Fußnoten:
[B] Riemen, das nautische Wort für die langen Ruder der See- und Wallfischboote.
Capitel 3.
Das Mädchen von Atiu.
René saß indessen, nachdem ihn die Eingeborenen verlassen, eine ganze Weile sinnend auf den Steinen seines kleinen Fort’s, und überlegte was er am Besten thäte — hier auf dieser Stelle bleiben und die Rückkunft der Männer zu erwarten, oder sich vielleicht, mit mehr Vorsicht ein neues Versteck zu suchen, wo er wenigstens bis Dunkelwerden unentdeckt bleiben konnte und dann die ganze Nacht vor sich hatte eine Stelle zu finden seinen Verfolgern zu entgehn oder sie hinzuzögern; er wußte recht gut daß der Capitain des Delaware bald ungeduldig werden würde, wenn er ihn nicht rasch wieder zurückbekäme. Es war überdies auch möglich daß er selber in der Nacht ein Canoe fand mit dem er getrost in See gehen konnte; im Nord-Westen lagen noch mehre Inseln, und selbst die Gefahr der er sich dabei aussetzte, schien ihm nicht halb so groß als die, in der er sich jetzt wirklich befand wieder gefangen genommen und an Bord des Delaware zurückgeschafft zu werden. Er entschloß sich also endlich von dieser Kuppe wieder einer andern Hügelspitze zuzugehn, die er von hier aus gut erkennen konnte; jedenfalls nahm es dann seinen Feinden einige Zeit bis sie ihn wieder fanden, und die Nacht verbarg dann seine Spuren den Verfolgern.
Diesen Versuch mußte er aber bald aufgeben, denn kaum hatte er etwa hundert Schritt den Berg hinunter gethan, so entdeckte sein scharf umherspähendes Auge die Gestalt des dort stationirten Insulaners, der sich allerdings, als er ihn kommen hörte, in das dichte üppige Kraut, was überall den Boden bedeckte, niederdrückte. Er war also umstellt, und es half ihm Nichts seinen Schlupfwinkel zu verändern, denn diese Wachen würden ihm natürlich auf den Fersen gefolgt sein; ja die Möglichkeit lag vor, daß sich seine Feinde, vielleicht zahlreicher als er selber eine Ahnung hatte, hier in den Hinterhalt gelegt, nur eben auf sein Niedersteigen wartend, um ihn dann, in dem dichten Gestrüpp soviel leichter überfallen und binden zu können, und scheu, hinter jedem Stamm einen versteckten, zum Ansprung bereiten Feind vermuthend, das gespannte Terzerol in der Hand, zog er sich rasch aber unbelästigt, wieder zu dem kaum verlassenen Versteck zurück.
»Gut,« murmelte er dabei zwischen den fest zusammengebissenen Zähnen durch, als er zu seiner kleinen Veste zum zweiten Mal aufstieg — »laß sie dann die Folgen nehmen, wenn sie mich mit Gewalt zum Aeußersten treiben wollen; aber lebendig bringen sie mich beim ewigen Gott nicht von diesen Steinen hinunter.«
Er untersuchte jetzt auf das sorgfältigste seine kleinen Terzerole, schraubte die Pistons los und that frisches Pulver wie nachher frische Kupferhütchen auf, und als er sich wenigstens dieser Hülfe versichert und sein Messer gefühlt hatte, ob es ihm locker und zum Griff bequem an der Seite hing, wußte er daß er für den Augenblick nichts weiter thun konnte und warf sich, der Dinge die er doch nicht zu ändern vermochte wartend, auf die Steine nieder, seine Kräfte wenigstens nicht durch unnöthige Anstrengungen vor der Zeit zu erschöpfen.
Er mochte etwa eine halbe Stunde so gelegen haben, als der Lärm der jetzt zu ihm heraufsteigenden Schaar an sein Ohr drang — er horchte einen Augenblick auf und als er die lauten Stimmen einer großen Zahl Menschen deutlich unterschied, blieb er ruhig in seiner Stellung. Er wußte daß sie, mit solchem Geräusch ankommend, ihn nicht überraschen wollten, und daß sich jetzt der entscheidende Augenblick nahe. Er hatte das Boot wieder zurückkommen sehen und erwartete kaum anders, als daß sich der Harpunier selber mit seinen Leuten der Schaar angeschlossen habe.
Diese kam jetzt so rasch und mit solchem Geplapper und Lachen und Schreien näher, daß er sich endlich aufrichten mußte; ein Blick überzeugte ihn aber er habe es nur mit Insulanern und keinem seiner früheren Kameraden zu thun, und mit der Ueberzeugung zog ihm auch wieder neue Hoffnung durch die Seele. Er lehnte sich jetzt in seine frühere Stellung auf den Stein, und als er sich Männer und Frauen in bunter Masse um sich sammeln sah, konnte er selbst ein Lächeln nicht zurückhalten.
»Was für eine herrliche Situation wäre dies jetzt für einen der frommen Missionaire,« murmelte er leise vor sich hin, »für die »Prediger in der Wüste« wie sie sich selber nennen — Kanzel und Auditorium fix und fertig, und welch zahlreiche, bunte Versammlung — wahrhaftig auch Frauen — die lieben Dinger müssen doch überall dabei sein, selbst wenn es gilt einen armen Teufel von Matrosen wieder an seine Henker auszuliefern. Aber, prenez-garde mes dames, noch habt Ihr ihn nicht, und billig sind die zehn Ellen rother Kattun etc. wahrhaftig nicht verdient, wenn Ihr ihn bekommt.«
Die Schaar sammelte sich indessen um den Felsen herum und obgleich dießmal eine höhere Person als Raiteo, nämlich der Sohn des Königs selber, mitgekommen war, behielt doch jener bei den nachfolgenden Unterhandlungen als Dollmetscher das Wort, und forderte jetzt, augenscheinlich verdrießlich durch die Hartnäckigkeit des Burschen um den, ihm von Gott und Rechts wegen zustehenden Lohn gebracht zu sein, ihn einfach auf herunter zu kommen und mit ihnen zu gehn, weil sie sonst Gewalt brauchen müßten, und ihm nicht gern ein Leides thun wollten. Ihr König erlaube ihm nicht länger hier auf der Insel zu bleiben, also helfe ihm weiter kein Widerstand.
René hatte sich hoch aufgerichtet, die jetzt frisch von der See herüberwehende Brise schlug ihm das dunkle lange Haar wild um die Schläfe, und sein Gesicht war von der inneren Aufregung vollkommen bleich geworden, aber seine Augen funkelten und ein trotziges Lächeln kräuste ihm selbst die Lippe, als er mit lauter herausfordernder Stimme hinunter rief:
»So kommt denn, wenn Ihr den Muth habt mich zu holen — kommt und seht wessen Blut diese Steine zuerst färben soll — kommt und überliefert einen Mann, der Euch nie ein Leides gethan, seinen Feinden, Ihr seid ja am Ende gar Christen und wollt nach Gottes Geboten handeln — kommt, aber ehe ich jenes Schiff wieder lebendig betrete —« er schwieg plötzlich denn sein Auge hatte in diesem Moment fast unwillkürlich das ferne Fahrzeug gesucht, und er sah jetzt zum ersten Mal das von der Gaffel flatternde Zeichen, wie das zu dem Schiff zurückkehrende Boot, ja ein zweiter Blick überzeugte ihn sogar daß nach Westen hin die drei anderen Boote ebenfalls voll unter Segel waren, und die Wahrheit des Ganzen durchzuckte ihn im Nu.
Als die unten Stehenden sahen daß er plötzlich seine Blicke so aufmerksam nach der Richtung hin sandte, wo das Schiff lag, suchten sie ebenfalls dorthin Aussicht zu gewinnen, und zwei junge Leute die rasch eine der Casuarinen erstiegen hatten, riefen bald etwas in ihrer Sprache hinunter. Von den Männern vertheilten sich jetzt mehre nach lichteren Punkten hin, wo sie die See nach dieser Richtung hin besser überschauen konnten, und es zeigte sich gar bald daß etwas Besonderes dort an Bord vorgehen müsse, was für den Augenblick, da es ja auch mit ihren Verhandlungen hier in naher Beziehung stehen mußte, ihre Aufmerksamkeit vollkommen von dem jungen Matrosen ablenkte.
René selber dachte kaum mehr an die Eingeborenen — er sah wie das Boot, das ihn hatte abholen sollen, an Bord des Delaware zurückkehrte, der augenblicklich seine Raaen umbraßte und mit geblähten Segeln den vorangeeilten Booten nach Westen folgte. Jedenfalls hatten sie dort eine große Zahl Fische bemerkt, die ihm sicherlich sehr zu gelegener Zeit aufgekommen waren, und hielt die Jagd nur bis Abend an, daß das Schiff dadurch eine tüchtige Strecke nach Westen versetzt wurde, so war die Frage ob der Capitain seinetwegen hier wieder gegen den Passat ankreuzen würde; jedenfalls behielt er einen, vielleicht mehre Tage Zeit auf Flucht von der Insel zu denken und die Gefahr war wenigstens für den Augenblick von ihm genommen. Daß er die Insulaner jetzt leicht von sich abhalten konnte, daran zweifelte er keinen Augenblick.
