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Stein unter Steinen: Schauspiel in vier Akten cover

Stein unter Steinen: Schauspiel in vier Akten

Chapter 7: Vierte Szene
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About This Book

A four-act drama set in Berlin follows a community of stonemasons and their families as daily labor, loyalty, and police intervention collide at a stoneworks yard. A veteran master and his ailing daughter preside over household and workshop scenes while clerks, foremen, and laborers manage contracts, quarrels, and suspicions of theft. An ex-convict seeks steady work but fears social exposure, and episodes move between intimate domestic interiors and noisy outdoor labor across short time jumps. The play examines solidarity, social stigma, economic pressure, and the moral compromises demanded by survival in an industrial neighborhood.

The Project Gutenberg eBook of Stein unter Steinen: Schauspiel in vier Akten

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Title: Stein unter Steinen: Schauspiel in vier Akten

Author: Hermann Sudermann

Release date: May 14, 2020 [eBook #62132]
Most recently updated: October 18, 2024

Language: German

Credits: Produced by Peter Becker and the Online Distributed
Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was
produced from images generously made available by The
Internet Archive)

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK STEIN UNTER STEINEN: SCHAUSPIEL IN VIER AKTEN ***

Stein unter Steinen

Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
Stuttgart und Berlin

Hermann Sudermann:

Geheftet
Im Zwielicht. Zwanglose Geschichten. 30. Aufl.M. 2.—
Frau Sorge. Roman. 83. bis 87. AuflageM. 3.50
Geschwister. Zwei Novellen. 27. AuflageM. 3.50
Der Katzensteg. Roman. 61. bis 65. AuflageM. 3.50
Jolanthes Hochzeit. Erzählung. 27. AuflageM. 2.—
Es war. Roman. 38. AuflageM. 5.—
Die Ehre. Schauspiel in 4 Akten. 32. AuflageM. 2.—
Sodoms Ende. Drama in 5 Akten. 23. AuflageM. 2.—
Heimat. Schauspiel in 4 Akten. 34. AuflageM. 3.—
Die Schmetterlingsschlacht. Komödie in 4 Akten 9. AuflageM. 2.—
Das Glück im Winkel. Schauspiel in 3 Akten 15. und 16. AuflageM. 2.—
Morituri: Teja. Drama in 1 Akt. — Fritzchen. Drama in 1 Akt. — Das Ewig-Männliche. Spiel in 1 Akt. 17. AuflageM. 2.—
Johannes. Tragödie in 5 Akten und 1 Vorspiel. 28. AuflageM. 3.—
Die drei Reiherfedern. Dramatisches Gedicht in 5 Akten. 14. AuflageM. 3.—
Johannisfeuer. Schauspiel in 4 Akten. 20. Aufl.M. 2.—
Es lebe das Leben. Drama in 5 Akten. 20. Aufl.M. 3.—
Der Sturmgeselle Sokrates. Komödie in 4 Akten. 15. AuflageM. 2.—

Die vorstehend verzeichneten Werke sind auch gebunden zu beziehen

Preis für den Einband:

in Leinen 1 Mark, in Halbfranz 1 Mark 50 Pf.

Stein unter Steinen

Schauspiel in vier Akten

von

Hermann Sudermann

Elfte Auflage

Stuttgart und Berlin 1905

J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger

Copyright, 1905, by Hermann Sudermann

Alle Rechte vorbehalten

Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart


Personen

Zarncke, Steinmetzmeister.
Marie, seine Tochter.
Frau Homeyer, Wirtschafterin bei Zarncke.
Jenisch, Buchhalter.
Eichholz, Nachtwächter auf dem Werkplatz.
Lore, seine Tochter.
Lenchen, deren Kind.
Willig, Polier.
Göttlingk, Steinmetz.
Jakob Biegler.
Reitmaier, Kriminalkommissar.
Lohmann,}
Sprengel,}Arbeiter.
Struve,}
Bildhauer, Steinmetzen, Arbeiter.
Mehrere Frauen und Kinder.
Ort der Handlung: Berlin.
Zeit der Handlung: die Gegenwart.

Zwischen dem ersten und dem zweiten Akt liegen drei Wochen, zwischen den folgenden Akten liegt je ein Tag.

Erster Akt

Wohnstube bei Zarncke. In der Mitte des Hintergrundes Tür nach dem Hausflur. Auf der linken Seite Tür nach Wirtschaftsräumen. Auf der rechten Seite ein breites Fenster nach dem Werkplatz führend. Davor, um eine Stufe erhöht, ein Podium mit bequemem Lehnstuhl und Tischchen. Links vorne ein Sofa mit Sofatisch und Sesseln. Im Hintergrunde links von der Tür ein Tischchen mit Wandkonsole darüber, rechts von der Tür ein Bücherschrank. Altväterisch-behagliche Ausstattung. Stahlstiche, Photographien, gestickte Sinnsprüche an den Wänden. Pfeifenständer, Zigarrenschränkchen, Bauer mit Kanarienvogel etc. etc.

Erste Szene

Zarncke. Marie. Jenisch

Zarncke

(Sechziger, mittelgroß, stark ergraut. Bartfunzeln auf den Backen. Gutmütig-vergnügte Äuglein. Sprechweise — mit Anklängen ans Niederdeutsche — weich, bisweilen harmlos polternd, voll stillen Grüblersinnes)

Marie

(Ende der Zwanzig, klein, bucklig. Fahle Krankheitsfarbe. Zwei schöne Augen voll wehmütig-lachender Güte. Gequetschte Sprache, bisweilen durch schweres Atmen unterbrochen. Bewegungen tastend, unsicher)

Jenisch

(behaglicher, beschränkter Zahlenmensch)

Zarncke (mit Jenisch eintretend)

Na, Miezelchen?

