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Stein unter Steinen: Schauspiel in vier Akten cover

Stein unter Steinen: Schauspiel in vier Akten

Chapter 33: Fünfte Szene
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About This Book

A four-act drama set in Berlin follows a community of stonemasons and their families as daily labor, loyalty, and police intervention collide at a stoneworks yard. A veteran master and his ailing daughter preside over household and workshop scenes while clerks, foremen, and laborers manage contracts, quarrels, and suspicions of theft. An ex-convict seeks steady work but fears social exposure, and episodes move between intimate domestic interiors and noisy outdoor labor across short time jumps. The play examines solidarity, social stigma, economic pressure, and the moral compromises demanded by survival in an industrial neighborhood.

Zwölfte Szene

Die Vorigen. Zarncke. Kriminalkommissar Reitmaier

Zarncke

Na, was denn, Miezelchen? (Ruft) Frau Homeyer! (Sie hängt in seinem Arm, er streichelt ihre Wange und übergibt sie dann Frau Homeyer, die für einen Augenblick in der Tür erscheint) Sie werden entschuldigen, Herr Kommissar! Sie is 'n bißchen kränklich ...

Reitmaier

(Mann Mitte der Vierzig, rund, breitschultrig, strohblonder Schnauzbart, Pincenez. Gemachte Jovialität, die gelegentlich in brutale Schärfe umschlägt. Ein wenig Bierbruder mit Ausblick zum Offiziertypus)

Ach, es ist mir ja immer höchst fatal, wenn ich so das Privatleben der Herrschaften stören muß. Ich werd' Sie auch nicht lange aufhalten. Ich bin nur beauftragt worden, mal 'n bißchen nachzuhören, was mein Kollege vom Revier da — — Haben Sie man keine Bange. Ich bin 'ne menschenfreundliche Natur. Ich mach' das alles gemütlich. Die Herren Spitzbuben — die sind mir so wie 'ne große Familie.

Zarncke (erfreut, bewundernd)

Ach — ne — wirklich?

Reitmaier (bieder)

Ja, darf ich wohl sagen: Wie meine Familie! Na, kann man den Onkel mal 'n bißchen sehn?

Zarncke (rufend)

Struve!

Struve

(sich von einer Gruppe im Hintergrunde lösend)

Jawohl, Herr Zarncke. (Leise) Ei weh, Kindersch. Da is der Reitmaier vom Präsidium. Das is 'n fauler Junge. (Kommt nach vorn)

Reitmaier (die Arme ausbreitend)

Herr Gott, das is ja mein guter, alter Struve.... Na, lieber Freund!

Struve (gerührt)

Ach, der Herr Kommissar! Ne, is das 'ne Freude!

Reitmaier

Na, Menschenskind, wir haben uns ja so lange nich gesehn.

Struve

Ja, Herr Kommissar. Es hat mir auch immer was gefehlt.

Reitmaier

Nu sagen Sie mal, alter Sohn, was haben Se denn nu wieder ausgefressen?

Struve

Herr Kommissar, es tut mir ja leid. Aber ich bin eben scharf in de Besserung. Diesmal kann ich wirklich nich — nich — dienen.

Reitmaier (überzeugt)

Ja, ja, ja. Also, Sie sind's nich gewesen?

Struve

Herr Kommissar, und wenn ich hier gleich meinen Totenschein in die Hand nehm' —

Reitmaier

Nich schon Totenschein! Pfui! — Mann wie Sie muß leben!

Struve

Aber wenn sich's machen läßt, Herr Kommissar, im Zuchthaus. Ja.

Reitmaier (zu Zarncke)

Er is bitter gestimmt. (Beruhigend) Na, na, na, es is da bloß noch 'ne kleine Formensache. Nichts von Bedeutung! Ne! (Zieht sein Notizbuch) Sagen Sie mal, wo waren Sie denn nu in der Nacht?

Struve

Ja, Gott, Herr Kommissar. Wo man so is. Uf 'ne Banke. Oder so.

Reitmaier (bedauernd)

Warum waren Se nu nich in Ihre Schlafstelle?

Struve

Ja, warum war ich nich in meine Schlafstelle? Hätt' ich gewußt, daß schlechte Menschen hier bei Herrn Zarncke einbrechen würden, hätt' ich mir gleich um halb zehne in de Klappe gelegt. Wegen den Aal—ibi.

Reitmaier

Natürlich! (Leise) Das is 'n abgefeimtes Luder! — Da Sie das aber selbstredend nicht wissen konnten, so gingen Sie zu — in den bekannten Lehmannschen Keller, wo wir ja auch schon zusammen gesessen haben. Is da 's Bier immer noch so gut?

Struve

Danke. Ja. Es jeht.

Reitmaier

Da waren Sie bis — zehn Minuten nach zwölfe. Und dann waren Sie mit Ihrem Freund Kuntze — ja, wo waren Sie da?

Struve

Ja, wo war ich da? Ich bin — spazieren jewesen.

Reitmaier (klagend)

Nämlich, denken sich mal, Ihr armer Freund Kuntze sitzt schon wieder feste!

Struve

Das is dem Kerl recht. Der is zu dumm.

Reitmaier

Aber es is doch schade. Na — und als Sie sich dann getrennt hatten, was taten Sie dann?

Struve

Ach, Herr Kommissar, ich bin so 'n weiches Jemiete. Ick hab' mir so, wie ick schon sagte, in'n Humboldthain bisken uf die Banke jesetzt.

Reitmaier

Und gesprochen haben Sie mit niemandem?