Der Erfolg zeigte denn auch daß er darin vollkommen recht gehabt. Die Insulaner, als sie das Schiff unter vollen Segeln die Insel verlassen sahen, wußten nicht recht woran sie waren, und mußten erst wieder einen Boten nach unten schicken, neue Verhaltungsbefehle einzuholen. Allerdings begegnete diesem schon ein Anderer, der ihnen die Ordre brachte den jungen Fremden nur einstweilen einzufangen und mit herunterzunehmen. Das war aber weit eher gesagt als gethan, und kam das Fahrzeug am Ende nachher gar nicht zurück, so mußten sie ihn doch wieder los lassen; da war es also weit vernünftiger ihn jetzt gar nicht zu stören, bis das Schiff wirklich wieder da sei, nachher sei es noch Zeit genug.
Als die Frauen und Mädchen, die dem Zug aus Neugierde gefolgt waren und sich im Anfang, da man noch nicht wußte ob es zu Feindseligkeiten kommen würde, scheu zurück gehalten hatten, nun, wie die Sachen jetzt standen, und daß nicht die mindeste Gefahr zu fürchten sei, sahen, so kamen sie weiter vor, und suchten Plätze zu bekommen, von denen sie den jungen Fremden genau beobachten konnten. Nur ein junges Mädchen allein war schon früher so weit vorgedrungen, daß sie sich dem Umstellten, auf einer anderen kleinen Erderhöhung fast gegenüber befand, und hatte die ganze Zeit keinen Blick von ihm verwandt.
Es war ein junges bildschönes Kind von vielleicht funfzehn oder sechzehn Jahren, schlank gewachsen wie die Palme ihrer Wälder, aber mit vollem runden Gliederbau; die rabenschwarzen mit wohlriechendem Cocosöl getränkten Locken wild um die braune Stirn flatternd, und die schönen großen dunklen Augen halb ängstlich halb mitleidig auf den jungen Mann geheftet, dessen Leben wenn er sich zum äußersten widersetzte, wie sie recht gut wußte, in großer Gefahr schwebte. Sie war nach Art der übrigen Mädchen gekleidet; ein Lendentuch von farbigem Kattun, das ihr bis auf die feingeformten Knie niederging, schloß sich ihr dicht um die Hüften und ein anderes Tuch war nur lose über die linke Schulter gehangen, und auf der rechten mit einem Knoten locker zusammengehalten, daß es den rechten Arm vollkommen nackt und ihm freie Bewegung ließ. In den vollen Locken trug sie einen dünnen Kranz weißer und rother Blüthen, mit den Fasern des Cocosblattes fest zusammengebunden, in den Ohren aber zwei der großen weißen duftenden Sternblumen, und wie sie dort stand auf dem bröcklichen Gestein, um das sich dicht hinter ihr die vollen dunklen Büsche schmiegten, den linken Arm um die dünne Casuarine geschlungen, die sie da oben auf ihrer etwas gefährlichen Stelle stützte, glich sie eher einer lauschend aus dem Dickicht gebrochenen Waldnymphe, als einem einfachen schlichten Kind dieser Inseln.
René war im Anfang natürlich zu sehr mit der Gefahr seiner eigenen Lage beschäftigt gewesen, einzelne Gestalten der ihn umgebenden Insulaner beachten zu können, und vorzüglich hatte er die Männer und ihre Bewegungen im Auge behalten, da er ja auch gar nicht wissen konnte, ob sie nicht einen plötzlichen Angriff auf ihn beabsichtigten; jetzt aber, als sein leichter Sinn ihn rasch über die geringere Gefahr, die ihm von den Insulanern selber drohte, hinwegsetzte, fühlte er mehr das eigenthümliche, ja interessante seiner Lage, und während das Blut in seine Wangen zurückkehrte und ein leichtes Lächeln über seine schönen Züge flog, schaute er sich um nach den einzelnen Gruppen, und sein Blick begegnete zum ersten Mal dem dunklen, brennenden Auge des Mädchens.
Das holde Kind schlug aber, als sie sah daß er sie bemerkt hatte, verschämt den Blick zu Boden, und so zart war die lichtbraune Haut, daß René deutlich darauf das dunkle Erröthen, das ihre Schläfe und Wangen färbte, erkennen konnte; gerade jetzt wurde aber seine Aufmerksamkeit wieder auf die Schaar der Männer gelenkt, die sich ihm näherten und ihn noch einmal frugen, ob er gutwillig zu ihnen hinuntersteigen wolle oder nicht.
»Gewiß!« rief René jetzt freudig, und war es früher schon seine Absicht gewesen, so hatte sie jetzt die Gestalt des holden ihm gegenüber stehenden Kindes nur noch bestärkt — »gewiß will ich hinunter kommen und bei Euch bleiben, aber Ihr müßt mir versprechen daß Ihr mich nicht festhalten oder binden wollt — freiwillig komme ich in Euere Mitte, und freiwillig werde ich darin bleiben, denn das Schiff, was mich zurück forderte, hat die Insel verlassen nicht wieder zurückzukehren. Wollt Ihr mir also fest und aufrichtig Sicherheit für meine Person versprechen, so steige ich augenblicklich zu Euch nieder, und ich hoffe wir sollen recht gute Freunde zusammen werden. Seid Ihr das zufrieden?«
Die Insulaner, denen Raiteo die Worte des jungen Mannes verdollmetscht hatte, besprachen sich kurze Zeit in lauter, lärmender Stimme miteinander, und dieser wandte sich dann wieder zu ihm und sagte, freundlich dabei mit der Hand winkend:
»Gut, weißer Mann, — a haere mai — sei willkommen und bleib bei uns bis dein Schiff wieder zurück kommt, oder so lange Du willst!«
»Eh bien!« rief der junge Franzose lachend — »das ist ein Vorschlag zur Güte und die Sache löst sich freundlicher als ich erwarten durfte.« Und damit schob er seine Terzerole in die Tasche, drückte sich die Mütze wieder in die Stirn, und wollte sich eben über die Steine, die seine Festungswerke bildeten, hinüberschwingen, als ihn ein Ruf in gutem Englisch plötzlich nicht allein daran verhinderte, sondern auch erstaunt und überrascht aufschauen machte.
Es war das junge holde Mädchen, das, den rechten Arm gegen ihn ausgestreckt, laut und fast ängstlich im reinsten Englisch rief:
»Halt, Fremder — halt — sie sind falsch — sie wollen Dich binden und halten, und dem Schiff, das ihnen das Lösegeld zurückgelassen hat, wieder ausliefern — traue ihnen nicht, und bleibe wo Du bist, bis Dich der König selber seines Schutzes versichert hat.« Dann aber sich gegen die unten Stehenden wendend, unter denen Raiteo die hervorragendste und jedenfalls bestürzteste Persönlichkeit bildete, da er allein zu seinem Schrecken verstanden hatte, wie das junge Mädchen ihre eigenen Landsleute an den Fremden, seiner Meinung nach, verrieth, rief sie mit zürnender fast drohender Stimme in der schönen klangvollen melodischen Sprache ihres Stammes:
»Schäme Dich, ahina[C] — schämt Euch Ihr alle, den armen hutupanutai[D] verrätherisch unter Euch locken und überfallen zu wollen. — Wo sind seine Verwandte — wo seine Eltern — wo seine Geschwister? — weit weit von hier, und um schnöden Lohn drängt es Euch, ihn seinen Feinden zu überliefern, und Ihr nennt Euch Christen? Ihr prahlt damit in den öffentlichen Versammlungen daß Ihr Euern Nächsten lieben wollt wie Euch selbst, und Anderen nicht das zufügen möchtet, was Euch nicht selbst geschehen solle; schämt Euch in Euere Seele hinein daß Euch ein armes junges Mädchen zurechtweisen und Euere Ehre retten muß vor dem Fremden!«
Kaum aber hatte sie diese Worte gesprochen, und sah wie Aller Blicke auf sie gerichtet waren, als auch die natürliche mädchenhafte Scheu wieder jedes andere Gefühl verdrängte; das Blut schoß ihr in Strömen nach den Schläfen, und die Blicke niederschlagend, als ob sie selber jetzt gerade eine unrechte Handlung gethan, und nicht im Gegentheil Andere von einer solchen zurückgehalten hatte, glitt sie in die sie dicht umschließenden Büsche zurück, und war auch im nächsten Moment hinter dem Felsenhang verschwunden.
René, der dieser so zeitgemäßen Warnung der Jungfrau nach, rasch seine alte Stellung wieder eingenommen hatte, und jetzt mit gezogenen Waffen und finsterem Blick die etwas verlegen unter ihm stehende Schaar betrachtete, konnte an deren ganzem Betragen leicht und deutlich sehen, wie viel Grund zu jener Anschuldigung, die er später mehr in den Blicken des Mädchens gelesen als aus ihren Worten verstanden hatte, vorhanden gewesen. Raiteo besonders, der bei den allsonntäglichen religiösen »meetings« eine Hauptrolle spielte, schien sich über den, ihn am tiefsten verletzenden Vorwurf, schlimm zu ärgern. Die Mädchen und Frauen flüsterten aber lebhaft untereinander, und aus den freundlichen ihm zugeworfenen Blicken durfte René wohl urtheilen daß er den schönen Theil seiner Feinde nicht mehr zu seinen Feinden zählen durfte, und daß dieser vollkommen mit dem Betragen Einer ihrer Schwestern einverstanden sei.