Marie

(die im Lehnstuhl sitzt, aufleuchtend)

Vaterchen! (Will aufstehen)

Zarncke

Sitzen bleiben! Sitzen bleiben! (Tritt zu ihr hin und küßt sie auf die Stirn) Läßte dir die Maisonne in 'n Magen scheinen? Das is recht ... Na, Jenisch, was haben Sie da!

Jenisch

Die neuen Sandsteinproben aus den Knauerschen Brüchen, Herr Zarncke. (Reicht ihm die kleinen Blöcke)

Zarncke (kratzt an den Rändern)

Schreiben Sie man den Leuten, mein Kontorbedarf an Streusand sei vorläufig noch gedeckt.

Jenisch (lacht respektvoll)

Zarncke

Zweite Post?

Jenisch

Jawohl. (Reicht ihm ein Paket Geschäftsbriefe)

Zarncke

(setzt sich an den Tisch und läßt die Kuverts durch die Hand gleiten)

Nischt — nischt — nischt. (Ein Kuvert öffnend) Machen wir. (Ein zweites) Machen wir desgleichen. »Verein zur Besserung entlassener Strafgefangener«. Möchten sie mir mal wieder einen andeichseln? ... Na, wollen mal sehn ... (Legt das Kuvert beiseite und schiebt Jenisch die anderen Briefe hin) Zurück zur Beantwortung! ... Und wenn die Leute von der Polizei kommen wegen heute nacht — das sag' ich besser draußen. (Zu Marie) Verzeih mal! (Öffnet das Fenster. Das klingende Geräusch der Meißelschläge, das Klirren der Flaschenzugketten, das Quietschen der Windewagen wird hörbar) Sie da! Willig! Polier! (Lauter) Polier!

Stimme des Poliers Willig

Jawohl, Herr Zarncke!

Zarncke

Wenn die Leute vom Kriminal kommen, lassen Sie sie gleich aufs Kontor führen. Ich will nicht, daß sie mir den Platz rabiat machen mit ihrem dummen Gefrage.

Stimme Willigs

Jawohl, Herr Zarncke.

Zarncke (nachahmend)

Jawohl, Herr Zarncke. (Schließt das Fenster, das Geräusch hört auf)

Marie

Mußtest du's denn anzeigen, Vaterchen?

Zarncke

Ja, das frag' ich mich auch. Aber ich kann mir doch nicht zu nachtschlafender Zeit in meinen Magazinschlössern rumpulen lassen. Womöglich noch »Schön Dank« sagen ... Hören Sie mal, Jenisch, euch auf'm Kontor geht's ja eigentlich nischt an, aber wie denken Sie über den alten Eichholz?

Jenisch

Ja, Herr Zarncke, wir meinen, er wird sich nich mehr lange halten lassen. Als Wächter.

Zarncke

Na, als was denn sonst?

Jenisch

Das weiß ich ja nich.

Zarncke

Sinekuren gibt's nich bei mir auf'm Platz. Selbst mein Kanarienfritze hat sein Geschäft. Wenn der nich singt, dreh' ich ihm den Hals um.

Marie (lächelnd)

Na, na.

Zarncke

Was ist hier zu na-na-en! (Zärtlich) Du — hä?

Marie (lacht)

Zarncke

Der Alte hat seine dreißig Dienstjahre. Hat 's Geschäft groß werden sehen ... Wird mir schwer! (Pause) Abends, wenn er elfe gepfiffen hat, setzt er sich friedfertig auf einen Block, und dann sägt er los. (Ahmt einen Schnarchton nach) Und derweilen pulen mir die Herren Einbrecher in den Schlössern rum. Mir schwant so was, min Döchting, diese Instituschon is nich das richtige.

Marie (lacht)

Zarncke

Also, Jenisch, ziehn Sie sich tapfer zurück.

Jenisch (lachend)

Adieu, Fräulein Mariechen.

Marie

Adieu, Herr Jenisch.

Zweite Szene

Zarncke. Marie

Zarncke

Dabei weiß ich genau, wer's gewesen is.

Marie

Am Ende gar der — —?

Zarncke

Na natürlich.

Marie (lachend)

Du weißt ja noch gar nicht, wen ich meine.

Zarncke

Du meinst den Struve. Und ich mein' den Struve. Und draußen auf dem Platze meinen sie auch den Struve. Aber weil sie mich nich blamieren wollen, tun sie, als hätten sie keinen Dunst ... Wozu hab' ich nu mal den Besserungspuschel? ... Wenn ich das Luder jetzt nich wieder raushaue, kriegt er zehn Jahre.

Marie

Um Gottes willen!

Zarncke

Fünfmal vorbestraft ... Davon zweimal mit Zuchthaus. Billiger tun sie's da nich ... Und so 'ne Seele von Mensch. Als die Steinmetzen neulich für den brustkranken Emil sammelten — wo er doch als Arbeiter eigentlich gar nischt mit zu tun hat — Wochenlohn blank auf den Tisch gelegt. Und muß mausen! ... Nämlich die Diamantsplitter in den neuen Zahnsägen haben's ihm angetan. Macht er dem Polizeimann dieselbe wehmutsvolle Gaunerschnauze, die er mir heute gemacht hat, dann sitzt er schon im Kittchen ... Ach, was hat man für'n Kreuz mit diesen Kerls! Immer wieder saust man rin.

