Straußenpolitik.
In politischen Reden kommt es nicht selten vor, daß der gegnerischen Partei vorgeworfen wird, sie treibe »Straußenpolitik«. Was darunter zu verstehen ist, weiß man allgemein. Seit alter Zeit herrscht nämlich der Glaube, daß der vom Jäger verfolgte Strauß in seiner Todesangst seinen Kopf in ein Gebüsch stecke und nun glaube, der Jäger sehe ihn nicht, weil er ihn auch nicht sehe. Man wirft also mit dem Ausdruck »Straußenpolitik« dem Gegner eine unglaublich törichte Handlung vor, indem er unangenehmen Situationen dadurch ausweiche, daß er sich verstecke oder sie einfach ignoriere, und nun glaube, sie existierten nicht mehr.
Es ist nun gewiß von allgemeinem Interesse zu erfahren, ob der Strauß denn in der Tat bei seiner Verfolgung sich so unglaublich dumm benimmt, oder ob hier, wie es so häufig geschieht, einem Tiere von dem Menschen Übles nachgeredet wird, das auf Unwahrheit beruht. Man denke z. B. an die Raben, die vortreffliche Eltern sind. Das hindert aber den Menschen nicht, besonders grausame Eltern als »Rabeneltern« zu bezeichnen (vgl. Tierfabeln S. 84).
Der leider so früh verstorbene Gouverneur von Wißmann hat in Afrika persönlich Strauße gejagt und nichts von der »Straußenpolitik« entdecken können. Da mich die Sache außerordentlich interessierte, so bat ich Herrn von Wißmann um nähere Auskunft über diesen Punkt. Mit größter Liebenswürdigkeit hat er mir eine ganze Reihe von Anfragen beantwortet und speziell bestätigt, daß die angebliche Versteckmethode des verfolgten Straußes weiter nichts als eine Fabel sei. Wie erklärt sich nun die Entstehung einer solchen Fabel?
Der erste, der die Erzählung von der merkwürdigen Methode des Straußes aufbrachte, ist wohl Diodorus Siculus gewesen, der zur Zeit des Cäsar und Augustus lebte. Wir lesen nämlich bei ihm folgendes: In Arabien gibt es Strauße (struthocameloi, wörtlich Straußkamele) die wie ihr Name andeutet, ein Mittelding von Strauß und Kamel sind. Das Tier geht auf zwei Beinen, die Füße sind zweizehig. Seiner Schwere wegen kann es nicht fliegen, dagegen läuft es schnell auf der Erde hin und berührt sie nur mit den Spitzen der Füße. Wird es von Reitern gejagt, so schleudert es mit seinen Füßen mit solcher Gewalt Steine gegen seine Verfolger, daß sie öfters schwer getroffen werden. Wird es von seinen Feinden eingeholt, so verbirgt es seinen Kopf in einem Busch oder sonstwo.
Plinius hat diesen Bericht übernommen und noch mit einigen Zusätzen versehen.
Was das Schleudern von Steinen gegen die Verfolger betrifft, so liegt hier unzweifelhaft ein Mißverständnis vor, wenn es als ein absichtliches Werfen aufgefaßt wird. Es kann natürlich leicht vorkommen, daß der flüchtende Vogel Sandballen oder Steine hinter sich schleudert und dann aus Zufall, nicht aus Absicht trifft. Übrigens besteht noch heute unter den Gemsenjägern dieselbe Verschiedenheit der Ansichten über den gleichen Punkt. Wird nämlich ein Jäger von einem Steine oder Felsstücke getroffen, das durch eine flüchtende Gemse in Bewegung gesetzt wird, so schwören die einen darauf, daß die Gemse absichtlich das Wurfgeschoß geschleudert habe, während andere in dem Getroffenwerden nur einen Zufall erblicken. Wenn also heute noch manche Menschen glauben, das verfolgte Tier schleudere gegen die Jäger Steine, so kann man sich absolut nicht wundern, daß im Altertum derselbe Glaube vom Strauße herrschte.
Die Versteckmethode hat man dem Strauß wohl deshalb angedichtet, weil bereits in der Bibel dieser Vogel als ein besonders dummes Geschöpf gilt. So heißt es bei Hiob, daß ihm Gott keinen Verstand mitgeteilt habe. Während andere die Vorsicht und Scheu des Riesenvogels rühmen, erklärt Brehm, daß er der Bibel beipflichten müsse.