Die Männer beriethen sich indessen eine ganze Zeitlang miteinander, sahen dann wieder nach dem Schiff aus, das mehr und mehr in der Ferne, und zwar nach Westen hin verschwand, und schienen total rathlos zu sein, was sie eigentlich thun sollten. Einen wirklichen Angriff zu machen, dazu fehlte ihnen in diesem Augenblick, wenn auch nicht der Muth, doch jedenfalls, durch das Absegeln des Schiffs, die dringende Ursache, und friedlich nach dem eben stattgehabten Vorfall wieder mit ihm anzuknüpfen, war auch eine schwierige Sache — wer konnte von ihm verlangen daß er nach dem letzten Beispiel ihnen jetzt noch einmal trauen sollte.
So verging der Nachmittag, René beschloß übrigens jetzt weiter Nichts zu unternehmen; war das Schiff erst einmal gänzlich aus Sicht, so ließ sich eher hoffen die Leute zur Vernunft zu bringen, zeigten sie sich aber dann morgen noch eben so hartnäckig, dann wollte er versuchen ein Canoe zu bekommen, und von der Insel zu fliehen, denn er konnte sich nicht verhehlen daß der Delaware, da er, wie ihm das junge Mädchen gesagt, den für sein Einfangen bestimmten Lohn hier zurückgelassen, doch jedenfalls die Absicht haben mußte die Insel, wenn ihm das irgend möglich war, wieder anzulaufen. Das hing indessen noch Alles theils von dem Weg ab den die Fische nahmen, theils ob er an einem oder mehreren festkam, denn so lange er den Fisch langseits hatte, konnte er nicht segeln und trieb immer weiter nach Westen ab.
Indessen stellte sich aber auch bei ihm wieder Hunger und Durst ein, und theils diesen zu befriedigen, theils den Insulanern unten zu zeigen daß er nicht die mindeste Furcht und noch ganz guten Appetit habe, setzte er sich oben auf seine Befestigungswerke und begann seine etwas hinausgeschobene Mahlzeit nach Kräften zu halten.
Erst als es Abend wurde verließen ihn die Insulaner, und zwar ohne weiter mit ihm zu unterhandeln, bis auf den letzten Mann, und seine einzige Sorge war jetzt daß sie ihn in der Nacht, wenn er eingeschlafen wäre, überrumpeln möchten. Diesem zu begegnen, und da der Feind wahrscheinlich einen solchen Versuch erst spät machen und nicht glauben würde daß er sich gleich nach Dunkelwerden niederlegen werde, beschloß er, trotz der ihn umgebenden Gefahr, gerade jetzt ein paar Stunden zu schlafen um nachher desto munterer zu sein, denn ohne alle Rast wußte er recht gut daß er es nicht aushalten könne. Ueberdieß fürchtete er mehr als alles Andere, seinem Körper gleich im Anfang zu viel zuzumuthen, da er ja nicht wissen konnte welche Strapatzen und Gefahren er überhaupt noch zu bestehen hatte.
Dieß Alles stimmte übrigens so vollkommen mit seiner eigenen Neigung überein, denn er war durch die gehabte Aufregung jetzt, da gewissermaßen ein Ruhestand eingetreten, förmlich erschöpft und so müde geworden, daß er es auch augenblicklich auszuführen beschloß, sein Bündel auf der einen Seite als Kopfkissen hinlegte — nur die Vorsicht gebrauchend an dem am leichtesten zu ersteigenden Platz einen Stein so locker zu placiren, daß er bei der leisesten Berührung niederfallen mußte — und sich dann mit sorgloser Ruhe auf den harten Boden und dem Schlaf in die Arme warf.
Um den armen René möchte es aber schlecht gestanden haben, hätten die Insulaner wirklich beabsichtigt in der Nacht etwas gegen ihn zu unternehmen, denn lange nach Mitternacht berührte eine leichte Hand seine Schulter, ohne daß er erwacht wäre.
»Fremder,« sagte da eine sanfte, weiche Stimme, und das junge schöne Mädchen, das neben ihm stand, legte ihre kalten Finger an seine, vom festen Schlaf erhitzte Stirn.
»Ja,« sagte René, die Augen öffnend und umschauend — »ja — schon acht Glasen?«[E] — die kalte Nachtluft strich über ihn hin — um ihn rauschte das Laub des Waldes und die hellen funkelnden Sterne blickten klar auf ihn nieder. In dem Moment schoß ihm auch die ganze Gefahr seiner Lage durch die Seele, und rasch emporspringend, das Terzerol wie instinktartig im Griff, schien er den Angriff zu erwarten.
»Ihr seid eine vortreffliche Schildwache,« lachte aber das junge Mädchen, das ruhig auf ihrem Platz stehen geblieben war — »wenn Ihr nicht besser über anderer Leute Gut wacht, als Euere eigene Sicherheit, möchte ich Euch wahrlich nicht einer Banane Werth vertrauen.«
René faßte sich an die Stirn — er wußte im ersten Augenblick wahrhaftig nicht ob er wache oder träume, das ganze Fremdartige seiner Umgebung, das schöne lachende Mädchen dicht vor ihm, ein dunkles Bewußtsein drohender Gefahr die über ihm schwebe, und seine Sinne noch halb von dem kaum erst abgeschüttelten tiefen Schlaf befangen, verlangte Alles daß er sich erst sammle, und es verging wohl eine Minute, ehe er seine wirkliche Lage wieder vollständig begriff.
Das junge Mädchen stand indeß, mit untergeschlagenen Armen, die zarten Lippen fest zusammengepreßt, und den Kopf schüttelnd vor ihm, und sagte endlich halb lachend halb erstaunt:
»Bist Du nicht ein wunderlicher Mann, Fremder — schläfst hier mitten zwischen Deinen Feinden, als ob Du daheim im sichern Hause, von den Deinen bewacht lägest und nicht ein Preis auf dein Einbringen gesetzt sei, das habgierige Menschen zu deinem Verderben reizen muß.«
»Und durft ich nicht schlafen, wenn ein solcher Schutzgeist über mich wachte, Du holdes Kind!« sagte René herzlich, die Hand nach der ihren ausstreckend — sie trat aber vor der Berührung einen Schritt zurück, und erwiederte, mit ernstem Blick nach oben deutend:
»Allerdings hattest Du einen Schutzgeist der über Dich wachte, aber es ist das Auge Gottes, das jedes Haar Deines Hauptes gezählt hat, und ohne dessen Willen keins zur Erde fällt — ihm danke für Deine bisherige Sicherheit, nicht mir. Aber komm Fremder,« setzte sie dann freundlicher hinzu — »nimm Dein Bett und wandere und folge mir, ich will Dich vor Tag, und ehe böse Menschen im Thale neue Anschläge schmieden könnten, an die andere Seite der Insel bringen, dort steht das Haus eines frommen Mannes, das Dich schützen wird, bis Dein Schiff diese Gegend verlassen hat, und dann kannst Du später nach Tahiti, wo viele Deiner Landsleute leben, hinübergehn und dort in Sicherheit wohnen.«
»Mein Bett mitzunehmen, möchte hier schwer werden,« lachte aber René, dessen leichter Sinn ihn in der Nähe des schönen Mädchens das so freundlich um ihn besorgt war, schon über alles Andere weggesetzt hatte, »das wollen wir lieber liegen lassen; mit dem Kopfkissen möchte es eher gehn — und wie ists mit den Provisionen — soll ich die Cocosnuß und Bananen? —«
»Wir finden genug auf unserem Weg« — unterbrach ihn aber das Mädchen — »iß und trink wenn Du jetzt Hunger hast, und sorge nicht weiter.«
»Dann mag es sich mein Dollmetscher morgen als schwachen Beweis meiner Erkenntlichkeit mit hinunter nehmen,« lachte René, »der alte Bursche wird schön schauen, wenn er das Nest leer und den Vogel ausgeflogen findet.«
»O sprich nicht mit so leichtem Muth über eine Gefahr, der Du noch keineswegs entgangen bist,« bat aber das Mädchen, »ich selber kann nichts für Deine Sicherheit thun, als Dich zu einem Andern führen und diesen bitten Dir zu helfen — er ist selber ein Weißer und ein Diener des Herrn, und wird gewiß Alles für Dich thun was in seinen Kräften steht — er ist aber doch auch nur ein Mensch, und vermag Dir keinen anderen, als eben nur menschlichen Schutz zu gewähren.«
»Ein Weißer? — und ein Diener des Herrn?« sagte aber René rasch und nachdenkend — »ein Missionair also?«
»Gewiß, ein Missionair,« bestätigte die Jungfrau — »er hat mich von frühester Jugend auferzogen und seine Sprache und Religion gelehrt — er ist ein stiller, friedlicher und guter Mann.«
René blieb nachdenkend eine kleine Weile stehn, und es ging ihm im Kopf herum was er Alles, vielleicht in seinem katholischen Vaterland noch übertrieben, über die protestantischen Missionaire dieser Inseln gehört und gelesen, bei denen er eigentlich schon aus zwei Gründen keine freundliche Aufnahme erwarten durfte, erstlich als entlaufener Matrose und dann als Katholik; er war aber nicht der Mann sich vor der Zeit vielleicht unnöthige Sorgen zu machen, that er’s doch nicht wenn er selbst Ursache dazu hatte.
