Schämen sich manche Tiere?
Die meisten Menschen werden die Frage, ob Tiere sich schämen können, entschieden bejahen. Sie werden darauf hinweisen, daß bei Jägern, die doch in gewissem Sinne die besten Hundekenner sind, die wenigstens am meisten Gelegenheit haben, die Seele dieses anhänglichen Vierfüßlers zu beobachten, Redensarten wie: »Pfui, Hekter, schämst du dich gar nicht!« etwas ganz Alltägliches sind. Auch Darwin und Perty nehmen an, daß hochentwickelte Tiere Scham besitzen. Trotzdem will es mir scheinen, daß diese Annahme auf sehr schwachen Füßen steht, und ich möchte in nachstehendem meine Ansicht näher begründen.
Zunächst ist es einleuchtend, daß man Scham nicht mit Schuldbewußtsein verwechseln darf. Daß das letztgenannte hochentwickelte Tiere besitzen, davon bin ich überzeugt, und ich werde dafür später einige Beispiele anführen. Ein Verbrecher kann sehr wohl wissen, daß er Unrecht begeht, braucht sich deswegen aber noch lange nicht zu schämen. Ebenso ist Ärger und Scham zweierlei; es ist ärgerlich, wenn man als armer Teufel geboren ist, aber man braucht sich dessen nicht zu schämen. Wenn man es trotzdem tut, so liegt falsche Scham vor, denn Voraussetzung einer jeden wahren Scham ist immer der Gedanke, daß man es anders oder besser hätte machen oder unterlassen können. In meinem Buche: »Ist das Tier unvernünftig?« habe ich darauf hingewiesen, daß wir den Tieren kein Gefühl unterschieben sollen, das wir nicht bei Naturvölkern und Kindern antreffen. Nun ist es sicherlich bei den Naturvölkern recht zweifelhaft, ob der Begriff der Scham in unserem Sinne bei ihnen vorhanden ist. Kinder lernen jedenfalls das wirkliche Schämen verhältnismäßig spät, weil es etwas künstlich Anerzogenes ist.
Wenn mein Hund gegen das Verbot auf dem Sofa gelegen oder genascht hat, und ich rufe ihm zu: »Aber pfui, was hast du getan?« so gewährt er das bekannte Bild, daß er sich furchtsam niederkauert und, mit dem Schwanze wedelnd, mich bittend ansieht. Ist das nun Scham, oder ist es Angst vor Schlägen? Das letzte ist zunächst das Wahrscheinliche.
Ähnliche Fälle sind folgende. Hunde, z. B. Pudel, denen der hintere Teil des Körpers geschoren ist, pflegen diese Partie gern zu verstecken. Es heißt dann allgemein: Seht, wie der Hund sich schämt! In Wirklichkeit dürfte der Hund frieren und sich vor Kälte zu schützen suchen.
Bekannt ist es ferner, daß Hirsche, die ihr Geweih abgeworfen haben, sich selten sehen lassen, sich vielmehr im dichtesten Gestrüpp aufhalten. Viele nehmen auch hier an, der König der Wälder schäme sich, sich ohne seine Krone in der Öffentlichkeit zu zeigen. Viel näher und begründeter ist die Ansicht, daß das Tier sich infolge seiner geringen Wehrhaftigkeit nicht so sicher fühlt wie sonst und deshalb Verstecke bevorzugt.
Für die Annahme, daß Tiere sich schämen, werden mit Vorliebe gewisse Handlungsweisen der großen Raubtierarten, insbesondere der Löwen angeführt. Es ist in unzähligen Fällen beobachtet worden, daß speziell die Katzenarten nach einem Fehlsprunge das beschlichene Wild nicht weiter verfolgen. Auch hier war man mit dem Urteile schnell bei der Hand. Der König der Tiere schämt sich, daß er den Sprung nicht richtig bemessen hat. Auch in diesem Falle liegt ein großer Irrtum vor, wie sich aus dem folgenden ergeben wird. Ich habe in meinem Buche eingehend dargetan, daß man zwischen Lauf- und Schleichraubtieren unterscheiden muß. Zu den erstgenannten gehören die Hundearten, zu den zweitgenannten die Katzen. Die Schleichraubtiere sind fast alle Kletterer, aber keine ausdauernden Läufer. Umgekehrt sind die Laufraubtiere vorzügliche Läufer, aber keine Kletterer. Der Löwe gehört zu den Katzen, und als solcher kann er einen schnellfüßigen Pflanzenfresser durch ausdauerndes Laufen nicht einholen. Es wären wohl alle Antilopenarten ausgerottet, wenn sie von den großen Katzen nicht nur beschlichen werden könnten, sondern — falls sie sich vor einer Überlistung durch ihre Vorsicht bewahrt hatten — nicht einmal fähig wären, sich durch die Flucht zu retten. Daß der Löwe bei einem Fehlsprunge nur deshalb nicht an Verfolgung denkt, weil er nicht so schnellfüßig ist, wie das beschlichene Tier, ersieht man daraus, daß er unter Umständen nochmals springt. Es kommt nämlich manchmal vor, daß das verfolgte Tier einen Weg einschlagen muß, der eine Krümmung aufweist, z. B. weil er durch eine gewundene Schlucht führt. Dann schneidet der Löwe die Krümmung ab und versucht den Sprung nochmals. Denn durch den kürzeren Weg besteht naturgemäß für ihn die Möglichkeit, ein Geschöpf einzuholen, obwohl es ihm an Schnelligkeit überlegen ist.
