Die angebliche Nervosität der Tiere.
Bei dem Hasten und Jagen, das der heutige Kampf ums Dasein mit sich bringt, ist es kein Wunder, daß ein großer Teil der Bevölkerung nervös ist. Weil die geistige Arbeit naturgemäß das Gehirn am meisten anstrengt, und in der Großstadt der Wettbewerb sich am fühlbarsten geltend macht, so ist die Nervosität des großstädtischen Kopfarbeiters beinahe typisch geworden. Da der Mensch sehr geneigt ist, nach verwandten Erscheinungen in der Tierwelt zu spähen, so scheint es dem Großstädter gar nicht auffallend zu sein, daß auch Tiere nervös werden. So durchlief vor einiger Zeit die Zeitungen folgende Nachricht: Zebras als Reit- und Zugtiere. Aus London wird berichtet: Im Londoner zoologischen Garten macht man jetzt Versuche, zwei Zebras zu zähmen, damit die Kinder darauf reiten können. Eine große Erfahrung im Zähmen von Zebras hat der Hon. Walter Rothschild, der bereits in den Straßen Londons mit einem Gespann von vier Zebras gefahren ist. Er zweifelt nicht daran, daß man zum Ziel gelangen wird, und er erzählte einem Berichterstatter: Vor drei oder vier Jahren zähmte ich vier Zebras, aber das waren die wilden, kleinen südafrikanischen Tiere, die viel unbändiger wie die Grevy oder abessinischen Zebras im Zoologischen Garten sind. Sicherlich stoßen und beißen die Zebras zunächst sehr wütend, aber ich fand, daß sie das alles aus Furcht taten. Alle Pferdearten sind von Natur nervös, und das Zebra ist von allen am furchtsamsten. Erst muß man die Tiere überzeugen, daß sie nichts zu fürchten haben; dann lassen sie einen näher kommen und sich anfassen. Wissen sie erst, daß es gefahrlos ist, so haben sie es sogar gern, aber sie kommen nie ganz über ihre natürliche Nervosität hinweg! Auch der Afrikareisende Oberst Fred Baillie schließt sich dieser Meinung Rothschilds an. Da er schon seit längerem davon überzeugt war, daß sich das Zebra als Last- und Zugtier eigne, erwarb er eine Konzession auf 60000 Acres Land mitten in Britisch-Ostafrika. Dort hat er die britische »Ostafrikanische Zebra-Ranch« errichtet, deren Hauptquartier in Nairobi und deren Zweiggeschäft in London ist. Wer jetzt also einen Auftrag gibt, kann nach einem halben Jahre gut dressierte gelehrige Zebras bekommen, die einspännig oder zweispännig gehen. Baillie glaubt, daß das Zebra besonders als Lasttier eine große Zukunft haben wird. Auch die indische Regierung stellt jetzt Versuche mit Zebras an, um sie zu militärischen Transporten zu gebrauchen. Der schlimmste Fehler der Zebras ist, daß sie ihren Reiter in die Beine beißen. Dagegen schützt man sich am besten durch ein stählernes Schutzblech, und wenn das Zebra erst einmal danach geschnappt hat, wiederholt es den Versuch nie wieder. — Baron Rothschild ist sicherlich ein ausgezeichneter Kenner der Zebras, aber ist seine Behauptung richtig, daß diese von Natur nervös sind?
Von unsern Pferden wird ja allgemein gesagt, sie seien nervös, und da wäre der Gedankengang vielleicht der, daß sie, wie manche Kulturtiere, im Laufe der Zeit degeneriert seien. Aber das frisch eingefangene Zebra, das bisher als freies Tier in den afrikanischen Ebenen hauste, kann doch unmöglich an einer Kulturkrankheit leiden! Arbeiten denn unsere Pferde mit dem Kopf! Gewiß nicht, am allerwenigsten das Zebra in der Freiheit. Sind unsere Kühe und Schweine nervös? Das Gegenteil scheint eher der Fall zu sein, auch habe ich noch niemals von einer derartigen Behauptung etwas gehört. Wie finden wir den Schlüssel zu einer Erklärung für die angebliche Nervosität des Pferdes und seiner wilden Stammesgenossen? Es ist merkwürdig, daß wir geschichtliche Forschungen vielfach da treiben, wo sie herzlich gleichgültig sind, umgekehrt sie aber da unterlassen, wo sie unbedingt erforderlich sind, nämlich zum Verständnis der Tierwelt. Wir werden das Verhalten eines Tieres niemals begreifen, wenn wir uns nicht in seine frühere Lage als freies Tier hineinversetzen. Auch in der Tierwelt ist selbstverständlich der Kampf ums Dasein überaus heftig. Die Raubtiere haben Hunger und wollen von den Pflanzenfressern leben, letztere verspüren aber wenig Neigung, sich ohne weiteres verspeisen zu lassen; was tun sie also? — entweder fliehen sie oder sie verteidigen sich. Die Pflanzenfresser zerfallen also in wehrhafte (vgl. mein Buch: »Ist das Tier unvernünftig?« S. 39) wie Nashorn, Rind, Wildschwein, Elch, Gorilla, Pavian usw. und in fliehende wie Pferd, die meisten Antilopen, Hirsch, Reh, Schaf usw. Fliehende habe ich die letztgedachten Pflanzenfresser genannt, weil sie im allgemeinen fliehen. Das schließt natürlich nicht aus, daß sie nicht bloß untereinander, sondern auch gegen kleine Feinde kämpfen. So geht der Hengst mutig auf den einzelnen Wolf los, die Ricke vertrommelt Reineke mit den Läufen, falls er Appetit auf ihr Kitz bekundet usw. Auch die Raubtiere zerfallen in zwei Klassen, nämlich Laufraubtiere, die durch ausdauerndes Laufen ihre Beute einholen, z. B. gewisse Wolfsarten, wilde Hunde, Hyänenhunde usw., oder Schleichraubtiere, wohin alle Katzenarten gehören, also Löwe, Tiger, Leopard, Luchs usw. Da das anhaltende Laufen eine langweilige Sache ist, so ist es auch einem Laufraubtier, wie z. B. dem Wolf, sehr lieb, wenn er einen Pflanzenfresser beschleichen kann.