»Eh bien!« rief er fröhlich und entschlossen — »sei es wohin es wolle, wohin Du mich führst Du holdes Kind, geh ich gern, und wäre es in den Tod. Hier kann ich doch nicht bleiben,« setzte er lächelnd hinzu als er einen halb komischen halb verlegnen Blick umherwarf — »der Bequemlichkeiten sind nicht besonders viel, und vor Tag stöberte mich doch am Ende der alte Bursche von Dollmetscher wieder auf — also vorwärts, vorwärts Du liebes Mädchen — aber welchen Namen hast Du? wie kann ich Dich nennen?«
»Meine Landsleute nannten mich Sadie,« sagte das schöne Mädchen leise — »Sadie nach einem jener freundlichen Sterne dort oben, aber mein Pflegevater verwarf den Namen als heidnisch, und ich heiße jetzt Prudentia — nur die Insulaner können das noch nicht gut aussprechen und nennen mich lieber mit dem alten Namen.«
»Oh so laß mich Dich auch Sadie nennen, Du holdes Kind,« bat da René — »bist Du mir nicht auch ein freundlicher Stern geworden, der mich hier aus meiner Trübsal hinausführen soll? — und wie gern folg ich ihm — Prudentia, lieber Gott, der Name mag für des würdigen Mannes Mutter oder Gattin recht gut klingen, aber Deinen Namen hinein verwandeln, Sadie, heißt die Saiten einer Harfe zerreißen und Bindfaden darüberspannen — nein Sadie, leuchte mir voran, und jener Stern soll nicht genauer seine Bahn halten, als ich der Deinen folge.«
Das junge Mädchen die wohl den alten liebgewonnenen Namen auch lieber hörte als das fremde, selbst für ihre Zunge schwere Wort, erwiederte nichts weiter, und wie eine Gemse von dem ziemlich steilen Hang hinunterkletternd, und den Arm vermeidend den René nach ihr ausstreckte sie dabei zu unterstützen, glitt sie auf den Boden nieder, daß René kaum ihren Schritten zu folgen vermochte.
Fußnoten:
[C] Verächtlicher Name für einen alten Mann.
[D] hutupanutai, die an den Strand gespühlte hutu-Nuß — oder auch, in der bildreichen Sprache des Stammes, der an ihre Küsten geworfene Fremde ohne Verwandte und Freunde.
[E] Glasen, ein Schiffsausdruck, vom Stundenglas entstanden, und jetzt die verschiedenen Schläge der Wachtuhr bedeutend, die alle vier Stunden mit eins beginnt und jede halbe Stunde einen Schlag hinzufügt.
Capitel 4.
Der Mi-to-na-re.
Es war ein ziemlich langer Marsch durch eine wilde Gegend und oft durch Dickichte, durch die er allein nie seinen Weg gefunden; an den Sternen sah er dabei wie sie viele Umwege machten, entweder vollkommen undurchdringliche Stellen zu umgehen, oder auch vielleicht mögliche Verfolger irre zu führen. Endlich erreichten sie wieder eingezäunte Gartenplätze mit Bananen, Brodfrucht, Orangen, Wassermelonen und süßen Kartoffeln bepflanzt, und als die Sonne eben über dem, wieder vor ihnen liegenden Meeresspiegel emporstieg, betraten sie eine freundliche Ansiedlung wohnlicher Bambushütten, sogar mit einigen weißübertünchten Häusern dazwischen, dicht in dem Schatten hoher Cocospalmen und breitästiger Brodfruchtbäume hineingeschmiegt, und von einer hohen festen Umzäunung rings umschlossen.
René zögerte im ersten Augenblick den Ort zu betreten — er blieb stehen und betrachtete forschend den kleinen freundlichen Platz, der wie ein in sich abgeschlossenes Paradies stillen Friedens vor ihm lag. Sadie schaute nach ihm um und frug ihn lächelnd ob er sich fürchte näher zu kommen.
»Fürchten?« sagte der junge Mann leise mit dem Kopf schüttelnd, »wenn ich überhaupt etwas fürchtete auf der weiten Welt — hätte ich da je diese Insel betreten?«
»Fürchtest Du Nichts?« sagte das Mädchen rasch und erstaunt, und schaute zu ihm auf — »fürchtest Du nicht Gott?« —
Der junge Mann fühlte daß er hier ein Feld berührte das er vermeiden müsse — so wenig er sich selber aus irgend einem Religionsbekenntnis machte, hatte er doch zu viel gesunden Sinn für Recht es in Anderm zu achten, und er hätte besonders dem holden Kind nicht durch eine rauhe Antwort weh thun mögen — er sagte deshalb ausweichend:
»Ich sprach nicht von Gott, Sadie — ich sprach von den Menschen — also hier wohnt der weiße Missionair?«
»Hier wohnt er, wenn er auf der Insel ist,« — erwiederte das Mädchen, durch seine Antwort vollkommen wieder beruhigt — »gerade jetzt aber besucht er mehre andere Inseln in Missionsgeschäften, aber schon seit drei Tagen erwarten wir ihn zurück, und jede Stunde kann er wieder eintreffen.«
»Also in diesem Augenblick wohnt kein Missionair auf dieser Insel?« — frug der junge Mann rasch, und wie es fast schien, erfreut. —
»Kein weißer Missionair wenigstens,« sagte die Jungfrau, »aber Du scheinst Dich darüber eher zu freuen, und ich hatte geglaubt es würde Dich beruhigen wenn Du einen Landsmann in der Nähe wüßtest.«
»So habt Ihr auch eingeborene Missionaire hier?« umging der junge Mann die halbgestellte Frage durch eine andere — »und sind die auf allen Inseln?«
»Nicht auf allen, doch auf vielen — hier aber,« fuhr sie auf das Haus deutend fort — »wirst Du jedenfalls Schutz finden bis Dein Schiff zurückkehrt, denn von den Bewohnern dieser Insel wird es Keiner wagen Hand an Dich zu legen, so lange Du Dich in den Mauern dieses kleinen Wohnortes befindest — was Deine eigenen Landsleute aber thun wenn sie zurückkommen, weiß ich nicht, doch ich fürchte sie werden kaum die Heiligkeit dieses Ortes anerkennen, obgleich sie Alle dem Namen nach Christen sind. Mein Pflegevater hat mir oft erzählt, daß auf den Schiffen viel böse gottlose Menschen hausen, und wir Insulaner hier manchmal viel bessere Christen sind als jene — aber nicht wahr, Du gehörst nicht zu denen?«
»O da mag Dein Pflegevater wohl vollkommen recht haben,« lächelte René, »denn viel Christenthum darf man gewöhnlich auf den Wallfischfängern nicht suchen — darum sind aber doch auch viel gute brave Menschen zwischen ihnen, liebe Sadie, und ich mag leichtsinnig sein,« setzte er gutmüthig hinzu — »aber schlecht bin ich doch wohl nicht. Du mußt mir das freilich auf mein ehrlich Gesicht hin glauben, denn andere Bürgen habe ich weiter nicht dafür.«
Das Mädchen lächelte, vollkommen zufrieden gestellt, vor sich hin, und jetzt zum ersten Mal seine Hand ergreifend, führte sie ihn durch die, ihrem Druck nachgebende kleine Gartenpforte, durch den breiten gutgehaltenen Gang des Gartens, und eine dichte Allee regelmäßig gepflanzter Bananen oder Pisang dem Hause zu, unter deren Schutzdach René die kleine, etwas wohlbeleibte Gestalt eines wie es schien halbcivilisirten Insulaners erkannte.
René konnte ein leises Lächeln kaum verbergen als er die Gestalt mit flüchtigem aber forschendem Blick überflog, und fast unwillkürlich drängte sich ihm der wunderliche Gedanke auf daß der Mann, wenn ihm der Geist und die Civilisation wirklich von oben gekommen sei, jedenfalls noch mit den Beinen im Heidenthum stecke.
Der kleine gelbbraune Missionair sah auch in seiner halb frommen halb wilden Tracht wirklich eigenthümlich genug aus. Er ging in bloßem Kopf, aber die sonst langen schwarzen Haare waren kurz und gottesfürchtig abgeschnitten und zugestutzt — ferner trug er ein weißes baumwollenes Hemd und eine weiße leinene Halsbinde, mit hellgelber mit blanken Knöpfen besetzter Weste, und über diesem Allen einen, dem Klima keineswegs zusagenden — schwarzen Frack. Bis soweit also war der Geist gekommen, darunter aber fing der Heide wieder an — der Mann konnte sich an die christliche Religion aber nicht an Hosen gewöhnen, und während er um die Lenden ein langes Stück roth und gelben Kattun, der höchst freundlich gegen den schwarzen Frack abstach, mehrfach geschlagen hatte, trug er die Beine vollkommen nackt, und unter dem Kattun vor schauten noch die alten heidnischen Tättowirungen früherer Zeiten, wie scheu, von dem christlichen Kleidungsstück bedroht, hervor.