Der ausgezeichnete Tierbeobachter Loewis erzählt von seinem zahmen Luchs Lucy einen Vorfall, der anscheinend beweist, daß trotzdem Katzenarten Schamgefühl besitzen. Er schreibt nämlich folgendes:
»Sein Ehr- und Schamgefühl war ebenfalls nicht unbedeutend entwickelt. Aus den Fenstern des Gutsgebäudes beobachtete ich eine eigentümliche, das Gesagte dartuende Szene. Der große Teich war im November mit einer Eisdecke belegt, nur in der Mitte war für die Gänseherde ein Loch ausgehauen worden und von der schnatternden Schar dicht besetzt. Mein Luchs erblickte dies mit lüsternen Augen. Platt auf die Eisdecke gedrückt, schiebt er sich nur rutschend weiter heran, mit seinem Schwänzchen vor Begierde hastig hin und her wedelnd. Die wachsamen Nachkommen der Kapitolsretter werden unruhig und recken die Hälse bei der drohend nahenden Gefahr. Jetzt duckt sich unser Jagdliebhaber, und wie ein Schleudergeschoß fliegt mit gespreizten Pranken im Bogen mitten in die erschreckte Sippe der grimme Feind, nicht ahnend, auf welch trügerischem Element die heißersehnte Beute ruht. Statt mit jeder Tatze eine Gans zu erfassen, klatscht der Luchs ins kühle Naß; denn alles Federvieh war rasch zum Loche hinausgesprungen oder geschwind untergetaucht. Jetzt gab ich die auf dem spiegelhellen Eise verwirrten Gänse als verloren auf; aber statt nun leicht Herr über die armen Vögel zu werden, schlich triefend, mit gesenktem Kopfe, Scham in jeder Bewegung zeigend, nicht rechts und links schauend, mitten durch die Wehrlosen der Luchs sich fort und verbarg sich auf viele Stunden an einem einsamen Platze. Hunger, Jagdlust und angeborene Blutgier konnten die Beschämung über den verfehlten Angriff nicht unterdrücken.«
Haben wir nicht in diesem Falle einen deutlichen Beweis, daß auch ein Tier sich schämen kann? Von anderer Seite ist hiergegen geltend gemacht worden, der Luchs habe sich nicht geschämt, sondern er sei nur deshalb trübselig davongeschlichen, weil ihm das kalte Bad höchst unwillkommen gewesen sei. Nun ist es ja richtig, daß die Katzen im allgemeinen keine Freunde des Wassers sind. Aber auch unser Hinz scheut ein Bad keineswegs, wenn es gilt, sich einen guten Bissen für sein Mäulchen zu verschaffen. So beobachtete ich im verflossenen Frühjahre folgendes. Im Schilfe eines Sees machten sich ein Paar Sperlinge eine Liebeserklärung. Die Katze eines benachbarten Gehöftes wurde durch das laute Gezeter aufmerksam und schlich sich lautlos an das Liebespärchen heran. Plötzlich machte sie einen gewaltigen Sprung — allerdings daneben — und sauste in das Wasser. Angenehm schien ihr das Bad auch nicht zu sein, aber wenn ein Haustier das kalte Wasser nicht scheut, so wird es ein frei lebendes erst recht nicht tun. Nun bedenke man, daß Luchse vorwiegend Bewohner kalter Zonen sind. Wie Loewis berichtet, schlief sein Luchs selbst im kranken Zustande freiwillig auf dem Dache bei einer Kälte von 10 bis 12 Grad. Ein solches Tier soll, wenn es ins kalte Wasser kommt, deswegen tieftraurig sein? Das glaube ich nimmermehr.