Struve

I wo wer' ick doch. Dabei kann man so leicht in schlechte Jesellschaft kommen. Ne.

Zarncke (triumphierend, leise)

Den kriegen Sie nich!

Reitmaier

Und dann sind Sie nach Hause gegangen.

Struve

Ja, ick wollte eijentlich noch 'n bisken die Vögelchens singen hören. Aber pee à pee bin ick denn zu Hause jejangen.

Reitmaier (leise)

Der Kerl hat ein Schwein. Weder die Stunde des Einbruchs noch die Zeit seines Heimkommens sind festzustellen. Aber — — (laut) Struve!

Struve

Herr Kommissar!

Reitmaier

Ja, noch eins. (Wieder leise) In dem Magazin — haben Sie da Sachen von Wert?

Zarncke

O ja. Da bewahr' ich unter anderm die Zahnsägen auf.

Reitmaier

Und die sind wertvoll?

Zarncke

Einige davon sind mit Diamantsplittern besetzt.

Reitmaier

Ah! Wußte der Struve davon?

Zarncke (mit reserviertem Lächeln)

Ja, das weiß ich nicht, Herr Kommissar.

Reitmaier

Struve, wo ist hier das Magazin?

Struve

Das Magazin? (Nach rechts weisend) Na da is es ja.

Reitmaier

Was is denn da so drin?

Struve

Was wird denn da so drin sein? Vielleicht überführen Sie sich mal, Herr Kommissar.

Reitmaier (schärfer)

Wissen Sie, was Zahnsägen sind?

Struve

Zahnsägen? Ja. Das sind Zahnsägen.

Reitmaier

Wo werden die über Nacht aufbewahrt?

Struve (rufend)

Du, Lohmann, wo werden doch die Zahnsägen aufbewahrt?

Reitmaier (ärgerlich)

Sie haben hier zu antworten und keine Fragen zu stellen.

Zarncke

(auf die Umstehenden weisend, von denen sich einige allgemach näher herangedrängt haben)

Stören Sie die Leute, Herr Kommissar?

Reitmaier

Durchaus nicht. Durchaus nicht. (Leiser) Sie sehn übrigens — (zu Struve streng) treten Sie mal zurück! — (leiser) daß an das Subjekt nicht 'ranzukommen ist.

Zarncke (zaghaft, bittend)

Ach, dann lassen Sie ihn doch laufen.

Reitmaier

Nu ja, Sie sind ja bekannt dafür, daß es Ihnen Vergnügen macht, dergleichen Volk bei sich unterkriechen zu lassen.

Zarncke

Vergnügen? Es is wohl mehr eine Abbitte an den lieben Gott.

Reitmaier (immer noch leise)

Weitere Verdachtsmomente als seine Bescholtenheit liegen nicht vor. Ich könnte jetzt noch die Leute hier vernehmen. Vorher aber möcht' ich mal an Sie die Frage richten, ob Sie nach Ihren Beobachtungen den Kerl für verdächtig halten oder nicht?

Zarncke (verlegen)

Ja, da is schwer —

Reitmaier

Trotzdem möcht' ich sehr bitten, der Wahrheit gemäß —

Zarncke (in die Enge getrieben)

Ja, ja, ja. Einen Augenblick. Polier! Geben Sie doch mal — (spricht leise weiter)

Willig

(der sich inzwischen unter den Umstehenden eingefunden hat, holt eine Anzahl Schlüssel aus der Hosentasche und reicht ihm einen davon)

Zarncke

Struve! ... Sehen Sie mal hier diesen Schlüssel. Kennen Sie den?

Struve

Ne.

Zarncke

Das ist der Magazinschlüssel. Den übergeb' ich Ihnen hiermit. Verstehn Sie?

Struve

Ne.

Zarncke

Falls der Herr Kommissar Sie hier läßt, werden Sie mir von jetzt ab für die Sicherheit der Sachen — einstehn. Verstanden?

Struve

Ne.

Reitmaier

Erlauben Sie mal, Herr Zarncke! Was bedeutet denn das?

Zarncke

Das ist meine Antwort, Herr Kommissar. Entnehmen Sie daraus, was Sie wollen.

Reitmaier

Sie — vertrauen — dem den —? Hähähä! Erlauben Sie mal. — Hähähä. Pardon, das ist zu spaßhaft. (Immer lachend) Na dann will ich auch nicht weiter stören. Das kann dann mein Kollege vom Revier zu Ende führen! ... Aber wenn Ihnen man die Passion für solche schweren Jungens nich noch mal sauer aufstoßen wird ... denn außerdem haben Sie ja auch noch 'n Mörder bei sich. Und weiß Gott, was —

Zarncke (sehr erschrocken)

Mörder? (Große Bewegung unter den Zuhörern, die sich während der Folgezeit über den ganzen Platz fortpflanzt)

Reitmaier

Nu ja — den —

Zarncke (rasch, mit Nachdruck)

Das ist ein Irrtum, Herr Kommissar.

Reitmaier

Erlauben Sie mal —

Zarncke

(ihn bei Seite nehmend, erregt)

Erstens ist der Mann nicht wegen Mordes, sondern wegen Totschlags verurteilt worden —

Reitmaier

Menschenblut is Menschenblut.

Zarncke

Menschenblut hat auch so einer in den Adern. Und das braucht ihm nicht unnütz vergiftet zu werden. Wissen Sie, daß Sie dem Manne, der sich zu mir gerettet hat, wie 'n Stück Vieh von der Schlachtbank, daß Sie dem das Weiterexistieren auf dem Platze wahrscheinlich unmöglich gemacht haben?