Der kleine Mann schien übrigens ungemein erstaunt über den Besuch und auch vielleicht gerade nicht besonders erfreut, als ihm Sadie in seiner Sprache mit kurzen Worten das, auf der andern Seite der Insel Vorgefallene erzählte, und ihm um seinen Schutz für den Verfolgten ansprach. Er hatte auch erst, wie es René vorkam, eine Menge Einwendungen dagegen zu machen, und das Wort Mitonare kam sehr häufig dabei vor, Sadie oder Pu-de-ni-a wie sie der kleine Missionair in seinem wunderlichen Kauderwelsch statt Prudentia nannte, wußte diesem allen aber zu begegnen, und da er sonst selber wohl gutmüthig und gastfrei war, hatte er endlich nichts länger dawider, streckte dem jungen Mann mit einem halb freundlichen halb salbungsvollen — wahrscheinlich abgesehenen Blick die dicke fette Hand entgegen, deren Finger auch noch frühere Tättowirungen zeigten, und sagte in einer Sprache die jedenfalls englisch sein sollte, aber meist immer wieder auf tahitisch auslief.
»Gu — day bodder — gu day a haere mai — gu fend here — ehoa ino — very gu fend —« und dann folgte noch eine längere Auseinandersetzung, jetzt auf einmal in reinem Tahitisch als ob er glaubte daß der Fremde, durch die vorigen einleitenden Worte in seiner eigenen Sprache nun auch vollkommen vorbereitet für jede weitere Anrede in gutem Insulanisch sein müsse.
Sadie, die übrigens mit halbverstohlenem Lächeln sah, wie der junge Fremde verlegen vor ihm stand, und nicht recht zu wissen schien was er aus dem Ganzen machen solle, übersetzte ihm schnell was der kleine Mann gesagt hatte, und bat ihn in das Haus zu treten, sich mit Speise und Trank zu stärken und von den überstandenen Strapatzen auszuruhn.
»Aber wie kann ich jetzt erfahren,« frug René das junge Mädchen — »was aus dem Schiff geworden ist, das schon vielleicht in diesem Augenblick die Insel wieder, von anderer Seite, ansegelt?«
»Auch daran hab’ ich gedacht« lächelte das Mädchen — »kümmere Dich nicht deßhalb; der Knabe der uns eben verließ, geht nach der nächsten Bergspitze hinauf, von wo er das Meer rings überschauen kann, und bringt uns Nachricht ob das fremde Segel noch in der Nähe ist. — Und nun in’s Haus, denn wie ich Dir schon gesagt habe, bis das Schiff zurückkehrt — denn nur gegen Deine eigenen Landsleute können wir Dich nicht schützen — bist Du sicher — und selbst dann finden sich vielleicht Mittel Dich zu verbergen« setzte sie freundlich hinzu.
Der kleine Mitonare, denn als solchen hatte er sich René — mi mitonare — mi mitonare schon selber vorgestellt — ging ihnen jetzt geschäftig voran in’s Haus, und obgleich heute wirklich ihr Sonntag fiel[F], brachte er nichtsdestoweniger eigenhändig, erst Teller und Messer und Gabel, die sonst wahrscheinlich nur wenig benutzt, tief in einer Schrankecke zu ruhen schienen, und dann kaltes Fleisch, Früchte und Cocosnußmilch herbei, und lud nun den jungen Mann auf das freundlichste ein sich niederzusetzen und nach Herzenslust zuzulangen.
René sah Sadie an und dann die Speisen — er schämte sich sie zu bitten mit ihm niederzusitzen, und doch hätt’ er es gar so gern gethan. Das schöne Mädchen mochte aber errathen was er wünsche, denn sie schüttelte lächelnd mit dem Kopf und war im nächsten Augenblick schon durch die offene Thür verschwunden.
Der kleine Missionair begann nun eine Unterhaltung die René zu jeder andern Zeit ungemein amüsirt haben würde, in diesem Augenblick hatte er aber wirklich einen höchst bedeutenden Hunger, und die steten Fragen des Kleinen, die an und für sich schon des wunderlichen Kauderwelsch wegen eben so viele Räthsel waren, forderten eine Theilung seiner Aufmerksamkeit, die er jetzt weit lieber ungetheilt dem delicaten kalten Schweinebraten und den saftigen Früchten zugewandt hätte. Der Kleine ließ aber nicht nach und frug vor allen Dingen wie er selber hieße — der Name war einfach genug, und er konnte ihn ziemlich gut nachsprechen — dann wie das Schiff hieße auf dem er gekommen sei, und von wo es gesegelt wäre. Er interessirte sich besonders, da er in den letzten Jahren mit Hülfe des weißen Missionairs etwas Geographie getrieben, für die Hafenplätze der Englischen und Amerikanischen Küste, und schien sich ungemein zu freuen als er einen ihm bekannten Namen, Boston — das er übrigens hartnäckig bo-son aussprach — erwähnen hörte.
Eine Hauptfrage des kleinen unermüdlichen Mannes war aber zuletzt nach des Fremden Religion und Vaterland, und René hätte sich selber keinen schlimmern Namen machen können, als daß er sich ohne weiteres für einen Franzosen ausgab.
»Wi—wi?« sagte der kleine Mann etwas erstaunt, zog die Augenbrauen in die Höh, und spitzte den Mund — »Wi—wi?[G] — hm —«
»Wi—wi?« sagte René, der diesen Ausdruck noch nicht kannte, erstaunt — »was Wi—wi? — nicht Wi—wi — frenchman — français — ferani —« denn diesen Ausdruck hatte ihn schon Adolph gelehrt.
»Es—es« nickte der Kleine schmunzelnd — »Fe—ra—ni — Wi—wi« —«
»Was zum Henker will er denn mit dem Wi—wi?« — dachte René — »das muß ein besonderer Dialekt für den Namen sein.«
»Viel — viel Wi—wi’s in Tahiti — sagte der kleine Missionair wieder — keine Christen, Wi—wi’s!«
»Keine Christen?« rief René lachend — »nun ich weiß doch nicht — einige sind sicher darunter, die sich wenigstens so nennen —«
»Es, Christen« nickte der unverwüstliche Kleine — »aber keine guten — aita maitai —«
Jetzt begriff René erst, worauf der kleine Protestantische Missionair oder Prediger eigentlich abziele, denn dieser mußte natürlich glauben, was ihm die protestantischen Geistlichen über die Religion der andern Weißen, die sich ebenfalls Christen nannten, und doch in ihren äußeren Gebräuchen besonders so bedeutend von diesen abwichen, gesagt hatte. Er hütete sich aber wohl auf irgend einen religiösen Streit einzugehen und beschränkte sich nur darauf ihm zu erklären, er wisse nicht was es in Tahiti für Christen gäbe, er sei noch nie dort gewesen, in seinem eigenen Vaterland — was er in aller Unschuld jetzt selber Wi—wi und zwar sehr zum Ergötzen des kleinen Mannes nannte — gäbe es aber sehr gute, fromme Christen.
René hätte vielleicht noch eine Masse, ihm gerade nicht gelegene Fragen beantworten müssen, wäre in diesem Augenblick nicht draußen vor der Thür eine kleine Glocke geläutet worden und zu gleicher Zeit Sadie in der Thür des Gemaches erschienen. René sprang fast mit einem Freudenruf empor.
Das junge Mädchen sah aber auch wunderlieblich aus in ihrer neuen Tracht, die sie der Sonntagsfeier zu Ehren angelegt hatte. Diese bestand in einem langen faltigen Gewand, das ihr oben von den Schultern bis auf die Knöchel niederfiel, im Gürtel aber von einer leichten rothseidenen Schärpe zusammengehalten wurde; die Haare hatte sie wieder frisch mit wohlriechendem Oel getränkt, und die langen vollen Locken glatt nieder gekämmt, daß sie ihr bis auf die Schultern herabfielen — aber keine Blume schmückte sie jetzt, wo sie zu Gottes Altar treten wollte, nur eine dünne Schnur, aus den Erhöhungen der reifen Ananas geschnitten, zog sich ihr um das Haar und die Stirn, den wilden Lockenschatz in etwas zu bändigen. In der Hand hielt sie ein kleines Buch mit goldenem Schnitt — ein englisches neues Testament, und das erst so wilde muthige Kind sah jetzt so mädchenhaft fromm und schüchtern aus, das dunkle Auge ruhte mit einem so milden sanften Blick auf ihm, daß er sie kaum wieder erkannt hätte, und doch war sie jetzt fast noch schöner als damals wie sie, den nackten Arm um den Baum geschlungen, von dem Felsen herab auf die verrätherischen Landsleute niederzürnte.
»Wie schön Du bist, Sadie!« rief René fast unwillkürlich aus, und streckte ihr seine Hand entgegen.
»Nicht Sadie jetzt« sagte aber das junge Mädchen und schüttelte leise mit dem Kopf — »Prudentia heiß ich, denn ich gehe jetzt zu meinem Gott, durch dessen heiliges Wasser ich den Namen bekommen habe. Aber hier mein Freund« setzte sie mit bittendem Ton hinzu indem sie die ihr gebotene Hand ergriff und dabei dem jungen Mann zugleich das kleine Buch entgegenhielt — »nimm das hier und lies darin, während wir in der Kirche für Dich und Dein Wohl beten wollen — es ist ein gutes Buch und wird Dich trösten.«
Es lag etwas so rührend Herzliches in dem Ton mit dem das holde Kind diese Worte sprach, daß René das Buch nahm, ihr leise die gereichte Hand drückte und sagte —
»Ich danke Dir, Sadie — Du mußt mir nun schon erlauben Dich so zu nennen — das andere Wort will mir gar nicht über die Lippen — aber Du bleibst doch nicht lange?«
»Vielleicht nur zu kurze Zeit für so schwere Sünder als wir sind« sagte das Mädchen ernst und fast traurig — »aber lebe wohl und fürchte Nichts für Deine Sicherheit; von der andern Seite der Insel sind eben Männer zur Kirche herübergekommen, und sie berichten, daß Dein Schiff nirgend mehr zu sehen sei — es ist weit nach Westen gegangen und müßte lange Zeit brauchen wollte es gegen den Wind wieder nach uns aufkreuzen. — Bleibe aber hier im Hause und zeige dich nicht den Leuten draußen; doch darum sprechen wir nachher, jetzt darf ich nicht an weltliche Sachen denken — ich dachte aber auch nur Deinetwegen daran« — setzte sie leiser hinzu und eine tiefe Röthe breitete sich über ihre schönen so engelsanften Züge.