Es liegt nun auf der Hand, daß die Gedanken eines fliehenden und eines wehrhaften Pflanzenfressers grundverschieden sein müssen. Wird der erstgenannte von einem Raubtier überfallen, so ist er gewöhnlich rettungslos verloren, der zweite dagegen nur dann, wenn er seine Waffen nicht gebrauchen kann. In unzähligen Fällen hat z. B. der riesenstarke Kafferbüffel einen Löwen, der ihm auf den Rücken gesprungen war, wieder abgeschüttelt — möglicherweise ihn sogar totgetrampelt. Der Tiger muß seinen Angriff auf einen Wildeber oft mit dem Leben bezahlen. Rind und Schwein wissen sich also zu wehren, und deshalb sind sie wenig furchtsam, geschweige denn nervös. Dagegen ist das Pferd als fliehender Pflanzenfresser von Natur furchtsam, aber durchaus nicht nervös. Ein Spion, z. B. ein Indianer, der sich im feindlichen Lande befindet und überall Umschau hält, bei jedem Laute zusammenfährt, ist mit Recht furchtsam, aber doch nicht nervös. Genau ebenso ist es mit dem Verbrecher. Der nervöse Kulturmensch erschrickt grundlos bei Geräuschen, kann überhaupt andauernden Lärm nicht vertragen; der Spion, der Verbrecher, der fliehende Pflanzenfresser erschrecken aus triftigen Gründen. Wissen sie sich in Sicherheit, so können sie die ohrenbetäubendste Musik, die einen krankhaft nervösen Menschen rasend machen würde, mit Wonne anhören. Pferde können sich fortwährend an dem Rasseln ihrer Ketten erfreuen, Brüllaffen, die ebenfalls fliehende Pflanzenfresser sind, berauschen sich an einer Musik, die selbst einen normalen Menschen zur Flucht treibt. Zebra wie Pferd sind also im medizinischen Sinne absolut nicht nervös, sie sind nur mit Recht furchtsam, weil sie sich ihr ganzes Leben lang beständig vor ihren Feinden in acht nehmen müssen. Der Hauptfeind des Zebras ist der Löwe, der Leopard wagt sich im allgemeinen nur an junge. Beide Schleichraubtiere sind ständig auf ihren Fersen und erspähen die Gelegenheit, ein Tigerpferd zu überfallen. In den Tränken lauert das Krokodil, schließlich muß noch des schlimmsten Feindes, des Menschen, gedacht werden. R. Böhm und v. Wißmann heben besonders hervor, daß der Löwe beständig die Zebras verfolgt. Letzterer schreibt: Der grimmigste Feind des Zebras scheint der Löwe zu sein, und dieser Umstand mag der Grund hierfür sein, daß sie beim Erscheinen des Feindes so kopflos werden, daß das große Raubtier sich schon auf ein Stück geworfen hat, bevor sich die Herde zur Flucht entschließt.