Reitmaier

Ich? Wieso? Bitte!

Zarncke

(auf die erregten Gruppen weisend)

Da sehn Sie! Die werden's bald 'raushaben, wer der »Mörder« ist. Anstatt hier rücksichtsvoll —

Reitmaier (brutal)

Ach was! Da müßt' ich viel Zeit haben, auf solchen — Auswurf — Rücksicht zu nehmen.

Zarncke

Na, sehr verwandtschaftlich reden Sie nu gerade nicht von Ihrer werten Familie.

Reitmaier

Was für Familie? ... Ach so! (Scharf) Ich empfehle mich Ihnen, Herr Zarncke. (Ab nach links)

Dreizehnte Szene

Die Vorigen ohne Reitmaier

Zarncke

(der einen Augenblick kopfschüttelnd dagestanden hat, laut)

Hört mal, Kinder! Das — mit dem — Mörder — das muß 'ne Verwechslung sein. Das — ja —!

Willig (vor sich hin)

Na na!

Andere

(geben ebenfalls durch Mienen und Gebärden ihrem Zweifel Ausdruck)

Zarncke

Struve!

Struve

(der seinen Schlüssel kopfschüttelnd besehen hat)

Herr Zarncke.

Zarncke

Diesmal hab' ich Sie noch 'rausgehauen. Nu benehmen Sie sich auch darnach.

Struve

Ja w— w— w—

Zarncke

Na was denn?

Struve

Wenn nu gesetzten Falls — und es is doch nu ein anderer gewesen —

Zarncke

Sie, bilden Sie sich keine Schwachheiten ein .... Und?

Struve

Und — nu ja — und der andere der kommt nu mal wieder — —

Zarncke

Dann werden Sie eingesteckt. Verlassen sich drauf. (Ab)

Lohmann (nach der Kantine weisend)

Nu selbstverständlich is er's. Wer denn sonst?

Sprengel (nach Struve hin)

An den hat man sich schließlich gewöhnt, — aber Mörder! Ne.

Lohmann

Du, Struve, komm mal her. (Struve geht zu ihnen)

Sprengel

Scht. Da is er.

Vierzehnte Szene

Die Vorigen. Biegler. Gleich darauf Lore

Biegler

(hat drei Zigarren in der Hand, die er besieht)

Lore

(mit einem kleinen Teller, worauf noch eine Zigarre)

Herr Biegler.

Biegler (sich umwendend)

Ja?

Lore

Sie haben doch vier Zigarren bezahlt und bloß dreie genommen.

Biegler

Ach so. Ja. Danke. (Nimmt die Zigarre) Es war ja auch noch 'n vierter dabei. (Mit glücklichem Lächeln) Ich hab' nämlich — jetzt — auch — Freunde hier.

Lore (erfreut)

Ach, sehn Sie!

Biegler

Ja. Freunde — hab' ich. Drei Stück. Ja ... Und da will ich mich doch mit Zigarren revanschieren. Ja.

Lore

Na sehn Sie. Hab' ich Ihnen nich immer gesagt: Es is nich so schlimm, — sie tun Ihnen nichts?

Biegler

Ja, ja, Fräulein! Wenn Sie mir nicht hätten immer Mut gemacht.

Göttlingk (herüberrufend)

Sie, Lore, was machen Sie sich da mit dem Kerl zu schaffen? Das ist kein Umgang für Sie. — Lassen Sie den mal hübsch laufen.

Lore (zusammenschreckend)

Ja ... ja, ja. (Steht unschlüssig)

Biegler (die Zähne zusammenbeißend)

Der kann mich nich leiden. Gehn Sie man schon ... Ich hab' ja auch noch — Freunde. (Lore ab) (Er breitet seine Zigarren fächerförmig in der Linken aus und tritt zu Lohmann, der zuerst mit Struve gesprochen und dessen Gruppe sich dann aufgelöst hat) Du — willste nich — eine Zigarre von mir — rauchen?

Lohmann (verächtlich)

Nee. (Tritt von ihm fort)

Biegler

(steht einen Augenblick wie erstarrt, dann geht er zu Sprengel, sehr zaghaft)

Ach — bitte — ich hätt' — ne Zigarre — für —

Sprengel

Du kannst deine Zigarren für dich behalten. (Tritt gleichfalls von ihm fort)

Biegler

(reibt sich fassungslos die Stirn; eine verzweifelte Wildheit kommt über ihn; er geht zu Struve — voll Angst und Ingrimm)

Du hast mir vorhin ne Zigarre gegeben —

Struve (gutherzig abwehrend)

Laß man! Laß man! ... Es is nich, weil ich stolz bin, weil ich nu den — Magazinschlüssel hab' ... aber — ich kann mir nich — ausschließen, — ich muß machen wie die andern.

Biegler

Wa — was hab' ich — euch denn — ...?

Struve

Sag mal, wie alt bist du?

Biegler

Vierunddreißig.

Struve

Und da haben sie dich schon 'rausgelassen? So früh lassen sie einen wie du — sonst doch nich los ...

Biegler

(sieht ihn entsetzt an, wirft einen wilden, verängstigten Blick auf die ihn rings Beobachtenden und versteht)

Ach so ... Ach so.

Struve (ist zu Lohmann zurückgetreten)

Ich sag' euch bloß: det stimmt nich.

Lohmann

Wer soll's denn sonsten sein?

Biegler

(auf die Bank der Kantine sinkend)

Ach so!

