1913
Alle Liebe zu Tolstoi wird doch nur eine andere Liebe noch steigern: die zu — Dostojewski.
Schriftstellerei ist heute vielfach nicht wichtiger zu nehmen, als daß, sagen wir, heute jedermann Kakao trinken kann, während es früher nur die Reichen konnten.
Nietzsche
1896
Es gibt kaum eine größere Gefahr für einen Menschen wie mich, als Nietzsche zu lesen. Es ist wie ein Wühlen im Schmerz meines eigenen Unwerts.
Nietzsche's herrliche Natur, die in einer wahrhaft ehrwürdigen Bescheidenheit und einer Frömmigkeit zur Kultur anfänglich immer sagt: Möchten andere es besser machen als ich.
87Ein ganzes Leben in Denken aufgelöst, im Wort sichtbar geworden, strömt vor unsern Augen, aus geheimnisvollen Gründen hervorbrechend, in undurchdringliches Dunkel sich verlierend.
‚Also sprach Zarathustra!‘ — wie? wenn dieser Kehrreim mit einem gewissen Auguren-Lächeln gelesen und geschmeckt werden müßte. Wenn er eine feine Parodie auf jene Schlußphrasen wäre, womit noch jeder ethische Neuerer bisher seine Sätze gesiegelt, ein anderes ‚Amen! Amen!‘, eine Schluß- und Banngeberde, feierlicher Schauer voll für den Gläubigen, für den Auguren aber nur ein Lächeln mehr … Wie beginnt doch die fröhliche Wissenschaft? …
1897
Man sieht Nietzsche ins Auge und weiß, wo das Ziel der Menschheit liegt.
1905
Wer mit Nietzsche denkt, ‚widerspricht‘ sich auch mit Nietzsche. Wer sich an seinen ‚Widersprüchen‘ stößt, hat nie mit ihm gedacht (noch mehr: gefühlt) — ist nie mit ihm geflogen.
Ein philosophisches System zu verstehen, erfordert schließlich ein Maß von Intellekt, nichts weiter. Einen leidenschaftlichen Wegsucher aber wie Nietzsche begreift man nicht bloß als kluger Kopf; man muß ihm noch obendrein ein bißchen — verwandt sein.
88Gewiß, es gibt Züge, die ich Nietzsche, dem Menschen, verarge — aus Liebe. Nur kleine Züge, aber ich verstehe sie nicht an ihm — oder vielmehr: ich würdige nicht genug die Tiefe des Leids, in welche dieser Geist getaucht wurde, als er unter der Last seiner Gedanken, seiner Einsamkeit und seiner Krankheit zugleich, ein ebenso furchtbares wie großes Menschenopfer, zusammenbrach.
‚Also sprach Zarathustra‘ — Nietzsche selbst hätte diesen Titel und diesen Refrain in früheren Jahren streng abgelehnt. Es ist die Tragik dieses Buches, manchmal nicht mehr gefaßt und katonisch genug zu sein.
Ad Zarathustra — Vorrede.
1. Wo gäbe es einen größeren tieferen Prolog eines Schicksals! Wo ist das Gleichnis und die Anrufung, diesem Bilde und diesem Gebet an Würde, Heiterkeit und Tiefe gleich?
2. Ein Waldidyll voll milder Abendsonne, als Weg zur Wendepunkt-Wahrheit aller irdischen Kultur. Man kann hundertmal über diese Schlußworte hinweggesprungen zu sein meinen, bis man eines Tages erkennt, daß sie ein Berg sind, den man vielleicht nie ganz erklettern wird und von dem aus Zarathustra die Wasser gen Osten und gen Westen hat fließen sehn.
1906
Es wird mir immer gewisser, daß Nietzsche überall da versagt, wo er sich bewußt oder unbewußt der Eitelkeit seines Geistes hingegeben hat. Hätte er diesen 89polnisch-romanischen Zug nicht gehabt, er stände oft noch viel größer da. Es gibt keinen schlimmeren Fluch für einen Denker, als sich seinem Volk gegenüber als Schriftsteller verpflichtet zu fühlen. Wenn einer Denker geworden ist, das heißt ein Mensch, dem das Nachdenken über menschliche Probleme zur inneren Leidenschaft und Lebensaufgabe geworden ist, so ist er auch ganz von selbst genug Schriftsteller, seine Gedanken mitzuteilen.
Aber freilich, Nietzsche war vor allem ein Kämpfer. Er war ein Weiser aus der Kriegerkaste, nicht aus der der Priester.
Vielleicht hätte er im zweiten Teile seines Lebens auch noch die Milde der Weisheit ausgeströmt, nach ihren Blitzen auch ihre Wärme.
Der Zarathustra ist bei allen Einzelheiten unbestreitbarer Größe eines der schlechtesten Bücher, die es gibt. Er ist weder ein Volksbuch noch ein Buch für Verwöhnte und Einsame, es ist ein Mischmasch von Grandiosem und Banalem, inhaltlich wie im Vortrag. Ein Vordrängen, ein Aufdrängen persönlicher Stimmungen, ein kategorisches Erledigen von Dingen, deren ‚kategorische Erledigung‘ immer nur eine ‚niaiserie‘ bleibt, ein Spiel mit dichterischen Bildern und Gleichnissen, das oft groß und tragisch, öfter noch fast unbeherrscht und geschwätzig wirkt. Ein Buch, das nur durch Reduktion seiner Reden auf etwa 12–20 zu dem klassischen zu machen wäre, was es zu sein wünscht.
Unglückselige kleine Zeit, du hast auch auf ihm, deinem Größten, gelastet.
901907
Nietzsches Lehre von der ewigen Wiederkunft: Man halte ihren biologisch-ethischen Grundgedanken sowie die Lehre vom Übermenschen gegen Kants kategorischen Imperativ, und sie werden ihm an ideeller Großartigkeit nichts nachgeben und als leidenschaftlicher Appell an die menschliche Armee in demselben Verhältnis zu ihm stehen, wie zum einfachen ‚ich erwarte, daß heute jeder seine Pflicht tut‘ das grandiose ‚Soldaten, vierzig Jahrhunderte blicken auf Euch herab!‘
Nietzsche war nur ganz, wenn er ganz er selbst war (soweit man sich so ausdrücken darf). Sobald er sich ins Schlepptau nehmen ließ, wurde er ein Schriftsteller unter Schriftstellern und nicht einmal immer ihr erster. Und er wurde manchmal nicht nur an- sondern noch mehr mitgeregt.
Ich kann damit nichts anfangen, — Nietzsche sei vor allem ein großer Künstler, ein großer Stilist, Artist gewesen. Was heißt das, vor allem. Was macht denn den großen Stil, wenn nicht der Mensch von überragendem Rang, der geborene Führer und Schöpfer? Und wo Nietzsche das nicht war — und er vergaß manchmal seinen Rang und führte weder noch schuf — da taugte auch sein Stil nichts, da war er auch nur ein Manierist seiner selbst.
Nietzsche, die große Antithese seiner Zeit.
Beim Vorlesen einiger Nietzschescher Aphorismen: — Geistige Austern. 91Man kann Nietzsche aus zehn Zeilen erkennen lernen und aus zehn Büchern — verkennen.
Welch ein unnützes Geschwätz, Nietzsche habe die napoleonische Natur deshalb vor allem geliebt, weil er selbst keine gewesen sei. Herr Müller also ist ein Napoleon, weil er die Napoleons — nicht liebt.
1910
Nietzsche, der Pole, der als Deutscher tief ward.
Nietzsche konnte mit den bisherigen fünfsinnlichen Erkenntnismitteln den Menschen nicht verstehen. Drum erfand er sich seinen Über-Menschen. Er ward damit der letzte große deutsche Philosoph — ante Christum natum. Er war, um in seiner Manier zu reden, der letzte — Ante-Christ.
1911
Nietzsches Schicksal war, über den Trümmern des komischen Bildungsphilisters als tragischer zu sterben. Nietzsche starb an der ‚Bildung‘. Und mit ihm werden alle sterben, die mit seiner Seele nicht zu zittern wissen, die nur an seinen Geist glauben.