Auf den kleinen Mitonare hatte der Ton der Glocke aber ebenfalls eine fast zauberhafte Wirkung ausgeübt. — Noch im Lachen über den Fremden hörte er den ersten Ton derselben und, wie ein in seiner Lust von dem strengen Blick des Lehrers ertappter Schulknabe, zog sich sein Gesicht nicht, nein zuckte es förmlich in die alten ehrbaren Falten hinein, die ihm dabei fast noch komischer standen, als das Lachen vorher. Er erhob sich aber jetzt hastig, ergriff seine Bücher — alle in der Tahitischen Sprache durch die Missionaire übersetzt, — und Sadie einige Worte sagend verließ er mit dieser langsamen Schrittes das Haus.
René blieb allein zurück; Sadie hatte ihn heute absichtlich nicht aufgefordert sie in die Kirche zu begleiten, was sie sonst gewiß nicht versäumt haben würde; es waren aber viele Insulaner von der andern Seite, die gestern Theil an den Vorfällen gehabt, herübergekommen, und sie wollte beide Partheien nicht jetzt schon wieder zusammenbringen. Der Aufenthalt des Fremden konnte übrigens, wie sie recht gut wußten, nicht lange geheim bleiben, wenn er das überhaupt nur bis jetzt noch geblieben war; den Frieden des Missionsgebäudes störten aber, selbst die Verhärtetsten ihres Stammes nicht so leicht, und sie glaubte den armen, von allen Uebrigen verlassenen Fremden wenigstens hier sicher.
René warf sich auf eine der überall in dem hohen luftigen Gebäude ausgebreiteten Matten, und lag lange in tiefem Brüten über die letzten für ihn so verhängnißvoll gewesenen Stunden. Er war einer sehr dringenden Gefahr für den Augenblick entgangen, aber kam das Schiff zurück — und er zweifelte kaum daran, daß der Capitain desselben ihn nun und nimmer so leicht aufgeben würde, ohne wenigstens noch einen Versuch zu machen ihn wiederzubekommen — würde er den Händen der Feinde auch dann entgehen können, und dann nicht vielleicht selbst der, bis dahin jedenfalls zurückgekehrte Missionair ihm seinen Schutz versagen? Es war doch wohl das beste, daß er weder Schiff noch Missionair abwartete, und so rasch als möglich die Insel zu verlassen suchte. — Aber Sadie? — würde sie ihn begleiten? — Er erschrak ordentlich vor dem Gedanken sie zurückzulassen, und mochte sich selber kaum gestehen, wie gewaltig dieß holde Kind des Waldes sein Herz schon gefesselt habe und halte.
»Das ist Thorheit« murmelte er vor sich hin — »Wahnsinn, jetzt an Liebe zu denken wo Du selber noch nicht einmal eine Stätte hast Dein Haupt hinzulegen. Sei vernünftig René — hier an die Inseln geworfen hat das erste hübsche Gesicht was Dir in den Weg kam Dein, überhaupt etwas leicht entzündliches Herz in lichterlohe Flammen gesetzt — das ist ein Strohfeuer und brennt in der ersten Wache aus.«
Er stützte den Kopf in die Hand und schlug das Buch auf, das noch immer vor ihm lag; aber die Buchstaben tanzten ihm vor den Augen; zwischen jeder Zeile lachten die holden schelmischen, und doch so sanften Züge des lieben Kindes heraus, und weder St. Lukas noch die Corinther vermochten den Zauber zu lösen der seine Seele mit der wilden Gluth plötzlicher aber gewaltig erwachter Liebe entzündet hatte.
Der Tag verging ihm langsam — Sadie kehrte mit dem kleinen Missionair wohl um die Mittagszeit zurück, aber es war Sonntag — kein Lächeln stahl sich über ihre Züge — selten oder nie begegnete ihr Blick dem seinen, und die Stunden flossen ihm träge unter Gebeten und Hymnensängen dahin.
Schon vor Tag am nächsten Morgen war er auf, badete in dem cristallhellen Wasser der Corallenbänke, und harrte dann mit wirklicher Sehnsucht des schönen Kindes, das aber heute lange, lange ausblieb und sich ihm gar nicht wieder zeigen wollte. Vergebens erfrug er sie bei dem Mitonare.
»Pu-de-ni-a?« sagte dieser kopfschüttelnd und mit seinem räthselhaften englisch — »der Herr weiß wo man das Mädchen suchen soll, wenn man sie haben will — Pu-de-ni-a ataetai — wie kleine Eidechse, hier im Laub und da im Laub — kann sie nicht fassen — ist weg unter den Augen.«
Der Kleine schien heute übrigens besonders aufgelegt zu einer Unterhaltung, lehnte sich auf seine Matte zurück, faltete die kurzen dicken Finger auf dem runden Magen und begann wieder auf das herablassenste eine ganze Reihe von Fragen an den jungen Mann zu stellen, die ihm oft kaum Zeit ließen nur den Sinn zu verstehen ehe sie wieder, ohne die Beantwortung der ersten abzuwarten, von andern verdrängt wurden. Er trug aber heute weder den schwarzen Frack, noch die hellgelbe Weste mit den blanken Knöpfen; selbst das weiße Halstuch lag, sorgfältig in ein Stück gelbes englisches Packpapier eingewickelt auf einem kleinen Bücherbret, neben seinem geistlichen Schatz. Seine Bewegungen waren aber dadurch auch freier geworden, und er schien mit dem Frack auch den ganzen Mitonare ausgezogen zu haben.
Er war, wie er jetzt selber René aus freien Stücken erzählte, noch vor zehn Jahren ein entsetzlicher Heide gewesen, der glaubte daß das höchste Wesen Taaroa und nicht Gott hieß, der sogar seinen Götzen Früchte und Schweinefleisch zum Opfer brachte, und Gefallen an den sündhaften Tänzen der eingebornen Mädchen fand. Mitonare O-no-so-no, Gott weiß wie der Mann in wirklichem Englisch hieß, hatte ihn jedoch gerettet, sein Vater aber und sein Großvater, und seinem Großvater sein Großvater waren alle in der Hölle — konnten aber nichts dafür — waren aus Versehen hinunter gekommen. — Er hatte sich sogar tättowiren lassen, und als er sah daß René, wahrscheinlich unbewußt, ein erstauntes Gesicht dabei machte, was er vielleicht für Unglauben nahm, lüftete er mit einer halben Wendung den Cattun, fiel aber erschrocken wieder in seine alte Stellung zurück, und sah sich nach allen Seiten um, als René der sich nicht helfen konnte, bei der Bewegung plötzlich in ein schallendes Gelächter ausbrach.
Das hätte der kleine Mann aber bald übel genommen, René wußte ihn jedoch wieder zu beruhigen und er begnügte sich von da an ihm seine Lebensgeschichte ohne Illustrationen zu geben.
Das Mitonare sein war seiner Meinung nach ein sehr schweres Geschäft — weniger des Predigens, als des Frackes wegen — und der viele Aerger mit den Mädchen — soviel junges leichtsinniges Volk — — denken immer können in den Himmel kommen wenn sie lustig sind — bah — wissens nicht besser — Da in dem Buch steht Alles d’rin — sehr gutes Buch — ein Bischen dick — aber sehr gutes Buch, und viele schwere Worte d’rin. Jetzt kam aber bald eine böse Zeit — weiße Mitonares — vier, fünf, sechs kamen hier herüber — sahen zu ob Mitonare rother Mann viel weiß, und kleine Kanakas iti—iti gut unterrichtet hat — viele schwere Worte auswendig lernen und viel Aerger mit iti—iti. — »Pu-de-ni-a gutes Kind« setzte er dann hinzu — »aber ein Bischen wild — ein Bischen sehr wild für waihini — Mitonare O—no—so—no Tochter — aber nicht Tochter — nur so Tochter —« und er bemühte sich dann in langer Rede und mit großer Anstrengung dem jungen Mann begreiflich zu machen daß Pu-de-ni-a O—no—so—no’s Pflegetochter sei.
Das war etwa der Inhalt seiner Unterhaltung, bei der er ziemlich allein das Wort führte, und René allerdings nur nothdürftig den Sinn des Ganzen verstand, indem der Alte oft mehr Tahitische als englische Worte gebrauchte, und diese wenigen dann selbst noch auf wahrhaft grausame Art verstümmelte.
