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Straußenpolitik

Chapter 16: Das Wiedererkennungsvermögen bei Menschen und bei Tieren.
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About This Book

This collection of short fables and natural-history essays uses anecdotes, observation, and critical commentary to examine animal behavior and common misconceptions. Topics range from supposed design flaws and adaptation to social instincts, domestication, parental deception, sensory abilities, mimicry of death, and recognition among species. Each piece blends storytelling with scientific reflection to question anthropomorphic judgments, clarify how form and habit suit ecological needs, and illustrate how observation and reasoning can correct popular myths about animals.

Das Wiedererkennungsvermögen bei Menschen und bei Tieren.

Die Verfolgung von Verbrechern ist eine Hauptaufgabe der Kriminalpolizei, kaum jemals aber wurde so eifrig nach Mördern recherchiert, wie in der letzten Zeit. Da es sich um besonders gefährliche Patrone handelte, so nahm das Publikum an dieser Suche regen Anteil. Es verging wohl kaum ein Tag, an dem man nicht in seiner Zeitung lesen konnte:

Diese oder jene Person erkannte den Festgenommenen mit Bestimmtheit als den Mann wieder, der sich an dem betreffenden Tage durch sein Benehmen verdächtig gemacht hatte.

Wir wissen aus Erfahrung, wie häufig Irrtümer in der Rekognoszierung von Personen vorgekommen sind, selbst wenn die Zeugen ihre Aussagen beschworen und mit der größten Bestimmtheit gemacht haben. Deshalb wird auch kein erfahrener Polizeibeamter oder Richter ohne weiteres einer solchen Angabe Glauben schenken.

Nicht selten ist es vorgekommen, daß Tiere, die bei der Verübung eines Mordes zugegen waren, namentlich Hunde, später die Entdeckung des Mörders durch ihr Gebaren herbeiführten, indem sie ihn wütend anfielen.

Der Hund des Aubry, der unsern Goethe zur Niederlegung der Leitung des Hoftheaters veranlaßte, ist ja allgemein bekannt. Aber schon im Altertum finden wir Berichte ähnlicher Art. So erzählt Plutarch beispielsweise folgendes: Als König Pyrrhus mit seinem Heere marschierte, fand er einen Hund, welcher den Leichnam eines Gemordeten bewachte. Er erkundigte sich näher und erfuhr, daß der Hund schon drei Tage bei seinem erschlagenen Herrn verweilte, ohne einen Bissen zu fressen. Der König befahl, den Toten zu begraben, den Hund aber mitzunehmen und zu verpflegen. Wenige Tage darauf ward das Heer gemustert und defilierte vor dem König. Nicht weit von diesem saß der Hund und verhielt sich ganz ruhig. Unter den Soldaten befanden sich aber die Mörder seines Herrn, und als er diese bemerkte, schlug er laut an und stürzte sich wütend auf sie los, wobei er sich oftmals nach dem Könige umsah. Jetzt entstand Verdacht gegen die Mörder; es ward Befehl erteilt, sie zu ergreifen; und da noch andere Beweise ihrer Schuld hinzukamen, gestanden sie den Mord und wurden bestraft. —

Vom Standpunkte des Kulturmenschen aus wird man über eine solche Rekognoszierung von Verbrechern durch Tiere lächeln und folgendermaßen philosophieren: Schon der Naturmensch steht unendlich höher, als das unvernünftige Tier, noch höher der Kulturmensch, am höchsten diejenigen Menschen, die in den Brennpunkten der Kultur wohnen, also die Großstädter. Wenn sich nun schon der letztgenannte erfahrungsgemäß beim Wiedererkennen häufig irrt, so ist es direkt lächerlich, auf das Gebaren der Tiere das geringste Gewicht zu legen. — Ist diese Deduktion zutreffend?

Ich wurde auf diese Frage wiederum hingewiesen, als ich kürzlich einem Vortrag zuhörte, den Dr. Heinroth, langjähriger Assistent unseres Berliner Zoologischen Gartens, über seine Beobachtungen an gefangenen Tieren gehalten hat. Hierbei kam er nämlich auch auf das Wiedererkennungsvermögen der Tiere zu sprechen, und führte zum Beispiel folgendes an: Junge Wildenten, die eben aus dem Ei gekrochen sind, unterscheiden bereits nach ganz kurzer Zeit ihre Mutter unfehlbar von anderen Entinnen. Versucht man ein Entenkücken, das seine Mutter verloren hat oder in einer Maschine ausgebrütet ist, bei gleichaltrigen Genossen unterzubringen, so wird es von allen Geschwistern überfallen und eventuell getötet.

Dr. Heinroth, der einer unserer vortrefflichsten Tierkenner ist, erklärte, daß er hier vor einem Rätsel stände, für das ihm jedes Verständnis fehlte. Kein Mensch sei imstande, unter zwanzig Entenmüttern eine bestimmte herauszufinden. Wohl bemerkt, handelt es sich hier um Wildenten, die im Gegensatz zu unseren zahmen Enten alle ganz gleich aussehen. Noch viel weniger sei aber ein Mensch imstande, gleichaltrige Kücken zu unterscheiden. Eine solche Leistung bringe jedoch bereits eine Ente im Alter von zwei Tagen mit unfehlbarer Sicherheit fertig.

Die Tatsachen an sich waren mir nicht neu. Ich kann auch das Erstaunen des Vortragenden nicht teilen, und zwar aus folgenden Gründen:

Wir Kulturmenschen werden durch unser Denken viel zu sehr von dem Betrachten äußerlicher Dinge abgezogen, während der einfache Mann sich ihm ganz widmen kann.

Ferner kommt die Macht der Übung hinzu. Man vergleiche hierzu: Ist das Tier unvernünftig? S. 78.