(Der Vorhang fällt)


Dritter Akt

Die Kantine. Deren Wände sind aus Fachwerk gebildet. Die Decke ist niedrig und verräuchert. Auf der rechten Seite die Tür zum Werkplatz. Im Hintergrunde rechts das Fenster, im Hintergrunde links das Büfett mit einem Schanktisch davor. — Auf der linken Seite eine Tür zu Schlafräumen. — In der Mitte unter der Hängelampe ein Tisch mit Stühlen, links vorne ein Sofa mit Tisch und Stühlen, rechts vorne Tisch mit Stühlen. Vor dem Fenster Schustergerät. In der Ecke rechts hinten ein eiserner Ofen.

Das Ganze trotz des ärmlichen oder vielmehr provisorischen Charakters sauber und beinahe freundlich. Blumentöpfe auf den Tischen und vor dem Fenster. Blitzblankes Gerät auf dem Schanktisch, darunter ein verzinkter Wasserwärmer. Plakate und Bilder ohne Rahmen sind als zufälliger Schmuck an die Wände geheftet. Die »Platzordnung« unter Glas und Rahmen hängt neben der Eingangstür. Über dem Büfett eine Uhr; neben ihm eine Mandoline

Erste Szene

Lore hinter dem Schanktisch mit einer Handarbeit beschäftigt. Der alte Eichholz auf dem Sofa schlafend. Lenchen an dem Schusterschemel

Eichholz (schnarcht)

Lore

Was machst du da, Lenchen?

Lenchen

Ich spiel' mit Großvatern seine Schuhmacherspielsachen.

Lore

Zerbrich ihm man nich seine Glasglocke.

Lenchen

Nein, nein.

Lore

(sieht nach der Uhr und geht dann zum Sofa)

Vater — Vater!

Eichholz

(brummt aus dem Schlafe, ohne sich zu rühren)

Lore

Vater, du mußt aufstehn.

Eichholz (im Halbschlaf)

Wieso denn?

Lore

Es is Sonnabend heute. Nach der Lohnzahlung — du weißt ja — dann wird's noch einmal voll hier.

Eichholz

Ja, ja ... Na ja ... (Richtet sich auf und reckt die Glieder) Ich muß ja auch noch gehn, mir neues Verschmierpech besorgen.

Lore

Laß doch, Vater, das eilt ja nicht.

Eichholz

Nu ja. Ich arbeit' ja doch nich. Ich bin 'n altes Faultier, sagt meine Tochter. (Rülpst) Dein Kümmel is das reine Rattengift. — Meine Leber kriegt schon harte Stellen von. Ich muß mal baldigst gehn, mich an einen Mäßigkeitsvereine zu beteiligen.

Lore

Ach ja, das wär' ganz gut, Vater.

Eichholz

Wär' ganz gut. Wär' ganz gut. Was weißt du, was mir gut is? Ich freß nich mehr aus'n Steinguttopp. Das laß dir gesagt sein.

Lore

Ach, das is ja alles Einbildung, Vater.

Eichholz

Denn was bin ich? ... Stück Vieh auf'm Schindanger bin ich ... Wenn sie mich schon wegjagen tun um — um — um 'n Mörder.

Lore (abwehrend)

Ach!

Eichholz

Auf meinem Platz sitzt 'n Mörder. Das halt' ich nich aus. Da jeh' ich ins Wasser. Da nehm' ich eine Jiftpille zu mir. Und dann verkauf' ich mir an die Annetomie ... Damit du nichts zu erben kriegst, du Biest. Nich mal meinen Leichnam.

Lore (lächelnd)

Ich will ja auch nichts, Vaterchen.

Eichholz

Wenn du hättest Ehre in deinem Herzen, dann schmißt du den Kerl 'raus und scheuerst mit Karbol die Stelle, wo er gestanden hat. Statt dessen frißt er sich hier rund an deine Karbonade.

Lore

Gönn ihm doch sein bißchen Essen, Vater. Und ob er wirklich der is, von dem der Kommissär gestern gesprochen hat, das weiß ja keiner.

Eichholz

Ich hab's immer gesagt: der Kerl hat Mörderaugen im Kopp. Heute is nu jeder so klug.

Lore

Was sind denn Mörderaugen, Vater?

Eichholz

Die sind wie beim Fisch. Da sitzt ein Stein drin. Und das is der Tod. Und wegen so einen — haben sie — mir — (Weint)

Lore (mitleidig)

Vaterchen!

Eichholz (weinend)

Das halt' ich nich aus. Da werde ich verrückt von. Einer muß hin. Er oder ich. Tot oder lebendig. Der muß verrecken, der Hund, der Bluthund, der — der — (Kläglich) Ich hab' so 'n Leberstechen.

Lore

Geh, leg dich aufs Bett, Vater.

Eichholz

Das hat er mir schon mit seinen bösen Blick anjetan, daß ich nicht werde jenesen meines Leidens ... Ich hab' so 'n Leberstechen. (Ab)

Lore (sieht ihm seufzend nach)

Lenchen, du bist ein kluges Kind. Geh mit Großvater. Und wenn er weint, dann ruf.

Lenchen

Ja, Mamachen. (Von Lore zur Tür geleitet, ab. Es klopft)

Lore

Herein!

Zweite Szene

Lore. Marie

Marie

'n Tag, Lore. Du hast wohl schon sehr auf mich gewartet?

Lore (gedrückt)

Ach! Jetzt hatt' ich schon aufgehört.

Marie

Wußtest du's, daß ich gestern mit ihm gesprochen hatte?

Lore

Die anderen erzählten sich's.

Marie

Und du fragst gar nicht? Dachtst dir wohl schon, daß ich keine guten Nachrichten bringe?