1912
Daß Künstlerschaft und Könnerschaft untrennbar sind, das versteht sich von selbst. Aber das, worauf es heute, wie immer, ankommt, ist, wer da spricht und was — nicht nur wie — gesprochen wird. Ist Nietzsche nicht einer unserer ersten Stilisten? Und dennoch blieb er in höherem Sinne unfruchtbar. Ich wäge meine Worte, 92denn wenn je einer, habe ich Nietzsche erlebt. Und nicht in mir war er unfruchtbar. Aber ich weiß auch, worin er lange Zeit mein Höchstes war: in seiner Größe als Mensch; nicht in der, ach nur allzu zeitgemäßen, Art seiner Philosophie. Die war Abendröte, nicht Morgenröte und wer von ihr aus weiter schreitet, der wandelt in die — Nacht.
93Theater
1905
Wer sich mit der Materie einläßt, wird von ihr erschlagen. (Zu R.'s Dekorationskampf.)
Es fehlen im Bilde unserer heutigen Kritik nicht die kunstrichtenden, sondern schlechtweg die richtenden Geister.
1906
Kein Dramatiker kann wissen, was ein Schauspieler aus seinen Worten machen wird. Er mag sie so einfach setzen, wie er will — dieser wird sie vielleicht ganz in Leidenschaft tauchen und so gerade ihren feinsten Gehalt verändern; er mag sie so leidenschaftlich gemeint haben, wie er mag, dieser wird vielleicht nie im Leben bis zur Schwelle wahrer innerlicher Hingerissenheit gelangt sein. Der Schauspieler ist der Räuberkünstler par excellence. Aber oft auch ist der Räuber größer als der Beraubte und der Schatz des Wanderers erst wundervoll, wenn, der ihn erschlug, damit zu abenteuern beginnt.
Wenn ich Schauspieler wäre, würde ich mir für mein Studierzimmer zunächst einen riesigen Spiegel anschaffen. Vor ihm würde ich täglich mindestens zwei Stunden verbringen und meinem Körper eine Geschmeidigkeit anzüchten, die mir später gestattete, auch die leiseste Gemütsbewegung in unwillkürliche Sichtbarkeit umzusetzen. Ich würde mich dabei nicht in malerische oder zeichnerische Ideen verlieren, o nein, ich würde die Seele ganz allein Herr sein lassen und ihr, ihr allein, meine Glieder dienstbar machen. Unmittelbare 94Übertragung dessen, was mich bewegte, wäre mein Ziel, so daß man nicht einen Körper und einen Geist zu sehen vermeinen sollte, sondern nur eins. Ich würde keinen andern Stil als den wahren Ausdruck meines Innenlebens haben wollen, aber freilich die Art meines Innenlebens wäre bereits der Stil, den ich will. Er wäre, meiner Natur entsprechend, zugleich lebhaft und maßvoll. Er wäre, wie ich hoffen dürfte eindringlich, nicht aufdringlich. (Ich rede hier fast lediglich von der Darstellung moderner Menschen.) Des weiteren würde ich folgendes tun: Ich würde mich nach Empfang meiner Rolle in die darzustellende Person zu verwandeln suchen. Ich würde wochenlang in allen Situationen als sie herumgehen, das heißt in ihrer Kleidung, mit ihrem vermutlichen Gehaben, mit ihrem Charakter, ihren Gewohnheiten. Dazu gehört allerdings eine eiserne Natur, aber des Schauspielers Kunst wird nicht genug bezahlt, daß er sich wie ein Krieger mit allem nur möglichen Raffinement wider das Zerstörende seines Berufes wappnen kann, gesetzt er braucht seine Mittel zum Kampf ums Ziel und nicht zum Behagen. Hätte ich pathologische oder Verbrechernaturen darzustellen, so würde ich, wie Hermann Müller es gelegentlich tut, Irrenhäuser, und wie's Richard Vallentin vor dem Nachtasyl machte, Kaschemmen aufsuchen. Die Moskauer sollen sich wochenlang in Dörfern aufgehalten haben, bevor sie ein Stück mit Bauern spielten. Das nenne ich, auf die Eroberung des Andern, das wir nicht sind, aber der Kunst halber einmal sein wollen, losgehen; das möchte ich vielleicht mit dem Namen praktischer Dualismus bezeichnen.
95Mag sein, daß ich nichts von alledem täte, wenn ich Schauspieler wäre, das heißt natürlich auch meiner ganzen Veranlagung nach, nicht nur nominatim, Schauspieler; aber nun, da ich bin, was ich bin, glaube ich, ich würde das tun, wenn ich das wäre.
1907
Man mag das Wort ‚Schmiere‘ zu seiner Bildung zum Theaterkritiker brauchen, aber es wird von wahrer Urbanität zeugen, wenn man es später jemals wieder zu brauchen — ablehnt.
Wenn es einem Kritiker Freude macht, sich einen Schaffenden im Sinne eines Schöpfers zu nennen, so soll man ihm die Freude lassen. Der liebe Gott wird dann schon einmal zu ihm sagen: ‚Schaffe eine Maus,‘ — ‚O nein,‘ wird der Kritiker antworten, ‚so ist nicht die Gabe meines Schaffens. Gib mir ein Nashorn oder ein Känguruh, so will ich dir sagen, was ich daran falsch und was ich daran richtig finde, und auch sonst werde ich noch manches zum Thema sagen, was vielleicht interessanter ist als das ganze Känguruh oder das ganze Nashorn,‘ — ‚Ja, ja,‘ wird der liebe Gott sagen, ‚das mag wohl sein, aber wenn ich nun so klug gewesen wäre wie du — was hätte ich dann wohl anfangen sollen? Wie hätte ich die Welt wohl aus mir heraussetzen sollen, wenn ich erst etwas bereits Herausgesetztes hätte vorfinden müssen, um mich an ihm herauszusetzen, oder anders ausgedrückt, um daran in deiner Weise schöpferisch zu werden?‘
96Wenn einer vorliest! was denkst, was fühlst du da alles! … aber weil du (auch) zuhörst, so wirst du ein Zuhörer geheißen. Als ob dich das erschöpfen könnte: „der ‚Zuhörer‘ war ganz ergriffen“ — O gewiß, aber vielleicht nicht bloß als Zuhörer.
Der Klang der Stimme (z.B.) hatte dich vielmehr an einen Winterabend erinnert, an dem einmal jemand zu dir gesagt hat: ‚Das also hast du vor, diesen Weg willst du gehen!‘ .. Aber das kümmert den wenig, der vorliest. Er ‚liest vor‘ und du ‚hörst‘ zu. Ich möchte, daß du daraus ersiehst, wie armselig es ist, wenn man dich beispielsweise im Theater einfach als ‚Zuschauer‘ bezeichnet und behandelt. Jawohl, du schaust freilich (auch) zu, aber daneben — was ist alles daneben noch möglich — was begibt sich alles in dir noch daneben. Wir sollten uns alle wider den Bann solcher Wörter sträuben. Es ist, als bände uns einer eine starre Maske mit nur einem Gesichtsausdruck vor, aber die Maske ist nur suggeriert — erwachen wir doch und erkennen, daß wir auch im Theater nicht Zuschauer allein sondern unendlich viel mehr, nämlich durch keine Bezeichnung zu erschöpfende Wesen sind, und daß wir daher auch im Theater alles erleben dürfen, was ein Mensch nur immer geistig erleben kann, und nicht nur, was ein ‚Zuschauer‘ erleben darf. Aber wir sind so über und über im Bann von Bezeichnungen, daß wir aus lauter Pflichtgefühl ihnen zu entsprechen, keinen freien Gedanken mehr zu denken wagen, und nach einem innerlich noch so reichen Theaterabend dennoch von einem verlorenen Abend reden zu müssen glauben, weil wir als ‚Zuschauer‘ nicht ganz auf die Kosten gekommen sind. —
971908
Zum Gastspiel des Moskauer Künstlertheaters.