Marie

Na, manchmal auch nicht.

Zarncke

Hm! Der Auschwitz war gut. Dem Blankmann hab' ich das Leben gerettet. Der Thiele hat sogar Karriere gemacht. Aber — nee! — nu Schluß! — Ich nehm' nu nich einen mehr, den mir der Verein zuschanzt.

Marie

Na, na!

Zarncke

Mariechen, ich schwör' es dir. (Das Kuvert aufnehmend) Und wenn dies hier — ein Lämmlein is, mit Zucker bestreut, ich tu's nicht. (Das Kuvert aufreißend) Wollen mal gleich sehn!

Marie

Weißt du, Vaterchen, dann lies lieber nicht. Nachher ist es ein interessanter Fall, und dann —

Zarncke

Kann's auch ungelesen zurückschicken. (Unschlüssig) Aber — — — du, klingel mal, daß die Homeyer mir das Frühstück bringt.

Marie (klingelt)

Zarncke

(die Papiere musternd, die in dem Kuvert stecken)

Da is nu ein ganzes Schicksal drin.

Marie (bittend)

Vaterchen, mach dir das Herz nicht schwer. Lies lieber nich.

Zarncke

Man soll zwar keinen von seiner Türe weisen. Na, wie du meinst. (Legt das Kuvert hin)

Dritte Szene

Die Vorigen. Frau Homeyer

(Frau Homeyer, kraftvolle, hübsche Person, zu Anfang der dreißig. Energische Bewegungen. Haare kokett gelockt, mit einem Stich ins Gemeine)

Frau Homeyer

(die Frühstückstablette mit belegten Brötchen und einer Rotweinflasche hereintragend)

Schönen guten Morgen wünsch' ich.

Zarncke

Wir haben uns ja heut schon gesehn, Homeyerchen.

Frau Homeyer

Wenn auch. Ich sag' noch mal »Guten Morgen«. Das ziemt sich für mich. (Auf die Tablette weisend) Is alles gut so?

Zarncke

Hm. Fein.

Frau Homeyer

Fräulein Mariechen, was möchten Sie?

Marie

Danke. Danke.

Frau Homeyer

Is Ihnen heute wieder nich ganz frisch?

Marie

Doch. Doch.

Frau Homeyer

Nu sagen Sie doch. Ich will doch sorgen für Sie. Ich kann mir gar nich genug tun für Sie.

Zarncke

Ja, ja, Sie sind eine Perle.

Frau Homeyer

Herr Zarncke, ich kümmre mich um keinen Menschen sein Lob. Ich bin eine ehrbare Witwe. Wer so viel Leid durchgemacht hat im Leben, wie ich — ach ja!

Zarncke

Ihr vieles Leid is Ihnen aber ganz gut bekommen, hören Sie mal.

Frau Homeyer

Ach ja. Ich hab' mir ganz gut konserviert.

Zarncke

Und dann so die ehrbare Lebensweise.

Frau Homeyer (seufzend)

Ja, ja.

Zarncke

Hören Sie mal, Kindchen, noch eine Frage: Haben Sie vielleicht irgend was gehört, heute nacht?

Frau Homeyer

Ja. Gehört hätt' ich wohl so einiges. — Schritte und so.

Zarncke

Warum haben Sie denn nichts davon gemeldet?

Frau Homeyer

Hat mich ja keiner gefragt. Außerdem: ich geb' keinen an. Ich misch' mich nich in fremde Sachen.

Zarncke

So — das sind fremde Sachen für Sie?

Frau Homeyer

Gott! Wo hab' ich denn gedacht, daß es gleich Einbrecher sind?

Zarncke

Na, was denn sonst?

Frau Homeyer

Ich hab' gedacht: es is eben Frühling, — da werden die Mannsleute doll —

Zarncke

Und die Weibsleute auch.

Frau Homeyer

Von mir können Sie so was nich sagen, Herr Zarncke. Von dem Tage an, daß mein armer sel'ger Mann —

Zarncke

Scht, scht, scht! Wenn, dann würd's auch nichts ausmachen. Na — und?

Frau Homeyer

Und der alte Eichholz schläft natürlich. (Mit Betonung) Und die Tochter schläft eben auch. Nu ja.

Zarncke

Ach so! Das geht gegen die Lore!

Frau Homeyer

Ich hab' nichts gesagt. Ich misch' mich in gar nichts. Laß das Fräulein Lore tun, was sie will. Es braucht nich jede so'n Wandel zu haben, wie ich. Aber schließlich läuft auf dem Werkplatz 'n kleines Mädchen rum. Vater unbekannt.

Zarncke

Der Vater ist nicht unbekannt.

Frau Homeyer

Ach ja, man nennt ja wohl so gewisse Namen. — Warum heiratet er sie denn nich?

Zarncke

Das geht mich nichts an. Und Sie auch nicht ... Was hast du, Mariechen?

Marie

(die mit geschlossenen Augen in den Sessel zurückgesunken ist)

Nichts, Vaterchen. Du weißt ja. Mir wird manchmal so grasgrün.

Frau Homeyer

(die eilig ein Glas Wasser gefüllt hat)

Glas Wasser, Fräulein Mariechen? Glas Wasser?

Marie (trinkt — matt)

Danke schön.

