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Straußenpolitik

Chapter 13: Wittern die Geier Tierleichen?
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About This Book

This collection of short fables and natural-history essays uses anecdotes, observation, and critical commentary to examine animal behavior and common misconceptions. Topics range from supposed design flaws and adaptation to social instincts, domestication, parental deception, sensory abilities, mimicry of death, and recognition among species. Each piece blends storytelling with scientific reflection to question anthropomorphic judgments, clarify how form and habit suit ecological needs, and illustrate how observation and reasoning can correct popular myths about animals.

Wittern die Geier Tierleichen?

Der Glaube, daß die Geier ihre Nahrung, die fast ausschließlich in Tierleichen besteht, durch den Geruchssinn wahrnehmen, ist sehr alt. Bereits Plutarch schreibt: »Die Geier fliegen dem Geruche des Aases nach.« Plinius fügt noch etwas hinzu: nach ihm fliegen sie schon drei Tage zuvor an Plätze, wo es Leichen geben wird. Ebenso berichtet Älian: »Der Geier frißt das Fleisch toter Menschen und Tiere, hält auch bei dem Wache, der dem Tode nahe ist. Er folgt den Heereszügen und weiß mit prophetischem Geiste, daß es im Kriege Tote gibt.«

Wie dieser Glaube entstanden ist, liegt klar auf der Hand. Zunächst wissen wir, daß zahlreiche Tiere ein äußerst feines Geruchsvermögen besitzen, wie z. B. Hund, Fuchs, Igel usw. Warum sollte zu diesen Geschöpfen nicht auch der Geier gehören? Das müßte man um so eher annehmen, als alle Anzeichen dafür sprechen. Hier liegt ein totes Rind, und obwohl nirgends ein Vogel im blauen Äther zu entdecken ist, haben sich nach kurzer Zeit eine stattliche Anzahl von Geiern um den Kadaver versammelt. Da nun der letztgenannte Gerüche ausströmen läßt, die selbst unsern stumpfen Nasen schon aus weiter Entfernung höchst lästig fallen, so scheint es ganz klar zu sein, daß witternde Geschöpfe diese Leichen bereits in unglaublicher Entfernung wahrnehmen.

Weil dieser ganze Gedankengang einen höchst überzeugenden Eindruck macht, so hat man an der Wahrheit der Annahme im allgemeinen kaum gezweifelt. Auch heute ist die überwiegende Mehrzahl von ihrer Richtigkeit durchdrungen. Und doch ist sie grundfalsch, wie sich aus dem nachstehenden ergeben wird.

Schon vor 50 Jahren schrieb der ausgezeichnete Zoologe Lenz: »Genaue, in unserer Zeit angestellte Versuche haben gezeigt, daß die Geier nicht dem Sinne des Geruchs, sondern dem des Gesichts folgen, wenn sie Beute suchen.«

Aus welchem Grunde man überhaupt das feine Geruchsvermögen des Geiers bezweifelt hat, geht aus dieser Bemerkung nicht hervor. Ich bin der Überzeugung, daß Zweifel bis heute schwerlich aufgetaucht wären, wenn der Geier nicht zu den Vögeln gehörte. Für zahlreiche Jäger und Tierfreunde ist es nun längst eine ausgemachte Wahrheit, daß bei den Vögeln das Vermögen zu wittern nur in der Phantasie der bisherigen Beobachter existiert.

Ich habe in meinem Buche: »Ist das Tier unvernünftig?« ausführlich die Gründe dargelegt, weshalb eine feine Nase bei Vögeln ausgeschlossen ist. Dort führe ich auch an, daß bereits Brehm bestreitet, daß die Geier ihre Nahrung wittern. Er hält vielmehr ihr Auge für ihren wichtigsten und vorzüglichsten Sinn.

Zu demselben Resultate, daß sich die Geier lediglich durch das Gesicht orientieren, kommt neuerdings A. E. Bayer in »Hundesport und Jagd« auf Grund der sorgfältigen Beobachtungen, die von Fachleuten angestellt wurden.