Nicht nur das Volk, auch die Kritiker haben dem Zauber der Russen — und nicht nur Stanislawskis — nicht widerstehen können, warum wohl? Weil von den Russen das ausging, was in den Deutschen heute höchstens als Privatsache, aber nicht als Unterton ihres ganzen nationalen Lebens lebt: Liebe, Liebe zu einander, zu uns, zu ihren Dichtern, wortlose, unausgesprochene, uneingestandene aber selbstverständliche Liebe. Es gibt kein anderes Wort, höchstens daß man noch sagte: innere Religiosität. Hieraus quoll die letzte Schönheit dieser Künstler. Und zu ihr könnten auch wir uns hinankämpfen und hinanleiden, wenn wir nicht mit kaltem Kritizismus, mit Theorien, Wunsch-Luftspiegeleien aufeinander loshackten, sondern verstehend und liebend einander zu fördern, einander zu steigern, einander zu vervollkommnen suchten.
Es ist nur sehr viel leichter zu wünschen und von Großem, wie es sein müßte, zu reden, als im Gegebenen sich zu bescheiden und die großen Faktoren sich nutzbar zu machen, die das lebendige Leben um einen herum enthält. Da muß man freilich etwas mehr guten Willen haben und nicht gleich ungeduldig in Bausch und Bogen verwerfen, wenn man nicht just in den Punkten, in denen man gern befriedigt sein möchte, auf seine Rechnung zu kommen scheint. Eines Schauspielers Wert erschöpft sich noch lange nicht im rein Darstellerischen. Ich habe hier in Tirol Gelegenheit, viel in kleine Theater zu kommen: nun, ich ziehe meinen Hut noch tief ab vor allen möglichen 98Leuten, die der kaltherzige, hochfahrende, einseitige und verbildete Großstadt-Kritiker, dem die Augen fürs innere Leben und Sichfortentwickeln unseres Volkes oft nur zu sehr verschlossen sein mögen, zumeist, weil die persönliche innere Beziehung einfach nicht da ist, nicht da sein kann, vermutlich mit irgend einem Clichéausdruck wie Schmierenkomödianten abtun würde; und ich bin weit entfernt davon, diesen braven, willigen und fröhlich-unermüdlichen Soldaten der Kultur, mögen sie im Leibregiment oder in der verrufensten Garnison dienen, anders als mit einer Hochachtung zu begegnen, die mir fast immer noch irgendwo Dankbarkeit und Freude verstattet. Aber ich vergesse wohl, daß ich ein Gottseidank unverpflichteter Außenseiter bin und daß der Berufsmensch wohl unwillkürlich dem Schicksal des Spezialisten, das ist des Einäugigen, des Monophthalmoden, verfällt. Das Eine Auge starr auf die Bühne gerichtet, sieht er alles nur in der Kunstfläche, während es in Wahrheit bis in den Urgrund der Welt hineinreichende Plastik ist, auch dies, auch diese Bühnenmenschheit da droben.
1909
Wie kann man einem Schauspieler ‚die Wahrheit sagen‘ und zugleich den Menschen in ihm respektieren? Einfach, indem man ihn liebt. Man liebt ja Blumen, Steine, Tiere — ist der Mensch der Liebe weniger würdig? Schließt denn Erkenntnis die Liebe aus? Oder ist es nicht vielmehr so: Je mehr Erkennen, desto mehr Liebe? So daß, je mehr einer einen Schauspieler durch und durch sieht, er auch weniger und weniger 99imstande sein wird, richterlich von ihm zu reden. Man braucht dabei nichts zu opfern, nichts, als seine eigene Unschönheit. Man kann von derselben Leistung fast wie ein Weiser reden und fast wie ein Wilder.
1911
Man kann das Theater (beispielsweise) nicht reformieren, wenn man nicht zugleich den ganzen Geist der Zeit reformiert. Es ist der Irrtum unserer Zeit, daß sie meint, man könne wesentliche Probleme aus dem Zusammenhange herauspflücken und für sich allein lösen.
100Sprache
1895
Ein ‚Wort‘ ist etwas unendlich Rohes: es faßt millionen Beziehungen mit einem Griff zusammen und ballt sie wie einen Klumpen Erde. Bald wird die Erde trocken und hart — die Kugel bleibt als rotes drastisches Ganzes, aber die millionen Teilchen, daraus sie besteht, sind als solche so gut wie vergessen.
1896
Oft überfällt dich plötzlich eine heftige Verwunderung über ein Wort: Blitzartig erhellt sich dir die völlige Willkür der Sprache, in welcher unsere Welt begriffen liegt, und somit die Willkür dieses unseres Weltbegriffes überhaupt.
Ich habe oft bemerkt, daß wir uns durch allzuvieles Symbolisieren die Sprache für die Wirklichkeit untüchtig machen.
Du bist ein Gymnaseweis, mein Lieber!
Charleytantismus der Bühne.
1905
Ein Diletalent.
1906
Man müßte neue Interpunktionen erfinden, die gewissen Willensrichtungen entsprächen: z.B. Die Fortsetzung davon <: (in dem Sinne von: Die Fortsetzung davon müßte sein), als Optativzeichen = (man) 101müßte, sollte haben, sein usw. Die Umkehrung :> = dürfte nicht sein, sollte nicht sein.
Erst das Wort reißt Klüfte auf, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Sprache ist in unsere termini zerklüftete Wirklichkeit.
Der Ausdruck ‚Lieber Gott‘, über den schon Nietzsche spottet, mußte in der Tat dem Deutschen zu erfinden aufgespart bleiben. Es sollte ihm nur einmal aufgehen, wie er sich selbst damit den Blick für die unaussprechliche Gewaltigkeit und Fürchterlichkeit des Weltganzen verdirbt, wenn er dessen höchster Personifikation das vertrauliche Wörtchen ‚lieb‘ voransetzt.
Unter bürgerlich verstehe ich das, worin sich der Mensch bisher geborgen gefühlt hat. Bürgerlich ist vor allem unsere Sprache: Sie zu entbürgerlichen die vornehmste Aufgabe der Zukunft.
Es gibt gewisse Ausdrucksweisen von seltener distanzierter Schönheit und Vornehmheit, die nur zwischen dem fremden Sie und dem vertrauten Du möglich sind: in jenen köstlichsten Zwischenstadien der aufblühenden Liebe, wo das Herz schon Du sagt und der Mund noch Sie.
1907
‚Ewiger‘ Schnee, welch ein gütiges, liebenswertes Wort! Lassen wir es ja stehen, der Wissenschaft zum Trotz, der guten alten Zeit zur Ehre. 102Gestorbenes Wort: Zufall.
Prüfe gelegentlich deine Adjektiva nach.
Statt sehr geehrter Herr! könnte man doch viel einfacher schreiben: 5 e! Und statt hochachtungsvoll 2 o.
Das tränensäcksische a.
Gewöhnen wir uns den Superlativismus ab. Schreiben wir nicht mehr geehrtest, ergebenst, achtungsvollst, herzlichst und schönst. Schließen wir nicht mit tausend Grüßen, sondern mit gar keinem; denn ein Brief, der den Namen verdient, ist doch an sich schon der Gruß. Umarmen wir uns auch nicht mehr brieflich — ich rede natürlich hier stets nur vom Briefwechsel unter Männern —; wenn ich schreibe: ich umarme Dich, so male ich damit ein Bild, so wird durch die Niederschrift aus einer im Leben spontanen Handlung eine starre Pose. Seien wir nicht so gedankenlos gerade in Herzenssachen.
Beim Dialekt fängt die gesprochene Sprache erst an.
Der österreichische Dialekt ist darum so hübsch, weil die Rede beständig zwischen Sichgehenlassen und Sichzusammennehmen hin und her spielt. Er gestattet damit einen durch nichts andres ersetzbaren Reichtum der Stimmungswiedergabe.
Die meisten Menschen sprechen nicht, zitieren nur. Man könnte ruhig fast alles, was sie sagen, in Anführungsstriche 103setzen; denn es ist überkommen, nicht im Augenblick des Entstehens geboren.