Frau Homeyer

Sonst noch Wünsche? ... Nein. (Da niemand antwortet, ab)

Vierte Szene

Zarncke. Marie. Später Lenchen

Zarncke

Miezelchen!

Marie

Verzeih schon, Vaterchen. Es ist wohl der Frühling. Der macht einem Kopf und Glieder so schwer.

Zarncke

Ja, ja, es is der Frühling ... Selbst ich alter Knochen spür' ihn. Willst nich was essen? Wart, ich bring' dir. Der Doktor hat gesagt, du sollst eine sitzende Lebensweise führen, also führe du eine sitzende Lebensweise. (Setzt den Teller vor sie hin und nimmt ein Brötchen) Ganz lecker! Magst du das Frauenzimmer eigentlich?

Marie

Ach Gott!

Zarncke

Ich hab' sie so lieb, weil sie mich so hübsch anschwindelt. Bißchen Kuddelmuddel muß sein um einen 'rum, sonst weiß man gar nich, daß man lebt ... Jetzt läuft sie auch hinter dem Göttlingk her. Darum der Haß auf die Lore ... Ja, der Frühling! ... Und mit dem Arbeiten gar da geht's bei allen nich ... Sie pfeifen die Sonne an, und wenn sie Mittags auf den zwei Richtscheiten liegen, dann sind sie nich hochzukriegen. (Seufzend) Junges Volk! ... Übrigens, du! Zu der Amsel auf dem Kantinendach hat sich ein Weibchen gefunden.

Marie (freudig)

Ach! Gott sei Dank. Dann wird sie sich nich mehr die Seele aus dem Leibe schreien ...

Zarncke

Andere Leut' schweigen sich die Seele aus dem Leibe.

Marie (betroffen)

Wie meinst du das?

Zarncke

Na, is doch so ... Schadt nischt! Sein Geheimfach hat jeder. —

Marie (hinaushorchend, ruft)

Lenchen! (Sie öffnet das Fenster, der Lärm des Werkplatzes dringt herein, wie vorhin) Lenchen!

Die Stimme Lenchens (jubelnd)

Tante Mariechen!

Marie

Komm ans Fenster! Komm!

Zarncke

Tante nennt sie dich?

Marie

Soll sie nicht, Vaterchen?

Zarncke

Ja, ja. Kommt auf eins 'raus.

Marie

Na, kletter hoch!

Lenchens

(Kopf erscheint in der Fensteröffnung)

Tag, Tante Mariechen.

Marie

Klettre, Katz! Klettre!

Lenchen

Mußt helfen.

Zarncke

(da Marie eine Bewegung macht, rasch)

Nicht du! Ich, ich! (Zieht das Kind durch das Fenster herein und setzt es auf den Boden)

Lenchen

(die Arme um Mariens Knie schlingend)

Tante Mariechen! Tante Mariechen!

Marie (sie herzend)

Willst 'n Bonbon oder 'ne Butterstulle?

Lenchen

Butterstulle.

Marie

(gibt ihr ein zusammengeklapptes Butterbrot)

Lenchen

(setzt sich ihr zu Füßen auf die Stufe des Podiums und ißt unbekümmert)

Marie

Und das soll nun 'ne Schande sein — so ein Engelskind!

Zarncke

Hättst wohl gern so 'n Stückchen Schande an dir?

Marie (inbrünstig)

Ach so gerne, Vaterchen, so gerne!

Zarncke

Tja! Vielleicht gibt sie's dir!

Marie

So was zu fordern, hätt' ich nicht das Herz. (Streichelt die Kleine und spricht leise zu ihr)

Zarncke

Tja! (Geht an den Tisch, trinkt ein Glas Rotwein, sieht verstohlen nach Marie, nimmt das Kuvert, reißt die Papiere heraus und beginnt zu lesen)

Marie

(sieht es, lächelt und macht sich von neuem mit der Kleinen zu schaffen)

Zarncke (murmelnd)

Zu mir will der Mensch? Warum will der Mensch gerade zu mir? (Steckt die Papiere heimlich ins Kuvert zurück und geht erregt im Zimmer umher) Was kann man da machen? Was —

Marie (bittend)

Vater!

Zarncke

Was denn?

Marie

Allen hilfst du! Jeder Verbrecher kann zu deiner Türe kommen. Hilf doch auch dem Kinde!

Zarncke

Ja, leicht gesagt! ... Wie?

Marie

Rede mit Göttlingk wegen Lore.

Zarncke

Ich hab' mit ihm geredet. Zwingen kann ich ihn nicht.

Marie

Erst wollt' er noch auf die Wanderschaft. Fünf Jahre ist er weg gewesen. Als Herr ist er wiedergekommen.

Zarncke

Herr? ... Künstler! Künstler is er geworden. Dieser wüste Kerl kann mehr als ... Seinethalben braucht' ich gar keine Bildhauer mehr. Den schwierigsten Auftrag kann ich annehmen, seit er da ist.

Marie

Vater, sprich mit ihm. Nun wird sie auch noch den Schmerz erleben mit dem Alten. Ich mag das Elend nicht mehr mit ansehn.

Zarncke

Er sagt, er kann noch nicht. Er hat noch Höheres vor.

Marie

Je Höheres er vorhat, desto schlechter wird sie ihm.

Zarncke

Komm' ich ihm grob, dann wirft er mir den Meißel vor die Füße. Na und dann? ... Weißt du: Sprich du mit ihm.

Marie (erschrocken)

Ich? ... Nein, nein, nein.

Zarncke

Warum nicht?