Lore (mutlos)

Gott, als Sie gestern abend nicht kamen. Und heute vormittag nicht. Wollen sich nich setzen, Mariechen?

Marie

Danke. (Setzt sich) Hast du gehört, wie schön die Amsel singt auf deinem Dach? Mitten in all dem Lärm. Täusch' ich mich, oder pfeift sie fröhlicher, seit sie ihr Nest hat? Es is wirklich so, als ob das Glück pfeift ... Auf deinem Dach, Lore.

Lore

Für mich pfeift kein Glück.

Marie

Wer weiß? ... (Zögernd) Lore, ich will dir was gestehn: Ich hab' Vater gebeten, daß er ihm am nächsten Termin kündigt.

Lore

Warum haben Sie das getan? Wenn er gehen will, dann soll er gehn. Aber nicht fortjagen. Nicht um meinetwillen.

Marie

Lore. Ich hab' auch Vater gebeten, daß er ihm dann sagt, daß er dir 'ne Aussteuer geben wird.

Lore

Ich will keine Aussteuer. Die heilt nichts und macht nichts gut. Ich will nichts.

Marie

Denn sieh mal: Er ist ehrgeizig. Er will eine Frau, die wohlhabend ist. Darauf geht er aus.

Lore

Woher wissen Sie das?

Marie

(stockend, mit abgewandtem Gesicht)

Nun, das — merkt — man doch.

Lore

Zuzutrauen ist es ihm schon. Aber so himmlisch gut Herr Zarncke is, wohlhabend, wie er meint, kann ich ja doch nie werden.

Marie

(mit geheimnisvollem Lächeln)

Nun — wer weiß?

Lore

Denn erspart hab' ich nichts. Ich verdien' hier gerade das tägliche Brot.

Marie (mit unterdrückter Erregung)

Sieh mal, Lore, was ich dir schon immer mal hab' sagen wollen: Lange leben werd' ich nicht, (langsam, mit Betonung) und — dein Lenchen — hab' ich sehr lieb.

Lore (nach langem Schweigen)

Mein Kind hast du — so lieb?

Marie (nickt)

Lore

Mein Lenchen hast du so lieb?

Marie (tonlos)

Ja.

Lore (aufschreiend)

Dann geb' ich's dir. Dann nimm's als dein eigen. Wozu soll sie sich durchschleppen mit mir durch all den Jammer, wenn sie das haben kann? (schluchzt)

Marie

Lore, hör mal! ... Vor zwei Tagen — da hätt' ich noch ja und »Schön dank« gesagt. Aber jetzt — seh' ich die Dinge — anders an. Denn, sieh mal! So ein — Kindchen — muß doch zuerst mal — seinen Vater haben ... Nicht wahr?

Lore (in neuem Erstaunen)

Marie, Marie! Wenn ich das recht versteh'! ... Das glaub' ich nicht! Das ist zu viel! Das ist zu viel! Und das kann auch nicht zum Guten sein. Nie im Leben. Nie.

Marie

Warum nicht?

Lore

Weil — weil ... Der — der will mich nicht mehr. Dem bin ich doch bloß 'ne Kette am Bein. Weiter nichts.

Marie

Auch wenn er weiß, was Lenchen mal zu erwarten hat? Und wovon er doch der Verwalter sein wird?

Lore

Mein Gott, mein Gott, mein Gott!

Marie

Nur wie das wird, wenn ich früher sterbe als Vater, das weiß ich nicht. Denn wollen wird er ja nicht.

Lore

Nein, nein, nein! Es wird nichts. Es kann auch nicht. Und es schadet auch gar nichts, wenn's — nichts — wird. — Man is ja längst schon viel zu mürbe. Und vielleicht ist einem ganz, ganz was anders bestimmt, wo nicht so viel Tränen drauf liegen. Aber 'ne Viertelstunde lang mal froh gewesen sein und ein Mensch, nicht bloß ein Stein, den man hin und her stößt, ach, das tut so gut, so gut, so gut! (Sinkt lachend und weinend vor ihr nieder und küßt ihr die Hände)

Marie

Laß doch! Steh auf! Mir scheint, es kommt wer. (Lore steht auf)

Dritte Szene

Die Vorigen. Biegler

Biegler (dumpf, scheu)

Guten Tag.

Marie.

Guten Tag, Herr Biegler. Ist denn schon Feierabend?

Biegler

Ja.

Marie

Geht's Ihnen gut?

Biegler

Danke.

Marie

Adieu, Herr Biegler. Adieu, Lore! (ab)

Vierte Szene

Lore. Biegler

Biegler (setzt sich an den Mitteltisch)

Lore

(geht zum Büfett, schenkt aus dem Wärmekessel einen Topf mit Kaffee ein, bricht eine Fünfpfennigsemmel ab und bringt sie nach dem Tisch links)

Setzen sich lieber hierher, Herr Biegler. Das da is ja der Steinmetzentisch, und die Bildhauer kommen nich nach der Auszahlung. Die sind zu große Herren.

Biegler

Ich geh' so wie so gleich fort. (Setzt sich links)

Lore

Warum sind Sie eigentlich nich bei der Wochenauszahlung?

Biegler

Ich — krieg' — monatlich. (Schweigen)

Lore

(immer in freudiger Erregung)

Ich weiß nicht; Sie kommen mir heut so anders vor, Herr Biegler. Sie reden gar nich.

Biegler

Ich red' ja — auch sonst nich — viel.

Lore

Wissen Sie, mir is nämlich heute ganz was — ganz was — Besonderes — passiert.

Biegler

Was Gut's?

