja, so kommt so was ... Er war Schuster. Wie Ihr Vater ... Mit den Schustern hab' ich kein Glück ... Nu, da wissen Sie ja auch, was 'n Klopfstein is ... (Zum Gerätschemel gehend) Da liegt er ja! (Bringt den Stein.) Sehn Sie sich den an! Bißchen kleiner war er — aber groß genug. Dann wie der Mann mich eines Tages abgefaßt hat — mit ihr — — und auf mich zugekommen is, Messer in der Hand, da hab' ich gedacht: was machen? Was hab' ich gemacht? So! (Hebt den Stein hoch) ... Und mit eins hat er langgelegen. Das Ganze hat gedauert, wie wenn einer bis drei zählt ... Weil der nu da lang lag, darum war mein Leben verdorben. Nu sagt der Pastor: »sühnen!« Ja, nun sühne mal, wenn der Wahnsinn schon hinter dir sitzt ... Was kann ein zu Schanden geprügelter Hund viel sühnen? Seine Wunden kann er sich lecken ... Mehr kann er nich.
Lore (mitleidig)
Mein lieber Gott.
Biegler
Ihr lieber Gott is nich mein lieber Gott. Sonst ließ' er das nich zu ... Ja, nu werd' ich gehn ... die ersten müssen gleich kommen.
Lore (fest)
Sie sollen nicht gehn, Herr Biegler.
Biegler (in flackernder Angst)
Ich hab' mein Vesper getrunken. Ich hab' hier nichts mehr zu tun.
Lore
Sie sollen dableiben. Was auch geschehen mag, Sie sollen dableiben. Ich setz' Ihnen ein Glas Bier hin wie den andern. Das trinken Sie aus und kümmern sich um nichts.
Biegler
Um Gottes willen. Hier? Hier? Wieso denn?
Lore
Sehn Sie denn das nicht? Je mehr Sie sich verkriechen, desto mehr sind die von Ihrer Schuld überzeugt. Und das darf nicht sein.
Biegler
Wenn's nu aber doch wahr is?
Lore
Das geht keinen was an. Außer Herrn Zarncke und mir weiß keiner was. Und wir halten reinen Mund. Wenn die sehn, daß Sie keinem aus dem Wege gehn, dann wird das Getratsche langsam wieder einschlafen ... Aber nichts gestehn! Sich nich verschnappen! Sonst ist alles aus ... Wissen Sie noch, wie Sie waren, als ich Ihnen das erste Butterbrot brachte?
Biegler (nickt voll Grauen)
Lore
So sehn Sie in vier Wochen wieder aus, wenn Sie sich jetzt wegjagen lassen. Es geht um Ihr Leben, Herr Biegler. (Hinaushorchend) Ich glaube, Sie kommen schon. Da setzen Sie sich hin. Und wer Sie anlappt, dem zeigen Sie die Zähne.
Biegler (stammelnd)
Ach ich — m — mir bl — eibt ja jedes Wort in der Kehle.
Lore
Soll nicht. Darf nicht. Sie müssen. Müssen, Herr Biegler, müssen!
Biegler
Und 's kann sein, wer's will? Ja?
Lore (stutzend, dann stark)
Ja.
Biegler (dumpf, zagend)
Na, is gut. (Setzt sich auf seinen Platz zurück)
Fünfte Szene
Die Vorigen. Lohmann. Sprengel. Struve.
Drei andere Arbeiter
(Die Eintretenden begrüßen Lore, die rasch hinter den Schanktisch getreten ist, mit einem brummigen »Guten Tag« und setzen sich an den Tisch rechts)
Lohmann
Glas Bier!
Sprengel
Mir auch.
Struve
Jedem eins.
Sprengel
Kiekt mal, wer da huckt!
Lohmann
Mir wundert, daß er sich nich aufs Ehrensofa geschmissen hat. Das ist doch extra für ihm hingebaut.
Struve
Der Mensch sitzt, wo er kann. — Laß ihm sitzen.
Lore (Bier bringend)
Wohl bekomm's!
Lohmann
Danke. (Nach Biegler hinüber) Jemütlich is anders. Prost! (Sie stoßen an)
Lore
(bringt auch Biegler ein Glas Bier)
Sprengel
Wird der hier nu auch den Stammgast spielen?
Lohmann
Struve, du verstehst dir ja auf so 'ne Brieder. Graul ihm mal 'raus.
Struve
Kindersch, laßt mir in Ruh. Ick bin jetzt so beschäftigt mit meine eigenen Sorgen.
Lohmann
Wat vor Sorgen?
Struve
Wat vor Sorgen? Des fragste noch? Glaubste, es macht Verjniegen, mit so 'ne Verantwortung in de Welt rumzuloofen? Wenn du jehst bloß Steine schleppen, denn haste jar keene Verantwortung, dafür biste aber auch 'n Lump. Wenn du aber wirst jeehrt sein durch das Vertrauen deiner Mitbürger, wenn du wirst 'n Magazinschlüssel an dir tragen, oder so — dann wirst mal sehen, wie so 'n Mann zu Mute ist.
Sprengel
Dir is des wohl zu Koppe gestiegen? Was?
Struve
Denn wer eine jewisse Erfahrung hat von's menschliche Leben, der muß sich doch sagen: det is 'n janz jewehnliches Schnappschloß. — Da brauchste bloß 'n paar gesunde Zähne zu, um 'n vierzölligen Drahtnagel krumm zu biegen, und denn biste schon drinne. Immer so mitten mang de Diamanten. Kindersch, um Gottes willen, regt eich das jar nich uf?