Marie

Vaterchen — das — kann ich nicht.

Zarncke

Siehst du. Man kann manches nicht. (Es klopft) Herein.

Fünfte Szene

Die Vorigen. Eichholz

(Eichholz: Ende der Sechzig, knickbeinig, würdevoll-finster, mit militärischem Anflug, alter Schwadroneur, fast weißes, buschiges Haar, Rundbart mit ausrasierter Oberlippe, Bratenrock mit Ordensschnalle und eisernem Kreuz)

Zarncke

Na Eichholz! Ausgeschlafen?

Lenchen (ihm entgegen)

Großvaterchen! Großvaterchen!

Eichholz (will sie nicht sehen)

Marie

Pscht! Lenchen! Komm her! Großvater hat keine Zeit. (Sie beginnt zu sticken. Das Kind spielt)

Eichholz

Nja.

Zarncke

Und so feierlich! Was is denn los?

Eichholz

Herr Zarncke — ich möchte — freundlichst — um meine Entlassung gebeten haben.

Zarncke

(mit Marie einen erfreuten Blick wechselnd)

Sieh mal an!

Eichholz

Denn ich habe nämlich in Erfahrung gebracht — daß die Steinmetzen behaupten — wollen, daß ich gewissermaßen — meines Amtes nicht mehr gewachsen bin.

Zarncke

So?

Eichholz

Denn im Punkte des Ehrgefühls, da laß ich mir nicht drankommen. Und wenn die Steinmetzjungens sich die Schnauze verbrennen, damit, daß sie nicht wissen tun, was ein gewissenhafter Mann ist, und was ein sehr tauglicher Mann ist —

Zarncke

Nu kohlt er wieder.

Eichholz

Und was ein königstreuer Mann ist ... Und wo ich mir habe in Ihrem Dienste lädiert, daß ich mir habe nämlich die Schulterblattmuskeln ausgefallen.

Zarncke

Ich weiß, ich weiß, ich weiß.

Eichholz

Und wo ich da immer noch ein wollenes Fellchen, wie man so sagt, ein Puschemauchen, drum herumtrage, wegen den Reimantismus, wo ich mir auch im Dienste geholt habe.

Zarncke

Ja — so Nachts auf dem kalten Stein schl— (sich rasch verbessernd) sitzen — sitzen, das hält der Kräftigste nicht aus.

Eichholz

Ich? Sitzen? ... Sitzen? Ich — Nachts? Nu sagen Sie bloß noch, Herr Zarncke, ich hab' auch die Augen zugemacht, dann kann ich ruhig jehn, mir aufhängen.

Zarncke

Na, na, na. Sagt ja keiner. (Zu Marie) Was fängste da an?

Eichholz

Wo ich doch schon Kummer genug hab' — mit meine Tochter — und hier mit — diese — diese — Mestize.

Marie (hebt erstaunt den Kopf)

Zarncke

Wieso Mestize?

Eichholz

Nu, was ein ungebührliches Kind is — 's is ja schlimm, daß man das selber sagen muß, — aber das is doch nich anders, das is doch eine Mestize.

Zarncke

Ach, Sie haben wohl ein Indianerbuch gelesen?

Eichholz

Ja, so Sonntagnachmittag, wenn ich 'n freien Momang habe, dann les' ich wohl sehr gerne in de Indianerbiecher.

Zarncke

Nu hören Sie mal, lieber Eichholz, alter Kriegskamerad, wie wär's, wenn Sie sich mal 'n bißchen mehr Ruhe gönnten?

Eichholz

Ja, ich bin aber ausgeschlafen so gegen zehne.

Zarncke (leise zu Marie)

Kunststück! ... Nein, nein, ich meine zur Nachtzeit, Eichholz.

Eichholz

Ja, wenn man das so ginge, Herr Zarncke. Aber was 'n gewissenhafter Wächter is und 'n tauglicher Wächter is, der hat Ohren, sag' ich Ihnen, der hört den Maulwurf graben zur nächtlichen Stunde, sag' ich Ihnen.

Zarncke

Aber von Einbrechern haben Sie heute nacht nichts gehört — hä?

Eichholz

Hähähähä! Da lach' ick äwwer.

Zarncke (ernst)

Heute nacht ist nämlich eingebrochen worden, Eichholz.

Eichholz (gekränkt)

Fangen Sie nu auch so an, Herr Zarncke, wie die Steinmetzjungens?

Zarncke (ernst)

Ich muß wohl, Eichholz.

Eichholz (versteht, fassungslos)

Ach so! (Sein Gesicht verändert sich)

Zarncke (bittend)

Nu sehn Se mal, alter Freund. Sie gehn auf die Siebzig. Nu schlafen Sie sich doch mal ordentlich aus. Im Bett. Verstehen Sie. Im ordentlichen Bett.

Eichholz (kläglich)

Ich kann gar nich im Bett schlafen.

Zarncke

Dann werd' ich Ihnen einen schönen, harten Granitblock in Ihre Schlafkammer schaffen lassen ... damit Sie Ihre Bequemlichkeit haben ...

Eichholz (brütend)

Nja.

Zarncke

Und Not sollen Sie auch nich leiden. Ich setz' Ihnen 'ne Pension aus ... Können auch wohnen bleiben ... Bei Tag schustern Sie 'n bißchen oder läuten die Pausen ab oder helfen Ihrer Tochter in der Kantine.

Eichholz

Und gewöhn' mir das Saufen an.

Zarncke

Sie werden doch nich.