René konnte es zuletzt nicht länger aushalten — die Sehnsucht die ihn auf der einen Seite quälte, Sadie wieder zu sehn, und die peinlich scharfe Aufmerksamkeit die er auf der andern genöthigt war dem Kauderwelsch des Kleinen zu schenken, wenn er nur überhaupt den ungefähren Sinn der Rede fassen wollte, machten ihm die Unterhaltung zu einer wahren Folter, und er benutzte die erste nur einigermaßen passende Gelegenheit aufzustehn, und in den Garten zu gehn. — Aber Sadie war nirgends, weder zu hören noch zu sehen.
Die Sonne stieg indessen schon ziemlich hoch, und er warf sich endlich, als er die Gänge unzählige Male auf- und abgelaufen, ermüdet in dem Schatten eines Orangen- und Citronendickichts nieder, von wo aus er, da der Platz etwas erhöht lag, das ruhige Binnenwasser, das die Insel umgab und die weiter draußen von der Brandung hoch beschäumten Riffe, deutlich übersehen konnte. Dicht hinter dem kleinen Orangenhain lief die Einfriedigung des Gartens hin, und gleich von diesem ab begannen ziemlich steil die nächsten, dicht mit Guiaven- und Citronenbüschen bedeckten Hügel emporzusteigen.
Wohl eine halbe Stunde hatte er so gelegen, und wilde wunderliche Luftschlösser gebaut mit träumenden Gedanken. — O wie reizend lag seine künftige Heimath unter den wehenden Palmen und duftigen Orangenblüthen dieser Wälder — wie schaukelte sein Canoe so still und friedlich auf der klaren herrlichen Fluth, wenn er Abends vom Fischfang heimkehrte — und welch’ holdes Bild stand in der niedern Thür der Bambushütte, und winkte ihm mit dem wehenden Tuch das fröhliche, herzliche Joranna entgegen — halt! — das waren Schritte — dicht hinter den Orangenbäumen den Hügel herab — ein leichter Sprung über den Zaun — er fuhr empor, und an ihm vorüber schoß mit flüchtigen Schritten die holde Wirklichkeit seiner schönsten Träume.
»Sadie!« rief er leise —
»Ha!« sagte das Mädchen und warf halb scheu halb erschreckt den Kopf zurück, den die vollen dunklen Locken heut’ wild umflatterten; als sie aber ihren Schützling erblickte färbte wieder jenes dunkle Roth, das ihrem Antlitz einen so unendlichen Zauber verlieh, die lieblichen Züge der Maid, und rasch auf ihn zutretend, reichte sie ihm freundlich und zutraulich die Hand, die er fest in der seinen hielt, während seine Blicke mit inniger Lust an den ihrigen hingen.
Es war aber heute ganz wieder das wilde Kind wie an jenem Tage, wo sie wie ein zürnender Geist zwischen Verfolger und Verfolgten getreten. Das lange Gewand von gestern hatte sie abgeworfen, und das Schultertuch verrieth mehr von den üppigen Formen des wunderschönen Mädchens, als es verdeckte; auch durch die Locken wand sich wieder ein dichter Kranz duftender Blumen mit einem hochgefärbten Fern durchflochten, während zwei große weiße Sternblumen in ihren Ohrläppchen staken, und die feine Bronzefarbe der Haut nur noch mehr und reizender hervorhoben.
»Wo bist Du aber nur so lange geblieben Sadie!« sagte jetzt René mit leisem fast zärtlichem Vorwurf.
»Lange geblieben?« lachte aber das wilde Kind — »lange geblieben? hab’ ich denn überhaupt kommen wollen? — wunderlicher Mann, wie weißt Du nur wo ich überall heute Morgen schon gewesen bin — und Deinetwegen noch dazu« — setzte sie mit leichtem Erröthen und halb abgewandtem Gesicht hinzu — »doch komm,« fuhr sie rasch fort als sie mehr fühlte als sah daß er etwas darauf erwiedern wolle — »komm ich habe gute Nachrichten für Dich, und wir wollen indessen ein wenig zu meinem Lieblingsplätzchen auf jenen Hügel gehn.«
»Aber ich habe meine Waffen im Haus gelassen,« sagte der junge Mann — »ich kann sie rasch holen.«
»Du brauchst sie nicht mehr, wenigstens für den Augenblick nicht,« hielt ihn das Mädchen zurück — »unser Häuptling selber hat mir sein Wort gegeben, daß Du unbelästigt auf der Insel bleiben sollst, bis das Schiff wieder kommt und Dich noch einmal zurückfordert — und selbst dann wird er nicht streng mit Dir sein, — wenn sie ihn nicht dazu treiben; er ist ein guter Mann, und nur erst seit Ihr Weißen uns so viel Sachen herübergebracht habt, ohne die wir nun einmal nicht mehr glauben leben zu können, ist seine Habgier geweckt, und er thut Manches, was er sonst nicht gethan haben würde.«
»Und bist Du meinetwegen heute Morgen schon drüben an der andern Seite der Insel gewesen?« rief René erstaunt, fast erschreckt aus — »Mädchen da mußt Du ja vor Mitternacht aufgebrochen und die ganze Zeit gewandert sein, durch Dorn und Wildniß, mit den zarten Gliedern.«
»Bah!« lachte das wilde Kind und warf sich mit rascher Kopfbewegung die Locken um die Schläfe, daß die losgeschüttelten Blüthen auf ihre Schultern niederfielen — »ist das der Rede werth? — schon als kleines Mädchen von vier Jahren hab’ ich den Weg allein gemacht, und jetzt bin ich funfzehn. — Aber gestern durft ich ja doch nicht gehn,« setzte sie ernster hinzu, — »gestern war Sabbath und — ich wollte doch auch nicht daß Du wie ein Gefangener im Hause sitzen bleiben solltest. — Doch wir wollen ja hier nicht stehn bleiben, ich bin müde und will mich setzen — komm,« sagte sie, und zog ihn nach sich, der Gartenpforte zu, durch die sie gingen und links davon einen kleinen Hügel emporstiegen, wohinauf ein ordentlicher Pfad ausgehauen und geebnet war.
Es ließ sich kaum ein lieblicheres Plätzchen auf der weiten Gotteswelt denken als das, wohin das schöne Mädchen jetzt den jungen Mann führte. — Drei niedere Palmen, in ihren Kronen fast gleich, überhingen die kleine Stelle, und zwar so, daß die schattigen Blätter, weit nach vorn überneigend, die Sonne auffingen, wenn sie nur wenige Stunden hoch am Himmel stand — der Boden war mit einem feinen wohlriechenden Fern bedeckt, der duftende anei, wie reich mit Blüthen geschmückte Büsche bildeten die Rückwand, und mehre mit Blüthen überstreute und zu gleicher Zeit von goldenen Früchten fast niedergebeugte Orangenbüsche die Seitenwände, während ein breiter niederer Sitz, mit feingeflochtenen Matten doppelt und dreifach weich überlegt, mit Bambus gezogener Rücklehne, die weite freie Aussicht auf das blaue Meer und die schäumende Brandung der Riffe gewährte.
René stand lange in schweigender Bewunderung der reizenden Scene, mit dem schönen Mädchen, das ihn lächelnd betrachtete, an seiner Seite.
»Nicht wahr, das ist ein lieblicher Platz hier auf der kleinen freundlichen Insel?« — sagte sie endlich leise, als ob sie fürchte das was sein Herz in diesem Augenblick fühlte, zu unterbrechen.
»O wunder — wunderschön!« rief René begeistert ihre Hand ergreifend — »ein Paradies, dem selbst die Engel nicht fehlen.«
»Pfui Fremder« — sagte aber das Mädchen ernst und fast traurig — »Du mußt nicht lästern, während der liebe Gott das Licht seiner Sonne auf Dich niedergießt und die Wunder seiner Welt um Dich her ausgebreitet hat — und Du thust mir auch weh damit, und ich habe Dir doch Nichts zu leide gethan.«
»Sadie« — bat der junge Mann, tief ergriffen von der einfachen, rührenden Natürlichkeit des holden Kindes.
»Laß nur gut sein,« sagte sie aber wieder etwas freundlicher, »und setze Dich hierher — nein, nicht so nah zu mir — da in die Ecke — so, und nun sollst Du mir eine Frage beantworten.«
Sie sah ihm dabei treuherzig in die Augen, und wenn sie auch nicht duldete daß er den Arm um sie legte, ließ sie doch ihre Hand in der seinen ruhen.
»Und was willst Du fragen Du holdes Lieb?« —
»Zuerst heiß ich Prudentia, höchstens Sadie — aber nicht anders — aber ja — wie heißt Du denn eigentlich?«
»René!«
»René das ist ein hübscher kurzer Name, und klingt nicht so schwerfällig wie die anderen englischen Worte — René das könnte auch der Mitonare im Haus behalten,« setzte sie leise hinzu und ein schelmisches Lächeln blitzte ihr durch die Augen; es war aber auch im Moment wieder verschwunden.
»Und was wolltest Du mich fragen, Sadie?«
Das junge Mädchen wurde in dem Augenblick recht still und ernsthaft, und sah ihm erst eine ganze Weile forschend, schweigend in die Augen, als ob sie dort lesen wolle, wie es selbst in seinem innersten Herz beschaffen sei. Dann aber schüttelte sie mit dem Kopf; hatte sie nicht gefunden was sie suchte oder war sie über sich selbst böse, und sagte jetzt, aber noch immer keinen Blick dabei von ihm verwendend:
»Ist es wahr, René daß Du ein Ferani bist?«
»Wenn Du, wie ich glaube, Franzose darunter verstehst — ja,« erwiederte René offen aber auch halb erstaunt über den tiefen Ernst dieser doch gewiß höchst gleichgültigen Frage. —
»Und bist Du ein Christ?« frug das Mädchen ängstlich.