Man mag sagen, was man will, die Menschen tun so und so oft auch nichts andres als — bellen, gackern, krähen, meckern usw. Verfolge nur einmal die Tischgespräche einer Kneipe, die Ausrufe des Wirts, der Kellner, der Kartenspieler, kurz, all das Geschwätz, was nichts weiter ist noch sein will als Essen, Trinken, Schlafen oder irgend eine sonstige einfache Lebensäußerung.
Ich mag Worte wie gleichwohl oder immerhin gern leiden; denn sie erlauben, nach etwas Abfälligem noch eine Menge Anerkennendes zu sagen.
Welche und derselbe sind durch unsere besten Prosaiker hundertmal geheiligte Wörter, welche die modische Abneigung der ‚Jetztzeit‘ ertragen können. Derselbe, dagegen sich heute der überlegene Spott noch des armseligsten Skribenten richtet, ist nicht schlechter und nicht besser als eine Unmenge anderer deutscher Wörter. Dem Stilisten bedeutet jedes Wort solcher Art eine Möglichkeit mehr, und dem papierdeutschfeindlichen Sprachreiniger kann nicht entgehen, daß just dieses derselbe in Mundarten — man denke an z.B. selch, sell, dersöll — ein höchst lebendiges Dasein führt.
Gott ist nur ein Wort für ‚sich‘. Das Tier hat keines dieser beiden Worte. Es ist wortlos sowohl Ich wie Gott, das Wort erst spaltet das Leben in Ich und Gott. 104Kritik der Sprache ist zuletzt auch nur ein Gesellschaftsspiel. Es gibt kein Wort, das außerhalb der Sprache noch irgendwelchen Sinn ergäbe. Wer sich außerhalb der Sprache setzen möchte, findet keinen Stuhl mehr. Er kann nicht einmal mehr sagen: nun weiß ich wenigstens, daß Wissen Unmöglichkeit ist. ‚Wissen‘ ist so gut eine Spielmünze, wie ‚sein‘, wie ‚Unmöglichkeit‘ wie ‚Sprache‘, wie ‚außerhalb‘. Es ist dafür gesorgt, daß wir die ‚Welt‘ nicht in die Luft sprengen. Ich nenne diese widerspruchslose Ohnmacht in Dingen wirklicher, nicht nur scheinbarer Erkenntnis manchmal bei mir: die Selbstversicherung Gottes. Sie ist eines Gottes würdig.
‚Er gibt Frieden‘ (schreibt Amiel) ‚und das Gefühl des Unendlichen,‘ Welche Zusammenstellung, nur daraus erklärlich, daß der Begriff des Unendlichen noch nie erlebt wurde. So können Menschen Jahrhunderte lang ein Wort voller Pathos brauchen, ohne je von seiner ganzen Bedeutung ergriffen worden zu sein, ja, ich behaupte, manche Worte können nur solange gebraucht werden, als ihr möglicher Sinn nicht völlig zu Ende gedacht wird. Wer ‚Gott‘ siehet, stirbt.
Philosophien sind Schwimmgürtel, gefügt aus dem Kork der Sprache.
Große geschriebene Worte sind vergeistigter Zeugungsakt in perpetuum.
Die schlimmste Folge demokratischer Anschauungsweise ist, daß nun auch die Worte alle ‚gleich‘ gewertet werden.
105Und doch ist jedes Wort in dem Augenblick, wo es gedacht, gesprochen, geschrieben wird, ein Individuum für sich und nicht einmal demselben — vor oder nachher geborenen — Wort desselben Mundes, desselben Gehirns je irgendwie gleich. Wenn einer sagt: ich glaube dies und das, und sein Nachbar hört das, so kann das sein, als ob der eine sagte: Himalaya, und der andre hörte: Schneehaufen.
1908
Die gleichen Worte sind einander nicht gleich. Es gibt keine Tautologie. Sondern alles ist pro — cessus.
Nicht nur jedes Gleichnis hinkt, sondern auch jede Gleichung.
Es gibt gar keine Worte, die bloß Worte wären. Sondern jedes Wort ist von vornherein ein — höchst individuelles — Urteil. Man glaubt, a sei gleich a. Eine vollkommene Ungeheuerlichkeit.
Freuen wir Deutschen uns, daß unsere Sprache die Sonne uns als ein Weib schenkt und lehrt. Daß sie der schlichteste Sinn bei uns als — Mutter empfinden darf. Und daß wir so um sie im Reigen der Fixsterne all unsere ewigen — Mütter schauen und verehren dürfen.
In dem lateinischen Wörtchen ‚duo‘ ist nur das deutsche Du sichtbar enthalten; das ‚Ich‘ ruht unsichtbar und doch ewig lebendig darin, wie unter Menschen das geliebte Ich im Herzen des liebenden Du. 106Wer konversiert, der spricht nicht.
Zitate sind Eis für jede Stimmung.
Impressionismus — Eindrucktum.
Groß betrachtet ist alles Gespräch nur — Selbstgespräch.
Welch ein Unterfangen, sich hinter Worten verstecken zu wollen! Man ist ja — diese Worte selbst.
Wenn ich bei einem Schriftsteller auf jeder Seite ‚die die‘ lese, so kann mir schon übel werden. Wozu hat der liebe Gott das schöne Wort ‚welche‘ geschaffen? Aber rede einmal einer dieser time und money-Zeit von welcher und derselbe!
Gingganz ist einfach ein deutsches Wort für Ideologe.
1909
Wie eigentümlich ähneln sich Schwyzerdütsch und Norwegisch!
Wie ist jede — aber auch jede — Sprache schön, wenn in ihr nicht nur geschwätzt, sondern gesagt wird.
Es gibt nichts Hemmenderes als Gemeinplätze und Redensarten. Jede Redensart ist die Fratze eigener Gedanken, ein ‚Mitesser‘ im Zellengewebe des Denkers.
107Was du denkst und sagst, ist vor allem Ausdruck. Der sogenannte eigentliche Sinn des Gesagten ist nicht sein einziger Sinn.
Die Sprache ist eine ungeheure fortwährende Aufforderung zur Höherentwickelung. Die Sprache ist unser Geisterantlitz, das wir wie ein Wanderer in die unabsehbare und unausdenkbare Landschaft Gott unablässig weiter hineintragen.
Mit jedem Worte wachsen wir.
Jedes einmal ins Licht getretene Wort ist ein Vorspann (der Menschheit) für immer.
Denn jedes fordert, sobald es nur sichtbar wird, zur Produktion heraus. Man kann kein Wort lesen oder hörend aufnehmen, ohne es zugleich aus seinen Schrift- oder Tonelementen wieder zu schaffen. Beseelen heißt schaffen; ein nicht wieder beseeltes Wort bliebe ein nicht wieder geschaffenes, das heißt für den Nichtbeseeler tot.
Man nehme ein paar beliebige Wörter: Fest. Ebene. Landschaft. Musik. Ganze Welten von Schöpfungen erheben sich, indem wir sie lesen.
1910
A.
Ich halte es für unrichtig, ja schädigend, die Orthographie in Hinblick auf die Bequemlichkeit der Vielen zu modernisieren. Die Bedeutung der in den Sprachen aufgespeicherten Erinnerungen ist nicht zu unterschätzen. Wenn ich Tier schreibe und mir das griechische 108θηρ dabei als reiner Unterton mitklingt, wenn ein ganzes Volk, eine ganze Kultur bei diesem Worte mich an sich mahnen darf (nicht muß), so ist das etwas Seltenes und wunderlich Fruchtbares, dessen wir uns nicht mutwillig berauben sollten. Daß denen, die von der Antike nie berührt wurden, damit unnötiger Buchstabenballast aufgeladen wird, kann meiner Ansicht nach solange kein Gegengrund sein, als in geistigen Dingen den geistigen Menschen einer Nation und nicht den andern zunächst ihr Recht zu wahren ist.
B.