Eichholz

Herr Zarncke, ich bin ein Mann — hochgeehrt — ich hab' anno 70 immer mit am Offezierstisch gegessen.

Zarncke

Na, na.

Eichholz

Ja ... Ich bin nie 'n Fettschmecker gewesen und 'n Saufjee, ich hab' noch nich mal 'n Stückschen Käse ins Schnapsglas getunkt.

Zarncke

Schmeckt ja auch gar nich.

Eichholz

Das is nu Ansichtssache, Herr Zarncke ... Aber wenn man in eine so lausige Beschaffenheit versetzt wird, daß das Ehrgefühl im Menschen so sehr gekränkt wird, wo man doch von seinem redlichen Schustergewerbe nichts mehr übrig hat wie 'n paar Lederabfälle und zehn steifgewordene Finger ... und ehe man so'ne Schandpanksjohn annimmt ...

Zarncke

Sie sind ja ein ganz beißiges altes Vieh, hören Sie mal ...

Eichholz

Ich ... ich ... hab'... ich ... (Würgt)

Zarncke

Na, na, Eichholzchen ... Nu si doch man wedder good, min Sähn.

Eichholz (befehlshaberisch)

Lenchen!

Marie (ängstlich)

Nein, nein, das Kind bleibt hier.

Eichholz

Ich und Lenchen — wir gehn jetzt aus'm Haus.

Zarncke

Wenn Sie aus dem Hause gehen wollen, Eichholz, dann kann ich nichts dagegen haben — das heißt, Sie werden sich ja noch anders besinnen —

Eichholz

Na, glauben Sie, geehrter Herr, ich werd's mit ansehn, daß irgend so ein hergelaufener Sch — Schlump jetzt sagen kann, ich bin dem weggejagten Alten da — sein Nachfolger. Das — nee — nee — nee! Ich hab' noch 'ne kleine Nachrechnung, Herr Zarncke. Wegen ein paar reparierte Absätze, die schenk' ich Ihnen, Herr Zarncke. Ich arbeit' nich mehr für Sie ... Guten Morgen, Herr Zarncke. (Ab)

Sechste Szene

Zarncke. Marie. Lenchen. Später Lore

Zarncke (verzweifelt)

Na — nu is er rabiat. Nu geht er sausen. —

Marie

Du warst milde genug, Vaterchen.

Zarncke

Ja, wenn's Maschinen wären. Aber jeder is 'n Mensch. Jeder hat sein Schicksal.

Marie

In sich, Vater.

Zarncke

Wenn das wahr wäre, dann wär' ich nicht schon so vielen ihr Schicksal gewesen ... In sich! ... Spreu sind wir im Winde. Es kommt nur drauf an, von wo er bläst ... Na — vielleicht kann man's an einem andern wieder gutmachen. (Nimmt die Papiere) Da wird heute einer kommen. So einen hatten wir noch nicht.

Marie

Was hat er denn pekziert?

Zarncke

Frag nicht. Nachher drückt's dich.

Lores Stimme (draußen rufend)

Lenchen! Lenchen!

Lenchen (aufhorchend)

Das is Mama. Ich will zu Mama.

Marie

(das Fenster öffnend, durch das diesmal kein Geräusch hereindringt)

Das Kind is bei mir drin, Lore.

Zarncke (nach der Uhr sehend)

Alles still? Is schon Frühstückspause?

Lores

(Kopf erscheint in der Fensteröffnung)

Dank' schön, Fräulein Mariechen. (Zu Lenchen, die die Arme ausstreckt, sich vorbeugend) Na, hopp!

Zarncke

Du kannst mal 'reinkommen, Lore.

Lore

Wenn ich darf, Herr Zarncke. (Verschwindet)

Marie

(schließt das Fenster und beruhigt Lenchen, die weinen will)

Zarncke

Und findet sich der Mann hier 'rein — der Mann von diesem Brief — Biegler heißt er — dann schick ihn nicht ins Komptor, dann laß mich lieber rufen. (Es klopft) Herein!

Lore (erscheint in der Tür)

Zarncke

Du, Lore, ich muß dir was sagen: Vater is von heute ab —

Lore

(Mitte der Zwanzig. Hübsch, vollkräftig mit Spuren seelischen Leidens. Sprechweise bald ohne Grund erregt, bald scheinbar teilnahmslos. Bewegungen müde, schwerfällig, jäh in Leidenschaftlichkeit umschlagend. Helle, schlichte Sommerkleidung des Mädchens aus dem Volke, ein wenig über dem Habitus der Dienerin stehend)

Ich weiß schon, Herr Zarncke. Es ging ja schon lang' nich mehr.

Zarncke

Na, Gott sei Dank, daß ich mich bei dir nicht zu entschuldigen brauch'.

Lore

Ach, Sie! (Beugt sich rasch nieder, um ihm die Hand zu küssen)

Zarncke

Na, na, na! Und wegen Unterhalt, da — (Beruhigt sie mit einer Handbewegung) Aber stell ihm die Kümmelflasche höher. Das rat' ich dir, Kind! (Klopft sie auf die Schulter. Ab)

Lenchen (die Arme hochhebend)

Mama! Mama!

Lore

(ihr mit dem Schürzenzipfel den Mund putzend)

Ich hab' immer Angst, daß ihr ein Steinsplitter ins Aug' fliegt.

Marie

Ach, sie passen schon auf. Sie haben sie ja alle lieb.

Lore

Ja ... Die andern ja. — Bloß der der nächste dazu is —

Marie

Er wird's nicht zeigen wollen.