René konnte ein Lächeln kaum verbergen, er erinnerte sich aber auch zugleich der Fragen des kleinen Mitonares und sagte kopfschüttelnd:
»Liebes Kind wer hat Euch solch tolle Grillen hier in den Kopf gesetzt, daß die Franzosen keine Christen wären? — gewiß sind wir Christen, wenn Dich das beruhigen kann.«
»Aber habt Ihr nicht heidnische Gebräuche bei Euerer Religion?« frug ihn das Mädchen jetzt dringender.
»Aber Du gutes Kind,« bat sie René, »sage mir nur —«
»O bitte, bitte beantworte mir meine Frage treu und wahr,« unterbrach ihn aber, in fast ängstlicher Hast das schöne Mädchen — »ich will Dir dann auch mit Freuden jeder Frage Rede stehen.«
»Nun gut denn Sadie, Dich zu beruhigen will ich Dir jeden Aufschluß geben, der nur in meinen Kräften steht. Der größte Theil der Franzosen, Italiener, Spanier, Portugiesen, des südlichen Deutschlands, wie überhaupt fast aller südlich gelegener Völker des Welttheils von dem wir Weißen abstammen, und von woher wir meist herüberkommen, sind katholische — die nördlicher gelegenen Völker, aber auch wieder mit gewaltigen Ausnahmen, und noch bei Weitem die geringere Zahl — protestantische Christen. Wir haben jedoch einen Gott und einen Heiland, Jesus Christus; nur in den gleichgültigeren Gebräuchen unterscheiden wir uns von einander — die protestantischen Priester halten zum Beispiel die schwarze Farbe für unumgänglich nothwendig zu ihrem Ornat — die katholischen nehmen andere. Wir haben auch — und ich glaube es ist besonders das, was Dir am Herzen liegt — in den Tempeln unseres Gottes die Bilder frommer Männer und Frauen aufgestellt, die in alten Zeiten gelebt haben und für ihren Glauben, wie der Heiland selber, gestorben sind — nicht aber als Götter, sondern nur als heilige Menschen, deren Vorbild uns anfeuern soll ihnen nachzuahmen. Wir glauben daß diese, durch ihren frommen Wandel zu Gottes Herrlichkeit eingegangen sind, und wenn die Katholiken zu ihnen beten, so geschieht es nicht etwa weil sie glaubten es seien dies selber göttliche Wesen, sondern nur um sie um ihre Fürsprache am Throne des Höchsten zu bitten. —
»Ich bin der Herr Dein Gott, Du sollst nicht andre Götter haben neben mir« ist ein Gesetz, das für uns Katholiken so gut Gültigkeit hat, als für die Protestanten.«
»Aber Ihr theilt kleine Götzenbilder aus und brennt vor Eueren Bildern Weihrauch und Kerzen,« sagte das Mädchen und René sah wie sie mit fast peinlicher Spannung der Antwort auf diese Frage harrte.
»Die Priester, mein holdes Kind,« sagte René lächelnd, »theilen unter ihre Beichtkinder, wie sie solche nennen die unter ihrer geistlichen Fürsorge stehn — kleine Bilder der Jungfrau Maria, des Gekreuzigten oder selbst jener guten, später heilig gesprochenen Menschen aus, damit diese die Aufmerksamkeit ihrer Pflegbefohlenen von weltlichen Dingen ablenken und auf das Heil ihrer eigenen Seelen richten sollen — nicht um sie anzubeten.«
»Und der Weihrauch? — die Kerzen?« frug das Mädchen immer noch besorgt.
»Selbst das findet wohl eine sehr natürliche Auslegung,« erwiederte René gutmüthig — »jeder vernünftige Mensch weiß, daß solche Sachen gerade nicht nöthig sind zu seinem Gott zu beten, aber gar Viele wollen auch durch etwas Aeußeres daran gemahnt sein, daß sie in dem Hause des Herrn, in der Nähe ihres Schöpfers stehn, ihre Gedanken ganz von jedem andern fremden, weltlichen Gegenstand abzulenken.«
»Und die Processionen die Ihr haltet — den Ablaß den Ihr um Geld für Euere Sünden bekommt?« sagte das Mädchen wieder und verwandte keinen Blick von seinen Augen.
René kam in Verlegenheit; er hatte in seinem ganzen Leben — wenigstens seit er die Schule verlassen — noch nicht soviel über die Gebräuche und den Geist seiner eignen Religion nachgedacht, als heute morgen. Er hing dabei viel zu wenig selber an diesen Gebräuchen, sich zu einer warmen Vertheidigung derselben berufen zu fühlen, sah aber auch recht gut ein, daß die Protestantischen Missionaire seine Religion, die sich von Tahiti aus zu verbreiten drohte, oder die auf den Inseln einzuführen von seinen Landsleuten wenigstens schon der Versuch gemacht war, mit den schwärzesten Farben geschildert hätten.
»Und die Processionen die Ihr haltet — den Ablaß den Ihr um Geld für Eure Sünden bekommt?« wiederholte dringend das holde Mädchen, und legte ihre Hand auf seinen Arm.
René schüttelte lächelnd mit dem Kopf.
»Sie haben sich große Mühe gegeben Sadie,« sagte er endlich, »Dir den Glauben so vieler Tausende in ihrem eignen Vaterlande von der schlimmsten Seite zu schildern — und schon das allein wäre nicht christlich, denn mir ist es fast, als ob sie vergessen hätten auch der guten Seiten zu erwähnen, die doch gewiß eine jede Sache hat, also auch wohl eine Religion, in deren Glauben Millionen Menschen glücklich gelebt haben — und noch leben. Die Processionen sind Dir gewiß als etwas sehr Entsetzliches beschrieben, und es ist doch gewiß eine harmlose Sache, die übrigens, wie ich gar nicht läugnen will, und meiner Meinung nach auch vielleicht wegfallen dürfte. Sie sind aber von den Priestern eingesetzt, und gehst Du Allem nach, mein Lieb, was die Priester einsetzen oder anordnen, so wirst Du wohl Manches finden, worüber Du Dir auch keine Rechenschaft geben kannst — seien es nun protestantische oder katholische — oder glaubst Du daß Alles, was die Priester thun, von Gott selber anbefohlen ist?«
»Ach Gott, ich weiß das ja nicht,« sagte das junge Mädchen mit recht trauriger bewegter Stimme.
»Und was den Ablaß betrifft, mein Herz,« fuhr René fort, ihre Hand wieder ergreifend, »so hat der wohl Manches gegen, aber auch Vieles für sich. Gott wird uns als ein allbarmherziges Wesen geschildert — als den allliebenden Vater denken wir uns ihn ja — sollen wir da glauben daß er dem schwachen Menschenkinde das da sündigt, auf immer zürnt, und ist es nicht besser wir können, wenn wir über einen begangenen Fehler Reue fühlen, glauben daß uns Gott verziehen hat, in seiner unendlichen väterlichen Huld, und wir nun wieder, mit frohem, leichtem Herzen ein neues Leben beginnen dürfen, als daß wir uns Gott als einen ewig zürnenden Richter denken, der sogar ungerecht bis hinab in’s dritte, vierte, ja zehnte Glied straft und richtet? — Nein Sadie — dieser Glaube mag oft durch böswillige oder eigennützige Geistliche gemißbraucht sein, ich will das nicht leugnen, aber es ist immer kein Götzendienst, und wer Dir das gesagt hat, mag es vielleicht recht gut gemeint haben, aber er übertrieb die Sache. — War es Dein Pflegevater, Sadie?«
»Nein,« sagte das junge Mädchen, leise und nachdenklich mit dem Kopf schüttelnd — »mein Pflegevater ist nicht so streng und ernst, und er hat mir oft gesagt, daß unter den Franzosen auch gewiß recht viel brave und gute Menschen wären, vielleicht ebensoviel wie unter den Engländern, nur daß ihre Religion nicht die rechte sei, und das sie noch viele Mißbräuche duldeten.«
»Und wer hat Dir denn all die schrecklichen Geschichten von uns erzählt, mein Lieb,« lächelte René — »in Deinem eigenen Köpfchen sind sie doch wahrlich nicht entsprungen.«
»Nein,« sagte das Mädchen treuherzig — »aber auf Tahiti wohnt ein frommer, ernster, strenger Mann — der kommt des Jahres wohl ein- oder zweimal auf unsere Insel herüber und predigt hier — wir fürchten uns aber alle vor ihm, denn wir dürfen dann keine Blumen in den Haaren tragen, und nicht lachen und fröhlich sein, und er macht uns das Herz dabei auch so schwer, daß wir wenn er schon selbst Wochen lang fort ist, immer noch an die entsetzlichen Strafen denken müssen die uns, selbst nach leichtem Vergehen, in der Ewigkeit erwarten. — Oh er ist gar so finster, aber auch sehr fromm und er besonders hat uns vor Deiner Religion gewarnt, und uns mit ewiger Verdammniß gedroht, so Eines der falschen Lehre lauschen würde — und Du bist auch Katholik; René?«