Vielleicht doch nicht. Der Klügere gibt nach. Dem Geistigeren ist es eine Ehre und Freude, zu verzichten, wenn dadurch Unzähligen wohlgetan und genützt wird. Du läufst Gefahr, in einer Welt, die viel zu groß und tief dazu ist, den Liebhaber zu spielen, als Liebhaber zu erstarren. Du verstehst, wie das Wort Liebhaber hier gemeint ist. Möchten wir doch alle mehr dienen, mehr helfen, statt immer so sehr auf unsere eigene Geschmacksbefriedigung auszugehn, möchten wir doch endlich diese pseudoaristokratischen Allüren überwinden und durch reifere, reichere Gesichtspunkte ersetzen.
Der Rückschritt im Alphabet der Buchstaben von R zu K kann einen Fortschritt im Alphabet der Moral bedeuten: Starr — stark.
1911
Kongs-Enne, eines der tiefsten Wortbilder aller Sprachen.
109Wie sich in der Wortzusammensetzung ‚Heilsarmee‘ für den Deutschen eines seiner tiefsten Eigenworte mit einem seiner weltlichsten Fremdwörter verbindet, erscheint in der Heilsarmee selbst etwas Göttliches mit etwas sehr Irdischem gepaart, das vor dem Ur-Wort ebenso als Fremd-Wort empfunden werden kann (obzwar nicht muß), wie das Wort Armee vor dem Geist unserer Sprache.
1912
Es gibt Menschen, welche Schlagworte wie Münzen schlagen, und Menschen, welche mit Schlagworten wie mit Schlagringen zuschlagen.
Nichts ist so verbreitet wie das Schlagwort. Es wird bis in die höchsten Geisteskreise hinauf gebraucht und hängt oft noch dem Scharfsinnigsten als Zöpfchen hinten.
Mit keinem Köder fischt Mephisto so glücklich, als mit allem, was im Engeren und Weiteren unter den Begriff des Schlagworts fällt.
Man findet bei manchem Ernsthaften unserer Tage gegen gewisse Worte wie sittlich, vollkommen, edel, die Animosität dessen, dem sie irgend einmal gründlich verleidet worden sind. Das sollte nicht sein. Königliche Begriffe können nie von ihrem Glanze verlieren. Wenn es aber doch zuweilen so scheint, wen trifft die Schuld? Die Masse, die sich ihrer bemächtigt hat, oder die Paladine, welche ihnen nicht genug treue Diener, Berater und Leiter gewesen sind?
110In einer nicht ganz natürlichen Redeweise liegt eine Gefahr für den Sprecher wie für den Hörer. Das gilt vom persönlichsten Verkehr wie von dem mit der Öffentlichkeit. So gibt es z.B. Menschen, welche immer ein wenig ironisieren. Sie nennen alles nicht so sehr beim Namen, als vielmehr bei irgend einem Spitz- oder Übernamen. Damit wirken sie kurzweilig, öfter aber demoralisieren sie, und ob auch nur um einen Schatten, sich wie den andern.
1913
Alles Schwätzen hat zur Grundlage die Unwissenheit um Sinn und Wert des einzelnen Wortes. Für den Schwätzer ist die Sprache etwas Verschwommenes. Aber sie gibt's ihm genugsam zurück: dem ‚Verschwommenen‘, dem ‚Schwimmer‘.
111Politisches Soziales
1895
Man will die deutsche Volksseele erstarken sehen, indem sie sich mehr abschließen und begrenzen soll, und vergißt, daß gerade das Unbegrenztseinwollen, das über engen Nationalitätsschranken stehen wollen ihre Haupteigentümlichkeit ist.
Man muß eine Operette wie den ‚Rastelbinder‘ von Lehar hören, und zwar in einem jubelnden Theater, — um alle ‚modernen Ideen‘ als Sentimentalität zu verwerfen. Nach einem solchen Abend könnte man sogar zu einer neuen Inquisition ja sagen.
Konfrontation ist das Einzige. Den Freiheitsschwätzer in solch ein Theater führen und nachdem die Zwerchfelle und Tränensäcke nach Schluß des ersten Aktes zu Ende gewirtschaftet haben, ihn fragen: Und das soll — regieren?
1896
In Arco:
Jeden Freitag gibt man hier den Drehorgelmännern die Luft in Pacht.
1904
Es ist etwas ganz Eigentümliches, wie verschieden die Menschen verschiedener Erdstriche ihre Zäune bauen. Ich erinnere mich z.B. bei Berlin keines einzigen mir zusagenden Zaunes; es gibt andere, die mich zu Tränen rühren können, wie die Steinzäune des Tessin …
1905
Der Taler ist das einzige originelle und der lateinischen 112Münze ebenbürtige Geldstück, das wir haben. Weshalb wir ihn auch als ‚unpraktisch‘ abschaffen.
Das Talent zur Disziplin ist die Wurzel von Preußens Größe. Möge es dies Talent feiner und feiner ausbilden und dafür lieber auf Gebieten nachstehen, wo es auf Improvisation, Ingenium, Genialität schlechtweg ankommt. Menzel ist der preußische Künstler an sich. Menzel sollte eine religiöse Formel für die Preußen werden. Denn was leistet damit der Preuße: Die ganze Vorarbeit des schrankenlosen und höchsten Genies und damit dies Genie beinahe selbst. Alles, was am Genie Fleiß ist, also vier Bestandteile von fünf mögen ‚preußisch‘ genannt werden. Preußen, wenn irgend ein Land, hat noch den Gedanken der Zucht. Hier ist sein Weg zu seiner Höhe, wie er es immer gewesen.
Darum soll Berlin das preußische Element in sich nicht abtöten, sondern steigern. Es hat es bereits zu sehr gemißachtet. Schinkel baute preußisch; es gibt nichts Herzerfrischenderes als diese so edlen, strengen, fast nüchternen Gebäude jener Zeit, an deren Stelle eine zügellose Horde von neuen Baumeistern und Aktiengesellschaften ihre wüsten Massenproduktionen gesetzt hat. Der Preuße hat keinen andern Weg zur Kunst als den der Einfachheit. Pracht wird bei ihm zu Schwulst, Luxus zu Unsittlichkeit. Er bleibe Brandenburger und sei stolz auf sein Land und seinen Breitegrad und äffe nicht in kompilatorischem Wahnsinn ihm ganz fremde Kulturen nach oder nehme sie wenigstens so weit in sich auf, daß er sie ganz aus seinem schlichten, nüchternen Geiste wiedergebäre, 113wie es Schinkel tat, dieser Mann, den ich mit jedem neu niedergehackten Villino seiner Zeit mehr liebe.
Und dann endlich: los von diesem Prinzip, ein Haus nur aus Vorder- und Hinterwand bestehend zu bauen. Man gebe jedem Haus seine vier selbständigen Seiten wieder und erlöse es damit aus dem Zustand einer Mißgeburt — oder man komponiere ganze Stadtteile einheitlich und dann diese wieder unter einander. Man erhebe den Kasernenstil zur Höhe der Kunst. Man kann es. Man rede nicht ewig von Langweiligkeit. Wenn der Rechte es anfaßt, gibt es keine Langeweile. Was bei dem Mittelmäßigen langweilig wird, wird in der Hand des Genies zur Großartigkeit. Man räume nur mit diesem sogenannten herrschaftlichen Haus als Individuum auf.
(Staat, Stil, Sittlichkeit)
Vom höchsten Ordnungssinn ist nur ein Schritt zur Pedanterie.
Disziplin ist Abkürzung. Deshalb kommt der Norddeutsche schneller mit seiner Arbeit vorwärts als der Süddeutsche, wobei er durchaus nicht der Produktivere zu sein braucht.
Der Mensch en masse wird erst dann wieder achtbar werden, wenn er sich entschließt, neuen Adel aus sich zu züchten. Die schönsten Dinge auf Erden sind nur durch Adel möglich. Noch mehr: Der wahre Adel ist selbst das schönste Ding der Erde.
Unsere Art zu richten und zu strafen erscheint mir immer kindlicher. Ein einziger wirklicher Mensch 114würde das alles über den Haufen werfen. Wieviel ließe sich da individualisieren!