Meiner Ansicht nach, berichtet er, gehört der Strauß zu den dümmsten, geistlosesten Vögeln, welche es gibt. Daß er sehr scheu ist, unterliegt keinem Zweifel: er flieht jede ihm ungewohnte Erscheinung mit eiligen Schritten, würdigt aber schwerlich die Gefahr nach ihrem eigentlichen Werte, weil er sich auch durch ihm unschädliche Tiere aus der Fassung bringen läßt. Daß er unter den klugen Zebraherden lebt und sich deren Vorsicht zunutze zu machen scheint, spricht keineswegs für seinen Verstand; denn die Zebras schließen sich ihm an, nicht er ihnen, und ziehen aus dem schon durch seine Höhe zum Wächteramte berufenen Vogel, welcher davonstürmt, sobald er etwas Ungewohntes sieht, bestmöglichen Vorteil. Das Betragen gefangener Strauße läßt auf einen beschränkten Geist schließen. Sie gewöhnen sich allerdings an den Pfleger und noch mehr an eine gewisse Örtlichkeit, lassen sich aber zu nichts abrichten und folgen augenblicklichen Eingebungen ihres schwachen Gehirns blindlings nach. Empfangene Züchtigungen schrecken sie zwar für den Augenblick, bessern sie aber nicht: sie tun dasselbe, wegen dessen sie bestraft wurden, wenige Minuten später zum zweiten Male; sie fürchten die Peitsche, solange sie dieselbe fühlen. Andere Tiere lassen sie gewöhnlich gleichgültig; während der Paarungszeit aber, oder wenn sie sonst in Erregung geraten, versuchen sie, an denselben ihr Mütchen zu kühlen und mißhandeln sie ohne Grund und Ursache, oft auf das abscheulichste. Ein männlicher zahmer Strauß, welchen wir besaßen, verwundete ein Weibchen, ehe er sich an dasselbe gewöhnt hatte, mit den scharfen Nägeln seiner Zehen gefährlich. Er schlug dabei immer nach vorn aus und zwar mit solcher Kraft und Sicherheit, daß er jedesmal die Brust der bedrängten Straußin entsetzlich zerfleischte. Uns fürchtete er ebensowenig wie die Tiere, und wenn er sich gerade in Aufregung befand, durften wir uns ohne die Nilpferdpeitsche in der Hand nicht auf den ihn beherbergenden Hof wagen. Niemals haben wir bemerkt, daß er zwischen uns oder Fremden unterschieden hätte; doch will ich damit nicht behaupten, daß er nicht nach und nach sich an eine bestimmte Persönlichkeit gewöhnen könne. Gern stimme ich mit Heuglin überein, wenn er sagt, daß sein ganzes Wesen das Gepräge von Hast und Eile trage, obschon er zuweilen auch längere Zeit wie träumend und gedankenlos ins Weite starre; entschieden aber muß ich meinem verstorbenen Freunde widersprechen, wenn er das Wesen auch als friedlich bezeichnet.
Hält Brehm demnach die Dummheit des Straußes nach seinen persönlichen Beobachtungen erwiesen, so sind unzweifelhaft noch eine Reihe von Umständen hinzugekommen, die den Riesenvogel für törichter erscheinen lassen, als er in Wirklichkeit ist. Dem gemeinen Mann muß doch ein Tier gewiß nicht als Ausbund der Weisheit erscheinen, das Flügel hat, aber trotzdem nicht fliegen kann. Hat doch deshalb Eucherius den Strauß mit einem Ketzer verglichen, der gewissermaßen die Flügel der Weisheit besitzt, aber von ihnen keinen Gebrauch macht.
Sodann liegen in der Nähe des Straußennestes häufig zertretene Eier, was sich nach Brehm folgendermaßen erklärt. Ein Hahn und mehrere Hennen pflegen gemeinsam ein Nest zu benutzen und zwar brütet das Männchen in der Hauptsache. Sitzt dieses nun bereits auf den Eiern und werden noch solche von einer Henne gelegt, so bleiben sie in der Nähe des Nestes liegen. In dieser Handlungsweise erblickte man im Altertum eine große Torheit. So heißt es bei Hiob vom Strauß: Der seine Eier auf der Erde lässet und läßt sie die heiße Erde ausbrüten. Er vergisset, daß sie möchten zertreten werden, und ein wild Tier sie zerbreche. Arabische Naturforscher behaupten sogar, daß der Strauß, wenn er ausgehe, um sich Nahrung zu suchen, und die Eier eines anderen Straußes finde, sich auf diese setze, sie ausbrüte, und darüber seine eigenen vergesse, weshalb der Strauß bei den Arabern Symbol der Dummheit sei, und sie das Sprichwort »dümmer als ein Strauß« hätten.