Lore (nickt)

Biegler

Da gratulier' ich.

Lore

Ach, es is nichts zu gratulieren. Es wird sich nichts ändern. Aber es is doch wie 'n heller Schein. — Und da möcht' ich, daß es auch andern so geht. Ihnen auch.

Biegler (schwer atmend)

Danke!

Lore

Herr Biegler — ach, Herr Biegler, wozu sollen wir erst viel Versteck spielen. Ich weiß ja, was Sie quält — seit gestern.

Biegler

(sich in Erstaunen jäh umwendend)

Und da reden Sie noch mit mir?

Lore

Ja — is es denn wahr?

Biegler (nach einer Pause, schwer)

Die Herren Geschworenen haben die Frage — ob's Notwehr gewesen is oder nich — verneint ... Und nu lassen Sie mich meinen Kaffee austrinken. (Schweigen)

Lore (nach innerem Kampfe)

Herr Biegler! ... Sündig sind wir alle ... Ich auch.

Biegler (bitter lachend)

Sie?

Lore (zaghaft)

Sie wissen doch!

Biegler

Ja, Ohren hab' ich auch ... (in Wut auffahrend) Und wenn ich erst wieder Fleisch hätt' auf den Armen, dann würd' ich den Kerl — —

Lore

Ruhig, Herr Biegler, ruhig, ruhig! Sie wollen doch nich, daß ich Angst hab' vor Ihnen?

Biegler (hastig seinen Kaffee trinkend)

Ich geh' schon. Ich geh' schon.

Lore

Herr Biegler, wollen Sie nich mal Ihr Herz erleichtern?

Biegler

(unschlüssig, mit dankbarem Aufblick)

Ach! ... (hart) Ne.

Lore

Gott, Herr Biegler, gut tät's Ihnen schon! Man wird ja so wie so wie'n Stein! Die Steinmetzen erzählen nämlich: Der Stein wird durch Druck. Wissen Sie?

Biegler

Das sollt' ich wohl wissen.

Lore

Ja, Hunderttausende und Millionen Jahre müssen die drüberliegenden Schichten drücken, dann wird die lebendige Erde zu Stein ... Beim Menschen dauert's nich so lang. Das hab' ich ausprobiert. 'n paar Jährchen Druck — immer derselbe Druck. Das genügt.

Biegler (bitter)

Ob's genügt.

Lore

Man lacht und man weint und man schläft und man arbeitet — ach, lustig sein kann man sogar — man is überhaupt ein Mensch wie andere und is doch lang keiner mehr ... Drin im Innersten lebt man gar nich mehr ... Man is willenlos wie 'n Stein ... Man läßt sich mit dem Fuß stoßen wie 'n Stein. Man wird gegen alles gleichgültig wie 'n Stein.

Biegler (eifrig)

Ja, ja, ja, — so is es, — ja, ja.

Lore

Aber heut is wieder Leben in mich gekommen. So sehr hat mich was gefreut ... Gestern war ich wie Sie. Aber heut kann ich Ihnen was helfen. Bloß Vertrauen müssen Sie haben, daß ich's auch wirklich will.

Biegler

Das hätt' ich schon — aber — (vor sich hinbrütend) ich muß ja wohl wieder weg.

Lore

Ich denk', Sie waren zufrieden.

Biegler

Wenn sie mich in Ruh' gelassen hätten — alle — im Himmel wär' ich gewesen. Morgens — so gegen zweie — da is mir leicht geworden ... dann kann keiner kommen und was von mir wollen. — Doch! — Einer kann kommen ... Die kann immer kommen. Sie is noch nich — aber sie kann.

Lore (mit beruhigendem Lächeln)

Na wer denn, wer denn?

Biegler

Ach so — ich soll ja mein Herz erleichtern.

Lore

Nicht — wenn Sie nich wollen.

Biegler

Wissen Sie, wie's nu werden wird? ... Vors erste schieben sie sich so langsam von einem weg ... Man will mit anfassen, und dann is man allein. Und dann geht's Gerede los um einen rum. Da heißt es: »Na, habt ihr auch schon euer Leben versichert?« Und da heißt es: »Wenn sich gewisse Brieder nich bald dinne machen, dann werden wir den Platz schwarz stellen.« Und dann fliegt 'n Stück Holz. Und dann fliegt 'n Stein. Und dann kommen Sie eines Tags und sagen: »Es tut mir leid, Herr Biegler, aber Sie müssen wo anders essen, es is wegen der Leute.«

Lore (schüttelt heftig den Kopf)

Biegler

Na warten Sie man. Und schließlich kommt der Prinzipal und sagt: »Hier is Ihr Buch. Sie können gehen.« Und man weiß, daß man nu wieder ins Hungerland zieht, wo kein warmes Mittag is und kein Bett, und man sagt noch: »Gott sei Dank.«

Lore

Ach, es is schrecklich.