Es müßte Anekdotenerzähler geben, die durch die Krankenhäuser gingen. Eine gute Anekdote ist ein wahres Lebenselixier. Ich glaube, ein Sterbender müßte noch lächeln, wenn er von dem französischen Landedelmann hörte, der sich nicht genug wundern konnte, als er erfuhr, daß er sein Leben lang Prosa gesprochen hätte.
Augenblicklich gibt es nur einen Feind des europäischen Friedens: England. Mit ihm ist nicht zu paktieren; darum muß es isoliert werden.
Eine der schönsten und symptomatischesten russischen Sitten ist die Anrede beim Vornamen. Eine ganze Welt von Zopfigkeit liegt in unserem Herr, Fräulein, gnädige Frau.
Der Russe hat mehr die Liebe zum Leben, wie es ist, der Deutsche (auch Ibsen, der ja aber deutsch) mehr die zum Leben, wie es sein sollte, könnte, müßte. Der ganze russische Idealismus liegt in dieser ergreifenden Versenkung ins Nächste, der ganze deutsche in diesem unausrottbaren Trachten über den ‚Tag‘ und sein Leben hinaus. Ich möchte sagen, der Drang ist hier wie dort derselbe, nur die Richtung ist verschieden.
Das macht den Deutschen von heute so unbeliebt: Er beruft sich bei jeder Gelegenheit auf seine ‚Geistesheroen‘, 115die doch fast immer nur im Gegensatz zu ihm gelebt haben, und ist dabei genau so auf seinen Vorteil bedacht wie der Nachbar.
Wir Deutsche haben nicht nur römisches Recht, noch viel mehr römischen Geist im Leibe. Das Haupthindernis für uns, unsere ‚Seele‘ zu entdecken, ist, daß wir immer noch zu sehr darauf achten, daß alles, was wir von uns aussagen, auch ins Lateinische übersetzbar sei. Die nachwirkende Macht des römischen Imperiums bricht sich an den Grenzen Rußlands, der ersten rücksichtslos modernen Rasse.
Die sozialistische Lehre — das Brot der Armen.
Im Staat der Sozialisten wird einer auf den andern aufpassen. Und Faulenzer werden nicht geduldet, dulden sich selber nicht. Wer aber will vorher wissen, wer ein Faulenzer und wer ein — Schwangerer ist? Man würde den Schwangeren samt dem Faulenzer verurteilen und damit das Beste der Erde: das stille, langsame Reifen neuer Gedanken.
1906
Ich habe eine furchtbare Vision: Wenn die Sozialisten zur Herrschaft gekommen sein werden, dann fängt das Blut überhaupt erst an, zu fließen.
Eure Todesstrafe, noch mehr Euer Kriegführen, Ihr Menschen, ist nicht mehr und nicht weniger als — Selbstmord. 116Ein Volk würde ein anderes Bild bieten, wenn es wirklich ein Volk, eine einzige große Familie wäre. In einer Familie fühlt sich jedes Mitglied für das andere verantwortlich.
Alle für jeden, jeder für alle. Statt dessen lebt man in unsern großen Völkerfamilien nach dem geheimen Grundsatz: Jeder für sich: Alle für mich. Was kümmert den Bürger auf seinem Wege zum Reichtum der Mitbürger auf seinem Wege der Armut? Nichts. Aber sofort erinnert er sich dieses Mitbürgers, wenn seine Ruhe und sein Besitz bedroht werden. Dann ruft er ihn auf ‚zum gemeinsamen Vorgehen gegen den gemeinsamen Feind‘. Dann zieht er plötzlich den Bruder, den Blutsverwandten, den armen Verwandten aus seinem Dunkel hervor. Und seine plötzliche Begeisterung wirkt ansteckend, — mein Gott, gewiß, zwar, freilich, allerdings, indessen, gleichwohl, — kurz, man ist kein Unmensch. Vergessen wir das Vergangene! Auf in den fröhlichen Krieg! Schulter an Schulter! Ein Volk, Ein Herz, Ein Schwert …
Im Himmel, könnte man sagen, wird es wenigstens keine Briefe mehr geben. Man wird zwar seine sämtlichen Briefträger dort wiederfinden — denn der Briefträger kommt eo ipso in den Himmel — aber sie werden alle selige Engel und außer Dienst sein und nicht mehr das unberechenbare Schicksal deiner Tage und Nächte.
1907
Alles Jüdische ist vorwiegend destruktiv. Jesus, der größte Jude, ist auch der größte Destruktor der 117‚Welt‘. Spinoza ist nichts andres und wird darum auch von dem jüngsten jüdischen Destruktor Mauthner in seiner Eigenschaft als Antiteleologe über alle andern Denker erhoben. Mit Mauthner selbst kommt vielleicht die tollste Zerstörung in Gang, die die Geschichte des Geistes bisher erlebt hat. Man halte wider diese dämonischen Revolutionäre den Moralkritiker Nietzsche und man hat den ganzen Gegensatz zweier wie Feuer und Wasser verschiedener Welten. In Nietzsche ist alles ein Schaffen, Bauen, Konstruieren, Befehlen, Bestimmen; der Zweck heiligt ihm alle Mittel, er lebt und stirbt für selbstgeschaffene, irdische, hiesige Ideale. Er will das Furchtbare der menschlichen Existenz durch den Willen adeln, formen, überwinden. Alles in ihm ist Zuchtgedanke. Die Juden sind die Opponenten der Schaffenden, ihre Korrektoren, ihre bösen Gewissen.
Es ist wundervoll, in dieses wahrhaft weltgeschichtliche Dissonieren hineinzuhorchen.
Eine interessante Mischung von beiden ist der Mystiker, ist für mich vor allem Meister Ekkehart. Spinoza war so nahe an der Mystik, wie nur ein jüdischer Denker sein kann, aber er betrat ihr Reich nicht. Er war zu klug dazu, oder, anders ausgedrückt: die Leidenschaft des Schaffenden war nicht so sehr in ihm, wie die Leidenschaft des Erkennenwollenden. Daher auch seine Heiterkeit. Willenspassion und Heiterkeit vertragen sich nur sehr zeitweilig, das wußte auch Schopenhauer. Spinoza sah wie Christus über die ‚Welt‘ hinweg. Den Germanen aber ist diese ‚Welt‘ doch zu sehr selbst Gegenstand, Kunstmaterial, Entwickelungsstoff, sie wollen nicht so sehr 118über die Welt hinaus, als in sie hinein. Goethe nahm sich von Spinoza die Freiheit, das gute Gewissen. Spinoza mußte ihm eine Bürgschaft mehr sein, daß dieser verhaßte Wahn von einem außerweltlichen Gott eben nur ein Wahn sei. Und nun mit dieser bestärkten Souveränität in sich ging er hin und wirkte sein Leben mit jedem Atemzuge in das Leben hinein, das er um sich vorfand, befruchtete sich aus ihm und es mit sich und wurde so ‚in der Beschränkung‘ der ‚Meister‘, als den wir ihn immer wieder erleben.
Alles öffentliche Leben ist wenig mehr als ein Schauspiel, das der Geist von vorgestern gibt, mit dem Anspruch, der Geist von heute zu sein.
For the happy fews — sollte das doch aller Weisheit Schlußwort zur Öffentlichkeit sein?
Für mich begehre ich nicht viel, wenn ich aber Talente sehe, die ein großes Volk in seiner Unwissenheit, Gleichgültigkeit und Kleinlichkeit verkümmern läßt, dann steigt mir der Zorn auf.
Ich kann an Polen nicht ohne ein tiefes Unbehagen, ja nicht ohne Grauen denken. Ich möchte lieber selbst ein Pole sein, um glühend an der inneren Wiedergeburt dieses Volkes mitzuarbeiten, als so von außen dem Schauspiel seiner Schmach und Schwäche beiwohnen zu müssen.