Schließlich mußte der Umstand sehr gegen die geistige Begabung des Straußes sprechen, daß er in der Gefangenschaft alles ihm Erreichbare hinabwürgt. Er scheint, sagt Brehm, einen unwiderstehlichen Hang zu besitzen, nach allem, was nicht niet- und nagelfest ist, zu hacken und es womöglich aufzunehmen und in den Magen zu befördern. Ein ihm vorgeworfener Ziegelbrocken, eine bunte Scherbe, ein Stein oder ein anderer ungenießbarer Gegenstand erregt seine Aufmerksamkeit und wird ebensogut verschlungen, als ob es ein Stück Brot wäre. Daß Strauße zu Selbstmördern werden können, indem sie ungelöschten Kalk fressen, steht mit meinen Beobachtungen im Einklange. Wenn wir in Chartum etwas verloren hatten, was für eine Straußenkehle nicht zu umfangreich und für den kräftigen Magen nicht zu schwach war, suchten wir regelmäßig zuerst im Straußenkote nach dem vermißten Gegenstande und sehr oft mit Glück. Mein ziemlich umfangreicher Schlüsselbund hat den angegebenen Weg, wenn ich nicht irre, mehr als einmal gemacht. Berchon fand bei Zergliederung eines Straußes in dem Magen Gegenstände im Gewichte von 4,228 Kilogramm vor: Sand, Werg und Lumpen im Gewichte von 3,5 Kilogramm und drei Eisenstücke, neun englische Kupfermünzen, eine kupferne Türangel, zwei eiserne Schlüssel, siebzehn kupferne, zwanzig eiserne Nägel, Bleikugeln, Knöpfe, Schellen, Kiesel usw.
Es liegt auf der Hand, daß man ein Geschöpf nicht als klug ansehen kann, das so wahllos alles hinunterschluckt. Hierbei hat man ganz übersehen, daß alle Hühner zu ihrer Verdauung harte Körper brauchen, und daß die Handlungsweise des Straußes wohl seltsam ist, aber eigentlich nicht so töricht, wie es zunächst den Anschein hat.
Die Jagd auf Strauße ist wegen der großen Schnelligkeit der Tiere nicht leicht. v. Wißmann schildert, wie er es nur besonderen Umständen zu verdanken hatte, einen von den verfolgten Straußen einzuholen. Auch Brehm bestätigt, daß das Wort der Bibel: Zu der Zeit, wann er hoch fähret, erhöhet er sich und verlachet beide, Roß und Mann, vollständig der Wahrheit entspricht.
Hat der Strauß, der im Gegensatz zu den meisten Hühnervögeln ein vortrefflicher Vater ist, Junge bei sich, so weiß er trotzdem Rat, wie wir aus dem vorhergehenden Kapitel wissen. Der bekannte Afrikareisende Schillings erzählt in seinem Werke: »Mit Blitzlicht und Büchse« einen ähnlichen Fall. Er schreibt nämlich: »Eine ganz besonders interessante Beobachtung zu machen, war mir im Jahre 1900 vergönnt. Ich folgte viele Stunden lang der Fährte einiger Löwen und geriet dabei plötzlich auf ein Straußennest, mit teils schon ausgekrochenen jungen Straußen, teils im Ausfallen begriffenen Eiern. Zu meinem Erstaunen hatten die Löwen anscheinend die jungen Strauße verschmäht. Nach genauester Inspektion der Fährten aber wurde ich eines besseren belehrt. Die alten Strauße hatten in der klaren Mondnacht offenbar die großen Katzen rechtzeitig wahrgenommen und sie, wie es untrüglich aus den Fährten hervorging, durch geschickt bewerkstelligte Flucht von dem bedrohten Neste hinweggelockt. Etwa hundert Schritte vor dem Neste waren die Löwen, plötzlich in weiten Sprüngen den Straußen folgend, flüchtig geworden, um, nach kurzer Zeit das Vergebliche der Verfolgung einsehend, in ihren gewöhnlichen Schritt zu verfallen. So war es den Straußen gelungen, ihre bedrohte Brut zu retten! Es war mir von höchstem Interesse, diese Beobachtung machen zu können, die mir einen Beweis lieferte, wie geschickt sich diese großen Erdbrüter vor ihren gefährlichsten Feinden zu schützen wissen.«
Schillings bestätigt also die gewiß nicht dumme Methode des Straußes, wenn Gefahr für die Jungen droht, die auch in diesem Falle wiederum Erfolg gehabt hat. Da ein Löwe außerstande ist, ein Pferd einzuholen, der Strauß aber noch schneller als ein Pferd ist, so konnten die Löwen selbstverständlich nur auf den Gedanken kommen, die Strauße zu verfolgen, wenn diese sich krank oder verwundet stellten. Nur dann hatte ihre Verfolgung Aussicht auf Erfolg.
Fassen wir das Ergebnis zusammen, so erklärt sich die Fabel von der »Straußenpolitik« dadurch, daß der Strauß in der Tat nicht sehr klug ist und infolge einer Reihe von seltsamen Handlungen noch dümmer erscheint, als er in Wirklichkeit ist. Bei Verfolgungen handelt er nicht unkluger als anderes Wild, und zur Rettung seiner Jungen wendet er eine, auch bei andern Hühnervögeln übliche, staunenswerte List an.