»Was ist die Ursache der Geierversammlungen?« fragt Georg Byam, der diese Vögel in Mittelamerika jahrelang sehr genau kennen gelernt hat. »Liegt diese Ursache im Gesicht oder im Geruch? Viele achtbare Urteile haben sich allerdings für den Geruch entschieden, aber ich möchte dieser Meinung nicht ganz beistimmen und bin vielmehr der festen Überzeugung, daß das Urteil zugunsten des Gesichts gefällt werden muß. Ich will einige Beweise beifügen. Ein eben getötetes oder vor Erschöpfung gefallenes Tier kann unmöglich einen Geruch um sich verbreiten, und dennoch versammeln sich in wenigen Minuten häufig unzählige Geier an einer Stelle, wo vorher kein einziger zu sehen gewesen ist, und sie kommen nicht bloß aus der Richtung, nach welcher der Wind weht, sondern aus allen übrigen Gegenden. Ohne Zweifel verhält sich die Sache folgenderweise: Die Geier steigen gewöhnlich so hoch in die Luft empor, daß wir sie nicht mehr sehen können, aber ihr scharfes Auge erspäht sogleich das gefallene Tier, und derjenige von ihnen, der es zuerst erblickt, beginnt augenblicklich einen geraden, schnellen Flug nach der Stelle, wo es liegt. Sobald aber ein Geier schnell und in gerader Richtung sich fortzubewegen beginnt, folgen ihm alle anderen, die mit ihm in der Höhe schweben, und geben zugleich, indem sie der Beute näher kommen, durch ihre kreisförmigen Bewegungen in der Luft ein zweites Zeichen für diejenigen Geier, welche das erste nicht bemerkt haben. Ich glaube, es ist Waterton, der erzählt, daß er einst ein totes Tier sorgfältig unter Bäumen und Büschen verborgen hatte, daß aber trotzdem durch dessen Geruch die Geier aus ungeheurer Entfernung herbeigelockt worden wären. Ich habe dasselbe versucht, aber vielleicht war es Herrn Waterton unbekannt, daß die Geier die Hunde und Raubtiere beobachten und ihnen folgen. Während meines Aufenthaltes in Chile ertrank einst bei einem heftigen Regenguß ein Esel in einem Bach, über den man am nächsten Tage hätte hinwegschreiten können, ohne sich die Knöchel zu benetzen. Er wurde unter einen großen Baum gezogen und blieb dort zwei volle Tage liegen, ohne von den Geiern überfallen zu werden. Endlich entdeckten ihn einige Dorfhunde, und kaum waren sie eine halbe Stunde mit ihm beschäftigt, so hatte sich auch schon ein großer Schwarm von Greifgeiern versammelt, welche die Hunde vertrieben und den Esel in kurzer Zeit verzehrten. Dieser Fall spricht ganz und mehr wie jeder andere zugunsten des Gesichtes. Der hoch in den Wolken schwebende Vogel hatte mit seinem scharfen Auge die Hunde erspäht; er hatte augenblicklich seinen geraden Flug begonnen und war, begleitet von denjenigen seinesgleichen, die ihn beobachtet hatten, in kurzer Zeit zu der Stelle gelangt, wo die erwünschte Beute lag, die der Geruchssinn zwei Tage unbeachtet gelassen hatte. Ich halte das Gesicht für die eigentliche Ursache der Geierversammlungen, denn ich habe während eines sechsjährigen Aufenthaltes in Ländern, wo der Geier in Menge vorkommt, die Gewohnheiten dieser Tiere aufmerksam beobachtet und diese Meinung vollkommen bestätigt gefunden. Die ungeheure Höhe, zu welcher sie sich emporschwingen, gewährt ihnen einen weiten Überblick, während ihr scharfes Auge sie in den Stand setzt, ein totes Tier in unglaublicher Entfernung zu erspähen, und ihr Instinkt sie lehrt, die Bewegungen der Hunde und anderer fleischfressender Tiere, sowie den Flug ihres eigenen Geschlechts zu beobachten.«

Zu demselben Resultat kommt Sir Samuel Baker durch die reichen Erfahrungen, die er in den Nilländern gemacht hat. Er schreibt: »Man hat häufig die Frage aufgeworfen, ob der Geier durch den Geruchssinn oder durch die Schärfe des Auges zu seiner Beute geführt werde. Ich habe seinen Gewohnheiten viele Aufmerksamkeit geschenkt, und wenn es auch keine Frage sein kann, daß sein Geruch ein scharfer ist, so bin ich doch überzeugt, daß alle Raubvögel ihre Nahrung vermöge ihrer großen Sehkraft finden. Würde ein Geier blind, so müßte er verhungern, verstopfte man ihm aber nur die Nasenlöcher mit einem Stoff, der seinen Geruchssinn störte, so würde dies seine gewöhnliche Jagdart nicht wesentlich beeinträchtigen.«