Lore

Gestern hat ihr einer 'ne Wippe zurechtgemacht. Und wie er vorbeikommt, da ruft sie ihn an, er soll sie schaukeln. Da hat er sie weggeschoben — na wie? 'n jungen Hund schiebt man nich so.

Marie

Das hängt anders zusammen, Lore. So schlecht ist kein Mensch. Und er sicherlich nicht. Sicherlich nicht.

Lore

Wenn Sie alles wüßten, Fräulein Mariechen. —

Marie

Kannst ruhig »du« sagen. Es hört uns keiner.

Lore

Ach, ich verdien's ja nich ... Warum rührst du mich an? Warum gibst du dich ab mit mir? (Verbirgt den Kopf an ihrer Stuhllehne)

Marie (sie streichelnd)

Na, na, Lore. Als du so groß warst wie die, da hab' ich dich schon gestreichelt. Dabei lassen wir's auch. (Da Lenchen weinerlich dazukommt) Du, Lenchen, der weiße Bär ist ein Eisbär. Und den bind mal nu an die Leine. (Reicht dem Kinde eine Porzellanfigur und ein Garnknäuel)

Lore

Ja, Lenchen, tu das.

Lenchen

(fängt beruhigt von neuem zu spielen an)

Marie

Und laß uns mal vernünftig reden. Was versteckst du dich? Warum sagst du nicht ganz offen, daß er der Vater ist?

Lore (verängstigt)

Gott, wie kann ich denn? Er hat's doch verboten.

Marie

Warum läßt es dir verbieten?

Lore

Als er im Herbst von der Wanderschaft kam, da sagt' er zu mir: »Willst du, daß ich wieder eintrete auf dem Platz?« Ich glaub', ich hab' ihm noch die Hände geküßt in meinem Glück ... Aber eine Bedingung hatte er dabei. »Mund halten,« sagt' er, »daß keiner was erfährt.« ... Die's von früher wußten, waren inzwischen weg. Bloß der Polier ... Und das ist sein Freund. Vater hat er auch in der Tasche ... Und nun beiß' ich mir rein die Zunge ab Tag für Tag und denk': Endlich muß das Schweigen doch ein Ende nehmen. Aber es geschieht nichts ... Er kommt in die Kantine. Ganz vergnügt. Bloß nicht allein. Da hütet er sich.

Marie

Was soll er zu dem allem aber für 'n Grund haben?

Lore (achselzuckend)

Ich denk' mir, er hat eine andere im Sinn.

Marie (erschreckt, beklommen)

Wen denn?

Lore

Vielleicht hat er sich eine aus Mailand mitgebracht, vielleicht — ach, wer kann wissen?

Marie (auf Lenchen weisend)

Und du meinst, daß auf'm Platz keiner was ahnt?

Lore

Die denken sich schon ihr Teil. Aber er tut ja doch mit allen, was er will ... Er ist mehr Herr auf dem Platz als der Polier. Da wagt keiner zu mucksen ... Und wenn er ihnen gar was vorsingt, was er da unten von den Weibern gelernt hat ... Darauf sind sie rein doll ...

Marie (träumerisch)

Ja, schön singt er! ... Ach, Lore, was bist du dumm! (aufschluchzend) Da spielt dein Kind! Dein Kind spielt da. Und du jammerst.

Lore (erschrocken)

Mariechen!

Marie (sich zusammenraffend)

Ach, es ist der Frühling ... Es ist der ... Der macht einen ganz ... Und du jammerst.

Lore (mit wehem Lächeln)

Ich jammer' ja auch nich.

Marie

Aber du schleichst 'rum und quälst dich mit deiner Schande. — Schande! Was ist Schande? ... Unser Leib ist ein Tempel ... Und Gebären ist Gottesdienst ... Nur wenn der Tempel im Bau verpfuscht wurde, dann ist es schlimm ... dann kommt der Frühling, und das Amselweibchen baut, und man selbst ist schon Ruine.

Lore

Du kannst auch noch glücklich werden, Mariechen.

Marie

Ich möcht' schon ... Aber wer wird vorliebnehmen mit mir? ... Und ich bin so mutig da drinnen! ... Ich möcht' was verpflanzen von mir in dich. Daß du den Kopf wieder hebst. — Nicht mehr wie 'n Stein bist in deinem Gram.

Lore (lacht bitter)

Marie (mit sich kämpfend)

Du — soll ich — reden mit ihm?

Lore

Du — mit ihm?

Marie (nickt)

Lore (ohne Hoffnung)

Ja, wenn du das willst. Aber noch nicht ... Wart lieber noch ... Vielleicht, daß er doch

Marie (stockend)

Es wird mir — ja nicht — leicht fallen ... Ich kenn' ihn ja auch kaum mehr — den großen Herrn ... Aber wenn man was sehr gerne will, dann wird man's doch auch — können. — Na, freut's dich gar nicht?

Lore

(die Hand mutlos vor die Stirne legend)

Ach! ... (Es klopft)

Marie

Herein!

Siebente Szene

Die Vorigen. Jakob Biegler

(Jakob Biegler: Mitte der Dreißig, sehr dürftig, doch nicht schmutzig gekleidet, Hose von grauem Bauernvelvet, vielfach geflickt und zu kurz. Altes, blankgewordenes Jakett, gleichfalls geflickt, darunter braune Strickweste. Defektes Schuhwerk. Wäsche nirgends zu sehn. — Gelbes, zermürbtes Gesicht mit scheuen Augen und kurzem, wildwachsendem Blondbart. Auftreten gedrückt, verhetzt, bisweilen in verzweifelte Rauheit umschlagend)

Biegler

Guten Morgen.