Am Vollblut spürst du sofort, was Adel ist, beim Menschen wirst du's nicht gelten lassen. 119Wohin käme ein stiller Beobachter, wenn er die gegenwärtigen deutschen Zustände an einigen großen Gedanken Paul de Lagardes messen, nein, nicht nur sie messen: wenn er sich unwillig von allem gegenwärtigen Leben zurückziehen wollte, weil es ihrem erhabenen Ernste so gar nicht entspricht? Dahin, wo er am wenigsten verharren möchte: ins Land der Verbitterung, der Lebensfeindlichkeit, der Verneinung. — Aber eine beständige Trauer, wenn er bedenkt, welche Wege die Entwickelung hätte einschlagen können und welche sie eingeschlagen hat, wird ihn nicht verlassen, und sie und ihre geheime Wirkung wird der Tribut sein, mit dem sich der Geist eines Gesetzgebers wird bescheiden müssen, den die Deutschen nicht verdient haben.
Organisation ist das große Wort, dem die Zukunft gehört.
Darf einem die Organisation der römischen Kirche keine Bewunderung einflößen — als eine der wenigen großen Machtgebilde auf Erden, die dauern?
In der Gesellschaft läuft alles darauf hinaus, daß einer vor dem andern den Hut abnimmt. ‚Ich nehme den Hut vor dir ab, damit du den Hut vor mir abnimmst.‘ Ein stillschweigendes Übereinkommen, das den, der klug und ‚liebenswürdig‘ in seinem Sinne handelt, in der ‚allgemeinen Achtung‘ außerordentliche Grade erreichen läßt.
Du erklärst, du fühlst nicht sozial, du verachtest deine Mitmenschen fast mehr als daß du sie liebst. Gut. Ich 120verlange weder soziales Gefühl von dir, noch Verehrung des ‚Nächsten‘. Aber wenn du neben dir einen Hund verhungern siehst, so wirst du ihm von deinem Essen mitteilen, das versteht sich von selbst. Nun, ich verlange nur, daß du mit einem Mitmenschen fühlst wie mit einem Hunde, nämlich: Im Fall der äußersten Not: solidarisch.
In New York haben sich die Kellner ein Klubhaus gebaut. Man sollte sie auch bei uns dazu ermuntern und ihnen von jetzt ab kein Trinkgeld mehr (welch überlebte Bezeichnung), sondern nur noch Klubgeld geben.
Ein durch und durch kultivierter Kellner ist ein Kunstwerk, das nicht nur in Wien seine Lobredner haben sollte. Er hat etwas von einem Philosophen, von einem Arzt, einem Soldaten. Ganz anders, wie der Friseur etwa, der den Komödianten nie ganz los wird, oder die Kellnerin, die doch eben immer ein Weib bleibt, das heißt ein Geschöpf, von dem vollkommene Sachlichkeit weder verlangt werden darf noch will. In der großen Universität der täglichen Angelegenheiten, an der ich mir, als an einem Parallelinstitut der ehrwürdigen Alma Mater, das halbe moderne Leben neu erzogen denke, sollte der Lehrstuhl für die Wissenschaft von den Pflichten und Rechten des Kellners besonders sorgfältig besetzt werden. Wann übrigens wird diese Universität, nach der unser ganzes Leben von heute ruft, und zu der bereits unzählige Ansätze vorhanden sind, ins Leben treten?
121Es ist ganz gewiß, daß die Menschen erst anfangen werden, im Geist zu leben. Hat erst die demokratische Bewegung das Ihre getan und neue Intelligenzen und Energien heraufgebracht, so wird es nicht bei der Langweiligkeit und Mittelmäßigkeit der heutigen Geschäfte bleiben. Die Phantasie wird ihr großes Zeitalter antreten, Organisationen werden entstehen, an die heut nur die Reichsten auch nur zu denken wagen, und werden sich halten: weil die Lust des Gehorchens um wichtiger Ziele willen dann stärker geworden sein wird, als die Lust, die heute regiert, die Lust zur größtmöglichen Behaglichkeit, im sozialistischen, wie im bourgeoisen Sinne. Weil man dann wieder jene höhere Art des Genießens, des Lebensgenusses verstehen wird, die unter Napoleon zuletzt halb Europa erfüllte, und in deren Bann unzähliges Volk allen Schlages und Ranges wieder einmal bewies, daß es noch ein ganz anderes Glück bedeuten kann, mit einem ‚vive l'empereur‘ auf den Lippen zu sterben, als mit einem ‚ni Dieu ni Maitre‘ zu leben.
Manche Leute müssen über ihre Dummheit durchaus öffentlich quittieren.
Einen Krieg beginnen, heißt nichts weiter, als einen Knoten zerhauen, statt ihn auflösen.
Man kann ein halbes Leben lang den Krieg verwerfen — bis man eines Tages erkennt: nein, der Krieg gehört vielleicht noch immer unter die tragischen Selbstzuchtmittel der Menschheit. Und furchtbarer als der Krieg bleibt, daß selbst dieses schreckliche 122Mittel dem Menschen nicht mehr nützt, als es geschieht; daß es ihn wohl tüchtig erhalten mag, im gegebenen Augenblick in den Tod zu gehen, aber daß es ihn nicht tüchtiger dazu macht, in sich zu gehen und damit in den Tod seines bisherigen Lebens.
Lehrer-Komödie: Die Armut der Lehrer, während die Staaten Unsummen für die Wehrmacht hinauswerfen. Da sie nur Lehrer für 600 Mark sich leisten können, bleiben die Völker so dumm, daß sie sich Kriege für 60 Milliarden leisten müssen.
1908
Alles Entscheidende kommt heute von Europa. Sogar die Entscheidung, inwieweit Asien entscheidend war.
Deutschland, der große Lyriker unter den Völkern.
Jede ernsthafte ‚Bewegung‘ ist tüchtig, aber Tüchtigkeit ist vielleicht das drittletzte, nicht das letzte Wort der Welt.
Ein gewandter Dieb ist ein — teures Kunstwerk.
Wer den Menschen mehr denn billig als Einzelperson nimmt, wird nur zu oft an ihm und mit ihm scheitern. Der Mensch ist nicht nur Einzelpersönlichkeit, sondern zugleich Volkszelle, wie die Volkspersönlichkeit zugleich wohl wieder in einer höheren Einheit aufgeht, usf.
Der moderne Jude — als Denker — wird selten glauben, das heißt ahnend ergreifen können. Aller Gottesgedanke 123könnte nämlich, so fürchtet er, doch am Ende nur die feinste Blüte einer großen — Dummheit sein. Sich dem Hineinfall auf eine Dummheit aber auch nur auszusetzen, dünkt seiner mißtrauisch gewordenen Seele unerträglich. Er hat, wie Peer Gynt, nicht den Mut durch das Anonyme hindurch zu stürmen, er ist eben überall kein Krieger, er möchte gern um es herum. Aber man muß mitten in den Nebel hinein, das ist es. Und: Gott läßt sich (so wenig wie Goethe) — Brillen gefallen. Und: ohne ein gewisses Maß von Blindheit ward noch nie ein Seher.
1909
Damit, daß der Jude sich immer geistig überlegen dünkt, kommt er nie zu überlegener Geistigkeit.
Ich glaube nicht, daß ein andrer Mensch meiner Zeit so am Juden gelitten hat wie ich, und zugleich so viel von ihm hält. Dies mag mir ein Recht geben, an sein Problem zu rühren.
Oh, wenn erst die Leidenschaft für den Planeten als solche uns ergriffen haben wird, der große amor nostro, dann wird es auch keine Kriege mehr geben, dann werden ungleich gewaltigere Unternehmungen diese armseligen Kraftproben einer noch dunklen Periode überflüssig machen! Denn freilich: das bittere Zuchtmittel des Krieges durch philanthropische Mahnungen nur einfach abschaffen zu wollen, geht nicht an. Zuerst muß der Geist der Völker den neuen Aufgaben, den neuen, höheren Ambitionen gewachsen sein, zuerst muß ihn der Furor jener neuen Anstrengungen, Wagnisse 124und Opfer anfallen, ehe er den alten furor bellicus entlassen darf, ehe er von sich sagen darf: ich habe den Krieg wahrhaft — überwunden.