»Wenn man die Gewohnheiten dieser Vögel beobachtet, so gibt es kein interessanteres Experiment, als ein totes Tier unter einem dichten Busch zu verstecken. Ich habe dies häufig getan, und immer bemerkt, daß die Geier es nicht finden, wenn sie nicht Zeugen seines Todes gewesen sind. War dies letztere der Fall, so fliegen sie bereits nach unten, während man den Körper versteckt, und werden ihn, wenn sie näher kommen, durch den Geruch entdecken. Tötet man ein Tier aber im dichten Grase, das acht bis zehn Fuß hoch ist, so finden die Geier es selten. Ich habe häufig die Erfahrung gemacht, daß die Körper großer Tiere, zum Beispiel Elefanten oder Büffel, tagelang im Schatten dichter Nabbukgebüsche lagen, ohne daß ein einziger Geier erschien. Wären sie sichtbar gewesen, so würden diese Vögel sie zu Tausenden besucht haben.«

»Die Geier und Marabustörche fliegen in ungeheuren Höhen. Ich glaube, daß jede Art ihre bestimmte Ferne hat, und daß die Luft regelmäßige Schichten von Raubvögeln enthält, die, in ihrer ungeheuren Höhe dem menschlichen Auge unsichtbar, beständig auf ihren ausgebreiteten Flügeln ruhen und in Kreisen umherschwebend die Welt unten mit Fernrohrkraft beobachten. Von ihren ungeheuren Höhen beherrschen die Raubvögel ein außerordentlich weites Gesichtsfeld, und obgleich sie von der Erde aus unsichtbar sind, so kann doch kein Zweifel bestehen, daß sie bei ihrem beständigen Kreisen einander sehen. Bemerkt also ein Vogel unten auf der Erde einen Gegenstand, so wird sein plötzliches Hinabschießen von jedem folgenden Geier bemerkt und nachgeahmt. Sieht ein Geier, welcher der Erde am nächsten ist, einen Körper, oder gewahrt auch nur, daß die Mäusefalken sich an einem bestimmten Punkt sammeln, so weiß er sogleich, daß es eine Beute gibt. Er schießt der Stelle zu und gibt dadurch den andern ein telegraphisches Signal, welches jedem Geier von einer Luftstation zur andern schleunigst mitgeteilt wird.«

»Wird ein Tier abgestreift, so lockt die nun rote Oberfläche des Körpers die Geier augenblicklich an. Dies beweist, daß ihr Gesicht und nicht ihr Geruch sie zu einem Gegenstand führt, der auf Blut schließen läßt. Ich habe sie häufig beobachtet, wenn ich ein Tier geschossen hatte und meine Leute den Prozeß des Häutens begannen. Hatte ich mich auf den Rücken gelegt und blickte in die blaue Luft, in der nicht ein Wölkchen schwamm, so war zuerst nicht ein Vogel zu sehen; aber kaum war die Haut halb abgezogen, so erschienen am Himmel Punkte und nahmen rasch an Größe zu. Von den benachbarten Büschen hat es mehrmals gekrächzt, die Mäusefalken sind dicht an meine Beute herangeflogen und haben einen Klumpen geronnenes Blut vom Boden weggeschnappt. Die Punkte haben sich zu beflügelten Geschöpfen vergrößert, die in der großen Höhe wie Fliegen aussehen, und jetzt höre ich hinter mir ein Rauschen, wie von einem Wirbelwind, und es stößt ein rotköpfiger Geier herunter, der mit eingelegten Flügeln vom Himmel hastig auf das blutige Mahl herabgefallen ist und dem viele seiner Brüder schnell folgen. Die Luft ist jetzt von schwarzen Punkten bis zu den fernsten blauen Tiefen lebendig geworden und von allen Strichen der Windrose eilen Flügel herbei. Zuletzt bildet sich ein Kranz von Geiern, die in weitem Kreise über uns schweben, denn sie zaudern, sich herunterzulassen, drehen sich aber beständig um den Gegenstand ihrer Begierde. Plötzlich erscheint der große Geier mit kahlem Halse. Das Tier ist abgehäutet worden und die Leute haben das beste Fleisch an sich genommen. Nun ziehen wir uns hundert Schritte vom Schauplatz zurück. Ein allgemeines Flattern und Herabfliegen findet statt, und Hunderte von hungrigen Schnäbeln zerren an dem Abgang. Der große Geier mit nacktem Halse fordert von dem Haufen Respekt, aber eine neue Form ist in der blauen Luft erschienen und kommt rasch herunter. Zwei lange, häßliche Beine, die unter den ungeheuren Flügeln herabhängen, berühren jetzt den Boden, und ›Abu Sin‹ — (›Vater des Schnabels‹, der arabische Name für den Marabu) ist angekommen, und stelzt hochmütig durch den Haufen, bahnt sich mit dem langen Schnabel einen Weg durch die kämpfenden Geier und nimmt den Löwenanteil des Mahls. Abu Sin, der letzte, aber nicht der kleinste, ist von den höchsten Regionen herbeigekommen, alle andern hatten vor ihm einen Vorsprung.«