Daß reine Naturvölker auf diesem Gebiete dem Kulturmenschen unendlich überlegen sind, kann nur der bestreiten, der sich nicht belehren lassen will. Wenn diese Überhebung des Kulturmenschen nicht bestände, so hätten wir sicherlich nicht so viele schmerzliche Verluste in Südwestafrika erlitten.

Mag in Indianerbüchern manches übertrieben sein, das bleibt unbestritten wahr, daß die Sinne der Naturvölker schärfer und ihre Beobachtungsgabe größer ist. Ein Gelehrter, dessen Name mir entfallen ist, schilderte, daß ihn auf seinen Reisen seine Frau in Männerkleidern begleitete, ohne daß ihr Geschlecht bei Kulturvölkern jemals erkannt wurde. Bei einem Naturvolke durchschaute man jedoch sofort die Täuschung. Bei den Tieren ist das im gleichen Maße der Fall. Die meisten Hunde erkennen zum Beispiel allein am Tritt, ob ein Fremder oder ein Bekannter die Treppe hinaufkommt. Einen Kulturmenschen, der das gleiche mit seinen Ohren leisten kann, wenn der Kommende ein Durchschnittsmensch ist, also natürlich weder knarrende Stiefel trägt noch humpelt u. dgl., habe ich noch nicht kennen gelernt.

Dabei entwickelt sich diese Unterscheidungsfähigkeit bei Tieren schon wunderbar früh. Folgender Fall, der hierfür beweisend sein dürfte, ist mir im Gedächtnis geblieben.

Die Wirtin, bei der ich als Student wohnte, hatte einen jungen Hund geschenkt bekommen, der eben erst entwöhnt war. Er machte noch einen recht stupiden Eindruck und lag in einer Sandkiste im Hinterzimmer.

Um dieselbe Zeit erhielt ich von einem auswärtigen Freunde die Nachricht, daß er mich in den nächsten Tagen besuchen und bei mir, wie bereits früher, übernachten wolle, was denn auch geschah.

Am anderen Tage brachte ich meinen Freund, der weiter fahren wollte, zum Bahnhof. Bei meiner Rückkehr erzählte mir meine Wirtin, daß sie in der Nacht durch das Winseln des Hundes aufgewacht sei und, da es nicht aufhörte, vermutet habe, dem Tiere fehle etwas. Sie sei daher aufgestanden, habe aber nichts finden können, was sein Benehmen erklärte. Trotzdem sei der Hund nicht zu beruhigen gewesen, bis sie schließlich auf den Gedanken gekommen sei, mein Freund sei angekommen. Da sie sehr zeitig schlafen gegangen sei, hatte sie von unserem Kommen nichts gehört. Ihre Annahme, der Fremde veranlasse das Winseln des Hundes, erwies sich auch als zutreffend, denn sowie er fort war, hörte es plötzlich auf.

Mit der Familie der Wirtin waren wir Mieter zusammen sechs Personen in der Wohnung. Der Hund war noch nicht eine Woche in der neuen Behausung, und schon unterschied er am Schritt, ob eine Person, die nicht dort wohnte, angekommen war.

Wenn ein Hund, der eben erst entwöhnt ist, eine solche Leistung vollbringt, so kann ich mich nicht wundern, daß eine junge Ente mit ihren Augen ähnliches leistet.

Täglich kann man ja derartiges beobachten. Wie schwer ist es nicht für uns zu unterscheiden, ob ein Kanarienvogel, ein Stieglitz usw. ein Männchen oder ein Weibchen ist. Den Vögeln selbst muß aber diese Unterscheidung keine Schwierigkeit bereiten, denn sie irren sich niemals. Man denke an die zahllosen Vogelberge, wo es uns unerklärlich ist, woran sich die Ehegatten wieder erkennen.

Wer da weiß, wie schwer die einzelnen Raubvogelarten zu unterscheiden sind, der hat sich gewiß schon oftmals gewundert, daß Hühner oder Schwalben und andere Vögel bei den ihnen ungefährlichen Raubvögeln sich ganz ruhig verhalten, dagegen sofort in Aufregung geraten, falls ein gefürchteter Feind auf der Bildfläche erscheint. Der Uhu vor der Krähenhütte erkennt selbst am Tage bereits einen drohenden Gegner — er wirft sich dann auf den Rücken —, wenn das schärfste Menschenauge noch nichts wahrzunehmen vermag.

Es scheint sogar, als wenn junge Enten, die nicht imstande sind, ihre Geschwister und ihre Mutter von anderen zu unterscheiden, wie verkrüppelte getötet werden. Wenigstens spricht für diese Annahme folgender Fall, der sich vor einigen Jahren im Berliner Tiergarten abspielte, wo viele Wildenten brüten.

Bei dem knappen Raum ereignete es sich, daß zwei Schofe sich begegneten, und die Kleinen der beiden Mütter durcheinander gerieten. Trotzdem fand jedes Entchen sofort seine richtige Mutter. Nur eine kleine Ente irrte sich einen Augenblick und schwamm einige Schritte weit mit der fremden Mutter mit. Sobald sie ihren Irrtum bemerkt hatte, kehrte sie schleunigst zu den ihrigen zurück. Und was geschah nun? die eigene Mutter war so erbost, daß sie das Kleine packte und ertränkte.

Zum Erstaunen über das Wiedererkennungsvermögen junger Enten dürfte also nach den obigen Ausführungen kein Anlaß vorliegen. Der Kulturmensch steht leider auf dem unglückseligen Standpunkt, den schon die alten Griechen eingenommen haben, daß nämlich eine Malerei, die Menschen täusche, vollkommener sei, als eine solche, die Tiere irritiere. Daß das nicht unbedingt richtig ist, haben wir soeben gesehen.