Ich sehe hier vielmehr wiederum einen Fall der Gewohnheit vorliegend. Der wilde Luchs, der im Freien nach einem Vogel, also einer wilden Gans oder Ente springt und sie nicht erhascht, weiß, daß er sie niemals mehr bekommt. Der Vogel fliegt dann davon und ist für ihn verloren. Daß zahmes Geflügel nicht ordentlich fliegen kann, ist dem Luchs sicherlich nicht bekannt, denn ich habe niemals etwas davon gehört, daß er wie Fuchs, Marder, Iltis unserm Hausgeflügel nachstellt.
Ich möchte nur daran erinnern, daß auch Menschen in neuen, ihnen ungewohnten Verhältnissen in ähnlicher Weise handeln. So las ich von einem deutschen Jäger folgendes Erlebnis aus Südrußland. Er war mit seinem Hunde, den er an der Leine führte, auf die Jagd gegangen. Unerwartet kamen ihm plötzlich Trappen zu Schuß, die sonst wegen ihrer Scheuheit schwer zu beschleichen sind. Er legte auf einen Hahn an, fehlte ihn jedoch. Ärgerlich über sein Mißgeschick erzählte er später seinem Wirt sein Erlebnis. Dieser fragte ihn, warum er denn nicht seinen Hund auf die Trappen losgelassen hätte? Der Deutsche sah ihn ganz erstaunt an, denn Trappen können bekanntlich, wenn sie auch vorher einen Anlauf nehmen müssen, ganz gut fliegen. Sein Wirt setzte ihm auseinander, daß bei der herrschenden Witterung — es war gerade Rauhreif gefallen — Trappen nicht fliegen können und von einem schnellen Hunde leicht eingeholt werden.
Hier hat also der deutsche Jäger genau so wie der Luchs gehandelt. Beide waren ärgerlich und verstimmt über ihr Mißgeschick und beide dachten nicht daran, daß sie nachträglich noch zu einer Beute gelangen konnten, denn in den bisherigen, ihnen bekannten Verhältnissen war eine solche Möglichkeit ausgeschlossen.
Wenn ich somit bezweifle, daß die Tiere ein Schamgefühl besitzen, so gehen m. E. diejenigen zu weit, die ihnen das Ehrgefühl und namentlich das Schuldbewußtsein absprechen. Ich bin vielmehr davon durchdrungen, daß manche hochorganisierten Tiere solches besitzen. Da gewöhnlich das Vorhandensein eines Schuldbewußtseins bei Tieren bestritten wird, so möchte ich hierfür einige Beispiele anführen.
Der Hund einer meiner Tanten z. B. ist durchaus kein besonders kluges Tier, aber ein Schuldbewußtsein kann man ziemlich häufig bei ihm feststellen. So soll er sich nicht auf den besten Teppich legen, was er mit Vorliebe tut, da er am dichtesten und wärmsten ist. Gewöhnlich klimpert er mit seiner Hundemarke und einem Schlüssel, die beide an seinem Halsbande hängen, so laut wie ein Schäfchen mit einem Glöckchen, schleicht er sich aber zu dem gedachten Teppich, so weiß er so zu gehen, daß er nicht das geringste Geräusch erregt.
Noch drastischer sind folgende Fälle. Milne Edwards erzählt, daß ein Haushund, der sehr blutdürstig war und Schafe erwürgte, alle Nächte an die Kette gelegt wurde. Er vermochte aber sein Halsband über den Kopf abzustreifen, worauf er aufs Feld lief, ein Schaf erwürgte, dann aber regelmäßig nach einem Bache lief, um den blutigen Rachen abzuwaschen. Hierauf eilte er vor Tagesanbruch auf den Hof zurück, wo er mühsam den Kopf durch das Halsband zwängte und dann sich schlafen legte, damit man nicht in ihm den Verbrecher entdeckte. — Ein Hund in Berlin hatte besondere Neigung, im nahen Garten sein Wesen zu treiben, obwohl ihm verboten war, dorthin zu gehen. Er ging oft frühmorgens auf einem Umwege durch den Keller dahin; wurde er gerufen, so kam er nicht durch die Gartentüre herbei, sondern schlich durch den Keller nach seiner Hütte und aus derselben ganz langsam hervor, als wenn er eben erst vom Lager aufgestanden wäre.