Nach diesen sorgfältigen und einwandfreien Untersuchungen kann es nicht dem mindesten Zweifel unterliegen, daß die Geier und die Raubvögel überhaupt sich lediglich nach dem Gesichte richten. Denn sie kreisen, was nur bei einem Sehgeschöpf, nicht aber bei einem Nasentier einen Zweck hat, und kommen zu dem Aas in den verschiedensten Windrichtungen. Sodann fallen sie auf die Tierleichen, die noch nicht riechen, umgekehrt finden sie stinkendes Aas nicht, wenn es verborgen liegt. Hiermit vergleiche man, daß zum Beispiel der feinnasige Fuchs in unzähligen Fällen verscharrte Leichen ausgegraben hat.

Weil Vögel nicht wittern können, so erklärt sich daraus, daß man selbst den klügsten, zum Beispiel Kanarienvögeln, fremde, ja Elfenbeineier unterlegen kann. Nun verstehen wir auch, weshalb ein Falke, den Liebe besaß, Siegellack für rohes Fleisch hielt. Ähnliches berichtet Baker vom Mäusefalken. Er schreibt nämlich: »Dieser Vogel, dessen außerordentliche Kühnheit jedermann kennt, ist allgegenwärtig, und verläßt sich im allgemeinen auf sein Gesicht. Er stößt auf ein Stück rotes Tuch, das er für Fleisch hält, und beweist dadurch, daß er sich auf sein Gesicht mehr verläßt, als auf seinen Geruch.«

Würde wohl jemals ein Hund Siegellack oder ein rotes Tuch für rohes Fleisch halten?

Zum Schlusse möchte ich noch andeuten, wie sich die eingangs erwähnten Fabeleien der Alten, daß die Geier bereits einige Tage vorher den Tod eines Geschöpfes merken, ungezwungen erklären lassen. v. Wißmann erzählt folgendes Erlebnis von seinen afrikanischen Jagden:

»Als ich bei meiner ersten Durchquerung Afrikas, von Westen kommend, den Tanganika-See überschritten hatte, sah ich das erste Zebra in der Wildnis und erlegte es auch nach langem mühsamen Anpirschen. Diese Jagd ist mir wegen des Gebarens zweier Adler fest in der Erinnerung haften geblieben; langsam kroch ich auf Knien und Händen heran, was bei dem kurz abgebrannten Gras, von dem noch verkohlte, dicke, harte Stoppeln am Boden standen, sehr beschwerlich war, und hatte meine ganze Aufmerksamkeit auf die Zebras vor mir gerichtet, als ich plötzlich dicht über mir ein Rauschen hörte. Ein Schatten fuhr über mich dahin, und ich fühlte den Luftzug von den Flügelschlägen eines großen Adlers, der dicht über mir dahinschoß, und dem gleich darauf ein zweiter folgte. Die Räuber der Luft kreisten dann über mir und sausten dann über mich dahin, so daß mir der Gedanke kam, ob ich nicht lieber das Gewehr gegen die mächtigen Raubvögel wenden sollte. Offenbar hielten sie mich für ein krankes Wesen, das mühselig über den Boden kroch und für ihre Fänge eine willkommene Beute sei.«

»Erst als ich auf das Zebra schoß, das unterm Feuer zusammenbrach, überschlugen sich die beiden Adler vor Schreck und strichen dann eiligst davon.«

Hier sieht man wiederum ganz deutlich, wie sich die Raubvögel ganz allein nach dem Gesicht richten, denn daß ein gesunder Mensch keinen Kadavergeruch ausströmen kann, liegt auf der Hand. Aus solchen Vorfällen, wenn sich wirklich schwerkranken Menschen Geier und Adler näherten, haben aber sicherlich die Alten den Schluß gezogen, daß diese Tiere den herannahenden Tod im voraus merken.