Napoleon war ein Naturereignis. Ihn einen großen Schlächter schmähen heißt nichts anderes, als ein Erdbeben groben Unfug schelten oder ein Gewitter öffentliche Ruhestörung.
An Napoleon muß man im Gebirge denken, den Blick auf einen Teil der Erdkarte gerichtet, ein Panorama vor sich mit Bergen, Tälern, Dörfern und Städten. Und dann sich vorstellen, wie dieser eine kleine Korporal in die Breite solchen Lebens mit seiner einen kleinen Faust gegriffen, wie er, gleich dem Monde das Meer, all dies schwerfällige, schwerflüssige Leben übermächtig zu sich emporzwang, so daß es auf eine Weile in ihm seinen natürlichen Mittel- und übernatürlichen Höhepunkt fand.
Ich sehe auf Reisen fast alle meine Bekannten wieder. Denn es gibt nur etwa 100 Typen in dem Milieu, in dem ich aufgewachsen, und sie sind immer und überall. Und oftmals rede ich einen Menschen an, aber es ist nur der mir vertraute Typus, nicht das bekannte Individuum selber.
So eine Wirtin hat immer die ganze Menschenkarte vor sich, vom jüngsten Backhuhn beiderlei Geschlechts bis zum ernsthaftesten Filet-Beefsteak.
Die ‚bessere‘ Gesellschaft ist die eigentlich und im tiefsten Sinne unwissende und ungebildete.
125Nicht daß ein Fürst in allen Stücken der Seinen Herzog sein möchte, ist der Schade, sondern wenn er es seinem ganzen Vermögen nach nicht sein kann, nicht ist. Nicht nur einmal — zehnmal Absolutismus — und nicht Parlamentarismus, wenn ein wirklicher Herr und Herrscher in Frage kommt.
Eine Zeit des Geistes wird von selbst zur Monarchie zurückkehren. Laßt erst einmal Einen Geist über die Völker kommen, und sie werden nicht mehr begehren, als sich in ihren geborenen Führern auch sichtbarlich zu gipfeln.
1910
Der Deutsche ist imstande, um eines Hiatus willen eine Wahrheit nicht zu sagen oder sie minder schlagend zu sagen.
Wir Deutsche leiden alle an der Hypochondrie der ‚Verpflichtungen‘. Sie macht unsere Stärke und unsere Schwäche.
Die Zeitung ist das Hauptspielzeug des europäischen Negers. Um die Zeitung verkauft er dem schlauen Händler Ahriman mindestens das eine Horn seiner Weisheit.
Jede Zeit schweigt zunächst das Größte tot, das in ihrem Schoße ruht; geht dies nicht länger an, so verleumdet sie es, verzerrt es und sucht es auf alle Weise zu vernichten.
126Was das Fazit der europäischen Rüstungen sein wird? Der möglichst vollkommene déluge après nous.
1911
Man mag in den Rüstungen eins nicht übersehen: Das Züchtungsmoment. Ist der Mensch zur Kultur noch nicht reif, so wird er hier wenigstens noch auf eine Spanne durchs Feuer der Disziplin geschickt. Preußens Mission z.B. ist gewißlich nicht nur die der Geschichtsbücher. Wer einmal ein echter Preuße gewesen, der — könnte jemand zu sagen versucht sein — wird so leicht nicht wieder verlottern, post mortem prussianam suam (in seinem späteren Erdenleben).
Wenn jemand gegen etwas vorgeht, so geht er nicht gegen das ganze Etwas vor: denn das sieht er dann gar nicht mehr. Sondern er sieht dann nur noch das ‚rote Tuch‘ in dem Etwas. Nie wird gegen ‚etwas‘ vorgegangen, immer nur gegen rotes Tuch. Und wenn zwei Völker gegen einander ziehen, so stürzt ein jedes bloß gegen rotes Tuch: denn wie könnte ein Volk wider ein andres Volk sein, wenn nicht die Helden vom roten Tuch wären, wenn nicht unaufhörlich von hüben und drüben auf rotes Tuch aufmerksam gemacht würde, so daß die Völker, die armen Stiere, zuletzt wild werden und einander anrennen.
1912
Man wirft dem Schriftsteller wieder einmal vor, daß er sich zu wenig mit Politik beschäftige. Er soll Partei nehmen; und wer da nicht ‚wählt‘, wird leicht Verräter gescholten. Aber wie? Wählt er wirklich 127nicht, ergreift er wirklich keine Partei? Bilden die Stillen im Lande keine Partei, und ist es ihre Schuld, daß die höchsten Geister, die sie als Führer verehren und wählen, im Land- und Reichstage sich nicht einordnen lassen, weil sie im Parlament der Menschheit sitzen?
Man kann an Völkern und Vaterländern auf mancherlei Weise bauen, es gibt nicht bloß die Schöpf- und Schöpferkelle der Wahlurne.
An der Vergeistigung, an der Verchristlichung seines Vaterlandes arbeiten, das heißt es lieben, das allein heißt mehr und anderes, als seinen unaufhaltsamen — Verfall wollen und mitbewirken.
Man dient seinem Volke auf mancherlei Weise und nicht am schlechtesten, indem man seinem politischen Leben in toto widerspricht. Das will nicht sagen, man glaubt, es könne anders sein, ja nicht einmal immer: es soll anders sein, als es ist. Geschichtliche Entwickelungen müssen ihren Gang gehen und ihre Zeit haben, und wer es da z.B. für sonderlich wahrscheinlich hält, soviel Kriegsmaterial zu Land, Luft und Wasser, wie gegenwärtig des Losbruches harrt, könne dem Versucher eines Tages in den Hals zurückgeworfen werden, der ahnt weder, wie die Linke noch wie die Rechte Gottes arbeitet. Er wird mit seinem frommen Wunsch ebenso eine Ohnmacht sein, wie der wandellose Wunsch und Glaube des Frommen, daß die Menschheit eine Gemeinde des Christus werde, eine Macht ist, die zwar bekämpft, aber nie gebrochen 128werden kann und die im himmlischen Jerusalem, wie es der Apokalyptiker nennt, das Endziel ihrer Polis weiß. Nicht also um fromme Wünsche handelt es sich, wenn einer auf seinen Wahlzettel des großen Meisters Namen schreibt. Sondern um Zeugnisablegung inmitten einer Welt in gewissem Sinne der Welt sich Entfremdenden, Welt-Fremder.
Eine Artisten-Elegantine und ein aristokratischer Spätling ereiferten sich unter anderem über die ‚Extravaganzen‘ der Heilsarmee. Sie hatten noch immer nicht begriffen, daß mit Fug nur verurteilen darf, wer selbst etwas zu schaffen vermag und gewillt ist, und daß es unter Umständen mehr bedeuten kann, der ‚dumme August‘ in der Manege als der Baron in der Loge zu sein.
Unsere Dienstboten sind nicht Seelen, mit denen wir uns vorübergehend vereinigen, um es bequemer zu haben, sondern solche, denen wir, wenn irgend möglich, noch mehr und besser dienen sollen, als sie uns. Nicht umsonst und ohne Sinn muß die eine Seele noch äußerlich dienen, während die andere schon mehr innerlich dienen kann und darf. Sie muß noch grobe Arbeit verrichten und hat noch wenig Einsicht in den Sinn der Verschiedenheit aller Lebensverhältnisse; wir aber sind zu Feinarbeit — auch an ihnen — verpflichtet, wir wissen schon mehr vom Sinn des Lebens und müssen sie darum mit soviel Weisheit und Liebe behandeln, wie uns nur immer möglich ist. Auf sichtbare Erfolge müssen wir dabei ebenso verzichten lernen, wie wir uns davor zu hüten haben, sie unseren 129Erziehungswillen allzusehr merken oder gar spüren zu lassen. Wenn wir nur nie die Achtung vor der unsterblichen Individualität, die in ihnen verborgen, verlieren und nie die Liebe zu ihnen als ewigen Geschwisterwesen, wird vieles Mögliche an ihnen vermieden und getan sein.