Selbst Ziegen haben ein sehr feines Gefühl für Recht und Unrecht. Brehm erzählt von den Ziegen seiner Mutter folgendes: Meine Mutter hält Ziegen und achtet sie hoch, ist deshalb auch um ihre Abwartung sehr besorgt. Sie kann sofort erfahren, ob ihre Pfleglinge sich befriedigt fühlen oder nicht; denn sie braucht nur zum Fenster heraus zu fragen, so erhält sie die richtige Antwort. Vernehmen die Ziegen die Stimme ihrer Gebieterin und fühlen sie irgendwie sich vernachlässigt, so schreien sie laut auf, im entgegengesetzten Falle schweigen sie still. Genau so benehmen sie sich, falls sie unrechtmäßigerweise gezüchtigt werden. Wenn sie einmal in den Garten geraten und dort mit ein paar Peitschenhieben von den Blumenbeeten oder Obstbäumen weggetrieben werden, vernimmt man keinen Laut von ihnen; wenn aber die Magd im Stalle ihnen einen Schlag gibt, schreien sie jämmerlich.
Am überzeugendsten aber dürfte der Fall sein, den Schomburgk mitteilt und den Brehm wiedergibt: In der tierkundlichen Abteilung des Pflanzengartens von Adelaide wurde ein alter Hutaffe mit zwei jüngeren Artgenossen in demselben Käfige gehalten. Eines Tages griff er, übermütig geworden durch die grausam gehandhabte Beknechtung seiner Mitaffen, vielleicht auch beeinflußt von der herrschenden heißen Witterung, seinen Wärter an, gerade als dieser das Trinkwasser für die gefangenen Affen erneuern wollte, und biß ihn so heftig in das Handgelenk des linken Armes, daß er nicht nur alle Sehnen, sondern auch eine Schlagader schwer verletzte und dem Manne ein längeres Krankenlager zuzog. Sofort, nachdem mir dies gemeldet worden war, verurteilte ich den Schuldigen zum Tode, und früh am folgenden Morgen nahm ein anderer Wärter ein Gewehr, um meinen Befehl auszuführen. Ich muß erwähnen, daß Feuerwaffen in der Nähe der Käfige sehr oft gebraucht werden, um Katzen, Ratten usw. zu vertilgen; die Affen haben sich daran so gewöhnt, daß sie weder einer Flinte halber, noch wegen des Abfeuerns derselben im geringsten sich beunruhigen. Als der Wärter dem Käfige sich näherte, blieben die beiden jüngeren Affen wie gewöhnlich ruhig auf der Stelle; der verurteilte Verbrecher dagegen floh in größter Eile in den Schlafkäfig und ließ sich durch keinerlei Lockungen und Überredungskünste bewegen, hervorzukommen. Das gewöhnliche Futter wurde gebracht: er sah, was er früher nie getan hatte, ruhig zu, daß die Gefährten fraßen, bevor er selbst seinen Hunger gestillt hatte, und erst, als der Wärter mit dem Gewehre sich so weit vom Käfige zurückgezogen hatte, daß er von ihm nicht mehr gesehen werden konnte, kam er vorsichtig und ängstlich hervorgekrochen, ergriff etwas von dem Futter und lief in größter Eile in den Schlafkäfig zurück, um es dort zu verzehren. Nachdem er zum zweitenmal herausgekommen war, um sich ein anderes Stück Brot zu sichern, wurde die Tür seines Zufluchtsortes rasch von außen geschlossen; als der arme Schelm nunmehr wiederum den Wärter mit der Todeswaffe auf den Käfig zukommen sah, fühlte er, daß er verloren sei. Zuerst stürzte er sich wie wahnsinnig auf die Tür des Schlafkäfigs, um sie zu öffnen; als ihm dies aber nicht gelang, stürmte er durch den Käfig, versuchte durch alle Lücken und Winkel zu entwischen, und warf sich, keine Möglichkeit zur Flucht entdeckend, am ganzen Leibe zitternd, auf den Boden nieder und ergab sich in das Schicksal, welches ihn schnell ereilte. Seine beiden Genossen zeigten keine Spur von Aufregung und blickten ihm voll Erstaunen nach.
Die Geschichte ist vollständig wahr und liefert ein bemerkenswertes Beispiel für die Fähigkeit des Affen, Wirkung und Ursache zu verbinden.
Muß man somit bezweifeln, daß die Tiere ein Schamgefühl besitzen, so kann man ihnen doch nicht gut das Schuldbewußtsein absprechen.