Bedenkt man, daß die Voreltern unseres Pferdes stets in dieser ständigen Angst vor einem Überfall gelebt haben, so ist uns das Verhalten unseres wertvollsten Haustieres um vieles verständlicher. Sehr wichtig ist die alte Regel: man soll in keinen dunkeln Stall treten, ohne das Pferd vorher angesprochen zu haben; es soll wissen, ihm droht kein Feind, damit es nicht aus Angst losschlägt, denn seine natürlichen Waffen gegen geringere Raubtiere, d. h. also Hufe und Gebiß, wird es selbstverständlich zur Anwendung bringen. Unser Pferd hat im allgemeinen verlernt, sich mit dem Gebiß zu verteidigen. Nur die Maulkörbe bei einzelnen Pferden zeigen uns, daß hier der Ahnen Waffen noch in Ehren gehalten werden. Einen interessanten Kampf zwischen einem Hauspferde und einem Tarpan, d. h. einem wilden oder verwilderten Pferde schildert Gmelin. Ein Tarpan erblickte einmal einen zahmen Hengst mit zahmen Stuten. Nur um die letztern war es ihm zu tun; weil aber der erste nicht damit zufrieden sein wollte, so gerieten beide in heftigen Streit. Der zahme Hengst wehrte sich mit den Füßen, der wilde aber biß seinen Feind mit den Zähnen, brachte es auch, aller Gegenverteidigung ungeachtet, so weit, daß er ihn tot biß und sodann seine verlangten Stuten mit sich nehmen konnte. — Daß das Zebra beißt, ist also etwas ganz Naturgemäßes; es muß ihm das ebenso mit der Zeit abgewöhnt werden, wie wir es bei unsern Pferden gemacht haben, indem wir z. B. die bissigsten von der Zucht ausschlossen. Vergegenwärtigt man sich die fortwährende Angst eines fliehenden Pflanzenfressers vor einem plötzlichen Überfall, so wird uns folgender Vorfall, der unlängst in der Deutschen Jägerzeitung veröffentlicht wurde, durchaus verständlich.
Ein seltsames Vorkommnis. Am Sonntag, den 28. Februar, mittags gegen 12 Uhr, ging ich an meinem Waldrande entlang. Etwa 150 bis 200 Gänge vor mir stand auf dem Roggenschlage eine Ricke mit zwei Schmalrehen; die Rehe ließen sich, da hier sehr vertraut, gar nicht durch meine Anwesenheit stören. Ich blieb stehen, um sie zu beobachten. In diesem Augenblicke strich vom Walde her eine Krähe über mir fort. Schleunigst das Gewehr von der Schulter gerissen und Dampf auf die Graue gemacht! Es war sehr hoch. Entschieden hatte die Krähe aber etwas abbekommen; sie strich in der Richtung auf die Rehe weiter. Ich beobachtete sie, gleichzeitig sah ich aber auch, daß die drei Rehe nach mir hinäugten. Plötzlich verendete die Krähe hoch oben in der Luft und fiel gerade zwischen die Rehe, und zwar unmittelbar neben dem einen Schmalreh kam sie zur Erde. Nun geschah etwas ganz Unerwartetes. Das eine Schmalreh war zur Erde gestürzt und lag regungslos. Die Ricke aber und das andere Schmalreh machten einen riesigen »Schlußsprung auf der Stelle«, blieben dann mit vorgestreckten Köpfen stehen und äugten entweder die Krähe oder das liegende Schmalreh an. Nach etwa einer Minute — solange dauerte die Erstarrung, wie ich es nennen möchte, — kam das Schmalreh auf die Läufe, und alle drei Rehe nahmen den Waldsaum an, und zwar mit langen Fluchten. Auf etwa zwei Schritte vor mir wechselten sie in den Wald. Was mag nun wohl die Ursache gewesen sein, daß das eine Schmalreh zur Erde stürzte? Was war ferner wohl die Ursache, daß mich die Rehe, nachdem sie mich doch kurz vorher angeäugt hatten, gewissermaßen annahmen? Vielleicht hat einer der Weidgenossen schon etwas Ähnliches erlebt und erzählt es uns.
Nach unsern Ausführungen dürfte die Erklärung nicht schwer sein. Auch das Reh ist ein fliehender Pflanzenfresser, und seine Vorfahren sind bei uns jahrtausendelang in steter Angst gewesen, daß sie ein Luchs oder ein Wolf plötzlich überfällt. Selbst Reineke soll sich an lagernde Rehe wagen. So begreift man denn, daß jeder ungeahnte Fall eines Körpers ein Reh aufs äußerste erschrecken kann. Diese große Angst hat sie auch veranlaßt, auf den Beobachter zuzulaufen. Aus demselben Grunde sind auch unsere Stubenvögel bei jeder plötzlichen Bewegung der Hand sehr erschrocken. Auch sie wissen zu gut aus Erfahrung, daß in der Freiheit die kleinen Schleichraubtiere, wie Katzen, Marder, Iltis, Wiesel usw., beständig einen Überfall gegen sie planen.
Wie anders benimmt sich ein wehrhafter Pflanzenfresser, z. B. ein Stier, gegen seine Feinde. v. Wißmann schildert z. B. folgenden Vorfall, den er mit seinem Reitstier in Afrika erlebte: Er war ein mutiges Tier, das die Witterung keines großen Wildes aus der Fassung brachte. Hatte er sich doch einmal losgerissen und, bei Nacht aus dem Lager ins Freie stürmend und in einen dicken Busch einbrechend, nach der Fährte zu rechnen, einen sehr starken Leoparden oder eine Löwin unter wütendem Gebrüll in die Flucht geschlagen.
Unser Ergebnis ist also folgendes: Keines von unsern Haustieren ist nervös, soweit es sich nicht um kranke, verzärtelte oder überzüchtete Exemplare handelt, Rind und Schwein nicht einmal furchtsam. Pferd und Zebra bekunden jedoch die ihnen durch Jahrtausende eingeprägte, durchaus berechtigte Furcht vor einem Überfall durch Schleichraubtiere.