Biegler

Unser Pastor in der Anstalt hat immer gesagt: »Seid froh, daß ihr sühnen könnt« ... »Sühnen« heißt das schöne Wort ... Das haben die Herren extra für uns erfunden ... Ja, was soll ich nu alles sühnen? ... Daß der Weg mich in die Schlafstelle geführt hat — und gerade in die? ... Daß die Frau jung war — mit Flunkeraugen — und daß sie immer so machte (haucht mit spitzem Munde), wenn sie hinten an mir vorbeiging. Und wenn ich gesagt hab': »Was machen Sie da?« dann hat sie mich mit den blanken Zähnen angelacht und gesagt: »Ich kann's in den Tod nich leiden, wenn auf dem Rockkragen 'ne Feder sitzt« ... Und der Mann hat noch mitgelacht, wenn's mir schon heiß und kalt das Genick 'runterlief ... Ja, so kommt so was ... Er war Schuster. Wie Ihr Vater ... Mit den Schustern hab' ich kein Glück ... Nu, da wissen Sie ja auch, was 'n Klopfstein is ... (Zum Gerätschemel gehend) Da liegt er ja! (Bringt den Stein.) Sehn Sie sich den an! Bißchen kleiner war er — aber groß genug. Dann wie der Mann mich eines Tages abgefaßt hat — mit ihr — — und auf mich zugekommen is, Messer in der Hand, da hab' ich gedacht: was machen? Was hab' ich gemacht? So! (Hebt den Stein hoch) ... Und mit eins hat er langgelegen. Das Ganze hat gedauert, wie wenn einer bis drei zählt ... Weil der nu da lang lag, darum war mein Leben verdorben. Nu sagt der Pastor: »sühnen!« Ja, nun sühne mal, wenn der Wahnsinn schon hinter dir sitzt ... Was kann ein zu Schanden geprügelter Hund viel sühnen? Seine Wunden kann er sich lecken ... Mehr kann er nich.

Lore (mitleidig)

Mein lieber Gott.

Biegler

Ihr lieber Gott is nich mein lieber Gott. Sonst ließ' er das nich zu ... Ja, nu werd' ich gehn ... die ersten müssen gleich kommen.

Lore (fest)

Sie sollen nicht gehn, Herr Biegler.

Biegler (in flackernder Angst)

Ich hab' mein Vesper getrunken. Ich hab' hier nichts mehr zu tun.

Lore

Sie sollen dableiben. Was auch geschehen mag, Sie sollen dableiben. Ich setz' Ihnen ein Glas Bier hin wie den andern. Das trinken Sie aus und kümmern sich um nichts.

Biegler

Um Gottes willen. Hier? Hier? Wieso denn?

Lore

Sehn Sie denn das nicht? Je mehr Sie sich verkriechen, desto mehr sind die von Ihrer Schuld überzeugt. Und das darf nicht sein.

Biegler

Wenn's nu aber doch wahr is?

Lore

Das geht keinen was an. Außer Herrn Zarncke und mir weiß keiner was. Und wir halten reinen Mund. Wenn die sehn, daß Sie keinem aus dem Wege gehn, dann wird das Getratsche langsam wieder einschlafen ... Aber nichts gestehn! Sich nich verschnappen! Sonst ist alles aus ... Wissen Sie noch, wie Sie waren, als ich Ihnen das erste Butterbrot brachte?

Biegler (nickt voll Grauen)

Lore

So sehn Sie in vier Wochen wieder aus, wenn Sie sich jetzt wegjagen lassen. Es geht um Ihr Leben, Herr Biegler. (Hinaushorchend) Ich glaube, Sie kommen schon. Da setzen Sie sich hin. Und wer Sie anlappt, dem zeigen Sie die Zähne.

Biegler (stammelnd)

Ach ich — m — mir bl — eibt ja jedes Wort in der Kehle.

Lore

Soll nicht. Darf nicht. Sie müssen. Müssen, Herr Biegler, müssen!

Biegler

Und 's kann sein, wer's will? Ja?

Lore (stutzend, dann stark)

Ja.

Biegler (dumpf, zagend)

Na, is gut. (Setzt sich auf seinen Platz zurück)

Fünfte Szene

Die Vorigen. Lohmann. Sprengel. Struve.
Drei andere Arbeiter

(Die Eintretenden begrüßen Lore, die rasch hinter den Schanktisch getreten ist, mit einem brummigen »Guten Tag« und setzen sich an den Tisch rechts)

Lohmann

Glas Bier!

Sprengel

Mir auch.

Struve

Jedem eins.

Sprengel

Kiekt mal, wer da huckt!

Lohmann

Mir wundert, daß er sich nich aufs Ehrensofa geschmissen hat. Das ist doch extra für ihm hingebaut.

Struve

Der Mensch sitzt, wo er kann. — Laß ihm sitzen.

Lore (Bier bringend)

Wohl bekomm's!

Lohmann

Danke. (Nach Biegler hinüber) Jemütlich is anders. Prost! (Sie stoßen an)

Lore

(bringt auch Biegler ein Glas Bier)

Sprengel

Wird der hier nu auch den Stammgast spielen?

Lohmann

Struve, du verstehst dir ja auf so 'ne Brieder. Graul ihm mal 'raus.

Struve

Kindersch, laßt mir in Ruh. Ick bin jetzt so beschäftigt mit meine eigenen Sorgen.

Lohmann

Wat vor Sorgen?

Struve

Wat vor Sorgen? Des fragste noch? Glaubste, es macht Verjniegen, mit so 'ne Verantwortung in de Welt rumzuloofen? Wenn du jehst bloß Steine schleppen, denn haste jar keene Verantwortung, dafür biste aber auch 'n Lump. Wenn du aber wirst jeehrt sein durch das Vertrauen deiner Mitbürger, wenn du wirst 'n Magazinschlüssel an dir tragen, oder so — dann wirst mal sehen, wie so 'n Mann zu Mute ist.

Sprengel

Dir is des wohl zu Koppe gestiegen? Was?

Struve

Denn wer eine jewisse Erfahrung hat von's menschliche Leben, der muß sich doch sagen: det is 'n janz jewehnliches Schnappschloß. — Da brauchste bloß 'n paar gesunde Zähne zu, um 'n vierzölligen Drahtnagel krumm zu biegen, und denn biste schon drinne. Immer so mitten mang de Diamanten. Kindersch, um Gottes willen, regt eich das jar nich uf?