Marie

Sie wünschen meinen Vater zu sprechen?

Biegler

Herrn Zarncke — möcht' ich sprechen.

Marie

Heißen Sie Biegler?

Biegler (betroffen)

Ach so! — Sie wissen schon. Na — dann — (Macht eine halbe Wendung zur Tür)

Lenchen

(ist zu ihm gegangen und streckt die Hand empor)

Guten Tag!

Marie

(seinen Seelenzustand erkennend)

Mein Vater hat gesagt, wenn jemand mit Namen Biegler kommt, dann möcht' ich ihn rufen.

Biegler (erleichtert)

Ja, der bin ich.

Lenchen

Nu sag doch: Guten Tag.

Biegler

(sieht das Kind, ein leeres Lächeln geht über sein Gesicht. Er weiß nicht, was tun)

Lore (sie leise zurückrufend)

Lenchen!

Marie

Nehmen Sie's als gute Vorbedeutung, daß dies Kindchen Sie willkommen heißt.

Biegler

(sieht sie groß an, versteht nicht)

Erst — muß — ich — Herrn Zarncke — sprechen.

Marie (aufstehend)

Lore, klopf, bitte, im Vorbeigehn bei Vater an (leiser) und bring dem was zu essen. Er hat's nötig.

Lore (nickt)

Komm, Lenchen. (Mit dem Kinde ab)

Marie

Nehmen Sie so lange Platz, bitte.

Biegler

Ich kann auch stehen.

Marie (ab)

Achte Szene

Biegler. Dann Zarncke

Biegler

(alleingeblieben, wagt sich nicht zu rühren, nur seine Augen wandern umher)

Zarncke

(mit Bieglers Papieren in der Hand)

Guten Tag.

Biegler

(in straffer Haltung, wie er's im Zuchthause gewohnt war)

Melde Jakob Biegler.

Zarncke

Is gut, is gut. Sie sind hier nicht im Gefängnis. Der Verein zur Besserung entlassener Strafgefangener hat Sie mir zugeschickt. Stehen Sie unter seiner Fürsorge?

Biegler

Jawohl.

Zarncke

Wie lange sind Sie 'raus?

Biegler

Vier Monate zehn Tage.

Zarncke

Fünf Jahre haben Sie abgemacht?

Biegler

Jawohl.

Zarncke

Wegen was?

Biegler (schweigt)

Zarncke

Na — wegen was?

Biegler (auf die Papiere weisend)

Steht ja da drin.

Zarncke

(fixiert ihn, um sein Schamgefühl zu prüfen)

Da steht nur der Paragraph. Den kenn' ich nicht auswendig.

Biegler (verbissen)

Na, ich sprech's nich aus.

Zarncke

Dann werd' ich im Strafgesetzbuch nachsehn.

Biegler

Wenn Sie wollen.

Zarncke

(geht zum Bücherschrank, schlägt ein Buch auf und liest)

Hm. Schlimm. Schlimm.

Biegler

Schlimm. (Pause)

Zarncke

Na, wie is es denn gekommen?

Biegler

Wie das so kommt, wenn ein Weib dabei ist.

Zarncke

Aha ... Haben Sie's gut gehabt in Sonnenburg?

Biegler

Man war ja mit mir zufrieden.

Zarncke

Ersparnisse gemacht?

Biegler

Jawohl. Fünfundsechzig Mark fünfzig Pfennig.

Zarncke

Noch was da?

Biegler

Dann säh' ich nich so aus, Herr — Zarncke.

Zarncke

Hat der Verein Ihnen keine Arbeit besorgt?

Biegler

Zweimal haben sie mich aufs Land geschickt. Einmal als Hofgänger, das zweite Mal als Kuhfutterer.

Zarncke

Na — und?

Biegler (schweigt)

Zarncke

Ausgerissen?

Biegler (in erregter Verteidigung)

Ich hielt nicht aus. Ich — ich — ich —

Zarncke

Dann werden Sie auch bei mir nich aushalten.

Biegler

Ach, Herr Zarncke.

Zarncke

Hier steht: auf Ihre besondere Bitte schickt man Sie zu mir. Was wollen Sie gerade bei mir?

Biegler (schweigt)

Zarncke

Ja, wenn Sie nicht antworten ... Was sind Sie?

Biegler

(zaudernd, nach innerem Kampfe)

Steinmetz.

Zarncke

Ach so! — Darum! Hier steht doch — Arbeiter. (Sieht nach)

Biegler

Weil ich als Arbeiter gegangen bin.

Zarncke

Warum denn?

Biegler

Wer wird mich nehmen — als Steinmetz?

Zarncke

Sie hätten doch probieren können!

Biegler

Probiert hab' ich genug.

Zarncke

Und überall abgewiesen?

Biegler

Einmal wurd' ich eingestellt ... Zwei Tag' später kam's 'raus. Da lag ich schon auf der Straße.

Zarncke

Warum sind Sie denn nicht schon früher zu mir gekommen?

Biegler (schweigt)

Zarncke

Wußten Sie, daß ich Strafentlassene nehme?

Biegler

Ja, die Herren haben's mir gesagt.

Zarncke

Wollten Sie nich?

Biegler (zögernd)

Nein.

Zarncke

Warum nicht?

Biegler (erregt)