Lohmann (lachend)
Ne.
Struve
Und jesetztenfalls und du hast se nu ausgebrochen —
Lohmann
Was?
Struve
Na — de Diamanten, denn kannste se jehn ruhig verschärfen bei jeden freindlichen Mann, wo mit blanke Knöppe handelt. Da kann dir kein Teckel an de Beene ... Des is 'ne aufjelegte Sache. Des reinste Beersenjeschäft ... Kindersch und da soll ick die Verantwortung vor haben? — Ne, des halt' ich nich aus. Da zieh' ick über Land.
Sprengel
Jlickliche Reise. Prost.
Struve
Und was der Nachtwächter da is, der schlappohrige Kerl, ick wette 'n Hering jegen 'n Löffel Jritze, dessentwegen könnte man 'rin und 'raus — wie de Schwalben.
Lohmann
Der blieht da nu so 'rum. Wie so 'n Maibliemchen.
Sprengel
Abjebrieht is er wohl. Sonst säß' er nich hier.
Struve
Kindersch, ick sag' eich immerzu. Wenn er und er wär's, dann wär' er noch nich 'raus.
Lohmann
Jedenfalls wollen wir da mal ein jelinde blasenziehendes Mittel anwenden. (Sehr laut) Fräulein! Wissen Sie vielleicht die Adresse von 'ne leistungsfähige Lebensversicherungsgesellschaft?
Biegler
(der solange scheinbar teilnahmslos, doch in gespannter Erwartung dagesessen hat, wendet sich jäh um)
Lore (abweisend)
Was soll ich mit 'ne Lebensversicherung?
Lohmann
Nu, 's is doch jetzt nich janz jeheier auf'n Platz. Da kann mal leicht so 'n kleiner Kuhhandel kommen, wo man plötzlich mit Tode abjeht, man weiß nich, wie?
Lore (abweisend)
Ich versteh' gar nich, was Sie meinen.
Lohmann
Diejenigen, wo's anjeht, die werden mir schon verstehn.
Biegler
(steht auf, will reden, bringt aber nur ein unartikuliertes Stammeln hervor und setzt sich wieder)
Lohmann
Hat jesessen.
Sprengel
Wo bleiben übrigens heite die Steinmetzen?
Struve
Nu — die müssen sich doch erst ausputzen. Mit ihre blaue Kalikoschirzen trauen die sich nich uf de Straße. Es könnt' se ja einer fir Hausknechte halten. (Lachen)
Lohmann
Jedenfalls müßt' man sich mit denen zusammentun und was unternehmen beim Alten, — damit er auf'm Platz 'n bißchen ausräuchern läßt. Es wird nötig.
Sprengel
Fang nich schon wieder an, Mensch ... hab doch Erbarmen mit so 'n plundrigen Kerl.
Lohmann
Wenn ich in 'n Modder trete, dann wisch' ich mir die Stiebeln ab; — da hab' ich auch kein Erbarmen.
Biegler
(zittert und atmet schwer. Er ringt mit sich, unschlüssig, ob er sprechen solle, wagt es aber nicht mehr)
Sprengel
Kein Mensch weiß, ob er's wirklich is.
Lohmann
Warum steht er denn nich auf und —
Sechste Szene
Die Vorigen. Willig. Göttlingk und andere Steinmetzen (in Feierabendkleidung)
Göttlingk
(auf den Tisch der Arbeiter weisend)
Da sitzt se ja, die janze feine Familie ... Ihr kriegt's wohl nich eilig genug mit eurem Feierabend — was?
Lohmann
Wieso denn?
Willig
Den großen Oberkirchner Block, links von der Treppe, habt ihr auf Hochkant stehn lassen. Wißt ihr das nich?
Sprengel
Nu, der hängt doch im Flaschenzug.
Willig
Aber locker hängt er.
Lohmann
Bis wir den 'runterkriegen, dauert's zwanzig Minuten. Wenn der Alte Überstunden zahlen will, gehn wir gleich noch mal 'ran.
Göttlingk
Husten wird er euch was.
Willig
Jedenfalls steift ihn noch ab. Wenn was passiert, seid ihr verantwortlich. (Setzt sich zu den Steinmetzen an den Mitteltisch)
Göttlingk
Na, Lore, Sie könnten ruhig 'n bißchen fixer sein, wenn die Steinmetzen kommen.
Lore
(die Bier bringt, eilig, ängstlich)
Hier is, bitte, hier is schon alles.
Göttlingk
Aber freilich, wenn man sich mit solchem Volk abgibt, wie der Kerl — der — (Biegler erkennend) Herrgott, wer sitzt denn da?
Willig (rasch)
Ach, kümmer dich nicht um den.
Göttlingk
Hast recht. So 'n Geschmeiß existiert nich. Prost, die Herren! Per Bacco, is mir mollig. Ganz fingrig is mir zu Mute. Wollt ihr was hören? Natürlich, ihr wollt immer was hören. Lore, bring mal — bringen Sie mal die Seufzerkiste.
Lore
Jawohl. (Holt die Mandoline von der Wand und bringt sie ihm)
Ein Steinmetz
Du, der Alte war doch heute so extra süß mit dir. Ahnste weswegen?
Göttlingk
(während er die Mandoline stimmt)
Tja, lieber Sohn, wer kann das wissen? Manchmal können sich Ereignisse vorbereiten — die Welt is eben 'n Affenkäfig.