Lohmann (lachend)

Ne.

Struve

Und jesetztenfalls und du hast se nu ausgebrochen —

Lohmann

Was?

Struve

Na — de Diamanten, denn kannste se jehn ruhig verschärfen bei jeden freindlichen Mann, wo mit blanke Knöppe handelt. Da kann dir kein Teckel an de Beene ... Des is 'ne aufjelegte Sache. Des reinste Beersenjeschäft ... Kindersch und da soll ick die Verantwortung vor haben? — Ne, des halt' ich nich aus. Da zieh' ick über Land.

Sprengel

Jlickliche Reise. Prost.

Struve

Und was der Nachtwächter da is, der schlappohrige Kerl, ick wette 'n Hering jegen 'n Löffel Jritze, dessentwegen könnte man 'rin und 'raus — wie de Schwalben.

Lohmann

Der blieht da nu so 'rum. Wie so 'n Maibliemchen.

Sprengel

Abjebrieht is er wohl. Sonst säß' er nich hier.

Struve

Kindersch, ick sag' eich immerzu. Wenn er und er wär's, dann wär' er noch nich 'raus.

Lohmann

Jedenfalls wollen wir da mal ein jelinde blasenziehendes Mittel anwenden. (Sehr laut) Fräulein! Wissen Sie vielleicht die Adresse von 'ne leistungsfähige Lebensversicherungsgesellschaft?

Biegler

(der solange scheinbar teilnahmslos, doch in gespannter Erwartung dagesessen hat, wendet sich jäh um)

Lore (abweisend)

Was soll ich mit 'ne Lebensversicherung?

Lohmann

Nu, 's is doch jetzt nich janz jeheier auf'n Platz. Da kann mal leicht so 'n kleiner Kuhhandel kommen, wo man plötzlich mit Tode abjeht, man weiß nich, wie?

Lore (abweisend)

Ich versteh' gar nich, was Sie meinen.

Lohmann

Diejenigen, wo's anjeht, die werden mir schon verstehn.

Biegler

(steht auf, will reden, bringt aber nur ein unartikuliertes Stammeln hervor und setzt sich wieder)

Lohmann

Hat jesessen.

Sprengel

Wo bleiben übrigens heite die Steinmetzen?

Struve

Nu — die müssen sich doch erst ausputzen. Mit ihre blaue Kalikoschirzen trauen die sich nich uf de Straße. Es könnt' se ja einer fir Hausknechte halten. (Lachen)

Lohmann

Jedenfalls müßt' man sich mit denen zusammentun und was unternehmen beim Alten, — damit er auf'm Platz 'n bißchen ausräuchern läßt. Es wird nötig.

Sprengel

Fang nich schon wieder an, Mensch ... hab doch Erbarmen mit so 'n plundrigen Kerl.

Lohmann

Wenn ich in 'n Modder trete, dann wisch' ich mir die Stiebeln ab; — da hab' ich auch kein Erbarmen.

Biegler

(zittert und atmet schwer. Er ringt mit sich, unschlüssig, ob er sprechen solle, wagt es aber nicht mehr)

Sprengel

Kein Mensch weiß, ob er's wirklich is.

Lohmann

Warum steht er denn nich auf und —

Sechste Szene

Die Vorigen. Willig. Göttlingk und andere Steinmetzen (in Feierabendkleidung)

Göttlingk

(auf den Tisch der Arbeiter weisend)

Da sitzt se ja, die janze feine Familie ... Ihr kriegt's wohl nich eilig genug mit eurem Feierabend — was?

Lohmann

Wieso denn?

Willig

Den großen Oberkirchner Block, links von der Treppe, habt ihr auf Hochkant stehn lassen. Wißt ihr das nich?

Sprengel

Nu, der hängt doch im Flaschenzug.

Willig

Aber locker hängt er.

Lohmann

Bis wir den 'runterkriegen, dauert's zwanzig Minuten. Wenn der Alte Überstunden zahlen will, gehn wir gleich noch mal 'ran.

Göttlingk

Husten wird er euch was.

Willig

Jedenfalls steift ihn noch ab. Wenn was passiert, seid ihr verantwortlich. (Setzt sich zu den Steinmetzen an den Mitteltisch)

Göttlingk

Na, Lore, Sie könnten ruhig 'n bißchen fixer sein, wenn die Steinmetzen kommen.

Lore

(die Bier bringt, eilig, ängstlich)

Hier is, bitte, hier is schon alles.

Göttlingk

Aber freilich, wenn man sich mit solchem Volk abgibt, wie der Kerl — der — (Biegler erkennend) Herrgott, wer sitzt denn da?

Willig (rasch)

Ach, kümmer dich nicht um den.

Göttlingk

Hast recht. So 'n Geschmeiß existiert nich. Prost, die Herren! Per Bacco, is mir mollig. Ganz fingrig is mir zu Mute. Wollt ihr was hören? Natürlich, ihr wollt immer was hören. Lore, bring mal — bringen Sie mal die Seufzerkiste.

Lore

Jawohl. (Holt die Mandoline von der Wand und bringt sie ihm)

Ein Steinmetz

Du, der Alte war doch heute so extra süß mit dir. Ahnste weswegen?

Göttlingk

(während er die Mandoline stimmt)

Tja, lieber Sohn, wer kann das wissen? Manchmal können sich Ereignisse vorbereiten — die Welt is eben 'n Affenkäfig.